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Die Geschichte beginnt mit dem Auszug der besten Freundin des Hauptcharakters, Claire. Die Trauer ist schnell verflogen, als nur wenige Wochen später die neuen Nachbarn einziehen, und Claires Leben komplett auf den Kopf gestellt wird, als ihr die leicht asiatisch angehauchte Reika mit den eisblauen Augen begegnet. Sie verfällt ihr vom ersten Augenblick an, versteht aber lange Zeit nicht, dass es Liebe ist, da sie zuvor noch nie verliebt war. Doch Reikas Blick ist stets emotionslos, kühl und streng, als hätte sie genug von dieser Welt, was es beinahe unmöglich macht, irgendeine Art von Beziehung aufzubauen. Glücklicherweise freundet sich Claire sofort mit Reikas jüngerer Schwester Jamie an. Dadurch kann sie in Reikas Nähe sein, ohne dass es aufdringlich wirkt. So versucht sie, mehr über diese faszinierende Frau herauszufinden, was alles andere als einfach ist. Irgendetwas hat Reika verändert, und ließ sie zu der kalten Person werden, die sie heute ist.
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Seitenzahl: 341
Veröffentlichungsjahr: 2019
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Kei Baker
Gefrorene Kirschblüten
1
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Inhaltsverzeichnis
Titel
1. Kapitel
2. Kapitel
3. Kapitel
4. Kapitel
5. Kapitel
6. Kapitel
7. Kapitel
8. Kapitel
9. Kapitel
10. Kapitel
Impressum neobooks
Da fährt er dahin, der Umzugswagen, der mir meine beste Freundin entreißt. Als er um die Ecke biegt, winke ich ihm nach, obwohl ich genau weiß, dass mich Lillian nicht mehr sehen kann. Nach zehn Minuten stehe ich noch immer an derselben Stelle und sehe mit leeren Augen auf die Straße, die um diese Uhrzeit menschenleer ist, doch in einer knappen halben Stunde werden alle Erwachsenen aus ihren Häusern hetzen, der eine noch mit einer Scheibe Toast zwischen den Zähnen, der andere stolpert regelrecht hinaus, da er sich nicht einmal die Zeit zum Schuhezubinden nimmt.
Warum sind Erwachsene immer so im Stress? Sie nehmen sich nie Zeit für sich selbst und leben nur für ihre Arbeit. Zumindest kommt es mir so vor. Das Szenario ist fast jeden Tag dasselbe.
Die warmen Arme meiner Mutter umarmen mich und ich schließe instinktiv die Augen, um nicht schon wieder losheulen zu müssen. Das habe ich in den letzten Tagen schon oft genug getan. Lillian hatte mir erst drei Tage vor ihrem Auszug Bescheid gegeben, sie war verzweifelt und hatte nicht gewusst, wie sie mir die Situation schonend beibringen könnte.
Wie soll man auch der besten Freundin ruhig erklären, dass man sich von nun an nicht mehr sehen wird? Außerdem hasse sie Abschiede, hat sie gesagt. Unter Tränen, nein, unter einer Fontäne. Noch nie habe ich sie so weinen sehen. Und sie mich ebenfalls nicht.
An diesem Tag zerbrach in mir etwas. Wir waren seit dem Kindergarten miteinander befreundet, hatten nie Streit, haben vieles zusammen durchgemacht und erlebt. Ich kenne es zwar aus Filmen oder Büchern, dass die zwei besten Freundinnen voneinander getrennt werden, da einer der zwei Elternteile einen besser bezahlten Job im Ausland annimmt, doch habe ich niemals damit gerechnet, dass es auch mich treffen könnte.
Mein Vater setzt sich für den Tierschutz und den Regenwald ein und ist deshalb fast nie zu Hause, aber er hätte deswegen nie von uns verlangt, dass wir alles stehen und liegen lassen und mit ihm fahren. Dafür bin ich ihm auch dankbar, auch wenn ich ihn fürchterlich vermisse, aber wir telefonieren drei bis viermal in der Woche. Lillians Vater hatte seiner Familie ein Ultimatum gestellt, und da seine Frau wie Honig an ihm klebt, war die Entscheidung gefallen.
„Mum?“ flüstere ich, kaum hörbar. Sie weiß genau, was ich jetzt brauche. Sie schließt mich fester in die Arme.
„Ja?“, antwortet sie ruhig und liebevoll. Ich kämpfe noch härter mit den Tränen.
„Sie ist weg“, sage ich bibbernd und atme tief durch. Meine Unterlippe zittert wieder, also kaue ich darauf herum. Sie dreht mich zu sich um und sieht mir mit ihrem fürsorglichen Mutterblick in die Augen. Sie spricht langsam und leise:
„Du weißt, wie leid mir das wegen Lilly tut. Aber ihr werdet weiterhin in Kontakt stehen. Ihr habt doch beide Internet, ihr könnt jeden Tag skippen.“
Ich muss lächeln. „Skypen, Mum!“, korrigiere ich sie und umarme sie ganz fest.
Wir bleiben noch eine Weile stehen und genießen die frische Morgenluft. Mr. Hatcher stürmt als Erster aus einem der Häuser.
„Verdammt noch mal, schon wieder zu spät.“
Gleich darauf hetzt Ms. Gordon aus der Tür und ruft ihrem Mann „Um zehn Uhr beim Kinderarzt! Denk dran!“ zu.
Ich wusste schon immer, dass sie die Hosen anhat. Sie sieht etwas Furcht einflößend aus mit ihrem strengen Dutt und der markanten Wangenpartie, ihr Mann hingegen ist klein, schmal und eingeschüchtert. Gerenne und quietschende Autoreifen, qualmender Rauch und nerv tötende Hupen, weil jeder als Erster losfahren will, ein ganz normaler Morgen in unserem sonst so ruhigen, kleinen Viertel.
Nur aus dem Haus, in dem Lilly gewohnt hat, kommt niemand. Nach weiteren zehn Minuten ist die Straße wie leer gefegt. Ab und zu winkt zumindest mal jemand oder nickt uns zu.
Wahrscheinlich fragen sich alle, warum wir wie angewurzelt blöd in der Gegend herumstehen. Wie bestellt und nicht abgeholt. Die meisten interessieren sich hier nicht für den jeweils anderen, wahrscheinlich haben sie noch nicht einmal das „Zu verkaufen“- Schild vor Lillians Haus gesehen.
