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Bergmann Alex

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Beschreibung

Romulus ist ein junger Soldat des großen Römischen Reiches. Als er auf einem Feldzug ins wilde Germanien ein niedergebranntes Dorf des Feindes entdeckt, findet er einen kleinen Jungen. Romulus, fasziniert von dem wilden Geschöpf, rettet ihn und muss plötzlich lernen, neue Verantwortung zu tragen. Symbolisch für das Land, in dem er gefunden wurde, erhält das Kind den Namen: Germania. Als der Senat beschließt, Germania nach Rom zu schicken, um ihn dort ausbilden zu lassen, trennen sich ihre Wege. Nach zehn Jahren wird Germania als römischer Soldat einem Feldzug nach Germanien zugeteilt, um ihn dort gegen sein ehemaliges Volk einzusetzen. Romulus, den seine Karriere inzwischen zum Senatoren gemacht hat, soll diesen Feldzug leiten und sieht sich nach all den Jahren einem vollkommen neuen Mann gegenüber. Er verfällt ihm (erneut auf ganz andere Art), doch er sieht sich einem Problem gegenüber: Germania will scheinbar nichts mehr von ihm wissen und ein großes Geheimnis umgibt den Germanen. Romulus muss sich überlegen, will er Germanien erobern oder Germania.

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Seitenzahl: 398

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Alex Bergmann

Gefunden -in den Armen des Feindes

Himmelstürmer Verlag, part of Production House, Hamburg

www.himmelstuermer.de

E-Mail: [email protected]

Originalausgabe, Februar 2017

© Production House GmbH

Nachdruck, auch auszugsweise, nur mit Genehmigung des Verlages.

Zuwiderhandeln wird strafrechtlich verfolgt

Rechtschreibung nach Duden, 24. Auflage

 

Coverzeichnung: Debora Gelbrecht

 

Umschlaggestaltung: Olaf Welling, Grafik-Designer AGD, Hamburg. www.olafwelling.de

E-Book-Konvertierung: Satzweiss.com Print Web Software GmbH

 

Printed in Germany

 

ISBN print  978-3-86361-626-7

ISBN e-pub  978-3-86361-627-4

ISBN pdf  978-3-86361-628-1

 

 

Alle hier beschriebenen Personen und alle Begebenheiten sind frei erfunden. Jede Ähnlichkeit mit lebenden Personen ist nicht beabsichtigt.

DIEMänner zogen voran. Ständig im unermüdlichen, trägen Takt. Die Sonne schien hinter einer dicken Wolkendecke, kaum sichtbar, in der kühlen Morgenluft. Ein wenig mehr Wärme und blauer Himmel wären schön gewesen, auch wenn es das Marschieren erschwert hätte.

Ich hatte ein Pferd. Als Gruppenführer schätzte ich die Privilegien, vergaß aber nicht meine Männer, die die weite Strecke vom Lager zu Fuß bewältigen mussten. Wir waren im Auftrag des Legaten unterwegs, den Nachschub vom nächsten Versorgungspunkt zu sichern. Nicht nur unsere Zenturie war damit vertraut worden, aber wir waren der führende Trupp. Wenn ein Angriff stattfand, wären wir die Ersten, die es merken und abbekommen würden. Eine Ehre, die ich mir vom Hauptmann für Ungehorsam und Widerrede eingefangen hatte.

„Romulus, dort ist der Weg zu Ende.”

Einer der berittenen Späher kam zu mir ans Pferd.

„Es scheint, dass der Sturm gestern Nacht einige Bäume auf den Pfad gekippt hat.”

„Oder die Wilden”, murmelte ich und runzelte die Stirn. „Wir werden den Weg nehmen, der den Männern am wenigsten Widerstand bietet. “

Der Befehl wurde weitergegeben und damit wir die anderen Gruppen hinter uns nicht aufhielten, marschierten wir zügig voran.

Wir fanden einen Pfad. Zwar schien dieser ein weiter Umweg zu sein, aber er ließ sich recht gut begehen. Die ganze Zeit über sah ich mich verstohlen um, achtete auf Anzeichen von Germanen oder deren Fallen und Hinterhalte. Doch alles verlief ruhig und nach Plan.

Ich wollte in keinen Kampf geraten. Meine Karriereleiter im Militär war steil nach oben fixiert und ich war noch jung und scheute körperliche Gewalt nicht. Aber ich hatte Respekt vor den Germanen und ein gewisses Interesse. Bis jetzt hatte ich noch nicht viele von ihnen töten müssen, aber ich war Soldat und in einem fremden, wilden Land.

Der Tag war feucht und das Klima machte uns zu schaffen. Ebenso die Umgebung. Dichter Wald, ständiger Regen und die nie endenden Angriffe der Germanen machten es uns seit Monaten schwer. Die Männer waren müde und erschöpft. Vielleicht war dies der Grund, dass wir das Dorf erst bemerkten, als wir schon fast davor standen.

Der Grund für unsere späte Aufmerksamkeit könnte aber auch sein, dass es kaum noch als Wohnstätte zu erkennen war. Anhand der verbliebenen Gebäude und einiger Toten war abzulesen, dass es sich um ein Germanendorf handelte. Verkohlte Hütten, verstümmelte Leichen und der beißende Gestank von Rauch, Blut und verbrannten Fleisch schoss vor uns aus der Nebelwand.

Sofort blieb alles stehen. Die Männer blickten sich unsicher um und einige begannen sogar etwas zurückzuweichen. Eiserne Stille griff um sich.

„Keine Angst, dieses Dorf ist gefallen. Es wurde von römischer Hand zerschlagen. Für eine römische, glorreiche Zukunft.”

Die nächste Zenturie tauchte hinter uns auf und der führende Lagerkommandant, Präfekt Nevio, ritt widerlich stolz grinsend neben mich, als hätte er selbst das Schwert zum Kampf erhoben und den Sieg davongetragen. Ich räusperte mich verächtlich und schluckte den passenden Kommentar.

„Zenturio Romulus, du und deine Männer durchsuchen das Dorf nach Überlebenden und Flüchtigen. Kein Germane wird verschont!”

Die Soldaten unter meiner Führung zögerten und sahen mich fragend an. Doch der aufgeplusterte Schreihals war in der Rangfolge über mir und so nickte ich nur grimmig, stieg vom Pferd und machte mich mit den anderen an die Arbeit, den schrecklichen Auftrag auszuführen.

Germanische Krieger gaben nicht auf und rannten schon gar nicht davon. Also würden wir höchstens Frauen, Kinder oder Verletzte vorfinden. Wehrlose Menschen, die kein Verbrechen begangen hatten, als ihr traditionelles Leben zu leben und an falsche Götter zu glauben.

Verbissen trat ich gegen den blutigen Helm eines Römers. Ich war nicht in der Laune, unschuldiges Blut zu vergießen, selbst nicht das von unserem Feind. So suchte ich mir eine Hütte aus, die am abgelegensten war und am verlassensten schien. Das Dach hatte gebrannt und kalte Kohlen zeugten von mindestens drei vergangenen Tagen und Nächten, die seitdem vergangen waren.

In meinen abschweifenden Gedanken dachte ich an mein Schlaflager mit der warmen Decke und mein Buch für Rhetorikkünste, welches mein Vater mir einst gegeben hatte.

