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Sharina wurde als kleines Mädchen von ihrer Mutter, einer Kristallhexe, in Develia zurückgelassen. Dort verschwindet allmählich das Tageslicht. Deshalb begibt sie sich mit der Fee Rubinea auf eine gefährliche Reise nach Norièra, dem Reich der Kristallwesen, um das Rätsel zu lösen und mehr über ihre Herkunft zu erfahren. Auf diesem Weg erkennt Sharina zunehmend, dass die Feinde, die sie besiegen muss, ein Spiegelbild ihrer inneren Welt sind. Doch welche Rolle spielen hierbei der Magieralb Chrysander und der Schattenmagier Ulfgart? * Das Buch enthält im Anhang vier Heil-Meditationen um das eigene innere Licht zu erkennen, es erstrahlen zu lassen und ein erfüllteres, glücklicheres Leben zu führen! * daria-stern-1.jimdosite.com/
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Seitenzahl: 380
Veröffentlichungsjahr: 2023
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Sharinas Lageplan von Luxaria
Für Frank, meinen liebsten Märchenfreund
Die Wunde ist der Ort, wo das Licht eintritt und das Wunder geschieht. nach Rumi
Die Schönste der Feen
Auf Luxaria
Die Sitzung des Senats
Arabellus
Der Abschied
Der blaue Weg
Im Labyrinthwald
Am Kristallfluss
Das Spiegelschloss
Der rote Weg
Liora und Isra
Zarwin
Chrysander
Im Rubingebirge
Bei Priscia
Die gestohlenen Rubine
Ulfgarts Besuch
Corvinius magische Bilder
Emerita
Treffen am Sherry-Fluss
Sharina und Chrysander
Chrysanders Plan
Visionen am Kristallfluss
Verhandlungen um ElDur
Rubineas Entscheidung
Ulfgarts Entscheidung
Vorbereitungen
Das Haus der Erkenntnis
Der Spiegel des Lichts
Schattenkämpfe
Geheimnis des Lichts
Die Rückkehr nach Develia
Epilog
Alphabetisches Personen- und Wesensverzeichnis
HEILMEDITATIONEN
Das Haus der Erkenntnis
Begegnung im Licht
Das Geschenk der Feuerblume
Geheimnis des Lichts
Dein Geschenk zu deinem Geheimnis des Lichts
Sharina trat ans Fenster und bemerkte entsetzt, dass die Dämmerung noch immer ihren Schleier über die Landschaft ausbreitete. Dabei war es schon halb neun!
Warum wurde es in den letzen Tagen immer später hell? Hatten die Kristallhexen ihren Pakt vergessen, für ausreichend Tageslicht zu sorgen – oder war etwas Schlimmes passiert? Wenn es so weiterging, wäre das eine Katastrophe für ihr Land. Erst gestern hatte Gerulf ihr sorgenvoll mitgeteilt, das Gemüse würde wegen des Lichtmangels langsamer wachsen, und er wüsste nicht, ob er seinen Anteil diesmal erfüllen könnte.
In der spiegelnden Fensterscheibe sah Sharina den Zweifel in ihren dunklen Augen. Sie schüttelte den Kopf. Was hatte sie sich nur dabei gedacht, als sie sich von Luciella und Rubinea überreden ließ, am alljährlichen Wettbewerb ›Schönste der Feen‹ teilzunehmen? Sie würde alle Anwesenden, einschließlich der Preisrichterinnen, um Haupteslänge überragen und galt deshalb als nicht besonders reizvoll. Und dann auch noch ihre braunen Augen, die viel dunkler als die der anderen waren. Doch Luciella und Rubinea bestanden darauf gemeinsam teilzunehmen, da sie jetzt im letzten Jahr an der Akademie waren und bald getrennte Wege gehen würden. Ihre Freundinnen wollten zeigen, wie anmutig, musikalisch und klug sie waren und Rubinea hatte ihr mehrfach versichert, dass sie zwar hochwüchsig, aber trotzdem hübsch war. Dennoch fühlte sie sich zerrissen. Einerseits spürte sie den tiefen Wunsch dazuzugehören, andererseits fand sie es fragwürdig, dass die Feen nur die altbekannten Eigenschaften schätzten. Überhaupt schien ihr das Leben in Develia zunehmend langweilig.
Die Mädchen und Frauen liebten es, gemeinsam zu handarbeiten, zu tanzen und zu singen. Sharina dagegen sehnte sich nach Abenteuern, denn schließlich floss durch ihre Adern auch das Blut der Hexen. Ihre Mutter Atiréme die sie kaum kannte, war eine Kristallhexe, die seit langer Zeit in Norièra weilte. Ihr Vater lebte zwar bei den Feen, Atiréme hatte jedoch niemals seinen Namen genannt. In letzter Zeit dachte Sharina oft an ihre Mutter, wie sie stolz auf ihrem Einhorn saß. Ihr Haar schimmerte bronzen in der Sonne, als sie vor 15 Jahren davon ritt.
Langsam füllte sich der von duftenden Pinien und blühenden Kirschbäumen umgebene Hof vor dem Alabasterpalast mit Feen, eine anmutiger und wohlgestalteter als die andere.
»Wunderschön siehst du aus«, meinte Sharina. Und Rubinea sah freudestrahlend mit ihren lichtblauen Augen zu Sharina auf, warf ihren Kopf mit den kupfernen Locken zur Seite und schaute wohlgefällig an sich herunter. Ein blütenweißes Kleid umfloss ihren grazilen Körper, den ein Gürtel mit silbernen Monden in der Taille umschlang.
»Sieh mal, da kommt Luciella«, rief Rubinea.
Die Freundin kam mit wehendem Mantel auf sie zu. Über ihrem Kleid in Rosé trug sie einen Kapuzen-Mantel in der gleichen Farbe. Ihre Wangen waren gerötet und sie strahlte erwartungsfroh.
»Habt ihr schon gehört, wie es weitergeht?« Luciella strich sich eine blonde Haarsträhne aus dem Gesicht.
Sharina verneinte. Plötzlich hörten die Freundinnen einen schwingenden Gongton.
»Es geht los!«, flüsterte Luciella den beiden zu.
Alva, eine zierliche Fee, betrat den Raum. Vor vielen Jahren war sie selbst ›Schönste der Feen‹ geworden. Jetzt übernahm sie verschiedene Aufgaben, um den Wettbewerb auszurichten. Sie schenkte allen ein aufmunterndes Lächeln und klatschte in die Hände. »Stellt euch in einer Zweierreihe auf. Wir gehen in den Thronsaal.«
Sharina hörte eine Fee flüstern. »In den Thronsaal – dorthin kommt sonst kaum jemand. Er soll außergewöhnlich sein.«
Rubinea fasste Sharina an der Hand. Und Luciella reichte ihre Hand einer zierlichen Fee mit weißen Haaren.
»Luciella«, flüsterte sie.
»Clarella«, antwortete ihre Partnerin mit den tiefvioletten Augen, die bis auf den Grund ihrer Seele zu sehen schienen.
Sharina und die anderen Feen folgten Alva über die Außentreppe des Alabasterpalastes in das Gebäude hinein, in dem sich von einem Saal aus weitere Treppen und Zimmer verzweigten.
