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Alexander Popescu ist Universitätsdozent in einer ruhigen deutschen Stadt. Er ist ein respektabler Mann in den Dreißigern, der sich fit hält, eine solide Karriere hat und alleine reist – sein einziges Laster ist gelegentlich zu fettes Essen. Und Bier. Und gewalttätige Computerspiele. Keiner braucht von dem anderen Alex zu wissen – dem gefeierten Porno-Autor. Seine genialen erotischen Fantasien bringen ihm gutes Geld und unterhalten seinen launischen Verstand auf harmlose Weise. Als sein junger Freund und Protegé Christian nach Freiburg auf die medizinische Schule wechselt, ist Alex überglücklich ... und hat gleichzeitig Angst, dass Christian von Alex' unanständigem Alter Ego erfahren könnte. Die Zeit, die sie gemeinsam verbringen, so schön sie auch ist, könnte Alex' sorgfältig austariertes Leben zum Kentern bringen. Plötzlich ist das Schreiben nicht mehr gut genug, sein Haar scheint dünner zu werden, seine vorsichtigen Affären erfüllen ihn nicht mehr und in seinen Träumen wird er von dem unschuldigen jungen Mann verfolgt, den er geschworen hat, zu beschützen. Jedoch ist Christian kein Junge mehr. Er ist ein erwachsener, einundzwanzigjähriger Mann, clever und unglaublich attraktiv. Und er verbirgt seine eigenen Geheimnisse.
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Seitenzahl: 255
Veröffentlichungsjahr: 2025
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Roe Horvat
Aus dem Englischen von Eleanor Sturm
© dead soft verlag, Mettingen 2019
http://www.deadsoft.de
© the author
Titel der Originalausgabe: Dirty Mind
Erstveröffentlichung 2017 von Beaten Track Publishing
Übersetzung: Eleanor Sturm
© Coverdesign: Roe Horvat
Coverbearbeitung: Irene Repp
http://www.daylinart.webnode.com
1. Auflage
ISBN 978-3-96089-342-4
Alexander Popescu ist Universitätsdozent in einer ruhigen deutschen Stadt.
Er ist ein respektabler Mann in den Dreißigern, der sich fit hält, eine solide Karriere hat und alleine reist – sein einziges Laster ist gelegentlich zu fettes Essen. Und Bier. Und gewalttätige Computerspiele. Keiner braucht von dem anderen Alex zu wissen – dem gefeierten Porno-Autor. Seine genialen erotischen Fantasien bringen ihm gutes Geld und unterhalten seinen launischen Verstand auf harmlose Weise.
Als sein junger Freund und Protegé Christian nach Freiburg auf die medizinische Schule wechselt, ist Alex überglücklich ... und hat gleichzeitig Angst, dass Christian von Alex‘ unanständigem Alter Ego erfahren könnte. Die Zeit, die sie gemeinsam verbringen, so schön sie auch ist, könnte Alex‘ sorgfältig austariertes Leben zum Kentern bringen.
Plötzlich ist das Schreiben nicht mehr gut genug, sein Haar scheint dünner zu werden, seine vorsichtigen Affären erfüllen ihn nicht mehr und in seinen Träumen wird er von dem unschuldigen jungen Mann verfolgt, den er geschworen hat, zu beschützen.
Jedoch ist Christian kein Junge mehr. Er ist ein erwachsener, einundzwanzigjähriger Mann, clever und unglaublich attraktiv. Und er verbirgt seine eigenen Geheimnisse.
Christian und ich trafen uns vor drei Jahren in Spanien. Ich trieb mich in der Bar eines kitschigen Strandclubs herum, in einer kleinen Touristenfalle namens Sitges. Der Abend war heiß, aber nicht stickig. Eine schwache Brise, die vom Meer kam, kühlte meine Haut, und Regenbogenlaternen malten verschwommene Flecken auf meinen sandigen Augen. Ich hatte an diesem Nachmittag ein weiteres Buch an den Verlag geschickt und fühlte mich jetzt leer und nutzlos.
Ich nahm den schwachen Geruch von Marihuana in der Luft wahr, nippte an meinem Daiquiri und atmete tief ein. Die Musik war laut und kitschig: te amo, corazón, Boom Boom. Es störte mich nicht. Es passte zur Situation. Ich spürte, wie sich meine Gliedmaßen lockerten und der Kloß in meinem Hals sich auflöste. Ich trieb in einem sanften, alkoholischen Rausch, als ein dunkelhäutiger Junge um die zwanzig meinen Blick von der anderen Seite der Terrasse einfing. Er lächelte leicht. Er hatte das Gesicht eines Gewichthebers, sein Hals hatte dicke Muskelstränge und der Kiefer war rechteckig vom exzessiven Zähneknirschen. Meine Haut fing an zu kribbeln und ich schaute schnell weg.
