Greta - Sigrid Zeevaert - E-Book

Greta E-Book

Sigrid Zeevaert

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Beschreibung

Ein verwunschenes Haus, direkt an einem einsamen See. Hier verbringt Greta die letzten Tage der Sommerferien. Gemeinsam mit ihrer Mutter und deren Freundin Jella, die hier mit ihren beiden Kindern wohnt, seit sie aus Kenia zurückgekehrt ist. Aber Jonah, der etwa in Gretas Alter ist, scheint sich nicht im Mindesten über ihren Besuch zu freuen und verschwindet immer wieder. Hängt das mit dem Boot zusammen, das mehrmals auf dem See treibt, obwohl es gut am Steg vertäut war? Nach und nach erfährt Greta, was sich hinter all dem verbirgt und lernt, was es heißt, als unerwünschte Fremde in der Dorfgemeinschaft zu gelten. Vor allem aber erkennt sie, dass nicht nur sie mit Ausgrenzung zu kämpfen hat. Ein feinfühliger Roman über einen Sommer, der alles verändert

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 164

Veröffentlichungsjahr: 2024

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© 2023 Tulipan Verlag in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH, Neumarkter Str. 28, 81673 München.

Text: Sigrid Zeevaert

Vertreten durch die Agentur Brauer

Bilder: Ulrike Möltgen

Vermittelt durch die Agentur Susanne Koppe, www.auserlesen-ausgezeichnet.de

Satz: Tulipan Verlag, Stephanie Raubach

ISBN 978-3-641-32926-6V001

www.tulipan-verlag.de

Inhalt

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Viten

Kapitel 1

Das war ja mal wieder klar: Wochenlang habe ich darauf gewartet, dass was passiert und Mama in den Ferien doch noch mit mir irgendwohin fährt. Wo aus Paris und dem Eiffelturm ja schon nichts geworden ist. Und aus Venedig, wo man mit Gondeln über die Kanäle fährt. Auch von Südfrankreich, wo es riesige Lavendelfelder gibt und es bis zum Meer nicht mehr weit ist, hat Mama immer nur geschwärmt und wir haben es dann doch nicht gemacht. Nichts hat gepasst, weil wieder so viel Stress in der Firma war, dass Mama dachte, sie kann auf keinen Fall weg. Ihre Arbeit geht immer vor. Mama glaubt, ohne sie laufe sowieso alles schief. Bloß, was aus mir wird, interessiert sie irgendwie nicht. Da kann sie tausendmal behaupten, sie wäre vor allem doch nur froh, dass es mich gibt.

Manchmal bin ich ganz schön sauer auf sie. Weil ich so ziemlich die Einzige in der Klasse bin, die in diesem Sommer gar nicht wegfährt.

Tja, und ausgerechnet jetzt, wo Mias Vater mit uns klettern gehen will, fällt Mama ein, dass sie noch eine alte Freundin hat, die in Norddeutschland wohnt. Jahrelang haben sie nichts voneinander gehört und dann hat Mama im Internet nach ihr gesucht und sie wiederentdeckt.

»Sie hat ein Haus direkt am See, stell dir vor«, erzählt Mama aufgeregt, nachdem sie sie einfach angerufen hat. Über eine Stunde haben sie telefoniert. »Das habe ich gar nicht gewusst. Und dass sie zwei Kinder hat. Schafe übrigens auch. Und Katzen. Und einen Hund. Sie hat uns eingeladen. Wir könnten für ein paar Tage kommen.«

»Und wann?« Ich schaue Mama an. »Die Ferien sind bald vorbei.«

Mama seufzt. »Ich weiß«, sagt sie. »Wir sollten uns schnell entscheiden.« Sie holt Luft. »Wie wäre es, wenn wir gleich morgen früh losfahren würden?«

»Aber …« Ich weiß nicht, was ich sagen soll. »Und was wird dann aus unserem Klettern?«

»Ach das.« Mama schluckt. »Lässt sich das nicht verschieben?«

In meinem Kopf überschlagen sich die Gedanken. Und am liebsten würde ich sagen: »Dazu ist es zu spät.« Dabei ist ein See in Norddeutschland immerhin besser als nichts.

