Gehen, immer weiter - Sigrid Zeevaert - E-Book

Gehen, immer weiter E-Book

Sigrid Zeevaert

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Beschreibung

"Ich hätte es nicht sagen dürfen. Hundert Millionen Mal habe ich mich dafür schon verflucht. Und ich hätte bleiben müssen, nicht weggehen von seiner Tür." Edvard ist neu in Luis‘ Klasse. Ein Geheimnis scheint ihn zu umgeben. Ein Geheimnis, in das Luis mehr und mehr verwickelt wird, als er Edvard näherkommt. Zu spät erkennt er, wie sehr Edvard ihn wirklich braucht ...

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Veröffentlichungsjahr: 2015

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Buchinfo

„Alles ist wahr. Und zurückdrehen lässt sich auch nichts mehr von dem, was alles war. Das ist vorbei. Und ist immer noch da.“

Rückblickend erzählt Luis, 16 Jahre, aus seinem ganz normalen Leben: von der Schule, der Sache mit Mona, von seinen Eltern – und von dem Moment, als sein Freund Edvard bei der Polizei ein furchtbares Geständnis ablegt. Klar hat Luis mitbekommen, dass es bei Edvard zu Hause anders läuft als bei ihm. Erst nach und nach blickt er hinter Edvards Fassade, doch da ist es bereits zu spät.

Autorenvita

© Susanne Staets

Sigrid Zeevaert, 1960 in Aachen geboren, begann schon während des Lehramtsstudiums mit dem Schreiben, dem sie sich sehr bald ganz widmete. Neben Kurzgeschichten und Hörfunkbeiträgen, entstanden dabei vor allem zahlreiche Kinder- und Jugendbücher, die vielfach übersetzt und ausgezeichnet wurden. Eins ihrer Bücher wurde für das ZDF verfilmt. Sigrid Zeevaert lebt mit ihrem Mann und ihren Kindern in Aachen.

Nur zu gern würde ich noch mal von vorn anfangen. Nicht ganz von vorn, sondern von dem Moment, als ich es näher mit Edvard zu tun bekam. Dabei kannte ich ihn schon länger. Ich erinnere mich sogar noch an den Tag, an dem ich ihn zum ersten Mal sah. Nach den großen Ferien vor einem Jahr stand er plötzlich da. Er kam von einer anderen Schule zu uns. Blieb in der Nähe der Tür erst mal stehen. Sein Blick wich uns aus, was irgendwie auch verständlich war, denn wir waren viele, und er war allein. Aber vom ersten Moment an fiel mir an ihm auf, dass er anders war. Nicht nur wegen der Hose, die er trug und die nicht besonders gut saß, genau wie das Hemd, das ein bisschen altmodisch war. Aus seinem Äußeren machte er sich anscheinend nicht viel. Mir war das bald wieder egal. Auch wenn ich mich noch an diese Ledertasche erinnere und wie er sie hielt. Er war nicht so ganz da. War weit weg mit den Gedanken oder vielleicht wünschte er sich auch, weit weg von allem zu sein, und musste aber nun mal dort stehen.

Mehlmann, unser Klassenlehrer, stellte ihn vor. Edvard Lemmert. Ein kurzes Nicken, dann drückte Edvard sich an den einzigen noch freien Platz und bis er sich zum ersten Mal meldete, verging einige Zeit. Fast hatte ich ihn vergessen, weil es anderes gab, was wichtiger war. Edvard war einfach da. Seine Stimme war dunkler, als man vielleicht glaubte, wenn man ihn so sah. Und die Art, mit der er Mehlmann aus dem Konzept brachte, vergesse ich nie. Es war kein Triumph, kein Spiel dabei, wie er es sich hätte leisten können, denn die Frage, die er Mehlmann stellte, war einfach gut, auch wenn ich sie jetzt nicht mehr weiß. Was ich noch weiß, war dieser Blick, mit dem er Mehlmann ansah. Er war ihm überlegen, aber er wollte es nicht und entschuldigte sich fast schon dafür, dass er es besser wusste und auch darauf bestand. Ich mochte ihn von diesem Tag an. Mehr aus der Ferne, denn nie hätte ich daran gedacht, dass es außerhalb des Unterrichts etwas zwischen mir und ihm gab. Wir profitierten alle von ihm. Von dem, was er dachte. Es kam in den Büchern nicht vor und nicht nur Mehlmann brachte er ins Schwitzen damit. Manchmal schweifte das Unterrichtsgespräch dann auch für längere Zeit ab. Uns war das nur recht. Und was sonst mit ihm war, interessierte irgendwie nicht. Jedenfalls stellte ich mir die Frage gar nicht. Und ich glaube, auch von den anderen war niemand da, der nur schon mit dem Gedanken gespielt hätte, mal zu Edvard zu gehen und ein paar Takte mit ihm zu reden. Er selbst unternahm ja auch nichts, was einem das Gefühl gab, dass ihm daran etwas lag. Er lebte scheinbar in einer anderen Welt und genügte sich selbst.

