11,99 €
Flussabenteuer meets Familienkrise
Im hektischen Alltag der Eltern ist kaum Platz für die achtjährige Nuria. Sie bemüht sich, nicht anzuecken, auch wenn immer wieder was schief läuft. Und so stimmt sie zu, die Ferien bei ihrer eigensinnigen Oma zu verbringen, die sie seit langem nicht gesehen hat, während ihre Eltern mit einem Urlaub zu zweit ihre Ehe retten wollen.
Völlig überraschend nimmt Oma Ella Nuria mit auf ihren alten Lastenkahn, um einen Auftrag zu erledigen. Und so beginnt eine abenteuerliche Reise den Fluss entlang. Auch wenn alles fremd für Nuria ist, ist sie entschlossen, sich zu bewähren. Und ihrer Oma, die ihr nichts zutraut, die Stirn zu bieten. Als ein Unwetter den Kahn in Not bringt, ist Nurias Gelegenheit gekommen, zu beweisen, wozu sie fähig ist.
Ein Buch über Mut und Selbstbestimmung, die Begegnung mit der Natur und das Miteinander der Generationen.
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 169
Veröffentlichungsjahr: 2025
Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.
Der Verlag behält sich die Verwertung der urheberrechtlich geschützten Inhalte dieses Werkes für Zwecke des Text- und Data-Minings nach § 44b UrhG ausdrücklich vor. Jegliche unbefugte Nutzung ist hiermit ausgeschlossen.
Copyright © 2025 Tulipan Verlag
in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH
Neumarkter Straße 28, 81673 München
(Vorstehende Angaben sind zugleich Pflichtinformationen nach GPSR)
Text: Sigrid Zeevaert
Vermittelt durch die Agentur Brauer
Bilder: Eleanor Sommer
ISBN 978-3-641-33291-4V001
www.tulipan-verlag.de
Inhalt
1. Allein zu Hause
2. Für immer und ewig
3. Alles geht wieder mal schief
4. Wo sie doch zu ihnen gehört
5. Und was wird dann mit ihr?
6. Burger
7. Oma Ella
8. Ein Vogel namens Elvira
9. Auf der Madame
10. Braver Hund
11. Leine und Poller
12. Chaaar-lyyyyy!
13. So eine Sauerei
14. Da mag dich wohl einer
15. Weiter über den Fluss
16. Naturtalent
17. Auf dem Hausboot von Sali und Rob
18. Funkelnde Sterne
19. Wie Elvira zu Oma Ella kam
20. Was fällt dir ein?
21. Donner und Blitz
22. Halt an!
23. Im Wald
24. Eine Pferdedecke
25. Dann geh ich eben allein
26. Im Heu
27. Die hat ihre besten Jahre doch auch hinter sich
28. Kindermädchen
29. Könnte ich nur auch ein Huhn sein!
30. Schaufel und Eimer
31. Auf und Ab
32. Wir sind doch noch gar nicht am Ziel!
33. Hopp, Madame!
34. Kommt bald wieder!
1. Allein zu Hause
Nuria kann gar nicht mehr aufhören zu malen. Sie sitzt tief über ihr Bild gebeugt am Küchentisch und vergisst fast, dass Papa auch noch da ist. Er rennt um sie herum, als hätte ihn was gebissen. Eine Spinne oder ein Floh.
Kurz blickt sie auf und fragt sich, ob sie lachen soll. Manchmal macht Papa Quatsch und tut nur so, als ob. Jetzt ist er gestresst und Nuria guckt lieber wieder auf ihr Bild.
Eine knallgrüne Wiese leuchtet darauf. Das Gras steht ziemlich hoch. Wilde Blumen wachsen überall. Mittendurch fließt ein Fluss. Und es gibt hohe Bäume mit Vogelnestern darin. Und Büsche. Davor steht ihr Haus mit den roten Backsteinen, in dem sie mit Mama und Papa wohnt. Es ist ziemlich groß. Mama und Papa stehen an der Eingangstür. Fast hätte Nuria vergessen, dass sie ja auch dazugehört. Sie quetscht sich gerade noch rein. Hauptsache, man erkennt sie überhaupt.
