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"Er spricht hastig, mit rotem Gesicht und flackernden Augen. Sie lässt ihn ausreden, erkennt, dass jedes Widerwort nur Öl ins Feuer gießen würde. Ihr Bruder ist dabei, sich selbst zu verbrennen, und so sehr sie dies schmerzt, so wenig kann sie es verhindern." Marilena erzählt oft und anschaulich aus ihrem Leben, und Lisa, ihre Tochter, liebt es, ihr zuzuhören. Doch immer wieder stößt sie auf ein beredtes Schweigen hinter den Worten ihrer Mutter - Nuancen, die das Mädchen hellhörig machen. Wo berühren sich Wahrheit und Fantasie? Wo beginnt das Geheimnis, das Marilena umfängt, und wo endet es? Lisa macht sich auf die Suche und was sie letztlich findet, führt zu einer berührenden Hommage an ihre Mutter. In Sequenzen zeichnet die Tochter auf, wie das Leben auf Marilena kam und wie diese es - wider alle Umstände - zu dem machte, was sie aus dem geheimnisvollen Lied der Margerite schöpfte. Eine Familiengeschichte - zugleich bodenständig und poetisch, dramatisch und heiter - wie das Leben selbst.
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Seitenzahl: 168
Veröffentlichungsjahr: 2018
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Ins Heute fliesst, was
gestern gesät
Augenblicke, aus
Licht und Schatten
geschöpft
gewandelt
geprägt.
Summe des Jetzt
Atem und Ausdruck
Same des Kommenden.
Und immerzu
in diesem Strom:
Licht und Dunkel
Ebbe und Flut.
Wechselspiel der Sinne
Wagnis der Seele
Allgegenwart ins
endlose Werden.
Sein und Säen
sind eins.
Die Liebe ist langmütig, die Liebe ist gütig.
Sie ereifert sich nicht, sie prahlt nicht,
sie bläht sich nicht auf.
Sie handelt nicht ungehörig,
sucht nicht ihren Vorteil,
lässt sich nicht zum Zorn reizen,
trägt das Böse nicht nach.
Sie freut sich nicht über das Unrecht,
sondern freut sich an der Wahrheit.
Sie erträgt alles, hofft alles, hält allem stand.
Die Liebe hört nie auf.
1 Kor. 13
„Nicht unerwartet, aber trotzdem überrascht und traurig, nehmen wir Abschied von unserer geliebten...“
Marilena, bequem mit der Zeitung auf dem Sofa ausgestreckt, murmelt halblaut die Worte der Todesanzeige vor sich hin. Dann lässt sie die raschelnden Blätter sinken und sieht mich über den Rand der Lesebrille an. „Hier, das ist es. Diese Zeilen aus dem ersten Korintherbrief sollen auch in meiner Todesanzeige stehen.“
„Aber Mama!“
„Ja, was denkst du denn! Seit Jahren studiere ich täglich die Todesanzeigen, und zwar nicht bloss aus Gewohnheit. Hinter jedem Namen steht ein Leben, eine Leistung, eine Geschichte, ein Meer von Gefühlen aus Freude und Leid. Jeder Name offenbart einen Menschen mit seinem ganz persönlichen Universum. Dem versuche ich dann ein wenig nachzuspüren. Und alle Sprüche und Verse, die mir gefallen, bewahre ich in meiner Nachttischschublade auf. Aber diesen hier, den gebe ich separat in einen Umschlag. Hörst du, Lisa? Damit du Bescheid weisst und ihn findest, wenn es soweit ist.“
„Also wirklich, Mama, was soll das?“
„Für mich ist das wichtig. Nicht, weil ich damit sagen will, ich hätte mein Leben so hinbekommen wie darin angeraten, so edel und hehr, behüte. Aber dieser Text strahlt jene Kraft aus, von der ich mich einfach getragen fühle. Mit Papa kann ich darüber nicht reden, das weisst du. Der will von solchen Sachen nichts wissen.“
„Du solltest dich auch mehr auf das Leben als auf den Tod konzentrieren, Mama.“
„Das tue ich doch, Lisa. Jeden Tag während des Zeitungslesens befasse ich mich fünf Minuten mit dem einzig Sicheren, das uns das Leben bringt. Das gehört für mich einfach dazu.“
„Also, wie du das immer drehst...“
„Hier, schau, die Geburtsanzeigen. Anfang und Ende, sie gehören zusammen. Sieh nur, die Kleine unserer Nachbarn ist auch aufgeführt. Hofstettler Mira Amanda, geboren am 21. März. Am ersten Frühlingstag zur Welt gekommen, die kleine Mira, habe gar nicht gewusst, dass sie auch Amanda heisst. Ein schöner Name.“ Sie lächelt mich an und rückt das Brillengestell auf der Nase zurecht. „Ich würde das Kind Miranda nennen, bei der Vorlage eine schöne Option. Findest du nicht? Wer weiss, vielleicht kommt sie eines Tages von sich aus darauf.“
Umständliches Geraschel und Geradeklopfen der Seiten.