Sitges war Kataloniens schwules Mekka. Die Stadt befand sich an der Küste und ihre Ausläufer tauchten in die lauwarmen Mittelmeergewässer. Es war gefüllt mit unverschämt dekorierten Bars, unkonventionellen Modegeschäften und Cafés, in denen man den ganzen Tag sitzen konnte und Hunderte von wunderschön gebräunten jungen Beinen auf dem Weg zum Strand und zurück die Bürgersteige entlang marschieren sehen konnte. Und dann gab es da noch den Platja de l'Home Mort – Europas ältesten Schwulenstrand. Ein wenig abgelegen, versteckt zwischen zwei steilen Klippen, weg von der Stadt, war dort ein ganzer Strand voll mit nackten Kerlen. Ich hatte Geschichten über diesen Strand geschrieben. Ich liebte Sitges.
Die Farben der Freiheit durchtränkten die mittelalterlichen Steinmauern der Stadt und ließen die Touristen, die sie betraten, irgendwie verschwommen wirken. Ich glaube nicht, dass die heterosexuellen Familien, die mit ihren Kindern unterwegs waren, vorher etwas über das schwule Ding gewusst hatten, aber irgendwie schienen einfach alle damit klarzukommen. Es war ein seltsam liebenswerter Ort.
Auf der anderen Seite, selbst in diesem Schmelztiegel potenzieller Affären, wenn ich die zu jungen, zu alten, die einfältigen, die klammernden, die Fitness-Bunnys, die Narzissten, die mit den Essstörungen, die Drama-Queens, die Junkies, die verklemmten oder selbstzerstörerischen aussortiert hätte, wären vielleicht drei Jungs in ganz Katalonien übrig geblieben, von denen ich mir hätte vorstellen können, sie in die Nähe meines Schwanzes zu lassen. Die Chancen, dass sich einer von ihnen in dieser Bar befand, waren gering.
Es war meine eigene Schuld. Ich brauchte sehr viel Aufmerksamkeit und war ein intellektueller Snob. Deshalb lebte ich meine Fantasien hauptsächlich in meinen Texten aus.
Ich beobachtete die dunkel werdende Stadt und versuchte, Unabhängigkeit auszustrahlen, anstatt meinen Blick schweifen zu lassen. Noch einen Drink und dann ins Bett. Das war der Plan.
Ich hatte gerade den Barkeeper aufgehalten, als ein spannungsgeladenes Schweigen über uns kam. Es war wie in einem Spaghetti-Western, der Held geht in den Saloon und jeder dreht den Kopf. Christian betrat die Bar und jeder Kerl im Umkreis von zehn Metern blickte in seine Richtung. Ich hätte schwören können, dass ich diverses Keuchen hörte.
Er war nicht allzu groß, vielleicht eins fünfundsiebzig, und hatte glänzendes blondes Haar. Der sonnengebleichte Wuschel goldener Strähnen umgab seinen Kopf wie ein Heiligenschein, als wäre er direkt vom Himmel herabgestiegen, um unsere verlorenen, schmutzigen Seelen zu retten. Aber Engel würden wahrscheinlich nicht in ausgeblichenen abgeschnittenen Jeans und lila Flip-Flops zur Erde herunterkommen.
Christian hatte einen oder zwei bedeutungslose Freunde bei sich, aber ich bemerkte ihr Geschlecht nicht, ganz zu schweigen von ihren Gesichtern. Seine hellblauen Augen waren alles, was ich sah, sie waren fast türkis in den bunten Lichtern dieser Nacht. Nase und Wangen waren mit Sommersprossen bedeckt und er leuchtete. Er war so jung.
Ich gebe zu, ich war einer von denen, die gekeucht hatten. Kurz bevor ich wirklich Angst um ihn bekam.
Er sah ein wenig benommen aus, wie ein neugeborenes Fohlen, das sich zum ersten Mal in der Scheune umsah, große Augen, alles an ihm war schlaksig, wie seine Glieder. Unschuld und Naivität umgaben ihn wie glitzernder Staub.
Das Paar, das mit ihm zusammen gekommen war, ging auf die Tanzfläche, sobald sie zwei Bierflaschen in ihren Hände hielten. Christian saß alleine auf einem Barhocker, nur wenige Meter von mir entfernt, der Menge zugewandt, ein leises Staunen auf seinem engelsgleichen Gesicht.
Es würde nicht lange dauern. Ich konnte schon sehen, wie sich der Mob formierte.
Es dauerte nur dreißig Sekunden, bis der erste Mann zu ihm ging. Ich beobachtete Christians Gesicht, als sich seine Augen weiteten und sein Mund ein perfektes O bildete. Was auch immer der Typ zu ihm sagte, es war nicht das Richtige. Der Junge wurde knallrot, lehnte sich zurück und versuchte so weit als möglich von dem Mann wegzukommen, wie es der Tresen erlaubte. Er murmelte etwas, der Andere zuckte die Achseln, verschwand und ließ Christian sprachlos zurück.
Es war wie bei einer kranken Speed-Dating-Reality-Show, die Kerle kamen und gingen, der fassungslose Junge wies sie alle zurück. Er lachte mehrmals überrascht auf. Bis es nicht mehr lustig war.