Wir gehen die Straße entlang, zurück zu unserem Haus. Ein letztes Mal werfe ich einen Blick auf die hellrote Fassade des Hauses. Ausgerechnet mitten in den Sommerferien musste sie mich verlassen.
Wir hätten noch drei Wochen gehabt. Und was jetzt? Es gibt in der Nachbarschaft nicht viele in meinem Alter.
Da wäre zum einen Miss Ich-nehme-an-jeder-Schönheitswahl-teil-weil-ich-nichts-im-Kopf-habe-und-gutes-Aussehen-alleine-vollkommen-ausreicht, die mit wirklichem Namen Samantha heißt. Ich hasse ihre goldblond gelockten Haare, die ihr bis zur Taille reichen, das Biest sieht aus wie ein Engel. Ein Wolf im Schafspelz, sozusagen.
Ich bin wirklich kein Mensch, der über andere lästert, aber bei dieser Dummheit und dazu noch dieser Arroganz, da bleibt einem wirklich die Spucke weg, und man spürt förmlich seinen eigenen IQ sinken, wenn man sich länger als fünf Minuten in ihrer Nähe aufhält. Es reicht auch schon ein Radius von fünf Metern, mindestens. Jedenfalls sollte man ihr wirklich nicht zu nahe kommen.
Dann wäre da noch Rima. Man könnte sagen, dass sie der Schatten von Samantha ist. Ein Dackel, der treu seinem Besitzer folgt.
Anders ausgedrückt könnte man es auch so erklären, dass sie ihr einfach nachrennt, weil diese Person null Selbstbewusstsein hat und vermutlich etwas von ihrer Beliebtheit abhaben will. Und da Samantha mit ihren Misswahlen gar nicht so wenig Erfolg hat, wie ich es mir wünschen würde - denn dann wäre ihr Selbstbewusstsein jetzt nicht so überirdisch und unerträglich – versucht Rima, sie als Freundin zu gewinnen.
Sie läuft ihr nach, sagt ihr, wie toll sie aussieht, fragt, bei welchem Casting sie dieses Mal war…
Das nächste Mal bittet sie noch auf Knien nach einem Autogramm. Das will ich sehen, wie sie auf dem Asphaltboden herumrutscht. Der Schatten und die Sonne, ich muss sagen, dass ich ganz schön froh bin, einfach nur ich zu sein. Ich laufe niemandem nach und werde auch nicht gestalkt.
Samantha ignoriere ich total, sie existiert für mich gar nicht, aber ein Mädchen wie Rima kann man nicht so leicht ignorieren, erst recht nicht, wenn sie in die Parallelklasse derselben Privatschule geht und in dem Haus direkt gegenüber wohnt. Sie ist sehr anhänglich, und an sich völlig in Ordnung, sie ist ein liebenswürdiger Mensch, aber diese Besessenheit zu Samantha ist schon fast krank. Aber seine Nachbarn kann man sich nun mal nicht aussuchen, und seine Mitschüler auch nicht.
Ich habe Rima im Scherz gesagt, sie könne sich ja entweder die Haare natürlicher färben oder sie zumindest wachsen lassen, aber mit ihren kurzen, knallroten Haaren, die sie sich alle paar Monate wieder umfärbt, dem Sidecut auf der linken Seite und dem eher maskulinen Kleidungsstil sieht sie aus wie eine Lesbe.
Man kennt ja diese Klischees, und genau diesem entspricht sie. Sie gab mir keine Antwort darauf, sondern sah mich nur verdutzt an. Es wunderte mich nicht, dass Samantha nichts von Rima hielt, sie entsprach nicht ihrem Schönheitsideal.
Sie war einfach eine arrogante Schnepfe. Wenigstens wohnt sie vier Häuser weit entfernt, ich kann also immer rechtzeitig zurück ins Haus fliehen, wenn ich sie entdecke. Habe ich schon oft gemacht, aber ohne, dass es tatsächlich danach aussieht.
Einmal habe ich gerade die Katze der Gordons gestreichelt, die zwei Häuser weiter wohnen, da hörte ich auf einmal dieses ätzende
„Du hast so was von Recht, Amelie!“
Selbst ihre hohe Quietschstimme ist unerträglich, sie selbst meint aber, dass sie damit sexier wirkt. Einmal habe ich davon sogar Kopfschmerzen bekommen, als ich mich völlig wehrlos mit ihr auseinandersetzen musste. Ich armes Ding.
Jedenfalls hatte ich, als ich sie gehört hatte, sofort mein Handy gezückt und so getan, als würde mich meine Mutter um etwas Wichtiges bitten. Den Herd ausmachen zum Beispiel, den man aber eigentlich gegen sechs Uhr morgens nicht benutzt, und um die Zeit kommt meine Mutter von der Arbeit nach Hause, aber Samantha ist so strohdumm, dass ich ihr alles erzählen könnte. Dann mache ich ein ganz aufgeregtes Gesicht und forme mit den Lippen ein "Oh mein Gott!“ zusammen, sodass man mir die Schmierenkomödie auch abkauft, und schwupps, nehme ich auch schon die Beine in die Hand und düse Richtung trautes Heim.
Oder, wie ich es gerne nenne, die Samantha-freie-Zone. Schade, dass man noch keinen unsichtbaren, elektrischen Kuh-Zaun erfunden hat, der allen ungebetenen Gästen, die sich dem Haus gefährlich nah nähern, einen kleinen Stromschlag verpasst. Ich stelle mir bildlich vor, wie Samantha stundenlang gegen die Barriere läuft und ein peinlich berührtes Lächeln entweicht meinen Lippen.
Für dieses Mädchen kann man sich nur noch fremdschämen. Lillian wollte sich mit Sam anfreunden, als sie vor drei Jahren in dieses Viertel zog, zusammen mit ihrem stinkreichen Vater, er ist Gehirnchirurg oder so. Von ihrer Mutter weiß ich nichts, aber ihre Großmutter wohnt bei ihnen, Mr. Langfield geht jeden Samstag und Sonntag mit ihr spazieren, und unter der Woche kümmert sich eine Pflegerin um sie, weil Samantha sich mehr Sorgen darum macht, was sie zum nächsten Casting anziehen soll, und ob lockige oder glatte Haare mehr gefragt sind.