»Es würde uns guttun«, sagt Mama. »Meinst du nicht auch?«

Vielleicht hat sie recht. Ich finde es trotzdem gemein, dass sie erst jetzt damit kommt, und schiebe sie von mir weg, als sie mich in den Arm nehmen will. »Ich muss noch mal los«, murmele ich. »Mit Mia und Lea reden.«

Mama nickt. »Sei lieb«, sagt sie. »Und bleib nicht zu lang. Wenn wir wirklich fahren, müssen wir ja noch packen. Und …« Sie schaut mich fest an. »Verdirb es uns nicht.«

»Pff!«, mache ich und atme tief durch. Dann renne ich die Straße runter um die Ecke herum. Mia und Lea warten schon auf mich. Stolz zeigen sie mir die Powerriegel, die sie für unsere Tour eingekauft haben.

»Klar«, sage ich. »Es ist nur …« Ich brauche drei Anläufe, bis ich damit rausrücke, dass ich nicht mitklettern kann.

»Wie?«, protestiert Mia. »Das kannst du doch nicht machen?«

»Ich glaube, ich muss«, murmele ich.

»Wie ungerecht!«, stöhnt Lea auf und schlägt mit der Hand auf den Tisch. »Andererseits …« Ein Lächeln tritt plötzlich in ihr Gesicht. »Irgendwie ist es natürlich auch wieder toll. Ich meine, für dich.«

Auf einmal reden wir nicht nur übers Klettern, das sich bestimmt nachholen lässt und für das man eigentlich schönes Wetter braucht, was in dieser Woche hier gar nicht so sicher ist. Dafür ist es in Norddeutschland im Moment gut, hat Mama vorhin gesagt. Und wo ein See zwar noch kein Meer ist und Mama es mit ihren Spontanideen manchmal auch übertreibt.

»Trotzdem«, sagt Lea, »musst du da hin.«

Mia überlegt, dass so ein See doch bestimmt groß genug für uns drei ist. »Dann kommen wir einfach mit«, sagt sie und grinst.

Ich grinse auch, weil klar ist, wie sie es meint. Und weil sie und Lea wirklich meine Freundinnen sind. Wir malen uns aus, wie wir stundenlang im See schwimmen würden. Und bis auf den Grund tauchen. Und in der Sonne liegen. Und natürlich schauen, wer sonst noch da ist.

»Vielleicht gibt es am See ja auch Jungen«, seufzt Mia und guckt wieder so, wie sie nur guckt, wenn sie davon anfängt. Auch Lea fällt natürlich gleich was dazu ein.

Ich stöhne auf und verspreche trotzdem, sie über alles zu informieren. Erwähne aber nicht, dass Mamas Freundin immerhin zwei Kinder hat. Erst mal will ich sie sehen. Ein Mädchen ist zum Glück dabei. Leider ist sie jünger als ich. Mehr weiß ich nicht. Und bin froh, dass wir irgendwann von Seeungeheuern reden, auch wenn die frei erfunden sind. Im Gegensatz zu Süßwasserfischen. Mit denen kennt Mias Vater sich aus, weil er nicht nur klettert, sondern manchmal mit Tauchanzug und Sauerstoffflasche bis auf den Grund von Seen taucht.

»Da unten«, sagt Mia, »findet man alles Mögliche: Schuhe, Eisengestelle, Überreste von Booten. Und manchmal sogar einen Schatz.« Wir reden über alles, was uns gerade einfällt, und trinken Cola, die Mia aus dem Kühlschrank stibitzt hat. Dazu hat sie sogar echte Sektgläser geholt. »Sei froh, dass deine Mutter noch was mit dir macht«, sagt sie irgendwann. »Als wir auf Mallorca waren und Lea in den Bergen, hast du mir echt leidgetan.«

Bevor ich gehe, liegen wir uns in den Armen und fast heule ich los. Weil alles so plötzlich kommt und irgendwie hätte ich nicht gedacht, dass Mia und Lea so sind.