Der letzte Kandidat hatte ungefähr mein Alter, falsche Bräune, extravagant gefärbte Haare, kräftige Arme, bunte Designerklamotten. Schäbig, mit einer verdammten Goldkette und einem geometrischen schwarzen Spitzbart, der so perfekt war, dass er wirkte, als wäre er angeklebt. Und er ging einfach nicht, er beugte sich immer weiter nach vorne und ignorierte die Proteste des Jungen. Dann landete eine große Pfote auf Christians Schenkel, ein dicker Daumen massierte den inneren Saum seiner Jeans und zum ersten Mal sah ich echte Furcht in diesen strahlend blauen Augen. Es war ernüchternd anzusehen.
Im Nachhinein war es nicht das Klügste, was ich je gemacht habe, aber ich handelte schnell. Ich rutschte von meinem Stuhl und überwand die Entfernung zwischen uns in fünf Schritten. Ich platzierte meinen Arm um Christians Schultern und achtete sorgsam darauf, kein Gewicht auf ihm abzulegen. Ich versuchte, ihm auf subtile Weise zu signalisieren, dass alles nur Show war. Er wich trotzdem zurück.
Schnell plapperte ich die klischeehafteste Phrase, die es gab.
„Tut mir leid, dass ich zu spät komme“, sagte ich. Ich hoffte, der Idiot hatte nicht bemerkt, dass ich schon seit einer Stunde auf der anderen Seite der Bar gesessen war. „Hattest du Probleme ohne mich, Eichhörnchen?“ Ich sah dem unecht gebräunten Widerling dabei in die Augen. Trug er getönte Kontaktlinsen? So nah sah der Typ wie eine geölte, überzeichnete Ausgeburt von Steven Segal und einer Ken-Puppe aus. Bäh.
Eine Sekunde lang schien Christian seine Optionen abzuwägen und am Ende entschied er, dass ich das kleinere der zwei Übel war.
„Ein bisschen“, witzelte er neben mir und spielte endlich mit. „Du hättest schon vor einer Stunde hier sein sollen.“ Er war clever, trotzdem zitterte seine Stimme. Sein Akzent war unverkennbar deutsch.
„Ich entschuldige mich, meine Herren. Ich störe offensichtlich. Ich wünsche einen schönen Abend.“ Der schmierige Kerl, augenscheinlich Schotte, nickte mir zu und ging. Er wirkte nicht betrunken, aber das machte es nur noch schlimmer. Ich verachtete diese aufdringlichen, schleimigen Daddy-Typen, die ein einfaches ‚Nein‘ nicht akzeptieren konnten, ohne sich aufzublasen.
Ich drehte mich zu Christian, ließ meinen Arm sinken, trat einen Schritt zurück und gab ihm den dringend benötigten Platz. „Geht es dir gut?“ Ich wechselte zu Deutsch und sein Kopf fuhr herum.
„Ja“, sagte er unsicher.
„Ich werde dich nicht anbaggern, ich schwöre.“
Er kicherte nervös. „Das ist eine Erleichterung.“
„Wo sind deine Freunde?“ Ich sah mich um, aber das Paar war nirgendwo zu sehen.
„Ich denke, dass sie am Strand sind und vögeln“, antwortete er stirnrunzelnd.
„Du brauchst bessere Freunde. Du solltest hier nicht alleine sein. Es ist nicht besonders klug, wenn man das erste Mal in einer Schwulen-Bar im Ausland ist und dann keine Rückendeckung hat.“ Im Ernst, jemand hätte auf diesen Jungen aufpassen sollen.
Er runzelte die Stirn, was ihn noch liebenswerter machte. „Woher weißt du, dass es das erste Mal ist?“
Ich zeigte mit dem Finger auf sein sonniges Haar. „Es steht hier. In großen leuchtenden Neonbuchstaben. Hast du jemanden, den du anrufen kannst, um dich abzuholen?“
Seine Schultern sackten zusammen und er schüttelte den Kopf. „O Gott, nein! Meine Mutter würde ausflippen. Wir sagten, wir würden zu einer Pizzeria gehen, zwei Blocks vom Hotel entfernt. Sie darf nicht wissen, dass ich hier bin.“
„Welches Hotel?“, fragte ich und bereute es sofort. Seine Augen verengten sich. „Vergiss es, erzähl es mir nicht. Wie wäre es, wenn ich dich in ein Taxi setze?“
„Ich sollte auf Mischa und Gustav warten. Ich bin sicher, dass sie in etwa einer halben Stunde zurückkommen werden.“
„Soll ich dir Gesellschaft leisten, bis sie kommen, um die Hyänen und so weiter zu verjagen?“
Er lächelte nervös und zuckte mit den Schultern.
„Wie ich schon sagte, ich werde dich nicht anbaggern. Ich mag meine Männer legal, vielen Dank.“
Er runzelte erneut die Stirn, was mein Lächeln breiter werden ließ.
„Ich bin achtzehn.“
„Soll ich dich anbaggern, Eichhörnchen?"
„Nein!“, quietschte er und ich musste laut lachen.
