Geheimnisvolle Strahlen - Alexei Tolstoi - E-Book

Geheimnisvolle Strahlen E-Book

Alexei Tolstoi

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Beschreibung

In diesem prophetischen Science-Fiction-Roman nahm der Autor die Entwicklung von Laserstrahlen vorweg. Erzählt wird die Geschichte eines Ingenieurs, der eine Waffe von enormer Zerstörungskraft entwickelt. Null Papier Verlag

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Alexei Tolstoi

Geheimnisvolle Strahlen

Science-Fiction Roman

Alexei Tolstoi

Geheimnisvolle Strahlen

Science-Fiction Roman

Veröffentlicht im Null Papier Verlag, 2019Übersetzung: A. Wasserbauer EV: Neuer Deutscher Verlag, Berlin, 1927 1. Auflage, ISBN 978-3-962815-87-5

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Inhaltsverzeichnis

Haupt-Per­so­nen

Ers­tes Buch – Die Koh­len­py­ra­mid­chen

1.

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Zwei­tes Buch – Durch den Oli­vin­gür­tel

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Haupt-Personen

INGENIEUR GARIN, der Er­fin­der des Hy­per­bo­lo­ids

ROLLING, ein ame­ri­ka­ni­scher Mil­li­ar­där, der »che­mi­sche Kö­nig« der Welt

ZOE MONTROSE, rus­si­sche Emi­gran­tin, die »schöns­te Frau von Pa­ris« ge­nannt

SCHELGA, kom­mu­nis­ti­scher Ju­gend­bünd­ler, stets be­reit, für So­wjet-Russ­land zu le­ben und zu ster­ben

TARASCHKIN, Schel­gas Freund

SEMJONOW, rus­si­scher Emi­grant und Werk­zeug Rol­lings

TIKLINSKY, ei­ner aus dem großen Heer der Kon­ter­re­vo­lu­ti­on

LENOIR, ein selt­sa­mer Dop­pel­gän­ger

IWAN, ein va­ga­bun­die­ren­der Kna­be aus Si­bi­ri­en, des­sen Rücken ein Ge­heim­nis ent­hüllt – – –

MANZEW, in Si­bi­ri­en ver­schol­le­ner Freund Ga­rins

GASTON, Pa­ri­ser Apa­che, ge­nannt »die En­ten­na­se«

JANSEN, Ka­pi­tän der »Ari­zo­na«, in Rol­lings Diens­ten

CZERMAK, ein Hilf­s­in­ge­nieur Ga­rins

*

Ar­bei­ter al­ler Na­tio­nen, ame­ri­ka­ni­sche Geld­leu­te und sol­che, die es wer­den wol­len, rus­si­sche Ar­bei­ter­sport­ler, wei­ße Of­fi­zie­re, Emi­gran­ten, Pa­ri­ser Apa­chen, ita­lie­ni­sche See­leu­te und vie­le sehr merk­wür­di­ge Per­so­nen.

*

Der Schau­platz ist eine Welt, in de­ren Fa­brik­kon­tors und Emi­gran­ten­knei­pen man stets an den Krieg ge­gen So­wjet-Russ­land denkt – und eine Welt, in der sich die Ar­bei­ter zum Ge­gen­schlag rüs­ten …

Erstes Buch

Die Kohlenpyramidchen

1.

Der rie­si­ge, ge­wölb­te Raum der präch­ti­gen Hall des Ho­tel Ma­je­stic, dem In­ne­ren ei­nes go­ti­schen Do­mes ähn­lich, mit ver­gol­de­ten Mö­beln, dick mit Tep­pi­chen be­legt, war um die Zeit des Lunch, vier­tel zwei Uhr nach­mit­tags, ganz leer.

An Stel­le des Por­tiers stand bei der kris­tal­le­nen Dreh­tür der dienst­ha­ben­de Boy in blau­er Ja­cke mit hun­dertzwan­zig Gold­knöp­fen.

Von Zeit zu Zeit wand­te er sei­ne Auf­merk­sam­keit der bron­ze­nen Ver­scha­lung zu, wo durch ein un­ter­ir­di­sches Rohr die Gra­na­te der Rohr­post klop­fend ge­flo­gen kam, öff­ne­te die Hül­se und leg­te die blau­en, fest zu­sam­men­ge­roll­ten Ku­verts in die ent­spre­chen­den, al­pha­be­tisch ge­ord­ne­ten Fä­cher des of­fe­nen Wand­schran­kes. Er griff nach der Te­le­fon­mu­schel und sag­te, wie ein Au­to­mat: »Ja, Mr. … Nein, Mr. … So­fort Mr.« Dann stürz­te er zu dem Schalt­brett, schloss die in­ter­nen Te­le­fo­ne an, öff­ne­te ein rie­si­ges Buch und trug Num­mer und Na­men ein. Die­ser son­der­ba­re, be­wun­derns­wer­te Kna­be be­weg­te sich mit ei­ner für ein Le­be­we­sen ganz un­be­greif­li­chen Ge­schwin­dig­keit.

Weit, am an­de­ren Ende der Hall, vor der zwei­ten Dreh­tür, stand der Por­tier, der »Be­herr­scher des Ein­gangs«, ein glat­tra­sier­ter Al­ter von zwei Me­ter Län­ge, ei­nem ver­krach­ten Opern­sän­ger ähn­lich. Sei­ne Wa­den steck­ten in Sei­den­st­rümp­fen, die fla­chen Füße in Lack­schu­hen mit Me­tall­span­gen. Um den Hals, über den ge­die­ge­nen Frack, hat­te er eine schwe­re Ket­te hän­gen.

Die pod­agrai­schen Hän­de auf dem Rücken ge­fal­tet, blick­te er durch die Spie­gel­glas­wand in den Win­ter­gar­ten. Dort di­nier­ten, vom Grün der Pal­men­blät­ter um­ge­ben, un­ter blü­hen­den Man­del­zwei­gen, an schnee­weiß ge­deck­ten Ti­schen die Ho­tel­gäs­te.

Die Da­men wa­ren schön – da­ge­gen konn­te man nichts ein­wen­den. Die Jun­gen be­geis­ter­ten durch die aro­ma­ti­sche Sei­de ih­res aus­ein­an­der­fal­len­den Haa­res, durch die Fri­sche des Mun­des, der Haut und der Au­gen, die bald an­gel­säch­sisch-blau, bald schwarz-süd­ame­ri­ka­nisch, bald li­la­far­ben-fran­zö­sisch lä­chel­ten. Die Be­jahr­ten über­tünch­ten ihre wel­ken­de Schön­heit mit der schar­fen Soße au­ßer­or­dent­lich prunk­vol­ler Toi­let­ten. Da­rauf ver­stan­den sich ja die Pa­ri­ser Schnei­der meis­ter­lich.

Ja, was die Da­men an­be­langt, stand die Sa­che gut. Aber von den Her­ren, die im Spei­se­saal sa­ßen, konn­te der alte Por­tier wahr­haf­tig nicht das­sel­be sa­gen. Aus wel­chem Ge­strüpp, zum Teu­fel wa­ren denn nach dem Krie­ge alle die­se fet­ten, kur­z­en, schick an­ge­zo­ge­nen Schie­ber ge­kro­chen, mit ih­ren be­haar­ten, mit Rin­gen be­la­de­nen Fin­gern und ent­zün­de­ten Wan­gen, de­nen man an­merk­te, wie schwer sie un­ter dem Strich des Ra­sier­mes­sers nach­ga­ben?! Die Ker­le tran­ken von früh­mor­gens bis wie­der früh­mor­gens ge­räusch­voll Cham­pa­gner. Haupt­säch­lich wa­ren sie aus Ame­ri­ka her­über­ge­kro­chen ge­kom­men – aus die­sem ver­fluch­ten Lan­de, wo man bis in die Knie in Gold ein­sinkt, wo man sich mit der Ab­sicht trägt, die gan­ze ge­die­ge­ne, alte Welt für einen Pap­penstiel in Auk­tio­nen leer­zu­kau­fen …

2.

Vor dem Por­tal des Ho­tels fuhr ge­räusch­los ein lan­ges Lu­xus­au­to vor. Der »Be­herr­scher des Ein­gangs« eil­te un­ter Ge­klirr sei­ner Hals­ket­te zur Dreh­tür.

Als ers­ter kam, die Hän­de in den Ho­sen­ta­schen, ein an­ma­ßen­der Mensch von nied­ri­gem Wuchs her­ein, in schwar­zem Man­tel und stei­fem Hut, der tief in der Stirn saß, mit ei­nem Bart, der bis hoch an die Au­gen her­an­reich­te und fast die gan­zen Wan­gen be­deck­te. Er hat­te ge­bläh­te Nüs­tern und eine flei­schi­ge Nase.

Er blieb in der Mit­te der Hall ste­hen, war­te­te auf sei­ne Beglei­te­rin, die dem Chauf­feur noch et­was zu sa­gen hat­te. Der Por­tier er­kann­te sie so­gleich; es war die be­rühm­te Zoe Mon­tro­se, eine der schicks­ten Frau­en von Pa­ris – wenn die Pres­se auf sie zu re­den kam, hieß es im­mer: »die schöns­ten Hüf­ten von Pa­ris …«

Sie trug ein wei­ßes Tuch­ko­stüm, das an den Är­meln bis zu den Ell­bo­gen mit lang­haa­ri­gem, schwar­zem Af­fen­pelz ver­brämt war. Ihr klei­nes Filz­hüt­chen, ohne al­len Auf­putz, war eine Schöp­fung des be­rühm­ten Maitre Col­leau, der sich ver­trags­mä­ßig ge­gen 30 000 Fran­cs ver­pflich­tet hat­te, kei­nen Hut ähn­li­cher Fas­son mehr zu er­zeu­gen.

Zoe Mon­tro­se war sehr schön – schlank, hoch, schma­ler Hals, ein we­nig zu großer Mund, Stumpf­näs­chen. Ihre grau­en Au­gen mach­ten einen kal­ten, lei­den­schaft­li­chen Ein­druck.

Sie nä­her­te sich dem Men­schen im stei­fen Hut:

»Wol­len wir Mit­tag es­sen, Rol­ling? Ich habe Hun­ger. Sem­jo­now kann war­ten!«

»Nein«, ant­wor­te­te er, eben­so kurz, wie scharf, »ich will ihn vor dem Mit­ta­ges­sen spre­chen!«

Zoe lä­chel­te, zuck­te mit den Ach­seln. Rol­ling, der be­schlos­sen hat­te, hier ste­hen zu blei­ben und auf Sem­jo­now zu war­ten, blieb ste­hen – und war­te­te. Vor dem seit­li­chen Ein­gang, wo der Boy mit über­mensch­li­cher Be­hän­dig­keit ar­bei­te­te, kam ein Lohn­au­to an­ge­rast und durch die Dreh­tür kam ein jun­ger Mensch mit weit ge­öff­ne­tem, flie­gen­dem Man­tel, in den Hän­den Stock und wei­chen Hut, her­ein­ge­lau­fen. Sein auf­ge­reg­tes Ge­sicht war mit Som­mer­spros­sen be­deckt, der hel­le Schnurr­bart schi­en wie auf dem Ge­sicht an­ge­klebt zu sein. Mit sei­nen, rot­haa­ri­gen Wim­pern blin­zelnd, lief er auf Rol­ling zu, schein­bar in der Ab­sicht, ihm zur Be­grü­ßung die Hand ent­ge­gen­zu­stre­cken. Aber Rol­ling, ohne sich zu be­we­gen und ohne die Hän­de aus den Ho­sen­ta­schen zu neh­men, sag­te zu ihm:

»Sie ha­ben sich um eine Vier­tel­stun­de ver­spä­tet, Sem­jo­now!«

»Man hat mich so­lan­ge auf­ge­hal­ten … Ich bit­te viel­mals um Ent­schul­di­gung … Aber es war ja eben we­gen un­se­rer An­ge­le­gen­heit … Ah – gu­ten Tag, Mlle. Mon­tro­se, ver­zei­hen Sie, aber ich bin ganz au­ßer Atem … Al­les ist in Ord­nung – sie sind ein­ver­stan­den … Sie kön­nen be­reits mor­gen nach War­schau ab­rei­sen …«

»Wenn Sie schrei­en, höre ich auf, Sie an­zu­hö­ren!« sag­te Rol­ling.

»Ent­schul­di­gen Sie – ich wer­de im Flüs­ter­ton spre­chen … Es wird in War­schau be­reits al­les vor­be­rei­tet sein, Päs­se, Do­ku­men­te, Stem­pel usw. … In den ers­ten April­ta­gen kön­nen Sie dann be­reits die Gren­ze über­schrei­ten.«

»Gut«, sag­te Rol­ling, »jetzt wer­de ich mit Mlle. Mon­tro­se zu Mit­tag es­sen. Sie fah­ren zu die­sen Her­ren und tei­len ih­nen mit, dass ich sie nach vier Uhr noch heu­te se­hen will. War­nen Sie sie aber, dass ich sie, falls sie sich als Char­la­t­ans er­wei­sen soll­ten, der Po­li­zei aus­lie­fern wer­de. Die In­struk­tio­nen er­tei­le ich Ih­nen eine Stun­de vor der Ab­fahrt!«

Rol­ling nick­te ihm mit den Au­gen­wim­pern zu, dann be­trat er, einen hal­b­en Schritt vor Zoe Mon­tro­se, den Spei­se­saal.