»Ich teile euch in drei Gruppen ein«, erklärte Alva. »Und ihr sollt auch drei Aufgaben lösen. Einige von euch beginnen mit einem Tanz, der das Gefühl der Bäume und Blumen im Sommerwind beschreibt. Die anderen sollen ein Lied singen, das von den Geheimnissen des Lebens als Fee erzählt. Und ihr übrigen folgt mir in den Sommersaal. Die Richterinnen werden dort euer Wissen überprüfen.«
Sharina überlegte. Die Fragen würde sie bestimmt beantworten können, da sie mit ihrem unstillbaren Wissensdurst Bücher zu den verschiedensten Themen verschlang. Aber Tanzen lag ihr nicht. Und dann auch noch die Aufgabe Das Gefühl der Bäume und Blumen im Sommerwind. Tatsächlich fühlte sie sich den Bäumen und Blumen nie besonders nah, obwohl es einen uralten Kastanienbaum namens Rodebrecht gab, mit dem sie sich manchmal unterhielt. Aber sie sprach mit ihm über ihre Erlebnisse und Ziele und nicht, wie er sich im Sommerwind fühlte. Rodebrecht zählte mehr als 600 Jahre und hatte schon vielen Stürmen standgehalten. Bei dem Gedanken, dass Rodebrecht sich anmutig im Sommerwind hin und herwiegte, kicherte Sharina. Erstaunt sahen einige Feen in ihre Richtung. Manche von ihnen hielten schon Schwungbänder, Reifen oder Bälle in ihren Händen und fingen an sich zu drehen und zu tanzen. Bei diesem Anblick prustete Sharina noch lauter.
»Was gibt es denn hier zu lachen«, fragte Alva plötzlich neben ihr.
»Nichts. Mir ist nur etwas Lustiges zu meinem Tanz eingefallen.« Sharina schaute schuldbewusst zu Meisterin Alva herunter.
»Das ist schön. Da bin ich gespannt.« Alva lächelte warmherzig.
Leider fiel Sharina nichts ein. Oder doch – vielleicht konnte sie eine Weide darstellen, die waren grazil und biegsam und aus ihren Zweigen wuchsen samtweiche Knospen. Sie würde ihr Pelz-Capé zu dem Tanz anziehen und schwungvoll eine Weide im Sommerwind darstellen. Dann bremste sie sich, um nicht wieder unangenehm aufzufallen.
Als sie endlich aufgerufen wurde, um dem strengen Richtergremium ihre Künste zu zeigen, fühlte sie ihre Anspannung bis in ihre Fingerspitzen.
Den Thronsaal erfüllte ein türkisfarbenes Licht, das durch die Smaragd- und Saphirwände hervorgerufen wurde. Die Richterinnen und Richter saßen an einem langen, goldenen Tisch, der ihre Gesichter weich erscheinen ließ. Die drei Richterinnen trugen, wie es an Feiertagen oder zu Ehren von hohen Würdenträgern üblich war, ihre Haare hochgesteckt.
In einem der beiden Richter erkannte Sharina Lucielus, den dunkelhäutigen Obersten Senator des Rates. Links neben ihm saß ein Feenmann mit schlohweißen Haaren und tiefen Furchen im Gesicht.
Rechts vom Richtertisch befand sich ein Teich mit rubinroten Seerosen, in dem zwei schneeweiße Schwäne schwammen als Sinnbild ewiger Liebe und Treue.
Weiter links von dem Tisch reckte ein Baum Zweige mit goldenen Äpfeln in die Höhe. Wer einen Apfel des Wunschbaumes erhielt, konnte ihn in eine beliebige Pflanze verwandeln. Der Baum stand inmitten von gemäldeartigen Pflanzenrabatten, in denen die Blumen so angeordnet waren, dass sie die Worte ›Liebe‹, ›Frieden‹ und ›Licht‹ ergaben.
Außerdem sah Sharina einen Alabaster-Brunnen mit einer ebensolchen Statue – einer Fee mit einem knöchellangen Kleid und hochgesteckten Haaren. In ihrer rechten Hand hielt sie eine Schüssel, aus der Wasser nach unten floss.
In dem Brunnen schimmerte das ›Wasser des Lebens‹. Dieses Wasser konnte zusammen mit einem Lichtritual Feen von unheilbaren Krankheiten heilen.
Einer der Richter räusperte sich. »Würdest du bitte anfangen?« Sharina nickte und spürte, dass ihre Wangen heiß wurden. Doch dann konzentrierte sie sich und führte mit Schwüngen und Hüpfern ihren Tanz auf. Sie sah ihre Umgebung nur aus den Augenwinkeln als ihr durch den Kopf schoss, dass sie gern mehr Zeit gehabt hätte, um alles eingehender zu betrachten.
Die beiden Richter lächelten ihr anschließend anerkennend zu. Die drei Richterinnen dagegen sahen ernst aus.
»Zumindest habe ich es jetzt hinter mich gebracht«, dachte Sharina erleichtert. Sie verließ den Saal, durchquerte einen Gang und betrat ein Zimmer mit verschiedenen Musikinstrumenten. Von überall her hörte sie Geigen, Harfen und Cembalos.
Die nächste Aufgabe, die Alva ihr nannte, lautete ›Die Geheimnisse des Lebens als Fee‹ zu vertonen. Die Feen heirateten, bekamen Kinder und widmeten sich ihren Hand- und Hausarbeiten. Was sollte daran geheimnisvoll sein? Sharina fiel nichts dazu ein. Wenn sie an die Hexen dachte, schienen die ein weitaus spannenderes, abenteuerlicheres Leben zu führen. Diese Aufgabe … Klavier spielte sie nur stockend und sie sang auch nicht gern, weil ihre Stimme tiefer klang als üblich. Aus dem Stegreif einen Liedtext zu schreiben, schien ihr ebenso unmöglich.
Sie überlegte. – Das einzige, was ihr dazu einfiel, war eine Meldung im Tagesblatt, die sie neulich gelesen hatte. In den letzen Wochen waren drei Feen transzendiert, als sie das Wachsen ihrer Haare anregen wollten, um schöner auszusehen. Denn Lichtfeen konnten durch Hungern ihr Haarwachstum beschleunigen.
Dass das Leben dieser Feen beendet war, kaum dass es begonnen hatte, erschütterte Sharina. Deshalb schrieb sie einen Text über eine Fee, die nichts aß, um für ihren Gefährten anziehender zu sein und dabei ihr Leben als Fee verlor. Dazu summte sie eine traurige Melodie, als Alva nochmals erschien, um sie abzuholen.
Erneut wurde sie in den Thronsaal geführt und trug ihr Lied den Richtern vor. Aus ihren Gesichtern konnte sie nicht ablesen, wie es ihnen gefiel. Nur Lucielus zwinkerte ihr aufmunternd zu.
Sie wurde gebeten zu bleiben, um ihr und zwei weiteren Feen einige Wissensfragen zu stellen. Als nach dem Regierungssystem in Develia gefragt wurde beschrieb Sharina die Aufgaben des Senats und des Obersten Senators und erläuterte, warum es sinnvoll war, dass einige Gemüse- und Blumenfelder gemeinschaftlich bewirtschaftet wurden, während die Pflege bestimmter Pflanzenarten einzelnen Feenmännern übertragen war. Nachdem die Drei alle Fragen beantwortet hatten, nickten ihnen diesmal alle Richter und Richterinnen anerkennend zu.
Allmählich kamen alle Feen zurück in den Thronsaal. Und nach einer halben Stunde, die Sharina endlos vorkam, gab Alva die Ergebnisse bekannt. Sie war aufgeregt, obwohl sie ihre Aussichten den Wettkampf zu gewinnen nicht hoch einschätzte.
Erste wurde eine grazile Schönheit aus dem Norden mit schwarzen Haaren und tiefblauen Augen. Zweite wurde Luciella. Die Freundin strahlte und Sharina und Rubinea fielen ihr erfreut um den Hals. Dritte wurde die rätselhafte, weißhaarige Fee namens Clarella.
