Gegenrauch - Jürg Gautschi - E-Book

Gegenrauch E-Book

Jürg Gautschi

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Beschreibung

Jürg Gautschi erzählt von Begegnungen mit sich selbst und der Welt. Dabei treffen wir auf Ameisen, die Pommes Chips verschmähen, machen Bekanntschaft mit der wilden Weinrebe, die ihren Platz im Wohnzimmer einfordert, und verspüren den permanenten Drang zur Selbstoptimierung bei der Ernährung, in der Liebesbeziehung oder am Arbeitsplatz. In der Kampfzone des morgendlichen Pendlerverkehrs leiden wir mit, wenn ein Grobian auf der Rolltreppe den Durchgang verwehrt und mit dem Charme eines Heugebläses klarmacht, dass dies eine Roll- und keine Lauftreppe sei. Und wir sind mitten drin, wenn es aus der Wohnung der neuen Nachbarin betörend nach Kaffee duftet oder wenn sich ein Typ mit Zigarillo im Strassencafé ausgerechnet auf den benachbarten Stuhl setzt und uns den Rauch unbekümmert ins Gesicht bläst. Aus diesen Alltagsszenen entsteht ein unterhaltsames Textmosaik, lakonisch, humorvoll und temporeich erzählt. Philosoph absurde Gedankenspiele werden zu theatralen Szenen mit aberwitzigen Abgründen und alltägliche Begebenheiten zum Spiegel von persönlichem oder gesellschaftlichem Unbehagen. Jürg Gautschi zeigt uns augenzwinkernd kleine und grosse Dinge des Alltags, für die uns oft Auge und Musse fehlen.

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Seitenzahl: 108

Veröffentlichungsjahr: 2025

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JÜRG GAUTSCHI

GEGENRAUCH

ALLTAGSGESCHICHTEN

Aus dem Rätoromanischen von Claudio Spescha

Vom ersten Stock her steigt manchmal ein Duft von Kaffee herauf. Es hängt natürlich von der Uhrzeit ab, aber hie und da riecht es nach Kaffee. Das muss Eva sein, meine neue Nachbarin. Ich habe auf dem Briefkasten nachgeschaut: Eva Tscharner.

MORGENROUTINE

Es ist halb sieben. Der Wecker schrillt. Ich hasse Routine, aber am Morgen gibt es nichts anderes. Routine ist Effizienz, und halb sieben ist früh. Besonders im Winter. Und nun ist es Herbst. Ich habe den Wecker absichtlich weit weg platziert, damit ich aufstehen muss. Schon das allein ärgert mich. Aber wenigstens bin ich auf den Beinen.

Und dann heisst es: Ab auf die Toilette.

Danach zurück ins Zimmer, die Fensterläden öffnen.

Dann raus in die Küche, die Kaffeekanne auf den Herd stellen.

Ins Bad für die Dusche.

Zurück in die Küche, die Milch aufwärmen.

Wieder ins Bad, Kontaktlinsen einsetzen.

Zurück in die Küche, Milch und Kaffee vom Herd nehmen. Kaffee und Milch in die Tasse giessen. Hinsetzen und das Mokkaaroma geniessen. Wunderbar.

Verflucht!

Fünf vor sieben! Drei Minuten Verspätung. Wo habe ich mir die wohl eingehandelt? Um zwölf nach muss ich die Schuhe schnüren, um viertel nach die Wohnung verlassen, um zwanzig nach fährt der Bus. Und manchmal kommt er zu früh.

Da heisst es also: Vorher dort sein!

Vier vor sieben. Müesli, Apfel, Joghurt fassen. Den Apfel zurücklegen, fürs Raffeln reicht es nicht.

Sieben Uhr, die Nachrichten. In zwölf Minuten muss ich die Schuhe anziehen. Und anziehen muss ich mich auch noch, Zähne putzen, das Gesicht eincremen und den Rucksack packen. Ich schlinge das Müesli runter.

Punkt Viertel nach sieben eile ich aus der Wohnung. Drei Minuten brauche ich zu Fuss bis zur Bushaltestelle. Früher losgehen ödet mich an, wenn ich dann dort nur rumstehen und warten muss. Manchmal tue ich es trotzdem, so habe ich weniger Stress. Doch dann stehe ich da und warte und denke: Ach, hättest du dir doch mehr Zeit für den Kaffee genommen!

Aber eben: Wenn ich den Bus verpasse, verpasse ich den Zug.

