Gefrorener Atem - B. A. Neff - E-Book

Gefrorener Atem E-Book

B. A. Neff

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Beschreibung

Der Paläontologe, Michael Muller, lebt mit seiner Familie im wilden Norden Kanadas. Er versucht mit seinen Ausgrabungen im Sommer und als Trapper im Winter mit seiner Familie den aussergewöhnlich harten Winter zu überleben. Doch plötzlich wird er des Diebstahls eines sehr wertvollen paläontologischen Fundes beschuldigt. Die Situation eskaliert und plötzlich geht es für ihn und seine Familie um Leben und Tod! Skrupellos versucht sein Gegner alles, um den wertvollen Fund wieder in seinen Besitz zu bringen. Eine gnadenlose und lebensgefährliche Jagd durch die Wildnis, durch Schneesturm und Eis entbrennt. Aber auch die Natur schlägt gnadenlos zu. Reicht die Hilfe des alten Freundes Rick und der RCMP, um die Familie vor dem Tod zu bewahren? -- Und ist es wahr, dass in dieser verlassenen Wildnis Dinge passieren, welche sich niemand erklären kann? --

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Seitenzahl: 185

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Prolog

Im hohen Norden Kanadas dauert der Sommer nur drei Monate. Die meisten Menschen ziehen sich in wärmere Gegenden im Süden zurück, bevor der erste Schnee fällt. Sie kommen erst im Frühjahr wieder hoch in den Norden. Dann, wenn das Eis auf den Flüssen bricht und die Natur zu neuem Leben erwacht.

Nur sehr wenige, mit der Natur verbundene Menschen, wagen es, den harten Winter mit seinen unbarmherzigen Schneestürmen und den Temperaturen von nicht selten unter -40°C, im Norden zu verbringen. Für sie ist es nicht einfach ein Abenteuer. Es ist ein ständiger Kampf ums Überleben! Nur wer im Einklang mit der Natur lebt und wer sie versteht, hat reale Überlebenschancen.

Einige wenige harren mit der ganzen Familie aus. Andere lieben die Einsamkeit. Weit weg von der Zivilisation, nicht selten mehrere Tagesmärsche von den Nachbarn entfernt, kann eine einfache Erkrankung schließlich tödlich enden. Hilfe ist nicht zu erwarten!

Ein altes Sprichwort aus den nördlichen Gebieten des Yukon sagt frei übersetzt: „Wer sich im Sommer und Herbst nicht gut auf den Winter vorbereitet, wird den Frühling nicht erleben!“

Und manchmal, wenn auch ganz selten, geschehen hier oben Dinge, die man mit einer rationalen Denkweise nicht nachvollziehen kann.

Ganz leise schlich er um den kargen Busch herum und legte sich im fahlen Schatten auf die Lauer. Genau hier war es! Genau durch diesen schmalen Taleinschnitt kam sie vor einem Jahr. Eine ganze Mammutherde, welche sich nach Süden in wärmere Gefilde aufmachte, um dort noch ein paar Stunden Sonne am Tag zu genießen, bevor der Winter mit seiner unerbittlichen Kälte und Dunkelheit Einzug hielt. Es war die letzte Jagd, die er mit seiner Mutter und seiner Schwester unternommen hatte. Die Mutter hatte ihm alles gezeigt und ihn auf das harte Leben eines Smilodon, eines Säbelzahntigers, vorbereitet. Er achtete auf die Windrichtung, seinen eigenen Schattenwurf, auf jede Bewegung. Das kleinste Geräusch konnte die Beute aufschrecken und den überraschenden Angriff vereiteln.

Er hatte die Herde schon drei Tage zuvor in der Ebene neben dem großen Fluss beobachtet. Doch dort, im offenen Gelände, hatte er mit seiner Jagd keinen Erfolg.