Ich war mit dem beschäftigt, was sich rechts und links von mir abspielte. Und das war aufregend genug. Erst recht, als die Geschichte mit Mona anfing. Wann sie genau anfing, kann ich gar nicht mehr sagen. Eine halbe Ewigkeit geisterte sie ja auch schon durch meinen Kopf. Ich malte mir alles Mögliche aus. Wie ich eng umschlungen mit ihr dastand und so. Mona hat ziemlich lange, blonde Haare und eine super Figur. Man muss einfach hingucken und ich glaube, jeder hat schon mal davon geträumt, mit ihr was zu haben. Bis auf Edvard vielleicht, von dem ich mir lange Zeit gar nicht vorstellen konnte, dass es für ihn solche Gedanken überhaupt gab. Ich war jedenfalls voll davon, auch wenn ich wohl nie gewagt hätte, auf Mona zuzugehen und bei ihr was zu versuchen. Vielleicht hätten mir meine Träumereien sogar schon gereicht. Irgendwie gewöhnte ich mich ja auch fast schon daran.

Dann aber kam dieser Abend im Park, als sie sich auf einmal neben mich setzte. Ehrlich gesagt verstehe ich immer noch nicht ganz, warum sie das tat. Vielleicht hat sie gemerkt, wie sehr ich auf sie stand. Jedenfalls glaube ich nicht, dass es ihr wirklich ernst mit mir war.

Für mich war es der Hammer. Und erst mal war alles leer in meinem Kopf. Zum Glück waren genug andere da, die redeten. Es gab Musik und was zu trinken. Alle waren gut drauf, es war ein ziemlich warmer Abend im Mai. Ich dachte schon, Mona stehe gleich wieder auf und suche sich einen besseren Platz, vielleicht neben Pal, der sowieso immer die richtigen Sprüche drauf hat. Aber sie blieb. Irgendwann redeten wir auch, nicht unbedingt viel, aber immerhin saß ich nicht mehr stumm da. Sie rückte näher zu mir ran. Lachte mich immer so an. Klar, ich lachte auch. Dann legte sie ihren Kopf an meine Schulter und ließ ihn da, als gehörte er hin. Ich habe noch eine Weile gebraucht, bis ich meinen Arm um sie gelegt habe.

In den nächsten Tagen haben wir uns dann öfter gesehen und es ist noch mehr mit uns beiden passiert. Nicht alles. Aber so lang lief es mit uns beiden ja nicht. Nach knapp zwei Wochen hat Mona wieder Schluss mit mir gemacht. Im ersten Moment hab ich gedacht, das halt ich nicht aus, ich sterbe oder irgend so was. Heute verstehe ich mich selbst nicht mehr ganz. Es ist so viel passiert. Und deswegen erzähle ich das überhaupt. Das Ende mit Mona war genau genommen erst der Anfang davon. Jedenfalls war ich am Boden zerstört. Und dachte, dass ich wohl nicht cool genug für sie bin. Erklärt hat sie mir ja nichts. „Es ist eben so“, hat sie gesagt. „Tut mir echt leid.“ Sie hat ihre Haare zurückgeworfen und ist gegangen. Und ich stand da und wusste nicht, wie ich sie aus meinem Kopf je wieder rauskriegen sollte, wo ich sie doch auch weiter jeden Tag sah. Schließlich geht Mona in dieselbe Schule wie ich.

Klar, das hat es nicht gerade leichter gemacht. Überhaupt lief in dieser Zeit einiges schief, und manchmal habe ich mich schon gefragt, ob das wirklich Zufall war. Im Nachhinein denke ich, alles lief genau darauf zu, dass ich Edvard näher kam und vielleicht sollte das auch so sein. Hätte ich nur mehr kapiert, damals schon.

Ich war mit Mona und dem Gefühl beschäftigt, dass mein Leben an einem absoluten Tiefpunkt angelangt war.

Dann kam der Tag, an dem Pal mit einem dicken Verband in der Schule erschien, weil er sich beim Training verletzt hatte. Nicht weiter schlimm. Nur war es so, dass wir einen Test in Physik schrieben, und weil Pal meinen Stuhl zum Ablegen seines Fußes benötigte, wurde ich kurzerhand neben Edvard gesetzt. Mir war das egal, mir war zu dieser Zeit beinahe alles egal. Auch wenn mir auffiel, dass ich für den Physiktest gar nicht mal ungünstig saß, aber es bedeutete mir irgendwie nichts. Alles lief ein bisschen an mir vorbei. Obwohl ich dann doch ein, zwei Blicke auf Edvards Ausführungen warf und erst mal nichts davon verstand.

Edvard schrieb und schrieb, alles an ihm war gespannt und irgendwas davon übertrug sich auf mich.

Ich riss mich zusammen. Mona war es nicht wert, sagte ich mir. Und wenn ich ehrlich war, passte sie vielleicht gar nicht zu mir.

Als ich den nächsten Blick auf Edvards Blatt wagte, erkannte ich Zahlen und Formeln und plötzlich war es mir klar: ich hatte vom falschen Standpunkt aus überlegt. Ich schrieb nun ebenfalls los, strich wieder durch, setzte noch einmal an und bekam alles gerade eben so hin.

In der Pause redete ich mit Edvard kein Wort. Ich ging zu Jonas und Pal. Und als ich in der nächsten Stunde wieder neben Edvard saß, hatten wir zum Reden eigentlich auch keinen Grund. Wir schienen beide ja auch nicht daran interessiert. Abgesehen davon hatte ich vielleicht sogar Angst, er könne sich an mich hängen, wenn ich erst zu reden anfing.