„Siehst du. Du siehst übrigens wie sechzehn aus. Ich spendiere dir einen Drink, aber keinen Alkohol. Und pass auf! Ich könnte leicht etwas in dein Glas geben.“
„Du bist schlimmer als meine Mutter“, grummelte er, aber sein Lächeln war warm.
„Danke für das Kompliment. Also, Smalltalk, wo kommst du her?“
„Berlin. Wir sind zwei Wochen hier, mit meiner Mutter und der Familie meines Onkels.“
„Oha, Familienurlaub?“
„Ja. Und du?“
„Ich wurde in Berlin geboren. Aber die letzten Jahre habe ich in Freiburg gelebt.“
„Und dein Englisch? Du hast einen amerikanischen Akzent.“
„Aufmerksam“, nickte ich, beeindruckt von seiner Schnelligkeit. Mein Akzent war schwach und was hatte ich gesagt? Zwei englische Sätze?
„Meine Mutter ist Amerikanerin und mein Vater Rumäne. Sie haben sich in den siebziger Jahren in West-Berlin getroffen und sind geblieben.“
„Also sprichst du auch Rumänisch?“
„Leider nein. Ich habe keine faszinierenden Sprachkenntnisse. Nur einen ungewöhnlichen Namen.“
„Wie ungewöhnlich?“, fragte er.
„Alexander Popescu. Alex für dich.“
„Christian König.“ Er bot mir eine Hand an, wie der gut erzogene Junge, der er war. Er war einfach liebenswert. Und dünn.
„Bist du hungrig? Ich könnte Patatas Bravas bestellen.“
***
Seine Freunde brauchten fast zwei Stunden. Später fanden wir heraus, dass sie am Strand einen Würfel Hasch gekauft und beschlossen hatten, es auszuprobieren. Ich versuchte mich zu erinnern, ob ich in meinen späten Teenagerjahren auch so dumm gewesen war. Wahrscheinlich ja.
Christian war vorsichtig, taute aber langsam auf. Er hatte einen scharfen Verstand und war neugierig, nicht übermäßig schüchtern, aber bescheiden.
„Warum nennst du mich Eichhörnchen?“, fragte er und leerte seinen zweiten jungfräulichen Mojito.
„Ich weiß nicht. Es war das Erste, was mir in den Sinn kam. Wahrscheinlich, weil du klein und niedlich bist und aussiehst wie auf dem Sprung.“
„Ich bin nicht klein.“
War er nicht. Er machte nur den Eindruck, kleiner und jünger zu sein, als er wirklich war. Ich zuckte mit den Schultern. „Entschuldige bitte, ich kann nicht anders.“
Er schüttelte leicht lächelnd seinen Kopf und sein glänzendes goldenes Haar fiel ihm in die Augen. Aus der Nähe sah ich, dass seine Nase mit feinen Sommersprossen bedeckt war und ihre Spitze bewegte sich, als er grinste. Genau wie das süßeste kleine Eichhörnchen.
„Weil natürlich jeder davon träumt, einen Nagerspitznamen zu haben. Vielen Dank.“
„Du kannst dir auch einen Spitznamen für mich aussuchen, wenn es dich glücklich macht.“
Er blinzelte und tat so, als würde er nachdenken. Ich sah Schalk und Klugheit. Es machte mich glücklich. Hoffnungsvoll. Auf eine Art - als wäre die Welt plötzlich nicht mehr nur die schwarze Leere, wie sie es zu anderen Zeiten zu sein schien.
„Ich werde dich ... Alter Mann nennen“, sagte er und hob eine blonde Augenbraue.
Ich griff mit beiden Händen an meine Brust und stöhnte. „Autsch. Das tut weh. Du bist böse, Eichhörnchen. Das pure Böse!“
Er zuckte die Achseln und grinste von Ohr zu Ohr.
„Und ich bin dreißig. Das ist nicht alt!“
Wir sprachen über Sitges, dann über Berlin. Er fragte nach Freiburg, nach meiner Arbeit und meinen Reisen. Ich sagte ihm, dass ich kreatives Schreiben lehrte, wechselte aber schnell das Thema. Zugegeben, es war eine Lüge. Ich glaube, ich wollte den Abend des jungen Mannes nicht ruinieren, indem ich über die stinkenden Tiefen meines schmutzigen Verstandes redete. Dann fragte ich nach seinen Plänen und das brachte ihn zum Reden. Er hatte noch ein Jahr Schule vor sich, aber er wusste bereits, dass er Arzt werden wollte. Er gab zu, dass er der Beste in seiner Klasse war, aber von seinen Freunden meistens dafür gehänselt wurde. Und er sagte auch, er werde sich bei der Arbeit ‚demonstrativ outen‘, um gegen die allgemeinen Vorurteile anzukämpfen. Ich versuchte mich zu erinnern, ob ich jemals so entschlossen gewesen war, die Welt zu verändern.
„Du könntest einen Regenbogenkittel tragen, statt einem weißen“, scherzte ich und er errötete und knuffte meinen Arm.