Nun aber hatte er einen Plan. Es musste ihm gelingen, genau hier die Herde überraschend aufzuschrecken und Verwirrung zu stiften. Bevor sich die Bullen und die wehrhaften Kühe schützend vor ihre Jungen stellen konnten, musste es ihm gelingen, eines davon von der Herde zu trennen. Er wollte es in die schmale Felsspalte gegenüber hetzen. Dort, wo der Durchgang zu schmal für ein Muttertier oder ein Bulle war. Wenn ihm das gelingen sollte, könnte er dem Tier auf den Rücken springen und es zu Fall bringen. Dann, und erst dann könnte er seine tödliche Waffe, seine langen, scharfen Säbelzähne in die Halsschlagader des Tieres rammen. Der nachfolgende Sprung vom Rücken des Tieres musste sehr schnell erfolgen. Er wollte nicht zwischen dem jungen, stürzenden Mammut und der Felswand eingeklemmt werden.

Das war sein Plan! Und dieser Plan sollte ihm Nahrung für die nächsten Tage liefern. Das dringend benötigte Fett für den Winter und das gute Gefühl, wenn das warme Blut seinen Jagddurst stillte.

Es war höchste Zeit, Nahrung zu finden. Die letzten Tage verrieten ihm, dass der Winter nahte. Am Morgen legten sich bereits die feuchten Nebelschwaden über die felsige Landschaft. Nicht selten knirschte das leicht gefrorene Gras unter seinen Pranken. Nachts durchzuckten ihn leichte Wellen des Schlotterns. Sein Fell war noch nicht dick genug, um der Kälte standzuhalten. Dies würde noch ein paar Wochen dauern. Erst dann würde er gerüstet sein für den langen Kampf um Nahrung und den Kampf gegen andere wilde Tiere, die ebenfalls alles erjagten, was für einen kurzen Moment für einen vollen Magen sorgte. Wenn sich die Haare seines Fells aufstellten, um die Körperwärme zurückzuhalten, mochte dies kurzzeitig Linderung gegen die Kälte bringen. Doch er wusste, dass sein Fell dadurch auch Schmutz und Staub aufnahm, welchen er wieder mühsam herauslecken musste. Er hasste es! Ebenso hasste er die vielen Seen und Flussläufe, die er gelegentlich überqueren musste. Wasser war dazu da, den Durst zu stillen! Nicht, um darin fast zu ersaufen. Während er sich im Wasser befand, war er nichts! Alle Eigenschaften, welche ihn als den gnadenlosen Jäger auszeichneten, waren in diesem Augenblick nichts! Seine Krallen hatten keinen Halt, sein Atem hörte sich keuchend und erschöpft an und das verdammte Wasser drang kalt und gnadenlos durch sein Fell bis auf seine Haut und unterkühlte ihn. Wenn er am anderen Ufer das Wasser verließ, war er schwer und träge, bis er sich ausgiebig geschüttelt hatte. Doch genau währenddessen musste er seine Augen schließen und die Haut in seinem Gesicht anspannen, da das schwere Fell an seiner Kopfhaut zerrte. Es war eigentlich das Widerlichste, das er kannte. Er fühlte sich immer so wehrlos, schwach und dumm. Zudem raubte das kalte Wasser seinen ganz persönlichen Geruch, der ihn von seinen Artgenossen eindeutig unterschied und mit welchem er sein Revier markierte.

Er wartete sehnlichst darauf, dass die Seen und Wasserläufe mit Eis überzogen wurden. Dann war er diese Probleme los. Seine Mutter hatte ihm zwei Orte gezeigt, an welchen der Bach auch im kältesten Winter nicht ganz zufrieren konnte. Dort trank er das Wasser, das er zum Leben brauchte. Dies tat er aber nur dann, wenn er sich für ein paar Tage in seine warme Felshöhle zurückzog um in einen winterschlafähnlichen Zustand zu verfallen. Jetzt war es aber höchste Zeit, seinen Magen zu füllen!