Später saß ich zu Hause, zum Glück war niemand außer mir da. Auch Greta nicht, meine Schwester. Im Großen und Ganzen komme ich gut mit ihr klar. Ziemlich sogar. Jetzt war ich froh, denn vielleicht hätte sie nur gebohrt. Was denn los sei. Und ob Mona der Grund für meine miese Laune sei. Dass es mit uns wieder vorbei war, hatte ich ihr noch gar nicht erzählt. Ich wollte nicht, dass sie auch nur ein Wort dazu sagte und zu allem Überfluss auch Mom noch davon erfuhr. Ich wollte nur meine Ruhe. Rührte auch meine Gitarre nicht an. Hörte keine Musik.

Ich aß von dem Broccoli-Gratin, der im Kühlschrank für mich bereit stand. Spielte an meinem Handy herum, schrieb ein paar SMS. Auch eine an Mona schrieb ich, schickte sie aber nicht ab.

Irgendwann hörte ich Dad im Flur. Dann war da auch Mom. Türen gingen. Zwischendurch sprachen sie auch, oder besser sollte ich wohl sagen, sie teilten sich das Nötigste mit, jedenfalls das, was sie für das Nötigste hielten. Wer was noch erledigen musste. Warum der Müll immer noch nicht rausgebracht worden war. Ob es am Abend etwa noch Regen gab und man den Schirm mitnehmen sollte. Übers Essen sprachen sie auch, allerdings nur ganz kurz. Und weil nicht mehr genug Käse im Kühlschrank war. Dann war es still, bis man hörte, wie der Fernseher lief.

Ich hatte meinen PC. Auf den war Verlass. Und obwohl es mich selbst manchmal nervte, war ich über die Ablenkung froh. Ich wollte nicht wieder nachdenken müssen über das, was mir nur noch öde vorkam. Und was daran überhaupt noch erstrebenswert war? Ich konnte keinen Sinn darin sehen. Jedenfalls wollte ich bestimmt nicht so werden wie sie. Dass sie überhaupt noch an diesem Leben festhielten. Die merkten wohl gar nichts mehr. Gute Ratschläge würde ich ihnen aber bestimmt nicht mehr geben. Schließlich waren sie alt genug. Und ich war es auch. Bald war ich hier weg. Ganz weg. Erst recht, wo doch auch Greta in ein paar Wochen nach Südafrika ging und wir uns ein ganzes Jahr lang nicht sahen, was bestimmt nicht dazu beitrug, dass ich noch mal gut drauf war.

Ich sag ja: es passte irgendwie alles zusammen. Und zugleich stand es im Weg. Weil ich vielleicht was hätte machen können. Wäre ich nur nicht so blind und beschäftigt mit dem gewesen, was in meinem Leben gerade alles schlecht lief. Dass ich nicht der einzige war, der zu kämpfen hatte, daran hab ich irgendwie gar nicht gedacht. Dabei hab ich ja sogar was gemerkt, aber doch nicht genug. Oder jedenfalls habe ich zu spät begriffen, worum es bei Edvard eigentlich ging.

Pal war auch in den nächsten Tagen seinen Verband noch nicht los und so blieb ich neben Edvard sitzen, fast gewöhnte ich mich daran und bekam vom Unterricht ja auch viel mehr mit, weil ich mich nicht wegen jeder Kleinigkeit ablenken ließ. Trotzdem wäre die Sache mit mir und Edvard wohl bald wieder erledigt gewesen, hätte man uns in Bio nicht zusammen für ein Referat eingeteilt. Ich hatte nichts dagegen, denn insgeheim rechnete ich natürlich damit, dass Edvard die Sache allein regeln würde und die ganze Sache so eine Art Freilos für mich war. Aber da irrte ich mich.

Am Ende der Stunde, als ich meine Tasche schon fertig gepackt hatte, blickte Edvard mich plötzlich an, und zum ersten Mal bemerkte ich überhaupt, dass da Flaum an seinem Kinn war. „Wann“, fragte er, „passt es denn am besten bei dir?“

Ich fummelte an meiner Tasche herum und hätte am liebsten gesagt: „Im Moment passt es bei mir eigentlich gar nicht.“ Pal hätte das an meiner Stelle bestimmt so gemacht. Hätte irgendeine Sache erfunden und erklärt, dass das Referat gerade ein Wahnsinnsproblem für ihn war und dass es Edvard aber doch bestimmt nichts ausmachte, wenn er, ausnahmsweise, seinen Teil gleich mit übernahm. Wo das Ganze sowieso ein Klacks für ihn war.

Aber ich war nun mal nicht Pal und fand so was nicht fair. Außerdem gab es da etwas, auf das ich neugierig war. Dabei hätte ich gar nicht mal sagen können, was das eigentlich war. Ich überlegte jedenfalls kurz und schlug ihm dann vor: „Wie sieht es bei dir mit heute Nachmittag aus?“ Ehrlich gesagt war ich selbst überrascht. Edvard war das anscheinend auch. „Heute?“ stammelte er. „Ja, ja, das wäre …“ Hastig schüttelte er dann den Kopf. „Nein, das ist schlecht.“

„Und was ist mit morgen?“ So dringend fand ich es auch wieder nicht.

Edvard schluckte. „Passt übermorgen dir auch?“

„Von mir aus auch nächste Woche“, seufzte ich und bedauerte schon, dass ich mich überhaupt auf ein Treffen einließ.