3.

Zu frü­her Mor­gen­stun­de hielt, nahe dem An­le­ge­platz des Ru­der­klubs, ein zwei­sit­zi­ges Boot.

Zwei Leu­te stie­gen aus, und ganz nahe dem Ufer, ent­wi­ckel­te sich zwi­schen ih­nen ein kur­z­es Ge­spräch. Ei­gent­lich, sprach nur ei­ner von ih­nen – scharf und be­feh­lend, der an­de­re blick­te auf den stil­len, dunklen Fluss, des­sen Was­ser­stand ziem­lich hoch war.

Hin­ter den nack­ten Baum­kro­nen, der Kre­stow­skiy-In­sel er­goss sich lang­sam das Früh­lings­mor­gen­rot in das nächt­li­che Blau. Kein Plät­schern, kein Hauch in der Na­tur war hör­bar.

Dann beug­ten sie sich über das Boot, ent­flamm­ten ein Zünd­holz, das ihre Ge­sich­ter be­leuch­te­te, nah­men aus dem Boot ir­gend­wel­che Pa­ke­te, der­je­ni­ge, der ge­schwie­gen hat­te, nahm sie an sich und ver­schwand im Wal­de – der an­de­re aber sprang ins Boot und mit den Ru­dern weit aus­ho­lend, die in den Ge­len­ken knarr­ten, fuhr er da­von. Die Sil­hou­et­te des ru­dern­den Man­nes durch­schnitt den vom Mor­gen­rot be­leuch­te­ten Fluss­strei­fen und kam in den Schat­ten des ge­gen­über­lie­gen­den Ufers. Eine klei­ne Wel­le plät­scher­te vor dem An­le­ge­platz.

Der Spar­ta­kia­ner Ta­rasch­kin, Boots­füh­rer auf dem Renn­gig (vier­sit­zi­ger Ou­trie­gen), hat­te die­se Nacht im Klub Dienst. Statt sei­ne jun­gen Jah­re und den Früh­ling zu nüt­zen, die so schnell da­hin­flie­ßen­den Stun­den des Le­bens, ohne auf Schlaf zu ach­ten, un­über­legt zu ge­nie­ßen, saß Ta­rasch­kin, die Knie mit den Ar­men um­span­nend, über das schla­fen­de Was­ser des An­le­ge­plat­zes ge­beugt.

Es gab ge­nug, wor­über in der Stil­le der Nacht nach­zu­den­ken war. Zwei Som­mer hin­ter­ein­an­der hat­ten die­se ver­fluch­ten Mos­kau­er, die den Ge­ruch des wirk­li­chen Was­sers kaum erst in der Nase hat­ten, die ge­mein­sam mit den Fröschen in den Mos­kau­er Pfüt­zen trai­niert hat­ten, die Le­nin­gra­der Ru­der­klubs in den Klas­sen der Ein­ser-, Vie­rer- und Ach­ter­boo­te ge­schla­gen. Das war be­lei­di­gend. Und man konn­te das un­mög­lich über­le­ben.

Aber je­der Sports­mann weiß, dass der Weg zu Sie­gen über Nie­der­la­gen führt. Die­se Er­kennt­nis – und viel­leicht auch der Reiz des her­an­bre­chen­den Früh­lings­mor­gens, der nach schar­fem Gra­se und nas­sem Holz roch, be­stärk­ten Ta­rasch­kin nur noch mehr in der Geis­tes­ge­gen­wart, de­ren er für das Trai­ning zu den großen Ju­ni­ren­nen be­durf­te.

Wäh­rend er so vor dem An­le­ge­platz saß, sah er, wie das zwei­sit­zi­ge Boot vom Ufer ab­ge­sto­ßen hat­te und ab­ge­fah­ren war. Ta­rasch­kin ver­hielt sich al­len Er­schei­nun­gen des All­tags­le­bens ge­gen­über ziem­lich gleich­gül­tig. Hier er­schi­en ihm ein ein­zi­ger Um­stand son­der­bar: die bei­den, die dort am Ufer ge­stan­den wa­ren, hat­ten ein­an­der der­art ähn­lich ge­se­hen, wie ein Ru­der dem an­de­ren. Gleich groß, in ganz glei­chen wei­ten Män­teln, mit dunklem Spitz­bärt­chen. Ta­rasch­kin hat­te ihre Ge­sich­ter sehr gut be­merkt, als sie, wäh­rend sie sich über das Boot ge­beugt hat­ten, ein Streich­holz ent­flammt hat­ten.

Aber es ist ja schließ­lich in der Re­pu­blik nicht ver­bo­ten, sich bei Nacht zu Was­ser oder zu Lan­de mit sei­nem Dop­pel­gän­ger her­um­zu­trei­ben. Vi­el­leicht hät­te Ta­rasch­kin die­se Beo­b­ach­tung mit den bei­den Per­so­nen in den dunklen Spitz­bärt­chen gänz­lich ver­ges­sen, wäre nicht je­nes son­der­ba­re Er­eig­nis vor­ge­fal­len, das sich am sel­ben Mor­gen, nächst der Ru­der­schu­le in dem Bir­ken­wäld­chen, in ei­nem halb­ver­fal­le­nen Land­häus­chen mit ver­schlos­se­nen Fens­ter­lä­den zu­ge­tra­gen hat­te.

4.

Ta­rasch­kin spann­te die Mus­keln an, blin­zel­te der Son­ne ent­ge­gen und ging in den Klub­hof, um Holz­spä­ne zu sam­meln. Es war schon ge­gen sechs Uhr.

Was­si­lij Vi­tal­je­witsch Schel­ga nä­her­te sich dem Klub, das Pfört­chen knarr­te und in­dem er sein Rad ne­ben sich über den feuch­ten Ra­sen­steig führ­te, kam er an Ta­rasch­kin her­an.

Schel­ga war in je­der Hin­sicht ein tüch­ti­ger Sports­mann, mus­ku­lös, leicht be­weg­lich, von mitt­le­rem Wuchs, straf­fem Hals. Er hat­te einen si­che­ren Blick, war ein be­son­ne­ner und vor­sich­ti­ger Cha­rak­ter. Er diente in der Kri­mi­nal­po­li­zei und be­schäf­tig­te sich zwecks all­ge­mei­nen Trai­nings mit Sport. Der Ru­der­sport in­ter­es­sier­te ihn ganz be­son­ders – die An­stren­gung des Ru­derns ent­wi­ckel­te alle Mus­keln, wäh­rend in glei­chem Maße dem Kör­per Luft und Son­ne zu­ge­führt wur­de.

»Nun, wie geht es, Ge­nos­se Ta­rasch­kin? Hof­fent­lich wer­den wir am zehn­ten be­reits die Flag­ge hoch­zie­hen? Ist al­les in Ord­nung?« frag­te Schel­ga, wäh­rend er sein Rad an die Freitrep­pe lehn­te. »Ich bin ge­kom­men, um ein we­nig mit­zu­hel­fen. Sieh nur mal, wie viel Schmutz da her­um­liegt! Wa­rum be­mer­ken das Eure Jun­gens nicht?«

Er zog sei­ne Blu­se aus und wäh­rend er wei­ter plau­der­te, be­gann er, den Klub­hof auf­zu­keh­ren, der noch mit Holz­spä­nen, Harz­fäs­sern und Bal­ken be­deckt war, die von der letz­ten Re­mon­te des An­le­ge­plat­zes her­um­la­gen.

»Heu­te wer­den Bur­schen aus der Fa­brik kom­men und das Zeug hier weg­räu­men«, – sag­te Ta­rasch­kin, »also, was wird sein, Was­si­lij Vi­tal­je­witsch, wer­den Sie sich für eine Sech­ser­mann­schaft ein­schrei­ben las­sen?«

»Hm, wie geht’s bei euch zu – stren­ge Dis­zi­plin?«

»Wenn Sie an dem Ren­nen teil­neh­men wol­len, heißt’s flei­ßig trai­nie­ren.«

»Ich weiß nicht, ich weiß nicht – was ich tun soll«, sag­te Schel­ga, wäh­rend er ein Fass mit Harz weg­roll­te, »ei­ner­seits muss man die Mos­kau­er un­be­dingt schla­gen, das ist uns­re hei­li­ge Pf­licht, an­de­rer­seits fürch­te ich, dass ich mei­nen Ver­pflich­tun­gen doch nicht wer­de in dem Maße nach­kom­men kön­nen … Wis­sen Sie, im Kri­mi­nal­amt läuft jetzt ein son­der­ba­rer Fall … Sieht bei­na­he ei­nem ame­ri­ka­ni­schen Film ähn­lich.«

Um das Ge­spräch fest­zu­hal­ten, frag­te Ta­rasch­kin:

»Wie­der et­was mit den Ban­di­ten los?«

»Nein – hö­her, hö­her … ein, Kri­mi­nal­fall von in­ter­na­tio­na­lem Schliff!«

»Scha­de«, sag­te Ta­rasch­kin, »sonst wä­ren Sie ge­st­ar­tet!«

Auf den An­le­ge­platz ge­kom­men, wo schon, quer über den gan­zen Fluss die Son­nen­strah­len glit­zer­ten, be­fes­tig­te Schel­ga den Be­sen am Stiel, um mit dem Auf­keh­ren zu be­gin­nen und rief mit halb­lau­ter Stim­me Ta­rasch­kin zu: »Wis­sen Sie ge­nau, wer hier in der Nähe in dem Som­mer­häus­chen wohnt?«

»Hie und da woh­nen auch Leu­te da, die hier über­win­tern …«

»Und ist Mit­te März, als die Re­mon­te­ar­bei­ten be­gan­nen, nie­mand hin über­sie­delt?«

Ta­rasch­kin zog sein mit Som­mer­spros­sen be­deck­tes Ge­sicht in Fal­ten, kratz­te sich auf der von der Son­ne ver­brann­ten Schul­ter, kratz­te mit den Nä­geln des einen Fu­ßes den an­de­ren. Nicht, da­mit er sich auf die­se Wei­se selbst hel­fe, nach­zu­den­ken, – er nutz­te die Zeit des Nach­den­kens ein­fach aus. Wozu soll­te er sich schließ­lich er­in­nern, ob ir­gend ein Ein­woh­ner von Pe­ters­burg wäh­rend des Mo­nats März in ein Som­mer­häus­chen über­sie­delt sei …

»Dort, … im Wäld­chen … steht ein ver­na­gel­tes Som­mer­haus, ge­hört längst ins alte Ei­sen …« sag­te Ta­rasch­kin, »seit vier Wo­chen un­ge­fähr, dar­an er­in­ne­re ich mich, steigt von dort Rauch auf. Ich dach­te zu­erst, Kin­der trie­ben dort Un­sinn. Der Steu­er­mann aber sag­te: der bes­te Schlupf­win­kel für Ban­di­ten …«

»Ha­ben Sie je­mand von den Be­woh­nern des Hau­ses ge­se­hen?«

»War­ten Sie, Was­si­lij Vi­tal­je­witsch! Wahr­schein­lich habe ich sie so­gar heu­te Mor­gen ge­se­hen, un­be­dingt – wa­ren sie das …«

Und Ta­rasch­kin er­zähl­te aus­führ­lich, mit al­len Ein­zel­hei­ten, von den zwei Per­so­nen, die in der Mor­gen­däm­me­rung an dem sump­fi­gen Ufer an­ge­legt hat­ten.

Schel­ga hör­te zu, sag­te von Zeit zu Zeit »So … so …«, sei­ne Au­gen schlos­sen sich zu fei­nen Spal­ten.

»Ge­hen wir, zei­gen Sie mir die­ses Som­mer­haus«, – sag­te er plötz­lich das Ge­spräch un­ter­bre­chend und mit ge­wohn­ter Be­we­gung be­rühr­te er den Um­hang sei­nes Re­vol­vers.

5.

Die­ses Som­mer­haus im Bir­ken­wäld­chen war tat­säch­lich nichts mehr wert.

Die Freitrep­pe war ver­fault, die ei­ser­nen Be­schlä­ge hin­gen frei her­ab. Die äu­ße­ren Fens­ter wa­ren ge­schlos­sen, über­dies noch die Fens­ter­la­den mit Bret­tern ver­na­gelt. Die Schei­ben im Netz­raum wa­ren zum Groß­teil ein­ge­schla­gen. Un­ter den Res­ten der Dach­rin­nen wa­ren in den Ecken des Hau­ses be­reits Moos­an­sät­ze zu se­hen.