„Ah, der Fortsetzungsroman, da bin ich ja gespannt, ob die Verwechslung diesmal endlich auffliegt...“
Genüsslich legt sie sich auf dem Sofa zurecht, zieht die Wolldecke über sich und verschwindet hinter dem Knistern der Zeitungsblätter. Mama, wie sie leibt und lebt! Es ist Herbst 1983. Eine Zeit, in der kleine Lokalzeitungen und Unterhaltungsblätter noch mit Fortsetzungsromanen aufwarten. In drei Jahren werde ich die Nachttischschublade öffnen und nach dem Umschlag mit dem Korinther-Ausschnitt suchen. Und ich werde ihn zuoberst auf dem grossen Stapel Sprüche finden, die Mutter in den letzten zwanzig und mehr Jahren gesammelt und aufbewahrt hat. Ausserdem werde ich etwas weiter unten in der Schublade auf einen langen Brief stossen, den sie im Frühjahr 1949 von ihrer unverheirateten Schwester Josy aus Rhodesien erhalten hat. Josy, die damals einen Traum lebte, mit dem sie jahrzehntelang die vielen, in dampferfüllten Grossküchen produzierten Gerichte würzte, nachdem er sich in der Praxis schon bald als unerfüllbar erwiesen hatte.
Und noch ein Schriftstück, verschlossen und an mich adressiert, wird sich im Stapel von Mamas Dokumentensammlung finden. Eines, mit dessen Existenz ich nie im Leben gerechnet habe.
Marilena, meine Mutter, oft auch Marilen gerufen, kommt 1927, kurz vor Weihnachten, auf einem abgelegenen Bauernhof oberhalb Büttishusen im Kanton Luzern zur Welt. Sie ist das vierte lebende Kind meiner Mattenwies-Grosseltern.
Der Tag ihrer Geburt steht nie mit absoluter Sicherheit fest. Vom Vater bei der Gemeinde als am 22.12. geboren gemeldet, sagt ihre Mutter stets, das Kind sei bereits in der Nacht vom 20. auf den 21. Dezember auf die Welt gekommen, da sei sie sich absolut sicher. Es habe nämlich mächtig gestürmt in jener Nacht, und so sei der Vater zuerst wegen der hohen Schneeverwehungen und dann wegen Weihnachten erst mehrere Tage später ins Dorf hinunter gekommen, um die Geburt anzumelden. Es sei in jener Zeit sowieso alles etwas chaotisch gewesen auf der Mattenwies, da habe er sich dann halt im Tag geirrt.
Ihr Mann weist dies stets als dummes Gerede zurück, er habe ganz gewiss das richtige Datum genannt. Allerdings tut er dies nicht mit soviel Vehemenz, dass es für Marilena überzeugend wirkt, eher so, als würde er der Mutter im Stillen recht geben. Das gibt Marilen später, als die Heftchen-Astrologie zur spielerischen Mode wird, die Möglichkeit, in Zeitungen und Zeitschriften stets beide Horoskope, das des Schützen und des Steinbocks, zu studieren und sich das ihr Zusagende auszusuchen. „Wer hat schon eine solche Wahl“, pflegt sie lachend zu sagen, wenn andere ungläubig und verwundert den Kopf schütteln.
Meine Grossmutter Johanna, ein auffallend hübsches Mädchen aus einer angesehenen Familie – Vater Zihlmann führte im Dorf Büttishusen eine gut gehende Möbelschreinerei – hatte sich beim sonntäglichen Kirchgang „unsterblich“, wie sie mir einmal selber sagte, in den jungen schwarzhaarigen Mattenwies-Sohn Julius Hafner verliebt. Julius sang im Kirchenchor mit und tat diesem mit seinem vollen, schönen Bariton alle Ehre an. Es dauerte nicht lange, da stand auch die blonde, blauäugige Hanna, wie sie meist gerufen wurde, in der Reihe der hingebungsvollen Sänger und Sängerinnen, und nach nochmals recht kurzer Zeit gab es – wider alle Umstände – eine Hochzeit. Zum Leidwesen Hannas war es halt eine Tatsache, nicht nur in den Augen der Eltern Zihlmann, dass diese eheliche Verbindung für die junge Frau einen finanziellen und gesellschaftlichen Abstieg bedeutete.
