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Etwa jeder fünfte bis sechste Erwachsene erleidet einmal in seinem Leben eine Depression. Doch viele wissen nicht, wie sie sich mit diesem Thema auseinandersetzen können. Anstatt die vermeintlichen Fehler eines Betroffenen aufzuzählen, wird in diesem Buch durch das ausführliche Eingehen auf die gesellschaftlichen und psychologischen Aspekte dieser Krankheit ein tiefer Einblick in die persönliche Situation eines depressiven Menschen geboten. Denn erst, wenn man die Komplexität einer Sache betrachtet, kann man diese nachvollziehen und verstehen lernen und somit durch das Annehmen des Gegebenen etwas verändern. Und gerade ein Zustand der Hoffnungslosigkeit und des Verlorenseins ist etwas, das am dringendsten dieser Veränderung bedarf.
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Seitenzahl: 177
Veröffentlichungsjahr: 2023
Impressum
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie.
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© 2023 novum publishing
ISBN Printausgabe: 978-3-99131-785-2
ISBN e-book: 978-3-99131-786-9
Lektorat: Solaire Hauser
Umschlagfoto: Rosie Joy
Umschlaggestaltung, Layout & Satz: novum publishing gmbh
Innenabbildungen: Rosie Joy
www.novumverlag.com
1 – Gewaltsam monoton
„Insight is more helpful to people than advice.“ („Ein Einblick ist für einen Menschen hilfreicher als ein Ratschlag.“) Gabor Maté
2 – Volkskrankheit
„There is nothing either good or bad but thinking makes it so.“ („Denn an sich ist nichts weder gut noch böse, das Denken macht es erst dazu.“) William Shakespeare16
Auch wenn in vielen Fällen Traumata und unverarbeitete Erlebnisse Auslöser für Depressionen sein können, sind außerordentliche Ereignisse keine Garantie für diese. Der Mensch scheint mit bedrohlichen Situationen besser umgehen zu können als mit Langeweile. Einschneidende Erlebnisse beschreiben die Veränderung einer Lebenssituation. Sind diese Veränderungen negativ, beschreiben sie die Verschlechterung der Lebensumstände einer einzelnen Person oder von Bevölkerungsgruppen bis hin zu ganzen Nationen. Das heißt, es gibt in diesem Fall ein Davor, das besser war als das, was danach kam, also momentan ist. Es existiert ein Szenario, in das man sich zurückwünscht, auf das man hoffen kann, eines Tages wieder hinzustreben zu können. Es gibt eine Perspektive, sei es auch jene, dass einem alles genommen wurde, denn selbst in diesem Zustand kann der Betroffene wenigstens beschreiben, wo er sich gerade befindet. Gerade subtilere, ganz subjektive, im Verborgenen wütende Katastrophen sind es, die zu Depressionen führen. Umweltkatastrophen und Kriege sind ein viel zu einschneidendes Ereignis, um unmittelbar Depressionen hervorzurufen. Sie erzeugen keinen lähmenden Druck, sondern belebende Todesangst. Kämpfen oder Fliehen. Höchstaktive, das gesamte Sein einnehmende Stadien. Diese Zustände hinterlassen keine Leere, sondern einen Schock, das plötzliche Einbrechen dieser extremen Stadien, und den Drang, sich so weit wie nur möglich von dieser schrecklichen Situation zu entfernen, sobald alles vorbei ist. Wenn große Teile ganzer Völker einer niederschmetternden Leere erliegen, dann muss dies mit den Bevölkerungen selbst, und mit dem, was mit ihnen zusammenhängt, zu tun haben.
Hat ein Mensch, der zuvor etwas herstellte, indem er jeden erforderlichen Schritt selbst tat, die Möglichkeit, sich seine Arbeit zu erleichtern, indem er nun nur noch den immer gleichen Bruchteil dieser Arbeit selbst tun muss, denkt er tatsächlich, er hätte dadurch mehr Zeit, um sich nützlicheren Dingen zu widmen. Nur erkennt er nicht: Diese Arbeit zu tun, von Anfang bis zum Ende, war seine nützliche Tätigkeit. Er weiß anscheinend immer noch ganz recht, dass er in seiner Nützlichkeit die Erfüllung zu suchen hat,nach der er sich in seinem Leben sehnt, jedoch scheint ihm sein wahrer Nutzenals dieses ewige Mysterium, das er niemals zu lösen wissen wird, weil er nicht erkennt, dass sein Nutzen in seiner Tätigkeit liegt. Anstelle von einem ganzheitlichen Prozess ist er nun gefangen in nicht enden wollender Eintönigkeit, in einer Hierarchie, die ihmden Sinn seines Tuns nicht mehr erkennen lässt, in einem System, das ihm sagt, was er zu wollen hat. Der echte Mensch wurde als Diener geboren, nicht als Sklave. Doch dem exzellenten Propaganda-Regime des Systems erliegend, meint er nun nicht mehr selbst zu wissen, was er eigentlich möchte: Autonomie und Selbstbestimmung über sein eigenes Leben. Dieses Verlangen wird tief in ihn hinein zurückgepresst und über Generationen so weit verdichtet, bis es schon im Kindesalter gar nicht mehr infrage gestellt wird, sondern als für immer verloren, als niemals entdeckt, zum tödlichen Vortex mutierend, sich immer tiefer in die kleine Seele frisst. „Augen auf, Mund zu, stillgesessen!“ –der Leitfaden, der Schulkindern eingetrichtert wird. Rebellierende werden als krank deklariert. Wer denkt, das entspräche der Natur des Menschen, ist noch nie einem begegnet. Und wie sollte man auch, in solch einem System?