Sharina wurde Vorletzte. Und obwohl sie nicht mit einem Platz unter den ersten fünf gerechnet hatte, fühlte sie sich als Vorletzte von siebenundzwanzig angetretenen Feen verletzt.
»Ich hatte es euch doch gesagt. Ich entspreche nicht dem Bild einer schönen Fee.«
»Nimm es dir nicht zu Herzen. Du hast viel mehr zu bieten, als die Richter sehen wollten«, meinte Rubinea, die den zehnten Platz erreicht hatte, mitfühlend.
»Was meinst du damit?«, wollte Sharina wissen.
»Du bist kritisch und neugierig und wirst bestimmt irgendwann Schreiberin für das Tagesblatt. Und hervorragend malen kannst du auch«, tröstete die Freundin.
Arabellus schnaubte. Er galoppierte jetzt schon Stunden ohne Trinkwasser. Denn obwohl er von der Rubinbaum-Allee aus in nordöstlicher Richtung den violett schimmernden Traumsee sah, durfte er dieses Wasser auf gar keinen Fall trinken, wenn er sein Ziel erreichen wollte. Denn ihm war zu Ohren gekommen, dass einige Wesen nach dem Genuss des geheimnisvoll glitzernden Nasses in einen endlosen Schlaf gefallen waren. Seit heute Morgen wusste er, dass er nach Develia gehen sollte. Dort würde er eine Lichtfee treffen, die seine Dienste benötigte. Diese Botschaft sandte ihm die Helle Macht im Traum. Er träumte von einer jungen Fee, die ungewöhnlich hoch über den Fenstersims hinausragte und besorgt ins Dunkel spähte. Er verstand ihre Sorgen, dass Develia irgendwann in Finsternis versinken würde. Schließlich wurde es im Feenreich von Tag zu Tag immer später hell. Ob die Hexen ihre Macht über die Albe nicht mehr nutzten, um das Tageslicht nach Develia zu bringen?
Arabellus überlegte, dass jetzt schon seit mehr als zwei Jahrzehnten Frieden auf Luxaria zwischen den Reichen Develia und Norièra herrschte. In früheren Zeiten dagegen hatten heftige Fehden zwischen Feen, Hexen und Schattenwesen getobt. Er wusste, dass in Develia ein Senat, den der Oberste Senator Lucielus leitete, die Geschicke der Feen bestimmte. In Norièra lebte Priscia, die ›Königin im Licht‹ in ihrem Schloss im Rubingebirge und gebot über die vielen verschiedenen Wesen.
Arabellus hoffte inständig, dass es weiterhin ruhig auf Luxaria blieb. Tief in seinem Herzen spürte er, dass der Ruf der Fee in seinem Traum damit zusammenhing.
Als Sharina missmutig vom Schönheitswettbewerb heimgekommen war, sah ihre Tante Silvana sie fragend an.
»Und – wie ist es gewesen?«
»Darüber möchte ich nicht sprechen«, Sharina zog ihre Stirn kraus und nahm sich ein Stück Beerenkuchen von dem Blech, das auf dem Tisch stand. Sie schnupperte. »Köstlich! Wie das duftet.«
»Schön, dass es dir so gut schmeckt. Vorhin war Luciellas Mutter da. Sie hat den Kuchen kaum angesehen, weil sie sich sorgte, dass ihre Haare dann nicht mehr wachsen würden. Darum brauche ich mir bei dir ja keine Sorgen zu machen.«
»Ganz bestimmt nicht. Ich bin nicht so verrückt wie diese Feen, die um schön zu sein, ihr Feenleben gelassen haben«, erwiderte Sharina.
»Hast du auch davon gehört?« Silvana sah sie fragend an.
»Ich habe es vor einigen Tagen im Tagesblatt gelesen«, erwiderte Sharina.
»Eine tragische Sache. Mutter Natur hat uns einen üblen Streich gespielt, dass sie das Wachsen unserer Haare an unser Essen gekoppelt hat. Aber dein Hexenblut ist anscheinend stärker«, stellte Silvana zufrieden fest.
»Zum Glück!«, entgegnete Sharina leicht gereizt. »Bis zur Transzendenz hungern, damit die Haare schneller wachsen, das kann ich nicht verstehen.«
»Du weißt ja, wie das ist: Eine fängt damit an und die anderen wollen auch gut aussehen. Was hast du denn heute noch vor?«
»Ich will einen Bericht über den Schönheitswettbewerb für den Akademie-Anzeiger schreiben«, antwortete Sharina.
Silvana saß auf einem Schemel und bestickte einen ausladenden Wandteppich, der die Geschichte der Feen darstellte und später im Palast aufgehängt werden sollte. Sie zwinkerte Sharina zu. »Und ich glaubte schon, du wolltest mir beim Sticken helfen.«
Sticken mochte Sharina am Allerwenigsten von den Handarbeitskünsten. Aber so wie sie ihre Tante kannte, meinte sie das nicht ernst.
Einige Tage später hielt Sharina Silvana die Akademie-Zeitung entgegen. »Heute hat die Direktorin endlich meinen Beitrag über den Schönheitswettbewerb genehmigt. Zweimal musste ich ihn überarbeiten, weil er ihr zu aufrührerisch schien. Aber es ist doch so: Wenn nur grazile Feen als schön gelten, dann brauchen wir uns nicht zu wundern, wenn einige in ihrem Eifer so weit gehen, dass sie transzendieren. – Demnächst möchte ich über eine Sitzung des Senats schreiben.«
»Das ist ein ausgezeichneter Einfall! Darüber wird sich Onkel Gerulf bestimmt freuen.«
»Ich möchte über bedeutsame künftige Ereignisse berichten. Also nicht nur Anteil nehmen, sondern auch Macht ausüben. Du weißt ja: in Develia haben weibliche Feen nur selten einen Sitz im Senat und dann auch nur, wenn sie sich vorher durch außergewöhnliche Verdienste ausgezeichnet haben. Dazu habe ich auch schon vor einiger Zeit etwas im Akademie-Anzeiger geschrieben. Und das musste ich auch mehrfach überarbeiten, bis die Schulleiterin damit einverstanden war.«
»Du bist äußerst zielstrebig! Ich bin beeindruckt und würde mich freuen, wenn du nach der Abschlussprüfung für eine der Zeitungen schreiben kannst«, ermutigte Silvana Sharina.
»Danke für deine aufbauenden Worte! Hoffentlich erlaubt Lucielus mir an der nächsten Sitzung teilzunehmen.« Sharina schaute skeptisch.
»Bitte ihn doch schon bald um Erlaubnis. Wann willst du dich denn auf den Weg machen?«
»Am besten ich gehe sofort los, bevor ich es mir anders überlege«, antwortete Sharina, schaute noch mal kurz in den Spiegel, bürstete ihre Haare und machte sich auf den Weg.
Sie kam an farbenprächtigen Gemüse- und Blumenfeldern vorbei. In einigen Beeten wuchs Kugelgemüse in verschiedenen Farben. Goldene Sternenblumen und violette Mondrosen blühten um die Wette. Und bald schon sah sie die Akademie und links davon den ›Platz zu Ehren der Hellen Macht‹.
Sie zögerte. »Was, wenn Lucielus ihr keine Genehmigung erteilte?«, überlegte Sharina, als sie bereits vor dem Empfangszimmer stand. Jetzt gab es kein Zurück mehr. Die Schreiberin hatte sie schon gesehen und würde sie gleich ansprechen. Sie saß in einem Raum mit Stühlen aus Rubinholz bezogen mit dunkelrotem Samt, der Sharina an den Wein erinnerte, den Gerulf und Silvana zu Ehren des Tages seiner Geburt getrunken hatten.