Die Mattenwies, auf einer sonnigen Terrassenplatte über dem Dorf Büttishusen gelegen, war zwar ein stattlicher Hof, doch es lag eine über die Massen grosse Hypothek auf dem Anwesen. Julius’ verstorbener Vater Anton, mein Urgrossvater also, war aus unterschiedlichen Gründen mehr dem Alkohol als der Bewirtschaftung des Hofes zugetan gewesen und hatte seinem Sohn eine erdrückende Schuldenlast hinterlassen. Das junge Ehepaar stand also vor keiner leichten Aufgabe, um so mehr als Hanna, wie sich bald zeigen sollte, als gelernte Schneiderin zwar viel von diesem Handwerk, jedoch wenig von den Aufgaben einer Bäuerin verstand und sich auch nie recht dafür erwärmen konnte.
Eine weitere Erschwernis im Alltagsleben, zumindest in den ersten zwölf Jahren dieser Ehe, war die Tatsache, dass Hanna sich mit ihrer Schwiegermutter – und noch mehr umgekehrt – nicht gut vertrug. Die alte Karoline vom Mattenwieshof, eine aus ebenfalls vielerlei Gründen verbitterte, unglückliche und hart gewordene Frau, verstand nie, weshalb ihr Sohn anstelle eines tüchtigen Bauernmädchens diese zierliche und sich zierende, in ihren Augen allemal verwöhnte Handwerkstochter geheiratet hatte.
Im Verlauf der Jahre, in denen Marilena und ihre Geschwister auf der Mattenwies unter bescheidensten Verhältnissen heranwachsen, sitzt Johanna, ihre Mutter, Tag für Tag, Stunde für Stunde, und dazu ständig beschwert von ihr übel zusetzenden Schwangerschaften, an der Nähmaschine, wo sie nicht nur für ihre stetig wachsende Familie das Notwendige zusammenschneidert, sondern, wenn immer möglich, Nähaufträge ausführt, um das arg belastete Einkommen etwas aufzubessern. Die ihrerseits abgehärmte Grossmutter führt das Zepter in Küche und Haushalt und kümmert sich um die Kinder; wie notdürftig und oft auch lieblos dies geschieht, kann ich vorerst nur aus dem Zwischenzeiligen, Unausgesprochenen erahnen, das allzu oft in den Erzählungen meiner Mutter aufscheint.
„Wann immer es sich einrichten liess, verliess ich das Haus, um Vater draussen auf dem Feld oder im Stall zu helfen“, berichtet unsere Mutter wiederholt, wenn die Rede auf ihre Kindheit kommt. „Das war zwar anstrengend und schweisstreibend, aber dies machte mir nichts aus. Denn mit ihm war es viel friedlicher und lustiger als drinnen bei der unzufriedenen Mutter und der keifenden Grossmutter. Und Vater war sehr zufrieden mit meiner Arbeit; immer wenn er flinke Hände zur Unterstützung brauchte, rief er nach mir und lobte mein geschicktes Anpacken. Abends nach getaner Arbeit sassen wir Kinder mit unserem Vater auf dem Bänkli vor dem Haus, und er spielte auf dem Schwyzerörgeli; ihr wisst ja, er liebt die Musik und das Singen über alles. Auch heute noch.“
„Und du hast dazu gejodelt, Mama?“
„Natürlich, Vater musizierte, wir sangen dazu und ich jodelte. Ich durfte immer den Jodel singen, weil ich von den älteren Kindern den besten Kehlkopfschlag und die beweglichste Zunge hatte.“
Zur Untermauerung ihrer Worte trällert sie ein perfektes, lang drehendes Zungen-R, wie es keinem von uns Kindern gelingen will.