STINKENDES DILEMMA

Um morgens auf den Zug zu gehen, muss ich den Weg durch eine kurze Unterführung nehmen, die zur Treppe zu den Geleisen führt. Kurz bevor ich um die Ecke biege und den Fuss auf den ersten Tritt setze, halte ich immer den Atem an, um ja nicht den beissenden Uringestank zu inhalieren, der sich dort ausbreitet. Das muss ein idealer Ort sein, um zu pissen, wenn man sich nicht mehr zurückhalten kann oder zu faul ist oder kein Obdach hat. Es stinkt jedenfalls zum Himmel und es ist lästig.

Eine Überwachungskamera – und das Problem wäre gelöst, denke ich mir. Da fällt mir ein, dass Städte wie London schon 600000 Kameras im öffentlichen Raum montiert haben und deren Daten immer öfter mit Programmen zur Gesichtserkennung verbinden. In China kann das beispielsweise zur Folge haben, dass du öffentlich an den Pranger gestellt oder wegen Bagatellen bestraft wirst. Zum Beispiel, wenn du bei Rot die Strasse überquerst. Alles wird bewertet, belohnt oder gebüsst und je nachdem wird deine Kreditkarte gesperrt.

Vielleicht ist es doch besser, wenn ich am Morgen für einen kurzen Augenblick die Luft anhalte, bevor ich um die Ecke gehe und die Treppe hinaufsteige. Vielleicht wäre es sogar gut, den Pissgestank zu inhalieren. Um nicht zu vergessen, dass es auch Grüsel und Gammler, Blasenschwache und Menschen ohne Obdach gibt.

RAUM FÜR HERZKLOPFEN

Es ist halb acht. Der Zug fährt ein, gerammelt voll. Ich stehe am Gleis in einer dicht gedrängten Menschenmenge, die weiss: Für alle reicht es nicht. Meist stehe ich intuitiv richtig und bin genau vor einer Tür, wenn der Zug hält. Heute nicht. Heute finde ich mich an den Rand gedrängt wieder, hinter mindestens fünf Reihen, die den Eingang belagern.

Als ich ins Abteil trete, sind gerade noch zwei Plätze frei. Blitzschnell entscheide ich mich für den näheren der beiden, gleich nach dem Eingang auf der linken Seite. Ein Sitz in einer Zweierreihe. Auf dem hinteren Platz lehnt sich ein Typ gegen das Fenster. Ich setze mich und sogleich schnellt er in die Höhe und schleudert mir den rechten Ellbogen fast ins Gesicht. Ich schaue rüber. Er schaut zurück. Rührt sich nicht. Ich spüre, wie mein Herz klopft und sehe, wie der Typ den linken Zeigefinger hebt, als wollte er sagen: «Pass auf!» Dann dreht er sich wieder gegen das Fenster und zieht krachend den Sonnenschutz herunter, obwohl es draussen noch dunkel ist.

Ich ziehe meinen Laptop aus dem Rucksack. Mein Sitznachbar schnellt wieder hoch, hält inne, wie erstarrt. Dann biegt er sich vornüber, wühlt in seinem Plastiksack, greift ihn, packt die Jacke, steht auf und zeigt mit erhobenem Kinn, dass er gehen will. Hastig packe ich meine Sachen zusammen, als er sich schon vorbeizwängt, auf meinen linken Fuss tritt, mir die Tasche ins Gesicht schlägt und sich durch den Mittelgang verzieht.

Wieder Herzklopfen.

Er kommt zurück. Ich stehe auf und lasse ihn durch. Er setzt sich, stellt die Tasche vor seine Füsse und seinen rechten Fuss auf meinen linken. Ich schaue rüber, ziehe mit dem Finger eine Linie und zeige die Grenze. Er schaut auf, ungerührt. Dann öffnet er eine Tube Handcreme, schüttelt sie, schlägt sie mehrmals wuchtig gegen die linke Handfläche und reibt sich dann die Hände ein, mindestens fünf Minuten lang. Den rechten Ellbogen immer vor meiner Nase.

Den Laptop verstaue ich irgendwann wieder im Rucksack. Und irgendwann sehe ich noch, wie mein Sitznachbar einen Kugelschreiber in der rechten Hand hält. So, wie man ein Messer hält. Alles, was er tut, tut er mit abrupten, scharfen Bewegungen. Explosiv. Um dann wieder völlig reglos dazusitzen. Als wollte er immer wieder Raum für mein Herzklopfen schaffen.