Ein Fauxpas könnte ihre Misswahlen- und Modelkarriere abrupt beenden. Würde sie zu einem pinken Rock grüne Ohrringe tragen, würden sie die Juroren sofort auf den Mond schießen. Das darf natürlich nicht passieren, da muss die Oma schon Rücksicht darauf nehmen.
Mir kam sie von Anfang an nicht ganz koscher vor, als ich sie zum ersten Mal sah, mit ihrem neonpinken Bustier Top, dem weißen Faltenmini und dazu passende pinke High Heels mit weißem Absatz. Außerdem trug sie einen weiten Strohhut mit rosa Schleife - die bei ihren raschen, großen Schritten vom Auto zur Veranda passend zu ihrem Rhythmus hin und her flatterte - und eine riesige schwarze Sonnenbrille.
Noch dazu hielt sie sich schützend einen bonbonfarbenen Sonnenschirm mit weißen Rüschen über den Kopf.
Ich dachte, Barbie steht plötzlich vor mir. Neugierig sah ich mich nach Ken um, doch es stieg niemand mehr aus dem dunkelroten Porsche. Ihr Vater wartete bereits lächelnd an der Haustür und hielt ihr diese auf. Sam schrie hysterisch auf, als sie in das riesige Haus trat. Mein Gott, es ist nur ein Flur, dachte ich insgeheim.
Auf der Veranda halte ich noch einmal inne und sehe mich um. Ich atme den Duft der Orchideen tief ein, nein, sauge ihn auf und starre mit leeren Augen auf die zwei Gartenstühle, auf denen wir gestern noch gesessen hatten, alles Revue passieren ließen und dabei anfingen zu heulen wie Schlosshunde. Gerade, als ich merke, dass mir die Tränen erneut in die Augen schießen, schiebt mich meine Mutter durch die bereits geöffnete Eingangstür, und meint munter:
„Ich bin zwar hundemüde, aber wenn du willst, mache ich dir noch schnell ein paar leckere Pfannkuchen mit Ahornsirup! Was sagst du?“
Ich schüttle wie betäubt den Kopf, schlüpfe aus meinen weißen Ballerinas und latsche die Treppe hoch.
„Nein danke, mir ist nicht nach Pfannkuchen.“
Eine Umarmung, tröstende Worte, oder ein leckeres Frühstück helfen zwar oft, aber nicht bei jeder Art von Schmerz. Als ich mit dreizehn das erste Mal Liebeskummer hatte, hätte ich den ganzen Tag Pfannkuchen mit Sirup essen können. Ich glaube, das habe ich auch getan.
Natürlich war es nichts Ernstes, erst recht nicht mit dreizehn Jahren, aber da ist man eben in einem Alter, in dem man denkt, dass dein Schwarm genau der Richtige für dich ist und man für immer zusammen sein wird. Klar, und die ganze Welt besteht aus rosa Marshmallows.
Ich brauche jetzt einfach Zeit, um das, was gerade passiert, überhaupt erst zu realisieren, ich glaube nämlich, das habe ich bis jetzt noch nicht richtig getan, obwohl Lilly jetzt tatsächlich weg ist. Ich hoffe nur, dass wir wirklich für immer in Kontakt stehen werden, wie es meine Mutter gemeint hat. Es ist doch auch in der Schule so, dass man sich mit allen super gut versteht und man sich schwört, auch danach noch die besten Freunde zu sein und man sich immer noch genauso oft trifft, wie während der gemeinsamen Schulzeit.
Und was geschieht dann wirklich? Man trifft sich vielleicht wirklich noch ein paar Mal, dann werden es langsam nur noch ein paar Anrufe oder SMS in der Woche, dann im Monat. Und schließlich beginnt auch schon die „Sorry, heute passt es mir leider gar nicht.“-Phase.
Ich frage mich, warum sich das so schnell ändern kann. Warum hat man sich in der Klasse so gut verstanden, so viel gelacht und Blödsinn veranstaltet, wenn man sich im Grunde gar nicht so sehr leiden konnte, wie es sein müsste, um eine Freundschaft dauerhaft am Leben zu erhalten. In den meisten Fällen bleibt einem nur eine beste Freundin. Bei mir war es Lillian.
Ich hatte auch noch eine sehr gute Freundin namens Jill, aber auch sie entwich mir nach und nach, obwohl wir uns in der Schule täglich gesehen haben, ab und zu auch privat, im Einkaufszentrum oder im Café. Aber als sie sich nur noch für Jungs, Schminke und Mode interessierte, war sie wie ausgewechselt. Sie kam sich cool und reifer als die anderen vor, weil sie so früh Erfahrungen mit Jungs gesammelt hatte, und sie viele Mädchen um Rat gefragt haben, wie sie das denn anstelle, dass sie auf einmal so beliebt geworden ist.
Da ich fand, dass sie billig war und sich verkaufte, da sie jede Woche einen anderen Freund hatte, manchmal auch zwei zur gleichen Zeit, und sie das über mehrere Ecken mitbekommen hatte, hasste sie mich abgrundtief und setzte Gerüchte über mich in die Welt. Ich würde bei jeder Gelegenheit versuchen, ihr den Freund auszuspannen, wäre total neidisch, weil ich niemanden hätte und all so einen Quatsch.
Doch damit bewies sie mir und meinem Freundeskreis nur, dass ich im Recht war. Dass alles stimmte, was ich vermutet habe.
Da ich niemand bin, der sich unterbuttern lässt, und es mir ziemlich egal war, dass jemand zu der Zeit einen blöden Kommentar abgelassen hat, verlor sie auch schnell den Spaß an der Sache, Leute gegen mich aufzuhetzen und mich fertigmachen zu wollen. Ignoranz ist für solche Menschen das Schlimmste, denn sie sehnen sich danach, dass das “Opfer“ leidet und man sich vor dieser Person auf die Knie fallen lässt und um Verzeihung bittet. War mir aber alles egal, ging bei einem Ohr rein und bei dem anderen wieder raus.
Nach zwei Wochen war die ganze Sache gegessen. Niemand sagte mehr etwas dazu, nach und nach verloren alle ihre Anhänger die Lust, denn eigentlich hatten sie gar nichts gegen mich, und da ich alles ignorierte, wussten sie nicht, was sie sonst hätten tun sollen. Seitdem haben wir nicht mehr miteinander gesprochen, und nach und nach kam ans Tageslicht, dass sie ihre Freunde wie Unterwäsche wechselte.