Ich betrat die kleine, dunkle Hütte und dachte daran, einfach hier drin zu verweilen und zu warten, bis alles erledigt war. An die Wand gelehnt, rang ich mit meinem Stolz und meinem Pflichtbewusstsein. Die Einrichtung in dem einzelnen runden Raum war schlicht. Ein paar einfache Schlaflager aus Heu, zerschlagene Krüge und Schalen. Dieses Heim hatte, anders wie üblich, keinen angrenzenden Stall, aber ich konnte zwischen all dem erkalteten Rauch den unverkennbaren Geruch von Blut wahrnehmen.

Einige Strähnen meiner dunklen Haare fielen mir stetig ins Gesicht und mit einem Seufzen strich ich sie zurück. Als ein plötzliches Knacken mich in der Bewegung innehalten ließ.

Sofort war meine Hand an meinem Schwert und mein Blick huschte kampfbereit ein zweites Mal durch die dunkle Hütte. Doch das Einzige, was ich fand, war ein Bündel Fetzen am Ende des Raumes. Ich war schon fast beruhigt, als ich die großen blauen Augen und das lange, blonde, verfilzte Haar darin sah.

Es war ein Kind. Ein Knabe.

Ich steckte langsam meine Waffe weg und blinzelte erstaunt und auf eine seltsame Art fasziniert. Das Geschöpft vor mir hockte zusammengekauert im Schatten einer Ecke. Zerfetzte, dreckige Kleidung, blasse Haut, dünn und schwach. So hilflos und trotzdem hinreißend. Dieser Ausdruck in den Augen, der hinter Angst und Panik saß. Stark, stolz, fest entschlossen zu überleben.

Ich schritt vorsichtig näher, um den Kleinen nicht zu erschrecken und ging in einiger Entfernung auf die Knie, um genauer in seine Augen blicken zu können. Vielleicht ein großer Fehler, der größte meines Lebens.

Dieses klare Blau nahm mich vom ersten Moment an gefangen und riss mich in seinen Bann. Hinter struppigen Haaren und einem zwischen Knien verstecktem Gesicht starrten mich diese Augen an.

Ich konnte mir nicht helfen, meine Hand auszustrecken und die Strähnen aus seinem Gesicht zu streichen. Er zuckte zusammen, wich aber nicht aus. Oder konnte es gar nicht. Ob er schon seit drei Tagen hier hockte? Ohne Familie, ohne Essen, Trinken, Schutz oder Hoffnung?

„Bist du in Ordnung, Kleiner? Irgendwo verletzt?”

Keine Reaktion. Schnell holte ich aus meiner Tasche einen Wasserbeutel und meine letzten Proviantreste.

Die stechenden Augen folgten jeder meiner Bewegungen. Sie ließen mich nicht los, selbst als ich das Wasser an seine Lippen setzte und ihm zum Trinken brachte. Gieriges, leises Schlucken, dann Husten und ein klägliches Zittern.

Flüchtig sah ich mich um. In der gegenüberliegenden Ecke des Raumes lag ein altes, schmutziges Fell, an manchen Stellen versengt, doch noch immer brauchbar. Als ich es aufhob, stieg mir Rauchgeruch entgegen und ich sah die großen Brandlöcher, aber es war besser als gar nichts.

Ich hockte mich wieder vor den Jungen und zog ihn an den Schultern nach vorn. Widerstandslos folgte er jeder meiner Bewegungen. Er hatte noch nicht einmal genug Kraft, auf den Beinen zu bleiben, als ich ihn, in das Fell gewickelt, aufstellte. Mit schwachen Wimmern sank er zum Boden zurück auf seine Knie. Mitleidig sah ich auf die kauernde Gestalt nieder.

Von draußen erklang plötzlich ein Frauenschrei und dann noch einer. Mit grausamer Gewissheit verstummten beide. Mein Befehl kam mir wieder in den Sinn und hektisch stellte ich sicher, dass ich immer noch allein mit dem Germanenjungen war.

Dieser schien nichts von den brutalen Morden außerhalb der Hütte mitzubekommen oder sich einfach nicht dafür zu interessieren. Er ließ einfach nur den Kopf hängen und diese wunderbaren hellen Haare fielen in sein Gesicht und verdeckten dabei jede Mimik und Regung.

Egal wie sehr ich eigentlich sollte und müsste, ich konnte dieses Geschöpf nicht töten. Ich würde ihn mitnehmen. Mich um ihn kümmern, ihn heilen und eine Zukunft geben. Vielleicht auch erst einmal einfach nur aus dieser Hölle holen und der Rest würde sich später ergeben. Darum machte ich mir Gedanken, wenn es soweit war.

Was ich mir da auferlegte, war mir bewusst und ich würde nicht ohne Bestrafung davonkommen. Doch es fühlte sich gut an. Als ob ich das erste Mal in meinem Leben das Richtige tun würde, das erste Mal etwas Gutes. Nach den vielen Monaten in diesem blutigen, grausamen Land, wollte ich einfach mal Leben erhalten, statt es zu nehmen.

Ohne weiter zu zögern, legte ich meine Arme um den Jungen und hob ihn hoch. Sein Kopf sank auf meine Schulter und blieb dort reglos liegen. Der kleine Körper war federleicht und selbst durch die Decke und meine Kampfkleidung konnte ich sein Herz heftig schlagen hören. Oder war es mein eigenes? Langsam schritt ich aus dem Haus in den nebligen Morgen.

Den Kleinen presste ich fest an mich, als ich zu meinem Pferd und meinen Männern kam. Das Bündel in meinen Armen drückte sich an meine Rüstung und verbarg sein Gesicht unter den struppigen Haaren, als verstecke er sich vom Rest der Welt.

Es schien alles erledigt, einige Schwerter der Soldaten schimmerten noch rot.

„Rom, was hast du da?”

„Einen Jungen.”

Die Männer um mich tauschten lange Blicke aus. Eine gefährliche Spannung wuchs. Es war die Entscheidung zur Wende. Würden sie sich gegen mich stellen oder es akzeptieren?

„Ich habe einen Apfel. Hat es Hunger?”

Ich lächelte den Soldaten dankbar an und nahm die Frucht entgegen.

„Was soll das hier bedeuten?”

Der Lagerkommandant kam auf seinem Pferd an und trennte die Gruppe um mich. Sein Blick lag abwertend auf dem Jungen und ich legte automatisch beschützend die Hand auf den kleinen Kopf.

„Der Befehl wurde ausgeführt. Wir sind bereit zum Weitermarsch”, berichtete ich kühl.

„Anscheinend ja nicht. Warum hast du dieses Balg auf dem Arm? Leg es ab und erledige es!”

Die Stiefelspitze kam dem verletzlichen Körper gefährlich nah. Schnell wich ich zurück und funkelte wütend zu dem Kommandanten auf.

„Nein”, knurrte ich und für einen Moment schien der andere entsetzt. Er starrte zurück und schien mit bloßem Blick töten zu wollen. Die Macht lag bei ihm, doch er wusste auch, dass ich mich hoher Beliebtheit bei den Männern erfreute und er meine Hilfe als Soldat, Zenturio und Stratege eines Tages gebrauchen würde.

Ich gab den wortlosen Rangkampf nicht auf und das schwache Atmen des Germanenjungen ließ mich durchhalten, bis der Kommandant schließlich fluchte und sein Pferd wendete.

Erleichtert nickte ich meinen Männern zu und als ich mich mit meinem Findling zurück in den Sattel setzte, ging der Zug weiter.

Der Jung in meinen Armen hatte aufgehört zu zittern. Sein Atem war nun gleichmäßig und warm an meinem Hals. Er war so nah und ich fühlte ihn als lebendiges Wesen. In diesem Moment verstand ich, was es bedeutete, ein Leben zu schätzen, trotz aller Rassenunterschiede.

