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Wehe, wenn der Geist freigelassen wird! Diese kleine Sammlung von 12 merkwürdigen und überspannten Geschichten, deren Hauptpersonen sicherlich ganz normal sind - eben wie du und ich -, entstand während eines Auszeitjahres der Autorin in Vinaròs an der Costa del Azahar. Jeder Mensch empfindet Freiheit anders. Der eine tut mehr dafür, sie zu erlangen, der andere weniger. So gibt es hier mal lustige, mal eher tragische Einblicke in das völlig normale Leben unterschiedlichster Charaktere: von alten Männern, Sekretärinnen, Selbstmördern, Mördern, Schmugglern, Auszeitmachern, solchen, die dem Alkohol durchaus zugetan sind, jenen, die die Zeit zu beherrschen suchen, und denjenigen, die nicht so ganz klar im Oberstübchen sind.
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Seitenzahl: 98
Veröffentlichungsjahr: 2020
VORWORT
KRÄHEN WEINEN NICHT
ZEITSPARPLAN
PREIS DER FREIHEIT
WER ZULETZT LACHT
GLANZ IN SEINEN AUGEN
ENTE GUT, ALLES GUT
AM LIMIT
GEORG BALMER (* 15.04.1950, † 31.12.1998)
DER VIERTE MANN
WENN SCHLEIER SICH HEBEN
FLIEGENSCHISS
AMOK?
ÜBER DIE AUTORIN
Seit einigen Jahren lasse ich meiner Fantasie in Kurzgeschichten freien Lauf. Während eines Sabbatjahres, das mein Mann und ich in der Region Valencia, in Vinaròs, verbrachten, fing ich dann etwas ernsthafter an, zu schreiben und die Texte bei Literaturwettbewerben einzureichen; einfach um zu sehen, was daraus würde. Aus den Geschichten wurde bis heute allerdings gar nichts; na ja, so ganz stimmt das nicht, immerhin habe ich sie im Laufe der letzten Jahre sicherlich hundertmal überarbeitet.
Leider habe ich dabei die eine oder andere Story auch ganz schön zerstückelt, sodass sie – nachdem ich mit ihr fertig war – nicht mehr zu gebrauchen war. Damit dieses Schicksal den restlichen Geschichten erspart bleibt, verzichte ich jetzt auf weiteres Überarbeiten.
Alle Erzählungen – bis auf die letzte in diesem Band – entstanden auf der Terrasse eines Häuschens an der Costa del Azahar, in Sichtweite zum Meer in dem Bewusstsein völliger Freiheit. Persönliche Freiheit ist für mich das Wichtigste im Leben (natürlich erst nach meinem Mann), und auf die eine oder andere Art geht es in diesem Büchlein auch darum.
Eigentlich ist entscheidender Anstoß für eine Veröffentlichung die momentan herrschende Corona-Pandemie: Sie lehrt uns, Dinge, die einem am Herzen liegen, nicht auf die lange Bank zu schieben.
Meine Texte, die ich in diesem Band zusammengefasst habe, sind sicherlich keine Meisterwerke, die in die Welt der Literatur eingehen werden. Dennoch wünsche ich mir, dass Sie sich gut unterhalten fühlen und durch die Lektüre den einen oder anderen (hoffentlich positiven!) Gedanken haben, der womöglich zu mehr führt.
Ihnen allen wünsche ich viel Spaß mit den Geschichten, die zwar fiktiv wirken …
Herzlichst
Sonja Höflich
Gewidmet dem Geschichtenschreiber Karl Aßmann aus Höchberg, gest. 06.02.2015 im Alter von 94 Jahren.
Anni und Karl Binder, Albrecht-Dürer-Straße 175, 97082 Würzburg, stand in zierlicher goldfarbener Schrift auf dem kleinen Aufkleber, den er nicht nur als Absender für seine Post benutzte. Die Etiketten klebten in seinen Schuhen, im Geldbeutel, auf der Rückseite der Armbanduhr und am Schlüsselbund. Zudem hatte ihm diese Gewohnheit schon oft seinen Hut, mehrfach den Regenschirm und einmal sogar den Rollator zurückgebracht. Auch die Innenseite des Hemdkragens war seiner Meinung nach eine wichtige und zentrale Klebestelle; war diese doch die erste, die einem Helfer ins Auge sprang, wenn er am Herzen horchte, um Gewissheit zu erhalten. In den letzten Jahren ging Herr Binder jedoch nur noch selten aus, sodass die Gefahr, namenlos am Straßenrand zu sterben, gering geworden war.
Genau 15 Jahre waren die Aufkleber schon alt. Die Hausgemeinschaft hatte den Binders einen ganzen Karton davon zur goldenen Hochzeit geschenkt. Heute lag immer noch ein Stapel der Etiketten im Wäscheschrank – an der gleichen Stelle, an der sie seine Frau immer aufbewahrt hatte. Er benutzte die Aufkleber zwischenzeitlich sparsam, darauf bedacht, dass sie noch lange reichten.