»Pass bloß auf dich auf«, gibt Lea mir noch mit auf den Weg. »Und lass dich von niemandem klauen.«

»Passiert mir schon nicht«, sage ich. Dann renne ich wieder nach Hause. Viel Zeit zum Packen bleibt ja nicht mehr.

Mama steht schon an der Tür. »Und? Fahren wir?«

»Was denn sonst«, murmele ich und atme tief durch, weil sie es sich diesmal nicht anders überlegt hat.

Die beiden Koffer stehen aufgeklappt da. Überhaupt liegt alles ganz durcheinander herum, so wie damals, als Papa noch bei uns war und wir mitten in der Nacht nach Korsika gefahren sind.

Auf einmal bin ich aufgeregt und packe meinen Rollkoffer bis obenhin voll, packe die Hälfte wieder aus, weil ich schließlich nicht nur ein Lieblingskleid habe und mich nicht entscheiden kann, welche ich mitnehmen soll. Meine Fransenjeans, die bunten Leggins und T-Shirts brauche ich ja auch. Dann eine Taschenlampe, meine Sonnenbrille, Spangen und das Buch, in dem es um einen stinklangweiligen Sommer geht, aus dem auf einmal doch noch was wird.

Der restliche Tag geht ziemlich schnell rum. Auch wenn die Zeit zugleich kriecht. Das Leben ist manchmal komisch. Wie es sich anfühlt und so. Es ist schön und tut trotzdem fast weh. Auch wegen dem Klettern und weil Mama nicht denken muss, plötzlich wäre alles mit uns wieder gut.

Als ich im Bett liege, schlafe ich nicht direkt ein. Obwohl ich die Augen zudrücke und die Luft anhalte wie bei einem Schluckauf. Dann zähle ich los. Von eins bis fünfzig und wieder zurück. Als ich fertig bin, erfinde ich einen Witz, der allerdings nicht wirklich lustig ist, jedenfalls lache ich nicht.

Ich ziehe mein Smartphone noch mal aus der Tasche, obwohl Mama mir verboten hat, es im Bett zu benutzen. Dabei dürfen Mia und Lea das auch. Zum Glück ist Mama noch mit Packen und Blumen-Rausstellen beschäftigt. Außerdem gibt es heute dafür einen Grund. Da soll Mama nur mal kommen und es mir wegnehmen, wenn sie mich damit erwischt. Ich atme tief durch.

Mia hat geschrieben: Schläfst du schon, Greta??? Wenn nicht, denk bitte daran, von ALLEM zu schreiben, was du erlebst. Jede Menge Herzchen und Smileys hat sie dazu geschickt.

Mach ich bestimmt, schreibe ich zurück und schicke einen Mond und leuchtende Sterne. Ehrlich gesagt vermisse ich euch jetzt schon. Ich schiebe das Smartphone unter mein Kopfkissen. Nach kurzer Zeit brummt es noch mal.

Lea tröstet mich, dass die Zeit bestimmt schnell vergeht und sie es trotzdem schön findet, was ich geschrieben habe und dass sie mich auch schon vermisst und ich Fotos vom See schicken soll. Und natürlich vom Haus und den Tieren.

Das mache ich aber nur, wenn ich auch von euch welche bekomme.

Lea verspricht es.

Mia verspricht es.

Wir schreiben hin und her und es kommt mir fast vor, als wären wir in einem Raum, dabei bin ich allein und alles ist still.

Irgendwann schlafe ich doch ein, was ich aber erst merke, als Mama an meinem Bett steht. Draußen wird es schon hell.