CTRL + A, DELETE

Es gibt Tage, die beginnen schon in der Nacht mit einem Blutdruck von 170 zu 99.

Tage, an denen Firmen wie Vonplon und Co. punkt sieben Uhr morgens zwei Container auf dem Parkplatz vor dem Haus abladen und eine Baggerschaufel aus Stahl, um schrill kreischend vier Monate Baulärm anzukündigen.

Tage, an denen das Internet so langsam ist, dass du dich ganz fest zusammenreissen musst, um nicht mit der Faust die Tastatur deines Laptops zu zertrümmern, und notgedrungen die zweistündige Reise ins Büro auf dich nimmst.

Tage, an denen du den Zug nehmen willst und just zu der Zeit am Gleis ankommst, an der die Bahn keinen Halbstunden-Takt anbietet.

Tage, an denen du in der Ladenpassage herumlungerst, dich über deinen Mundgeruch unter der Schutzmaske ärgerst, um schliesslich auf dem WC eines Cafés zu landen und im Spiegel dein gelbliches Gesicht und deine plattgedrückte Frisur zu betrachten.

Tage, an denen du von Weitem hörst, wie sich die Kellnerin hinter der Theke über die schlechte Laune der Gäste beklagt.

Tage, an denen du dich fragst, ob du nicht gleich bei allem Ctrl + A, Delete drücken solltest.

SCHON ERLOSCHEN?

Er sieht ein bisschen aus wie eine Giraffe. Lange Arme, lange Beine, eine Bohnenstange von etwa 17 Jahren, der Kopf nur Haut und Knochen, Haare wie Nadeln, Ohren wie Blacken, die Augen in dunklen Höhlen. Alles an ihm scheint gross, mager, transparent, fast schon blau – so hell ist seine Haut.

Dieser junge Mann sitzt mir eines Morgens im Zug gegenüber. Er trägt Kittel und Krawatte und bewegt sich kaum, so, als wäre alles kalt und klamm. Was mich irritiert, ist sein erloschener Blick. So abgelöscht, als hätten diese Augen nie geleuchtet. Jung und schon tot, denke ich mir. So früh am Morgen. Wer weiss warum? Was für ein Tag wartet auf ihn? Was für ein Chef? Was für eine Chefin? Was für ein Job? Ob er wohl Freunde hat, dort, wo er arbeitet? Oder nur Konkurrenten? Alle müssen Gas geben, sich zusammenreissen, leistungsbereit sein, flexibel, bescheiden, zufrieden, auch mit weniger. Auch morgen und nächstes Jahr und überhaupt. Wie schön ist es, auf der Welt zu sein? Wie schön, am Morgen aufzuwachen?

Als ich den Zug verlasse, blicke ich noch einmal auf diesen jungen Mann und frage mich, ob er einer dieser Menschen sein könnte, die eines Tages plötzlich explodieren und blindwütig alle und alles massakrieren.

Oder bin ich heute schlecht gelaunt?

DIE PRINZESSIN

Es war einmal eine Prinzessin. Sie sass auf einem Stein an einem See und machte ein Gesicht wie sieben Tage Regenwetter. Dabei war sie sooo schön. Lange Haare, ein Schmollmund, braune Augen und eine Nase wie eine griechische Göttin. Eine Traumfrau. Und doch war in ihrem Gesicht ein feiner Ausdruck von Abscheu, als wäre sie dauernd leicht verärgert.

Jedenfalls hatte er sich bis über beide Ohren in die Prinzessin verliebt und hatte deswegen einen Riesenstress. Die Prinzessin hatte jede Menge Wünsche. Sie wünschte sich Blumen. Und er, kaum hatte er das vernommen, flitzte über die Wiesen und brachte ihr jeden Tag einen Strauss, einer schöner als der andere. Die Prinzessin strahlte. Aber nur kurz. Wie ein Licht, das angeht und gleich wieder erlischt. Ich mag auch Liebesbriefe, sagte sie, aber nur handgeschriebene, und schöne Sprüche am Morgen und am Abend, und SMS und E-Mails und Skype und Links und Likes. Ihm wurde ganz schwindelig, während er den frischen Blumenstrauss hinlegte, sein Notizbuch zückte und schrieb: Sprüche, SMS, E-Mails, Skype, Links und Likes, Überraschungen, Geschenke, Rituale und Ringe für Ohren und Finger, Foulards, und lange Haare sollte er haben und ein paar Muskeln und gut riechen und tiefgründig sein, aber nicht zu nachdenklich. Er schrieb und schrieb, bis er einen Krampf bekam.

