Geheimsache Luther - Birte Jacobs - E-Book

Geheimsache Luther E-Book

Birte Jacobs

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Beschreibung

Mit Luthers Thesen verändert sich die Welt. Im Land gärt es. Der Reichstag in Worms 1521 soll Klarheit bringen. Inmitten dieser turbulenten Zeit begegnen sich in Worms zwei junge Frauen: Mara, eine Christin von ungeklärter Herkunft, welche Speyer verlassen hat nachdem sie zur heimlichen Mitwisserin eines geplanten Mordanschlages auf Luther wird und Nahel, eine Jüdin, die nach einem Pogrom gegen die Juden in Regensburg fliehen musste und nun ihre jüdische Identität aus Angst vor neuer Verfolgung leugnet. Obwohl beide Frauen langsam lernen einander zu vertrauen, bleibt ein Rest von Misstrauen. Nahel fühlt sich zu dem Buchhändler Christo hingezogen, glaubt aber er würde sie als Jüdin verstoßen. Mara hingegen versucht Luther vor dem geplanten Anschlag zu schützen. Hilfe erhält Sie dabei von dem jungen Novizen Eckbert, für den das alles bloß ein großes Abenteuer ist. Ihre Nachforschungen bleiben nicht lange geheim und Mara gerät selbst in tödliche Gefahr.

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Seitenzahl: 463

Veröffentlichungsjahr: 2013

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Inhaltsverzeichnis
Vorwort
Das Buch
Die Autorin
Impressum
Widmung
Plan der Freien Stadt Worms
Prolog
1. Kapitel: Speyer im Jahr des Herrn 1515
2. Kapitel: Cordoba im Jahr des Herrn 1515
3. Kapitel: Speyer im Jahr des Herrn 1519
4. Kapitel: Regensburg im Jahr des Herrn 1519
5. Kapitel: Speyer im Jahr des Herrn 1521
6. Kapitel: Worms Anfang März im Jahr des Herrn 1521
7. Kapitel: Speyer Anfang März im Jahr des Herrn 1521
8. Kapitel: Worms im April im Jahr des Herrn 1521
9. Kapitel: Worms vor Luthers Anhörung im April im Jahr des Herrn 1521
10. Kapitel: Zur gleichen Zeit im Bischofspalast und Johanniterhof
11. Kapitel: Die Nacht vor Luthers Anhörung April im Jahr des Herrn 1521
12. Kapitel: Der Tag der Anhörung von Luther vor dem Reichstag
13. Kapitel: Entscheidung in Worms April im Jahre des Herrn 1521
14. Kapitel: Der Kreis schließt sich, Speyer Anfang Mai im Jahre des Herrn 1521
Danksagung

Vorwort

Die Zeit der Reformation war eine Zeit der Veränderungen.

Die Menschen mussten sich mit neuen Ansichten auseinandersetzen, was für viele nicht ganz einfach war.

Als Autorin habe ich versucht die historischen Gegebenheiten so genau wie möglich wiederzugeben. Sollten sich trotzdem Fehler eingeschlichen haben, so bitte ich dies zu entschuldigen.

Das Buch

Mit Luthers Thesen verändert sich die Welt. Im Land gärt es. Der Reichstag in Worms 1521 soll Klarheit bringen.

Inmitten dieser turbulenten Zeit begegnen sich in Worms zwei junge Frauen: Mara, eine Christin von ungeklärter Herkunft, welche Speyer verlassen hat, nachdem sie zur heimlichen Mitwisserin eines geplanten Mordanschlages auf Luther wird und Nahel, eine Jüdin, die nach einem Pogrom gegen die Juden in Regensburg fliehen musste und nun ihre jüdische Identität aus Angst vor neuer Verfolgung leugnet.

Beide Frauen freunden sich an. Aber können sie einander vertrauen? Nahel fühlt sich zu dem Buchhändler Christo hingezogen, glaubt aber, er würde sie als Jüdin verachten. Mara hingegen versucht mit aller Macht Luther vor dem geplanten Anschlag zu schützen. Hilfe erhält Sie dabei von dem jungen Novizen Eckbert, für den das alles ein großes Abenteuer ist.

Ihre Nachforschungen bleiben jedoch nicht geheim und Mara gerät selbst in tödliche Gefahr.

Die Autorin

Birte Jacobs wurde 1964 in Speyer geboren. Nach einem abgeschlossenen Studium der Betriebswirtschaft arbeitete sie lange bei einer Bank, bis sie sich entschloss ihr Hobby zum Beruf zu machen. Die Autorin lebt mit ihrer Familie in Speyer. Geheimsache Luther ist ihr erster Roman.

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://www.d-nb.de abrufbar.

Birte Jacobs, Geheimsache Luther

Der Kleine Buch Verlag, Karlsruhe

Alle Rechte vorbehalten.

Verfielfältigung, auch auszugsweise,

ohne Genehmigung des Verlags nicht gestattet.

© Der Kleine Buch Verlag, Karlsruhe

1. Auflage Print Oktober 2012

Lektorat: PUNKTUM, Sandra Nagel

2. Auflage Print Juni 2013

Korrektorat: Lutz Brien

Redaktion, Satz, Umschlagfotos und -gestaltung: Sonia Lauinger

Umschlagfoto hinten: Fenster im Dom zu Speyer

Edition E-Book Juli 2013

Konvertierung und Formatierung: Angela Hahn

ISBN 13: 978-3-942637-30-5

www.derkleinebuchverlag.de

Für meinen Vater.

Plan der Freien Stadt Worms

Quelle: Mit freundlicher Genehmigung des STADTARCHIV WORMS

Prolog

„Komm!“, sagte die Mutter und schritt zügig aus.

Weinend blickte das Mädchen zurück zu dem gemütlichen Haus, welches ihr in den letzten neun Jahren Heimat gewesen war.

Aber es gab kein Zurück für sie. Die Frau, die behauptete ihre Mutter zu sein, zog die Kleine unerbittlich vorwärts.

Weg von allem, was ihr lieb und gewohnt war, hin in Richtung der fremden und kalten Stadt, die von nun an ihr Zuhause sein sollte. Bald ragten die Türme des mächtigen Doms in der Ferne in den mit dunklen Wolken verhangenen Himmel. Ein kalter Windstoß ließ die Kleine frösteln. Mara spürte, in dieser Stadt würde sich ihr Schicksal entscheiden.

1. Kapitel

Speyer im Jahr des Herrn 1515

Am frühen Morgen hatte Mara zusammen mit der Mutter den Hof ihrer Tante verlassen.

Dort hatte sie eine glückliche Zeit verbracht. Ihre Mutter war Mara fremd. Sie verdiente in der Stadt das Geld und hatte sich bisher wenig um ihr Kind gekümmert.

Am vergangenen Abend war die Mutter unverhofft auf dem Hof aufgetaucht und hatte erklärt, Mara würde von nun an bei ihr in der Stadt leben. Die Tante hatte bei dieser Mitteilung geweint, doch das konnte Maras Mutter nicht umstimmen.

Nun waren sie seit einigen Stunden auf dem Weg in eine ungewisse Zukunft. Mara hatte es aufgegeben, auf die Umgebung zu achten. Der Weg war trocken, staubig und durch unzählige Karrenspuren uneben. Mit gesenktem Kopf stolperte Mara hinter ihrer Mutter her. Ihr taten die Füße weh, außerdem hatte sie Hunger. Doch sie wagte es nicht sich zu beklagen. Zu groß war ihre Angst vor der unbekannten Mutter.

In Sichtweite der mächtigen Stadtmauern, welche die freie Reichsstadt Speyer umgaben, machten sie endlich Rast. Zum ersten Mal, seit sie Mara abgeholt hatte, nahm sich die Mutter Zeit, die Kleine näher zu betrachten. Was sie sah, stimmte sie nicht gerade froh. Mara war für ihr Alter groß und schlank.

Sie trug einen schäbigen grauen Kittel, welcher schon bessere Tage gesehen hatte und der ihr etwas zu kurz war. Ihre Arme und Beine waren von der Sonne gebräunt. Mara war diese erste ausführliche Begutachtung unangenehm.

Sie scharrte verlegen mit ihren nackten Füßen im trockenen Gras und hielt den Blick gesenkt. Eine Fülle bernsteinfarbiger Locken fiel ihr dabei ungebändigt ins Gesicht. Nachdem die Mutter sie einige Zeit von allen Seiten begutachtet hatte, legte sie Mara grob die Hand unter das Kinn und zwang sie den Blick zu heben.

Mara war diese Berührung unangenehm. Die Hand fühlte sich rau und kalt an und der Griff war hart und fest. Er gab Mara einen Vorgeschmack darauf, was sie in Zukunft erwartete.

Erstaunt musterte die Mutter Maras Gesicht. Die intensiven smaragdgrünen Augen begegneten ihrem Blick wachsam, jedoch ohne Furcht. In diesem Moment spürte sie zum ersten Mal Maras starken Willen.