»Sie ha­ben recht – das Haus ist be­wohnt, –« sag­te Schel­ga, das Haus zu­nächst vor­sich­tig um­ge­hend und zwi­schen den Bäu­men her­vor­lu­gend, »Heu­te wa­ren erst Leu­te hier. Der Ein­gang ist durch die Hin­ter­trep­pe … Aber wozu, zum Teu­fel, muss­ten sie durchs Fens­ter krie­chen? Ta­rasch­kin, kom­men Sie, da ist et­was nicht in Ord­nung!«

Schel­ga und Ta­rasch­kin nä­her­ten sich der Hin­ter­trep­pe. Dort sah man san­di­ge Fuß­spu­ren. Links da­von hing an der Au­ßen­sei­te ein vor kur­z­em her­un­ter­ge­ris­se­ner Fens­ter­la­den. Das In­nen­fens­ter war of­fen. Un­ter dem Fens­ter sah man auf dem feuch­ten San­de eben­falls Fuß­spu­ren. Es wa­ren zwei­er­lei Spu­ren: große, merk­lich von ei­nem schwe­ren Men­schen, und klei­ne­re, mit Na­ge­l­ab­drücken.

»An der Au­ßen­trep­pe sind Spu­ren an­de­rer Schu­he!« sag­te Schel­ga.

Er blick­te durchs Fens­ter, pfiff lei­se, dann rief er hin­ein:

»He, On­kel, da steht Ihr Fens­ter of­fen! Dass man Euch nichts da­von­trägt!« Nie­mand ant­wor­te­te. Aus dem halb­dunklen Zim­mer kam ein süß­li­cher, un­an­ge­neh­mer Ge­ruch.

Schel­ga rief noch ein­mal, lau­ter, stieg auf das Fens­ter­brett, zog den Re­vol­ver und sprang leicht ins Zim­mer. Ihm nach kroch Ta­rasch­kin.

Das ers­te Zim­mer war leer, auf dem Fuß­bo­den la­gen zer­bro­che­ne Zie­gel und Stucka­tur her­um. Aus der halb­an­ge­lehn­ten Tür kam sü­ßer, un­an­ge­neh­mer Ge­ruch. Das zwei­te Zim­mer er­wies sich als – Kü­che. Auf dem Herd, auf Ti­schen und Ses­seln stan­den »Pri­mus«-Koch­ap­pa­ra­te, Fayence­zie­gel, glä­ser­ne und me­tal­le­ne Re­tor­ten, Glas­do­sen und Kis­ten mit Prä­pa­ra­ten. Ei­ner der Pri­mus­ko­cher zisch­te noch, ver­lö­schend.

Wie­der rief Schel­ga. Er schüt­tel­te mit dem Kop­fe und öff­ne­te vor­sich­tig die Tür zu dem halb­dunklen Zim­mer, des­sen Raum von Son­nen­strah­len, die durch die Rit­zen der Fens­ter­lä­den dran­gen, durch­schnit­ten wur­de.

»Da ist er!« – sag­te Schel­ga. In der Tie­fe des Zim­mers stand ein ei­ser­nes Bett. Auf ihm lag rück­lings ein an­ge­klei­de­ter Mann. Sei­ne Arme wa­ren hin­ter den Kopf zu­rück­ge­wor­fen und an die Bett­stan­gen ge­bun­den. Die Füße wa­ren eben­falls mit Stri­cken ge­fes­selt, Rock und Hemd auf der Brust zer­ris­sen. Der Kopf war un­na­tür­lich weit zu­rück­ge­wor­fen, der Bart stand auf­recht.

»Aha – ge­fol­tert ha­ben sie ihn, ge­fol­tert …« sag­te Schel­ga, wäh­rend er den Knauf ei­nes fin­ni­schen Dol­ches be­trach­te­te, der un­ter der Brust­war­ze tief in den Kör­per des Men­schen ge­bohrt war.

»Was­si­lij Vi­tal­je­witsch – es ist der­sel­be, der mit dem Boot an­ge­kom­men ist – es kann nicht län­ger her sein, als höchs­tens an­dert­halb Stun­den, dass man ihn er­mor­det hat …«

»Blei­ben Sie hier, hal­ten Sie Wa­che – nichts an­rüh­ren, nie­mand her­ein­las­sen, hö­ren Sie, Ta­rasch­kin?«

Ein paar Mi­nu­ten spä­ter te­le­fo­nier­te Schel­ga aus dem Klub:

»Ord­re an alle Bahn­hö­fe … alle Pas­sa­gie­re kon­trol­lie­ren … Ord­re an alle Ho­tels … alle kon­trol­lie­ren, die zwi­schen sechs und acht Uhr mor­gens nach Hau­se ka­men … Ei­nen Agen­ten und einen Po­li­zei­hund zu mei­ner Ver­fü­gung! …«

6.

Bis zur An­kunft des Po­li­zei­hun­des be­gann Schel­ga, das Som­mer­häus­chen, vom Dach­bo­den an­ge­fan­gen, zu durch­su­chen.

Über­all lag Mist her­um, zer­bro­che­nes Glas, Ta­pe­ten­fet­zen. Die Fens­ter wa­ren von Spinn­we­ben durch­zo­gen, in den Zim­me­r­e­cken gab es so­gar jun­ge Schwäm­me, die aus dem Bo­den spros­sen. Das Som­mer­haus war schein­bar noch vom Jah­re 1918 her ver­las­sen. In jüngs­ter Zeit be­wohnt er­wie­sen sich nur die Kü­che und das Zim­mer mit dem ei­ser­nen Bett.

Hier hat man zwei­fel­los nicht ge­wohnt, son­dern man ist nur her­ge­kom­men, um et­was zu tun, was man ver­ste­cken, ver­heim­li­chen muss­te. Dies war der ers­te Ein­druck, den Schel­ga von die­ser Durch­su­chung ge­won­nen hat­te. Die Durch­su­chung der Kü­che zeig­te, dass man sich hier schein­bar mit ir­gend­wel­chen che­mi­schen Ex­pe­ri­men­ten be­fasst hat­te. Schel­ga fand in den Zink­kis­ten eine große Men­ge von Holz­koh­le, Schwe­fel und Alu­mi­ni­um­pul­ver, Ei­sen­oxyd, Na­tri­um, gel­ben Phos­phor. Ei­ni­ge Sub­stan­zen konn­te er nicht fest­stel­len. Wäh­rend er die Aschen­häuf­chen über­prüf­te, die auf dem Herd la­gen, wo schein­bar die­se che­mi­schen Ex­pe­ri­men­te durch­ge­führt wor­den wa­ren, blät­ter­te er ein paar Hef­te über an­or­ga­ni­sche Che­mie durch, de­ren ver­schie­de­ne Sei­ten ein­ge­bo­gen wa­ren, – konn­te er eine zwei­te Tat­sa­che fest­stel­len: Der Er­mor­de­te hat­te sich durch­aus mit harm­lo­sen py­ro­tech­ni­schen Ex­pe­ri­men­ten be­schäf­tigt. Schel­ga wur­de ver­le­gen. Noch ein­mal durch­such­te er die Klei­der des Er­mor­de­ten, aber er konn­te nichts Neu­es ent­de­cken. Dann über­leg­te er die gan­ze Sa­che von ei­nem an­de­ren Stand­punkt aus: die Fuß­spu­ren un­ter den Fens­tern be­wie­sen, dass die bei­den Mör­der, die Au­ßen­trep­pe um­ge­hend, durch das Zim­mer ein­ge­drun­gen wa­ren, wo sie doch zwei­fel­los ris­kie­ren muss­ten, auf Wi­der­stand zu sto­ßen, da der Mann in dem Som­mer­häus­chen den Lärm des For­trei­ßens der Fens­ter­lä­den doch un­mög­lich über­hö­ren konn­te.

Daraus ging her­vor, dass es den Mör­dern dar­um zu tun war, et­was ganz be­son­ders Wich­ti­ges in die Hän­de zu be­kom­men – oder den Mann im Som­mer­haus um je­den Preis zu tö­ten.

Fer­ner: nimmt man an, sie woll­ten ihn aber ein­fach nur tö­ten, so wäre die gan­ze Sa­che viel leich­ter an­zu­le­gen ge­we­sen, man hät­te ihm z. B. nur auf dem Wege ins Som­mer­häus­chen auf­lau­ern brau­chen, ohne Lärm und Wi­der­stand zu ris­kie­ren. Zwei­tens be­wies die Lage, in der der Er­mor­de­te auf­ge­fun­den wor­den war, dass man ihn ge­fol­tert hat­te. Man hat­te ihn mit ei­ner Zi­gar­re an­ge­brannt, die Hän­de aus den Ge­len­ken ge­renkt, auch er­sto­chen wur­de er nicht so­fort, man brach­te ihm vie­le Stich­wun­den bei. Die Mör­der hat­ten also von ihm schein­bar et­was er­fah­ren wol­len, was er ih­nen nicht sa­gen woll­te.

Was aber woll­ten sie von ihm er­zwin­gen? Geld? Es ist schwer an­zu­neh­men, dass ein Mensch, der sich nachts in ein so ver­las­se­nes Haus im Wal­de be­gibt, viel Geld bei sich trägt. Eher wäre denk­bar, die Mör­der woll­ten ihm ir­gend ein Ge­heim­nis ab­rin­gen, das mit der nächt­li­chen Tä­tig­keit des Er­mor­de­ten ir­gend­wie in Zu­sam­men­hang stand.

Aus die­sem Grun­de ent­schloss sich Schel­ga, noch­mals die Kü­che gründ­lich zu durch­su­chen. Er rück­te die Kas­ten von der Mau­er weg und ent­deck­te eine große, qua­dra­ti­sche Kel­ler­lu­ke, wie man sie in Som­mer­häus­chen oft di­rekt un­ter der Kü­che ein­zu­rich­ten pflegt. Ta­rasch­kin zün­de­te einen Ker­zen­stum­mel an und leg­te sich auf den Bauch, um die­sen Kel­ler­raum zu be­leuch­ten, wo­hin Schel­ga vor­sich­tig über eine mor­sche Trep­pe ge­kro­chen war.

»Kom­men Sie mit der Ker­ze her­un­ter«, sag­te Schel­ga, »hier hat er sein wirk­li­ches La­bo­ra­to­ri­um ge­habt.«

Das Keller­ge­schoss nahm un­ge­fähr den gan­zen Raum un­ter dem Som­mer­häus­chen ein. An den Zie­gel­wän­den stan­den auf Bö­cken, mit Bret­tern, im­pro­vi­siert ei­ni­ge Ti­sche, Gas­bal­lons, ein klei­ner Mo­tor mit Dy­na­mo, Glas­bä­der, wie man sie in der Elek­tro­ly­se zu ver­wen­den pflegt, Schlos­ser­in­stru­men­te und auf al­len Ti­schen – Aschen­häuf­chen. Un­ter dem Pla­fond hing eine große Pe­tro­le­um­lam­pe.

»Hier ha­ben sie ge­ar­bei­tet!« sag­te Schel­ga, mit ei­nem ge­wis­sen Un­ver­ständ­nis di­cke Holz­bar­ren und Ei­sen­plat­ten be­trach­tend, die an der einen Kel­ler­wand auf­ge­stellt wa­ren. Die­se Bar­ren und Plat­ten wa­ren an ver­schie­de­nen Stel­len durch­bohrt, man­che so­gar in zwei Tei­le zer­schnit­ten, die Schnitt- und Bohr­stel­len schie­nen ein we­nig an­ge­brannt zu sein.

In ei­nem auf­recht ste­hen­den Ei­chen­brett war der Durch­mes­ser der durch­bohr­ten Stel­le ein Zehn­tel Mil­li­me­ter stark, als hät­te man das Brett mit ei­ner dün­nen Na­del durch­bohrt. In der Mit­te des Bret­tes war in al­trus­si­scher Schrift mit großen Buch­sta­ben durch sol­che Bohr­sti­che ge­zeich­net:

P. P. GARIN

Schel­ga dreh­te das Brett um: auf der rück­wär­ti­gen Sei­te sah er den voll­kom­me­nen Durch­stich die­ser Buch­sta­ben: mit ir­gend ei­nem un­be­greif­li­chen In­stru­ment war das über drei Zoll di­cke Ei­chen­brett durch­sto­chen – oder durch­ge­brannt wor­den.

»Teu­fel noch ’mal«, fauch­te Schel­ga, »nein, P. P. Ga­rin hat sich hier nicht mit Py­ro­tech­nik be­schäf­tigt!«

»Und was soll das sein, Was­si­lij Vi­tal­je­witsch?« frag­te Ta­rasch­kin und wies auf ein un­ge­fähr an­dert­halb Zoll ho­hes Koh­len­py­ra­mid­chen, das aus ir­gend ei­nem Ma­te­ri­al ge­presst zu sein schi­en.