Während er seine Hand ausschüttelte, beobachtete er die Prinzessin, wie sie aufs Wasser schaute. Mit einem Leuchten im Gesicht, als wäre sie verliebt.

NUSSTORTE :-)

Hallo, Nusstorte :-)

Schön, dass du mir schreibst! Und schön, dass du dich auch über ein Wiedersehen freuen würdest. Bleibt die Frage: Wann und wo? Und ob wir es höheren Mächten überlassen wollen, das nächste Treffen zu organisieren. Oder: Ob wir die Angelegenheit selbst in die Hand nehmen? Ich würde das begrüssen. Und du?

Die Torte antwortet: Hi. Das wäre schön. Smiley. Im Mai sieht es besser aus. Dieses Wochenende bin ich weg. Liebe Grüsse.

Ein paar Worte, ein paar Grüsse. Gerade genug, um mich zu reizen. Wir haben uns einmal an einem Konzert kennengelernt.

Hallo Torte :-)

Es war schön, mich mit dir zu unterhalten. Würde mich freuen, wenn wir das fortsetzen könnten. Das wollte ich dir noch sagen. Schönes Wochenende. Und einen Gruss.

Und dann: Nichts. Dreizehn Tage lang Schweigen.

Dann: Hallo, schreibt sie, es hat mich auch gefreut, dich kennenzulernen. Hoffe, dich bald wiederzusehen. Im Moment bin ich etwas überarbeitet. Darum meine späte Antwort. Liebe Grüsse und eine gute Zeit. Verziehe mich über Ostern nach Schottland und nach Österreich. Smiley.

Und da sehe ich sie wieder vor mir, als wäre sie auf der anderen Seite eines Flusses. Mit munterem Blick. Wie sie mir Zeichen gibt, viermal fünf, zeigt sie mit den Händen. Viermal fünf ergibt zwanzig. Ich überlege. In zwanzig Minuten unten bei der Brücke? In zwanzig Tagen wieder hier? Oder am zwanzigsten Juni? Zwanzig was …?, rufe ich über den Fluss. Sie lacht und winkt mir zu, und dann geht sie. Und ich stehe hier und halte mir das Bild warm von der schönen Frau mit den schönen braunen Augen.

Eine gute Zeit auf all deinen Reisen, wünsche ich dir. Und im Mai bringe ich dir einen Strauss Maiglöckchen.

«SEHR GEEHRTE SBB»

«Wären Sie so freundlich, der Direktion der Schweizerischen Bundesbahnen auszurichten, dass dieser Zug den Namen Intercity nicht verdient. Das ist bestenfalls ein Interregio, aber auch als Interregio kaum mehr als ein Schüttelexpress. Keine Chance, in diesem Zug zu arbeiten, ohne Brechreiz, fiebriges Frösteln oder Zitteranfälle zu bekommen. Spätestens in Ziegelbrücke muss ich die Arbeit sistieren, will ich nicht riskieren, auf dem WC zu vomieren. Aber wer mag schon diese verpissten Toiletten aufsuchen, mit ihrem beissenden Gestank.»

Den letzten Satz streiche ich. Schliesslich will ich nicht, dass der Zugchef vor Ärger an die Decke springt, wenn ich mein Anliegen vorbringe, und dann über das ewige Gejammer der verwöhnten Fahrgäste wettert: «Jeden Tag! Na, dann geht doch zu Fuss oder mit dem Auto oder dem Velo!»

Nein! Eine solche Reaktion möchte ich vermeiden. Mein Ziel ist es, dass meine Botschaft so schnell wie möglich in Bern landet, auf einem relevanten Schreibtisch der Schweizerischen Bundesbahnen.

Ich bin gerade dabei, meine Formulierungen noch einmal durchzugehen, als ich höre, wie «Billette vorweisen!» gerufen wird. Dabei erkenne ich schon von Weitem, dass dieser Zugchef wohl nicht die ideale Ansprechperson ist, um meine Kampagne für mehr Pendler-Komfort zu starten. Es ist ein Typ mit einem spitzen Gesicht, gelblicher Haut und langen, dünnen, grauen Haaren, die er zu einem Pferdeschwanz gebunden hat, der eher einem alten, abgenutzten Pinsel gleicht. Ich lasse ihn vorbeigehen.

Ebenso die nachfolgenden Zugchefs. Sogar eine Zugchefin, die einen ganz sympathischen Eindruck macht.