»Kann ich bitte mit dem Obersten Senator Lucielus sprechen? Ich bin vom Akademie-Anzeiger beauftragt worden einen Artikel über eine Senatssitzung zu schreiben«, fragte Sharina.
Die Schreiberin sah sie über ihre Brille streng an, rümpfte ihre spitze Nase und willigte schließlich ein.
»Ja, gut. Ich frage Lucielus gleich, ob er einverstanden ist.«
Auf dem Rückweg vom Palast kam Sharina wieder an den ausgedehnten Gemüse- und Blumenfeldern vorbei. Die Blumen ergaben gleichmäßige Farbteppiche und die Bäume waren kreisrund oder kegelförmig gestutzt. Sharina entdeckte kein Blatt, das die künstlichen Baumformen störte. Früher mochte sie diese makellosen Pflanzen und fühlte sich durch ihren Anblick sicher und geborgen. In der letzen Zeit dagegen schienen sie ihr eher wie ein Sinnbild des langweiligen Lebens, das ihr bei den Feen bevorstand. Und sie fragte sich, ob ihre Tante und ihr Onkel aus ihr eine tadellose Fee machen wollten. Andererseits zwang ihre Tante sie nicht dazu, ihre Handarbeitskünste zu verbessern. Nein, Silvana legte Wert darauf, ihr zu helfen herauszufinden, was sie gut konnte und wo ihre Stärken lagen. Als Sharina daran dachte, fühlte sie dankbar mit wie viel Liebe und Verständnis ihre Tante und ihr Onkel sie groß gezogen hatten.
Ihr fiel ein, dass Atiréme, ihre Mutter, genau wie sie die Feen um mehr als Haupteslänge überragt hatte. Ihre Haare hatten an die bronzene Farbe von jungen Baumwolltrieben erinnert und ihre Augen in einem helleren Blau als Rubineas geleuchtet. Sharina kam demnach also nach ihrem Vater mit ihren dunklen Haaren und Augen. Aber Atiréme hatte niemandem gesagt wer ihr Vater war. Nach ihrer Geburt spürte ihre Mutter immer deutlicher den Ruf ihres leidenschaftlichen Hexenblutes, so dass sie oft mit ihrem Einhorn in das Reich der Hexen und Schattenwesen ritt, bis sie eines Tages für immer dort blieb. Damals hatte Silvana die zweijährige Sharina in den Arm genommen.
»Du weißt ja, deine Mutter und ich, wir sind Schwestern des Herzens, weil meine Eltern sie als ihre Tochter angenommen haben als das Einhorn sie in deinem Alter zu uns brachte. Und jetzt hat deine Mutter dich bei Gerulf und mir gelassen, damit du in Ruhe und Frieden bei uns Feen leben kannst. Sie meint, dass sie dir nicht das Leben bieten kann, das sie sich für dich vorstellt. Darüber sind Gerulf und ich außerordentlich glücklich, weil wir uns schon seit Langem ein Kind wünschen und uns deshalb sehr freuen, dass du jetzt unsere Tochter bist.«
Da Silvana und Gerulf sich schon immer um sie gekümmert hatten, vermisste sie Atiréme kaum.
Doch auf einmal hatte sich etwas verändert. Oder vielmehr: Sie war es, die sich verändert hatte. Denn als Sharinas Blick erneut über die von den Feen gezüchteten und gehegten Pflanzen schweifte, wusste sie auf einmal, dass sie ihrer Mutter bald in die andere Welt nachfolgen würde. In letzter Zeit fühlte sie sich einfach nicht mehr heimisch im Feenreich. Deshalb wollte sie in Norièra ihre Mutter wiederfinden und auch mehr über die Hexen und die anderen Wesen dort erfahren.
Um nach Norièra zu gelangen, benötige sie ein Einhorn auf dem sie reiten konnte, um die langen Wegstrecken zu bewältigen. Doch da Einhörner ihre Reiter selbst aussuchten, wusste sie nicht, ob sie jemals solch ein edles Geschöpf kennenlernen würde. Aber vielleicht hatte eine ihrer Freundinnen eine Idee wie sie eines zu sich rufen könnte.
Es waren nur noch wenige Tage bis zur Abschlussprüfung. Danach wollte sie Silvana und Gerulf um Erlaubnis bitten, weggehen zu dürfen.
Lucielus freut sich, dass eine so wissbegierige junge Fee wie du sich ein Bild über die Geschicke des Feenreiches machen möchte«, teilte Gerulf Sharina mit. Sharina sprang auf und umarmte ihren Ziehvater freudig. Das war eine wundervolle Nachricht! Sie überlegte, was sie zu diesem denkwürdigen Ereignis anziehen sollte und fragte Rubinea.
»Zieh das schlichte dunkelblaue Kleid an. Darin wirkst du ernsthaft und sachkundig«, erwiderte sie.
Einige Tage später meldete Sharina sich erneut bei der Schreiberin im Palast, die auch die beiden Berichterstatter der Tagesblätter begrüßte. Zu viert begaben sie sich in den Südtrakt und stiegen eine Wendeltreppe aus Alabaster hinauf zur Empore. Schließlich setzte Sharina sich auf einen Holzstuhl auf dem Rang über dem Senatssaal.
Nach einem Gongton verlas der Sitzungsschreiber die Tagesordnungspunkte. Anschließend fragte er die Senatoren, ob es Änderungsvorschläge gäbe. Es meldete sich niemand und Lucielus ergriff das Wort. »Sehr geehrte Senatorin, sehr geehrte Senatoren, hiermit eröffne ich die heutige Senatssitzung und heiße euch herzlich willkommen. Ich bitte darum, dass die Helle Macht uns leitet, richtig zu entscheiden.«
Die Feen pflichteten diesem Wunsch durch Handzeichen bei. Sie trugen blaue Roben und Sharina musste genau hinsehen, um die einzige Feenfrau, Mornia, mit ihrem dunklen Kurzhaarschnitt und der herzförmigen Ponykontur zu entdecken. Sharina kannte keine andere weibliche Fee mit kurzen Haaren. Durch den Verzicht auf die langen Haare zeichneten sich bei Mornia unter dem übergestreiften Gewand deutlich weibliche Formen ab. Ihre hellgoldenen Augen strahlten eine mitreißende Kraft aus. Sie erinnerte Sharina an eine auserlesene tiefrote Blume, die aus der Schar ihrer bedeutungslosen blassrosafarbenen Schwestern hervorstach. Sie bewunderte Mornia für ihren Mut und nahm sich vor, bald persönlich mit ihr zu sprechen.
Die meisten Punkte schienen Sharina belanglos. Oft handelte es sich um den richtigen Zeitpunkt, wann gemeinschaftliche Obst- und Gemüsefelder bestellt werden sollten. Doch dann wurde etwas Wichtigeres erörtert. Die Senatoren und Mornia überlegten, weibliche und männliche Feenkinder in der Akademie getrennt zu unterrichten. Sie würden sich gegenseitig zu stark ablenken, so dass sich die Menge des bearbeiteten Lernstoffes erheblich verringert hätte. Während die Feenjungen bei den Handarbeitskünsten schlechte Leistungen zeigten, lernten die weiblichen Feenkinder in den Fächern Rechenfertigkeit und Landwirtschaftswesen wesentlich langsamer.
»Ich kann das nicht nachvollziehen. Schon seit einer geraumen Zeit lernen Jungen und Mädchen gemeinsam. Das soll das Verständnis füreinander fördern. Und das ist bisher immer gelungen«, erklärte ein älterer Senator.