Sie legt den Kopf schief und überlegt, was noch fehlt. Papas Taxi vielleicht? Er fährt es fast jeden Tag und manchmal auch in der Nacht. Mamas Labor mit den vielen Boxen und Gläsern muss natürlich auch noch aufs Bild. Für das Projekt arbeitet sie viel. Nurias Schule kann man ganz weit im Hintergrund sehen. Nuria seufzt. Vielleicht wird sie ja mal eine richtige Künstlerin. Sie malt Papas Schlüssel, den er wieder sucht, auf die Wiese. Papa vergisst oft, wo er seine Sachen abgelegt hat. Weil er mit den Gedanken wieder anderswo ist und alles gleichzeitig erledigen will.
»Hilf mir doch mal«, sagt er jetzt. »Ich dreh sonst noch durch.«
Klar, da lässt Nuria das Bild kurz mal liegen und rutscht schnell vom Stuhl. Sie bückt sich und schaut unter den Tisch. Dann legt sie sich flach auf den Bauch und kriecht halb unter den Schrank. Richtet sich wieder auf und blättert sämtliche Zeitungen durch. Ein ganzer Haufen hat sich angesammelt, weil wieder niemand zum Aufräumen kam. Mama und Papa haben eben viel um die Ohren. Aber daran ist Nuria ja gewöhnt und es macht ihr auch nichts.
Nur blöd, dass Papa sich ausgerechnet jetzt noch nach ihren Hausaufgaben erkundigen muss.
»Sind alle erledigt«, murmelt sie. Wegen ihr müsste er sie gar nicht mehr fragen. Schließlich kriegt sie es auch allein gut hin.
Sie will schon weitersuchen. Unter den Stuhlkissen und in der Ritze vom Sessel, der in der Ecke steht. Da sagt Papa: »Dann hol mal dein Heft!«
Nuria überlegt, ob sie protestieren soll. Aber dann saust sie doch lieber los. Weil Papa es sonst vielleicht nicht pünktlich zur Arbeit schafft. Seine Nachtschicht fängt bald an. Und vielleicht freut er sich ja, wenn er die Geschichte liest, die sie sich ausgedacht hat. Über ihr Lieblingstier sollten sie schreiben.
Nuria konnte sich gar nicht entscheiden. Weil sie mehrere gleichzeitig hat: Elefanten und Wale, Delfine, Katzen, Vögel, Spinnen und Schlangen. Manchmal auch Giraffen. Die Geschichte wurde echt lang und war ganz schön verzwickt.
»Soso«, sagt Papa, als er alles gelesen hat. »Lieblingstier müsste man sein. Wenigstens eins von den vielen.« Er zwickt sie in die Wange und seufzt. Dann fällt ihm der Schlüssel wieder ein und er drückt Nuria das Heft in die Hand. Sucht und schimpft dabei vor sich hin.
Nuria schimpft auch, nur so zum Spaß. Weil man das mit Papa gut kann. Jedenfalls so lange, bis das Telefon klingelt.
Papa geht ran. »Ja!«, ruft er und gibt Nuria ein Zeichen, mal in der Ecke zu suchen.
Nuria rutscht auf den Knien herum. Sie kann sich ja schon denken, wer am anderen Ende ist. Weil Papa nur mit Mama so spricht.
»Das dachte ich mir schon«, hört sie ihn jetzt. »Dann wird es wohl wieder spät.«
Blitzschnell geht ihr Blick noch mal im Zimmer herum und bleibt an der Obstschüssel hängen. Zwischen den Äpfeln blinkt etwas. Nuria stürzt hin. »Ich hab ihn!«, ruft sie. »Papa! Dein Schlüssel!« Sie klimpert damit.
Aber Papa guckt halb durch sie hindurch. »Tut mir wirklich leid«, sagt er ins Telefon. »Ich muss auch gleich los. Was soll ich machen?« Er nimmt den Schlüssel und steckt ihn ein. Nickt Nuria hastig zu. »Ja«, sagt er dann. »Es wird wohl nicht anders gehen.« Er wendet sich wieder ab, redet noch ein bisschen mit Mama.
Nuria setzt sich zurück an den Tisch und malt weiter ihr Bild.
Sie weiß sowieso längst, worum es geht. Wenn es bei Mama im Labor spät wird und Papa gleich losmuss.
Sie sucht nach dem Gelb und dem Orange für die Sonne in ihrem Bild. Auf die andere Seite malt sie den Mond.
Garantiert soll sie eine Zeit allein zu Hause bleiben.