»Wo ha­ben Sie das ge­fun­den?«

»Hier ha­ben sie eine vol­le Kis­te mit sol­chen Din­gen!«

Nach­dem Schel­ga das Py­ra­mid­chen in den Hän­den her­um­ge­dreht und dar­an ge­ro­chen hat­te, stell­te er es an den Rand des Ti­sches, steck­te von der Sei­te ein an­ge­zün­de­tes Streich­holz hin­ein und zog sich in die ent­fern­tes­te Ecke des Kel­lers zu­rück. Das Streich­hölz­chen brann­te bis zu Ende, dann lo­der­te das Py­ra­mid­chen in blen­dend weiß-blau­em Lich­te auf, brann­te fünf Mi­nu­ten und ei­ni­ge Se­kun­den, ohne Ruß, fast ge­ruch­los.

»Ich emp­feh­le, sol­che Ex­pe­ri­men­te nicht zu wie­der­ho­len«, sag­te Schel­ga. »Ers­tens könn­ten sich sol­che Py­ra­mid­chen als stark ex­plo­si­bel oder gar als Gas­ker­zen er­wei­sen. In die­sem Fal­le wür­den wir den Kel­ler schwer­lich noch ein­mal ver­las­sen kön­nen. Sehr gut – also, was ha­ben wir er­fah­ren? Ver­su­chen wir, das fest­zu­hal­ten: ers­tens, bei die­sem Mord han­delt es sich we­der um Ra­che, noch um Raub. Zwei­tens stel­len wir den Fa­mi­li­enna­men des Er­mor­de­ten fest: P. P. Ga­rin. Das ist bis jetzt al­les. Sie wol­len er­wi­dern, Ge­nos­se Ta­rasch­kin, dass P. P. Ga­rin viel­leicht der­je­ni­ge ist, der mit dem Boot da­von­ge­fah­ren ist? Ich glau­be nicht. Den Fa­mi­li­enna­men auf die­ses Brett hat Ga­rin per­sön­lich ge­schrie­ben. Das ist psy­cho­lo­gisch klar. Wenn ich, sa­gen wir, sol­che merk­wür­di­ge Din­ger hier er­fun­den hät­te, hät­te ich si­cher in der ers­ten Be­geis­te­rung mei­nen Na­men da­mit ge­schrie­ben – und nicht z. B.: Ta­rasch­kin! Wir wis­sen, dass der Er­mor­de­te in die­sem La­bo­ra­to­ri­um ge­ar­bei­tet hat – so­mit ist er der Er­fin­der, das heißt – Ga­rin!«

Schel­ga und Ta­rasch­kin kro­chen aus dem Kel­ler ans Ta­ges­licht und setz­ten sich. Zi­ga­ret­ten rau­chend, auf eine son­ni­ge Stel­le der Au­ßen­trep­pe, um die An­kunft des Agen­ten mit dem Hun­de ab­zu­war­ten.

7.

Vor dem Auf­ga­be­schal­ter der Te­le­gram­me nach dem Aus­land, im Le­nin­gra­der Haupt­post­amt, er­schi­en eine ver­krüp­pel­te Hand und blieb dort vor dem Fens­ter des Be­am­ten ste­hen, zwi­schen den zit­tern­den Fin­gern eine Te­le­gramm­blan­ket­te hal­tend.

Der Te­le­gra­fist nahm die Blan­ket­te, ver­stand aber nicht so­fort den In­halt des Te­le­gramms. Ir­gend et­was stör­te ihn, et­was Ab­son­der­li­ches. Er blick­te nach der Hand, sie trug aus­ge­trock­ne­te, röt­li­che, stark ge­bo­ge­ne, aber ge­pfleg­te Fin­ger. »Nun ja, vier Nä­gel, denn er hat kei­nen fünf­ten Fin­ger« dach­te der Te­le­gra­fist, be­ru­hig­te sich und be­gann, die Blan­ket­te zu le­sen:

WARSCHAU. MARSCHALLKOWSKAJA. SEMJONOW. AUFTRAG ZU HÄLFTE DURCHGEFÜHRT. INGENIEUR ABGEREIST. NICHT GELUNGEN DOKUMENTE ZU BEKOMMEN. WARTE AUF ANORDNUNGEN. STASIJ.

Der Te­le­gra­fist un­ter­strich mit sei­nem ro­ten Blei­stift das Wort: War­schau. Dann stand er auf, schloss den Schal­ter und be­trach­te­te durch das Git­ter den Auf­ge­ber. Dies war ein stäm­mi­ger Mensch von mitt­le­rem Al­ter, mit ei­ner un­ge­sun­den, gelb­grau­en Haut auf dem ge­dun­se­nen Ge­sicht, hän­gen­dem, den Mund be­de­cken­den Schnurr­bart von gel­ber Far­be. Die Au­gen wa­ren fast ganz hin­ter den ent­zün­de­ten Spal­ten sei­ner Li­der ver­steckt. Auf dem ra­sier­ten Kopf saß eine brau­ne Samt­müt­ze.

»Was ist denn los?« frag­te er grob, »Neh­men Sie das Te­le­gramm!«

»Die­ses Te­le­gramm ist chif­friert!« sag­te der Te­le­gra­fist.

»Was heißt das: chif­friert? Was re­den sie da für Un­sinn?! Es ist ein kom­mer­zi­el­les Te­le­gramm, Sie sind ver­pflich­tet, es an­zu­neh­men! Ich zei­ge Ih­nen mei­ne Le­gi­ti­ma­ti­on, ich bin Be­am­ter des pol­ni­schen Kon­su­lats, ich wer­de Sie für die kleins­te Ver­zö­ge­rung ver­ant­wort­lich ma­chen!«

Der gel­be Herr är­ger­te sich, schüt­tel­te är­ger­lich mit dem Kopf, er sprach nicht, son­dern er bell­te, aber sei­ne vier­fing­ri­ge Hand zit­ter­te noch im­mer so, wie bei der Über­ga­be des Te­le­gramms.

»Wis­sen Sie, Bür­ger, bei uns in un­se­rer Re­pu­blik herrscht eine an­de­re Ord­nung als bei Ih­nen in Po­len. Bei uns muss je­der Bür­ger po­li­tisch auf­ge­klärt sein, und ich sehe, – trotz­dem Sie be­haup­ten, Ihr Te­le­gramm wäre kom­mer­zi­el­len In­hal­tes – dass es mei­ner An­sicht nach po­li­tisch ist, chif­friert. Sie kön­nen sich über mich be­schwe­ren, aber ohne Er­laub­nis des Amts­vor­stan­des neh­me ich die­ses Te­le­gramm nicht an!«

Der Te­le­gra­fist lä­chel­te. Der gel­be Herr er­hob zor­nig sei­ne Stim­me noch lau­ter, um zor­nig zu schrei­en. In­zwi­schen hat­te ein Fräu­lein das Te­le­gramm un­be­merkt an sich ge­nom­men und es zu dem Tisch ge­tra­gen, wo Was­si­lij Vi­tal­je­witsch Schel­ga alle an die­sem Tage auf­ge­ge­be­nen Te­le­gram­me durch­sah. Nach­dem er einen Blick auf die Adres­se »War­schau, Mar­schall­kow­ska­ja« ge­wor­fen hat­te, trat er so­fort aus dem Ver­schlag in den Par­ter­re­raum und blieb hin­ter dem zor­ni­gen Ab­sen­der ste­hen.

»Gut«, sag­te der Te­le­gra­fist, nach­dem er das un­ge­dul­di­ge Zei­chen Schel­gas be­merkt hat­te, das ihm die­ser hin­ter dem Rücken des Strei­ten­den ge­ge­ben hat­te, »Ihre Le­gi­ti­ma­ti­on ist in Ord­nung, ich wer­de das Te­le­gramm an­neh­men, aber was die Po­li­tik der ›Pan­je‹ an­be­langt, Bür­ger, soll­ten Sie sich schä­men, sie zu ver­tei­di­gen …«

Er form­te die Lip­pen wie ein Röhr­chen und setz­te sich nie­der, um die Quit­tung zu schrei­ben. Der Pole schnaub­te noch im­mer schwer vor Zorn, trat von ei­nem Fuß auf den an­de­ren, knarr­te mit sei­nen Lack­schu­hen. Auf­merk­sam be­trach­te­te Schel­ga sei­ne Füße. Dann ging er zur Aus­gangs­tür, wink­te den dienst­ha­ben­den Agen­ten her­an und zeig­te auf den Po­len:

»Ver­fol­gen!«

Die gest­ri­gen Strei­fun­gen mit dem Po­li­zei­hun­de führ­ten von dem Som­mer­haus zu dem Flüss­chen Kre­stow­ka, wo die Spur ab­riss: hier wa­ren die Mör­der schein­bar in ein Boot ge­stie­gen. Der gest­ri­ge Tag hat­te kei­ne Neu­ig­kei­ten ge­bracht. Die Ver­bre­cher hat­ten sich in Le­nin­grad schein­bar sehr gut ver­bor­gen. Auch die Durch­sicht der Te­le­gram­me hat­te kei­ner­lei Auf­klä­run­gen ge­zei­tigt. Vi­el­leicht war nur die­ses eben auf­ge­ge­be­ne Te­le­gramm von In­ter­es­se: »War­schau, Sem­jo­now …« Aber viel­leicht war es tat­säch­lich nichts als eine ein­fa­che kom­mer­zi­el­le Mit­tei­lung ir­gend ei­nes der Agen­ten der pol­ni­schen Mis­si­on.

Der Te­le­gra­fist über­reich­te dem Po­len die Quit­tung. Der kroch mit sei­nen Fin­gern in die Wes­ten­ta­sche, um Klein­geld her­vor­zu­ho­len. In die­sem Au­gen­blick nä­her­te sich mit ra­schen Schrit­ten ein schö­ner, dun­kel­äu­gi­ger Mensch mit Spitz­bärt­chen, in der Hand eine Te­le­gramm­blan­ket­te, dem Schal­ter und blick­te mit ru­hi­gem Miss­be­ha­gen auf den Bauch des Strei­ten­den, in der Er­war­tung, bald an sei­nen Platz rücken zu kön­nen.

Schel­ga be­merk­te, wie sich der Herr im Spitz­bart plötz­lich förm­lich zu­sam­men­zog – er hat­te die vier­fing­ri­ge Hand des Po­len be­merkt und ihm so­fort ins Ge­sicht ge­blickt.

Ihre Au­gen be­geg­ne­ten ein­an­der. Der Pole ließ den Un­ter­kie­fer her­ab­fal­len. Die ge­schwol­le­nen Li­der öff­ne­ten sich. In den trü­ben Au­gen fla­cker­te es auf, wie Feu­er des Wahn­sinns. Sein ent­setz­tes Ge­sicht ver­färb­te sich wie bei ei­nem Cha­mä­le­on – und wur­de blei­far­ben.

Erst jetzt ver­stand Schel­ga – er hat­te in dem ne­ben ihm Ste­hen­den den Dop­pel­gän­ger des ges­tern in Kre­stow­skij Er­mor­de­ten er­kannt … Was­si­lij Vi­tal­je­witsch war wie vor den Kopf ge­sto­ßen und ver­lor – für einen Sports­mann ganz un­ver­zeih­lich – ei­ni­ge un­er­setz­li­che, wich­ti­ge Se­kun­den.

Der Pole schrie hei­ßer auf und saus­te mit un­glaub­li­cher Ge­schwin­dig­keit zum Aus­gang. Der dienst­ha­ben­de Agent, dem be­foh­len war, ihm nur von wei­tem zu fol­gen, ließ ihn ru­hig an sich vor­bei­lau­fen, bis er auf der Stra­ße war, erst dann folg­te er ihm.

Der Dop­pel­gän­ger des Er­mor­de­ten blieb ru­hig vor dem Schal­ter ste­hen. Sei­ne kal­ten, von tie­fen Schat­ten um­la­ger­ten Au­gen drück­ten durch­aus nichts an­de­res aus, als Er­stau­nen. Er zuck­te mit den Ach­seln, als der Pole da­von­lief, und gab dem Te­le­gra­fis­ten sei­ne Blan­ket­te: Schel­ga las, über sei­ne Ach­seln bli­ckend:

»Pa­ris, Bou­le­vard Ba­ti­gnol­le, post­la­gernd N. 655.