Ich würde erst in den kommenden Jahren das Alter der juristischen Volljährigkeit erreichen und meine Eltern waren verstorben, bevor sie mich verloben konnten. Also war ich noch weit von einem eigenen Sohn entfernt. Doch in diesem Moment schlug mein Herz voller Beschützerinstinkt und Zuneigung.

„Ist es in Ordnung, wenn ich dich Germania nenne? So wie dein Land.”

Behutsam strich ich über den blonden Schopf.

„Du brauchst jetzt nichts mehr zu befürchten, du stehst unter meinem Schutz. Ich bin Romulus, aber meine Vertrauten nennen mich nur Rom.” Ich zeigte mit einer Hand auf meine eigene Brust: „R-O-M.”

Kalter Morgenwind wehte durch die kräftigen Äste, doch der kleine Körper strahlte seine eigene Hitze aus. Das Land und seine Wildnis schienen auf einmal nicht mehr ganz so befremdend und gefährlich mit dem Blonden auf meinem Arm. Ich hatte einen mir unbekannten Teil des Landes entdeckt und es öffnete eine Tür in mir zu einem Korridor, der mir bisher verschleiert gewesen war.

„Keine Angst, du bist nicht mehr verloren. Ich habe dich gefunden.”

GEHEILT

WIRhatten unseren Auftrag ausgeführt und kehrten mit reichlich Versorgung zurück. Als wir im Lager ankamen, war der Kleine eingeschlafen. Das war mehr als verständlich, nach dem was er durchgemacht haben musste.

Der Kommandant würdigte uns in seinem Stolz keines Blickes, doch ich konnte mich darauf verlassen, dass er Germania nicht vergessen würde. Das schürte besorgte Vorsicht in mir. Es sollte mir nicht so wichtig sein, aber ich würde meinen Findling mit allem beschützen, was ich aufbringen konnte.

Meine Männer im Gegensatz waren hoch interessiert an dem Jungen. Wir hatten alle seit Monaten nichts anderes erfahren als Totschlag, Marschieren, Soldaten und das harte Leben in der Legion, so dass ein Kind im Lager eine Art Attraktion war.

Jeder wollte ihn sehen oder seine goldenen Haare berühren. Nur mit Mühe konnte ich die Schar vertreiben, um dem Kleinen Ruhe zu geben. Ich legte ihn auf mein Schaflager und hielt den geschwächten Körper mit Decken warm. Da ich Gruppenführer war, hatte ich nicht nur ein Pferd, sondern genoss auch das Privileg eines eigenen Zeltes. So konnte ich beruhigt neben ihm sitzen und meinen Fund beim Schlafen betrachten.

Trotz all dem Dreck, der zerschlissenen Kleidung und dem verfilzten Haar, sah er immer noch faszinierend aus, so fremd. Gerade wenn er so unschuldig und sorglos schlief. Was wohl so besonders an ihm war? Vielleicht, dass er anders als jedes römische Kind schien, was ich bis jetzt getroffen hatte. Oder schlicht sein Wesen, das man jetzt schon in ihm erkennen konnte. Mit diesen Gedanken und dem langen Ritt hinter mir, musste ich irgendwann eingedöst sein.

 

Als ich erwachte, lag er immer noch unverändert neben mir. Doch nun starrten mich diese tiefblauen Augen an. Sie sahen mich einfach nur an, ohne Regung oder Emotionen. Gebannt erwiderte ich seinen Blick.

Draußen war es nach wie vor Tag und schwaches Licht schien durch die Stoffzeltwand. Stimmengewirr und geschäftiges Treiben drangen, wie aus einer anderen Welt, zu uns. Weit weg und abstrakt. Dann kam ich mir einfältig und irr vor, am frühen Nachmittag mit einem Germanenkind in meinem Zelt zu sitzen. In der Legion konnte Schwäche aus vielen Dingen gelesen werden. Ein Bericht musste erstattet werden und der Legat wartete nicht gern.

Ich rappelte mich auf und betrachtete den Jungen genauer. Was sollte ich jetzt mit ihm machen? Beschlossen war, dass er erst einmal bei mir bleiben würde. Doch war das so schlau? Wie sollte ich mich um ihn kümmern? Sollte ich ihn verstecken? Keine gute Taktik. Ich musste dem Legaten irgendwie klarmachen, dass es eine gute Idee war, einen Germanen im Lager zu haben. Wenn ich ihn überzeugen könnte, dass er eines Tages nützlich sein würde, könnte es klappen.

Inzwischen hatte der Junge sich aufgesetzt. Seine Miene und sein Ausdruck unverändert. Ich hockte mich vor ihn und er wich nicht zurück. Vielleicht hatte er sich schon ein wenig an mich gewöhnt oder er war noch zu benommen vom Schock.

„Hast du Hunger? Tut dir irgendwas weh?”

Er blinzelte nur und ich bezweifelte, dass er überhaupt irgendetwas von dem verstand, was ich sagte. Ich seufzte.

„Hunger? Essen?”

Vorsichtig legte ich meine Hand auf seinen Bauch. Die großen Augen sahen mich stumm von unten heran an.

„Ich denke, das heißt ja”, beschloss ich und griff um seinen hageren Körper, um ihn hochzunehmen.

Noch immer in einer Decke und sicher in meinen Armen traten wir nach draußen. Dieses Mal versteckte er seinen Kopf nicht an meiner Schulter, sondern blickte aufmerksam umher.

Das Lager mit all den Zelten, Pferden, Feuerstellen, Waffen und fremden Menschen musste vollkommen neu und erschreckend auf ihn wirken. Seine kleine Hand an meiner Brust krampfte sich fest in mein Hemd.

Ich lief mit ihm zum Versorgungszelt und versuchte so wenig Aufmerksamkeit wie möglich auf uns zu ziehen. Doch das wäre mir wohl besser gelungen, wenn ich nackt auf Hannibals Elefanten geritten wäre. Köpfe drehten sich zu uns um und Blicke folgten jedem meiner Schritte. Jedoch wagte es niemand, mich anzusprechen oder mir sogar zu folgen. Es hatte sich wohl herumgesprochen, dass ein Germanenkind im Lager war und hoffentlich auch, dass es unter meinem Schutz stand.

Der verantwortliche Legionär im Versorgungszelt gab mir jedenfalls bereitwillig und ohne es zu hinterfragen, was ich verlangte. Einen Apfel, Brot mit ein wenig Fleisch und etwas Wasser hatte ich dem Kleinen besorgt, was er sogleich begann gierig zu essen.

Ich saß mit ihm hinter den Zelten etwas abgelegen und nahe dem Wald. Auf einem Baumstumpf machte ich es mir bequem und beobachtete, wie er sich auf meinen Beinen alles in den Mund stopfte, was seine Finger zu greifen bekamen. Als hätte er Angst, man könnte es ihm wieder wegnehmen. Ich hatte mich zum Wald gedreht und ihn mir zugewandt, sodass ich ihn mit meinem Körper vom Rest des Lagers verdecken konnte.

Die kleinen Hände umklammerten das Essen und seine Konzentration lag vollkommen auf dem Apfel vor ihm. Es war eine Freude, ihn so lebendig und aufgeregt zu beobachten. In diesen Augen Leben zu sehen und nicht den kalten Tod, gab mir die Bestätigung, das Richtige getan zu haben. Ich konnte mir ein Lächeln nicht verkneifen und strich sein verstrubbeltes Haar sanft aus seiner Stirn. Sofort hielt er inne und blickte auf. Musternd, fragend, verwirrt, unsicher und vielleicht sogar ein wenig dankbar.