Mit kleinen unsicheren Schritten schlurfte er in die Küche. Beim Laufen hielt er den Kopf nach unten geneigt, um auch genau zu sehen, wo er gerade hintrat.
Als er im vergangenen Jahr nämlich den Rand des Teppichs im Wohnzimmer übersehen hatte, war er zu Boden gestürzt wie eine abgeschossene Krähe und nicht mehr imstande gewesen, aufzustehen. Fast wäre er nicht einmal an den Notfallknopf gekommen, der um seinen Hals hing, weil er auf dem Bauch gelandet war. Aber der Rettungsdienst kam binnen 20 Minuten angefahren – langen 20 Minuten auf dem Boden. „Da haben Sie ganz schön Glück gehabt, Herr Binder, mit Ihren 93 Jahren!“, schrie der Sanitäter ihm ins Ohr, als er ihn wieder auf die Beine gestellt und ihm das Gebiss unter dem Sofa hervorgeholt hatte. „Nur ein paar Prellungen, sicherlich schmerzhaft, aber davon sterben Sie nicht.“ Er hatte nur genickt, während sein Kinn langsam den Farbton einer Pflaume annahm, und nichts davon gesagt, dass seine Vorstellung von Glück eine andere war.
Danach flogen die Teppiche alle aus der Wohnung raus. Seine Haushaltshilfe, Hilde, die einmal in der Woche kam, hatte alle Hände voll zu tun, die schweren Teppiche in den Keller zu schaffen. Allerdings hatte diese Aktion ganz sicher nichts mit dem Bandscheibenvorfall zu tun, mit dem sie danach monatelang flachlag. Dennoch zahlte er ihr seither einen deutlich höheren Stundensatz und war heilfroh, dass er sie nicht verloren hatte. Konnte doch keiner so guten Apfelkuchen backen wie Hilde.
Herr Binder war nicht reich – aber er hatte genug. Seine Frau und er hatten immer ihre Groschen zusammengehalten, immer mit dem Gedanken an später. Dass jetzt bereits später war, war ihm durchaus bewusst. Er war ja nicht senil. Aber was hätte er sich von seinem Geld kaufen sollen? Ein Stück vom Glück? Einen Menschen an seiner Seite?
Zwar bezeichnete er es anderen gegenüber als „Glücksfall“, dass es ihm noch so gut ging, aber eigentlich wollte ihm die Tatsache, dass er mit 94 Jahren immer noch da war – und zwar allein – nicht recht als Glück erscheinen. Ebenso wenig der Umstand, dass er den Krieg erleben musste, seine Kinder und dann auch noch seine Frau überlebt hatte. Selbst das Glück, sich in den Mantel der Altersvergesslichkeit einzuhüllen, blieb ihm versagt.
Voller Erwartung und Stolz war er als junger Mann in den Krieg gezogen. Hatte zitternd vor Aufregung die Marschlieder mitgesungen, später bebend vor Angst im Schützengraben gelegen. Hatte abgedrückt, zugestochen, niedergestreckt und war gerannt wie ein Hase. War befördert worden, hatte den Befehlen entsprechend gehandelt – korrekt, wie ein guter Soldat. Hatte gekämpft – für sein Land, für die Befehlshaber – um sein Leben, das einzige, das er hatte, und gegen die Angst. Trotz allem war Stabsgefreiter Karl Binder immer erleichtert gewesen, wenigstens noch am Leben zu sein, meinte, Glück gehabt zu haben. Bis zum Winter 1941 in Russland. Hunger und Kälte bis minus 40 Grad setzte den deutschen Truppen, die nur unzureichend mit Winterausrüstung versorgt waren, arg zu. Die erschöpften Soldaten kämpften mit Erfrierungen, die meisten fielen wie die Lemminge im gnadenlosen Kugelhagel der Roten Armee – starben irgendwo.
Kaum hatte sich binnen Minuten das Blut der gefallenen Soldaten auf der endlos weißen Schneedecke ausgebreitet, waren Scharen von schwarzen Vögeln auf das dampfende rote Meer herabgestürzt und hatten ihre Schnäbel in die noch warmen Leiber geschlagen. Der Soldat Binder hing – von einer Granate getroffen – in einem Baum und konnte die Augen nicht abwenden. Nur wenige hatten mit viel Glück überlebt, und er hatte sich so sehr gewünscht, nicht zu ihnen zu gehören.
Herr Binder stützte sich, in der Küche angekommen, mit den Händen auf dem Küchentisch ab, um sich vorsichtig auf den Stuhl zu setzen. Dabei kam er mit dem Gesicht ganz nahe an den großen Wecker heran, der auf dem Tisch neben Stiften, künstlichen Blumen, Papierstapeln und einer Tasse mit seinem Gebiss stand, sodass er die Uhrzeit erkennen konnte – 11:00 Uhr. In einer halben Stunde kam schon das Mittagessen. Eigentlich hatte er keinen Hunger, er freute sich aber darauf, dass die netten Mädchen wie jeden Tag klingelten und ihm sein bestelltes Diätessen brachten. Jeden Tag schenkte er ihnen 10 Cent für einen Lutscher. Früher hatte er 10 Pfennige gegeben, aber da war das Geld auch noch mehr wert gewesen.