UNVERZÜGLICH MIT ANALYSE BEGINNEN. QUALITÄT UM FÜNFZIG PROZENT ERHÖHEN. ERWARTE MITTE MAI ERSTE SENDUNG. P. P.«

»Es han­delt sich um wis­sen­schaft­li­che Ar­bei­ten, zu de­nen mein Kol­le­ge vom In­sti­tut für An­or­ga­ni­sche Che­mie nach Pa­ris ent­sandt wur­de«, – sag­te er zu dem Te­le­gra­fis­ten, der wie­der die Lip­pen zu ei­nem Röhr­chen ge­formt hat­te. Dann zog er lang­sam und me­cha­nisch sei­ne Zi­ga­ret­ten­do­se aus der Ta­sche, klopf­te mit der Zi­ga­ret­te auf und be­gann, lang­sam zu rau­chen. Höf­lich sag­te Schel­ga:

»Ge­stat­ten Sie, mit Ih­nen zwei Wor­te zu spre­chen?«

Der Mensch mit dem Spitz­bärt­chen blick­te rasch auf ihn, senk­te die Wim­pern und ant­wor­te­te äu­ßerst lie­bens­wür­dig:

»Bit­te schön!«

»Ich bin Agent des Kri­mi­nal­am­tes«, sag­te Schel­ga, sei­ne Le­gi­ti­ma­ti­on vor­wei­send, »viel­leicht wol­len wir einen be­que­me­ren Ort für un­se­re Kon­ver­sa­ti­on auf­su­chen.«

»Wol­len Sie mich ar­re­tie­ren?«

»Kei­ne Spur. Ich will Sie nur war­nen, dass der Pole, der eben hier da­von­ge­lau­fen ist, die Ab­sicht hat, Sie zu tö­ten, ge­nau so, wie er ges­tern auf der Kre­stow­skij In­sel den In­ge­nieur Ga­rin er­mor­det hat.«

Der Mensch mit dem Spitz­bärt­chen dach­te eine Mi­nu­te lang nach. We­der Höf­lich­keit noch Ruhe wi­chen aus sei­nen Zü­gen:

»Bit­te schön«, sag­te er, »ge­hen wir, ich habe eine Vier­tel­stun­de freie Zeit.«

8.

Auf der Stra­ße hol­te nächst dem Post­amt der dienst­ha­ben­de Agent Schel­ga ein. Sei­ne Lip­pen beb­ten, auf den Wan­gen hat­te er rote Fle­cke:

»Was­si­lij Vi­tal­je­witsch, er ist ent­wischt!«

»Und warum ha­ben Sie ihn ent­wei­chen las­sen?«

»Ein Auto hat ihn er­war­tet, Was­si­lij Vi­tal­je­witsch!«

»Und wo war Ihr Mo­tor­rad?«

»Da liegt es« – sag­te der Agent und zeig­te auf sein Rad, das etwa hun­dert Schrit­te vom Post­amt ent­fernt auf der Stra­ße lag, »er ist hin­ge­sprun­gen – und im Nu stach er mit ei­nem Mes­ser in den Gum­mi­rei­fen. Ich pfiff – im nächs­ten Au­gen­blick schon war er im Auto – und auf und da­von …«

»Ha­ben Sie sich die Num­mer des Au­tos ge­merkt?«

»Nein!«

»Wa­rum! Ich wer­de Sie we­gen Nach­läs­sig­keit im Dienst an­krei­den!«

»Was­si­lij Vi­tal­je­witsch, die Num­mer war ab­sicht­lich mit Schmutz ver­schmiert.«

»Gut, ge­hen Sie ins Kri­mi­nal­amt – in zwan­zig Mi­nu­ten bin ich dort!«

Schel­ga hol­te den Men­schen mit dem Spitz­bärt­chen ein. Ei­ni­ge Zeit gin­gen sie schwei­gend ne­ben­ein­an­der. Sie bo­gen auf den Bou­le­vard der Pro­fes­sio­nel­len Ver­bän­de ein.

»Sie se­hen dem Er­mor­de­ten auf­fal­lend ähn­lich!« sag­te Schel­ga.

»Das hat man mir schon wie­der­holt ge­sagt. Ich hei­ße Pjan­kow-Pit­kje­witsch«, ant­wor­te­te der an­de­re be­reit­wil­ligst, – »ich habe be­reits in den gest­ri­gen Abend­blät­tern von der Er­mor­dung Ga­rins ge­le­sen. Es ist schreck­lich. Ich habe ihn gut ge­kannt. Er war ein tüch­ti­ger Ar­bei­ter – ein her­vor­ra­gen­der Che­mi­ker. Ich war oft bei ihm in sei­nem La­bo­ra­to­ri­um auf der Kre­stow­skij In­sel. Er hat eine große Er­fin­dung auf dem Ge­bie­te der Kriegs­che­mie in Vor­be­rei­tung ge­habt. Ha­ben Sie eine Ah­nung von Rauch­ker­zen?«

»Wie, – Sie glau­ben, dass der Mord an Ga­rin mit den Int­ri­guen Po­lens ir­gend­wie In Zu­sam­men­hang stün­de?«

»Ich glau­be nicht. Die Grund­ur­sa­che die­ses Mor­des liegt viel­leicht viel tiefer! Die Nach­rich­ten über Ga­rins Ar­bei­ten ka­men auch in die ame­ri­ka­ni­sche Pres­se. Die Po­len konn­ten hier höchs­tens die Rol­le von Mitt­lern spie­len.«

Auf dem Bou­le­vard der Pro­fes­sio­nel­len Ver­bän­de schlug Schel­ga vor, sich auf eine Bank zu set­zen. Der Bou­le­vard war men­schen­leer. In der Fer­ne kehr­te ein Haus­be­sor­ger ge­mäch­lich vor sei­ner Tür. Schel­ga ent­nahm sei­nem Por­te­feuil­le Aus­schnit­te von rus­si­schen und aus­län­di­schen Zei­tun­gen und brei­te­te sie auf sei­nen Kni­en aus­ein­an­der.

»Sie sa­gen, Ga­rin wäre Che­mi­ker ge­we­sen? Die Kun­de von sei­nen Ar­bei­ten wäre be­reits ins Aus­land ge­drun­gen? Da fällt ver­schie­de­nes mit Ihren Äu­ße­run­gen zu­sam­men, ob­wohl mir ei­ni­ges nicht ganz klar ist. Da, le­sen Sie!«

»… man ist in Ame­ri­ka sehr an den Mel­dun­gen über Ar­bei­ten ei­nes rus­si­schen Er­fin­ders in­ter­es­siert. Man ver­mu­tet, dass es sich hier um einen Ver­nich­tungs­ap­pa­rat han­delt, der an Macht al­les Bis­he­ri­ge über­tref­fen soll …«

Pit­kje­witsch ließ, mit den Mund­win­keln lä­chelnd, sei­ne Hand in die Ta­sche glei­ten, um Zi­ga­ret­ten her­vor­zu­ho­len:

»Son­der­bar«, sag­te er, – »da­von weiß ich nichts … Nein, da kann es sich nicht um Ga­rin han­deln. Das muss et­was an­de­res sein!«

Schel­ga reich­te ihm einen zwei­ten Aus­schnitt:

»Im Zu­sam­men­hang mit den be­vor­ste­hen­den großen ame­ri­ka­ni­schen Flot­ten­ma­nö­vern im Stil­len Ozean wur­de beim Kriegs­mi­nis­te­ri­um an­ge­fragt, ob dort et­was über die ko­los­sa­le Ver­nich­tungs­kraft ei­nes Ap­pa­ra­tes be­kannt sei, der ge­gen­wär­tig in Russ­land kon­stru­iert wer­de, was so­wohl mit Rück­sicht auf die hieraus er­wach­sen­de Stär­kung der So­wjet­macht als auch In Be­zug auf den erst kürz­lich ab­ge­schlos­se­nen rus­sisch-ja­pa­ni­schen Pakt zu Beun­ru­hi­gun­gen An­lass bie­ten muss …«

»Das ist in­ter­essant«, – sag­te Pit­kje­witsch und nahm aus Schel­gas Hand einen drit­ten Aus­schnitt:

»Der che­mi­sche Kö­nig, Mil­li­ar­där Rol­ling, ist nach Eu­ro­pa ab­ge­reist. Sei­ne Abrei­se steht mit der Or­ga­ni­sa­ti­on ei­nes mäch­ti­gen Trusts in Zu­sam­men­hang, der Koh­len-, Harz-, so­wie Koch­salz­ge­win­nung in ei­ner Hand ver­ei­ni­gen soll.«

»Die­se che­mi­sche Faust soll eine stän­di­ge Dro­hung ge­gen jede Macht sein, die ver­su­chen soll­te, das Welt­gleich­ge­wicht zu stö­ren. Der Trust wird die So­wjet­re­pu­bli­ken zum Nach­den­ken zwin­gen, ob ihr Re­gime und ihre zer­set­zen­de Pro­pa­gan­da auch wei­ter­hin so un­ge­stört ihre Aus­brei­tung fort­set­zen kön­nen.«

Pit­kje­witsch sag­te, die Au­gen­brau­en ein we­nig in Fal­ten le­gend:

»Ja, das be­rührt di­rekt die Sa­che, mit der sich Ga­rin be­schäf­tigt hat. Es ist sehr leicht mög­lich, – dass der Mord mit die­ser Sa­che so­gar in di­rek­tem Zu­sam­men­hang steht!«

Dann las er in der Mos­kau­er »Pra­w­da«: »In die Ab­tei­lung für Er­fin­dung ist die Kun­de von in­ter­essan­ten Ar­bei­ten ge­drun­gen, wel­che in ei­nem Le­nin­gra­der Pri­vat­la­bo­ra­to­ri­um auf dem Ge­bie­te der Über­lei­tung der Über­lei­tung von Wär­me­ener­gie auf große Ent­fer­nung aus­pro­biert wer­den …«

»Ja, hier han­delt es sich zwei­fel­los um den ar­men Ga­rin«, sag­te Pit­kje­witsch.

»Sie sind Sports­mann« – frag­te plötz­lich Schel­ga, nahm sei­ne Hand und dreh­te sie mit der In­nen­flä­che nach oben. »Ich selbst bin lei­den­schaft­li­cher Sports­mann.«

»Sie se­hen nach, ob ich kei­ne Bla­sen vom Ru­dern habe, Ge­nos­se Schel­ga? … Se­hen sie: zwei Bla­sen – das heißt: ich ru­de­re schlecht. Tat­säch­lich habe ich vor zwei Ta­gen un­un­ter­bro­chen an­dert­halb Stun­den lang ge­ru­dert, als ich Ga­rin im Boot nach der Kre­stow­skij In­sel brach­te … Ge­nü­gen Ih­nen die­se Aus­künf­te? …«

Schel­ga ließ die Hand fal­len und lach­te:

»Sie sind ein küh­ner Mensch, Ge­nos­se Pit­kje­witsch. Ich muss Sie auf­merk­sa­mer be­ob­ach­ten!«

»Ei­nen erns­ten Kampf schlag ich nie aus!«

»Sa­gen Sie, Pit­kje­witsch, ha­ben Sie die­sen Po­len mit den vier Fin­gern schon frü­her ge­kannt?«

»Sie wol­len wis­sen, warum ich er­staunt war, als ich sei­ne vier­fing­ri­ge Hand be­merk­te? Sie ha­ben einen sehr schar­fen Beo­b­ach­tungs­sinn, Ge­nos­se Schel­ga. Ja, ich war er­staunt … mehr noch – ich bin er­schro­cken!«

»Wa­rum?«

»Das wie­der – wer­de ich Ih­nen nicht sa­gen!«

Schel­ga nag­te an sei­ner Un­ter­lip­pe, blick­te den Bou­le­vard ent­lang.

Pit­kje­witsch sprach wei­ter:

»Ich will noch mehr sa­gen: er hat nicht nur die Hand ent­stellt, son­dern auch den Kör­per. Quer über die Brust zieht sich bei ihm eine rie­si­ge Nar­be. Ga­rin hat sie ihm 1919 zu­ge­fügt. Der Mann heißt Sta­sij Ti­klins­ky. Frü­her hat er einen lan­gen Bart ge­tra­gen.«

Schel­ga frag­te: »Hat denn der ver­stor­be­ne Ga­rin die­sen Ti­klins­ky mit dem­sel­ben Mit­tel ent­stellt, mit wel­chem er die drei Zoll brei­ten Bret­ter durch­ge­brannt hat?«

Rasch dreh­te Pit­kje­witsch sei­nen Kopf zu Schel­ga, und eine Zeit lang blick­ten die bei­den ein­an­der in die Au­gen, der eine ru­hig, un­durch­dring­lich, der an­de­re hei­ter und of­fen.