Während er lauerte und immer wieder die Luft tief einatmete, versuchte er sich an alle gelernten Einzelheiten zu erinnern, die ihm seine Mutter beigebracht hatte. Ramme nie deine Zähne in irgendwelche Knochen des Opfers! Suche immer fleischige Stellen, da sonst die Zähne hängenbleiben und abbrechen können. Ein Smilodon ohne Säbelzähne könnte nur noch kleine Tiere wie Faultiere und dergleichen erjagen oder die Reste von bereits toten Tieren essen. Er wollte aber frisches Fleisch! Er mochte es, wenn sich seine scharfen Krallen in den Körper des Opfers bohrten und sich das Fell um seine Schnauze mit warmem Blut vollsog. Er wollte, dass das Blut aus dem Opfer quoll, wenn er ihm mit seinen Pranken das Fell aufriss. Die Vorfreude ließ ihn schaudern.

Ein junges Mammut würde ihm für mindestens zwei Wochen Fleisch liefern. In den bereits sehr kalten Nächten würde es nicht so schnell verderben.

Doch zuerst brauchte er den Erfolg! Er wartete. Die Nacht brach früh herein und die Kälte floss wie ein Strom zwischen den Steinen und Büschen hindurch und suchte sich den Weg in die Tiefe. Sein Körper wurde langsam steif und er ging unruhig im Kreis, bevor er sich erneut auf die Lauer legte. Die Dämmerung war seine Zeit! Mit den guten Augen konnte er auch im Halbdunkel viel mehr sehen als seine Beute. Das Problem war nur, dass sich die Mammutherden in der Regel vor Einbruch der Dunkelheit einen Platz für die Nacht suchten und die Kälber in ihre Mitte führten.

Sein Magen knurrte und schmerzte. Er starrte noch lange in die leere Schlucht hinunter, bis es zu dunkel wurde und er schließlich nichts mehr erkennen konnte.

Frustriert legte er sich hin. Sein Magen knurrte ihn in den Schlaf. Seine Träume waren verwirrend und sein Körper zuckte immer wieder. Zwischendurch stand er im Halbschlaf kurz auf, drehte sich zwei, drei Mal um die eigene Achse und rollte sich erneut auf dem kalten Boden ein. Sein Leib zitterte fast unmerklich.

Der modrige Geruch der Mammutherde weckte ihn auf. Das spärliche Tageslicht bildete erst einen schmalen, hellen Streifen am Horizont. Nun hörte er das Schnaufen der großen Tiere, welche sich durch die steile Schlucht hinaufkämpften. Er war augenblicklich hellwach. Seine Muskeln spannten sich an und sein Atem ging schneller. Jetzt nur keine Fehler machen!

Er verharrte still und horchte. Dann erschien der mächtige, pelzige Haarschopf des ersten Bullen hinter dem Felsband. Vorsichtig führte er die Herde Schritt für Schritt die schmale Schlucht hinauf.

Aufmerksam beobachtete er die Umgebung. Seinen Augen entging nichts. Er hatte die Verantwortung. Durch sein Verhalten überlebte die Herde oder sie starb.

„Duck dich! Mach dich klein!“, mahnte die innere Stimme des Raubtiers und der Körper verschmolz mit der Umgebung. Sein Herz begann zu rasen. Auf seinem Rücken stellten sich die Haare seines Fells auf und er spürte das Adrenalin in seine Adern schießen. Er musste zuerst die ganze Herde sehen! Wo befanden sich die Jungtiere? Es folgten ein junger Bulle und zwei Kühe. Erst mit etwas Abstand eine weitere Kuh mit ihrem Jungen an der Seite. Das Kleine stapfte unbekümmert neben dem schützenden, massigen Körper seiner Mutter her. Doch dann folgte in unmittelbarer Nähe ein weiterer Jungbulle. „Zu gefährlich!“, dachte sich der Jäger, „nie vor die Stoßzähne eines Bullen geraten!“

Schließlich passierten weitere sechs Tiere die Stelle, bis wieder ein Jungtier folgte. „Das ist es! Dieses Tier wirst du dir holen!“, zuckte es durch den Kopf des Lauernden. Doch dann folgten zwei weitere Kühe und schließlich wurde es ruhig.