Die Mutter drückte Mara ein Stück hartes Brot und etwas Käse in die Hand. Mara setzte sich damit ins Gras am Wegesrand und begann hungrig zu kauen. Plötzlich sprach ihre Mutter sie mit rauer Stimme an. Bisher hatte sie mit Mara nur einige Worte gewechselt. Erstaunt sah Mara deshalb auf.

„Was ich dir jetzt sage, sage ich dir nur einmal“, begann die Mutter mit spröder Stimme. „Du wirst mich in Zukunft Mutter nennen. Ich habe meinen Nachbarn erzählt, dass es mir aufgrund meiner Arbeit bisher nicht möglich war, mich um dich zu kümmern. Deshalb hast du bisher bei meiner Schwester gelebt. Jetzt habe ich dich geholt, damit du mir bei der Arbeit hilfst. Wage es nicht, irgendwem irgendetwas anderes zu erzählen.“

Der Blick der Mutter war drohend. Mara nickte eingeschüchtert. „Mutter“ sollte sie diese Frau nennen. Sie kannte sie ja kaum. Von einer Mutter hatte Mara eine ganz andere Vorstellung. Während sie noch darüber nachdachte, wie sie diese Anrede umgehen könnte, sprach ihre Mutter weiter: „Du wirst in Zukunft in einer Stadt leben. Da geht es anders zu als im Dorf. Dort herrschen andere Sitten. Nur wer Geld hat ist in der Stadt etwas wert. Du und ich, wir stehen ganz unten.

Wir erhalten den gerechten Lohn erst im Jenseits. Deshalb ist es wichtig, zu beten und sich an die Gebote der Kirche zu halten.

Hast du das verstanden?“

Die Mutter sah Mara eindringlich an. So ganz klar war Mara nicht, was die Mutter ihr damit sagen wollte. Doch sie wusste, dass Beten oftmals helfen konnte. Die Tante hatte jeden Abend gebetet. Meist um Gesundheit für Mensch und Vieh. Mara beschloss, auch in Zukunft um Gesundheit zu beten und dafür, dass es in der Stadt eine Möglichkeit gab, lesen und schreiben zu lernen.

„Mutter“,zaghaft sprach sie ihre Mutter an. „Die Tante hat mir einmal erzählt, in der Stadt dürften auch Mädchen zur Schule gehen und ich würde so gern lesen und schreiben lernen.“

Erwartungsvoll sah Mara ihre Mutter an. Der Ausbruch traf sie deshalb völlig unvorbereitet. Ihre Mutter packte sie grob am Oberarm und schüttelte sie heftig.

„Was glaubst du eigentlich, wer du bist?“, fing die Mutter mit sich überschlagender Stimme an, laut zu schreien. „Ein nichtsnutziger Balg bist du und ein unnötiger Esser, den ich die nächsten Jahre am Hals habe. Hast du eine Ahnung wie schwer es ist, in einer Stadt wie Speyer zu überleben? Natürlich nicht, du hattest bisher ja alles im Überfluss!“

Erschrocken über die harten Worte entwich Mara leise eine Träne. Ihr Arm tat vom festen Zupacken weh und sie verstand nicht, warum ihre Mutter so verärgert war. Doch die Mutter war noch nicht am Ende:

„Lass dir gesagt sein, früher, zu Zeiten der Salier, war die Stadt reich und mächtig, doch heute ist der größte Glanz dahin.

Nicht mehr der König hat in der Stadt das Sagen, sondern die Kirche, unterstützt von den reichen Kaufleuten. Glaubst du im Ernst, jemand hat Interesse daran, armen Mädchen den Zugang zu Wissen zu eröffnen? Oder willst du Nonne werden? Selbst das ist ohne Geld nicht möglich. Schlag dir also solchen Unsinn wie Lesen und Schreiben ganz schnell aus dem Kopf. Ich will nie wieder etwas davonhören.“

Nach diesen Worten holte Maras Mutter erst einmal tief Luft. Sie bedachte das schniefende Kind mit einem bösen Blick.

Dann zog sie Mara weiter in Richtung der bereits in Sichtweite liegenden mächtigen Stadtmauer.

Kurze Zeit später gelangten die beiden durch eines der großen Stadttore in der Nähe des Doms ins Innere von Speyer.

Mara sah sich erstaunt und neugierig um. So viele Menschen hatte sie noch nie zuvor gesehen. Es gab Händler mit ihren Waren, Dienstmädchen mit schweren Einkaufskörben, Mönche in verschiedenen Kutten, Pastetenverkäufer und unzählige Dirnen und Bettler. Die Luft war angefüllt vom Lärm und den unterschiedlichsten Gerüchen. Mara konnte sich kaum sattsehen. Vor allem die reichen Kaufmannsfrauen in ihren prächtigen Kleidern hatten es Mara angetan. Zu gern hätte sie das ein oder andere Kleid einmal angefasst. Sie streckte bereits die Hand nach einem besonders prächtigen Stoff aus. Doch ihre Mutter ließ Mara keine Zeit dazu. Unerbittlich zog sie Mara durch das Menschengewühl. Nur vor den Stufen des mächtigen Doms blieb sie kurz stehen und verwies Mara noch einmal darauf, regelmäßig den Gottesdienst zu besuchen. Mara nickte pflichtschuldig. Allerdings hatte sie trotz ihres jungen Alters bereits einige Zweifel, was die Aussagen der Kirche betrafen.

Diese Meinung behielt sie wohlweislich für sich.

An der Hand der Mutter überquerte sie den lebhaften Marktplatz, welcher ihr mit seinen vielen Buden und Ständen wie das diesseitige Paradies vorkam. Sie folgte der Mutter durch die Gassen in eines der ärmlichen Viertel der großen Stadt.

Hier war nichts mehr von Pracht und Reichtum zu bemerken.

Dicht an dicht standen die ärmlichen und oft auch schon halbverfallenen Holzhütten der Bewohner. Schmutzige Kinder in zerschlissenen Kitteln lärmten in der Gasse oder rauften sich im Staub mit kläffenden Hunden. Einige magere Schweine suhlten sich in schmutzigen Pfützen. Es roch nach sauerem Kohl und Abfällen. Erschrocken sah Mara sich um. So hatte sie sich ihr zukünftiges Leben nicht vorgestellt. Langsam begann sie zu ahnen, wie gut es ihr bisher ergangen war.

Fast am Ende der schmalen schmutzigen Gasse blieb die Mutter vor einer kleinen armseligen Hütte stehen. Sie stieß eine verzogene alte Holztür auf und schubste Mara über die Schwelle in ihr neues Zuhause.

Trotz ihrer Beklemmung sah sich Mara neugierig in dem einzigen kleinen und dämmrigen Raum um. Durch die offene Tür und das winzige Fenster, welches mit einigen alten Stoffresten notdürftig verhängt war, fiel nur wenig Licht in das Innere der Hütte. Unter dem Fenster lag ein alter Strohsack mit einigen zerschlissenen Decken, deren bunte Farben schon lange verblasst waren. Mara nahm an, dass dies das Bett ihrer Mutter war. Die Wand gegenüber der Tür nahm zum größten Teil eine gemauerte Feuerstelle ein. Von der Decke über der erkalteten Glut hing ein rußiger, alter Kessel an einer rostigen Kette. Auf einem Regal an der Wand neben dem Herd standen einige Teller und Becher aus billigem Ton. Mara fiel eine massive Holztruhe auf, die mit ihren Verzierungen und den polierten Beschlägen in dieser ärmlichen Umgebung seltsam wirkte. Vermutlich war darin die restliche Habe der Mutter verstaut.

Ansonsten gab es im Raum nur noch einen alten Holztisch und drei Hocker. Beim Anblick der Armut wurde Maras Angst um ihre Zukunft immer größer und sie musste heftig schlucken.

Die Mutter ließ ihr keine weitere Zeit zum Nachdenken. Mit harter Stimme erklärte sie ihr:

„Mädchen wie du sind oft nachlässig bei ihren Pflichten.

Deshalb höre mir genau zu, was ich jetzt sage. Ich werde es dir kein zweites Mal erklären.“

„Ja Mutter“, kam es leise von Mara. Sie nahm sich vor, alles zu behalten, um ja in Zukunft keinen Fehler zu machen.

„Also, sei dir darüber im Klaren, dass ich weder Verständnis für Tagträumereien noch für irgendwelche Ausreden habe. Du bekommst von mir jeden Morgen, bevor ich das Haus verlasse, deine Arbeiten aufgetragen und ich erwarte, dass diese bei meiner Rückkehr erledigt sind. Wage es nicht, die Zeit unnütz zu vertrödeln oder dich in der Stadt herumzutreiben. Ich würde es herausfinden und dich entsprechend bestrafen. Sollten die Arbeiten nicht zu meiner Zufriedenheit erledigt sein, erhältst du kein Abendessen. Denn nur wer arbeitet, soll auch essen. So steht es in der Bibel. Hast du alles verstanden?“

Die Mutter musterte Mara mit zusammengekniffenen Augen. Mara nickte heftig mit dem Kopf. Es war ihr nicht möglich zu antworten. In ihrem Hals saß ein dicker Kloß, die pure Angst. Sie überlegte erschrocken, ob ihre Mutter vielleicht insgeheim beabsichtigte sie langsam verhungern zu lassen, nur um sie loszuwerden?