„Ja, warte.“ Er dachte einen Moment nach. „Vielleicht geht es doch. Ich meine, heute.“

Ich sah ihn an. Er war eigenartig nervös. „Okay“, sagte ich. „Und wo?“

Edvard zupfte an seinem Ohr. „Ich könnte zu dir kommen.“

„Sagen wir um vier?“ Ich nannte ihm meine Adresse, gab ihm auch meine Handy-Nummer, um die er mich bat. „Wer weiß“, sagte er. Ein bisschen übertrieben fand ich es schon. Aber anscheinend verabredete er sich nicht oft.

Ich zog ab nach Haus und mit jedem Schritt rutschte meine Laune wieder tiefer, bis in den Keller. Die Aussicht auf einen Nachmittag mit Edvard, der in allem irgendwie so umständlich war, baute mich auch nicht unbedingt auf. Sollte er sich doch hinter seinen PC und die Bücher verkriechen, wenn er sich wohl fühlte damit. Die Vorstellung, dass er nachher kam und so schnell vielleicht nicht wieder ging, war mir auf einmal zuviel. Und ich überlegte schon, mit welcher Ausrede ich seinen Besuch noch abbiegen konnte. Da ging mein Handy und er rief an.

„Es tut mir sehr leid“, sagte er und hustete erst mal verlegen. „Ich kann heute nicht zu dir kommen. Es gibt ein Problem.“

„Ah.“ Ich atmete durch. „Ist schon okay für mich“, murmelte ich. „Dann verschieben wir das Ganze eben einfach noch mal.“ Ich wollte mich schon auf einen entspannten Nachmittag bei einem Video freuen, da schlug er vor, dass ich, falls es mir keine Umstände mache, dann vielleicht doch eventuell zu ihm rauskommen könne.

„Klar.“ Einen Augenblick stand ich nur da, nickte, auch wenn ich wusste, dass Edvard davon nichts sah.

„Der Bus fährt leider nicht oft“, hörte ich ihn weiter sagen. „Am besten kommst du mit dem Rad. Ich hoffe, du hast überhaupt eins.“ Er beschrieb mir den Weg.

Als er vom Akazienweg sprach, an dem ich vorbei musste, fuhr ich zusammen. Mona wohnte nicht weit davon entfernt und ich dachte plötzlich wieder daran, sie vielleicht noch mal zu sehen, außerhalb der Schule, und so, dass man noch mal reden konnte. Obwohl es eigentlich gar nichts mehr gab. Ich meine, mit ihr. Schließlich war nicht zu übersehen, wie wenig es ihr ausmachte, wenn sie mir über den Weg lief. Anscheinend war das für sie schon normal, nur ich war immer noch nicht darüber weg …

„Luis?“ Edvards unsichere Stimme holte mich wieder zurück. „Bist du noch da?“

„Was denn sonst?“, knurrte ich.

„Dann kommst du jetzt gleich?“

Ich murmelte noch irgendwas, schob dann das Handy in meine Tasche, auch meine Schreibmappe und alles, was man für ein Bioreferat braucht. Mom schrieb ich einen Zettel. Und kurz darauf stand ich im Hof, zog mein Fahrrad zwischen den anderen raus. Eine halbe Ewigkeit hatte ich es nicht mehr benutzt. Ein bisschen angerostet war es. Verstaubt. Und der Sattel war noch nicht auf die richtige Höhe eingestellt. Fahren ließ es sich zum Glück aber ohne Probleme. Und so saß ich schließlich drauf und rollte die Straße hinunter, spürte den Wind im Gesicht, der meine trüben Gedanken bald wieder vertrieb.

Edvards Haus also. An diesem Tag fuhr ich zum ersten Mal hin. Ich hatte unterschätzt, wie weit draußen es lag, und wie hügelig die Landschaft hier schon war. Ich kam ganz schön ins Schwitzen. Und brauchte eine Weile, bis ich es überhaupt fand. Die Beschreibung von Edvard hatte ich mir nämlich nur in groben Zügen gemerkt. Und fuhr, als ich endlich in der richtigen Straße war, an seinem Haus erst mal vorbei, weil ich dachte, dass, was da unter wild wuchernden Büschen und Bäumen verschwand, nicht das richtige war. Es sah so verlassen aus, als wohnte schon länger niemand mehr da. Aber weil das nächste Haus ein ganzes Stück entfernt von hier lag, drehte ich doch noch mal um und sah wenigstens nach.

Mein Fahrrad machte ich am verwitterten Holzzaun fest, lief über das, was mal ein angelegter Kiesweg gewesen sein musste. Alles war zugewuchert. Verlassen. Als wohnte schon lange niemand mehr da. Aus welchem Grund auch immer wanderte mein Blick zu einem der oberen Fenster hoch und ich bemerkte, dass sich dahinter etwas bewegte. Ich weiß auch heute noch das Gefühl. Und wie ich einen Moment überlegte, ob ich nicht doch besser wieder umkehren sollte. Irgendwas an all dem hier machte mir Angst.

Hätte ich mich gleich wieder auf mein Fahrrad gesetzt. Vielleicht wäre dann alles noch gut und nichts wäre passiert. Edvard hätte sich vielleicht doch noch breitschlagen lassen, das Referat im Alleingang zu machen, weil das sowieso am schnellsten ging.

Aber einen Augenblick später stand ich vor der Tür. Suchte zwischen dem Efeu, das das Haus wie ein Pelz überzog, nach dem Klingelknopf und noch bevor ich ihn fand, ging die Tür plötzlich auf und Edvard stand da. Ungewohnt, vertraut und zugleich fremd kam er mir vor. Und kleiner als sonst.