»Also, Sie wol­len mich doch ar­re­tie­ren, Ge­nos­se Schel­ga?!«

»Nein. Dazu wür­de noch im­mer Zeit blei­ben …«

»Sie ha­ben recht. Ich weiß viel von der Sa­che. Aber selbst­ver­ständ­lich wird es Ih­nen mit kei­ner­lei Zwangs­maß­nah­men ge­lin­gen, mir ab­zu­rin­gen, was ich nicht aus frei­en Stücken sa­gen will. Dass ich an dem Ver­bre­chen nicht be­tei­ligt bin, wis­sen Sie ja oh­ne­dies. Wol­len Sie – of­fe­nes Spiel? Die Be­din­gun­gen des Kamp­fes sind fol­gen­de: nach ei­nem ge­lun­ge­nen Waf­fen­gang tref­fen wir uns zu of­fe­ner Auss­pra­che. Die Sa­che äh­nelt ei­ner Schach­par­tie. Es ist ver­bo­ten, den Geg­ner töd­lich nie­der­zu­schla­gen. Ne­ben­bei: seit wir jetzt mit­ein­an­der spre­chen, sind Sie drei­mal in Le­bens­ge­fahr ge­schwebt – ich ver­si­che­re Sie, dass ich jetzt nicht spa­ße. Säße hier z. B. an Ih­rer Stel­le Ti­klins­ky, wür­de man ihn nach ei­ni­ger Zeit in hoff­nungs­lo­sem Zu­stan­de, ster­bend auf­fin­den, mit wi­der­li­chen Fle­cken auf dem Kör­per. Aber ich wie­der­ho­le, dass ich mit Ih­nen nicht sol­che Kunst­stücke auf­füh­ren wer­de … Wol­len Sie die­se Par­tie zu Ende spie­len?«

»Ein­ver­stan­den«, sag­te Schel­ga mit glän­zen­den Au­gen. »ich wer­de als Ers­ter an­grei­fen?«

»Selbst­ver­ständ­lich. – Hät­ten Sie mich nicht auf dem Post­amt er­tappt, hät­te ich Ih­nen die­ses Spiel nicht vor­ge­schla­gen. Und, was den vier­fing­ri­gen Po­len an­be­langt, ver­spre­che ich Ih­nen, bei sei­ner Aus­for­schung be­hilf­lich zu sein. Wo im­mer ich ihn tref­fe – ich wer­de Ih­nen so­fort te­le­gra­fie­ren!«

»Gut so. Und jetzt, Pit­kje­witsch, zei­gen Sie mir, was Sie da für ein Zeug ha­ben, wo­mit sie sol­che Dro­hun­gen aus­sto­ßen?!«

Pit­kje­witsch nick­te mit dem Kopf und lä­chel­te: »Bit­te, wie Sie wol­len: wir spie­len mit of­fe­nen Kar­ten!« Vor­sich­tig zog er aus ei­ner Sei­ten­ta­sche eine fla­che Me­tall­schach­tel her­vor. In ihr la­gen brau­ne Sä­misch­le­der­hand­schu­he und Me­tall­röhr­chen, nicht brei­ter als ein Fin­ger.

9.

Auf dem Wege zu­rück, ins Kri­mi­nal­amt, blieb Schel­ga plötz­lich ste­hen, als wäre er an eine un­sicht­ba­re Mau­er ge­rannt: »Ha!« – rief er wü­tend und stampf­te mit dem Fuß, – »ein ver­flix­ter Kerl, ein Tau­send­sas­sa!«

Schel­ga war tat­säch­lich an der Nase her­um­ge­führt wor­den. Zwei Schrit­te vor dem Po­len war er ge­stan­den und hat­te ihn nicht fest­ge­nom­men.(Er zwei­fel­te nicht mehr, dass dies der Mör­der war.) Er hat­te mit dem Men­schen ge­spro­chen, der zwei­fel­los alle Fä­den des Mor­des in der Hand hielt und dem es ge­lun­gen war sich wäh­rend des Ge­sprächs so ge­schickt zu win­den, dass er gar nichts von ihm er­fah­ren hat­te. Die­ser Pjan­kow-Pit­kje­witsch war im Be­sit­ze ir­gend­ei­nes Ge­heim­nis­ses … Plötz­lich ver­stand erst Schel­ga, von welch un­ge­heu­rer Be­deu­tung die­ses Ge­heim­nis für den Staat wer­den konn­te … Er hat­te Pjan­kow-Pit­kje­witsch schon in der Sch­lin­ge ge­habt – und ge­schickt hat­te sich der ver­fluch­te Kerl wie­der her­aus­ge­wun­den.

Schel­ga lief in den zwei­ten Stock, in sei­ne Ab­tei­lung. Auf dem Tisch, der im Sei­ten­licht ei­nes nie­de­ren, halb­run­den Fens­ters stand, lag ein Pa­ket Zei­tungs­pa­pier. In der Fens­ter­ni­sche stand ein ru­hi­ger, di­cker Mensch in schmie­ri­gen Stie­feln und Fries­ja­cke. Wäh­rend er die Kap­pe auf den Bauch hielt, ver­neig­te er sich vor Schel­ga:

»Ba­bit­schew, Haus­ver­wal­ter«, sag­te er mit schnapsa­ro­ma­ti­scher Stim­me, »Haus­ver­wal­ter von Pusch­kars­ka­ja Stra­ße vier­und­zwan­zig.«

»Ha­ben Sie die­ses Pa­ket ge­bracht?«

»Ja­wohl. Es stammt aus der Woh­nung Nr. 13. Nicht im Haupt­ge­bäu­de, son­dern im An­bau ist die­se Woh­nung, aus der ein Mie­ter un­se­res Hau­ses nun schon den zwei­ten Tag ver­schwun­den ist. Heu­te ha­ben wir die Mi­liz ge­ru­fen und die Tür auf­ge­bro­chen. Man hat ein Pro­to­koll auf­ge­nom­men, nach den Ge­set­zen der Haus­ord­nung und die­ses Pa­ket habe ich nach­her im Ofen ge­fun­den.« Sei­ne Au­gen wur­den feucht, die Wan­gen rö­te­ten sich und star­ker Sa­mo­gon­ka­ge­ruch ström­te ins Zim­mer.

»Wie hieß der ver­schwun­de­ne Mie­ter?«

»Sa­wel­jew, Iwan Ale­xe­je­witsch.«

Schel­ga öff­ne­te das Pa­ket. Dort fand man eine Fo­to­gra­fie von Pjan­kow-Pit­kje­witsch, einen Kamm, Sche­re und eine Fla­sche mit ei­ner dunklen Flüs­sig­keit, ei­nem Haar­fär­be­mit­tel.

»Wo­mit hat sich Sa­wel­jew be­schäf­tigt?«

»Mit Wis­sen­schaft … Als bei und im Hau­se ein Ablei­tungs­rohr brach, hat sich das Haus­ko­mi­tee an ihn ge­wen­det. Er sag­te da­mals: ›Ich hät­te Ih­nen gern ge­hol­fen, aber ich bin – Che­mi­ker!‹!«

»Hat er sei­ne Woh­nung nachts oft ver­las­sen?«

»Nachts? Nein. Das ist nicht be­merkt wor­den«, – und wie­der hielt sich der Haus­ver­wal­ter den Mund zu, »kaum, dass es Tag wur­de, ver­ließ er stets das Haus, das stimmt al­ler­dings. Aber nachts – nie. Auch be­trun­ken wur­de er nie ge­se­hen.«

»Ka­men Be­kann­te zu ihm?«

»Es wur­de nie­mand ge­se­hen!«

Schel­ga rief te­le­fo­nisch die Mi­li­z­ab­tei­lung von Pe­ters­burg an. Es er­wies sich, dass im An­bau des Hau­ses vier­und­zwan­zig Pusch­kars­ka­ja, tat­säch­lich In­ge­nieur Iwan Ale­xe­je­witsch Sa­wel­jew ge­wohnt hat­te, sechs­und­drei­ßig Jah­re alt, In­ge­nieur der Che­mie. Er war im Fe­bru­ar dort­hin über­sie­delt, mit ei­ner Le­gi­ti­ma­ti­on, aus­ge­stellt von der Mi­liz der Stadt Tam­bow.

Schel­ga te­le­gra­fier­te nach Tam­bow und fuhr mit dem Haus­ver­wal­ter per Auto nach der Fon­tan­ka, wo in der Kri­mi­nal­un­ter­su­chungs­ab­tei­lung die Lei­che des auf der Kre­stow­skij-In­sel Er­mor­de­ten auf dem Eise lag. So­fort er­kann­te der Haus­ver­wal­ter in ihm den Mie­ter der Woh­nung Nr. 13.

10.

Bei­läu­fig um die­sel­be Zeit kam der­je­ni­ge, der sich Pjan­kow-Pit­kje­witsch ge­nannt hat­te, in ei­nem ge­schlos­se­nen Ein­spän­ner an einen der un­be­bau­ten Plät­ze der Pe­ters­bur­ger Sto­ro­na an­ge­fah­ren, nahe dem Klei­nen Pro­spekt – be­zahl­te den Kut­scher und ging den Fuß­steig ent­lang des un­be­bau­ten Plat­zes. Die Stra­ße war leer – an ei­nem Bret­ter­zaun öff­ne­te er ein Pfört­chen, ging über einen Hof, wo zwi­schen As­phalt­res­ten Gras zu wach­sen be­gann und stieg über die schma­le Trep­pe des rück­wär­ti­gen Ein­gangs ei­nes Hau­ses in den fünf­ten Stock hin­auf. Mit zwei Schlüs­seln sperr­te er die Tür auf, häng­te in dem lee­ren Vor­zim­mer auf den ein­zi­gen vor­han­de­nen Na­gel Hut und Man­tel, trat in das Zim­mer, des­sen vier Fens­ter zur Hälf­te mit Krei­de ver­schmiert wa­ren, setz­te sich auf den Di­wan und be­deck­te das Ge­sicht mit den Hän­den.

Erst hier, in dem ein­sa­men Zim­mer, das mit Wand­schrän­ken, worin Bü­cher und phy­si­ka­li­sche Ap­pa­ra­te auf­be­wahrt wa­ren, ein­ge­rich­tet war, konn­te er sich end­lich der furcht­ba­ren Auf­re­gung, fast Verzweif­lung, hin­ge­ben, die ihn seit dem gest­ri­gen Tage er­fasst hat­te.

Sei­ne Hän­de, die das Ge­sicht um­klam­mer­ten, zit­ter­ten. Er war sich be­wusst, dass die To­des­ge­fahr noch nicht vor­bei war. Er war um­ringt. Ei­ni­ge klei­ne Kom­bi­na­tio­nen spra­chen noch zu sei­nem Vor­teil, aber zu fünf­und­zwan­zig Pro­zent schi­en es eher wahr­schein­lich, dass al­les schief ge­hen wür­de.

»Wie un­vor­sich­tig, ach, wie un­vor­sich­tig …« flüs­ter­te er. Er steck­te den Pols­ter un­ter den Kopf, warf sich rück­lings hin und schloss die Au­gen. Die Mus­kel, von der An­span­nung durch die in­ten­si­ve Ge­dan­ken­tä­tig­keit müde ge­wor­den, streck­ten sich, ruh­ten aus. Ein paar Mi­nu­ten tod­ähn­li­cher Un­be­weg­lich­keit er­frisch­ten ihn. Er stand auf, goss sich ein Glas Ma­dei­ra ein und leer­te es auf einen Zug. Nach­dem sich die­se hei­ße Wel­le in sei­nen Kör­per er­gos­sen hat­te, mach­te er eine Be­we­gung, als woll­te er sich mit Luft durch Hand­be­we­gung die Hän­de wa­schen und schritt mit sys­te­ma­ti­scher Lang­sam­keit durch das Zim­mer, wäh­rend er die klei­nen Mög­lich­kei­ten er­wog, die ihm noch zu sei­ner Ret­tung ge­blie­ben wa­ren.

Vor­sich­tig bog er einen Strei­fen der al­ten Ta­pe­ten aus­ein­an­der, nahm hin­ter ih­nen ei­ni­ge Blät­ter mit Zeich­nun­gen her­aus und roll­te sie zu­sam­men. Dann nahm er alle phy­si­ka­li­schen Gerä­te aus den Wand­schrän­ken, wähl­te ei­ni­ge Bü­cher aus und leg­te das al­les, zu­sam­men mit den Zeich­nun­gen, in einen Kof­fer. Alle Mi­nu­ten an­hal­tend, trug er den Kof­fer trepp­ab­wärts und ver­steck­te ihn im Holz­kel­ler des Hau­ses un­ter ei­ner halb­ver­faul­ten Bast­mat­te. Dann stieg er wie­der in sei­ne Woh­nung hin­auf, nahm aus der Schreib­tischla­de den Re­vol­ver und steck­te ihn in die rück­wär­ti­ge Ta­sche.

Es war drei­vier­tel fünf Uhr. Er leg­te sich noch­mals hin, rauch­te eine Zi­ga­ret­te nach der an­de­ren, wäh­rend er die ab­ge­brann­ten Stum­mel in eine Ecke warf. »Selbst­ver­ständ­lich ha­ben sie es nicht ge­fun­den!« schrie er bei­na­he und spreiz­te die Bei­ne von dem Di­wan fort. Wie­der lief er das Zim­mer auf und ab, wie­der wusch er mit Luft die Hän­de. Bei her­ein­bre­chen­der Däm­me­rung zog er der­be Stie­fel und einen Se­gel­tuch­man­tel an und ging aus dem Haus.