„Du willst leben, nicht?! Egal wie, du wirst leben.”

Als ob er den Sinn der fremden Worte spüren würde, nickte er leicht.

„Rom!”

Wir wurden von fünf meiner Männer entdeckt, die sich grinsend um uns stellten. Alles gute Soldaten, vertrauenswürdige Untergebene und gleichzeitig Freunde.

„Hier hast du dich versteckt.”

„Wir haben nach dir gesehen.”

Die Blicke fielen auf den Blonden.

„Oh, ist er schon wieder auf den Beinen? Geht es dem Kleinen besser?”

Meine rechte Hand Aulus, ein hochgewachsener Mann mit freundlichen, braunen Augen, kniete sich vor das Kind.

„Na du, wie heißt du denn?”

Wie ich es nicht anders erwartet hatte, bekam er nur diesen kalten, uninteressierten Blick, den diese erstaunlich blauen Augen so gut vergeben konnten. Schnell drehte der Blonde den Kopf und wich zurück, bis er gegen meine Brust stieß.

„Sein Name ist Germania”, antwortete ich für ihn.

„Hmm und was willst du jetzt mit ihm machen? Ich meine, er ist ja ganz niedlich, aber das wird den Legaten kaum überzeugen.”

Ernst betrachtete ich die Gesichter um mich.

„Ich werde ihn schon dazu bringen, den Jungen am Leben zu lassen.”

„Zeig ihm doch den Knaben, vielleicht lässt er sich ja erweichen.”

„Aber wasch ihn vorher und gib ihm etwas Ordentliches zum Anziehen.”

Das war sicherlich keine schlechte Idee.

„Wie steht es denn zurzeit mit dem Wasserkessel?”

„Es ist noch ziemlich früh, da sollte er unbenutzt sein. Soll ich ihn erhitzen gehen?”

Ich nickte und sah einen der Männer davoneilen.

„Aber was soll er anziehen? Wir werden wohl kaum Kinderkleidung im Lager haben”, warf einer der anderen ein.

„Ich kann etwas nähen.”

Mein Blick huschte erstaunt zu Aulus. Er war schon einige Zeit mein Untergebener, aber das hätte ich ihm nicht zugetraut.

„Meine große Schwester Erike hat sich den Scherz erlaubt, mir als Knabe die Handarbeit beizubringen. Ich könnte notdürftig etwas machen und solange trägt er eben Roms Hemden.”

Das war nicht die feine römische Art, aber ein Anfang.

Mit einem Nicken entfernten sich die Männer und ich war wieder allein mit dem Blonden. Ich hatte das Gefühl, dass weit mehr hinter uns standen, als ich gedacht hatte. Das würde es einfacher machen, Germania hierzubehalten.

Dieser hatte inzwischen alles Essen verspeist und mit klebrigen Fingern und verschmiertem Gesicht sah er mich mit diesem undurchschaubaren Blick an.

„Na dann komm mal, lass uns dir ein Bad geben.”

Er wich nicht zurück, als ich ihn berührte und das erfüllte mich mit gewissem Stolz. Vielleicht war es Eitelkeit, dass ich allein es schaffte, einen Wilden zu zähmen. Aber vielleicht war es auch einfach nur die Genugtuung des Vertrauens, die er einzig mir entgegenbrachte.

Wir benutzten einen hohen Pferdetrog, in dem der Kleine gerade so sitzen konnte. Das heiße, erhitzte Wasser mischten wir mit kaltem aus dem nahegelegenen Fluss und sogar ein wenig Seife ließ sich auftreiben. Da ich nicht wusste, wie er auf den Badeversuch reagieren würde, schickte ich alle außer Aulus weg.

Dann entkleidete ich den zierlichen Kinderkörper. Vor Kälte zitternd stand er dann vor uns. Aulus sah mich vielsagend an und ich runzelte ernst die Stirn. Germanias blasse Haut war überzogen von Schrammen, blauen Flecken und Prellungen. Was hatte der Junge durchgemacht? Kam das alles von dem Überfall seines Dorfes? Es war wenig über das Leben der germanischen Völker bekannt, aber der geschundene Kinderkörper vor uns erzählte Bände.

„Hartes Leben hier draußen. Kein Wunder, dass uns die Kerle schon seit Monaten auf Trab halten”, bemerkte Aulus beiläufig und brach dadurch die unangenehme Stille.

Schnell setzten wir Germania in den Kübel voller warmen Wassers und begannen mit Stofflappen seine Haut zu reinigen. Er war wirklich ziemlich blass und ausgezehrt. Nachdem der ganze Dreck verschwunden war und wir seine Haare gewaschen und geordnet hatten, betrachtete ich ihn, während ich meine Hände an meiner Hose trocknete.

„Ohne den ganzen Schmutz sieht er richtig süß aus.”

„Ein bisschen wie ein Mädchen mit den langen Haaren.”

Aulus zog einen Dolch aus dem Gürtel.

„Wir sollten es schneiden.“

Das Messer hatte gerade die erste goldene Strähne an der Klinge, als ich hastig dazwischen ging und Germania zu mir zog.

„Warte, schneide es nicht!”“

Aulus sah mich verwundert an. „Warum nicht?”

„Es ist so schön. Schau nur, wie es im Licht schimmert.”

Bedächtig fuhr ich mit den Fingern durch das nasse Gold und begann dann ihn trockenzureiben.

„Außerdem sind seine langen Haare wahrscheinlich das Letzte, was ihm von seinem Volk übriggeblieben ist.”

„Wenn du meinst.”

Als ich den Kleinen eines meiner Hemden überstülpte, musterte er mich aufmerksam und einmal bewegten sich seine Lippen, als wolle er etwas sagen. Aber er blieb stumm.

„Es ist ein bisschen groß, aber es sollte erst einmal gehen.”

Grinsend schenkte ich ihm ein Lächeln und krempelte die Ärmel hoch, bis seine kleinen Hände zum Vorschein kamen.

„Du solltest jetzt den Legaten aufsuchen”, erinnerte mich Aulus.

„Ja, wir gehen besser.”

Ich streckte Germania meine Hand entgegen und zum Erstaunen meines Untergebenen nahm dieser sie sofort an. Trotz des Wassers waren die zierlichen Finger warm. Zögerlich erwiderten sie den Druck. Für einen kurzen Moment fühlte ich mich, als wäre ich Vater geworden. Nach all dem Schmerz und der Verwirrung in meiner Familie, war das ein Gefühl, was ich nicht erwartet hätte, aber dennoch genoss.

GEORDNET

DASHauptzelt war größer als alle anderen. Es gehörte dem Legaten und diente ihm als Privat- und Besprechungszelt. Schon oft war ich durch die Stoffklappe getreten, um Aufträge entgegenzunehmen oder einschläfernde Vorträge von den Taktikern und Präfekten zu ertragen.

Legat Fabian war ein alter Mann und schon seit langen Jahren im Senat. Doch seine Vergangenheit als Legionär schien ihn nicht loslassen zu können und so zog er mit seiner Kohorte in die Felder. Zum Glück kannte ich Fabian schon seit meiner Kindheit und als Bekannter meines Vaters hatte er immer ein offenes Ohr für meine Karriere. Manchmal dachte ich sogar, er würde mich gut leiden können. So gut wie es bei diesem Mann eben ging.