„Ansonsten musst du nicht viel mehr über mich wissen“, sprach die Mutter weiter. „Nur, dass ich mein Geld damit verdiene, dass ich für die Beginen im Konvent in der Vorstadt die Wäsche wasche und auch sonst ab und zu dort aushelfe. Manchmal kann ich auch für die eine oder andere Kaufmannsfamilie in der Stadt waschen. Nicht gerade die beste Arbeit, ewig im eiskalten Wasser zu stehen – geht einem ganz schön in die Knochen. Man muss eben nehmen, was sich bietet.

Nun zu deinen Pflichten. Du kümmerst dich um die Hütte.

Damit meine ich fegen, putzen, einkaufen und auch kochen.

Ich erwarte am Abend etwas zu essen auf dem Tisch. Wenn du älter bist, wirst du mir bei der Wäsche helfen. So, das wäre es vorerst. Ich muss mich heute doppelt ranhalten. Durch deine Trödelei auf dem Weg hierher habe ich viel Zeit verloren und bin mit meiner Arbeit im Rückstand.“

Nach dieser barschen Erklärung packte die Mutter ein Bündel Wäsche, das in einer Ecke der Hütte lag. Bevor sie den Raum verließ, drückte sie Mara einen alten abgenutzten Reisigbesen in die Hand und trug ihr auf, den Boden zu fegen, Feuer im Herd zu machen und den Tisch zu decken.

Die Mutter hatte die Hütte verlassen. Mara stand mit dem Besen in der Hand angstvoll da. Tränen der Verzweiflung liefen ihr über das Gesicht. Sie wollte nur noch eines, schnell weg von hier, zurück zu ihrer Tante. Doch Mara wusste, das war nicht möglich. Sie musste hier bleiben. Vorerst zumindest.

Die erste Zeit hatte Mara Schwierigkeiten sich einzuleben.

Die Stadt erschien ihr groß und kalt. Die vielen Häuser und die engen Gassen verwirrten das Mädchen. Das Stadtbild wurde von den vielen Klöstern und Kirchen, allen voran dem mächtigen Dom, geprägt. Die Kirche teilte sich die Macht mit dem Rat der Stadt. Es gab nur wenige reiche Bürger. Die Mehrheit bestand aus Handwerkern, die in den vielen Zünften organisiert waren und so ein gewisses Maß an Sicherheit hatten. Menschen wie Mara und ihre Mutter standen ziemlich unten auf der Stufe der Gesellschaft.

Sie mussten jeden Tag aufs Neue um ihr Überleben kämpfen. Und doch ging es ihnen besser als den vielen Bettlern und Straßenkindern, die jeden Tag die Straßen und Plätze vor den Kirchen und Klöstern bevölkerten. Zwar gab es für Bettler wie auch für die anderen Armen die Möglichkeit der kostenlosen Armenspeisung in einem der vielen Klöster der Stadt. Dort erhielten die Menschen einmal am Tag eine Schale mit nahrhaftem Eintopf sowie eine Scheibe altes Brot und einen Becher mit dünnem Bier.

Viele der Armen nahmen diese Möglichkeit in Anspruch, um wenigstens einmal am Tag einigermaßen satt zu werden. Manche der Bettler waren jedoch zu stolz für diese Armenspeisung. Sie sahen ihre Bettelei als eine Art von Arbeit an. Die Menschen in dieser Zeit waren der Meinung, alles im Leben sei von Gott bestimmt, auch die Armut. Aus diesem Grund fühlten sich die Reichen dazu verpflichtet, den Armen Almosen zu geben, um sich so einen Platz im Jenseits zu sichern.

In den ersten Wochen in Speyer war Mara oft sich selbst überlassen. Die Mutter hatte ihr deutlich klargemacht, dass sie Mara nur ungern aufgenommen hatte. Deshalb hoffte Mara, wenn sie die ihr aufgetragenen Aufgaben gewissenhaft erledigte, würde ihre Mutter mit der Zeit freundlicher zu ihr sein. Doch der Tag war lang und die wenigen Aufgaben füllten ihn nicht aus. Eine dieser Aufgaben war Wasser vom Brunnen zu holen.

Im Viertel gab es mehrere Brunnen. Der nächste lag ein Stück die Gasse hinunter.

Bis dorthin traute sich Mara bald schon alleine zu gehen, obwohl ihr die Nachbarn ringsum etwas Angst machten. Genau wie ihre Mutter lebten alle Bewohner der schmutzigen Gasse in mehr oder weniger baufälligen Hütten. Die Männer hatten oft keine Arbeit oder vertranken den mageren Verdienst in einem der unzähligen billigen Gasthäuser. Die Frauen versuchten mit verschiedenen Gelegenheitsarbeiten die Familie zu ernähren. Es gab in dieser Gegend viele Kinder, trotz der Armut oder gerade aufgrund dessen, die lärmend die ungepflasterten Gassen bevölkerten und vor denen sich Mara fürchtete und sich oft auch versteckte.

Die Stadtkinder dagegen verspotteten Mara als Landei und Dummchen und machten sich über ihre armselige Kleidung lustig. Manche Frauen in der Nachbarschaft dagegen hatten Mitleid mit Mara. Es tat ihnen leid, wie die Mutter mit Mara umging.

An diesem sonnigen Morgen war Mara wie jeden Tag auf dem Weg zum Brunnen, um frisches Wasser zu holen. Als sie dort ankam, hatten sich schon einige Frauen aus der Nachbarschaft versammelt. Während sie ihre großen Krüge und Eimer füllten, tauschten die Frauen eifrig den neuesten Klatsch der Stadt aus.

Es ging wie meistens um die Ehemänner aus dem Viertel und um Arbeitsmöglichkeiten. Doch heute war das wesentliche Thema die ungewollte Schwangerschaft einer Frau, die Mara nicht kannte. Sie hörte dem Geschwätz der Frauen deshalb ziemlich gelangweilt zu und hoffte, bald an die Reihe zu kommen, um ihren Krug zu füllen.

Es war für Mara jedes Mal schwierig, sich durch die tratschenden Frauen den Weg zum Brunnen und zurück zu erkämpfen. Gerade als sich Mara mit dem vollen schweren Wasserkrug den Weg zurückbahnte, erhielt sie unvermittelt einen heftigen Stoß in die Seite. Eine dicke Dienstmagd drängte sich rücksichtslos mit ihrem Eimer durch die Frauen, um an das Wasser zu gelangen. Mara verlor augenblicklich das Gleichgewicht und fiel mit dem vollen Krug in den Straßenstaub.

Leicht benommen blieb sie einen kurzen Moment am Boden sitzen. Keine der Frauen nahm Notiz von ihr. Kaum war sie aufgestanden, da bemerkte Mara das Unheil. Der Krug war zerbrochen und das Wasser hatte sich bereits im Straßenstaub verteilt. Angesichts der Scherben bekam Mara Angst. Sie konnte unmöglich ohne Wasserkrug nach Hause kommen.

Was würde ihre Mutter dazu sagen? Es war der einzige Krug, den sie hatten. Zwar war er alt und bereits an einigen Stellen angeschlagen, doch er erfüllte seinen Zweck. Ratlos starrte Mara auf die Scherben am Boden. Ihre Augen füllten sich mit großen Tränen, die ihr langsam über die Wangen liefen. Leise begann sie zu schluchzen.

In diesem Moment spürte Mara ein Ziehen an ihrem Kleid.

Sie drehte sich um und sah sich einem etwa gleichaltrigen Mädchen gegenüber. Die Kleine hatte zwei strohblonde Zöpfe, die ihr ordentlich geflochten über den Rücken hingen. Ihr Kittel war relativ sauber, genauso das Gesicht und ihre Hände. Mit strahlenden blauen Augen und einem leicht frechen Grinsen sah das Mädchen Mara an.

„Wie geht’s“, fragte die Kleine. „Ich bin Liesje. Ich wohne dort drüben.“ Das Mädchen zeigte auf ein Haus, nicht weit entfernt. Es stand an der Ecke zu einer größeren Gasse mit weniger armseligen Hütten. Liesjes Haus war solide gebaut. Das Erdgeschoss bestand aus Steinen. Die Fenster waren groß und standen aufgrund des warmen Tages offen. Das obere Stockwerk bestand aus Holz.