Von da an war sie bei den meisten unten durch, und jeder sah sie nun mit anderen Augen. Die Jungs jedoch freuten sich und nahmen ihre Chance war. Und Jill ebenfalls.
Wenn es sich nicht vermeiden lässt, dass wir Blickkontakt aufnehmen, dann ist sie jedes Mal die Erste, die naserümpfend wegsieht. Auch, wenn mich die Gerüchte um meine Person nicht gestört haben, habe ich ihr dennoch nie verziehen, dass sie es gewagt hat und mir so in den Rücken gefallen ist.
Ich könnte versuchen, mich mehr mit Rima zu unterhalten. Sie ist ja gar nicht so übel, vielleicht fehlt ihr nur eine richtige Freundin. Eine, die nicht Samantha heißt und blonde Locken hat, und deren IQ auch ein bisschen höher ist. Es ist jedenfalls einen Versuch wert.
Ich nehme die zweite Tür auf der rechten Seite, die in mein Zimmer führt, und lasse mich direkt in mein Bett fallen. Nach einigen Minuten drehe ich mich auf den Rücken, ziehe mein Handy aus der Hosentasche und starre auf das Display. Sie wird jetzt noch Stunden unterwegs sein, ich werde spätestens heute Abend eine Nachricht von ihr bekommen.
Ich lese mir noch ein paar alte Nachrichten von ihr durch, verziehe manchmal die Lippen zu einem Lächeln, dann lege ich das Handy beiseite. Wir haben manchmal ganz schönen Mist zusammengeschrieben. Ich käme mir blöd vor, ihr bereits nach einer halben Stunde eine Du-fehlst-mir-SMS zu schreiben.
Da es erst halb acht ist, beschließe ich, noch ein paar Stunden zu schlafen, das ist wohl das Beste. Ich höre die Schritte meiner Mum, die langsam die Treppe hochkommt. Sachte klopft sie an meine Tür.
„Hm?“, antworte ich bloß.
„Liebling, alles in Ordnung? Ich lege mich jetzt hin, es war eine lange Nacht. Schlaf du auch noch ein bisschen“, sagt sie behutsam.
„Ja, mach ich“, antworte ich, und meine Stimme klingt gedämpft, da ich mich bereits unter der Decke vergraben und eingerollt habe.
Ich weiß genau, dass sie jetzt da draußen überlegt, ob sie noch einmal reinkommen und mich fest in die Arme schließen soll, oder ob ich schon genug Mutterliebe abbekommen habe. Ich sage ihr nämlich manchmal, dass sie übertreibt. Sie ist die Art von Mutter, die andere Mütter hasst, die ihre Kinder ab einem gewissen Alter einfach vor sich hinleben lassen und sich gar nicht mehr wirklich um sie kümmern, die sie nicht einmal mehr fragen, wie es ihnen geht, wie es in der Schule war, oder ob sie über irgendetwas reden möchten.
Das war meistens das Gesprächsthema Nummer Eins, wenn sie mit Lillys Mutter, Patricia, telefonierte. Sie ging dann immer im Wohnzimmer auf und ab, fasste sich immer wieder verzweifelt, wütend - oder beides - an die Stirn und meinte immer:
„Mein Gott, wenn man schon ahnt, dass man mit einem Kind im Teenageralter überfordert ist, da man doch weiß, wie es einem selber ergangen ist, dann setzt man doch bitte erst gar keines in die Welt. Stell dir vor, heute habe ich schon wieder die arme Nancy weinend aus dem Haus laufen sehen. Sie strengt sich doch so an in der Schule, und trotzdem reicht es den Stones nicht!“
Ich gab ihr vollkommen recht. Nancy geht in dieselbe Klasse wie ich, doch sie ist durch ihre Eltern so dermaßen eingeschüchtert, dass sie kein Wort spricht. Nicht einmal mit den Lehrern, sie nickt bloß und fängt schnell an zu weinen.
Früher war sie ganz anders. Und das alles, weil sich ihre Eltern nicht einmal mit einer Drei zufriedengeben und sie immer so laut anschreien, dass wir es hören können, wenn wir auf der Veranda sitzen. Wenn man solche Rabeneltern hat, ist es nur natürlich, dass man sich immer mehr vergräbt und die Motivation irgendwann tot ist.
Und dann lässt man sich gehen und tut gar nichts mehr. Als es so weit war und sich ihre Noten noch mehr verschlechterten, kam es letztendlich sogar zu Schlägen. Aber nur an Stellen, an denen man die blauen Flecken und Blutergüsse nicht sehen konnte.
Es muss zu dem Zeitpunkt angefangen haben, ab dem sie sich, wenn wir Sport hatten, nur noch auf der Toilette umzog. Als sie eines Tages in der Kabine des Damen-WCs einen Nervenzusammenbruch erlitt und der Klassenlehrerin, die gerufen worden war, ihre Wunden zeigte, da sie schlichtweg am Ende war, änderte sich ihr Leben endlich zum Positiven.
Ihre Eltern wurden angezeigt und sie lebte von nun an in einer betreuten WG mit zwei anderen Mädchen, die ein ähnlich schlimmes Schicksal erleiden mussten. Doch die Narben bleiben, aber sie hat in Luna und Grace zwei sehr gute Freundinnen gefunden. Gleiche Schicksale schweißen zusammen, auch wenn es traurig ist, dass man sich auf diese Art und Weise kennenlernen muss, und nicht zufällig im Einkaufscenter, bei einer Tasse Kaffee, oder weil man zeitgleich nach demselben Sommerkleid greift, das stark reduziert wurde und nur noch in einer Größe vorhanden ist.
Seufzend grabe ich mich noch einmal aus meinem Nest aus und gehe zu meinem Schreibtisch. Aus der ersten Schublade hole ich ein Buch heraus und schlage es auf. In der Mitte liegt eine gepresste Orchidee, die von unserer Veranda.
Ich überlege kurz und klappe das Buch doch wieder zu. Ich lasse sie noch eine Weile drin, und klebe sie später in Lillys und meinem Freundschaftsbuch ein. Das haben wir bereits seit der Grundschule und es ist eine Erinnerung fürs Leben.