Germania hing noch immer an meiner Hand und sauber, mit dem viel zu großen Hemd, sah er hinreißend putzig aus. Er hatte alles, was man in unserem Land nicht finden konnte und in seinem jungen Alter konnte man ihm einfach die Sünden seines Landes nicht übelnehmen.

Als die Dunkelheit des großen Zeltes uns verschlang, klammerte sich die kleine Hand ein wenig fester an mich. Fabian stand an einem Tisch über eine Karte gebeugt. Mehrere seiner Männer um ihn, diskutierend, ehrfürchtig nickend.

„Legat Fabian”, meldete ich mich mit fester Stimme und als mich die stechenden, grauen Augen fanden, straffte ich die Brust.

Ich schlüpfte in meine Rolle, die ich gut beherrschte.

„Romulus.” Der Ältere nickte den anderen zu und sie ließen uns allein.

„Du bist spät. Ich bin es nicht gewöhnt von dir, dass du deine Pflicht vernachlässigst. Präfekt Lagerkommandant Nevio hat den Bericht für dich abgegeben.”

Seine Stimme war kühl und bei dem Tadel biss ich die Zähne zusammen. Kein guter Anfang. Zudem war Nevio der Mann, der uns den Befehl zum Ausrotten der Überlebenden des germanischen Dorfes gegeben hatte.

„Ich habe auch über dein Fehlverhalten und von dem kleinen Germanenjungen gehört.”

Sein Gesicht, kalt und ausdruckslos, sah herab auf Germania. Er kam etwas näher und seine Augen veränderten sich ein wenig. Ich wusste, jetzt sprach er zu mir und nicht dem Soldaten.

„Du bist schon lange unter meiner Hand, Romulus. Ich weiß, dass du nichts Unüberlegtes tust. Was hast du dir dabei gedacht? Einem kleinen Wilden das Leben zu schenken und ihn in ein römisches Militärlager zu bringen!”

Das war meine Gelegenheit.

„Es mag zwar bizarr klingen, aber dieses Kind vom Feind könnte uns von großem Nutzen sein.”

„Nutzen?”

Jetzt kamen wir zurück zum Geschäftlichen.

„Wenn wir ihn als Römer erziehen, gibt es eine Menge Wege, ihn zu benutzen.”

„Ah.”

Skeptisch betrachtete Fabian Germania genauer. Der Druck der kleinen Hand wurde fester und ich erwiderte ihn beruhigend.

Als der Legat sich wieder zu mir wandte, wusste ich, dass wir fürs Erste gewonnen hatten.

„Das ist ein guter Gedanke. Es könnte sich lohnen. Aber er kann nicht hierbleiben. Er muss eine Schule in Rom besuchen und Kultur, Sprache und Wissenschaften lernen.”

Stumm nickte ich.

„Das kann ich allerdings nicht allein entscheiden. Der Senat muss darüber nachdenken. Ich werde ein Schreiben in die Hauptstadt senden. Bis dahin bist du für den Knaben verantwortlich.”

Mein Herz wurde vor Erleichterung warm.

„Jawohl!”

„Dann darfst du dich jetzt entfernen.”

Mit einem zackigen Gruß verließen wir das Zelt. Die Sonne ging gleich unter und der Abend begann kalt und regnerisch.

In der Nacht stürmte es. Harter Wind rüttelte an den Bäumen und das Wasser stürzte haltlos aus den Wolken. Blitze malten die wirren Schatten der Äste gegen die Zeltwand und Donner erschütterte den Himmel.

Ich saß an einem schmalen Tisch und arbeitete unter flackerndem Kerzenlicht. Trotz allen Geschehnissen durfte ich nicht meine Zukunft vergessen. Leichte Kopfschmerzen machten es allerdings schwer, sich vollkommen auf die Dokumente vor mir zu konzentrieren. Und der Gedanke an ein fremdes Wesen in meinem Schlaflager war noch viel ablenkender. Die Frauen und Prostituierten zuvor waren etwas ganz anderes. Dieses Mal war es etwas Reines, Unschuldiges, für das ich Verantwortung übernommen hatte.

Mit einem letzten Schwung der Feder beendete ich mein Tun. Die kleine Flamme der Kerze wurde ausgeblasen und das Zelt tauchte in Dunkelheit.

Als ich mich umdrehte, erhellte ein Blitz die Luft und ich sah den Kleinen in seinem langen Hemd am Eingang des Zeltes stehen. Mit dem Rücken zu mir, Haare feucht vom Regen und Augen fest nach draußen gerichtet. Leise schritt ich zu ihm und zog ihn am Arm sacht herein. Er blickte sich um, beinah konnte ich die Regung im Blau seiner Augen lesen.

„Magst du Gewitter?”

Ich hob den Finger und wir lauschten dem Rauschen des Regens und dem Dröhnen des Donners. Germania faltete die Hände vor der Brust und senkte den Kopf. Erst dachte ich, dass er Angst hatte, doch er zitterte nicht und das Blau glänzte schimmernd. Dann begann er die Lippen zu bewegen. Sanft und langsam. Doch es kamen keine Töne. Er sang ohne Worte. Diese kleine Person, im Sturm, in eine fremde Welt gezogen und er sang.

Ich hockte mich vor ihn und beobachtete seine stille Vorführung. Natürlich wusste ich, dass es nicht mir gewidmet war, sondern irgendwelchen Göttern oder vielleicht sogar seiner Familie. Aber welchen Ursprung es auch hatte, es berührte mich.

Irgendwann stoppte er. Er hob den Kopf und sah mich an. Lächelnd lobte ich ihn. Ich strich über seinen Kopf, wie ich es an diesem Tag schon oft getan hatte. Seine Haare waren fein und weich. Sie nicht zu schneiden, war die richtige Entscheidung gewesen. Es ließ ihn besonders und anders erscheinen. Genauso wie er auch war.

Mit einer Bewegung des Kopfes deutete ich an, sich wieder ins Bett zu legen. Doch er saß nur unter der Decke und starrte zum Ausgang. Beinah befürchtete ich, er würde weglaufen wollen. Eigentlich hatte ich geplant, im Sitzen irgendwo zu schlafen, doch jetzt entschied ich spontan mein Bett selbst in Anspruch zu nehmen. Ich entledigte mich meiner Schuhe und der überflüssigen Kleidung, bis ich nur noch in meiner wollenen Untertunika dastand und rutschte mit unter die Decke. Angst hatte er keine, das wusste ich. Nicht vor mir.

Als ich mich legte und mich auf meinen Arm stützte, schien er zu verstehen und ließ sich schließlich auch nieder. Zögerlich rollte er sich zusammen und schloss die Augen.

„Guter Junge”, lächelte ich zufrieden.

Ich wusste, dass hier in diesem Moment auf diesem Nachtlager Vertrauen wuchs, doch ich war mir nicht sicher, ob ich daran glauben durfte.

Als ich erwachte, war das Erste, was ich sah, dieses eisige Blau. Er regte sich nicht, als warte er auf Erlaubnis.

„Guten Morgen, Germania.”

Schnell wandte er den Blick ab. Langsam fragte ich mich, ob er überhaupt sprechen konnte. Bis jetzt hatte ich ihn noch kein Wort sagen hören. Aber unter den Umständen wusste ich, dass ich ihm Zeit lassen sollte.