11.

Um Mit­ter­nacht wur­de der Dienst­ha­ben­de der sech­zehn­ten Mi­li­z­ab­tei­lung ans Te­le­fon ge­ru­fen. Eine ei­li­ge Stim­me sprach ihm ins Ohr:

»Sen­den sie so­fort in das Som­mer­häus­chen auf der Kre­stow­skij-In­sel, wo vor­ges­tern der Mord be­gan­gen wur­de, drin­gen­de Hil­fe …«

Die Stim­me riss ab. Der Dienst­ha­ben­de fluch­te ins Te­le­fon und rief die Kon­trol­le an. Es er­wies sich, dass man aus dem Ru­der­klub te­le­fo­niert hat­te. Er rief dort an. Lan­ge klin­gel­te das Te­le­fon, bis sich der Ru­der­klub mel­de­te. Eine ver­schla­fe­ne Stim­me sag­te:

»Was wol­len Sie?«

»Man hat eben von Ih­nen aus an­ge­ru­fen!«

»Ja, man hat an­ge­ru­fen!« sag­te die Stim­me gäh­nend.

»Wer hat an­ge­ru­fen? Ha­ben Sie ihn ge­se­hen?«

»Nein … das elek­tri­sche Licht funk­tio­niert nicht bei uns … Man hat nur ge­sagt, es ge­sch­ehe im Auf­tra­ge des Ge­nos­sen Schel­ga – und so ließ ich ihn ein …«

Eine hal­be Stun­de spä­ter spran­gen vier Mi­li­zio­näre vor dem ver­na­gel­ten Som­mer­häus­chen auf der Kre­stow­skij-In­sel aus dem La­st­au­to. Hin­ter den Bir­ken sah man spä­te, pur­pur­ro­te Abend­däm­merung. Durch die Stil­le drang lei­ses Stöh­nen. Ein Mensch im Bau­ern­pelz lag nahe der Au­ßen­trep­pe, mit dem Ge­sicht ge­gen die Erde, auf dem Bo­den. Man dreh­te ihn her­um – es stell­te sich her­aus, dass es der Wäch­ter war. Ne­ben ihm lag ein Wat­te­bausch, mit Chlo­ro­form durch­tränkt.

Die Tür an der Au­ßen­trep­pe stand sperran­gel­weit of­fen, das Schloss war fort­ge­ris­sen. Als die Mi­li­zio­näre ins In­ne­re des Som­mer­häus­chens ein­ge­drun­gen wa­ren, hör­ten sie eine halb­dump­fe, schrei­en­de Stim­me aus dem Kel­ler:

»Die Luke, macht die Luke auf, Ge­nos­sen … in der Kü­che …«

Ti­sche, Kis­ten und schwe­re Sä­cke wa­ren in der Kü­che zu ei­nem Berg, nächst der Mau­er, auf­ge­türmt. Man warf sie aus­ein­an­der, hob den De­ckel der Luke. Aus dem Kel­ler sprang Schel­ga, ganz in Staub, mit Spinn­we­ben be­han­gen, und wil­den Au­gen:

»Schnel­ler … hier­her!« schrie er und ver­schwand hin­ter der Tür: »Licht, schnel­ler!!«

In dem Zim­mer, wo das ei­ser­ne Bett stand, sah man im Licht der Ta­schen­lam­pe auf dem Bo­den zwei aus­ge­schos­se­ne Re­vol­ver, eine brau­ne Samt­müt­ze und es herrsch­te ein ek­li­ger, bei­ßen­der Ge­ruch. Auch Spu­ren von Brech­reiz wa­ren be­merk­bar …

»Vor­sicht!« schrie Schel­ga, »at­met nicht, geht fort – das ist der Tod!«

Wäh­rend er sich zu­rück­zog, die Mi­li­zio­näre vor sich her­drän­gend, blick­te er voll Ent­set­zen mit Ab­scheu auf das auf dem Bo­den her­um­wäl­zen­de Me­tall­röhr­chen in der Grö­ße ei­nes mensch­li­chen Fin­gers.

12.

Wie alle Ge­schäfts­leu­te großen Maß­sta­bes, emp­fing der che­mi­sche Kö­nig Rol­ling ge­schäft­lich in ei­nem ei­gens hier­zu ge­mie­te­ten Raum, ei­ner »Of­fi­ce«, wo sei­ne bei­den Se­kre­tä­re die Be­su­cher fil­trier­ten, den Grad der Be­deu­tung des Be­su­ches fest­stell­ten, Ge­dan­ken la­sen, alle Fra­gen mit un­ge­heu­er Lie­bens­wür­dig­keit be­ant­wor­te­ten, wo die Ste­no­ty­pis­tin­nen Rol­lings Wor­te in Kris­tal­le ver­wan­del­ten. Rol­lings Ide­en (wenn man ihr arith­me­ti­sches Mit­tel nimmt und es mit dem Gel­d­ä­qui­va­lent mul­ti­pli­ziert) kos­te­ten un­ge­fähr fünf­zig­tau­send Dol­lar pro Ab­schnitt, pro Ge­dan­ken­gang, die in der Se­kun­de das Ge­hirn des großen an­or­ga­ni­schen Kö­nigs durch­ström­ten. Die man­del­för­mi­gen Nä­gel der vier Ste­no­ty­pis­tin­nen ras­ten ohne Un­ter­lass über die Ta­sta­tu­ren der vier Un­der­wood­ma­schi­nen. Der Boy mit den vie­len Me­tall­knöp­fen tauch­te stets un­ver­züg­lich nach dem Klin­gel­zei­chen Rol­lings vor des­sen Au­gen auf, die ver­kör­per­te Ma­te­rie sei­nes Wil­lens.

Die Of­fi­ce Rol­lings auf dem Bou­le­vard Ma­les­her­bes war ein fins­te­rer und erns­ter Raum. Dunk­ler Da­mast an den Wän­den, dunkle Tep­pi­che auf dem Fuß­bo­den, dunkle Le­der­mö­bel, auf dunklen Ti­schen, die mit Glas über­deckt wa­ren, Samm­lun­gen von Re­kla­men, Aus­künf­ten, Bü­chern in brau­nem Juch­ten­le­der, Pro­spek­te che­mi­scher Wer­ke, ein ver­ros­te­ter Bom­ben­wer­fer, der vom Kriegs­schau­platz mit nach Hau­se ge­bracht wor­den war und nun eine Art Ka­min­ver­zie­rung vor­stel­len soll­te.

Hin­ter den ho­hen, dunklen Nuss­holz­tü­ren saß in­mit­ten von Dia­gram­men, Kar­to­gram­men und Fo­to­gra­fi­en der che­mi­sche Kö­nig in sei­nem Ar­beits­zim­mer. Die be­reits fil­trier­ten Be­su­cher tra­ten un­hör­bar über den Tep­pich in das War­te­zim­mer, setz­ten sich auf einen der le­der­nen Ses­sel und blick­ten mit dump­fer Auf­re­gung auf die Tür aus Nuss­holz: dort saß der che­mi­sche Kö­nig. Man muss­te die Luft, die hier herrsch­te, tief in sich ein­sau­gen, denn sie al­lein schon kos­te­te pro Ge­dan­ke und Se­kun­de fünf­zig­tau­send Dol­lar, so wert­voll wa­ren die Ge­dan­ken die­ses Men­schen …

Wel­ches Men­schen­herz wür­de nicht er­be­ben, wenn in­mit­ten der tie­fen, erns­ten Stil­le des War­te­zim­mers sich plötz­lich die bron­ze­ne Ku­gel der Tür­schnal­le, die von ei­ner Pfo­te ge­hal­ten zu wer­den schi­en, an der Nuss­tür plötz­lich zu be­we­gen be­ginnt, die hohe Tür sich öff­net und dort ein klei­ner Mensch in grau­em Sak­ko er­scheint, mit ei­nem Bart, den die gan­ze Welt kennt, der fast die gan­ze Wan­ge be­deckt. Sein Ge­sichts­aus­druck ist barsch, un­freund­lich, sein We­sen scharf wie ein Dorn. Er durch­bohrt ge­ra­de den, den er braucht, mit dem ste­chen­den Blick und sagt mit stark ame­ri­ka­ni­schem Ak­zent: »Bit­te!«

Schon vor Rol­ling hat es zwei­fel­los große Män­ner ge­ge­ben. Aber neh­men wir z. B. an, dass in die­ses War­te­zim­mer auf dem Bou­le­vard Ma­les­her­bes Dschin­gis-Chan, Karl der Gro­ße oder selbst Na­po­le­on kom­men wür­den – sie wä­ren si­cher im nächs­ten Au­gen­blick be­stürzt, schüch­tern, wie arme Teu­fel, grund­los wür­den sie plötz­lich be­gin­nen, ver­wirrt zu lä­cheln und im Handum­dre­hen, kaum nach Ablauf ei­ner ein­zi­gen Mi­nu­te wür­de der­sel­be große Mensch, von dem wir in der Ge­schichts­stun­de so viel er­fah­ren ha­ben, still und be­schei­den auf sei­nem ihm zu­ge­wie­se­nen Le­der­ses­sel sit­zen, ohne die Au­gen von der Nuss­tür zu las­sen, er wür­de es nicht ein­mal wa­gen, zu blin­zeln, um ja den Au­gen­blick nicht zu ver­pas­sen, wann sich die brau­ne bron­ze­ne Pfo­te be­we­gen wird, die die Ku­gel hält.

13.

Mit au­ßer­or­dent­li­cher Höf­lich­keit frag­te der Se­kre­tär, zwi­schen den Fin­gern den gol­de­nen Blei­stift hal­tend:

»Ent­schul­di­gen Sie, Mr., wie war doch Ihr Fa­mi­li­enna­me?«

»Oberst Scha­po­wa­low, Rus­se … Emi­grant, wie Sie se­hen. Ein Groß­grund­be­sit­zer.«

Zor­nig hob der Ant­wor­ten­de sei­ne Schul­tern und fuhr sich mit ei­nem ver­drück­ten Ta­schen­tuch über den grau­en Schnurr­bart.

Der Se­kre­tär flog mit sei­nem Blei­stift über das No­tiz­buch und frag­te lä­chelnd, als hät­te man eine der an­ge­nehms­ten, freund­lichs­ten Erin­ne­run­gen be­rührt, sehr be­hut­sam:

»Was für eine Ab­sicht liegt Ihrem Ge­spräch mit Mr. Rol­ling zu­grun­de, Mr. Scha­po­wa­low?«

»Es ist eine au­ßer­or­dent­lich wich­ti­ge Sa­che …«

»Vi­el­leicht könn­te ich sie aus­zugs­wei­se Mr. Rol­ling aus­ein­an­der­set­zen, wenn Sie so freund­lich sein woll­ten, mir die gan­ze Sa­che …«

»Se­hen Sie – der Zweck ist … so­zu­sa­gen … die Sa­che ist sehr ein­fach … der Plan … ein bei­der­sei­ti­ger Vor­teil …«

»Der Plan be­rührt vor­aus­sicht­lich den che­mi­schen Kampf ge­gen die Bol­sche­wi­ki, wenn ich recht ver­ste­he?« frag­te der Se­kre­tär.

»Sehr rich­tig … ich möch­te Mr. Rol­ling vor­schla­gen …«

»Ich fürch­te«, be­gann der Se­kre­tär, wäh­rend sein an­ge­neh­mes Ge­sicht so­gar et­was wie Mit­leid aus­drück­te, »ich fürch­te, dass Mr. Rol­ling mit sol­chen Plä­nen ein we­nig über­la­den sein dürf­te. Seit vo­ri­ger Wo­che sind bei uns al­lein von den Rus­sen hun­dert­vier­und­zwan­zig Pro­jek­te che­mi­scher Krieg­füh­rung ge­gen Russ­land ein­ge­trof­fen. Wir ha­ben in un­se­ren Por­te­feuil­les aus­ge­zeich­ne­te Vor­schlä­ge, dar­un­ter so­gar einen ei­nes gleich­zei­ti­gen Luft­an­grif­fes mit Ga­sen auf Char­kow, Mos­kau und Le­nin­grad. Der Au­tor hat au­ßer­dem eine sehr scharf­sin­ni­ge Auf­stel­lung der an­grei­fen­den Kräf­te in den Puf­fer­staa­ten aus­ge­ar­bei­tet – wirk­lich sehr, sehr in­ter­essant. Er hat so­gar einen Kos­ten- und Ma­te­ri­al­vor­an­schlag ge­macht: 6850 Ton­nen Senf­gas für die voll­stän­di­ge Ver­nich­tung der Ein­woh­ner die­ser Haupt­städ­te …«

Pu­ter­rot von dem eben er­folg­ten Blu­tandrang, un­ter­brach ihn der Oberst Scha­po­wa­low:

»Um was han­delt es sich dann also, Mr.? Wie hei­ßen Sie? Mein Plan ist al­ler­dings auch nicht schlecht, aber die­ser Plan ist aus­ge­zeich­net. Man muss bald be­gin­nen. Vom Wort – zur Tat … Was für Hin­der­nis­se gibt es ei­gent­lich da noch zu über­win­den? …«

»Ver­ehr­ter Herr Oberst, das Hin­der­nis be­steht dar­in, dass Mr. Rol­ling vor­läu­fig noch kein Äqui­va­lent für sei­ne Aus­ga­ben sieht!«

»Was für ein Äqui­va­lent?« frag­te der Oberst.