Die glorreiche Neuzeit sollte den Geist mit Wissen füllen, stattdessen begann sie ihn auszuhöhlen. Alles, was war, ist, und sein sollte wurde in die Außenwelt gezerrt. Nichts hat Bestand ohne handfeste Beweise. Greifen können muss man die Wirklichkeit. Zerdenken können muss man jeglichen Schritt. Auf der Suche nach allem wird alles bis ins kleinste Detail auseinandergenommen, bis man am Ende vor dem Nichts steht. Im dunklen Mittelalter bewies sich: Die Götter sind tot. Es lebe der Mensch! Für immer und ewig. Als Herrscher über alles und jeden. Als Meister der Elemente und des Geistes. Als Richter über Gut und Böse. Diese plötzliche Leere über ihm stürzte ihn offensichtlich in die Manie, nun selbst das höchste Gut zu sein. Der Mensch wurde frei von jeglicher Beherrschung, verlor folglich die seine. Aber wie keines der Landlebewesen war er für Grenzenlosigkeit gemacht. Nun ist sie es, die ihn immer weiter in den –und nicht nur seinen eigenen –Abgrund treibt. Immerfort nach Antworten suchend, auf Fragen, die er sich selbst stellte, um an seiner eigenen Nichtigkeit nicht irre zu werden, niemals mit den Antworten zufrieden seiend, rennt er panisch kopflos durch die Welt und hinterlässt nichts als verbrannte Erde. Wie soll sich irgendwer noch sicher fühlen? Und ohne Sicherheit keine Chance der Selbstverwirklichung.
3 – Die Euphorie des Menschen
Das Wort Mensch beschreibt ein Geschöpf, das aus einer Masse höherer Lebewesen hervorsticht. Überlegenheit ist eines der beliebtesten Stichworte, mit denen es sich selbst gerne krönt. Überlegenheit durch Anderssein. Doch was begründet dieses Anderssein? Im Gegensatz zu den anderen Lebensformen scheint der Mensch das einzige Lebewesen dieser Welt zu sein, das zugänglich für realen und psychischen Wahnsinn ist. Gleichzeitig zeigt sich in ihm aber auch eine gewaltige Schöpfungskraft und Überzeugtheit der eigenen Rasse gegenüber. Ganz egal, welchen Aspekt der menschlichen Seinsweise man sich anschauen möchte, man wird dessen Oberfläche kaum angekratzt haben, bevor man auf eine scheinbar allherrschende Kraft stößt: die Euphorie und ihre unwirkliche Größe, mithilfe derer der Mensch sein Dasein bestreitet.
Der Weg zur Euphorie
Nichts Großes kann entstehen ohne Leidenschaft. Die Dinge, welche nur das Leiden schafft. Der Beweis dafür, dass nicht jeder für sich ist, weil der Mut, den eigenen Vorteil zugunsten dem eines anderen aufzugeben, zur wirklichen Erfüllung des menschlichen Verlangens führt. Unglaubliches wird vollbracht, Unmögliches erreicht, wenn jemand zum Leid bereit ist. Das heißt nicht, es zu suchen, sondern sich ihm nicht zu verschließen und nicht müde zu werden, sich dem aufzuopfern, was größer ist als man selbst, weil man daraus einen direkten und unvorhersehbaren Lohn bezieht, der dennoch in gewisser Weise selbstlos ist. Leidenschaft ist das, was einem mehr gibt, je mehr man es tut. Der Zauberspruch, der auf einem liegt und tiefer hineinführt in die Verwirrung der eigenen Träume mit der tatsächlichen Bereitschaft, etwas für sie zu tun. Sie ist eine süße Droge, die einen direkt ins Paradies befördert. Sie ist der stärkste Schmerzbekämpfer, Wachmacher und Kraftspender. Sie ist das hungrige Biest im Innern, das nie satt zu kriegen ist. Sie beflügelt und verankert zugleich. Sie bringt Opfer, um nach Höherem zu streben. Dieses verliert sie nie aus den Augen. Unermüdlich lenken ihre Schritte darauf zu, mit unerschütterlicher Selbstüberzeugung. Nichts kann sie stoppen. Niemand kann ihr im Wege stehen. Durch die unwirklichsten Gebiete führt ihr Pfad, rücksichtslos auf Möglichkeit und Vorschrift. Unverwundbar setzt sie sich über diese hinweg, da sie unerreichbar hoch über allem steht. Sie allein ist die Kraft, die sich in allem verbirgt. Denn nichts hat Bestand, ohne Bereitschaft zum Leiden.