Er wartete noch einen Moment, bis er sich entschloss, der Herde in sicherem Abstand zu folgen. Vielleicht ergab sich später noch eine Möglichkeit. Er erhob sich langsam und wollte sich in Bewegung setzen, als er aus der Schlucht Geräusche vernahm. Sofort kauerte er sich wieder ins dürre Gras und blickte zum Rand des Felsens. Plötzlich stürmte ein halbwüchsiger Bulle vorbei und versuchte den Anschluss an die Herde zu finden. Dicht gefolgt von einer Kuh mit ihrem Jungen. Aus irgendeinem Grund waren sie zurückgefallen und stapften nun ziemlich unvorsichtig durch die Schlucht. Den Blick starr auf die verschwindenden, letzten Tiere der Herde gerichtet.

Der Räuber kniff die Augen zusammen. „Jetzt!“, befahl ihm die innere Stimme und er schoss wie ein Pfeil aus dem Gestrüpp. Mit drei, vier weiten Sprüngen war er in der Schlucht und sprang genau zwischen die Mutter und das Kalb. Er brüllte so laut er konnte. Der Bulle war bereits an der schmalsten Stelle zwischen den Felsen angelangt und musste zuerst ein paar Schritte rückwärtsgehen, damit er sich drehen konnte. Die Kuh stieß einen durchdringenden Warnruf aus und warf sich dem Jäger entgegen. Doch dieser befand sich bereits im Rausch! Es war ihm innerhalb einer Sekunde gelungen, das Jungtier zur Flucht zu zwingen. Von seiner Mutter weg! Sofort war er hinter ihm und drängte es in die schmale Felsspalte. Doch die Kuh war bereits an ihm dran und versuchte ihn mit dem Rüssel zu fassen. Der Boden unter ihren Füssen bebte. Auch der junge Bulle war nun zur Stelle und versuchte den Jäger mit seinen Stoßzähnen zu treffen. Im letzten Moment schlüpfte die Katze zwischen den Felsen hindurch. Der laute Knall, als die Stoßzähne des wütenden Bullen an den Stein prallten, verriet dem Jäger, dass er nun freie Bahn hatte. Weiter konnten ihm die Großen nicht folgen.

Sofort setzte die Raubkatze zum Sprung auf das Jungtier an. Sie grub ihre Krallen in den Rücken und den Nacken des Opfers und brachte es zu Fall. Das Kalb schrie auf, als es gegen den Fels prallte. Der Jäger verspürte einen stechenden Schmerz im Rücken! Sofort löste er seine vorderen Krallen aus dem Fell seiner Beute und wollte sich auf den felsigen Boden fallen lassen, um erneut zuzubeißen. Es war aber bereits zu spät. Das junge Mammut hatte ihn zwischen sich und der Felswand eingeklemmt. Es versuchte sich aufzurappeln und rief kläglich nach seiner Mutter.

Der Jäger fasste mit den vorderen Pranken nach und versuchte den tödlichen Biss anzusetzen, doch sein hinterer Körperteil gehorchte ihm nicht mehr! Der stechende Schmerz lähmte ihn. Er stieß einen Schmerzensschrei aus. Das junge Mammut richtete sich wieder auf und gab den eingeklemmten Jäger frei. Normalerweise hätte sich dieser sofort wieder auf seine Beute gestürzt und sein Werk vollendet, doch er konnte nicht. Seine Hinterläufe gehorchten ihm nicht mehr. Von seinem Becken an abwärts schien es ein fremder Körper zu sein. Es war keine Bewegung mehr möglich. Verwirrt und knurrend vor Schmerz beobachtete er, wie sich das kleine Mammut langsam rückwärts bewegte und dem Ruf seiner Mutter folgte. Schließlich konnte es seinen gedrungenen Körper zwischen den Felsen wenden und humpelte aus der Felsspalte hinaus in die Schlucht zurück, wo es von der Mutter mit dem Rüssel umfasst und sofort aus der Gefahrenzone gezogen wurde.