Als er gehen musste, sah ich das Zögern. Es gab keine Nervosität, nur eine stille Frage in der leichten Falte zwischen seinen Augenbrauen. Ich war bereit, ihm ein schönes Leben zu wünschen - er hat es so offensichtlich verdient - aber er unterbrach mich.
„Das wird vielleicht blöd klingen, aber könntest du mir deine E-Mail-Adresse geben?“
„Ich ...“ Was zum ... warum?
„Ich bin nur ... Es ist schwer jemanden zum Reden zu finden, weißt du? Über einige Sachen.“ Er wand sich und sah sich unruhig um, während er weiter plapperte.
„In der Schule wissen es nicht alle. Mama weiß es, aber sie ist ... schwierig in ihrer Art. Und alle meine Freunde sind, naja, Teenager. Es wäre schön, wenn ich dich fragen könnte, über Sachen? Manchmal?“
„Ähm ... Sachen?“
Er lief rot an. „Jesus, nicht so! Schmutziger alter Mann!“
Ich konnte nicht anders und brach in Gelächter aus. Er grinste auch und plötzlich war es überhaupt nicht schlimm, dass er den Kontakt halten wollte. In der Tat schien es eine wunderbare Sache zu sein.
Ich handelte spontan und gab ihm meine Karte. Er strahlte mich an, als wäre ich ein Rockstar und ich fühlte ... Stolz.
In dieser Nacht, ohne es zu wollen, adoptierte ich einen Neuling.
***
Ich bekam meine erste E-Mail von Christian zwei Wochen später. Es war die erste von vielen. Wir facebookten, so nannten wir es, und später zu seltenen Gelegenheiten sahen wir uns sogar. Aber die E-Mails waren speziell – ehrlich und offen und es ging um Dinge, die wir laut nie hätten äußern können. Vielleicht lag es daran, weil es fast war, als würden wir richtige Briefe schreiben.
Manchmal lese ich die alten Mails wieder. Ich liebe die glücklichen, wie die Mail von vor zwei Jahren, als er graduierte und in der Medizinischen Fakultät in Berlin angenommen wurde. Einige waren witzig, wie die über sein erstes richtiges Date, das damit endete, dass der andere Junge high und betrunken auf Christians Schuhe kotzte. Chris fand eine Pfütze auf der Straße und rannte hin und her, sodass seine Mutter seine Ausrede über ein vorbeifahrendes Auto glauben würde. Einige seiner E-Mails waren traurig und wütend. Wie die über den Lehrer, der Chris ganz ernsthaft sagte, er solle in die Krankenpflegeschule gehen, weil es für einen Homosexuellen passender sei. Und dann war da noch eine, die er letztes Jahr spät abends geschrieben hat, als er nicht schlafen konnte und sich Sorgen machte, weil ihn seine Mama so unter Druck setzte.
Ich bin so dankbar, dass wir uns getroffen haben. Du bist mein Realitätscheck, wenn mir hier alles zu intensiv wird. Ich habe immer jemanden, den ich anrufen kann, der nicht urteilen oder Vorträge halten wird. Ich habe nicht das Gefühl, dass meine Probleme trivial oder peinlich sind. Ich liebe dich dafür, alter Mann. Dank dir.
Ich habe alle seine E-Mails geschätzt. Christian war mir wichtig geworden. Wie ein heller Farbfleck in dem düsteren Flickwerk meiner Existenz in Freiburg war es sein Verdienst, dass ich mich warm und glücklich fühlte. Ich war ein besserer Mensch wegen ihm und seinen E-Mails.
Bis ich es vermasselte.
Es begann an einem regnerischen Nachmittag, vor etwa vier Monaten. Der Himmel war für diese Zeit im Mai ungewöhnlich dunkel und die Luft in meiner Wohnung war stickig. Freiburg ist ein sonniger Ort, nur manchmal umarmen die schweren Wolken aus den Bergen des Schwarzwalds die Stadt fest und begießen sie mit lauwarmem Wasser.
Ich schwitzte wie ein Schwein, während ich wütend tippte. Die Schläge auf der Tastatur vermischten sich mit dem Klopfen der Regentropfen und den leisen Geräuschen meines Zuhauses: das Brummen der Lüftung, das Knarren und Knacken in meinen Möbeln, dem gedämpften Schleudern meiner Waschmaschine hinter der Küchenwand ... Zusammen erzeugte das alles eine weiche Kakophonie, die es leicht machte, sich zu konzentrieren.
Ich fühlte mich ganz allein in der Welt, als ich in meinem besten, unbeirrbaren Stakkato synchron mit den Regentropfen schrieb. Ich tippte und tippte. Die Worte waren wie ein Wasserfall, der taumelte, sich vermischte und in einem ständigen Fluss von Schmutz, Schund und Dreck zusammenkam.
Ich war ein Experte für Schund. Ein erfahrener Kenner von gutem, ordentlichem Schund. Es gab eine Rekordzahl von Körperteilen, die auf den Seiten meines Dokuments in verschiedene Körperöffnungen gesaugt oder eingetaucht wurden und in seltsamen Momenten lachte ich, weil es, obwohl es erregend sein sollte, auch lächerlich war. Schund machte Spaß.