Der Regen hatte sich gelegt. Es war noch früh und fast keiner der Männer war schon wach. An solchen Tagen, ohne große Aufträge oder Ziele, streckte sich eine breite Trägheit im Lager aus. Normalerweise brachte ich meine Männer dann immer dazu, mindestens drei Stunden zu trainieren und die Einsatzbereitschaft und gestärkten Fähigkeiten, die dadurch entstanden waren, hatten sich schon oft ausgezahlt. Jedoch konnte ich heute einfach nicht an so etwas denken.

Ich hatte gut geschlafen und der kleine Körper neben mir hatte die übliche Kälte der Nacht ferngehalten. Jetzt brauchte ich etwas Gutes zu essen und auch Germania musste endlich was auf die Rippen bekommen.

Die Vorräte wurden normalerweise von einem Verantwortlichen verteilt, aber so früh am Morgen waren gerade erst die Wachposten und ein paar Beschäftigte auf den Beinen. Da ich Gruppenführer war, ging die Selbstbedienung aber in Ordnung. Ich nahm Brot und etwas von dem Obst, welches wir gestern reingebracht hatten. Erst als ich mich runter beugte, um dem Kleinen das Essen in die Hand zu drücken und zwei Stiefel auf dem Boden stehen sah, bemerkte ich, dass wir nicht allein waren.

„Nevio.”

„Guten Morgen, Romulus.”

Der Kommandant lehnte an einem der hölzernen Stützpfeiler des Zeltes und musterte uns kalt.

„Was willst du?”, fragte ich gereizt.

Dieser Mann regte mich auf. Sein Gehabe, seine Arroganz und Dummheit.

„Ich will die Überlegenheit unseres Imperiums erhalten. Und dieser Wilde ist ein Dorn in unserem Fleisch. Er ist schlecht”, sagte er verbissen und durchbohrte Germania mit seinem Blick.

„Diese Kreatur gehört nicht hierher, aber ich schätze, wenn ich dich frage sie mir zu überreichen, bist du einfältig genug, abzulehnen.”

Beschützend zog ich Germania hinter mich.

„Legat Fabian hat zugestimmt, ihn am Leben zu lassen. Er wird in Rom auf eine Schule gehen und als Römer aufwachsen.”

„Der Legat hat nur zugestimmt, eine Anfrage zu stellen. Noch ist nichts beschlossen.”

Sein Gesicht verzerrte sich zu einer Maske aus Abscheu und Wut.

„Ich hasse Germanen. Sie sind Wilde und unmenschlich. Unsere Aufgabe als Römer ist es, sie alle auszulöschen und unsere weiterentwickelte Lebensart zu verbreiten.”

„Du bist wahnsinnig! Willst du mir drohen?”

Er war auf uns zugekommen und stand mir jetzt streitlustig gegenüber.

„Nicht dir”, zischte er.

Meine Faust ballte sich und ich wog die Konsequenzen ab, ihm seine arrogante Nase zu brechen.

„Rom, bist du hier? Ich habe Neuigkeiten!”

Aulus kam zur Eingangsplane hereingestürzt.

„Oh.”

Die Situation war einfach zu deuten. Doch bevor ich handeln konnte, hatte sich Nevio abgewandt und stolzierte aus dem Zelt. Natürlich nicht ohne Germania einen mörderischen Blick zuzuwerfen.

„Was gibt es?”, wand ich mich nach einigen Sekunden, in denen ich um Fassung rang, an den Freund. Die Augen des Legionärs funkelten.

„Es sind Nachrichten aus der Hauptstadt gekommen. Es gibt Aufstände, eine schwere Krise. Wir gehen vielleicht zurück nach Rom.”

GESCHIEDEN

WIRgingen nicht zurück nach Rom. Jedenfalls nicht sofort. Es dauerte Wochen, bis wir mehr erfuhren. Die Zeit verging zügig und mit meinem kleinen Schützling umso schneller. Ich verbrachte jeden Moment mit ihm. Allein aus der Gefahr heraus, ihn unbeschützt zu lassen.

Er schien zu lernen und sich an die Umgebung zu gewöhnen. Sprechen tat er noch immer nicht, doch er verstand mehr und mehr. Es war eine seltsame Entwicklung. Während er mit mir wuchs, schien er den Rest seines Umfeldes komplett zu ignorieren. Er hörte nur auf mich, sah nur mich und ließ sich nur von mir berühren. Es machte mir ein wenig Sorgen, denn für seine Zukunft war es nicht gerade förderlich. Aber im Geheimen war ich stolz. Er war etwas, was nur mir gehörte. Er gehörte nur mir. An Kinder hatte ich in meinen jungen Jahren nie gedacht und bevor ich nicht einen gewissen Rang im Militär hatte, plante ich nicht mal, mir darüber Gedanken zu machen. Aber so ähnlich konnte man das Gefühl wohl erklären.

Germania schlief weiterhin neben mir und wenn es nicht zu gefährlich war, nahm ich ihn mit auf die Streifzüge und Aufträge. Seit kurzem begann ich ihn auch zu unterrichten. Abends im Zelt unter dem schwachen Schein der Kerze las ich ihm aus Büchern vor oder zeigte ihm, wie man ein Schwert hielt. Mit leichten Waffen war er nicht mal untalentiert.

Doch am meisten liebte er mein Rhetorikbuch und verlangte mit stummen, bittenden Augen immer wieder, etwas daraus zu hören. Doch er war immer noch ein Kind. Manchmal befürchtete ich, ihm nicht das geben zu können, was er verloren hatte. Eine Mutter, Sicherheit, gleichaltrige Spielgefährten, das Leben eines Kindes. Er schlug sich tapfer in der für ihn neuen Welt. Er ordnete sich so unauffällig und leise in meinen Alltag, dass er schnell Teil meines Lebens wurde und ich mich an ihn gewöhnte. Jedoch behielt ich im Sinn, dass das alles nur vorübergehend war.

 

Ausnahmen, bei denen Germania nicht mitkommen konnte und im Lager zurückblieb, waren die Kämpfe. Wir waren ein Außenposten im nördlichen besetzten Germanien und fast schon so gefährdet, wie am Rhein selbst. Stämme, die römische Straßen und Transportzüge überfielen, mussten bestraft werden, von den rebellischen, wilden Kriegern erst gar nicht zu sprechen.

So kam es, dass mich eines Morgens Aulus Stimme weit vor Sonnenaufgang weckte. Ich wickelte mich aus dem Fell, welches mich und meinen Mitschläfer in der Nacht warm hielt und zog mir eine weitere Wolltunika drunter. Ohne Germania zu wecken, verließ ich mein Zelt und warf Aulus grimmige Blicke zu.

Der Nebel kroch noch zwischen den Stämmen der Bäume und zog sich mit kühlen Fingern über die gespannten Zeltplanen.

„Es gab einen Vorfall in diesem kleinen Dorf sechzehn Kilometer östlich von hier. Einer der Soldaten, die dort einen Lebensmittelhandel betrieben haben, soll anscheinend mit der Tochter des Häuptlings eine Nacht zusammengelegen haben. Jetzt ist das ganze Dorf auf Rache aus und hat uns den Tod geschworen. Der Bote hat gesagt, die Horde sei in einer Stunde hier. Der Legat will, dass wir das übernehmen.”

Ich seufzte müde und rieb mir noch einmal über die Augen, um vollkommen wach zu werden. Das klang nach viel Arbeit.

„Ich hasse es, wenn die das tun.”

Aulus grinste und sah mir erwartungsvoll entgegen. Es war nicht das erste Mal, dass wir aufständische Horden zerschlagen mussten.

„Wecke den Rest. In zehn Minuten sind alle am Lagerausgang kampfbereit. Und bring mir mein Pferd.”