„Da bist du ja“, sagte er und warf einen hastigen Blick über seine Schulter zurück. „Hast du’s gleich gefunden?“

Ich winkte ab. „Jetzt bin ich hier.“

Edvard nickte. Langsam entspannte sich sein Gesicht. „Komm doch rein.“

Im Flur blieben wir stehen. Edvard erklärte, sein Zimmer werde gerade renoviert, da könnten wir leider nicht hin.

„Macht doch nichts!“, murmelte ich und mir war längst klar, dass ich sowieso nicht länger als unbedingt notwendig blieb.

Der Flur war schmal und stand voller Kisten, einer ausrangierten Waschmaschine. Berge von Zeitungen türmten sich überall. Bücher und Schuhe, Plastiktüten, in denen irgendwas war, alte Jacken. Auch in der Küche war alles so durcheinander und voll, dass man fast nicht bis zum Tisch kam.

„Bitte entschuldige“, sagte Edvard, der meinem Blick gefolgt war. „Wir räumen um. Deswegen ist es gerade ein bisschen chaotisch bei uns.“ Er nickte mir zu, aber es kam mir vor, als glaubte er selbst nicht daran. Es war ihm peinlich, das merkte ich schon. Und es war nicht zu übersehen, dass seine Erklärung nur eine Ausrede war. Umgeräumt wurde hier ganz sicher nicht.

Wir setzten uns an den Tisch, von dem nur eine Ecke noch zu benutzen war. Der Rest lag mit Bergen von Zeitungen, Bechern, Stiften, vertrocknetem Brot und lauter überflüssigem Zeug voll. Edvard schob mir den einzigen Stuhl hin, dessen Sitzfläche nicht als Ablage umfunktioniert worden war.

Er selber blieb stehen. „Willst du einen Tee?“ fragte er, als wäre nichts weiter dabei. Ich sah trotzdem, wie unsicher er war. Er bekam wohl nur selten Besuch. Fand auch die richtigen Tassen nicht gleich.

„Warum nicht?“, murmelte ich, obwohl ich eigentlich kein Fan von Tee bin.

„Wie gesagt …“ Edvards Blick ging zur Tür. „Wir haben gerade Ausnahmezustand.“

„Ist doch okay“, erwiderte ich. „Bei mir sieht es ja auch manchmal so aus.“ Ich sagte das, obwohl es, ehrlich gesagt, so nicht war. Auch wenn mein Zimmer sich innerhalb kürzester Zeit in das reinste Chaos verwandeln kann. Hier war etwas anders. Und von diesem ersten Tag an hatte ich das Gefühl, dass es nur die Spitze vom Eisberg war, die ich sah. Ich schob die Unruhe, die mich überfiel, wieder weg. Ich war schließlich nur zu Besuch und würde gleich wieder gehen. Der Rest war nicht mein Problem. Schließlich hatte ich weiter nichts mit Edvard zu tun. Und mit dem, was sich in seinem Kopf abspielte, als er sich umwandte und mit zwei Teetassen an den Tisch zurückkam.

Das Biobuch, das in meiner Tasche steckte, fiel mir wieder ein und ich zog es heraus, schlug es auf. Das Referat war doch der Grund dafür, dass ich hier saß.

Ich musste nur fragen. Schon entspannte sich Edvards Gesicht und er fing an zu reden, sprach in einem Ton, der mir aus der Schule vertraut an ihm war. Ihm selbst vielleicht auch. Er redete über die Photosynthese, redete, als hätte er nie etwas anderes getan. Er wusste alles. Und ich ahnte in diesem Augenblick vielleicht sogar, was all das Wissen und Philosophieren über Raum und Zeit für ihn war.

Ich hörte zu. Trank meinen Tee. Schrieb zwischendurch ziemlich viel auf und vergaß schon beinahe, wo ich hier war.

Edvard hätte wohl noch Stunden so weitergemacht, wenn ich ihn nicht irgendwann unterbrochen und gesagt hätte: „Ich glaube, das reicht.“ Ich klappte das Heft und mein Buch wieder zu.

„Findest du?“ Edvard rieb sich den Arm und kam mir jetzt fast wieder schüchtern vor.

Ich nickte. Und lachte. „Was hast du vor? Unser Referat ist doch wohl keine Doktorarbeit.“ Ich stand wieder auf. „Ich muss dann mal los.“ An der Tür blieb ich noch mal stehen. Wollte noch was sagen. Und ihn vielleicht sogar fragen. Mit wem er hier wohnte. Und ob es einen Grund zum Umräumen gab. Vielleicht konnte er ja noch Hilfe gebrauchen. Aber irgendwie kam mir das plötzlich unpassend vor. Und so gut kannten wir uns ja auch nicht. „Wir sehen uns“, murmelte ich daher nur.

Edvard nickte. Er wartete, bis ich die Tür hinter mir zuzog. Und weil ich noch einen Moment stehenblieb, hörte ich, wie er auch schon eilig die Treppe hoch lief.