Immer noch leise kichernd tippte ich weiter. Ich legte meinen Kopf schief und kniff meine Augen zusammen, versuchte es zu visualisieren, versuchte die Geräusche in meinem Kopf zu hören. Der Schlag von feuchtem Fleisch gegen Fleisch und das raue Atmen – sogar das Kratzen von Nägeln auf einem Holzboden. Der Teufel steckt schließlich im Detail. Meine Hände ruhten über den Tasten, ich blinzelte und sah den nackten Mann in meinem Kopf. Sein Rücken verbog sich in einem ungesunden Winkel, sein Arsch in der Luft. Ich blätterte meinen geistigen Katalog von Sexspielzeugen durch, genau wie ein Ego-Shooter-Spieler eine Waffe wählt.
Grinsend bei der Analogie, begann ich die Waffe meiner Wahl zu beschreiben – ein großer verdammter Eindringling. Soll ich den Charakter dafür knebeln? Aber ich konnte ihn schon schreien hören. Lass ihn schreien und stöhnen und weinen und um mehr betteln ... Der Dildo glitt beim ersten Versuch über das Loch und der Mann öffnete seine Beine breiter und hob seinen Arsch noch höher. Die Muskeln in seinen Schultern spannten sich an, als er sich gegen das Spielzeug drückte und um den Halt auf dem Boden kämpfte. Seine milchweiße Haut war rot von den Ohrfeigen und der Erregung.
Sommersprossen
Ich biss mir auf die Zunge. Nein, der Mann in der Geschichte war gebräunt. Seine Haare waren dunkel, glatt und zu einem Pferdeschwanz gebunden. Nicht blond, sondern dunkel, fast schwarz. Und keine Sommersprossen.
Das Bild in meinem Kopf veränderte sich und ich fing an, mit neuer Entschlossenheit zu tippen. Ich fühlte mich in das heisere Stöhnen meines Mannes hinein, als das Spielzeug endlich hineinglitt. Seine Erleichterung konnte ich spüren, als wäre es mein eigener ausgelieferter Körper, mein Gehirn, das gereinigt wurde, während all meine Ängste aus mir herausgefickt wurden.
Ich sank gerade in die richtige Stimmung zurück, näherte mich dem Höhepunkt der Szene – Wortspiel beabsichtigt – als das Klingeln meines Telefons mich aufschreckte.
Lena König.
Christians Mutter? Ich sprang vom Schreibtisch auf und warf dabei eine Kaffeetasse um. Zum Glück war sie schon leer und landete auf dem Teppich mit nichts weiter als einem dumpfen Schlag. Sie kann nicht sehen, was du schreibst. Sie ist in Berlin und versucht dich anzurufen, du Idiot. Das Telefon hörte auf zu klingeln, während ich immer noch versuchte meine Körperfunktionen unter Kontrolle zu bekommen. Mein Atem rast, aber ich habe mich nicht angepisst. Noch nicht. In meinem Ausraster verdrehte ich die Augen und atmete laut aus. Komm schon, reiß dich zusammen.
Lena war die intelligenteste und raffinierteste Frau, die ich je getroffen hatte und sie hatte es irgendwie geschafft, sich peinlich viel Macht über mich zu verschaffen. Sie könnte mich mit einer leichten Bewegung ihres kleinen Fingers auf die Knie zwingen, das schwöre ich. Ich vermutete, dass sie das wusste und dieses Wissen mit der Effizienz eines Kriegsunterhändlers nutzte. Mit ihr zu sprechen, während ich eine Szene schrieb, fühlte sich ein wenig an, als würde man während der Hochsaison vor dem Freiburger Münster stehen und nichts als einen Neon-String tragen.
Ich beäugte das Telefon besorgt. Es fing wieder an zu klingeln. Das klang wie ein Notfall.
Ich schüttelte mich wie ein nasser Hund, hüpfte ein paar Mal auf und ab, ordnete meine Gedanken und hob nach dem dritten Klingeln ab.
„Hast du mit Christian gesprochen?“, begrüßte sie mich mit einer Kälte, die selbst für sie ungewöhnlich war.
„Hallo, Lena. Nein, habe ich heute noch nicht. Wie kann ich dir helfen? Ich hoffe, es ist alles in Ordnung?“ Ich quiekte die Fragen wie ein übererregter Dragshow-Moderator ins Telefon.
„Ich hatte erwartet, dass er dich heute Morgen als Erstes anruft. Vergiss es. Er wurde an der Universität in Freiburg angenommen. Er wird im September umziehen. Ich muss dir nicht sagen, dass ich seine Entscheidung, umzuziehen, entschieden ablehne.“
„Es tut mir leid, ich kann dir nicht folgen. Christian zieht um? Nach Freiburg?“
Und er hat es mir nicht gesagt?
„Zweifellos hat Christian dich über seine Absicht informiert, nach Freiburg zu ziehen. Er plant es seit Monaten.“
Nein, er hat nichts gesagt. „Ja“, antwortete ich vorsichtig und mein Tonfall war immer noch nicht selbstsicher.