Papa drückt ihr das Telefon schnell noch mal ans Ohr.
»Schatz!«, ruft Mama. »Es gibt ein Problem im Labor und ich komm nicht weg. Machst du dir dein Abendbrot heute mal selbst?«
Nuria schluckt. »Mmh«, sagt sie. »Krieg ich schon hin.« Auch wenn sie es nicht unbedingt mag.
»Und geh bitte pünktlich ins Bett.«
»Ja, ja.«
»Ist sonst alles gut? Es tut mir so leid. Ich hätte es viel lieber früher geschafft.«
Nuria hört, wie Mama seufzt. Und einen Augenblick überlegt sie, ob sie Mama von der Schule und allem erzählen soll, obwohl … Irgendwie passt es jetzt nicht. Außerdem nimmt Papa ihr den Hörer schon wieder ab und sagt: »Schön, dass du das machst.« Auch zu Mama sagt er noch was. Dann rennt er wieder herum. Irgendwas braucht er wieder ganz unbedingt. Und telefonieren muss er noch mal schnell. Und weiß zu allem Überfluss nicht mehr, wo er sein Portemonnaie mit dem Wechselgeld abgelegt hat. »Ohne das kann ich nicht fahren«, stöhnt er und rauft sich die Haare.
Nuria räumt die Stifte und den Malblock vom Tisch. Sie würde ihm ja gern helfen. Nur weiß sie gerade nicht, wie. Da zieht er das Portemonnaie auch schon aus seiner Jackentasche und sagt: »Irgendwann verliere ich noch den Kopf.« Einen Moment lang schaut er sie an. »Und du kommst wirklich zurecht?«
»Klar«, sagt sie. Papa ohne Kopf will sie sich lieber nicht vorstellen.
»Ruf an, wenn irgendwas ist. Versprichst du mir das?« Er schaut sie fest an und sie ihn. Dann fliegt die Tür auch schon hinter ihm zu. Und alles ist still.
Nuria geht zum Fenster und wartet. Bis Papa unten auf der Straße auftaucht. Viel kleiner sieht er jetzt aus. Wie immer geht er sehr schnell. Bevor er in sein Taxi einsteigt, schaut er noch mal zu ihr hoch. Und er winkt.
Sie winkt zurück. Winkt immer noch, als das Taxi schon um die Ecke gebogen ist.
Tief atmet sie durch. Sie horcht in die Wohnung, ob sie nichts Verdächtiges hört. Dann läuft sie durch den Flur, bleibt wieder stehen. Rührt sich nicht mehr. Wagt sich bis zur Wohnungstür und späht durch den Spion ins Treppenhaus.
Irgendwie fühlt sie sich anders als sonst. Sie ist ganz allein. Niemand ist da, der ihr hilft, falls draußen jemand lauert und sie überfällt. Nurias Herz schlägt schneller als sonst, wenn sie nur daran denkt.
»Was für ein Quatsch«, sagt sie zu sich selbst. Sie läuft in die Küche, macht ein paar Schranktüren auf und drückt sie wieder zu.
Zum Angsthaben hat sie keinen Grund. Wo es Millionen Kinder gibt, die gerade allein zu Haus sind. Außerdem ist es noch lange nicht Nacht.
Nuria huscht ins Wohnzimmer, schaltet den Fernseher ein und guckt irgendwas. Als es spannend wird, drückt sie das Bild schnell wieder weg.
Dann steht sie im Bad und schnuppert an Mamas Parfüm. Steckt sich die Haare zusammen und stellt sich vor, eine erwachsene Frau zu sein und eine eigene Wohnung zu haben. Vielleicht auch einen Mann, obwohl …
Nuria lässt die Haare wieder auf die Schultern zurückfallen. Wer weiß, was ihr im Leben noch alles passiert. Eines Tages findet sie vielleicht wirklich einen Mann, den sie liebt. Und er sie. Sie kichert ihr Spiegelbild an und zieht eine Grimasse. Dann saust sie ins Schlafzimmer von Mama und Papa. Öffnet den Kleiderschrank. Zieht zwei, drei Sachen heraus. Probiert sie gleich an. Auch ein Abendkleid von Mama, das bis zum Boden reicht.