„Meinem Vater gehört das Gasthaus ‚Zum goldenen Hahn‘, dort vorne. Es ist das einzige Gasthaus hier im Viertel.“

Die Kleine klang mächtig stolz, während sie ihr dies erzählte. Mara starrte sie erst einmal sprachlos an. Ihre Gedanken waren noch bei den Scherben des Kruges. Doch Liesje schien keine Antwort zu erwarten, sondern sprach munter weiter: „Ich habe dich schon öfter hier am Brunnen gesehen. Das mit deinem Krug tut mir leid. Hol doch einfach zu Hause einen anderen. Übrigens, wie heißt du eigentlich?“

Langsam fand Mara ihre Sprache wieder. Noch nie hatte sie jemanden getroffen, der so schnell so viele Sätze hintereinander von sich gab, ohne Luft zu holen.

„Ich heiße Mara und bin noch nicht lange in Speyer. Früher habe ich auf einem Hof mit vielen Tieren gelebt. Doch dann hat meine Mutter mich hierher zu sich geholt.“

„Das klingt aber nicht so begeistert“, meinte Liesje dazu.

Mara sah das Mädchen an. Ihr Gesicht war offen und ohne Falsch. Doch wie viel konnte sie ihr erzählen? Mara beschloss, erst einmal vorsichtig zu sein.

„Nun, das Leben hier ist ganz anders. Ich weiß noch nicht, ob es mir gefällt. Die Stadt ist so groß, es gibt viele Straßen und Gassen. Man kann sich leicht verirren. Ich hätte auch nie gedacht, dass in einer Stadt derart viele Menschen leben würden. Im Dorf habe ich jeden gekannt und hier kenne ich kaum jemanden.“ Die letzten Worte kamen leise.

„Du musst deshalb nicht traurig sein. Hier gibt es auch viel Interessantes zu entdecken. Wenn du willst, zeige ich dir die Stadt.“

Liesje nahm Mara an der Hand und zog sie in Richtung des Gasthauses. Die beiden Mädchen betraten durch eine breite Toreinfahrt den Hof, welcher direkt an das Gasthaus angrenzte.

Mara sah sich neugierig um. Der fast quadratisch angelegte Hof war nicht sehr groß. Der größte Teil der Fläche wurde von einem Holzschuppen eingenommen, in dem sich allerlei Gerümpel und das Brennholz stapelten. Gleich daneben befand sich die Sickergrube des Gasthauses.

Einige fette Hennen liefen auf dem Hof frei umher und versuchten die Aufmerksamkeit eines trägen Hahns zu gewinnen.

Neben der Tür, die vom Hof direkt in die Küche des Gasthauses führte, stand ein etwa 15-jähriger Junge mit wirrem dunklem Haar. In der Hand hielt er eine Axt. Seine Aufmerksamkeit war ganz auf den Holzstoß vor ihm gerichtet.

„Das ist mein Bruder Torben“, erklärte Liesje. „Er ist für das Holz des Küchenherdes verantwortlich.“

Der Junge sah kurz auf.

Liesje wies auf Mara: „Das ist Mara. Sie ist neu in der Stadt.

Ich habe sie am Brunnen getroffen.“

„Hallo“, grüßte Mara leicht verlegen.

Der Junge nickte ihr freundlich, jedoch nicht weiter interessiert zu und konzentrierte sich dann wieder auf den Holzstapel.

„Mach dir nichts draus“, meinte Liesje leise zu Mara.

„Torben hält Mädchen in unserem Alter für alberne Gänse, die von nichts eine Ahnung haben. Komm, gehen wir in die Küche. Da kannst du meine Mutter kennenlernen.“

Durch die Tür betraten die beiden Mädchen die große Küche des Gasthauses, in der rege Geschäftigkeit herrschte.

Die Mittagszeit war schon fast vorbei, trotzdem war der angrenzende Schankraum noch gut mit hungrigen Essern gefüllt.

Zwei Schankmädchen eilten mit vollen Tellern und großen Bierkrügen eilig zwischen Schankraum und Küche hin und her.

Über dem Herdfeuer brodelte in einem großen gusseisernen Topf ein würziger Eintopf. Eine mittelgroße Frau mit rundlicher Figur und Liesjes blonden Haaren stand am großen Küchentisch und schnitt gekochtes Fleisch für den Eintopf klein. Liesje ging zu der Frau und zupfte sie an der Schürze.

„Mama“, begann sie. Die Frau ließ sich jedoch beim Schneiden nicht stören. „Mama“, versuchte es Liesje noch einmal etwas lauter.

„Das ist Mara. Ich habe sie draußen am Brunnen kennengelernt. Sie wohnt noch nicht lange in Speyer.“

Die Frau hielt in ihrer Arbeit inne, sah auf und blickte Mara an, die verlegen in der Nähe der Tür stehen geblieben war.

„Hallo Mara“, sprach Liesjes Mutter sie freundlich an.„Ich bin Bella. Schön, dass Liesje eine neue Freundin hat. Sicher fühlst du dich noch etwas fremd hier in der Stadt. Aber glaube mir, das wird sich bald legen. Liesje kann dir alles zeigen.

Komm, setz dich an den Tisch. Bestimmt hast du Hunger? Du siehst ziemlich mager aus. Es ist genug da. Du musst also nicht schüchtern sein.“

Genau wie Liesje redete auch die Frau ohne Unterbrechung.

Jetzt war Mara klar, woher Liesje das hatte. Sie fühlte sich von Bella herzlich aufgenommen und nahm dankbar die Einladung zum Essen an. Mara beobachtete, während sie langsam den dicken Eintopf mit sichtlicher Begeisterung löffelte, Liesjes Mutter. Die Frau war genauso, wie Mara sich eine Mutter vorstellte. Etwas rundlich, herzlich und mit einem gütigen Lächeln im Gesicht. Bella hatte all das, was sie an ihrer eigenen Mutter schmerzlich vermisste. Mara beneidete Liesje um ihre Familie. Um den großen Bruder und die herzliche Mutter.

Nachdem ihr Teller leer war, leckte Mara genussvoll ihren Löffel ab und bedauerte innerlich, so etwas Gutes nicht jeden Tag essen zu können.

„Na, hat es dir geschmeckt?“ fragte Liesjes Mutter lächelnd, als sie den Teller abräumte.

„Wunderbar“, gab Mara begeistert zur Antwort. „Vielen Dank für das gute Essen. Jetzt muss ich aber gehen.“

„Schon?“, kam es enttäuscht von Liesje. Sie hatte gehofft, Mara noch mehr von ihrem Zuhause zeigen zu können.

„Ja. Ich muss doch noch einen Eimer finden und das Wasser vom Brunnen holen. Und heute Abend meiner Mutter die Sache mit dem Krug erklären“, antwortete Mara.

„Stimmt, der Krug. Das hätte ich ja fast vergessen. Mama, haben wir nicht einen Tonkrug übrig? Mara hat vorhin am Brunnen durch ein Missgeschick ihren Krug zerbrochen, und jetzt hat sie große Angst vor ihrer Mutter.“ Liesje sah ihre Mutter mit bittenden Kinderaugen an.

„Na ja, meinetwegen kann Mara einen von unseren alten Krügen haben“, antwortete Bella, die ihrer Tochter nur selten etwas abschlagen konnte. „Anscheinend ist ihre Mutter sehr streng, wenn sie so ein Missgeschick bestraft.“

Nachdenklich betrachtete Bella die neue Freundin von Liesje. Mara war die Sache sichtlich peinlich. Fast hätte sie den angebotenen Krug abgelehnt. Doch dann sah sie das strenge Gesicht ihrer Mutter vor sich. Ihr war klar, diese hätte kein Verständnis, sondern würde sie hart bestrafen. Liesje nahm Mara mit in einen Nebenraum. Dort standen neben großen Wein- und Bierfässern verschieden große Krüge an der Wand.

Gemeinsam wählten Liesje und Mara einen Krug aus, von dem Mara glaubte, er sähe dem zerbrochenen am ähnlichsten.

Anschließend ging Mara zurück in die Küche und bedankte sich bei Liesjes Mutter für den Krug. Danach verabschiedete sie sich.

„Du kannst gerne jederzeit wiederkommen und Liesje besuchen“, rief ihr Bella noch hinterher. „Auch zum Essen bist du uns immer willkommen. Etwas mehr Fleisch auf den Rippen würde dir gut tun, Kind. Wenn du das nächste Mal kommst, kannst du auch den Vater von Liesje kennenlernen. Mein Mann ist heute unterwegs. Er will bei den Dominikanermönchen in der Stadt einige Fässer Bier kaufen.“

Nach diesen abschließenden Worten nahm wieder der Eintopf Bellas volle Aufmerksamkeit in Anspruch. Mara und Liesje gingen zusammen zurück zum Brunnen, um den Krug zu füllen. Mittlerweile ging es schon auf den Nachmittag zu und der Brunnen lag verlassen da.

„Und, wie gefällt dir meine Familie?“ wollte Liesje neugierig wissen.

„Gut“, kam als Antwort. „Vor allem deine Mutter ist sehr nett.