Es ist Sommer um 1960, und wir sitzen zusammen am Mittagstisch, unsere Mutter Marilen, meine beiden Brüder, die jüngere Schwester und ich. Wir Kinder albern, lachen und lärmen bis Mama nach der Rute am Wandhaken greift und damit kräftig auf den Küchentisch schlägt. „So, Ruhe jetzt! Man versteht ja sein eigenes Wort nicht mehr!“
Wir kennen das Spiel und tun ihr kurzfristig den Gefallen. Es geht ja auch meist laut und lustig an unserem Tisch zu und her, vor allem mittags, wenn der Platz unseres Vaters leer ist. Papa ist zwar gut zu uns, aber auch recht streng. Regeln sind ihm wichtig. Wenn er da ist, haben seine Wünsche und Bedürfnisse Vorrang; er erzählt von seiner Arbeit und anderen Dingen, die ihn beschäftigen, und bekommt stets die ganze Aufmerksamkeit unserer Mutter. Sie ist dann nie so locker und aufgeräumt, wie wenn wir alleine sind.
„Mama, hast du das Grimassenschneiden auch vom Grossvater gelernt?“
„Mmh, ja, das könnte man so sagen.“
„Mach doch bitte ‚die Sonne’, die ist sooo lustig!“
„Aber doch nicht jetzt! Jetzt wird gegessen.“
„Bitte, bitte, Mama, nur einmal. Die Grimassen-Sonne ist einfach urkomisch!“
„Also gut, einmal. Aber dann wird in Ruhe gegessen. Hört Ihr? Keine Kalbereien mehr.“
Leichter gesagt, als getan. Mama verzieht das Gesicht zur „Sonne“, und wir kugeln uns vor Lachen. Wir tun es ihr nach, vor allem meine beiden Brüder sind ebenfalls Meister im Faxenschneiden. Dies löst einen neuen Heiterkeitssturm aus.
„Still jetzt! Wenn jemand vor dem Haus vorbeigeht, Himmel nochmal, der kann doch alles hören...“, ruft Mama schliesslich, während ihr die Lachtränen über die Wangen laufen.
„Schade, dass wir nicht auf der Mattenwies wohnen“, überlege ich mit vollen Backen. „Da könnten wir lachen und witzeln und singen, so viel und laut wir wollten, wie ihr damals, und kein Mensch würde uns hören.“
Noch während meiner letzten Worte hat Mama sich verschluckt. Sie hustet und hustet, ringt keuchend nach Atem, ihr Gesicht wird hochrot und ihre Augen schwimmen in Tränen. Alarmiert springe ich auf und klopfe ihr, so fest ich es vermag, auf den Rücken. Ich weiss, dass sie einmal an einem solchen Anfall beinah erstickt wäre und schliesslich in Panik auf die Strasse rannte.
Diesmal ist es nicht ganz so schlimm. Als sie sich etwas erholt hat, nickt sie mir zu und bedeutet mir mit der Hand, mich wieder zu setzen. Schliesslich findet sie auch ihre Stimme wieder.
„Ja, ja, die Mattenwies. Sei nur froh, Lisa, dass wir nicht so abgelegen wohnen. Da hört und sieht wirklich niemand, was läuft und geht, und das hat nicht nur Vorteile, glaub mir. Und ausserdem gab es damals über unseren trockenen Härdöpfelschnitzen oder einem Beerenmus – anderes lag selten auf unseren Tellern – auch nicht gerade viel zu lachen. So, und jetzt wird endlich fertig gegessen, Kinder, bevor mein gutes Essen noch verdirbt.“
Da ist sie wieder, diese Ambivalenz. So jung ich bin, so sehr spüre ich zuweilen eine Zerrissenheit in ihren Geschichten, eine Unterschwelligkeit, die mir zu schaffen macht, da sie ihren Erzählungen etwas hinzufügt, das nicht hineinpasst und das ich nicht verstehe.
Einmal im Jahr, meist im Sommer, fahren wir von der Ostschweiz ins Luzernische, um ein paar Tage auf dem Mattenwieshof zu verbringen. Ich bin gerne dort, ich mag die Mattenwies-Grossmutter Hanna. Sie hat grosse blaue Augen, ist klein und feingliedrig, von einer zarten Schönheit, die sie sich trotz vieler Schwangerschaften bis ins Alter bewahrt hat. Und den Grossvater, dessen silberne Locken wie ein Heiligenschein sein rotes, pausbäckiges Gesicht umrahmen und dessen schwarze Knopfaugen aus einer Fältchengilde heraus blitzen und schmunzeln, diesen Grossvater, von dem ich mich immer sehr intensiv, ja mit Stolz wahrgenommen fühle, verehre ich nachgerade.
Auch der breite, warme Dialekt hat es mir angetan. Mama, die schon in jungen Jahren in die Ostschweiz kam, redet heute wie wir, doch in dieser Mattenwies-Woche findet sie zurück in den heimatlichen Dialekt. Plötzlich trinken wir morgens „Möuch“ statt Milch, essen „Houderzunne“ statt Holdermus, und das gewöhnliche „Gell“ wird zum weichen, anteilvollen „Gäou“.