Das wilde Rufen der restlichen Herde, welche vollständig zur Unterstützung zurückgeeilt war, verstummte und es wurde ruhig in der Schlucht.

Der Jäger brauchte einen Moment um zu verstehen, was eben passiert war. War es genau das, wovor ihn seine Mutter gewarnt hatte? Es konnte doch nicht sein, dass er, der große und gefürchtete Jäger hilflos wie ein Welpe im Dreck lag und sich kaum mehr bewegen konnte!

Sein Instinkt, sein Überlebenstrieb gab ihm nochmals Kraft. Er stützte sich auf die vorderen Pranken und versuchte seinen Körper aus der Felsspalte zu zerren. Doch nach wenigen Metern sackte er zusammen. Er keuchte, wimmerte. Er rollte sich ein und leckte seine tauben Hinterläufe. Immer und immer wieder. Doch nichts half. Mit einem Brüllen sackte er wieder in sich zusammen. Sein wild gehender Atem blies den Sand und den Staub vor seiner Schnauze weg. Dann wurde ihm schwarz vor Augen.

Er kam erst wieder zu Bewusstsein, als es schon tiefe Nacht war. Der Vollmond warf sein kühles Licht an eine der Felswände. Der Jäger zitterte vor Kälte. Den Schmerz im Rücken spürte er nur noch, wenn er versuchte, sich zu bewegen. Sein Hinterteil lag in einer Pfütze aus Kot und Urin. Er versuchte noch einmal sich auf alle Viere zu stellen, sackte aber sofort wieder zusammen. Sein Atem ging schwer.

Nach einer Weile vernahm er das Hecheln eines Tieres. Er riss den Kopf herum und starrte zum Ausgang der Felsspalte. Was er auf sich zukommen sah, stellte ihm die Nackenhaare auf und ließ ihn erschaudern.

Ein Canis dirus! Eines dieser ekelhaften Wolfartigen Monster kam direkt auf ihn zu. Er hasste sie! Sie jagen im Rudel und haben ihm schon mehrmals seine Beute abgejagt, für welche er zuvor Stunden oder Tage auf der Lauer gelegen hatte. Ihn anzugreifen haben sie nie gewagt. Er war zu groß und zu gefährlich für sie. Doch jetzt? So wehrlos wie er dalag? Ein weiteres und noch ein drittes Tier schlichen heran. Sie knurrten und zogen ihre Lefzen hoch. Sie fletschten ihre Fangzähne und ihr Speichel tropfte auf den Boden. Ihr stechender Blick durchbohrte das Opfer förmlich. Der verwundete Jäger versuchte sich aufzurichten und riss seine Schnauze auf. Als die Wölfe die Säbelzähne erblickten schreckten sie zurück und verharrten kurz in Lauerstellung. Schließlich kam noch ein viertes Tier dazu und gemeinsam näherten sie sich ihrem Opfer.

„Den ersten werde ich noch töten können“, dachte sich der Verwundete und ließ seinen Rachen offen stehen. Seine ausgefahrenen Krallen an den vorderen Pfoten suchten Halt in der Erde. In dem Moment, wo das Rudel zum tödlichen Angriff ansetzen wollte, ertönte von der Schlucht her ein lautes, kehliges Knurren. Sofort hielten die Wölfe inne. Das Opfer beobachtete die Szene aufmerksam, konnte sich aber die Abläufe nicht erklären.

Schließlich drängte sich ein riesiger, schwarzer Wolf zielstrebig zwischen dem Rudel hindurch und kam geradewegs auf die verwundete Säbelzahnkatze zu. Die anderen wichen unterwürfig zur Seite. Vor der Katze blieb der Schwarze stehen. Sie schauten sich direkt in die Augen. Ihre Nasen berührten sich fast. Jeder konnte den Atem des anderen riechen und spüren.