Hierauf schaltete Mornia sich ein. »Das Vorurteil, dass Frauen besser handarbeiten und Männer ihnen dafür beim Rechnen überlegen sind, scheint sich demnach zu bestätigen. In der Tat merkwürdig. Oder ist das eine sich selbsterfüllende Vorhersage? Da wir alle diese Ergebnisse vermutet haben und die Jungen und Mädchen sich selbst ebenso sehen, verhalten sie sich auch so. Andererseits zeigen neueste Erkenntnisse tatsächlich, dass Lernschwächen beim Erlernen der Handarbeitskünste bei den Jungen tatsächlich teilweise mit dem gemeinsamen Unterricht zusammenhängen. Bei den Mädchen zeigt sich ein ähnliches Bild beim Rechnen. Deshalb lasst uns dem entgegenwirken, in dem wir die Schüler in diesen Fächern trennen.«
»Der Vorschlag Mornias klingt vernünftig. Lasst uns darüber abstimmen«, schlug Lucielus vor und nickte der Senatorin anerkennend zu. Der Antrag wurde fast einstimmig angenommen. Nur der ältere, zweifelnde Senator lehnte ab.
Sharina lächelte. Jetzt wusste sie etwas, dass ihre Schulkameraden bestimmt brennend interessieren würde, obwohl sie bedauerte, dass sie in den verbleibenden Wochen in einigen Unterrichtsfächern auf die Gesellschaft der Jungen verzichten müsste. Besonders Handarbeitskunst schien ihr nur erträglich, weil sie heimlich mit den Jungen »Rate den Lehrer« oder »Kristall – Zocker« spielte. Bei »Rate den Lehrer« wurden‹ Abbilder der Lehrer schnipselweise offengelegt.
Bei »Kristall – Zocker« veränderte ein ausgeloster Spielleiter die Wege des Labyrinths durch Umlegen verschiedener Hebel, die außen am Rahmen des Kastens angebracht waren. Dann hinterlegten die Mitspieler an den verschiedenen Endpunkten der Gänge Kristalle als Spieleinsatz. Und anschließend schleusten sie abwechselnd eine Diamantkatze mit einem Faden durch den hölzernen Irrgarten. Dass das Verbot von Glücksspielen im ganzen Feenreich galt, machte es umso reizvoller. Sharina gewann hierbei als einzige Fee oft viele Kristalle, die als Zahlmittel in Develia eingesetzt wurden. Dadurch hatte sie ein gutes Ansehen bei ihren Klassenkameraden. Von den Mädchen dagegen mochten sie einige nicht. Früher stimmte sie das oft traurig. Doch in letzter Zeit spürte sie das Bedürfnis dahin zu gehen, wo sie mit ihrem Aussehen und ihrer Art anerkannt wurde. Lediglich Rubinea bewunderte sie oft für ihren Freigeist und ihre Unerschrockenheit.
»Wird Rubinea mich auf meine Reise nach Norièra begleiten?«, überlegte Sharina. Diesen Schritt konnte sie kaum von ihrer besten Freundin erwarten.
»… dass es immer später Tag wird im Feenreich«, hörte sie plötzlich einen Senator mit klagender Stimme seinen Satz beenden.
Sie horchte auf. Darüber hatte sie schon mit Gerulf gesprochen, der auch keinen Rat wusste. Vielleicht wusste ja jemand von den Senatoren mehr? Bis vor Kurzem breitete das Dunkel der Nacht sich nur zwischen halb elf nachts und halb sechs morgens aus. Aber neuerdings ließ sich der Tagesanbruch immer länger Zeit. Mittlerweile war es auf dem Weg zur Akademie immer noch rabenschwarz, obwohl es dann schon zwanzig Minuten vor acht war.
»Das ist tatsächlich eine ernst zu nehmende Frage, die wir eingehend erforschen müssen um herauszufinden, was hier passiert. Ich bitte um Wortbeiträge, möglichst mit Lösungsvorschlägen«, Lucielus zwinkerte den Senatoren zu.
Sharina bewunderte den Obersten Senator. Er war ein Mann mit einer beeindruckenden Ausstrahlung.
Als sie nach links blickte sah sie, wie die anderen beiden Beobachter ebenso jedes Wort gespannt mitverfolgten. Doch nach Lucielus Aufruf schwiegen alle. Neugierig schaute Sharina über das Geländer auf die Senatoren in dem Kreisrund herab.
Und wieder erhob Mornia als erste ihre Stimme: »Brüder, Senatoren, ihr wisst es genauso wie ich: Irgendwie muss die Tatsache, dass es seit einiger Zeit später Tag wird in Develia, mit unseren Verbündeten, den Hexen und Alben, zusammenhängen. Die Hexen sorgen dafür, dass die Albe die Glimmerkristalle im Kristallgebirge abbauen und in den Kristallfluss leiten, damit bei uns der Tag eintritt.
Im Gegenzug dafür liefern wir den Hexen einen Anteil unseres Obstes und Gemüses und schneidern ihre Kleidung! Deshalb steht es uns zu, dass sie sich ausreichend um unser Tageslicht kümmern! Und wenn sie dies nicht tun, müssen wir das dringend klären!«
Ein jüngerer Senator sprang auf diese Worte hin bewegt auf und schüttelte seine Faust. »Richtig! Wir können uns doch nicht zum Narren halten lassen. Wir sind zwar ein friedliebendes Volk, aber für dumm verkaufen lassen wir uns deshalb noch lange nicht! Wenn es sein muss, bin ich bereit zu kämpfen!« Er fasste an seine rechte Seite, an der Sharina ein Schwert blitzen sah.
»Stimmt, das sehe ich genauso!«, pflichtete ein weiterer Senator bei.
Ein allgemeines Gemurmel wogte auf.
»Verehrte Senatoren«, ergriff Lucielus das Wort und mit Blick auf Mornia »Verehrte Senatorin. Ich verstehe, dass euch das aufregt. Die Sache ist mir auch unerklärlich. Und ihr könnt mir glauben, ich werde herausfinden was die Ursache für das fehlende Tageslicht ist. Ich plane bestimmte Maßnahmen zu ergreifen, die ich in diesem Fall nur mit meiner Stellvertreterin abstimmen werde.« Lucielus nickte in Mornias Richtung. »Deshalb bitte ich euch um eurer Vertrauen, bevor es zu einem Aufruhr in der Bevölkerung kommt. Gebt mir Handlungsvollmacht, damit ich das Notwendige veranlassen kann. Mehr kann ich euch leider zum jetzigen Zeitpunkt nicht mitteilen, da jeder Eingeweihte meinen Plan vereiteln könnte.«
Einer gedämpften Unruhe folgte Stille. Dann nickten einige Senatoren zustimmend. Nach und nach schlossen sich alle an. Lucielus wirkte erleichtert. »Ich danke euch für das Vertrauen, das ihr mir entgegen bringt!«
Sharinas Gesicht glühte. Das war das Aufregendste, das sie bisher erlebt hatte, außer der Geburt eines Einhorns, der sie als Kind beiwohnen durfte. Was hatte Lucielus wohl für Pläne? Zu gern hätte sie Näheres gewusst. Die übrigen Tagesordnungspunkte rauschten an ihr vorbei.
Als die Zusammenkunft beendet war, sprang sie hastig auf und verabschiedete sich kurz von den anderen Beiden.
Den Nachhauseweg rannte sie, um ihre Anspannung abschütteln.
Auf anschließende Fragen von Gerulf und Silvana, wie es im Rat gewesen war, lächelte sie vieldeutig. »Wartet meinen Beitrag ab.«
Die Berichte Sharinas und der anderen Schreiber erregten so viel Aufsehen wie vor einiger Zeit die Nachricht, dass eine Feuerschlange ein Einhorn in das Licht der Transzendenz geschickt hatte.