„Er ist sehr jung, leicht zu begeistern und er hat beschlossen, dass er das will. Rechtlich ist er erwachsen. Ich kann ihn nicht zwingen hierzubleiben.“
Sie holte tief Luft. Es klang sowohl müde als auch unheilverkündend. „Mir ist sehr wohl bewusst, dass die Tatsache, dass du in Freiburg wohnst, bei Christians Entscheidung eine große Rolle gespielt hat.“
„Ich habe nicht mit ihm geredet ...“, stammelte ich. Natürlich ignorierte sie mich.
„Aber wenn sich seine Ergebnisse auch nur um ein Prozent verschlechtern, behalte ich meine finanzielle Unterstützung ein, was bedeutet, dass er in etwa drei Sekunden wieder in Berlin sein wird.“
„Oh.“ Lena König war eine erfolgreiche Rechtsanwältin und sie wollte, dass ihr Sohn ein erfolgreicher Arzt wurde, sie akzeptierte keine Ablenkung auf diesem Weg. Christian bekämpfte sie einerseits, aber andererseits war er nur ein Junge, der von der Unterstützung seiner Mutter abhängig war. Und er liebte sie. Er erwähnte, dass er sich manchmal wie gefangen fühlte, aber ich hätte nie gedacht, dass er so weit gehen würde, hierher zu ziehen. Näher zu mir.
„Dasselbe gilt für Feiern, Trinken und was auch immer er denkt, dass er dort mit dir machen kann, was hier nicht geht“, fuhr sie fort.
„Ich würde nie –“
„Ich habe Mittel, um nach ihm zu sehen. Einige von diesen Mitteln würde ich hassen“, sagte sie und ich schauderte. Denn im Ernst, es war, als würde man mit dem Ministerpräsidenten sprechen und von seinen Geheimdiensten bedroht werden.
„Natürlich“, sagte ich und machte mir eine gedankliche Notiz, die Privatsphäreeinstellungen von Christian online zu überprüfen. Du kannst deine Mutter nicht entfreunden, aber du kannst ihren Zugang einschränken, richtig? Nicht, dass ich beabsichtigte, irgendetwas Kompromittierendes zu posten, aber man konnte ja nicht wissen.
Nicht, dass ich irgendetwas Kompromittierendes tun würde ... mit Chris in meiner Nähe.
Als ich eine Möglichkeit sah, griff ich zu und versuchte vergeblich, das Gespräch auf etwas Positives zu lenken. „Die Universität Freiburg hat einen ausgezeichneten Ruf, insbesondere in der Medizin. Die Stadt ist klein und viel sicherer als Berlin“, erzählte ich schwitzend. Im Ernst, das wäre viel einfacher gewesen, wenn ich vorher gewusst hätte, dass Chris geplant hatte, hierher zu ziehen! „Die Schlafsäle sind manchmal ein bisschen weit von der Fakultät entfernt, aber die Nachbarschaft ist schön. Man kann in Freiburg bequem mit dem Fahrrad fahren. Ich denke, Christian wird das genießen.“
„Ich schätze diese Gedanken, Alex. Obwohl ich bezweifle, dass das seine Motivation war“, sagte sie eisig.
Ich schloss meinen Mund. Mit Lena zu streiten war sinnlos.
„Ich mache mir Sorgen, Alex. Ich weiß, du denkst, ich bin eiskalt, aber ich mache mir große Sorgen.“
„Ich glaube nicht, dass du kalt bist“, log ich und meine Stimme zitterte beim letzten Wort. Wenn Elsa aus Disneys ‚Die Eiskönigin‘ einen bösen Zwilling hätte, würde sie sich bewegen und reden wie Lena König. „Es wird ihm gut gehen“, sagte ich resigniert. „Ich bin mir sicher. Freiburg ist großartig, mit oder ohne mich.“
Freiburg war ein guter Platz zu leben, vor allem für einen jungen Studenten, wie Christian. Wenn ich ihn mir in Berlin vorstellte, mit der Clubszene und der Rauschgiftauswahl, hob sich mir der Magen. Glücklicherweise war Christian nicht wie ich in seinem Alter.
„Ich behalte ihn im Auge“, fügte ich hinzu.