»Aufstehen!«, flüstert sie. »Es ist Zeit.«

Es ist viel zu früh. Ich bin wirklich müde. Reibe mir die Augen. Mein Smartphone fällt mir wieder ein. Unauffällig suche ich danach, schiebe meine Hand schließlich darüber, dabei hat Mama es anscheinend gar nicht bemerkt.

Ich warte trotzdem, bis sie zur Tür raus ist, dann rutsche ich aus dem Bett und ziehe mir meinen Lieblingsrock an und das T-Shirt mit dem Blumenmuster, das ich mir zurechtgelegt habe. Dazu eine Jacke, es ist ja noch kühl.

Unsere beiden Koffer stehen fertig gepackt an der Tür. Auf dem Küchentisch wartet eine Tasse Milch auf mich. Daneben steht eine Tasse Kaffee für Mama. Alles ist irgendwie schön und so, wie es lange nicht war. Gleich fahren wir los.

Die Zugfahrt dauert ewig, dabei hat Mama sich richtig Mühe gegeben und Rätselhefte, Kartenspiele und überhaupt jede Menge zu essen eingepackt: Brötchen, Äpfel, süße Waffeln, Lakritze, Gummibärchen und lauter Sachen, die es normalerweise nicht bei uns gibt, weil sie ja eigentlich ungesund sind. »Ausnahmen müssen sein«, hat Mama gesagt und außerdem schmecken sie nun mal. Mein Mund ist schon ganz verklebt. Ich kann trotzdem nicht damit aufhören und außerdem finde ich, habe ich es verdient, auch wenn Mama irgendwann sagt: »Mach lieber mal halblang, sonst wird dir noch schlecht.«

Das will ich ganz bestimmt nicht riskieren. Also drücke ich meine Stirn gegen die Scheibe und gucke in die Landschaft, die an uns vorbeifliegt, bis mir fast schwindelig wird.

Als das Handy wieder brummt, nehme ich es aus der Tasche. Mia hat Fotos vom Regen geschickt. Dazu hat sie geschrieben: Ich hoffe, du hast mehr Glück als wir.

Klar, dass ich ihr gleich ein Foto von den Wiesen schicke, an denen wir vorbeikommen. Lauter Kühe grasen darauf. Hier ist alles cool, schreibe ich dazu.

Dann meldet sich Lea: Wenn wir Pech haben, können wir das Klettern morgen vergessen. Aber mal was anderes: Hast du letzte Nacht was geträumt? Ich schon. Willst du wissen was? Ein Junge kam darin vor. Zwei Riesenaugen schickt sie dazu. Ich schreibe natürlich zurück und behaupte, dass ich in der Nacht einen Albtraum von einer Verfolgungsjagd hatte. Von einem Jungen schreibe ich nichts. Dafür versuche ich, ein Video aus dem fahrenden Zug zu machen. Es ist so wackelig, dass man nichts erkennt, und ich lasse es bald wieder sein. Außerdem guckt Mama bestimmt zum zehnten Mal und sagt: »Steck das Ding bitte weg! Das muss doch nicht immer sein.«

Kurz überlege ich, ob ich einfach weitermachen soll. Schon weil ich ja immer noch ein bisschen sauer auf sie bin. Mama versteht eben nicht, wie wichtig das mit Mia und Lea für mich ist und was es heißt, dass ich mich auf sie verlassen kann und sie sich auf mich. Aber dann will ich nicht so sein und das Handy verschwindet in meiner Tasche.

Und bald darauf steigen wir ja auch aus, stehen an einem fremden Bahnhof, bevor wir mit einem Regionalexpress weiterfahren. Die Landschaft wird irgendwie anders. Viel flacher und grüner, auch die Häuser sind nicht wie bei uns. Keine Ahnung, wie ich es beschreiben soll. Jedenfalls mag ich es. Trotzdem fallen mir die Augen irgendwann zu. Kurz schlafe ich sogar ein. Als ich aufwache, sind da Seen, ganz nah fährt der Zug manchmal an ihnen vorbei.