Bekommt bei euch eigentlich jeder Fremde gleich etwas zu essen?“

„Kinder immer“, erklärte Liesje. „Meine Mutter füttert oft auch einige der Straßenkinder mit durch. Meinem Vater gefällt das nicht und er versucht immer wieder es ihr zu verbieten.

Aber was er nicht sieht, regt ihn nicht auf.“

Liesje lachte Mara an. Die musste einfach mitlachen. Liesjes Unbekümmertheit war ansteckend.

„Übrigens, meine Mutter hat das völlig ernst gemeint, als sie zu dir sagte, du könntest jederzeit zum Essen vorbeikommen.

Ich denke, sie mag dich. Außerdem ist sie froh, wenn ich mich mit Mädchen in meinem Alter treffe und nicht soviel bei ihr in der Küche bin und mich langweile. Nur bisher gab es hier im Viertel kein Mädchen, mit dem ich enger befreundet sein wollte. Die meisten sind entweder strohdumm oder furchtbar albern.“

Mara warf Liesje nachdenklich einen Blick von der Seite zu.

„Dann hast du im Moment keine richtige Freundin?“, fragte sie vorsichtig.

„Nein, eigentlich nicht. Bis vor ein paar Wochen war Lena, die jüngste Tochter vom Apotheker Weidner, einige Straßen weiter, meine beste Freundin. Aber als der herausfand, in welchem Viertel ich lebe, und dass meine Eltern ein Gasthaus haben, verbot er ihr den Umgang mit mir. So ist dies nun mal.

Die Kinder aus den besseren Vierteln sehen oftmals auf uns herab. Aber jetzt bist ja du da. Ich denke, wir werden richtig gute Freundinnen?“ Liesje sah Mara erwartungsvoll an.

Die wusste nicht so genau, was sie jetzt sagen sollte. Einerseits schloss sie nicht so schnell Freundschaften. Aber Liesje war sehr nett zu ihr gewesen und sie wollte sie auf keinen Fall verletzen.

Auch mochte sie Liesjes Familie und ihr war klar, dass sie einen Platz brauchte, an dem sie willkommen war. Andererseits hatte sie noch nie eine richtige Freundin gehabt und es war ihr nicht klar, was Liesje von ihrer Freundschaft erwartete. Mara beschloss deshalb, einfach ihrem Gefühl zu vertrauen und drückte Liesje fest die Hand.

„Ich freue mich, dass wir uns heute kennengelernt haben und ich hoffe auch, dass wir richtig gute Freundinnen werden.“

Mara nahm den vollen Wasserkrug vom Brunnenrand und machte sich auf den Weg nach Hause. Viel Zeit blieb ihr nicht mehr, um die aufgetragenen Arbeiten bis zur abendlichen Rückkehr der Mutter zu erledigen. Vor allem hoffte Mara, dass ihrer Mutter der ausgetauschte Krug nicht auffallen würde.

Liesje sah Mara noch eine Weile vom Brunnen aus nach.

Die ganze Zeit über hatte sie das Gefühl gehabt, irgendetwas würde Mara bedrücken. Liesje nahm sich vor, in den nächsten Wochen Mara alles in der Stadt zu zeigen und sie mit allen Straßen, Gassen und Gässchen vertraut zu machen. Vielleicht würde es ihr dadurch auch gelingen, dass Mara mehr lachte.

Liesje war ganz fest der Meinung, Mara hätte eine gute Portion Fröhlichkeit und Unbeschwertheit nötig.

In den nächsten Wochen stellte sich die Freundschaft mit Liesje für Mara als wahrer Glücksfall dar. Liesje war in Speyer geboren und aufgewachsen. Sie kannte jede Ecke der Stadt.

Außerdem war sie von Natur aus weit weniger zurückhaltend als Mara. Liesje redete gerne und viel. Durch das Gasthaus ihrer Eltern kannte sie viele Einwohner von Speyer. Die Leute grüßten sie und oft blieben sie auch stehen, um mit ihr einige Worte zu wechseln. Nach einigen Wochen in Liesjes Gesellschaft hatten die Nachbarn auch Mara anerkannt. Sie wurde von den Frauen der Nachbarschaft gegrüßt und mit der einen oder anderen Frau plauderte sie bei Gelegenheit ein wenig. Sogar die Gassenjungen hörten auf, Mara zu beleidigen, nachdem Liesje ihnen mit ihrem älteren Bruder Torben gedroht hatte. Durch die Freundschaft zu Liesje wurde Maras Leben in Speyer um einiges einfacher.

Auch die Straßen und Gassen der Stadt verloren im Laufe der Zeit ihre Bedrohung. Liesje hatte ihr Versprechen nicht vergessen und machte Mara mit der Stadt vertraut. Fast jeden Tag, wenn Mara mit ihrer Hausarbeit fertig war, lief sie zum Gasthaus, um Liesje abzuholen. Immer wenn Mara die Küche betrat, umfing sie eine geschäftige Atmosphäre. Es wurde geschnippelt, gerührt, gebraten, gedünstet. Der Geruch nach nahrhaftem Essen hing in der Luft und mitten im geschäftigen Treiben stand Liesjes Mutter Bella und gab mit ruhiger Stimme den Hilfskräften ihre Anweisungen. Meist war auch Liesje mit den anfallenden Küchenarbeiten beschäftigt, wenn Mara kam.

Bella mochte Mara und konnte ihr oftmals die Bitte, Liesje ein oder zwei Stunden freizugeben, nicht abschlagen. Mara bedankte sich jedes Mal artig dafür und ihre Freundin war froh, der Küche und dem Gemüseputzen entronnen zu sein. Liesje hatte Mara erzählt, sie solle später zusammen mit ihrem Bruder Torben das Gasthaus übernehmen.

Die Streifzüge der Mädchen führten nach und nach durch die ganze Stadt. Angefangen hatte Liesje mit ihrem eigenen Viertel. Nachdem Mara sich dort gut zurechtfand, dehnten sie ihre Erkundungen weiter aus.

Heute zeigte die Freundin Mara den mächtigen Dom, das Hauptwahrzeichen der Stadt. Groß und prächtig stand er da, am Ende der großen Marktstraße, welche vom Hauptstadttor direkt auf ihn zuführte. Die beiden Mädchen standen vor dem Hauptportal und blickten, den Kopf in den Nacken gelegt, nach oben.

„Ganz klein kommt man sich vor, wenn man in die Höhe sieht“, meinte Mara nachdenklich. „Glaubst du, der Dom ist deswegen so hoch, damit die Menschen sich klein vorkommen?“

„Ich weiß nicht“, meinte die Freundin. “Darüber habe ich noch nie nachgedacht.“

Schon nach kurzer Zeit hatte Liesje festgestellt, dass Mara vieles von dem, was sie einfach so hinnahm, hinterfragte.

Immer suchte Mara nach Antworten. Ab und zu fand Liesje das ziemlich anstrengend, zumal sie auf die meisten Fragen der Freundin keine Antwort wusste.

„Sollen wir uns das Innere des Doms ansehen?“, fragte Liesje, um die Freundin abzulenken. „Du hast so etwas Prächtiges bestimmt noch nie gesehen.“

Die beiden Mädchen liefen die Stufen vor dem Dom hinauf und betraten den Innenraum. Im Inneren der Kirche war das Licht leicht dämmrig. Die Luft roch schwach nach Weihrauch und die dicken Mauern strahlten Kühle aus. Es fröstelte Mara.

Begeistert zeigte Liesje ihrer Freundin das ein oder andere Detail im Kirchenraum, wie die gewölbten hohen Decken oder den prächtigen Altar.

Mara sah sich verhalten um. Gerade an diesem Ort gingen ihr viele Fragen durch den Kopf, die sie als Kind niemandem stellen konnte. Beim Anblick des gekreuzigten Jesu schämte sie sich für ihre Zweifel. Liesje bemerkte von dem Zwiespalt der Freundin nichts. Sie zog Mara weiter durch den Dom, begeistert davon, Fremdenführerin spielen zu können. In der Nähe des Altars wurden Wachskerzen in verschiedenen Größen verkauft.

Diese konnten die Besucher nach einem Bittgebet vor der Statur des gekreuzigten Jesu oder seiner Mutter Maria aufstellen.

„Warte einen Moment“, meinte Liesje zu Mara. „Ich will so eine kleine Kerze kaufen und vor der Mutter Gottes ein Gebet sprechen.“

„Für was oder wen willst du denn beten?“, fragte Mara erstaunt.

„Das Kind einer Nachbarin hat hohes Fieber. Die Mutter ist zu arm, um eine Kerze zu kaufen. Und jeder weiß doch, zusammen mit einer Kerze wirken Bittgebete viel mehr.“

Mara sah ihre Freundin etwas ungläubig an. Sie war sich unsicher, ob dem so war. Oder ob der Verkauf von Kerzen nur die Kassen der Kirche füllte, genauso wie die Messen für die Verstorbenen oder die Ablassbriefe, um das Fegefeuer zu verkürzen. Kaum hatte sie diese Gedanken zu Ende gedacht, bereute es Mara auch schon. Schließlich war sie ein Kind, was wusste sie schon von solchen Dingen? Schnell bekreuzigte sie sich und bat Maria für ihre Gedanken um Vergebung.