Auf der ersten Seite sind unsere Handabdrücke mit roter Farbe zu sehen. Unsere Daumen und Zeigefinger berühren sich. Darunter steht in ziemlicher Krakelschrift “Beste Freundinnen für immer!“ und ein paar lachende Smiley-Sticker.
Auf den ersten Seiten haben wir nur so etwas Kindisches gemacht – wir waren ja auch noch Kinder. Wir haben viele Comicfiguren abgezeichnet, die damals so beliebt waren, eine der Seiten komplett mit unseren Lieblingsstickern vollgeklebt, die wir in der Schule alle gesammelt und getauscht hatten, oder, wenn ein Tag besonders lustig war oder etwas Aufregendes passiert ist, alles haargenau notiert, sodass wir uns für immer an diese Zeit und die ganz besonderen Tage erinnern.
Mit diesem Buch konnte ich jederzeit all die schönen Jahre Revue passieren lassen. Mit sechzig wird es bestimmt lustig sein, dieses Buch noch einmal aufzuschlagen und sich zu denken „Die guten alten Zeiten!“ oder „Waren wir bescheuert…“
Als ich um zwölf Uhr Mittag wieder aufwache, realisiere ich zuerst gar nicht, dass ich mich vor ein paar Stunden von Lillian verabschiedet habe, doch es geht mir nun besser mit dem Gedanken, sie lange nicht mehr zu sehen. Vor lauter Heulerei habe ich die Nacht fast nicht geschlafen, ich war übermüdet und hatte Kopfschmerzen. Wenn ich an unsere Freundschaft glaube, dann wird sie auch nicht zerbrechen.
Wir werden jeden Tag zusammen chatten und ein paar Mal in der Woche telefonieren und Tratsch austauschen. Ich werde sie außerdem über Samantha und Rima auf dem Laufenden halten. Und ich werde ihr an ihrem Geburtstag in zwei Monaten unser Freundschaftsbuch schicken, damit sie irgendeinen Mist hineinschreiben kann.
Ich kneife die Augen zusammen, als ich den blickdichten Vorhang zur Seite ziehe und mir die Sonnenstrahlen ins Gesicht scheinen, obwohl ich mich schon längst daran gewöhnt haben müsste, dass ein blickdichter Vorhang nun mal wirklich blickdicht ist. Wenn sie geschlossen sind und kein Licht brennt, meint man, es wäre mitten in der Nacht. Mein Blick wandert über Rimas Haus.
In ihrem Zimmer, das ich von hier aus gut sehen kann, brennt Licht. Vermutlich sitzt sie vor dem Laptop und spielt Sims oder wieder irgendein Point & Click Adventure, davon hat sie alles, was neu ist. Die meisten davon sind aber wirklich gut, ab und zu spiele ich selber gerne eines.
Auch wenn ich es noch nie geschafft habe, ein Spiel zu Ende zu spielen, ohne nicht mindestens einmal im Internet nach der Komplettlösung gesucht zu haben, und mich hinterher zu ärgern, weil es ja doch ganz einfach gewesen wäre, doch ich denke meistens viel zu kompliziert, sodass logische Schlussfolgerungen für mich automatisch falsch sein müssen, denn das wäre ja zu leicht.
Außerdem habe ich keine Geduld für lästige Rätsel, wenn die Story gerade so spannend ist, dass man sich am liebsten wünscht, durch den PC direkt in das Spiel hineingesaugt zu werden und im wahrsten Sinne des Wortes live dabei zu sein. Deshalb liebe ich Point & Click Adventures. Einmal hat sich am Ende eines Spiels der Hauptcharakter selbst umgebracht, das war allerdings nicht so rosig.
Ich war ganz schön erschrocken, als er das tat, ich dachte, der Hauptcharakter stirbt nie. In Filmen, ja, aber doch nicht in einem Spiel. Ich wollte am liebsten „Was machst du denn da, du Idiot?!“ rufen. Warum tun die Spieleentwickler einem so etwas an? Da spielt man eine Figur über mehrere Stunden lang und dann? Schwupps, tot. Da war ich wirklich mitgenommen, wo ich doch so ein zartes und sensibles Pflänzchen bin. Rima meinte zu dem Ende ganz trocken:
„Ist doch genial, endlich mal was anderes!“
Das Licht in Rimas Zimmer erlischt. Ich sehe auf die Uhr. Stimmt, Essenszeit. Nun habe ich doch Hunger auf Pfannkuchen mit Ahornsirup, aber ich habe keine Lust, den Teig vorzubereiten.
Ich werfe einen raschen Blick in den Spiegel, der auf meinem Schreibtisch steht, und richte mir den zerzausten Pony. Außerdem fällt mir der dunkelblonde Haaransatz auf, ich muss mir meine Haare wieder Kupfer färben. Das mache ich schon regelmäßig seit zwei Jahren, und ich will nie wieder eine andere Haarfarbe, erst recht nicht meine natürliche.
Diese Farbe schmeichelt meiner nicht allzu gebräunten Haut, und die haselnussbraunen Augen kommen richtig schön zur Geltung. Ich hätte aber liebend gerne blaue Augen, ich werde immer neidisch, wenn ich Mädchen mit rötlichen Haaren und blauen Augen sehe, das sieht einfach hammermäßig aus.
Aber man will doch immer das, was man nicht haben kann. Hätte ich blaue Augen, würde ich mir braune wünschen. Als ich in meine riesigen Plüschhausschuhe schlüpfe und die ersten Stufen geschafft habe, was mit den Plüschdingern gar nicht so einfach ist, stolpere ich und entgehe nur knapp dem Tod infolge eines Genickbruchs.
Da mir das öfters passiert und ich dann mit den Armen rudere, was etwas an einen Kolibri erinnert, habe ich schon Übung darin, mir selbst das Leben zu retten. Und obwohl es in den letzten zwei Wochen schon viermal vorgekommen ist, ziehe ich sie immer noch an und versuche jeden Tag aufs Neue mein Glück, nicht zu stürzen. Sie waren ein Geschenk meines Vaters, weil er weiß, wie sehr ich Schneerobben mag.