Aulus nickte und eilte schnell davon.

Kurz wandte ich meinen Blick noch den grauen Wolken entgegen und wunderte mich, ob es in den nächsten Tagen vielleicht einmal nicht regnen würde. Wenn das Wetter besser ist und kein Auftrag ansteht, hatte ich mir vorgenommen, Germania das Reiten beizubringen. Wahrscheinlich konnte er es eh schon, aber die römische Reitkunst war ein ganz anderes Gebiet, als die der Wilden. Heute sah es jedenfalls nicht so aus, als würde daraus etwas werden. Ich rollte die Schultern, so dass die Gelenke knackten und duckte mich wieder ins Zelt.

Auf meiner Schlafstelle sah mich ein tief blaues Augenpaar aufmerksam an.

„Guten Morgen, Kleiner. Würdest du mir helfen, meine Rüstung anzulegen?”

Die schmale Gestalt streckte sich und rappelte sich langsam auf. Germania mochte es, mir mit der Rüstung zu helfen. All die einzelnen Teile und die leichten Platten aus glänzendem Eisen schienen ihn zu beeindrucken. Obwohl meine Position schon etwas höhergestellt war, war ich nur leicht gerüstet, aber im Vergleich zu den Wilden, mussten wir wie ganze Festungen aussehen.

Die kleinen Hände reichten mir die verschiedenen Teile und so brauchte ich nicht einmal fünf Minuten, um abzugbereit vor dem Zelt zu stehen.

„Heute muss ich weg und du kannst mir nicht folgen”, erklärte ich ihm und einsichtig blickte der Junge mich an.

„Verhalte dich unauffällig und bleib am besten im Zelt. Ein wenig Essen steht noch auf dem Tisch. Ich versuche, schnell wieder da zu sein.”

Ohne zu zögern, drehte Germania sich um und verschwand hinter der Stoffplane. Kurz wartete ich noch, ob er auch wirklich drinnen blieb, aber nichts regte sich und ich musste mich auf den Weg machen.

Ein wenig bedauerte ich, dass er sich so einfach fortschicken ließ. Vielleicht würde ich nie wiederkehren. Wer wusste schon, was das Leben in der Fremde für uns plante? Aber dann kam mir das doch ein wenig übertrieben vor und ich stampfte davon zu meiner Kohorte, die mich abzugsbereit erwartete.

 

Es war zur Mittagsstunde und die Sonne stand im Zenit am Himmel, als wir zurück ins Lager kamen. Die Wolken hatten sich verzogen und nach vielen Tagen des trüben Wetters schien nun einmal wieder die Sonne. Am Morgen hätte mir das noch ein Lächeln abgerungen, aber jetzt trockneten die warmen Strahlen das Blut am Körper und ließ die Haut unangenehm jucken.

Ich humpelte ein wenig wegen dem Schnitt in meiner rechten Wade und mein linkes Auge war geschwollen. Damit war ich noch recht glimpflich davongekommen. Die Horde hatte sich als größer herausgestellt als erwartet und wie wir erfahren mussten, hatten sich noch drei Dörfer angeschlossen. Ich hatte drei Männer verloren und konnte damit noch behaupten, einen guten Sieg errungen zu haben. Mein Pferd war im Kampf einer germanischen Axt zum Opfer gefallen und so teilte ich den Rückweg mit meinen Männern. Wir alle waren müde und erschöpft, doch das Leben eines Legionärs verlangte weit mehr ab.

Im Lager eilten uns die Sanitärgruppen der Einheit entgegen und kümmerten sich um meine Kohorte. Einige der Männer hatten schwere Verletzungen davongetragen. Ein guter Freund und Legionär hatte seinen linken Arm verloren und einer der Jungs würde nur mit viel Glück mit dem Leben davonkommen.

Da ich noch zu den leicht Verwundeten gehörte, wartete ich nicht, bis sich einer der Ärzte meiner annahm. Ich trug Aulus auf, sich um die Nachversorgung der Männer zu kümmern und humpelte zu meinem eigenen Zelt. Die sichere, bekannte Umgebung linderte die Anspannung in meinen wunden Gliedern gleich ein wenig.

Als ich die Zeltplane zurückschlug und die gedämmte Dunkelheit meines Quartiers mich empfing, suchten meine Augen sofort nach dem kleinen Germanen. Vor wenigen Stunden noch, im Wald und bis zu den Knöcheln in den Leichen und Blut meiner Leute, hatte ich geschworen, die Germanen zu hassen und jeden meiner Männer zu rächen. Jetzt waren diese Gedanken verraucht und verschwunden.

Der Kleine hockte mit baumelnden Beinen auf dem Stuhl vor meinem Arbeitstisch. Vor ihm lag das alte Buch mit den Gedichten, Ansprachen und Sagen. Die kurzen Beine baumelten über dem Boden und er hatte den Kopf tief in die vergilbten Seiten gesteckt.

Sobald ich das Zelt betreten hatte, sah er alarmiert auf. Die großen, blauen Augen beruhigten sich, als er mich erkannte und weiteten sich dann erneut bei meinem Anblick. Ich schenkte ihm ein schwaches Lächeln und ließ meinen Federhelm neben die Kiste in der Zeltecke fallen.

Verband und Kräuter gegen Entzündungen hatte ich selber in meinen Besitztümern, so dass ich mich langsam daran machte, meine Rüstung abzulegen und meine Wunden zu säubern. Das Metall glänzte nicht mehr und wog schwer und hart auf meinem Körper. Germania stand stumm neben mir und beobachtete jede meiner Bewegungen.

Aulus brachte einen Krug frisches Wasser und den Bericht, dass alle Männer versorgt waren und wie es um sie stand. Ich dankte ihm und begann dann endlich, mich um meinen Körper zu kümmern. Doch meine Hände zitterten noch vom Adrenalin des Kampfes und von den Anstrengungen. Das essigdurchtränkte Stück Stoff glitt mir aus der Hand und fiel zurück in die Wasserschüssel. Ich seufzte und stützte die Ellenbogen auf meine Beine.

Da stand Germania vor mir und in seinen schmalen Fingern lag der Lappen. Er bewegte seine Hände so zaghaft und behutsam, dass ich sie auf meinen Wunden fast nicht spürte. Ohne Worte, aber mit viel Geschick, säuberte er die Schnitte und half mir auch die weißen Verbände anzulegen.

Ich lächelte ihn an, hob ihn vorsichtig auf meine Beine, als wir unsere Arbeit erfolgreich beendet hatten. Er sah mich an und ich konnte den Ausdruck in seinen Augen nicht deuten. Ich hatte heute viele Germanen getötet und nun saß einer von ihnen auf meinem Schoss und ich genoss das Leben, das er ausstrahlte. Wie sollte ich ihn hassen können? Er hatte damit nichts zu tun. Er war unschuldig. Irgendwie verstand ich und lernte eine Lektion, die ich auf den Schlachtfeldern vergessen hatte.

„Danke, Kleiner”, lächelte ich und zog das Rhetorikbuch zu mir, um den Vormittag und die ganzen letzten Monate voller Kämpfe für einige Augenblicke zu vergessen.

Germania lehnte sich behutsam gegen mich und ich ließ die kleinen Finger eine der Seiten bestimmen. Meine Stimme war rau und ich musste öfter abbrechen, um sie mit verdünntem Wein zu ölen, doch den Jungen schien das nicht zu stören. Wir verbrachten den ganzen Nachmittag so, bis ich das Zelt verlassen musste, um meinen Bericht des Einsatzes abzugeben.