„Ja, geh nur“, meinte sie zu Liesje. „Ich sehe mich in der Zeit noch etwas im Dom um.“

Während Liesje die Kerze kaufte, ging Mara zu einem der Seitenschiffe. Hier hatten verschiedene Händler ihre Verkaufsstände aufgebaut. Es gab Schreiber, die für Kunden Briefe schrieben oder Verträge aufsetzten. Ein Papiermacher verkaufte das dafür benötigte Papier in unterschiedlicher Qualität. Daneben hatte ein Tintenverkäufer seinen Tisch.

Aufgereiht standen da unterschiedlich große Glasgefäße mit schwarzer, blauer oder roter Tinte.

Mara besah sich alle Verkaufsstände genau. Langsam schlenderte sie daran vorbei. Am Ende der Reihe, etwas versteckt in einer Nische, entdeckte Mara einen Buchverkäufer.

Sofort schlug ihr Herz höher. Ausgebreitet auf dem Verkaufstisch lagen da dickere und schmalere Bücher in Latein. Es gab auch kunstvoll gestaltete Psalter sowie mehrere Bücher mit Gedichten und Erzählungen. Sogar einige Bücher über Philosophie und Medizin waren darunter. Andächtig nahm Mara ein kleines Buch mit verziertem Einband in die Hand.

Der Bucheinband war aus Leder und kunstvoll mit Blattgold verziert.

„Nun, kleines Fräulein“, meinte der Buchhändler freundlich zu Mara. „Gefallen dir meine Bücher?“

Zaghaft nickte sie. Andächtig strichen Maras Finger über den Ledereinband des Buches.

„Da hast du dir gleich etwas Besonderes ausgesucht“, versuchte der Buchhändler es weiter. Er hatte die Hoffnung, dass Maras Eltern irgendwo im Dom wären und ihm vielleicht ein Buch abkaufen würden. „Das Buch hier wurde von einem Griechen geschrieben, sein Name ist Aristoteles. Es geht darin um Philosophie.“

Der Mann bemerkte Maras verständnislosen Gesichtsausdruck. „Das Buch handelt von den Möglichkeiten zu denken.“

Jemand hatte ein Buch über das Denken geschrieben. Mara konnte es kaum glauben. Wie gerne würde sie solche klugen Gedanken einmal lesen. Fast zärtlich strich sie noch einmal über den Einband, dann legte Mara das Buch mit sichtlichem Bedauern zurück zu den andern auf den Tisch. Verlegen sah sie den Buchhändler an.

„Ich kann nicht lesen“, meinte Mara leise.

„Das ist schade.“ Der Buchhändler blieb trotzdem freundlich.

Er spürte den Wunsch des Kindes. „Ein so hübsches Mädchen wie du sollte lesen können. Also lerne es.“

„Wie soll das gehen? Mädchen haben kaum die Möglichkeit dazu, es sei denn die Eltern haben Geld.“ Mutlos ließ Mara den Kopf hängen.

„Gib nicht gleich auf. Man muss im Leben bereit sein für das zu kämpfen, was man wirklich will. Deine Eltern haben also kein Geld. Nun, das erschwert die Sache etwas, aber es macht sie nicht unmöglich.“

Mara fasste wieder etwas Hoffnung. Anscheinend hatte der Mann eine Idee.

„Könnt Ihr mich nicht unterrichten?“, erwartungsvoll sah Mara den Buchhändler an. Sie stellte es sich schön vor, ihre Zeit hier am Stand zu verbringen, zusammen mit den vielen Büchern.

„Ich könnte als Gegenleistung für Euch arbeiten.“

„Kind, vergiss diese Idee ganz schnell.“

Vorsichtig sah der Mann sich um. Doch niemand nahm Notiz von ihnen. Die Aufmerksamkeit der Besucher im Dom gehörte in diesem Moment zwei Frauen, welche sich einige Stände weiter um eine kleine Flasche hellblaue Tinte stritten.

Der Buchhändler atmete auf.

„Mädchen, wie du sehen kannst, habe ich meinen Stand hier im Dom ganz hinten“, begann er seine Erklärung. „Die Kirche würde mich ganz schnell von diesem Platz verjagen, wenn bekannt würde, dass ich einem Mädchen Unterricht erteile.

Wovon soll ich dann leben? Wahrscheinlich würde man mir auch schlimme Dinge vorwerfen und ich käme dann in den Kerker. Außerdem sind Frauen, die lesen können, auch hier in der Stadt noch immer die Ausnahme. Aber, wenn die Eltern ihre Töchter von Hauslehrern unterrichten lassen, kann die Kirche wenig tun. Allerdings ist ein solcher Unterricht teuer und du hast gesagt, deine Eltern haben kein Geld. Da fällt mir nur eine Lösung ein. Der Beginenkonvent in der Nähe der Kirche St. Martin. Der liegt in der Vorstadt Alt-Speier. Dort unterrichten die Beginen Mädchen aus Handwerkerfamilien gegen eine geringe Gebühr. Natürlich lernst du dort nur die Grundlagen. Allerdings, wenn du unbedingt lesen lernen willst, wäre es ein guter Anfang.“

Der Buchhändler sah Mara eindringlich an.

Ihr fiel ein, dass ihre Tante das Gleiche erzählt hatte und die Reaktion ihrer Mutter, als sie danach gefragt hatte, ob sie lesen lernen dürfe. Nein, so kam sie nicht weiter.

Trotzdem bedankte sich Mara freundlich bei dem Mann für seinen Rat. Es würde zu weit führen, ihm zu erklären, warum diese Möglichkeit für sie nicht in Frage kam. Der Buchhändler spürte, dass Mara ihm etwas verschwieg. Er schlug ihr deshalb vor:„Du kannst gerne wieder vorbeikommen und mich besuchen, wenn du magst. Es ist oft etwas einsam hier und ich würde mich freuen, mit jemandem über meine Bücher reden zu können.“

Mara war glücklich über sein Angebot. Gerne würde sie ihn ab und zu besuchen kommen und seine Bücher ansehen. Dann lief sie schnell los, um Liesje zu suchen. Die Freundin stand in der Nähe des Ausgangs und sah ihr missmutig entgegen.

„Ich steh hier schon seit einer Ewigkeit und warte auf dich.

Du weißt, ich habe heute nicht viel Zeit und ich wollte dir doch noch den Domnapf zeigen“, empfing sie Mara aufgebracht.

„Und was machst du, du führst endlose Gespräche mit dem alten Buchhändler.“

„Kennst du ihn?“, wollte Mara neugierig wissen.

„Er kommt ab und zu ins Gasthaus. Isst Mamas Eintopf und trinkt ein oder zwei Krug Bier. Meist redet er kaum ein Wort.

Aber seine Bücher sind ihm sehr wichtig. Die Leute sagen, er sei etwas sonderbar.“

„Eher einsam“, dachte Mara. Doch das behielt sie für sich.

Sie war sich sicher, sie würde den Buchhändler noch öfter besuchen.

Die Mädchen verließen den Dom. Draußen schien warm die Sonne und der Platz vor dem Dom lag in hellem Licht. Liesje zeigte mit ausgestrecktem Arm auf ein rundes Gebilde ganz aus Stein, welches den Platz in gerader Linie vom Haupteingang des Doms aus gesehen begrenzte.

„Weißt du was das ist?“, fragte sie die Freundin.

Mara schüttelte verneinend den Kopf. Zwar hatte sie das Ding schon einmal gesehen, aber keine Ahnung, was es darstellen sollte. „Das ist der sogenannte Domnapf“, erklärte ihr Liesje.

Mara betrachtete ihn genauer und umrundete das Gebilde.

Irgendwie hatte er schon Ähnlichkeit mit einem Becher oder Napf.

„Und wozu ist der gut?“, lautete nach der Betrachtung ihre Frage.

„Der Domnapf stellt die Grenze zwischen der weltlichen und der geistlichen Gerichtsbarkeit dar. Das bedeutet, wenn ein Verbrecher sich hinter den Domnapf flüchtet, untersteht er dem Urteil der Kirche und nicht mehr dem Rat.“

„Ist so etwas schon einmal passiert?“, wollte Mara wissen.

„Solange ich denken kann nicht. Aber vielleicht kann sich mein Vater noch an ein solches Ereignis erinnern. Ich werde ihn danach fragen. Jetzt komm, ich will dir noch mehr von der Stadt zeigen.“

Die Mädchen liefen die Marktstraße entlang in Richtung des Hauptstadttores, welches wiederum eine genaue Linie mit dem Domnapf und dem Haupteingang des Doms bildete. Plötzlich blieb Mara stehen und sah Liesje an.