»Ist das schön!«, seufzt Mama und legt ihren Arm um mich.

Ich sage nichts. Schließlich sind wir noch gar nicht am Ziel und wissen nicht, wie es bei Mamas alter Freundin in diesem Haus am See überhaupt ist und ob sie sich jetzt noch verstehen und man mit ihren Kindern was anfangen kann. Nicht mal Fotos habe ich bisher von ihnen gesehen. Und außerdem kann Mama sich ihre Spontanideen demnächst sparen und zur Abwechslung früher darauf kommen, dass sie mit mir noch wegfahren will. Dann hätte ich wenigstens Zeit gehabt, mich ein bisschen zu freuen.

»Ach du meine Güte!«, sagt sie, als sie zufällig auf die Anzeige schaut. »An der nächsten Station müssen wir ja schon raus!«

In Windeseile packen wir unsere Sachen und schaffen es gerade noch auf den Bahnsteig von irgend so einem Kaff, bevor der Zug ohne uns weiterfährt. Wir schauen uns um. Ganz allein stehen wir da. Niemand ist gekommen, auch keine Freundin von Mama, die sich darauf freut sie wiederzusehen.

Mama sucht nach dem Zettel, auf dem sie die Adresse und Handynummer notiert hat. Sie schüttelt den Kopf. »Im Ort geirrt haben wir uns hoffentlich nicht«, murmelt sie.

Ich sage nichts. Denke mir nur, dass mich das nicht wundern würde. Erstens wegen Mama und zweitens wegen mir und weil ich vielleicht doch ein Pechvogel bin. Immer passiert im letzten Moment noch etwas und versaut wieder alles. Vor allem dann, wenn ich gerade das Gefühl habe, jetzt fängt es an.

»Komm!«, sagt Mama. »Bestimmt gab es einen Stau. Oder mit Jellas Auto war irgendwas.«

Ich laufe mit meinem Koffer neben ihr her Richtung Treppe, da hören wir Schritte näher kommen und Stimmen, die irgendwas rufen. Eine Frau mit blonden Wuschelhaaren rennt uns entgegen. Mir ist gleich klar, dass sie Mamas Freundin Jella sein muss. Wo hinter ihr jetzt zwei Kinder auftauchen, ein Junge und ein Mädchen. Allerdings frage ich mich, ob das wirklich ihre sind. Sie sehen so anders aus, ihre Haut ist ziemlich dunkel, wahrscheinlich kommen sie nicht von hier.

»Wie schön, dich zu sehen!«, seufzt Mama erleichtert und läuft mit ausgebreiteten Armen auf Jella zu. »Du hast dich gar nicht verändert!«

»Du aber auch nicht«, keucht diese Jella und drückt Mama an sich. »Gut siehst du aus! Etwas blass vielleicht, aber das ändert sich schnell hier.«

Sie scheinen sich wirklich zu freuen und vergessen darüber glatt, dass da noch drei Kinder rumstehen, die nicht so ganz wissen, wo sie überhaupt hingucken sollen. Wenigstens mir geht es so. Und den anderen wohl auch. Nur kurz schaue ich zu ihnen hin und gleich wieder weg. Weil ich sie mir vollkommen anders vorgestellt habe.

Sie heißen Jonah und Jamila oder so was in der Art. Ganz sicher bin ich mir nicht, ob ich ihre Namen richtig verstehe, als Jella sie uns endlich sagt. »Und du bist also Greta?« Sie gibt mir die Hand.

Ich nicke. Und zucke die Achseln. Irgendwie ist alles fremd. Wo Jonah und Jamila mich auch so ansehen, als wüssten sie nicht, was sie von mir halten sollen. Vielleicht sprechen sie nicht mal deutsch.