»6850 Ton­nen Senf­gas aus Ae­ro­pla­nen über die­se Städ­te zu ent­la­den, macht Mr. Rol­ling kei­ner­lei Schwie­rig­kei­ten, aber hier­zu wird man ge­wis­se Aus­ga­ben be­strei­ten müs­sen. Krieg kos­tet doch Geld, nicht wahr? Und in die­sen Vor­schlä­gen sieht Mr. Rol­ling vor­läu­fig nichts als Aus­ga­ben al­lein. Aber das Äqui­va­lent, den Ge­winn die­ses Un­ter­neh­mens, dar­auf wur­de in al­len die­sen Vor­schlä­gen durch einen är­ger­li­chen Zu­fall ver­ges­sen …«

»Aber das ist doch so klar, dass man dar­über kaum ein Wort ver­lie­ren braucht … Die Ein­nah­men … ko­los­sa­le Ein­nah­men für je­den, der Russ­land sei­ne ge­setz­mä­ßi­ge Re­gie­rung wie­der­gibt – Gold­ber­ge wer­den die­se Men­schen be­kom­men, die das zu­we­ge brin­gen …«

Wie ein Ad­ler rich­te­te der Oberst sei­nen Blick von un­ten auf den Se­kre­tär – »aha … also auch die Ein­nah­men muss man an­füh­ren?«

»Ganz ge­nau so­gar, mit Zif­fern be­legt, links die Pas­si­ven, rechts die Ak­ti­ven, dann einen Strich un­ter die gan­ze Sa­che und die Dif­fe­renz, mit ei­nem Plus­zei­chen ver­se­hen: se­hen Sie, die könn­te Mr. Rol­ling al­len­falls in­ter­es­sie­ren!«

»Aha!« sag­te der Oberst schnau­bend, dreh­te den stau­bi­gen Hut in der Hand her­um und ging zur Tür.

»Gut – er braucht ein Äqui­va­lent, nun so will ich ihm auch das Äqui­va­lent vor­rech­nen!«

14.

Kaum war der Oberst fort­ge­gan­gen, als in der Ein­gangs­tür die pro­tes­tie­ren­de Stim­me des Boys hör­bar wur­de. Eine an­de­re Stim­me er­klär­te, den Jun­gen möge der Teu­fel ho­len – und im nächs­ten Au­gen­blick er­schi­en vor dem Se­kre­tär mit auf­ge­knöpf­tem Man­tel, in der Hand Hut und Stock, im Mund eine an­ge­kau­te Zi­gar­re – Sem­jo­now.

»Gu­ten Mor­gen, Freund­chen«, sag­te er ei­lig zu dem Se­kre­tär und warf Hut und Stock auf den Tisch –, »las­sen Sie mich au­ßer der Rei­hen­fol­ge zu dem ›Kö­nig‹ vor!«

Der gol­de­ne Blei­stift des Se­kre­tärs blieb in der Luft hän­gen:

»Aber Mr. Rol­ling ist heu­te be­son­ders in­ten­siv be­schäf­tigt!«

»Ach, Freund­chen, Un­sinn … In mei­nem Auto un­ten war­tet ein Mann, der eben aus War­schau an­ge­kom­men ist … Sa­gen Sie Rol­ling, wir kom­men in An­ge­le­gen­heit Ga­rin!«

Die Au­gen­brau­en des Se­kre­tärs flo­gen nach oben. Mit sei­nen Lack­schu­hen den Tep­pich kaum be­rüh­rend, trat er durch die Nuss­tür bei Rol­ling ein.

Zwei Zehn­tel der war­ten­den Leu­te er­ho­ben sich, hiel­ten den Atem an – dann setz­ten sie sich wie­der auf ihre Le­der­ses­sel. Fast so­fort dar­auf glitt der Se­kre­tär wie­der aus Rol­lings Zim­mer. Mit noch hö­her ge­zo­ge­nen Au­gen­brau­en lief er in leich­tem Trab über den Tep­pich, rief Sem­jo­now und führ­te ihn durch die Nuss­tür. Erst dann nahm er aus sei­ner Sei­ten­ta­sche sein sei­de­nes Ta­schen­tuch und führ­te es an die Lip­pen.

Sem­jo­now blieb ge­gen­über dem che­mi­schen Kö­nig Rol­ling ste­hen. Er zeig­te kei­ner­lei An­zei­chen be­son­de­rer Auf­re­gung, ers­tens weil er eine ge­bo­re­ne La­kai­en­na­tur war und zwei­tens, weil ihn in die­ser Mi­nu­te der ›Kö­nig‹ nö­ti­ger hat­te, als er ihn.

Rol­ling durch­bohr­te ihn mit sei­nen grü­nen Au­gen. Auch da­durch nicht ein­ge­schüch­tert, setz­te sich Sem­jo­now ihm ge­gen­über auf der an­de­ren Sei­te an den grü­nen Tisch.

Rol­ling sag­te:

»Nun?«

»Die Sa­che ist ge­macht!«

»Die Zeich­nun­gen?«

»Wis­sen Sie, Rol­ling, da ist ein Irr­tum un­ter­lau­fen …«

»Ich fra­ge: Wo sind die Zeich­nun­gen? Ich sehe sie nicht!« press­te er grau­sam zwi­schen den Zäh­nen her­vor und schlug mit der Hand­flä­che drei­mal auf den Tisch.

»Hö­ren Sie mich an, Rol­ling! Wir ha­ben ver­ein­bart, dass ich Ih­nen nicht nur die Zeich­nun­gen al­lein ver­schaf­fen wer­de, son­dern auch den Ap­pa­rat selbst … Ich habe ko­los­sal viel un­ter­nom­men … ich habe die Leu­te aus­fin­dig ge­macht … sie nach Pe­ters­burg ge­schickt … sie sind in das La­bo­ra­to­ri­um Ga­rins ein­ge­drun­gen. Sie ha­ben die Tä­tig­keit des Ap­pa­ra­tes be­ob­ach­ten kön­nen … Aber dann, ver­dammt noch mal, ist et­was da­zwi­schen ge­kom­men … Ers­tens er­wies es sich, dass es zwei Ga­rins gibt …!«

»Das habe ich von al­lem An­fang an ver­mu­tet!« sag­te Rol­ling an­ge­wi­dert.

»Es ist uns ge­lun­gen, einen von den bei­den zu be­sei­ti­gen …«

»Er­mor­det?«

»Wenn Sie wol­len – ja, so et­was ähn­li­ches … Je­den­falls ist er tot. Sie brau­chen sich des­halb nicht zu be­un­ru­hi­gen. Die Li­qui­da­ti­on die­ser Sa­che ging in Pe­ters­burg vor sich, er war rus­si­scher Un­ter­tan … kurz: eine Lap­pa­lie … Aber dann ist sein Dop­pel­gän­ger auf­ge­taucht … wir mach­ten un­ge­heu­re An­stren­gun­gen …«

»Kurzum: der Dop­pel­gän­ger – oder Ga­rin selbst – lebt, und Sie ha­ben mir we­der die Zeich­nun­gen noch den Ap­pa­rat selbst ver­schafft, trotz der von mir hier­zu auf­ge­wende­ten großen Gel­der!!« un­ter­brach ihn Rol­ling schroff.

»Wenn Sie wol­len, rufe ich Sta­sij Ti­klins­ky – er sitzt un­ten im Auto – er ist selbst an der großen Sa­che per­sön­lich be­tei­ligt und kann Ih­nen aus­führ­lich be­rich­ten …«

»Ich wün­sche kei­nen Ti­klins­ky ken­nen zu ler­nen – ich wün­sche die Zeich­nun­gen und den Ap­pa­rat zu be­sit­zen … ich stau­ne über Ihre Ver­we­gen­heit, so ohne wei­te­res mit lee­ren Hän­den vor mir zu er­schei­nen …«

Trotz der Käl­te die­ser Wor­te – von der un­ge­fäh­ren Tem­pe­ra­tur des in­ter­pla­ne­ta­ri­schen Rau­mes – trotz­dem Rol­ling auf­ge­hört hat­te zu spre­chen, trotz­dem er der­art über­zeu­gend und ver­nich­tend auf den grin­di­gen Rus­sen blick­te, was be­deu­ten soll­te, er möge so rasch als mög­lich spur­los ver­schwin­den – blin­zel­te ihm Sem­jo­now zu, steck­te die an­ge­kau­te Zi­gar­re in den Mund und sag­te leb­haft:

»Wenn Sie nicht wün­schen, Ti­klins­ky zu se­hen – sol­len Sie ihn nicht se­hen. Sie kom­men da­mit nur um ein klei­nes Ver­gnü­gen. Aber es han­delt sich noch um et­was: ich brau­che Geld. Rol­ling, un­ge­fähr zwan­zig­tau­send Fran­cs. Wol­len Sie mir einen Scheck ge­ben – oder Bar­geld?«

Trotz sei­ner rie­si­gen Er­fah­rung und Men­schen­kennt­nis war Rol­ling eine der­ar­ti­ge Un­ver­schämt­heit zum ers­ten Male im Le­ben be­geg­net. Rol­ling trat so­gar so et­was ähn­li­ches wie ein ge­lin­der Schweiß auf die flei­schi­ge Nase, ei­ner der­ar­ti­gen Selbst­be­herr­schung be­durf­te er, um Sem­jo­now nicht das Tin­ten­fass in die Fres­se zu wer­fen. Ab­ge­se­hen da­von, wie vie­le kost­ba­re Se­kun­den Ge­dan­ken­ar­beit à fünf­zig­tau­send Dol­lar durch die­ses nutz­lo­se Ge­spräch ver­geu­det wor­den wa­ren. Sich be­herr­schend, wand­te er sich je­doch um, woll­te auf den Knopf der elek­tri­schen Klin­gel drücken.

Sem­jo­now, der mit den Au­gen sei­ner Hand ge­folgt war, sag­te:

»Es han­delt sich näm­lich um fol­gen­des, teu­rer Mr. Rol­ling: In­ge­nieur Ga­rin ist ge­gen­wär­tig in Pa­ris!!«

15.

Rol­ling sprang auf, sei­ne Na­sen­flü­gel beb­ten, zwi­schen den Au­gen­brau­en schwoll eine Ader. Er lief zur Tür, ver­sperr­te sie mit dem Schlüs­sel, dann trat er ganz nahe vor Sem­jo­now, pack­te die Leh­ne des Ses­sels, klam­mer­te sich mit der an­de­ren Hand an den Tisch­rand und beug­te sich tief über das Ge­sicht Sem­jo­nows:

»Sie lü­gen!!«

»Wa­rum soll­te ich denn lü­gen? Die Sa­che war so: Sta­sij Ti­klins­ky ist die­sem Dop­pel­gän­ger Ga­rins auf dem Post­amt in Pe­ters­burg be­geg­net, eben, als er ein Te­le­gramm auf­gab … Er merk­te sich die Adres­se: Pa­ris, Bou­le­vard Ba­ti­gnol­le. Ges­tern kam Ti­klins­ky aus War­schau hier an, so­fort lie­fen wir auf den Bou­le­vard Ba­ti­gnol­le, stie­ßen im Café Nase an Nase – mit Ga­rin zu­sam­men – oder sei­nem Dop­pel­gän­ger, der Teu­fel kennt sich da aus …«

Rol­lings Au­gen kro­chen über das mit Som­mer­spros­sen be­deck­te Ge­sicht Sem­jo­nows. Dann rich­te­te er sich auf und hei­ßer Atem press­te sich aus sei­nen Lun­gen:

»Sie ha­ben die Si­tua­ti­on glän­zend durch­schaut, dass Sie sich so sehr be­wusst sind, dass wir uns nicht in So­wjet­russ­land, son­dern in Pa­ris be­fin­den«, sag­te er, »wenn Sie ein Ver­bre­chen be­ge­hen, wer­de ich Sie nicht vor der Guil­lo­ti­ne ret­ten, aber wenn Sie ver­su­chen soll­ten, mich zu be­trü­gen, wer­de ich Sie nie­der­tre­ten …«

Er kehr­te auf sei­nen Platz zu­rück und öff­ne­te an­ge­ekelt sein Scheck­buch:

»Zwan­zig­tau­send gebe ich nicht – fünf wer­den ge­nü­gen!«