Im Kunstunterricht schweiften Sharinas Gedanken ab. Sie überlegte, ob ihre Mutter Atiréme etwas über das schwindende Tageslicht in Develia wusste. Sie lebte schon viele Jahre bei den Hexen. Möglicherweise kannte sie die Königin und wusste, ob alles in Norièra nach Plan lief oder ob es ein Unglück gegeben hatte. Ein weiterer Grund um nach Norièra zu reiten. Sie wollte klären, welche Rolle die Hexen in dieser bedrohlichen Lage spielten. Da durch ihre Adern das Blut beider Völker floss, schien es ihr eine Frage der Ehre, dass sie sich dieser Aufgabe stellte.
Luciella, die neben ihr saß, sah sie fragend an. »Was ist los? Du siehst aus, als ob du mit deinen Gedanken woanders bist?«
»Es macht mir Sorgen, dass es in Develia immer später Tag wird«, erklärte Sharina.
»Ich dachte, dass es sich um eine vorübergehende Sache handelt, die die Senatoren zügig beheben können. Wenn allerdings die Gefahr besteht, dass es zu erneuten Kämpfen zwischen uns und den Hexen kommt, macht mir das auch Angst. Aber ich hörte, dass Lucielus einen Plan hat, dem wir vertrauen können. Er weiß bestimmt, was zu tun ist. Außerdem – das Leben geht weiter. Hast du schon überlegt, welches Tier du malen möchtest? Ich werde einen Silbervogel zeichnen.«
»Ein Einhorn! Ich sah es sofort vor mir, als die Lehrerin uns die Aufgabe nannte.« Tatsächlich sah Sharina das Einhorn suchend durch die Wälder streifen. Vielleicht wollte es die Lichtfee finden, für die es bestimmt war. Und möglicherweise sollte sie selbst sich über das Bild mit ihm verbinden. Es hieß doch immer, dass Einhörner besonders hellfühlend waren.
Das Einhorn sah prächtig aus. Sein Fell schimmerte silbriggrau. Silberfarben glänzte auch das Horn auf seiner Stirnmitte. Seine Mähne und sein Schweif dagegen leuchteten golden. Die Hufe befanden sich in der Luft, als ob es flog. Aus seinen samtig-dunklen Augen sprachen Güte und Weisheit. Sharina schien es, als ob sie sich bereits kennen würden. Nur noch ein dünner Schleier der Zeit befand sich zwischen ihr und Arabellus. Arabellus? – Woher kam das denn nun? Ob das sein richtiger Name war?
»Weil ich ihn dir schon oft in deinen Träumen zugeflüstert habe«, antwortete das Einhorn auf dem Gemälde in ihrem Kopf. Sharina spürte ein Kribbeln in ihrem Nacken. Würde sie Arabellus bald kennenlernen?
Als sie Silvana das Bild mit dem silberfarbenen Einhorn zeigte, zuckte ihre Tante erschreckt zusammen.
»Gefällt es dir nicht?«, fragte Sharina daraufhin beunruhigt.
»Doch. Es ist wunderschön. Du bist zum Malen ebenso wie zum Schreiben begabt. Ich musste nur an etwas denken, das längst vergangen ist.« Silvana fuhr sich mit der rechten Hand über die Stirn, um kummervolle Gedanken zu vertreiben.
Der Gedanke an das Einhorn hakte sich in Sharinas Denken fest. Sogar beim Unkraut jäten dachte sie daran. Sie stand zwischen den citringelben Mondrosen im Garten ihrer Tante, als sie plötzlich ein leises Wiehern hörte. Sie drehte sich um, und da stand es. So wie sie es gemalt hatte. Sharinas Herz setzte vor unerwarteter Freude einen Schlag aus.
In ihren Gedanken hörte sie Arabellus sanft flüstern:
»Es ist alles in Ordnung.«
Schüchtern bewegte sie sich auf ihn zu.
»Komm ruhig näher. Natürlich darfst du mir über das Fell streichen.«
Vorsichtig berührte Sharina das Einhorn. Seine Haut fühlte sich wie Wildseide an.
»Ja, wir sind füreinander bestimmt. Ich werde dir helfen, das Feenreich zu retten«, beantwortete das Einhorn die Frage über die sie seit Tagen nachdachte.
»Meinst du, das Feenreich ist tatsächlich in Gefahr?« fragte Sharina laut, da ihr der geistige Austausch mit dem Einhorn ungewohnt vorkam.
»Du hast leider recht. Develia ist in Gefahr. Aber es kann gerettet werden. Du solltest dir aber auch noch andere Gefährten suchen.«
»Was müssen wir denn tun?« Sharina strich sanft über den Hals des Einhorns.
»Du bist klug und stellst wichtige Fragen, die ich jedoch nicht beantworten kann. Mein Wissen hierüber ist von anderer Art als das Wissen des Verstandes. Es ist mehr eine Ahnung. Ich habe von dir geträumt und deine Sorgen gespürt. Die Helle Macht hat mich berufen, dir meinen Dienst anzubieten, um dich nach Norièra zu bringen. Du wirst dich dort einigen Aufgaben stellen müssen. Bist du dazu bereit?«
»Also stimmt es, was alle sagen. Ihr Einhörner seid die hellfühligsten und edelsten Geschöpfe auf Luxaria. Du hast meinen Wunsch vernommen: Ein Einhorn, das mir hilft, nach Norièra aufzubrechen.«
»Und du bist außergewöhnlich wagemutig und zielstrebig. Erstaunlich für eine Lichtfee.«
»Ich bin nur zur einen Hälfte eine Lichtfee, zur anderen Hälfte stamme ich von der Kristallhexe Atiréme ab. Kennst du sie?«
Belustigt wieherte Arabellus. »Nein. Bisher ist sie mir nicht begegnet. Aber das erklärt natürlich deine außergewöhnliche Art für eine Fee.«
Als Sharina gegen Abend Arabellus ihrer Tante vorstellte, wirkte Silvana ungewohnt ernst. »So war es damals auch bei deiner Mutter Atiréme. Erst kam das Einhorn. Und dann verließ sie uns auf seinem Rücken«, flüsterte sie und Sharina sah, wie sie sich verstohlen einige Tränen mit dem Handrücken abwischte.
Später im Bett konnte sie nicht einschlafen. Ja, sie würde fortgehen. Sie musste es tun. Es gab nichts mehr, dass sie zurückhalten konnte. Gut, dass sie die Abschlussprüfungen bereits abgelegt hatte. Sie musste nur noch auf die Ergebnisse warten und die Abschlussfeier hinter sich bringen. Und dann kam der Teil, vor dem sie sich jetzt schon fürchtete: Sie musste Silvana und Gerulf um Erlaubnis bitten, mit Arabellus nach Norièra zu reiten, um dem Rätsel des verschwundenen Tageslichtes in Develia auf die Spur zu kommen. Silvana würde das bestimmt nicht gutheißen. Wenn sie ihr allerdings erklärte, dass sie hoffte, auch Atiréme wiederzufinden, würde sie ihre Tante vielleicht umstimmen können. Denn Silvana hatte sich immer gewünscht ihre Herzensschwester irgendwann wiederzusehen und betonte oft, wie gut sie sich als Kinder verstanden hatten.
Auch Gerulf würde sie nur ungern gehen lassen.