Leidenschaft ist dem Menschen wohlbekannt. Seit jeher genießt er es, sich von ihr leiten zu lassen. Doch dann erhaschte er einen Blick in ihr Gesicht und nahm sie bewusst als all das wahr, was sie ist. Und er beschloss, selbst gerne so zu sein wie sie. Er fing an, sie zu beneiden, weil er sie nun nicht mehr als etwas Erlebbares, sondern als etwas Greifbares vor sich hatte und begann, entgegen ihrer ausmachenden Natur, den puren Vorteil aus ihr für sich zu extrahieren. So wurde das Leid von ihr isoliert und als rein negativ deklariert, während die übriggebliebenen positiven Aspekte zu künstlichen, krankmachenden Zuckerbomben komprimiert wurden. Die Aufopferungsbereitschaft des Leids wurde zur krankhaften, befriedigungssüchtigen Jagd auf pure Euphorie. Durch seinen Wunsch, ihr gleichzukommen, strich der Mensch somit auch im Hinblick auf sich selbst das Negative heraus, um im Angesicht seiner selbst die Euphorie des Seins verspüren zu können. Denn gut wollte er von nun an sein, aber nicht mehr leiden müssen. Alles Schlechte wollte er ausradieren, anstatt sich mit ihm auseinanderzusetzen.
Die Euphorie als solche
Euphorie suggeriert erst einmal etwas Positives. Sie wird als bodenlose Freude geglaubt, der Begriff „himmelhoch jauchzend“ kommt in den Sinn. Vielleicht sogar als bloßes Gefühl abgetan, wird sie als etwas Verstandenes hingenommen, eine wirkliche Beachtung erfährt sie nie. Schaut man sich ihre Natur jedoch etwas genauer an, erscheint sie schnell als treibende Kraft, die nicht nur Gutes in gebündelter Form in sich trägt. Der Mensch ist ein hocheuphorisches Wesen. Jeder Entdeckung, Errungenschaft, Verwirklichung, Erkenntnis folgt das Erleben der euphorischen Kraft, die zuvor dazu angehalten hat, sich überhaupt erst auf den Weg zu einem dieser Ziele zu machen. In dem Erleben des Erfolges zeigt sie sich auf allgemein anerkannte Weise und wird so als etwas Positives (Gefühl) erlebt. Der Impuls, sie mit einem Gefühl zu vergleichen, entspringt auch ihrer unstabilen Art. Sie wird kurz und intensiv erlebt, verfliegt jedoch scheinbar genauso schnell wie sie gekommen ist. Durch diese Intensität und Schnelligkeit treibt sie ihre Opfer in ihre Abhängigkeit. Wird ein Fortschritt zelebriert, wird es nicht lange dauern, bis die Beteiligten kopflos ihrer Euphorie folgen. Sie werden dazu genötigt, sich ihr auszuliefern und verrennen sich in den Ideen, welche fortan ihre Euphorie ihnen diktiert. So bringen gute Ideen nichts Gutes mehr hervor und diejenigen, die eine Grenze überwunden haben, steuern direkt auf die nächste zu. Gebäude müssen höher, Reisemöglichkeiten schneller, der Alltag produktiver sein. Euphorie setzt sich auf jede freudige Erwartung und schließt den eigentlichen Grundgedanken ihrer Gegenstände vollkommen aus. Sie vertreibt Vorsicht, Sinn und Gegenwart. Sie ist Gefahrengut in Glasfässern. Was sie so mächtig macht, ist die Kleingläubigkeit ihrer Träger. Wird etwas unmöglich Geglaubtes erreicht, ist nicht nur die Freude besonders groß. Die bisher akzeptierten Horizonte und Vorschriften werden infrage gestellt, da niemand mehr nur an das bisher angedachte Ziel denkt. Warum jetzt aufhören, wo sich so viel mehr Möglichkeiten auftun? Warum nicht alles bis zum Bersten ausnutzen? So treibt sie ihre Opfer voran, kopflos, verständnislos, maßlos.
Ungerichtete und zentrierte Euphorie