Es hatte etwas Hypnotisches. Sie verharrten eine ganze Weile in dieser Position. Dann gab der große, schwarze Wolf ein ganz leises Winseln von sich. Sofort machten alle anderen kehrt und trotteten aus der Felsspalte. Als Letzter folgte ihnen der Schwarze. Vor der Schlucht blickte er nochmals kurz zurück, blieb einen Augenblick stehen und verschwand dann schließlich im Dunkeln.

Der Säbelzahntiger verstand nicht, was gerade eben geschehen war. Er spürte aber, dass ihn der große, schwarze Wolf gerettet hatte. Doch was nützte es ihm?

Er erlebte noch vier Sonnenaufgänge und drei Monde, bevor er plötzlich immer leichter wurde, ihn eine kühle aber angenehme Wolke umhüllte und es für immer Nacht wurde.

Mitte November 1997. Yukon Territory, ca. 450 Kilometer nördlich von Dawson City

Rick Dempsey schloss die Tür seiner Blockhütte und legte den schweren Sperrbalken vor. Erst letzten Winter hatte der Sturm diese Tür aufgedrückt und Rick fand bei seiner Rückkehr die Hütte mit Schnee gefüllt vor. Das sollte ihm nicht noch einmal passieren. Zudem schützte der Balken gegen die Bären, welche auf der Suche nach Nahrung nicht selten ungesicherte Hütten verwüsten. Es war eine einfache aber sehr solide gebaute Hütte. Er musste dafür über hundert Bäume fällen, die Stämme bearbeiten und zuschneiden, bevor er sie lückenlos zusammenfügen konnte. Er wollte damals alles mit seinen eigenen Händen bauen. Doch nachdem er bereits zwei Sommer lang gebaut hatte und der nächste Winter nahte, bat er trotzdem seinen Bruder um Hilfe. Gemeinsam schafften sie es, das Dach vor dem ersten Schnee zu decken und den Ofen einzubauen. Der erste Winter war hart, da die Isolation noch fehlte. Rick brauchte unglaubliche Mengen an Holz, um die Hütte auf eine erträgliche Temperatur zu beheizen. Er verbrachte den ganzen Tag damit, Holz zu hacken, Schnee zu schmelzen und zu hungern. Ihm fehlte schlicht und einfach die Zeit, auf die Jagd zu gehen. Mittlerweile ließ es sich aber ganz gut wohnen.

Sein Blick verfinsterte sich, als er bemerkte, dass er keinen einzigen Stern am Himmel sehen konnte. Eigentlich hätte er in der Hütte bleiben und die weitere Wetterentwicklung abwarten sollen. Doch es drängte ihn nach draußen. Er wollte seine Fallen kontrollieren und vielleicht noch ein Tier schießen, bevor das Wetter endgültig umschlägt.

Seine sechs Schlittenhunde zerrten schon aufgeregt an ihren Leinen, mit denen jeder einzelne vor seiner eigenen Hundehütte angebunden war. Sie kannten das Ritual. Immer wenn Rick den Sperrbalken vorlegte, deutete dies auf eine längere Fahrt mit dem Schlitten hin.

Rick trat die Schlittenbremse in den harten Schnee vor der Hütte und führte einen Hund nach dem andern zur Leine. Er zog ihnen das Zuggeschirr an und kontrollierte ihre Pfoten. Rick schätzte die Temperatur auf etwa -30°C. Sollte es noch kälter werden und kein Neuschnee fallen, würde er den Hunden die Booties anziehen, um ihre empfindlichen Pfoten zu schützen. Doch im Moment war das noch nicht nötig. Die Tiere waren wie immer vor einer Fahrt aufgeregt und kaum zu bändigen. Rick musste eine genaue Reihenfolge einhalten. Jede Veränderung im Ablauf hätte die Tiere verunsichert.