Doch obwohl Sharina wegen ihres Abschiedes von Silvana und Gerulf traurig war, sah sie Norièra als ihr einziges sinnvolles Ziel an. In Develia fühlte sie sich als übergroße Fee schon zu lange am falschen Platz. Deshalb war es richtig, dass sie bald in die Heimat der Kristallwesen gehen würde, um sie näher kennen zu lernen. Und vielleicht würde ihr – genauso wie ihrer Mutter – ein Leben als Kristallhexe besser gefallen. Falls nicht, konnte sie wieder zurückkehren. Also hatte sie nichts zu verlieren. Der Preis, Develia hierfür verlassen zu müssen, schien ihr angemessen. Tief in ihr breitete sich ein Gefühl inneren Friedens aus.
Da Arabellus sie aufgefordert hatte, sich Begleiter zu suchen plante sie, Rubinea und Luciella einzuweihen. Was würden sie wohl dazu sagen? Würden sie mitkommen? Über diesen Gedanken schlief Sharina schließlich erschöpft ein.
Einige Wochen später bei der Abschlussfeier im Großen Saal schien Sharina alles wie im Traum. Sie sah die vielen Lichtwesen auf den Rängen. Sie selbst saß weiter oben neben Rubinea. Drei Reihen unter ihnen erspähte sie Luciella. Immer wenn eine Absolventin ihr Zeugnis entgegennahm, brandete rauschender Applaus auf.
Als sie ihren Namen hörte, stand sie auf, schritt vorsichtig die Treppe herunter und stolzierte mit hoch erhobenem Kopf auf die Schulleiterin zu, um ihre Urkunde und das Zeugnis in Empfang zu nehmen. Und obwohl auch sie der tosende Beifall wie ein warmer Regen einhüllte, beobachtete Sharina, dass einige Feen kicherten, als sie sahen, dass sie die zierliche Direktorin trotz ihrer hochgesteckten blonden Haare um mehr als zwei Haupteslängen überragte.
Doch davon ließ Sharina sich diesmal nicht verunsichern. »Lacht nur. Bald bin ich weg und werde aufregende Abenteuer erleben«, ging es ihr durch den Sinn.
In der Pause stand sie mit ihren Freundinnen im Innenhof. auf dem grau-glänzenden Steinboden umgeben von mattweiß schimmernden Säulen.
»Was ist los mit dir? Du bist nicht sehr gesprächig, obwohl heute ein richtiger Glückstag für uns ist«, wandte sich Luciella interessiert Sharina zu.
»Ein Glückstag? – Wenn du meinst … «
»Also wirklich, auch ich habe das Gefühl, dass mit dir etwas nicht stimmt. Bist du krank?« Rubinea legte sanft ihre Hand auf Sharinas Stirn.
»Nein, ich bin nicht krank. Ich denke nur über etwas nach«, erklärte Sharina ihren Freundinnen.
Rubinea und Luciella sahen sich fragend an und gingen einige Schritte weiter.
»Weggehen aus dem Feenreich. Du bist wohl verrückt geworden? So etwas käme für mich niemals in Frage. Ich kann mir auch nicht vorstellen, dass meine Eltern und ihre Freunde so etwas gutheißen würden.« Luciellas smaragdgrüne Augen verdunkelten sich als Sharina ihr und Rubinea auf dem Nachhauseweg von ihren Plänen erzählte.
»Was ist daran verrückt? Ich finde es mutig! Sie will herausfinden, aus welchem Grund es bei uns im Feenreich immer später Tag wird. Ich glaube, ich werde sie begleiten«, entgegnete Rubinea kurz entschlossen, krauste ihre mit Sommersprossen übersäte Stupsnase und sah an Luciella vorbei in die Ferne, als ob sie schon künftige Abenteuer erspähen würde.
»Luciella, ich verstehe, dass du nicht begeistert bist, dass ich bald weggehe. Aber ich gehöre einfach nicht hierher«, versuchte Sharina ihre Beweggründe zu erläutern.
Rubinea nahm Sharina an die Hand. »Wir werden das schon schaffen.«
»Dann wünsche ich euch viel Glück! Ich jedenfalls bleibe hier«, erklärte Luciella mit einem trotzigen Unterton.
»Rubinea, wenn du mitkommst, würde ich mich sooo freuen«, Sharina breitete ihre Arme aus und umarmte ihre Freundin.
»Ja, natürlich komme ich mit«, erwiderte Rubinea entschlossen.
Zuhause fragte Sharina Arabellus, wie sie ihrer Tante und ihrem Onkel möglichst schonend beibringen sollte, dass sie bald nach Norièra aufbrechen würden. Das Einhorn riet ihr, zunächst nur Gerulf in ihre Pläne einzuweihen, weil es beobachtet hatte, wie Silvana sich seit seinem Kommen immer wieder ein imaginäres Staubkorn aus den Augen wischte …
Gerulf setzte einige Gartengeräte im Gemüsehaus instand und wirkte erstaunt, als Sharina ihn um ein Gespräch bat. Das Gemüsehaus bestand aus mehreren Glashäusern, in denen der Feenmann seine eigenen Pflanzen züchtete, um unabhängig vom gemeinschaftlichen Gemüseanbau zu sein, wie er gern betonte. Sharinas Onkel baute bunten Regenbogensalat, wohlschmeckende Kürbisse, Halbkugelpilze und anderes Edelgemüse an. In einem der Glashäuser, dem Beerenhaus, wuchsen verschiedene Beerenfrüchte. Sharina liebte es, hier Gütekontrollen durchzuführen. Am liebsten mochte sie die Zauberbeeren, die besonders fein und aromatisch schmeckten, wobei jede Farbe eine andere Geschmacksrichtung aufwies. Die dunkelgrünen, beispielsweise, mundeten bittersüß und die orangenen herb-frisch. Die magentafarbenen mit ihrem zartbitteren-süßen Geschmack mochte Sharina so gern, dass Gerulf schon scherzhaft gedroht hatte, sie in einem eigenen Glaskasten wegzusperren und den Schlüssel zu verstecken.
»Warum so umständlich? Du kannst doch jederzeit mit mir sprechen. Oder ist etwas vorgefallen? Den Ausgang des Schönheitswettbewerbes weiß ich doch bereits. Aber das ist doch kein Beinbruch. Oder – hast du dich etwa verliebt?« fragte Gerulf.
»Nein. Es ist noch viel schwieriger. Es wird ja immer später Tag im Feenreich. Und ich bin auch eine Kristallhexe. Und ich muss euch verlassen, weil … «
»Du fühlst dich berufen, uns arme Feen vor den bösen Hexen zu beschützen? Sharina, du hast ja Einfälle. Ich denke, solche Aufgaben solltest du getrost Lucielus und seinen Leuten überlassen«.
»Es ist mir ernst damit!« Sharinas Augen funkelten.
»Mag ja sein. Aber ich fühle mich für dein Wohlergehen verantwortlich. Du weißt doch überhaupt nicht, was da alles auf dich zukommen kann. Es ist nicht überall so friedlich wie hier im Feenreich«, stellte der Feenmann ernst fest.
»Das weiß ich. Und das ist es ja, was ich suche«, entgegnete Sharina.
»Du suchst Abenteuer?« Gerulf schüttelte ungläubig den Kopf, so dass seine langen dunklen Haare, in denen einige Silbersträhnen aufblitzten, empört auf und nieder wippten.
»In gewisser Hinsicht. Aber auch mehr als das. Ich weiß ja noch nicht einmal, wer ich bin. Überleg doch mal: hier ist alles vorhersehbar. Ich werde einen Feenmann zum Gefährten nehmen. Wir werden Kindern das Leben schenken. Und dann werden wir uns an der gemeinschaftlichen Pflege der Gemüse- und Blumenfelder beteiligen. Mein Leben wird dem aller Feenfrauen gleichen. Ich bin aber keine reine Fee. Ich bin genauso eine Kristallhexe wie meine Mutter. Und ich möchte sie gern kennenlernen. Es ist so lange her. Ich war noch so klein und kann mich gar nicht mehr an sie erinnern.« Sharina sah entschuldigend zu ihrem Onkel herunter, der ihr bis zu den Schultern reichte.