Eigentlich ist der Gedanke makaber, ein solches Geschenk zu machen, wenn man den Beruf meines Vaters ausübt und man weiß, was aus Robben gemacht wird, wie sie zugrunde gehen. Aber ich glaube fest daran, dass mein Dad die Welt verbessern kann. Für mich war er schon als Kind ein Held, und das ist er immer noch.
Er kann das und er wird. Jeder kann die Welt ein Stückchen verbessern, wenn er es nur will. Und wenn es nur ein Lächeln ist, das man jemandem schenkt.
Da ich noch nicht weiß, was ich essen soll, schaue ich zuerst, was der Kühlschrank zu bieten hat. Ich kann mir ein Lächeln nicht verkneifen, als ich eine Rührschüssel mit Pfannkuchenteig entdecke. Meine Mum ist einfach die Beste.
Ein rosa Post-it klebt auf der Frischhaltefolie “Hab dich lieb“ steht darauf.
„Ich dich auch“, antworte ich leise, auch wenn sie es gar nicht hören kann. Vielleicht habe ich telepathische Fähigkeiten, von denen ich nichts weiß und sie träumt jetzt davon, dass ich ihr sage, wie lieb ich sie habe. Ich stelle eine Pfanne auf die bereits erhitzte Platte und sehe dem Stückchen Biobutter beim Schmelzen zu, als es plötzlich klingelt.
Ich erwarte doch niemanden, und alle wissen, dass meine Mutter nachts arbeitet und tagsüber schläft. Von der Küche aus kann ich sehen, wer vor der Haustür steht, und ich spähe vorsichtig hinaus. Rima? Was hat sie denn mit ihren Haaren gemacht? Das wäre übrigens das erste Mal, dass ich wirklich sagen könnte:
„Sorry, keine Zeit, ich hab was auf dem Herd.“
Rima sitzt mir gegenüber und auf unseren Tellern häufen sich Pfannkuchen, in Ahornsirup getränkt, oder besser gesagt, ertränkt. Ihr weiß-grau-schwarz gestreiftes Over Size Shirt entblößt Teile ihres Fake-Tattoos auf der linken Schulter, das ihr eine Schulfreundin gemalt hat. Ein Adlerkopf, der seinen Schnabel weit aufgerissen hat und zum Angriff bereit ist.
Rima sieht nicht danach aus, aber sie hat panische Angst vor Nadeln, es trifft sich also gut, dass ihre Freundin Holly eine Staffelei zum Üben hat, da sie nach der Schule Kunst studieren will und alles bekritzelt, was nicht weglaufen kann, und Rima alle zwei Wochen ein Gratis-Tattoo bekommt, das von Weitem sogar echt aussieht. Und auch von Nahem merkt man, dass sie ziemlich viel Talent hat. Mit je einem hell- und dunkelgrauen Tattoo-Stift hat sie den Adler sogar perfekt ausschattiert.
„Tut mir leid, dass ich einfach unangemeldet vorbeikomme“, entschuldigt sie sich, nachdem sie mich hundertmal gefragt hat, ob ihr die Farbe stehe, und streicht sich eine Strähne aus dem Gesicht.
Platinblond. Sie hat sich die Haare tatsächlich platinblond gefärbt.
Wieso hat ihr ihr Friseur nicht davon abgeraten? Ihre Haut ist zu dunkel dafür, ihre Augen fast schwarz. Sie war schon mal blond, aber das goldblond sah wenigstens natürlicher aus. Ich antworte, während ich mir mein Glas mit Milch nachfülle:
„Das macht doch nichts. Ich weiß ohnehin nicht, wie ich die letzten drei Ferienwochen verbringen soll. Ohne Lilly ist es hier ziemlich öde.“
Rima lässt die Gabel fallen, die klirrend auf dem Tellerrand landet, und sieht mich entsetzt an.
„Das war heute?“
Ich nicke bloß und meine Augen verengen sich. Wieso hat sie das vergessen? Wir waren Nachbarn. Jahrelang.
„Scheiße… Tut mir leid, ich wollte mich wirklich von ihr verabschieden. Aber momentan weiß ich gar nicht, wo mir der Kopf steht, ich bin mit meinen Gedanken ständig bei… „ Sie bricht den Satz abrupt ab.
„Woanders“, vollendet sie ihn nach einer kurzen Pause und stochert wie wild in ihren Pfannkuchen herum.
Sie ist öfters gedankenverloren, da hat sie recht. Obwohl ich doch etwas gekränkt bin, versuche ich so normal wie möglich zu antworten:
„Ist okay, sie ist ja nicht ausradiert, du hast sie bestimmt noch in Skype. Ich soll dich übrigens ganz lieb grüßen.“
„Danke…“, antwortet sie verlegen und kaut an ihren Nägeln herum.
Ihr scheint es wohl wirklich peinlich zu sein, mal so nebenbei den Auszug der Nachbarin, mit der man befreundet war – zwar nicht so gut wie ich, aber immerhin – vergessen zu haben. Während wir aufessen, reden wir nicht mehr viel miteinander. Zwischen uns ist es eben mehr eine Zweckfreundschaft, und außer Games haben wir nichts gemeinsam, vielleicht ändert sich das ja noch.
Sie erzählt mir, dass ihre letzten Wochen, bevor die Schule wieder beginnt, ebenfalls ziemlich langweilig sein werden, und sie wohl die meiste Zeit vor dem Laptop verbringen wird. Ich dränge mich nicht gerne auf, aber da ich sowieso nicht viel zu tun habe, und sie mir gesagt hat, wie knuffig doch meine Robbenhausschuhe sind – damit kriegt man mich -, biete ich ihr an, dass wir doch auch etwas Zeit miteinander verbringen könnten. Sie nimmt meinen Vorschlag dankend an, und schlägt mir auch gleich vor, dass ich doch einmal bei ihr übernachten solle und wir gemeinsam ein Horrorgame spielen.
Obwohl ich denke, dass sie dann doch auch wieder vor ihrem Laptop sitzt und ich eher an ein Café oder die Einkaufsmeile gedacht habe, sage ich zu, da mir jede Ablenkung recht ist, und sie hört vielleicht auf, Sam hinterherzulaufen, wenn ich mich mit ihr beschäftige. Und mit etwas Bacardi Cola, Baileys, sauren Apfelringen und Erdnussflips wird es bestimmt ziemlich lustig. Ich muss gestehen, dass ich mir, wenn ich alleine ein Horrorgame spiele, fast die Hosen vollmache, aber die Story mich immer wieder so fesselt, dass ich einfach nicht aufhören kann.