Das grosse, alte Bauernhaus mit den vielen Nischen und Ecken, dem geheimnisvollen Knacken und Ächzen im Gebälk, jeder Menge grösseren und kleineren Kammern und der geräumigen, langgezogenen Wohnküche fasziniert mich. In dieser Küche steht nebst dem elektrischen Kochherd ein schwarzes Ungetüm von Holzherd, dessen grosse Löcher riesigen, feuerspuckenden Augen gleichen, sobald die bauchigen, russigen Pfannen hochgenommen werden. In der guten Stube, wo die Gäste empfangen und bewirtet werden, gibt es ein weiteres Ungetüm, diesmal in schön glänzendem Grün: Ein breiter, hoher Kachelofen mit mehreren Ofenbänken, auf denen ich herumturne und am wohltuend kühlen Kachelstein meine von der Sonne erhitzten und von Mückenstichen übersäten Glieder reibe.
Bei diesen sommerlichen Besuchen auf der Mattenwies wird abends gesungen, gejasst, gewitzelt und gelacht. Nur manchmal, wenn ich unverhofft in die Küche stürme, stehen Grossmutter Hanna sowie meine Tanten mit ernsten Gesichtern und vielsagenden Blicken in einer Ecke um Mama herum und ihr geheimnisvolles Tuscheln verstummt, sobald sie mich bemerken. Dann spüre ich es erneut, dieses Dunkle, Geheimnisvolle, das mir einen Schauer über den Rücken jagt, mich gleichzeitig ängstigt und neugierig macht.
Ein paar Tage später klingelt das Telefon kurz nach dem Essen, und Mama spricht über eine halbe Stunde mit einer ihrer Schwestern. Sie hat die Tür in den Korridor geschlossen, aber ich bemerke, dass sie trotz dieser Massnahme am Apparat flüstert, als ginge es um ein grosses Geheimnis. Später, beim Abwasch, fegt meine Mutter die Teller und Pfannen, ich trockne ab und verräume das Geschirr, während meine Schwester mit dem Besen die Küche kehrt. Die Arbeit geht uns leicht von der Hand, denn wir singen, zwei-, manchmal dreistimmig „Mariechen sass weinend im Garten“ und „s’Guggerzytli“, dann noch „s’Chilchli – höch ob de letschte Matte“. Dennoch spüre ich, dass meine Mutter nicht so recht bei der Sache ist.
Als meine Schwester Sonja die Küche verlässt, unterbreche ich meine Arbeit und lehne mich an den Küchenschrank.
„Mama, hast du den Mattenwies-Grossvater eigentlich lieber als die Grossmutter?“
Sie sieht vom Abwaschtrog hoch, schaut mich mit gerunzelter Stirn an. „Du mit deiner ständigen Fragerei. Wie kommst du denn darauf?“
„Ich weiss nicht. Weil du viel mehr von ihm erzählst. Die Grossmutter ist doch auch eine liebe.“
„Ja sicher, Lisa, das ist sie. Sie hatte es nicht leicht damals, weisst du. All die vielen Kinder. Und ihre Schwiegermutter, deine Urgrossmutter, na ja...“
„War die so richtig böse?“
„Ach Gott, was heisst schon böse. Sie war halt verbittert und abgearbeitet, die Karoline. Du weisst ja nicht, wie es früher zu und her gegangen ist. Jedes Jahr ein Kind, krampfen von morgens bis abends, kein Geld, einen Mann, der lieber im Wirtshaus sitzt als zuhause arbeitet. Wobei“ - sie hält inne, schüttelt den Kopf als sähe sie Dinge, die sie unmöglich aussprechen kann, fährt dann mit einem Seufzer in ihrer Erzählung fort. „Die Karoline, deine Urgrossmutter hat keine Freude im Leben gekannt. Eine schwere Jugend, einen Vater, der trank und seine Familie furchtbar drangsalierte. Sie musste schon als Kind Nacht für Nacht im Keller mit der Mutter und den Geschwistern heimarbeiten, um das Nötigste dazu zu verdienen. Und wenn dann der Vater stockbetrunken heimkam, weil ihm das Geld für weiteren Schnaps ausgegangen war, tobte und wütete er, schlug alle und alles zusammen, bis sie ihm die paar Rappen, die sie durch diese nächtliche Arbeit verdient hatten, auch noch aushändigten. Oft flohen sie mitten in der Nacht in den Wald, um dem Vater nicht in die Hände zu fallen. Du kannst dir das alles gar nicht vorstellen, Lisa. Karoline war die Älteste von dreizehn Kindern und hat am meisten an diesen Umständen gelitten. So hat sie halt schon als junge Frau ein dunkles, bitteres Gemüt mit in ihre eigene Ehe gebracht. Und das wiederum trieb euren Urgrossvater Anton, der ein lebenslustiger und wie Julius, mein Vater, ein sehr musikliebender Mann war, mit der Zeit immer mehr aus dem Haus.“