»Wenn es dir bei uns zu eintönig ist, kannst du doch gelegentlich auf Arabellus ausreiten. Das ist doch die Lösung!«
»Nein! Du verstehst mich nicht! Es geht um mehr als nur eine Flucht vor einem langweiligen Leben. Ich werde weggehen, denn ich möchte meine Mutter wiedersehen!« Sharina schluchzte kurz auf, drehte sich um und rannte aus dem Garten.
Von Ferne hörte sie, wie ihr Onkel sie noch einige Male aufgebracht beim Namen rief. Er würde bestimmt mit Silvana reden. Schmerzhaft spürte sie, dass ein Stück von ihr zu den Feen gehörte. Und dieser Teil wollte bei Gerulf, Silvana und all denen bleiben, die sie mochte. Aber dennoch gab es da auch diese unsichtbare Macht, die sie fortzog und antrieb, bald nach Norièra aufzubrechen. Sharina kam gegen ihre widerstreitenden Gefühle nicht an, obwohl sie drohten, sie zu zerreißen.
Beim Abendessen mit Halbkugelgemüse sah Silvana übernächtigt und blass aus.
»Ich muss dir nach dem Essen etwas sagen.« Sharina sah ihre Tante mitfühlend an.
»Das habe ich mir schon gedacht«, erwiderte Silvana besorgt.
Das Essen verlief schweigsam. Alle Drei waren in ihren Gedanken versunken.
»Bestimmt hat Gerulf schon mit Silvana gesprochen«, überlegte Sharina. Sie hatte jedenfalls keine Kraft mehr, erneut mit ihm zu streiten. Und obwohl es zum Nachtisch Zauberbeeren mit einer leichten Creme gab, konnte Sharina ihre Lieblingsnachspeise nicht genießen und stellte den Teller nach ein paar Löffeln zur Seite.
Nach dem Essen säuberten ihre Tante und sie schweigend das Geschirr. Danach begaben sie sich ins Handarbeitszimmer und ließen sich auf zwei Holzschemeln nieder, die vor dem halbfertigen Wandteppich für den Palast standen.
»Was möchtest du mir sagen?« Ihre Tante sah sie traurig an.
»Vielleicht hast du es schon von Gerulf gehört. Ich werde mit Arabellus nach Norièra reiten um herauszufinden, aus welchem Grund es immer später Tag wird im Feenreich.«
»Ja, ich habe von deinen Plänen gehört. Aber warum ausgerechnet du? Gibt es dafür nicht andere, Berufenere als dich?« Silvana blickte Sharina zweifelnd an.
»Ich glaube, ich bin berufen. Ich bin eine Fee – und – eine Kristallhexe. Bevor es wieder zum Krieg kommt …«
»An einen Krieg glaube ich nicht. Lucielus weiß bestimmt, was zu tun ist, um solche Gefahren vom Feenreich abzuwenden«, stellte Silvana energisch fest.
»Ich stimme dir zu. Lucielus ist ein fähiger Oberster Senator. Aber eine junge Fee wie ich ist viel unverdächtiger und kann vielleicht ganz andere Dinge herausfinden«, verteidigte Sharina ihren Plan.
»Dann hast du dich also bereits entschieden. Ich wusste es, seit das Einhorn gekommen ist. Genau so war es bei deiner Mutter Atiréme. All meine Bitten hielten sie nicht davon ab zu gehen. Ich habe sie seitdem nie wiedergesehen. Und jetzt auch noch du. Das ist mehr als ich ertragen kann.« Die sonst so gefasste ältere Fee schluchzte kurz auf, schlug ihre Hände vor ihr Gesicht und sank in sich zusammen.
Sharina spürte tiefes Mitgefühl mit ihrer Tante. Sacht berührte sie sie an der rechten Schulter und legte ihren Arm um sie. »Tante Silvana, ich werde wiederkommen. Das verspreche ich dir. Ich gehe fort. Aber nicht für immer. Ich liebe dich und Onkel Gerulf. Ihr seid meine wahren Eltern.«
»Das weiß ich doch. Aber es kann dir auf so einer gefährlichen Reise etwas zustoßen, womit du nicht gerechnet hast.« Silvana schluchzte erneut auf und strich sich eine lange, helle Strähne aus ihrem Gesicht. »Deine Mutter wollte auch zurückkehren. Das ist jetzt 15 Jahre her«, stellte sie mehr an sich selbst gerichtet betrübt fest.
»Vielleicht kommt sie ja bald zurück. Ich finde es auch schrecklich, dass sie uns nie wieder besucht hat. Anscheinend bin ich ihr nicht so wichtig. Wenn ich sie sehe, werde ich sie bitten, mich nachhause zu begleiten«, erklärte Sharina, um ihre Tante etwas aufzumuntern.
»Das wäre schön. Ich würde meine Schwester gerne nochmal wiedersehen, bevor ich transzendiere«, stellte Silvana nachdenklich fest.
Sharina konnte sich nicht vorstellen, dass ihre Tante nicht mehr unter ihnen weilen und eine geistige Form annehmen würde. »Du wirst sehen, wir werden uns auf jeden Fall wiedersehen. Ich schwöre einen Eid bei der Hellen Macht.« Sharina legte zur Bekräftigung Daumen, Zeige- und Ringfinger auf Silvanas Stirn.
»Gut, genug gejammert. Dann will ich deiner Reise trotz allem nicht weiter im Wege stehen. Vielleicht ist es tatsächlich der Ruf des Blutes. Das Einhorn wäre nicht gekommen, wenn es sich nur um jugendlichen Leichtsinn handeln würde. Möglicherweise ist es Teil deiner Lebensaufgabe. Deshalb werde ich dich unterstützen und dir morgen beim Packen helfen.« Silvanas tatkräftige Seite gewann wieder die Oberhand und sie setzte sich aufrecht hin mit geraden Schultern. »Ich bin müde. Lass uns alles Weitere morgen besprechen«, meinte sie abschließend. Und Sharina fiel Silvana erleichtert um den Hals und gab ihr einen Gute-Nacht-Kuss auf die Wange.
Als Sharina am nächsten Morgen erwachte, wusste sie, dass sich erneut etwas verändert hatte. Dann fiel ihr ein, dass jetzt alle wichtigen Menschen in ihrem Leben ihre Reisepläne kannten. Mit diesem Wissen fühlte sie sich leicht und beschwingt und war sich sicher, dass ihr Entschluss richtig war.
Beim Frühstück mit Zauberbeeren-Pfannkuchen wirkte Silvana gefasst.
»Was meinst du, wie viele Essensvorräte ihr mitnehmen möchtet? Und wie viele Kristalle benötigt ihr?«, überlegte sie. Der Wert von Kristallen, die als anerkanntes Tauschmittel auf Luxaria galten, bestimmte sich nach Größe, Farbe und Klarheit.
»Darüber habe ich noch gar nicht nachgedacht. Ich werde mit Rubinea darüber sprechen. Ich bin so froh, dass sie mich begleitet.«
»Obwohl ich mit ihrer Familie fühle, bin ich etwas beruhigt, dass Rubinea dich begleitet. Während du bei ihr bist, werde ich schon mal einige Sachen für eure Reise zusammenstellen.«
»Du bist die beste Mutter der Welt!« Sharina fiel Silvana dankbar um den Hals.
»Auch wenn wir als deine Eltern jetzt deinen Reiseplänen zugestimmt haben, musst du hierüber auch mit Lucielus spre