Nach einer Weile waren alle Hunde vorgespannt. Rick warf nochmals einen Blick auf den bepackten Schlitten und griff sich an die Brusttasche seiner Daunenjacke. Er spürte das Jagdbuch, welches er immer mitführen musste. Auch wenn die Chance äußerst gering war, dass er hier draußen einem Constable der RCMP begegnen sollte, wollte er nichts riskieren. Wenn er ohne das Buch erwischt wird, konnte er seine Jagd- und Fallenstellerlizenz verlieren. Er musste jeden Abschuss und jede erfolgreich gestellte Falle dokumentieren und halbjährlich Rechenschaft abliefern. Auf diese Weise hatten die Behörden eine bessere Übersicht über die Tierbestände und konnten bei Überpopulationen entsprechende Abschusskontingente freigeben oder eben bestimmte Tiere vor Abschüssen bewahren. Es war ein laufender Versuch der Behörden, welchen Rick in seinem eigenen Interesse unterstützte.

Er prüfte den Sitz seines Gewehres in der Seitentasche des Schlittens und seiner „.45er“ Magnum am Gürtel. Dieser Revolver war illegal. Das wusste Rick genau. Aber seit seiner Begegnung mit dem wütenden Grizzly vor zwei Jahren, wollte er neben dem Gewehr noch eine Kurzdistanzwaffe bei sich haben. Damals überraschte er den gewaltigen Riesen eines Bären genau in dem Moment, als sich dieser über einen gerissenen Biber beugte und ihn zerfetzen wollte. So ziemlich die gefährlichste Situation überhaupt! Für den Bären war er in diesem Moment nichts anderes als ein Konkurrent, der ihm seine Beute abjagen wollte. Das Tier ging sofort zum Angriff über. Bis Rick sein umgehängtes Gewehr in Anschlag bringen konnte, war der Grizzly bereits über ihm. Er konnte zwar noch eine Kugel abfeuern, welche aber ihr Ziel verfehlte. Das Tier verpasste Rick einen Schlag an die Schulter, dass diese aus dem Gelenk sprang und er selber durch die Luft gewirbelt wurde. Er wurde regelrecht weggewischt und flog unter den liegenden Stamm eines geknickten Baumes. Das war sein Glück! Der Bär konnte ihn dort nicht mehr erreichen und ließ ziemlich bald von ihm ab. Benommen und von den Schmerzen gequält, musste Rick Stunden ausharren, bis sein Gegner den Biber fertig gefressen hatte und davon trottete. Wie hätte er sich damals einen Revolver gewünscht! Deshalb hat er sich einen illegal gekauft.

Sollte er damit erwischt werden, würde die Waffe eingezogen und eine Busse von achtzig Dollar fällig. Ansonsten hätte es keine Konsequenzen. Das war das Risiko wert.

In Gedanken ging er nochmals seine Checkliste durch. Feuer gelöscht. Kamin verschlossen. Wasserkrüge geleert. Fensterläden fixiert. Mitteilung mit Aufenthaltsort und Datum auf den Tisch gelegt. Sperrbalken vorgelegt. Leiter zum hochstehenden Vorratshäuschen weggelegt. Stacheldraht an den Beinstützen des Häuschens kontrolliert. Jagdbuch eingepackt. Nahrung für sich und die Hunde eingepackt. Ein wenig trockenes Holz und Anzündmaterial auf dem Schlitten. Kleines Notfallset in der Schlittentasche. Reservepatronen in der Schlittentasche. Stirnlampe, Reservebatterien und so weiter.

Diese Überprüfung war lebenswichtig. Dazu nahm er sich immer die nötige Zeit.

Nach einem letzten Blick zur Hütte, riss Rick den Anker aus dem Boden und gab den Hunden das Kommando loszulaufen. Die ersten Meter ließ er die Tiere immer voll antreten, um das Adrenalin wirken zu lassen. Nach ein paar Minuten drosselte