Mama stellt die blitzblank gefegte Pfanne beiseite und streicht sich eine feuchte Haarsträhne aus der Stirn. Wohlwissend, dass mir meine nächste Frage schon auf der Zunge liegt, nimmt sie den Faden wieder auf. „Ja, so war das damals, Lisa. Und so wiederholte sich schliesslich das, was Karoline als Kind erduldet hatte, auch in ihrer späteren Familie. Mehr als einmal kam es vor, dass die Kühe im Stall vor Schmerz brüllten, weil sie dringend gemolken werden mussten, doch von Anton, ihrem Mann, war weit und breit nichts zu sehen. Der hatte im Wirtshaus wieder einmal Pflicht, Zeit und Familie vergessen. Dann band die Karoline ihre kleineren Kinder mit einer Windel am Küchentisch fest, schnallte sich den Melkstuhl um die Hüften und machte sich mit verbissenem Gesicht im Stall ans Werk. Allerdings war Anton wenigstens nicht so jähzornig und gewalttätig, wenn er getrunken hatte, wie seinerzeit ihr Vater. Aber ein Elend war es alleweil.“
Ich stehe da, mit offenem Mund und aufgerissenen Augen. Das ist eine neue Geschichte, und die wirft ein ganz anderes Bild auf meine kindlichen Vorstellungen vom Leben auf der Mattenwies. Ich ahne plötzlich, dass diese Dinge etwas mit dem ständigen Flüstern und Tuscheln zu tun haben könnten.
Mama rührt sich wie in Trance, fährt sich mit der Hand übers Gesicht. „Was erzähle ich da. Das kannst du doch alles noch gar nicht verstehen.“
„Doch“, widerspreche ich, „das verstehe ich schon. Weil die Karoline, deine Grossmutter, es so schwer gehabt hat, wurde sie erst traurig und dann bitter oder sogar böse und lachte nie. Und weil sie, auch als sie alt war, immer noch im Haus regierte, und der Julius, ihr Sohn, ständig auf dem Feld oder im Stall arbeitete, musste deine Mutter Hanna den ganzen Tag mit ihr verbringen. Davon wurde auch sie unzufrieden und nörglerisch. Darum hast du den Vater lieber gehabt, oder?“
Mama lächelt und streicht mir über das Haar. Es liegt ein Schleier über ihren sonst so fröhlichen, dunklen Augen.
„Ja, genau so war das, Lisa. Das hast du tatsächlich gut verstanden. Aber eigentlich sind das keine Geschichten für ein Mädchen in deinem Alter. Komm, wir singen lieber noch ein Lied, diesmal ein lustiges mit einem Jodel.“
Glockenhell erklingt ihre wunderschöne Sopranstimme, und ich lausche eine Weile hingerissen den melodischen Klängen, bevor ich schliesslich mit meiner kindlichen Stimme einfalle und mitsinge was das Zeug hält, um die Schatten der Vergangenheit so schnell als möglich zu vertreiben.
„Grade mal drei Kilo und ein paar Gramm – und das bei einem Alter von sechs Monaten! Völlig unterernährt und auf den Tod krank, das arme Würmchen.“ Der alte Dorfdoktor kennt Johanna, die Zihlmannstochter, schon seit ihrer Kindheit, doch es liegt kein Mitleid im zwingenden Blick, mit dem er die junge Frau, unübersehbar bereits wieder mit einem Kind schwanger, betrachtet.
„Ich sag dir jetzt was, und zwar deutsch und deutlich, Johanna Hafner, und es ist mir bitter ernst. Wenn eure Kleine hier nicht sofort, und zwar ausschliesslich und bereits ab der nächsten Flasche, eine verträgliche Säuglingsmilch erhält, stirbt sie dir unter den Händen weg, und zwar bevor ein Monat vergangen ist!“
Hanna, blass geworden, reisst die Augen auf. „Ist es so schlimm mit ihr?“