Nuria dreht sich darin, lächelt und murmelt: »Guten Tag, meine Dame, hat es Ihnen auch so gut gefallen?«
»Oh ja!«, antwortet sie sich gleich selbst und tupft sich noch etwas Parfüm auf den Hals. »Ich kann Ihnen sagen!« Mit fremder Stimme redet sie weiter.
Als sie das Kleid dann wieder ausziehen will, hängt der Reißverschluss fest. Sie zieht und zerrt daran. Ihr wird schon ganz heiß. Zum Glück kriegt sie es aber doch irgendwie hin. Steigt aus dem langen Kleid wieder raus. Hängt es zurück in den Schrank.
Bald darauf sitzt sie in der Küche vor einem Brot, das sie dick mit Frischkäse bestreicht.
Alles ist gut. Oder jedenfalls fast. Das Brot schmeckt immerhin. Nuria isst noch zwei weitere. Und sie guckt im Kühlschrank nach, ob es zum krönenden Abschluss etwas Besonderes gibt.
Dann sitzt sie da. Merkt, wie sie müde wird. Aber ins Bett will sie nicht. Hat Angst, dass es ihr dann zu still ist und sie nicht einschlafen kann. Und dass sie, wenn doch, lauter Albträume bekommt.
Sie streckt sich auf dem Sofa im Wohnzimmer aus. Schließt die Augen. Reißt sie aber gleich wieder auf, als sie hört, wie ein Schlüssel ins Schloss gesteckt wird.
Dann ist da Mama. »Nuria!«, ruft die halblaut durch den Flur. »Es tut mir so leid. Bist du noch wach?«
Nuria rekelt sich. Irgendwie war sie vielleicht doch schon halb in ihrem Traum. »Mmh«, murmelt sie. Im Flur hört sie Mama reden. Vom Labor und davon, was alles schiefgelaufen ist. Sie kam einfach nicht schneller weg. »Es war die reinste Katastrophe.« Mama seufzt.
»Ist doch nicht schlimm«, murmelt Nuria. Dabei ist das nur halb wahr, ein bisschen schlimm war es schon. Nuria stellt sich eben immer gleich alles Mögliche vor. Manches davon war ja aber auch gut.
»Ich geh mal ins Bett«, sagt sie und gähnt.
»Oh ja«, seufzt Mama. »Da gehörst du längst hin. Hast du deine Schwimmsachen für morgen gepackt?«
Nuria nickt. Und sie denkt lieber nicht weiter daran, was morgen alles ist.
Dafür drückt Mama sie jetzt noch mal fest. »Ach, Schatz. Da hab ich dich heute wieder nur zwischen Tür und Angel gesehen.«
Was sie mit Angel meint, fragt Nuria nicht. Sie verschwindet im Bad, putzt sich die Zähne und liegt bald schon im Bett.
Morgen ist wieder ein neuer Tag, da hat Mama ganz recht.
2. Für immer und ewig
Eigentlich mag Nuria alle Tage. Nur den Dienstag nicht so. Dabei geht Nuria gern in die Schule. Schon weil da ihre Freundinnen sind und überhaupt alle anderen aus ihrer Klasse. Nuria stört es nicht, dass der Unterricht manchmal langweilig ist. Bis auf Sachkunde, das ist immer gut. Und Malen und Gestalten. Einmal in der Woche haben sie aber auch Schwimmunterricht. Und dagegen hat Nuria etwas. Nicht wegen dem Schwimmen, das sie eigentlich mag. Aber Springen will sie eben nicht.
Vielleicht hat sie heute ja Glück und Frau Schnabel sieht sie gar nicht.
Immer wieder an diesem Morgen guckt Nuria auf die Uhr.
In der Schwimmhalle drückt sie sich erst mal am Beckenrand rum. Schwimmt zwischendurch auch mal kurz. Steht dann wieder da.
»Worauf wartest du?«, fragt Frau Schnabel, als sie sie alle zum Einmeterbrett schickt.
Nuria kennt das schon. Wenn auf einmal nur noch Pudding in ihren Beinen ist. »Auf nichts«, murmelt sie.
»Na, dann los!«
Nuria nickt und geht zögernd am Becken entlang. Auf der Nachbarbahn sieht sie ein paar Omas ihre Schwimmübungen machen. Die haben es gut, denkt sie, weil niemand sie scheucht.