Ich muss zugeben, dass ich damals über vieles anders gedacht habe als jetzt. Auch über Mom und Dad. Ich hatte schon recht damit, wütend auf sie zu sein, aber nicht nur. Und was ich nie geglaubt hätte, dass auch mit ihnen noch mal was passiert. Ehrlich gesagt, rechne ich es ihnen hoch an. Und überhaupt, dass Mom wegen der Sache mit Edvard und mir auf Italien verzichtet hat. Immer mal kommt sie aus einem fadenscheinigen Grund rein, weil sie Angst um mich hat. Ich weiß, dass es so ist. Und manchmal ist es auch gut, dass sie kommt. Ich glaube, ich wäre echt aufgeschmissen, wenn ich jetzt zwei Wochen allein irgendwo säße. Dabei habe ich mir eine Zeitlang nichts Sehnlicheres gewünscht.

Als ich von meinem ersten Besuch bei Edvard nach Hause kam, wollte ich eigentlich auch nur meine Ruhe haben und nicht groß reden müssen. Wenn, dann vielleicht noch mit Greta, sonst nichts. Ich hörte Mom in der Küche, außerdem roch es schon gut, anscheinend kochte sie was. Dads Schuhe und seine Jacke sah ich im Flur.

„Hi!“, rief ich und wartete eine Antwort gar nicht erst ab. „Ist Greta schon da?“

Jetzt erschien Moms Gesicht in der Tür. „Luis!“, sagte sie. „Schön, dich zu sehen. Und wo du schon fragst: Greta ist noch unterwegs.“ Ihr Ton ärgerte mich. Irgendwie war wieder so ein Vorwurf darin. Weil ich nicht höflich genug war. Irgend so was. Und weil wahrscheinlich auch mit Dad wieder was in der Luft lag. Mom war dann immer besonders gereizt.

Ich verschwand in meinem Zimmer und drehte meine Musik auf. Ich wollte nicht immer diese Stimmung, gegen die man sich wehren musste, die einen aufregte, die in allen Ecken hing und die man aber doch oft nicht zu fassen bekam.

Ich hätte mich einfach gefreut, Greta zu sehen, die in letzter Zeit ziemlich beschäftigt war, weil sie bald auf einem anderen Kontinent hing. Ich verstand mich mit ihr, und wenn ich ehrlich war, konnte ich mir noch nicht vorstellen, wie ich es ohne sie aushalten würde, war das denn so schwer zu verstehen? Für Mom anscheinend schon. Aber das war ja nicht neu.

Ich warf meine Tasche mit dem Biobuch in die Ecke, nur das Handy lag neben mir auf dem Bett. Ich könnte bei Pal noch mal nachhören, wie es mit dem Fuß war und überhaupt, was er noch so trieb. Und Jonas. Kurz war der Gedanke auch da, mich noch mal bei Mona zu melden, einfach mal so. Aber die Angst vor ihrer Antwort hielt mich davon ab. Überhaupt machte es keinen Sinn, noch irgendwas zu versuchen. Und ich wollte ja auch nichts mehr von ihr.

Irgendwann hielt ich die Gitarre wieder in der Hand, spielte zur Musik, die immer noch lief und dachte an Edvard, wie die ganze Zeit vielleicht schon. Was mit diesem Haus war, ließ mich nicht los, und überhaupt hatte er mich überrascht. Irgendwie auch verwirrt. Irgendwas stimmte doch nicht. Ich spürte es. Schob es von mir weg und versuchte, mir einzureden, dass wirklich das große Umräumen bei ihm zu Hause angesagt war. Da war ein bisschen Chaos normal. Und was ging es mich denn auch an? Ich hatte so was noch nie vorher gesehen, aber Edvard war nicht umsonst Edvard, der lebte doch nur für seine Philosophie und nahm gar nicht wahr, was sich direkt vor seiner Nase abspielte.

Die eiligen Schritte, mit denen er die Treppe raufgelaufen war, fielen mir wieder ein und dieses Gefühl, dass es da oben etwas gab. Aber vielleicht irrte ich mich auch und es war nur meine Fantasie, die mit mir durchging …

Ich merkte nicht gleich, dass Mom an die Tür klopfte und nach mir rief. Erst als sie schon im Zimmer stand, schrak ich auf.

„Ist ja gut“, beruhigte ich sie und stellte die Musik wieder ab. Die Gitarre stand kurz darauf auch wieder an ihrem Platz und ich folgte Mom ins Esszimmer, wo der Tisch nur für drei gedeckt war. Also kam Greta heute wieder mal spät. Ich mochte es nicht, allein zwischen Mom und Dad zu sein und der Gedanke, dass Greta bald für ein ganzes Jahr weg war, steigerte meinen Appetit nicht gerade, auch wenn ich Gretas Entscheidung gut fand. Und ich bewunderte ihren Mut. Südafrika war schließlich nicht irgendein Land. Aber das war eine Sache für sich und ich wollte jetzt nicht daran denken. Ich aß von den Cannelloni, die es heute gab. Eigentlich mochte ich sie. Aber ich sagte nichts weiter dazu. Hörte mit halbem Ohr auf die Stimme, die aus dem Radio kam, während Dad wieder nur dasaß und alles Reden Mom überließ. Manchmal kam er mir hilflos vor. Als wüsste er nicht, wie er es Mom recht machen sollte. Manchmal war ich aber auch wütend und fand ihn nur bequem, wenn er sich wieder mit seiner Zeitung verzog und Mom mit ihrem Ärger allein ließ. Es nervte, wenn Mom sich dann wieder bei mir ausheulen kam.

Wenn sie es nicht schafften, sich mal zu fragen, was sie überhaupt wollten, dann war ihnen auch nicht zu helfen. Wegen mir mussten sie bestimmt nichts aufrechterhalten, was gar nicht mehr war. Und das hatte ich ihnen auch schon gesagt.