Fabian war zufrieden mit dem Ergebnis des Vormittages und lobte meine Bereitschaft und die meiner Männer. Ich wusste, dass dies etwas Gutes war und ein Zeichen meines Erfolges.

 

Deshalb wusste ich gleich den Grund, als Legat Fabian mich Wochen später zu sich rief.

Germania spielte gerade mit meinen Dolchen und so entschloss ich mich, allein zu gehen.

„Bleib schön hier. Ich komme gleich wieder.”

Die blauen Augen sahen mich aufmerksam an und ich wusste, dass er verstanden hatte. Lächelnd tätschelte ich seinen blonden Schopf.

„Guter Junge.”

Fabian wartete bereits auf mich. Dieses Mal war er nicht am arbeiten, sondern hatte ein prächtiges Mahl vor sich. Ich stand in einigem Abstand zu ihm und sah zu, wie er gebratenes Fleisch und saftige Früchte mit den Fingern verspeiste. Mit dem letzten Bissen und einem Tuch für den beschmutzten Mund, wandte er sich dann endlich an mich. Ungeduld hatte bereits ihren Weg in meine Gedanken gefunden und ich machte mir Sorgen um meinen kleinen Findling.

„Ihr habt mich her befohlen?”

Mit einem Brief winkend, bequemte er sich aus seinem Stuhl und kam zu mir. In Momenten wie diesen sah man ihm sein Alter deutlich an und ich konnte es als Zeichen des Vertrauens sehen, dass er mich in diesem Zustand in seine Nähe ließ. Fabian drückte mir ein Stück Pergament in die Hand.

„Der Brief ist heute morgen aus Rom gekommen.”

Ich begann zu lesen.

„Der Senat hat die Anfrage auf deinen Germanenjungen befürwortet.”

Die formalen Worte und die Unterschrift am Ende bestätigten seine Worte.

„Das ist großartig”, erfreut blickte ich auf und sah erstaunt, dass auch er lächelte.

„Und noch etwas.”

Ein zweites Schreiben wurde mir überreicht. Meine Miene entglitt für einen Moment.

„Ich werde in Rom gebraucht. Die Aufstände greifen über. Doch das Lager bleibt. Nevio wird für mich einspringen. Hier draußen in der Wildnis kann man nicht viel erreichen, wenn du irgendwann mal in den Senat willst. Deshalb möchte ich, dass du mit mir mitkommst.”

„Ich?”

„Du hast viel Potential, dein Vater wollte immer eine Gelegenheit wie diese für dich. Ein paar Jahre mehr in meinem Dienst an meiner Seite und du kannst eine hohe Position in der Politik einnehmen. In Zeiten wie diesen ist das deine beste Möglichkeit. Ich würde dich gern als meine rechte Hand bei mir haben.”

„Wann planen Sie aufzubrechen?”

„Morgen in der Frühe.”

„Morgen schon!”

Die grauen Augen blickten mich eindringlich an.

„Denkst du an den Jungen? Für ihn wurde gesorgt. Du solltest jetzt an deine Zukunft denken. Der Germane ist nicht mehr dein Problem.”

Ich wollte protestieren, doch biss nur still die Zähne zusammen. Er hatte recht. Auch wenn ich das lieber anders sehen würde. Dies war die Gelegenheit meiner Karriere. Ich musste an meine Zukunft denken.

„Natürlich, ich werde bereit sein.”

„Gut, enttäusche mich nicht.”

Auf dem Weg hinaus hielt ich inne.

„Wann wird Germania nach Rom gebracht und welche Schule wurde für ihn gewählt?”

„Wer?”

„Der Junge.”

„Oh. In drei Tagen wird er mit einem Boten von hier aufbrechen. Dort wird er die 'Militariscola' besuchen. Einer der neueren und besten Militärschulen in Rom. Wie ich sagte, für ihn wurde gesorgt.”

„In drei Tagen?”

„Gibt es ein Problem?”

„Nein, natürlich nicht”, antwortete ich schnell.

Ich würde einfach Aulus bitten, auf Germania acht zu geben, wenn ich ging.

Jetzt hatte ich es umso eiliger, zu meinem Quartier zu kommen. Ich hoffte, der Blonde verstand, was auf ihn zukam. Wo er doch so an mir hing. Wie würde er auf die Trennung reagieren? Aber Fabian hatte recht. Ich durfte mich nicht zu sehr an Germania binden. Ich hatte meine eigenen Ziele und mich schon viel zu sehr an ihn gewöhnt.

Trotzdem machte sich ein Gefühl der Erwartung in mir breit, als ich mich dem Zelt näherte. Ich stellte mir vor, wie er mich ansah und ich in seiner ruhigen Miene Freude lesen konnte. Die Stille, in die mein Zelt gehüllt war, verwunderte mich nicht. Germania war ja nie wirklich laut. Doch das stumpfe Stöhnen, was folgte, weckte eine dunkle Vorahnung in mir.

„Verdammt!”, fluchte ich atemlos.

So schnell ich konnte, stürmte ich ins Innere ... und erstarrte.

Germania war da, aber vor ihm lag eine blutige Gestalt. Leblos hielt die Hand des Toten ein Schwert und voll Entsetzen erkannte ich das eingebildete Gesicht des Präfekten Nevio. Blut lief aus seinem Bauch und tropfte von der Klinge meines Dolches, den Germania noch immer in der Hand hielt.

Erst jetzt wandte ich meinen Blick zu dem Blonden. Das erste Mal sah ich in seinen Augen Entsetzen und Furcht. Als er mich sah, ließ er die Waffe fallen und stürmte an dem Toten vorbei in meine Arme.

Ich nahm ihn hoch und drückte den zitternden Körper fest an mich. Es war wie an dem Tag als ich ihn fand.

„Was ist passiert?”, fragte ich atemlos und versuchte, den Kleinen zu beruhigen. Plötzlich fühlte ich etwas Feuchtes an seinem Rücken. Ich hob die Hand und erschrak bei dem roten Schimmer.

„Du bist verwundet!”

Auf einmal konnte ich mir vorstellen, was passiert war. Warum hatte ich Germania nur allein gelassen? Ich wusste doch, dass Nevio ihn hasste. Aber wie im Himmel hatte der Kleine es geschafft, seinem Schicksal zu entkommen? Konnte ich meinen Augen trauen? Hatte er den Mann erstochen, der ihm sein Leben nehmen wollte?

Die Plane schwang beiseite und wieder einmal überraschte uns Aulus. Er keuchte erschrocken, als er den Präfekten sah.

„Was ...? Rom, was ist passiert?!”

Mein Gehirn arbeitete hart. Die Wahrheit durfte nicht rauskommen. Das wäre Germanias Tod. Selbst wenn er aus Selbstschutz gehandelt hatte.

„Präfekt Nevio hat versucht Dokumente zu stehlen, die allein unter Legat Fabians und meiner Aufsicht standen. Der Verräter wurde gestoppt. Geh und berichte es”, befahl ich im harten Ton.

Aulus zuckte zusammen und sah zu, dass er raus kam. Mit dem verletzten Jungen auf dem Arm lief ich schnell zum Sanitätszelt. Dem Soldaten ordnete ich an, sich um Nevios Leiche zu kümmern und als wir allein waren, behandelte ich meinen Schützling.

Der Schnitt auf seinem Rücken war nicht lebensgefährlich tief, aber blutete stark. Verbissen desinfizierte und verband ich ihn.

„Tut mir leid, Kleiner.”