Dann ist sie auf dem Brett. Erst noch ganz hinten. Und leider viel zu schnell weiter vorn. Sie weiß selbst nicht, warum sie es nicht kann. Eben springen. Jedes Mal denkt sie daran, dass sie es nicht rechtzeitig wieder an die Wasseroberfläche hochschafft. Weil sie zum Beispiel ohnmächtig wird und dann ertrinkt.
Ihre Knie gehorchen ihr nicht so ganz. Vielleicht zittert sie auch. Alles wankt.
»Spring!«, ruft Tina ihr zu.
»Ja, ja.« Nuria nickt und steht immer noch da.
Die halbe Klasse ruft jetzt und guckt. Auch Carlotta, die sowieso alles viel besser kann. Jedenfalls, wenn es ums Schwimmen und Sich-was-Trauen geht.
Nuria holt tief Luft. Sie will ja, aber sie will auch irgendwie nicht. Jedenfalls jetzt nicht. Später vielleicht.
Stück für Stück geht sie wieder zurück, bis sie bei der Leiter ist.
Der Rest passiert von allein. Sie hört die anderen reden, als sie die wenigen Sprossen runtersteigt. »Was ist denn daran so schwer?«
Nuria wünschte, sie wäre weit weg. Nur leider ist sie immer noch hier. Mit klopfendem Herzen sitzt sie wieder am Beckenrand und schaut den anderen beim Springen zu. Selbst Viola kriegt es hin. Obwohl die sonst immer ein riesiges Theater macht. Und sie ist ja auch eine von denen, die gar nicht erst zum Dreimeterbrett gehen.
»Hey!«, ruft Carlotta. »Dann springen wir eben zusammen!« Sie winkt Tina zu. Die kommt gleich an. Dabei will Nuria gar nichts mehr, obwohl … Eigentlich ist sie doch nicht so und traut sich auch was. Nur jetzt ist alles blöd. Und die nächste Tür, durch die sie rennen und sich davonmachen kann, ist viel zu weit weg. Außerdem hat sie den Kabinenschlüssel gar nicht und kommt an ihre Sachen nicht ran. Sie kann jetzt nicht einfach gehen. Auf einmal klatschen alle auch noch und feuern sie an: »Nu-ri-aaaa!«
Ihre Beine fühlen sich fremd an. Als gehörten sie gar nicht zu ihr. Aber diesmal sind Tina und Carlotta dabei. Unauffällig schieben sie sie über das Einmeterbrett. Bis dahin, wo man nur noch Wasser sieht.
»Also, was jetzt?«, hört Nuria Carlotta hinter sich.
Und Tina verspricht: »Es passiert dir schon nichts.«
Nuria weiß selbst, wie albern es ist. Sie hält die Luft an und … springt. Alles gluckst und ist dumpf. Sie sieht ein Bein, das ihr nicht gehört.
Dann taucht sie wieder auf. Sie verschluckt sich und muss husten. Aber sie hört auch das Klatschen. Und sie sieht die Gesichter der anderen und versteht es selbst ja nicht mehr. Wovor hatte sie Angst?
Mit hastigen Zügen schwimmt sie zur Leiter zurück, steigt aus dem Becken. Alles ist irgendwie leicht und gar nicht mehr schlimm.
In der Umkleidekabine reden sie darüber, wie toll es war.
Nuria seufzt. Und sie ist froh, dass sie solche Freundinnen hat.
Auf dem Nachhauseweg lassen sie sich an diesem Tag besonders viel Zeit. Sie schlendern nebeneinanderher und gehen sogar noch mal durch den Park. Gucken am Weiher den Enten zu. Werfen ihnen Brotstücke hin.
»Wenn ich Flügel hätte, würde ich um die ganze Welt fliegen«, seufzt Nuria.
»Nur leider hast du keine«, erwidert Tina darauf.
»Dafür hast du uns«, stellt Carlotta fest.
Sie schauen sich alle drei an. Sie kennen sich wirklich schon lange und außerdem gut. Und sie wissen, was sie aneinander haben. Und dass sie eben Freundinnen sind.
Ganz feierlich ist ihnen auf einmal zumute. Auch weil Carlotta jetzt sagt: »Wir bleiben für immer zusammen und verlieren uns nie.«
Sie legen die Hände übereinander und stehen einen Augenblick da. Sagen kein Wort.
Über ihnen im Baum schreit ein Vogel. Sie müssen alle drei lachen. Der tut ja schon so, als gehörte er mit dazu.