„Sag mal, kannst du lesen und schreiben?“

„Wie kommst du darauf“, kam es etwas ungehalten von der Freundin. „Nein, das muss ich als Frau nicht können. Meine Mutter kann es auch nicht und mein Vater kann nur seinen Namen schreiben. Das reicht völlig.“

„Aber du hast mir doch erzählt, du wirst später das Gasthaus mit deinem Bruder übernehmen. Wie soll das gehen, ohne lesen und schreiben zu können?“

„Dummchen“, kam es von Liesje. „Natürlich lernt mein Bruder lesen, schreiben, rechnen und sogar etwas Latein. Er besucht am Vormittag die Schule im Dominikanerkloster. Dort gibt es extra eine Klasse für die Söhne der Handwerker, die später den elterlichen Betrieb übernehmen. Torben ist ganz gut im Lernen.“

Bei diesen Worten konnte man hören, dass Liesje stolz auf ihren Bruder war.

„Und was ist mit dir? Möchtest du nicht auch etwas lernen?“

„Nein, warum sollte ich. Später werde ich in der Küche und im Schankraum arbeiten. Deshalb bringt mir meine Mutter das Kochen und das günstige Einkaufen bei. Natürlich muss ich etwas rechnen können, doch das lerne ich von Torben. Was soll ich da meinen Kopf mit so unnötigen Dingen wie lesen und schreiben vollstopfen? Außerdem, kein Mann will eine Frau, die mehr weiß als er selbst.“

Mara seufzte leise. Hier kam sie nicht weiter. Liesje verstand sie einfach nicht. So gern sie ihre Freundin auch hatte, in diesem Punkt würden sie wohl nie einer Meinung sein. Mara wollte sich auch nicht streiten. Deshalb beschloss sie, mit Liesje vorerst nicht mehr über das Thema Lesen und Schreiben zu sprechen.

Von den geplanten Besuchen bei dem alten Buchhändler wollte sie ihr lieber nichts erzählen.

An diesem Nachmittag trennten sich die Mädchen zum ersten Mal, seit sie Freundinnen waren, leicht verstimmt am Brunnen ihres Wohnviertels.

Einige Tage später war mit ihrer Freundschaft alles wieder beim Alten. Mara und Liesje durchstreiften die Stadt. Es gab immer noch genügend Ecken, welche Mara nicht kannte.

„Ich möchte heute das Viertel Alt-Speier kennenlernen“, bat Mara ihre Freundin.

„Was willst du denn dort? Das Viertel ist nicht so besonders.

Vorstadt halt eben. Da gibt es Gemüsegärten, Wiesen, Obstbäume und die Kirche St. Martin. Aber die ist nicht besonders schön. Nicht so großartig wie der Dom. In diesem Viertel gibt es noch nicht einmal eine komplette Stadtmauer. Nur den Speyerbach als Begrenzung.“

All das kam ziemlich abfällig von Liesje. Man merkte ihr an, dass sie diese Ecke von Speyer nicht besonders mochte.

„Bitte“, kam es bettelnd von Mara. „Ich möchte doch jedes Viertel der Stadt kennenlernen. Und meine Mutter arbeitet doch öfter für die Beginen. Der Konvent liegt in Alt-Speier.

Ich habe meine Mutter extra danach gefragt. Dann könnte ich einmal sehen, wo genau sie arbeitet.“

„Na gut“, lenkte Liesje versöhnlich ein. „Ich hätte dir zwar lieber das Dominikanerkloster gezeigt, wo mein Bruder zur Schule geht. Manche Mönche im Kloster sind ganz nett. Bruder Enzo aus der Küche zum Beispiel. Er schenkt mir immer süßes Gebäck, wenn ich Torben abhole. Aber wenn du unbedingt die Beginen sehen willst, meinetwegen.“

Mara strahlte Liesje an. Natürlich wollte sie nicht zu den Beginen, um den Arbeitsplatz ihrer Mutter zu sehen, sondern sie hoffte, einen Blick auf die Mädchenschule der frommen Frauen werfen zu können. Wohlweislich verschwieg sie dies jedoch. Sie wollte keinen unnötigen Streit.

Die Mädchen schlenderten die breite Marktstraße entlang, in Richtung Hauptstadttor. Kurz davor bogen sie rechts in eine schmalere Gasse ein. Diese zog sich ziemlich lang, vorbei an gepflegten Häusern mit Obst- und Gemüsegärten bis zur Stadtgrenze. Durch ein kleineres Stadttor verließen sie den geschützten ummauerten Bereich und standen in der Vorstadt.

Die Bebauung war hier weniger dicht als im Hauptteil der Stadt. Zwischen den Hütten sah man Felder, Wiesen und Obstbäume, genau wie Liesje es gesagt hatte. Auf den Feldern arbeiteten die Eigentümer oder Pächter. Zwei Frauen beobachteten die Mädchen mit verhaltener Neugierde, sprachen sie jedoch nicht an. Ein Stück weiter die Straße entlang sah man einen gemauerten Kirchturm.

„Das ist der Turm vom St.-Clara-Kloster. Dort leben Nonnen“, erklärte Liesje. „Sie verteilen jeden Mittag am Tor Suppe an die Armen. Wenn wir uns beeilen, bekommen wir vielleicht auch etwas davon.“

Die Mädchen legten einen Schritt zu und waren bald in der Nähe des Klosters. Nicht weit davon entfernt erstreckte sich eine Ansammlung von kleinen zweistöckigen Häusern, eine hohe Mauer umgab sie. Nur die Dächer waren von der Straße aus gut zu erkennen. Das große massive Holztor mit dem Eingang lag zur Straße, doch es war geschlossen. Kein Blick konnte nach innen dringen. Liesje zeigte auf die Gebäude.

„Dort leben die Beginen. Weißt du was Beginen sind?“

„Eine Art Nonnen“, antwortete Mara.

„Ja, irgendwie schon und auch wieder nicht. Meine Mutter hat gesagt, sie sind genauso fromm wie die Nonnen, legen aber kein Gelübde ab und können jederzeit wieder gehen.

Auch treffen sie ihre eigenen Entscheidungen. Sie unterstehen keinem Mann.“

Mara hörte ihr nur mit halbem Ohr zu. Sie war enttäuscht.

Sosehr hatte sie gehofft, die Schule sehen zu können. Vielleicht ergab sich später dazu eine Möglichkeit. Liesje zog Mara die Straße entlang hin zum Kloster St.-Clara. Das Mittagsläuten war bereits vorbei. Trotzdem bekamen Mara und Liesje von einer freundlichen Nonne am Tor des Klosters einen Teller nahrhafter Suppe.

Gesättigt setzten sich die beiden unweit des Speyerbaches unter einen mächtigen alten Baum ins warme Gras und sahen auf das klare Wasser, auf dem vereinzelt Sonnenstrahlen tanzten.

Jede hing ihren Gedanken nach. Stille machte sich breit.

„Sollen wir jetzt zum Beginenkonvent gehen?“ kam es nach einer Weile von Liesje. „Vielleicht sehen wir ja deine Mutter?“

„Mhm“, antwortete Mara verhalten. Ihr waren mittlerweile Zweifel gekommen, ob die Idee, zum Konvent zu gehen, so gut war. Wenn sie Maras Mutter in die Arme liefen, konnte das unangenehm werden.

„Was ist nun?“, Liesje wurde ungeduldig. „Ich hab nicht den ganzen Tag Zeit. Heute hat Mutter viel zu tun in der Küche. Entscheide dich, gehen wir gleich heim oder noch zum Konvent?“

Nach einiger Überlegung siegte dann doch die Neugierde bei Mara. Vielleicht stand ja jetzt das große Tor offen und sie konnte einen Blick in den Innenhof werfen.

„Lass uns zum Konvent gehen“, entschied Mara.

Auf dem Rückweg nahmen sie die gleiche Straße. An der Abzweigung zum Konvent blieb Liesje stehen.

„Sei mir bitte nicht böse“, begann die Freundin zögerlich.

„Ich glaube, es ist doch besser, wenn ich nach Hause gehe und meiner Mutter helfe. Du kennst ja den Heimweg. Er ist auch nicht schwer zu finden. Folge einfach der Straße in Richtung Stadt. Außerdem will ich deine Mutter nicht treffen. Du weißt, sie kann mich nicht leiden.“

Das stimmte allerdings. Maras Mutter hatte wenig für Liesje und ihre Familie übrig. Der Grund dafür war das Gasthaus.

Für Maras Mutter war dies ein Ort der Lasterhaftigkeit. Ihrer Meinung nach sollten anständige und gottesfürchtige Menschen solche Häuser meiden. Sie hatte deshalb Mara den Umgang mit Liesje verboten. Dieses Verbot hatte Mara jedoch umgangen.

Nachdem die Mutter bemerkt hatte, dass Mara sich oft im Gasthaus satt aß und ab und zu sogar Reste mitbrachte, hatte sie die Freundschaft der Mädchen mehr oder minder schweigend hingenommen. Allerdings wollte sie Liesje nicht in ihrem Haus haben. Daher war es verständlich, dass Liesje Maras Mutter nicht begegnen wollte.