Jetzt hielt ich meinen Mund. Aß nur und schaltete auf Durchzug, als Mom wissen wollte, was mit meinen Schuhen eigentlich sei und ob die über den Sommer noch hielten.

Sie fragte das nur, um mich zum Reden zu bringen. Also blieb ich diesmal stur, auch wenn ich gegen neue Schuhe vielleicht gar nichts hatte. Aber ganz sicher nicht jetzt. Und nicht so.

Ich kratzte meinen Teller leer und stand auf. Erklärte, mein Referat wartete noch.

„Welches Referat?“, wollte Mom natürlich gleich wissen. An die Schuhe dachte sie schon nicht mehr. Dad sah mich an. Ich an seiner Stelle hätte mich vielleicht mal beschwert. Dass man auf Fragen bitte antworten soll oder irgend so was. Aber Dad saß nur da, guckte und ich dachte zum wiederholten Mal, dass ich nie so werden wollte wie er. Allerdings auch nicht wie Mom.

Ich sagte kurz, worum es ging und dass ich am Nachmittag deswegen sogar bei Edvard, unserem Klassenbesten, gewesen war, dagegen hätten sie doch wohl nichts.

„Ach Luis“, seufzte Mom und ich wusste ja selbst, dass es nicht ganz fair von mir war, aber zum Reden hatte ich keine Lust.

„Lass ihn doch“, sagte Dad jetzt. Und Mom fragte: „Was mache ich denn?“ Auch sie stand vom Tisch auf, stellte die Teller zusammen und ich verdrückte mich schnell.

Ich merke schon, wie gut es ist, alles der Reihe nach zu erzählen. Schon für mich selbst. Mom sagt ja auch, man müsse durch alles durch, sonst würde man es nicht wieder los. Ich glaube, da ist was dran. Auch wenn ich dann wieder ausweichen will und alles ja auch ungerecht ist. Immerhin sind doch auch Ferien und die anderen vergnügen sich jetzt wahrscheinlich an irgendwelchen Pools oder verschlafen den halben Tag.

Ich dagegen bin wach. Selbst in der Nacht schlafe ich nicht immer gut. Schrecke manchmal hoch, weil ich wieder so wirres Zeug geträumt habe und nicht weiß, was davon Traum und was Wirklichkeit ist. Dass das Leben sich so anfühlen kann, hat mir niemand gesagt. Und ich will nicht, dass mich alles wieder neu überfällt. Besser arbeite ich mich langsam voran.

Als ich am nächsten Morgen jedenfalls auf dem Schulhof ankam, sah ich Edvard nicht weit entfernt stehen. Anders als sonst, wenn er mit den Gedanken weit weg von allem war, hob er jetzt den Kopf, sah mich an.

Ich weiß noch, dass ich fast erschrak, vielleicht fühlte ich mich ertappt, weil ich ihn insgeheim schon wieder abgehakt hatte und jetzt merkte, dass die Sache so einfach nicht war. Ich nickte ihm zu. Dann wandte ich mich wieder an Pal, der mich grinsend anstieß und dann um mein Geschichtsheft bat, die Hausaufgaben, sagte er, habe er leider nicht mehr geschafft. Ich kannte das schon, aber natürlich zog ich gleich mein Heft aus der Tasche. Kleinlich wollte ich schließlich nicht sein. Und eine Strebersau. Abgesehen davon, glaubte ich, war Pal ja mein Freund.

„Wenn ich mich mal revanchieren kann“, sagte er, nahm das Heft und ließ es eilig verschwinden, „dann sag Bescheid.“

Ich seufzte. Manchmal ging er mir auf die Nerven. Aber als Mona mit ein paar Freundinnen vorbeiflanierte, war ich ganz froh, nicht allein dazustehen. Mona schaffte es immer noch, dass mein Puls gleich wieder auf Hundertachtzig hochschnellte und ich den Faden verlor. Ich wusste einfach nicht mehr, was ich gerade gesagt hatte und wohin ich eigentlich wollte.

Sie winkte mir zu. Dann sah sie Pal, rief etwas. Und er antwortete ihr. Als wäre ich gar nicht mehr da.

„Mann, Mann!“, hörte ich ihn, als sie außer Reichweite war. „Bei der wird wohl jeder nervös.“ Er sah ihr hinterher. Dann fiel ihm ein, dass ich noch immer neben ihm stand, und er fasste nach meinem Arm. „Blöd gelaufen für dich“, murmelte er und sah mich mitleidig an.

Ich winkte ab. „Ist schon okay. Bin drüber weg.“ Mehr sagte ich nicht dazu. Auch wenn ich, als es zur ersten Stunde klingelte, aufgewühlt war. Sie war mir immer noch nicht egal. Und ich glaube, auch Pal wusste das, obwohl ihn das nicht zu stören schien. Mona war für alle da, so sah er das wohl.

Erst die Diskussion, die Edvard wenig später mit Hausmann führte, holte mich wieder raus. Ich saß neben ihm und hörte zu, wie er redete und argumentierte. Hatte Mühe, seine Gedanken komplett zu verstehen, aber sie leuchteten mir doch irgendwie ein. Genau so wie Hausmann, der wieder einmal mehr ins Schwimmen kam und Edvard schließlich Recht geben musste. Es tat mir gut, wie souverän Edvard war. Und wie wenig er seine Überlegenheit auskostete. Er war eben nicht eitel wie Pal. Er dachte einfach nur nach und das ziemlich gut und ich spürte zum ersten Mal vielleicht sogar, dass es hinter all dem, was mich bisher beschäftigt hatte, noch etwas gab.