„Davor habe ich Angst“, murmelte sie. „Ich ...“ Was meinte sie damit? „Alex, du bist ein netter Mann und ich neige dazu, deinem Urteil zu vertrauen, aber ich bin nicht vom Mars. Verstehst du?“
Nein, tat ich nicht. „Ja?“
„Schau.“ Sie seufzte, als würde sie einem Kind etwas zum zehnten Mal erklären. „Es ist wichtig für ihn, in seinem Alter das Gefühl zu haben, dass er auf sich selbst aufpassen kann, um es alleine zu schaffen. Er muss sein Selbstvertrauen aufbauen und ich respektiere das. Aber es bedeutet, dass er unabhängig von dem, was er sagt, verletzlich und beeinflussbar sein wird.“
„Ich würde niemals versuchen, Christian irgendwie zu beeinflussen. Er hat seinen eigenen Kopf.“
„Nein, würdest du nicht, zumindest nicht absichtlich. Und ich sage auch nicht, dass du einen schlechten Einfluss haben würdest. Ehrlich, ich weiß, dass er mit dir über alles geredet hat. Zu diesem Zeitpunkt weißt du wahrscheinlich mehr über das, was in seinem Leben vor sich geht, als ich. Christian ist sehr intelligent, aber du bist reif. Du bist der Erwachsene. Ich möchte nur, dass er sich auf seine Studien konzentriert – nicht auf Jungs oder Clubs oder was auch immer. Und nicht auf diese Tagträume, diesen ... Weltschmerz.“
Weltschmerz? Christian war immer so positiv. Energisch sogar. Lenas Aussage, dass er einen sentimentalen, existenziellen Schmerz empfand, machte mich gleichermaßen ungläubig und irritiert.
„Ich weiß nicht –“, begann ich zu erklären.
„Ich werde dich gelegentlich anrufen, während er in Freiburg bleibt.“ Würde die Frau mich jemals einen Satz beenden lassen?
„Natürlich“, antwortete ich ernüchtert. Es hatte keinen Sinn, Lena war meine Meinung einfach egal.
„Einen schönen Tag, Alex.“
„Danke, Lena. Es war schön, von dir zu hören.“
„War es nicht, aber das ist OK. Ich habe nicht angerufen, um nett zu sein. Gib mir einfach keinen Grund, um kommen und nach euch sehen zu müssen. Verstehen wir uns?“
„Ja, sicher.“
„Bye, Alex.“
„Auf Wiedersehen, Lena.“
Ich stand eine Weile da und lauschte dem Piepsen meines Telefons. Lena und ich hatten eine vorsichtige, fast freundschaftliche Beziehung, was normalerweise bedeutete, dass ich eine Scheißangst vor ihr hatte. Sie hatte ihren Jungen im letzten Jahr gelegentlich für ein Wochenende in meine Obhut gegeben, nur mit subtil warnenden Blicken und einem stummen Unwillen.
Natürlich wusste Lena König nur von meinem offiziellen Beruf – sie wusste nur von der netten Persönlichkeit, dem angesehenen Gemeindemitglied. Alexander Popescu war ein Junggeselle – ein gut aussehender Mann um die Dreißig, der gesundes Essen mochte, regelmäßig Sport machte, der die Kinder seiner Schwester jede Woche auf den Spielplatz brachte und einen vernünftigen Lebensunterhalt durch das Unterrichten von kreativem Schreiben an der Universität verdiente – verpackt in Tweed mit Ellbogenaufnähern. Dieser Typ existierte jedoch nicht wirklich. Ich schuf ihn, um meine schändliche geheime Identität, die des Pornoautors, zu vertuschen.
Die Leute hatten keine Ahnung, dass ich die meisten meiner Rechnungen durch das Schreiben von Schmutz bezahlte. Aber im Ernst, wie hätte ich mir jemals meine vierteljährlichen Reisen nach Spanien und in die Toskana ohne das zusätzliche Einkommen leisten können?
Doch nur wegen dieses zerbrechlichen Netzes aus Notlügen und Auslassungen akzeptierte mich Christians Mutter widerwillig als Beschützer und Führer ihres schwulen Sohnes, dem Frischling, durch die gefährliche, wankelmütige Welt der Homosexualität. Es half, dass ich nach zwei Jahren voller kurzer Besuche, mehrerer Tausend Facebook-Nachrichten und wöchentlichen Telefonanrufen immer noch nicht versucht hatte, die Jungfräulichkeit ihres Sohnes zu übernehmen. Ich wollte es nie. Und Christian hatte nie derartiges Interesse an mir gezeigt.
Ich vergötterte Christian, er war wie der kleine Bruder, den ich nie hatte, mein wertvoller Schützling, mein eifriger Lehrling, der für viel bessere Dinge gedacht war als sein alter Lehrer.
Als ich in meinem Wohnzimmer stand, mein Telefon anstarrte und versuchte, mich von den Nachrichten zu erholen, blieb eine verwirrende Frage offen. Was zum Teufel hatte Lena mit Weltschmerz gemeint?
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„Ich bin drin! Die Uni in Freiburg hat heute geantwortet. Ich ziehe im September um. Geil!“
Christian hatte tatsächlich angerufen. Ich war an diesem Morgen joggen gegangen und hatte meine Mailbox erst überprüft, nachdem Lena aufgelegt hatte. Christians Botschaft war erfüllt von einer aufgeregten Zukunftsplanung und der Art von Begeisterung, die nur ein Teenager mit seiner intakten Würde aufrechterhalten konnte. Christian war jetzt einundzwanzig.
Als ich seine Nachricht hörte, so kurz nach dem Gespräch mit dem SS-Offizier von einer Mutter, ergriff mich eine Mischung aus Freude und schierer Angst, und eine Stunde später hyperventilierte ich unter der Dusche immer noch.