Jamila ist fast einen Kopf kleiner als ich. Jonah ist ungefähr gleich groß. Keine Ahnung, ob wir auch gleich alt sind, aber danach frage ich ihn jetzt nicht. Sonst denkt er noch, es wäre mir wichtig. Dabei bin ich erst mal nur froh, überhaupt hier zu sein und nicht länger auf dem Bahnhof herumzustehen und mich zu fragen, ob Mama richtig hingehört hat, weil sie mit ihren Gedanken wieder anderswo war. Manchmal passiert ihr das ja. Bei mir sogar ziemlich oft, weil sie den Kopf mit Tausend Sachen voll hat. Jetzt fängt sie gleich an zu reden und fragt Jella aus.

Ich bleibe still. Halte die Luft an, als wir im Auto sitzen, weil es so eng auf der Rückbank ist. Mein Blick streift durch den Wald, während Jella von einem alten Freund erzählt, der überhaupt schuld daran ist, dass sie hier gelandet sind. »Als wir von Kenia kamen, wussten wir erst mal gar nicht, wohin.«

Ich schaue rüber zu ihr. Dann zu Jamila und Jonah, die noch immer nichts sagen, genauso wie ich. Vielleicht finden sie mich ja blöd? Und überhaupt wären sie bestimmt viel lieber in Kenia geblieben. Wenn mich nicht alles täuscht, gehört das zu Afrika und bestimmt ist es heiß da und aufregend und so.

Hier ist es auch nicht unbedingt schlecht, schon wegen dem Wald und den Seen. Und weil schließlich Sommer ist und wir doch irgendwo anders sind als zu Hause, Mama und ich.

Die Straße führt jetzt um eine scharfe Kurve herum. Jella fährt ziemlich schnell. Ich halte mich am Türgriff fest, damit ich nicht halb auf Jamila lande, und bin froh, als wir bald das Dorf erreichen, von dem Jella sagt: »Hier sind wir zu Hause.« Etwas leiser fügt sie hinzu: »Zumindest wohnen wir hier. Manchmal fühlen wir uns noch etwas fremd.«

»Aber das ändert sich doch bestimmt noch?«, fragt Mama gleich nach.

Jella lächelt. »Jaja.«

Sehr viel langsamer fahren wir jetzt die Hauptstraße entlang und sind aus dem Dorf fast wieder raus, da taucht ganz am Ende ein kleines Haus auf, das zwischen wilden Büschen, Blumen und Bäumen beinahe verschwindet. Das Gras hinter dem Haus steht ziemlich hoch. Und dann ist da der See. Er ist riesig und ich schnappe erst mal nach Luft, als Jella sagt: »Den gibts zum Haus gratis dazu.«

»Ja aber …« Auch Mama verschlägt es die Sprache. Sie schüttelt ungläubig den Kopf. Setzt dreimal an, bevor sie fragt: »Den habt ihr nicht für euch?«

»Für uns ganz allein!«, meldet Jamila sich jetzt neben mir. Sie ist ziemlich stolz. Aber das kann ich auch verstehen. Weil es ja wohl nichts Schöneres gibt. Ich fasse es nicht. Und finde mich, ganz nebenbei, ja auch echt blöd, weil ich gedacht habe, sie könnten kein Deutsch. Zum Glück habe ich das nicht gesagt.

Jella schaltet den Motor aus. Und weil ich noch immer nicht glauben kann, wo wir hier sind, vergesse ich glatt, dass ich aussteigen muss. Bis Jamila mich sanft von der Seite anstößt und kichernd sagt: »Wir sind da. Weiter fahren wir heute nicht mehr.«

Kapitel 2

Am liebsten würde ich gleich Fotos vom Haus und allem hier machen. Mia und Lea warten garantiert schon darauf und würden sich ja auch wundern, wenn sie sehen könnten, wie hier alles ist. Nicht nur wegen dem See und der Wiese, sondern auch wegen dem, was es im Haus sonst noch gibt. Schon die Möbel und kleinen Figuren sind irgendwie witzig. Manche halten mit den Zehen irgendwas fest oder sind einfach nur schön, sodass man fast lächeln muss, wenn man sie sieht.