Rima verabschiedet sich rasch, als sie einen Anruf erhält, den sie jedoch nicht annimmt. Sie starrt bloß überrascht auf das Display. Ich begleite sie zur Tür und beobachte, dass sie ihr Smartphone wieder aus der Hosentasche fischt, gerade, als sie den Vorgarten zu ihrem Haus betritt.
Merkwürdig. Wieso macht sie um diesen Anruf so ein Geheimnis? Wer könnte das wohl sein? Vielleicht hat sie seit Neuestem einen Freund und möchte es noch niemandem erzählen, solange sie sich noch nicht sicher ist, ob es passt. Das wird wohl der Grund sein.
Ich werde sie bestimmt zum Reden bringen, wenn ich bei ihr bin und wir uns etwas betrinken. Das muss auch mal sein. Normalerweise würde ich jetzt mit Lilly in unser Stammeiscafé fahren, uns einen riesigen Eisbecher bestellen und uns danach darüber aufregen, dass er so viele Kalorien hat.
Allein in ein Café zu gehen will ich nicht, das sieht so aus, als hätte ich keine Freunde. Rima ist schon weg und spontan fällt mir niemand ein, mit dem ich gerne Zeit verbringen würde. Ich habe nicht viele Freundinnen, mehr Bekannte, die ich aber gar nicht so oft sehen will.
Und männliche Freunde habe ich gar nicht. Doch, einen, Howard, privat haben wir aber noch nie was unternommen. Was mach ich jetzt? Was mach ich jetzt? Wie vertreibt man sich ohne beste Freundin die Zeit? Ich habe noch nie wirklich alleine etwas unternommen.
Was machen denn Leute, die Niemanden haben? Sitzen sie den ganzen Tag in ihrer Wohnung und gehen nur vor die Tür, wenn es nicht anders geht? Das kann ich mir überhaupt nicht vorstellen.
Ohne soziale Kontakte geht man früher oder später ein, wie eine wunderschöne Blume, die man einfach vergessen hat zu gießen. So viele Menschen zerbrechen innerlich und niemand bemerkt es. Wenn man lachend durch die Welt geht, stellt niemand unangenehme Fragen.
Rima gehört ja auch eher zu der Gattung Einzelgänger, aber trotzdem hat sie ein paar Freunde, mit denen sie ab und zu etwas unternimmt. Aber die meiste Zeit ist sie doch gerne allein – und stalkt Samantha. Hoffentlich fängt sie nicht auch noch bei mir so an.
Nein, vermutlich nicht, ich bin nicht auffällig oder so hübsch wie Sam, ich habe keine 90-60-90 Figur und ich könnte mich auch bei keiner Misswahl blicken lassen, alleine schon wegen meiner Größe von 1.63 m, da gibt es doch garantiert wie beim Modeln ebenfalls eine Mindestgröße, oder? Außerdem bin ich zu normal, nichts Besonderes, der totale Durchschnittsmensch. Egal, ich will auch gar kein Model werden, ich will generell nicht im Rampenlicht stehen.
Der Gedanke, irgendwann berühmt zu sein und sich ohne Verkleidung nicht mehr auf die Straße trauen zu können… Nein danke. Da habe ich lieber einen normalen Job und bin glücklich und zufrieden. Mir fällt gerade – mal wieder – auf, dass ich einfach viel zu viel nachdenke. Über alles. Jeden Tag. Ich kann einfach nicht abschalten.
Nachdem ich das Geschirr abgewaschen habe, mache ich es mir auf der weißen Couch im Wohnzimmer gemütlich, um nicht an Lilly denken zu müssen, und zappe wahllos durch die Kanäle. Müll, Müll, Müll, hab ich schon gesehen, Müll,… Das TV-Programm ist auch nicht mehr das, was es einmal war.
Und dann wundern sich noch alle, dass sich jeder Zweite alles Mögliche nur noch übers Internet ansieht und somit weniger Geld für DVDs ausgegeben wird. Ich bin da genauso. Na und holt mich doch!
Bereits nach zehn Minuten ertrage ich den Mist nicht mehr, der da läuft, was auch immer ich mir da gerade antue, - eine Vierzehnjährige liegt gerade in den Wehen und schreit sich die Seele aus dem Leib - und schalte den Fernseher aus. Gerade rechtzeitig kann ich mich noch davon abhalten, mich zu fragen, warum man eigentlich “Fernseher“ und nicht “Fernsehgerät“ sagt, denn die „Fernseher“ sind doch wir.
Also schnappe ich mir den Thriller aus unserem Bücherregal, den meine Mutter gerade liest, und schlage es beim Lesezeichen auf. Gespannt lese ich die ersten Zeilen.
„Igitt! Mum, was liest du da nur für Sachen?“
Wie kann sie nur immer gemütlich Tee oder Kaffee trinken, während sie liest, wie gerade jemand ausgeweidet wird? Ich habe wohl soeben die Buchdiät erfunden. Einfach den ganzen Tag mit einem Thriller rumlaufen und wenn man Hunger bekommt, anfangen zu lesen, dann vergeht einem der Appetit ganz von allein.
Hm, die Idee ist wirklich nicht übel. Ich nenne sie ganz lässig die Jack-the-Ripper-Diät. Sollte ich nach Weihnachten mal anwenden. Oder am besten noch davor.
Nein, danach, die Kekse und der Früchtekuchen müssen sein, meine Oma macht nämlich die besten Leckereien der Welt. Sie will nicht einmal mir ihre Geheimrezepte verraten, da ist sie total eisern und stur.
Ich gehe wieder hoch auf mein Zimmer und schaue erneut auf mein Handy. Nichts. Das weiß ich doch, dass noch keine Nachricht von ihr da sein kann, warum schaue ich trotzdem ständig auf das Display?
Am liebsten würde ich ihr jetzt schreiben:
„Hey! Hast du Lust, schwimmen zu gehen? Und danach ins Eiscafé?“ und sie würde darauf antworten:
„Na klar, bin in zwanzig Minuten bei dir!“
Sie fehlt mir. Und niemand kann sie ersetzen. Wie lange werde ich dieses leere Gefühl in mir ertragen müssen?