3. Alles geht wieder mal schief
Das letzte Stück Weg bis nach Hause geht Nuria allein. Ihre Laune ist längst wieder gut. Obwohl sie Hunger hat und sich schon fragt, was es zu essen gibt. Kartoffelgratin mit ganz viel Käse darauf, was eine von Papas Spezialitäten ist? Oder Pizza mit Mozzarella, Spinat und Tomaten? Das macht Mama immer, wenn es schnell gehen muss. Und schnell gehen muss es eigentlich immer. Aber es schmeckt ja auch gut.
Nuria seufzt. Hauptsache, es gibt bald irgendwas, denkt sie. Sonst fällt sie noch um.
Als sie vor der Haustür steht, drückt sie gleich dreimal hintereinander die Klingel. Sie hält es fast nicht mehr aus.
Trotzdem bleibt die Tür vor ihr zu. Kein Türdrücker summt. Nuria klingelt noch mal. Sie legt den Kopf in den Nacken und schaut zum Fenster hoch. Anscheinend ist niemand da. Kein Papa, keine Mama und ja nicht mal sie selbst.
Kurz denkt sie nach. Zieht dann ihr Handy aus der Tasche, das eigentlich für Notfälle gedacht ist. Aber dieser Moment zählt ja wohl eindeutig dazu. Vor Hunger ist ihr fast schon schwindelig. Nuria drückt Mamas Nummer und wartet. Aber Mama geht gar nicht ran. Wahrscheinlich hat sie wieder eine Besprechung in ihrem Labor. Nuria versucht es bei Papa. Aber auch der hat anscheinend gerade anderes zu tun.
»Mist«, murmelt sie halblaut vor sich hin. Sie hockt sich auf die Eingangsstufen vorm Haus. Auf der Straße ist ziemlich viel los. Nur von Papas Taxi und Mamas Fahrrad ist nichts zu sehen.
Dafür bimmelt ihr Handy plötzlich. Es ist Mama. »Nuria, Schatz!«, ruft sie. »Ist irgendwas?«
»Ich komm nicht rein«, murmelt Nuria.
»Oh nein!« Mama stöhnt auf. »Ist Papa nicht da? Er ist heute zuständig für dich. Was machen wir bloß? Ich komm hier nicht weg.«
Nuria verzieht das Gesicht. »Ist doch nicht schlimm«, murmelt sie. »Papa taucht bestimmt irgendwann auf.«
»Heißt das, du hast ihn gar nicht erreicht? Soll ich es noch mal probieren?«
»Nein, lass.« Nuria bereut schon, dass sie bei Mama angerufen hat. Weil die sich jetzt wieder stresst. Dabei hat Nuria doch nur Hunger. Und sie will nicht den ganzen Nachmittag vor der verschlossenen Tür sitzen bleiben.
»Hör zu«, seufzt Mama jetzt. »Ich mach mich auf den Weg. Ich krieg das schon irgendwie hin.«
Nuria will protestieren. Aber da ist das Gespräch schon wieder weg.
Unruhig zieht sie ein Heft aus der Tasche und fängt mit den Hausaufgaben an. Blickt immer mal auf. Bis sie das Auto mit dem Taxischild auf dem Dach sieht. Papa ist da!
Er parkt halb auf dem Bürgersteig und springt auch schon raus. »So ein Ärger!«, schnauft er, als er bei Nuria ist. »Ich hab es nicht schneller geschafft. Ich wollte dich nicht warten lassen. Sitzt du schon lange hier?«
Nuria zuckt mit den Schultern. »Nein, aber …« Sie schaut die Straße hinunter. »Ich wusste doch nicht, wann du kommst. Jetzt ist … Mama auch auf dem Weg.«
»Oh nein! Das muss doch nicht sein!« Er fasst sich an den Kopf.
Nuria sitzt ganz betreten da. Am liebsten würde sie sich auf der Stelle wegzaubern. Aber sie kann doch nichts dafür, dass bei ihnen immer alles schiefgeht.
Sie will Papa gerade vorschlagen, bei Mama anzurufen. Da kommt sie auch schon auf ihrem Fahrrad an.
»Ach, Nuria«, ruft sie und steigt ab. »Du musst halb verhungert sein.« Verwundert schaut sie zu Papa. »Und was machst du jetzt hier?«