Von seinem Platz aus konnte Herr Binder aus dem Fenster sehen und auch direkt auf die Küchenwand schauen, an der viele Fotos seiner verstorbenen Frau hingen. Anni. Es schmerzte immer noch, obwohl sie schon fünf Jahre tot war. Nach 60 Ehejahren hatte sie ihn allein in der Eigentumswohnung zurückgelassen. Herrn Binders Augen schlossen sich müde, als sich zwei Tränen in seinen Augenwinkeln sammelten. Am härtesten hatte der Tod ihrer Kinder das Ehepaar Binder getroffen. Über 40 Jahre war es her, aber immer noch konnte er sich genau erinnern.
Erst 28 Jahre war ihre Tochter Regina gewesen, als sie die Diagnose bekommen hatte. Sie hatte gekämpft – alle hatten sie gekämpft, alles in Bewegung gesetzt –, aber es war zu spät. Binnen eines Jahres standen sie vor Reginas Grab. Sie hatten ihr Luis, ihren Lieblingsaffen aus Kindertagen, mit in den Sarg gelegt, was sie später bereuten. Sie hätten ihn behalten sollen. Kaum vier Jahre danach breitete der Tod seine schwarzen Flügel auch über ihrem Sohn Bernd aus. Auch er hinterließ keine Kinder, was sicherlich ein Segen war. Es dauerte Jahre, bis die Binders sich gestatteten, über frühere Zeiten, über ihre Kinder zu reden und auch zu lachen. Über den Urlaub in der Rhön, als Regina kopfüber ins Brennnesselfeld gefallen war und vor lauter Pusteln ihre Nase nicht mehr erkennbar war, oder wie Bernd als Zwölfjähriger unbedingt im eiskalten Eibsee baden wollte und halb erfroren, aber strahlend wie die Sonne selbst wieder rauskam. Es half ihnen. Nie sprachen sie aber über ihre erwachsenen Kinder. Kein Bild der Kinder hatte die Wände ihres Häuschens geziert, das sie alsbald zum Verkauf angeboten hatten, kein Bild der Kinder zierte ihre neue Eigentumswohnung in Würzburg. Kein Bild der Kinder zierte heute Herrn Binders Küchenwand.
Es klingelte pünktlich um 11:30 Uhr. Mit vorsichtigen Bewegungen stützte sich Herr Binder auf der Tischplatte ab, um sich von seinem Stuhl zu erheben. „Ja, ja, nur die Ruhe, ich komme schon“, sagte er wie jeden Tag laut zu sich selbst, während er den Stuhl langsam zurückschob und versuchte, auf kraftlosen Beinen das Gleichgewicht zu halten. Bei Anstrengung ging immer etwas in die Windel, aber dafür war sie ja da. In der Wohnung konnte Herr Binder seinen Rollator nicht benutzen, da war es zu eng. Deshalb brauchte er immerhin zwei Minuten, um mit kleinen schlurfenden Schritten die zwei Meter zwischen Küche und Flur bis zum Türöffner zurückzulegen. Aber das störte ihn nicht. Die Mädchen, die unten mit dem Essen warteten, auch nicht; die waren noch jung und hatten sicherlich viel Zeit.
Für Herrn Binder war 11:30 Uhr die schönste Tageszeit. Manchmal kamen die Mädchen zu zweit, manchmal nur eine, aber immer kamen sie lächelnd und gut gelaunt die Stufen des Treppenhauses heraufgestiegen und begrüßten ihn freundlich. Einige Male dachte er gar schon, sein Enkelkind vor sich zu haben – obwohl er gar keines hatte. In letzter Zeit überlegte er, den Mädchen künftig 50 Cent zu schenken – aber das hatte er jetzt vergessen, und die zwei 10-Cent-Stücke hielt er schon in der Hand bereit. Morgen war auch noch ein Tag.
Wie immer nahm Herr Binder den Hörer der Gegensprechanlage in die Hand, und erst als „Ihr Mittagessen!“ aus dem Lautsprecher tönte, drückte er auf den Türöffner. Man konnte nie wissen, was für Gesindel draußen lauerte. Überfälle gab es auch in Würzburg.
Kaum hatte er die Wohnungstür geöffnet, standen die Mädchen mit den Behältnissen in den Händen auch schon davor. „Hallo, Herr Binder, hier kommt Ihr Mittagessen!“, sagte die Kleinere freundlich, und schon drängten sich die beiden in dem engen Flur an ihm vorbei. Sie kannten sich ja aus.