Mara war es eigentlich ganz recht, dass die Freundin zurück zur Stadt musste. Es war ihr lieber, sich alleine im Konvent umzusehen.

„Nein, ist schon gut“, meinte sie daher. „Ich sehe mich um und erzähle dir beim nächsten Treffen davon.“

„Viel gibt es da ohnehin nicht zu sehen. Nur Mauern und das Tor.“

Nach diesen Worten trennten sich die beiden. Mara ging langsam auf den Konvent zu. Beim Näherkommen sah sie, dass das große massive Haupttor offen stand und einige Mädchen, ungefähr in ihrem Alter, kamen ihr auf der Straße entgegen. Als die Mädchen auf gleicher Höhe waren, sprach Mara sie an.

„Geht ihr bei den Beginen zur Schule?“ Mara stellte die Frage dem ältesten Mädchen der Gruppe.

„Was geht dich das an?“, antwortete diese schnippisch.

„Ich war nur neugierig. Sind die Beginen streng? Müsst ihr viel lernen?“, Mara ließ nicht locker.

Eines der jüngeren Mädchen antwortete: „Allzu streng ist unsere Lehrerin nicht. Aber es ist ziemlich anstrengend, lesen und schreiben zu lernen. Viel lieber würde ich zu Hause bleiben und meiner Mutter im Haus helfen.“

Mara sah das Mädchen ungläubig an. Wie konnte es das Lernen nur als anstrengend empfinden? Für Mara wäre es das Paradies, wenn sie dazu die Möglichkeit hätte.

„Wirst du auch mit uns zur Schule gehen?“, mischte sich das erste Mädchen in das Gespräch ein. Sie musterte Mara von oben bis unten mit einem abfälligen Lächeln. Die Mädchen waren durchweg gut gekleidet und es war klar, dass Mara keine von ihnen war.

„Nein“, meinte sie leise.

„Das dachte ich mir schon.“

Die anderen Mädchen tuschelten und kicherten. Es war nur zu offensichtlich, dass Mara kein Geld für die Schule hatte.

Ohne Mara weiter zu beachten, setzten die Mädchen ihren Weg fort. Mara sah ihnen traurig nach. Sie wusste, es würde keinen Spaß machen zusammen mit diesen Mädchen zu lernen, selbst wenn sie das Geld dazu hätte.

Mittlerweile hatten die Beginen das große Hoftor wieder geschlossen. Es ärgerte Mara, soviel Zeit mit den Mädchen vergeudet zu haben. Unschlüssig ging sie vor dem Tor eine Weile auf und ab, aber es blieb verschlossen. Das einzige Geräusch, welches über die mit Efeu bewachsenen alten Mauern drang, war das Gegacker der Hühner und das Grunzen von Schweinen.

Bald kam Mara zu dem Entschluss, dass es keinen Sinn hatte, noch länger zu warten. Anscheinend wurde das große Eingangstor nur selten am Tag geöffnet. Mara war enttäuscht.

Sie hatte so gehofft, die Schule zu sehen. Stattdessen hatte sie eine unerfreuliche Begegnung mit den Stadtmädchen. Doch sie würde nicht aufgeben. Sie würde versuchen, mehr über die Beginen zu erfahren, und irgendwann einen Blick auf die Schule zu werfen. Möglicherweise konnte sie ihre Mutter einmal hierher begleiten? Auf jeden Fall nahm sich Mara fest vor, bei passender Gelegenheit wieder hierher zu kommen. Sie würde einen Weg finden, um zu lernen. Wenn nicht bei den Beginen, dann woanders.

2. Kapitel

Cordoba im Jahr des Herrn 1515

Seit vor einigen Tagen ein berittener Bote an das Tor geklopft und einen Brief des Hausherrn abgegeben hatte, stand das ganze Haus Kopf. Die Dienerschaft hatte in allen Räumen gründlich gefegt und geputzt. Aus der Küche im Erdgeschoss zogen seit Tagen die verschiedensten Gerüche durch das Haus.

Es roch nach gebratenem Huhn, gesottenem Fisch, frischem Brot, Honigkuchen und allerlei süßen Pasteten. Jeder im Haus war mit den Vorbereitungen beschäftigt, denn die Ankunft des Hausherrn Isaak ben Samuel, welcher sich in Cordoba Hermann von Regensburg nannte, stand unmittelbar bevor.

Auch Nahel konnte es kaum erwarten ihren Vater wiederzusehen. Monatelang war der jüdische Gelehrte und Arzt unterwegs gewesen, um Geschäftspartner und Freunde im gesamten Römischen Reich zu besuchen. Unter anderem seinen Bruder und dessen Familie in Regensburg.

Seit Stunden lief Nahel schon unruhig im Obergeschoss des Hauses von einem Zimmer in das andere.

„Nahel, komm her“, ertönte der Ruf ihrer Großmutter aus einem der angrenzenden Zimmer.

Nahel gab ihren derzeitigen Aussichtsplatz am Fenster des großen Wohnraumes mit gutem Blick zur Straße auf und folgte dem Ruf.

Nahels Großmutter, Donna Isabella, saß auf einem bequemen maurischen Diwan in satten Rot- und Orangetönen.

Auf einem niederen Tisch daneben stand allerlei Naschwerk.

Die Wände des Raumes waren mit prachtvollen Teppichen in orientalischen Mustern geschmückt. Selbst der Boden des Raumes war mit kostbaren Teppichen belegt. An den Wänden standen kunstvoll geschnitzte Schränke und Truhen.

Hier hielt sich Donna Isabella am liebsten auf. Sie genoss es, auf dem Diwan zu sitzen, zu sticken und ab und zu von den kandierten Früchten zu naschen. Kritisch betrachtete die alte Frau die halbfertige Arbeit auf ihrem Stickrahmen.

Als ihre Enkelin den Raum betrat, sah sie ihr aufmerksam entgegen. Immer, wenn sie Nahel ansah, bemerkte die alte Frau, wie schnell sie erwachsen wurde.

Für ihre 11 Jahre war Nahel groß geraten. Eine Fülle rabenschwarzer Locken umrahmte ein fein geschnittenes Gesicht mit hohen Wangenknochen. Die dunklen, leicht schräg stehenden Augen gaben dem Gesicht etwas Geheimnisvolles.

Donna Isabella war immer wieder erstaunt, wie sehr Nahel ihrer verstorbenen Tochter ähnelte. Nahels Mutter war vor zwei Jahren zusammen mit ihrem kleinen Sohn an einem rätselhaften Fieber erkrankt. Nahels Vater war zu dieser Zeit gerade auf Reisen. Keinem der herbeigerufenen einheimischen Ärzte gelang es, die beiden zu retten. Seitdem lebte Nahel mit ihrem Vater im Haus von Donna Isabella. Diese vertrat bei ihrer Enkelin die Mutterstelle und behielt sie im Auge, wenn der Vater verreist war. Für Nahel war der Tod ihrer Mutter ein ziemlicher Schock gewesen, aber sie liebte ihre Großmutter und war gern mit ihr zusammen. Außerdem bot das weitläufige Haus im ehemaligen jüdischen Viertel von Cordoba viel Platz.

Die Räume waren zweigeschossig um den begrünten Innenhof mit seinem großen Wasserbecken und dem Springbrunnen angeordnet. Dort im Freien spielte sich im Sommer der größte Teil des häuslichen Lebens ab. Durch das Wasserbecken und die vielen Pflanzen, welche Schatten spendeten, blieb der Innenhof auch im Sommer trotz Hitze herrlich kühl. Überall luden Ruhebänke zum Verweilen ein. Nahel saß oft auf einer Bank und hörte dem Plätschern des Wassers zu. Alle anderen Geräusche blieben außerhalb.

Im Erdgeschoss des Hauses lagen die Küche, die Vorratsräume, die Schlafräume der Dienerschaft sowie das Arbeits- und Studierzimmer von Nahels Vater. Außerdem gab es noch einen kleinen Empfangsraum für Besucher. Der eigentliche Wohnbereich der Familie befand sich im Obergeschoss des Hauses. Erreichbar waren diese Räume vom Innenhof aus über eine breite Treppe.

„Kind, dein Vater kommt nicht schneller von seiner Reise zurück, auch wenn du von einem Fenster zum anderen läufst wie ein Fohlen auf der Weide.“ Donna Isabellas Stimme klang liebevoll.

„Ich weiß, Nana“, antwortete Nahel ungeduldig. „Aber Vater war so lange auf Reisen und er hat mir nur zweimal geschrieben.

Der eine Brief kam aus Regensburg und er hat fast nur über seinen Bruder und dessen langweilige Frau und die tugendhaften Töchter geschrieben. Allerdings kaum etwas über die Stadt oder was er sonst so gesehen hat in der Ferne. Ob er mir vielleicht ein Buch als Geschenk mitbringt?“