Als Pal in der Stunde darauf dann meine Hausaufgabe vorlas und eine zwei dafür kassierte, war es mir fast schon egal. Auch wenn ich grinste, weil Pal grinste und mir einen triumphierenden Blick zuwarf. Er klappte sein Heft zu und ließ es in seiner Tasche verschwinden, in dem sich auch meins noch befand, weil er mit dem Abschreiben gerade noch rechtzeitig fertig geworden war. Beschweren würde ich mich darüber natürlich nicht, soviel war klar. Aber ich hatte in diesem Moment nicht mehr viel übrig für Pal.

Mit Edvard kam ich trotzdem bis zum Mittag nicht ins Gespräch, es ergab sich irgendwie nicht. Immer war irgendwas und außerdem hatte er wieder dieses Unnahbare an sich. Im Unterricht hatte man sowieso das Gefühl, er wäre vollkommen woanders, und in der Pause war er gleich verschwunden und kam erst zu Beginn der nächsten Stunde mit einem Buch in der Hand wieder zurück.

Es imponierte mir. Aber zugleich war da etwas, das mich abstieß. Ich wollte nicht so sein wie er und ich wollte auch bestimmt nicht in einem Atemzug mit ihm genannt werden, wo es doch auch keinen Grund dafür gab. Denn außer, dass mein Platz sich gleich neben seinem befand und wir für ein gemeinsames Bioreferat bestimmt worden waren, verband uns nicht viel, das sah man doch gleich. Ich unternahm daher auch nichts, richtete keine Fragen an ihn, packte meine Tasche am Ende der letzten Stunde und wollte mich mit dem Klingelzeichen verziehen, da fragte Edvard, wie es mit der Weiterarbeit an unserem Referat aussähe und wann es mir wieder passe.

Ich murmelte, das hätte ja noch Zeit. Sagte auch irgendwas von anderen Verpflichtungen. Am Wochenende klappe es vielleicht. Kurz nickte ich noch, dann ließ ich ihn stehen, ärgerte mich, als ich an der Treppe war, schon über mich, aber ich kehrte nicht um.

Ich lief nach Hause zurück und war froh, dass niemand, nicht einmal Greta da war. Mir war alles zuviel. Sogar ich selbst. Aber auch Pal. Und meine Gedanken an Mona. Abgesehen davon war nicht in Ordnung, wie ich mich Edvard gegenüber verhielt. Was konnte er denn dafür, dass ich immer noch an einem Mädchen hing, das sich einen Spaß daraus machte, allen möglichen Jungen den Kopf zu verdrehen? Ich konnte es immer noch nicht verstehen. Erst recht nicht, weil sie sich auch nicht scheute, das vor meinen Augen zu tun. Genauso wie Pal, den auch nicht zu interessieren schien, wie es mir damit ging. Aber ich stellte mich auch noch an, weil es mir etwas ausmachte, dass Edvard so war wie er war und nicht zu ihnen passte. Auch nicht zu mir. Er passte nirgendwohin. Dabei mussten wir aber nur das Referat über die Bühne bringen, so schwer konnte das doch nicht sein. Erst recht nicht mit Edvard, der mehr wusste, als in unserem Buch stand.

Ich aß lustlos etwas, griff nach meiner Gitarre, stellte sie wieder weg. Schaltete den Fernseher und meinen PC ein. Aber sehr viel besser wurde es nicht, bis ich irgendwann mein Handy in der Hand hielt und Edvard eine SMS schrieb.

Es dauerte zwanzig Minuten, bis ich eine Antwort von ihm bekam.

„Fühl dich nicht verpflichtet“, las ich. „Wenn du andere Termine hast, arbeite ich die restlichen Fragen allein aus, ohne dass dir ein Nachteil daraus entsteht.“

Einen Augenblick zögerte ich, weil sein Angebot zu verlockend war und außerdem war das Ganze für ihn doch ein Klacks. Aber ein Schnorrer wollte ich trotzdem nicht sein und fand ja auch, Edvard hatte noch etwas gut, wo ich so blöd zu ihm gewesen war. Also schnappte ich mir bald darauf meine Jacke, zog die Tür hinter mir zu, setzte mich auf mein Fahrrad und fuhr noch mal zu ihm.

Zeevaert, Sigrid:

Gehen, immer weiter (Leseprobe)

ISBN 978 3 522 68027 1

Einbandgestaltung: Isabel Thalmann, Buch und Grafik

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Leseempfehlung:Martin Gülich, Entschuldigen ist nicht mein Ding

Martin Gülich

Entschuldigen ist nicht mein Ding

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Blöder hätte es für Seb nicht kommen können! Während seine Freunde in den Sommerferien an coole Orte reisen, muss er seine Mutter in die Kur begleiten – ausgerechnet auf eine total langweilige Ostseeinsel. Doch zwischen den öden Strandtouristen und Kurgästen auf der Insel sticht Eine heraus: Kim. Das eigenwillige Mädchen ist so gar nicht wie die anderen, die er kennt. Und gerade das gefällt Seb an Kim. Jedoch wird ihm mit Kim an seiner Seite schnell klar: Anderssein hat immer seinen Preis ...

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