Vielleicht finde ich im Internet eine Community „Beste Freundin verloren – wie geht man damit um“, oder so. Ich ziehe eine Augenbraue hoch und überlege kurz. Zwei Minuten später ist mein Laptop komplett hochgefahren und ich google das eben Gedachte tatsächlich.
Es gibt einige Beiträge zu dem Thema, jedoch alle auf komplett unterschiedlichen Seiten, aber das dachte ich mir bereits. Trotzdem klicke ich ein paar der Seiten an und lese mir den jeweiligen Thread durch. Wirklich hilfreiche Tipps finde ich jedoch nicht, dass ich mir eine neue Freundin suchen sollte ist mir schon selber klar, und dass ich mich nicht verkriechen und in Depressionen verfallen soll, auch.
Man kann aber auch übertreiben. Wir werden uns weiterhin gut verstehen, nur eben übers Internet und per Handy. Trotzdem muss ich jetzt erst einmal einen neuen Zeitvertreib finden.
Wir haben immer so viel zusammen gemacht, dass für andere Hobbys gar keine Zeit war, außer lesen, ab und zu. Und da fällt mir schon wieder die Buchdiät ein. Nein, da surfe ich lieber noch etwas im Internet.
Jeder, der schon einmal Sims gespielt hat, weiß, dass aus ‘etwas‘ schnell drei bis fünf Stunden werden können.
„Was? Schon sechzehn Uhr? Wie ist denn die Zeit so schnell vergangen? Ist die Uhr kaputt? Kann die Uhr am Laptop überhaupt kaputtgehen? Hab ich noch nie gehört.“ Hör auf zu denken, Claire!
Bevor ich noch bis Mitternacht vorm Laptop sitze, schalte ich ihn doch lieber aus und widme mich sinnvolleren Dingen. Hm, sinnvoller, sinnvoller… Es sind Sommerferien, verdammt, ich muss nicht lernen oder ein Referat vorbereiten.
Hach, wie gerne würde ich jetzt ein Referat vorbereiten. Niemand versteht mich, aber ich liebe sie einfach. Das kann ich aber in der Schule nicht laut sagen, da mich sonst jeder nur noch komisch ansehen würde. So, als hätte ich gerade laut gesagt, dass ich gerne Referate vortrage.
Da fällt mir ein, dass ich mein erstes Referat mit Lillian vorbereitet habe. Es war richtig lustig, aber auch ein kleines Chaos. Sie kann Dinge absolut nicht auswendig lernen.
Sie musste ständig auf ihre Kärtchen glotzen, hat vor Aufregung angefangen zu stottern und ich war mir sicher, dass sie inständig um einen Feueralarm bat, ob echt oder Probe war ihr dabei garantiert egal. Mein aufmunterndes Lächeln hat ihr bestimmt etwas geholfen, sie erwiderte es zumindest immer und dann lief es besser. Zwar nur für die nächsten drei, vier Sätze, aber sie wurde besser und besser, bis sie genug Selbstvertrauen gefasst hatte und irgendwann gar nicht mehr stottern musste.
Das hat zwar ein ganzes Jahr lang gedauert, aber damals hätte ich nicht damit gerechnet, dass sie es schafft, ihre Angst, vor anderen zu reden, zu besiegen. Sie hat sich selbst oft als zu schwach angesehen, aber das war sie nicht. Hoffentlich bekommt sie das jetzt an der neuen Schule ohne mich hin, es könnte nämlich gut sein, dass sie ihre Angst gar nicht überwunden, sondern sich nur an die Leute, die sie während eines Referats anstarrten, gewöhnt hatte.
Ich sehe sie schon über Skype verzweifeln. Nur bin ich dann zu weit weg, um ihr richtig helfen zu können. Manchmal hilft es einfach nur, wenn man in den Arm genommen wird.
Wenn es eine Person tut, die man mag und der man vertraut, dann ist eine Umarmung viel hilfreicher als tausend lieb gemeinte Worte, wenn sie von jemandem ausgesprochen werden, der einen nicht gut kennt. Diese ganzen Phrasen, die man eben von sich gibt, weil es höflich ist, nicht, weil einem die Person, der es schlecht geht, wirklich am Herzen liegt.
Genauso mit der ewig bescheuerten Standardfrage „Wie geht’s?“ Wie ich diese Frage doch hasse, wirklich. Wenn sie von jemandem kommt, von dem ich weiß, dass ihm die Antwort vollkommen egal ist.
Ich höre, wie jemand den Flur entlanggeht und sich die Tür zum Bad öffnet, meine Mutter ist also wieder wach und muss sich für die Arbeit fertigmachen. Sie ist nachtaktiv wie ein Hamster, solch eine Arbeit wäre nichts für mich, nur Sterne beobachten und so was, die ganze Nacht, aber sie ist Astronomin aus Leidenschaft. Obwohl ich bestimmt auch später einmal öfters nachts arbeiten muss, wenn ich Journalistin werden will.
Falls mich das dann noch interessiert. Es macht mir zumindest unglaublich viel Spaß, an unserer Schülerzeitung mitarbeiten zu dürfen. Von selbst wäre ich wohl nicht darauf gekommen, so etwas auch beruflich zu machen, aber ich wurde von der Direktorin höchstpersönlich für mein Engagement gelobt, und dass das genau mein “Ding“ wäre.
Das oder Schriftstellerin, da wäre ich wenigstens mein eigener Boss. Naja, so gut wie. Es würde mich reizen, einen Krimi zu schreiben, aber ich schätze, ich bin zu dumm für dieses Genre, obwohl ich die Beste unseres Jahrgangs bin. Ich habe bereits einige Agatha Christie Krimis verschlungen und noch nie richtig geraten.
Wie schlau sind Krimiautoren eigentlich? Was für einen IQ muss man da haben? Nein danke, dann schreibe ich doch lieber einen kitschigen Liebesroman. Obwohl, ich muss gestehen, ich hatte noch nie einen Freund, und so viel Fantasie für eine liebesumwobene Romanze besitze ich bestimmt nicht.
Wenn man nicht weiß, wie es ist und wie es sich anfühlt, wenn man eine Person aus tiefstem Herzen liebt und für sie sogar eine Kugel abfangen würde, dann kann man auch keine Story darüber schreiben.
