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Niemand kommt ungeschoren davon: Polit-Satire auf höchstem Niveau Florian Scheuba, der spitzzüngigste Satiriker Österreichs, nimmt gnadenlos jeden auf die Schaufel, der ihm nur den geringsten Anlass dafür liefert, und spricht aus, was sich Herr und Frau Österreicher vielleicht heimlich denken, aber nie zu sagen trauen. Von Politikgrößen über unsere gewählten Volksvertreter bis hin zu Society-Lieblingen bleibt niemand verschont. Darf man als Grüner aufgelegte Elfmeter verwandeln, wenn man nicht weiß, ob die folgenden Fan-Gesänge geschlechtsneutral formuliert sind? Und steht die Abkürzung KHG nicht in Wirklichkeit für ein kapitalismuskritisches Kunstprojekt? Diesen und ähnlichen Fragen geht der Kabarettist Woche für Woche in seinen "Standard"-Kolumnen nach, die hier erstmals gesammelt erscheinen. Nach seinem erfolgreichen Erstling "Unschuldsvermutung" legt Florian Scheuba mit seinem neuen Buch ein Werk vor, das an politikkabarettistischer Bissigkeit nicht zu überbieten ist.
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Seitenzahl: 167
Veröffentlichungsjahr: 2013
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Florian Scheuba
GEHT’S?
Florian Scheuba
Klartext im Getümpel
Bildnachweis:
S. 101 © by Ronald ZakS. 102 © by Matthias Cremer
Besuchen Sie uns im Internet unter:http://www.amalthea.at
© 2013 by Amalthea Signum Verlag, WienAlle Rechte vorbehaltenUmschlaggestaltung: Silvia Wahrstätter, vielseitig.co.atUmschlagfoto: © Florian ScheubaLektorat: Martin BrunyGesetzt aus der 11,5 auf 14,5 pt Goudy OldstyleGedruckt in der EU
ISBN 978-3-85002-849-3eISBN 978-3-902862-80-8
Vorwort von Armin Wolf
Zu diesem Buch
Geht’s?
Die Hose fällt – und alle Fragen offen
Aufsteigende Grausbirnen
The power of Tacheles
Sie lachen, wir zahlen
Hase statt Hace
Der Provokateur
Der erste Schritt zur Besserung
Häupl heute, die Krone Österreichs
Can’t buy me love
Auf dem Highway ist die Hölle los
Unwirkliches Österreich
Geben Sie Politikfreiheit!
Gorillas im Nebel
Willkommen im freien Markt
Das Recht ist ein Vogerl
Grüne Automatik
Ignorierte Sensationen
Sektion 8 oder mitten im Achten
Der Selbstzweck heiligt die Mittelmäßigen
Rat der Gesetzlosen
Chefsache ORF-Rettung
Wollt ihr den totalen Onkel?
Alle gegen einen, einer gegen sich
Kleiner Trost für Zwangssponsoren
Von Flugzeugen und Mopeds
Schutzherr der Gestrauchelten
U-Comix mit X-Factor
Verhörte und Unerhörte
Ins Grab gespuckt
Hier könnte Ihre Werbung stehen
Weil es auch anders geht
Der Frank als Wille zur Vorstellung
Westi, Slime und Paiper
Abschiebung über die Schamgrenze
Prinz Prefab und der Schatz der blauen Lagune
Fast drauf reingefallen
Sehr geehrte Frau Maria Rauch-Kallat!
Klug ist anders
Playback für die Stimme des Volkes
Vampiralarm
Schläfer unter Schläfern
Doofe Ösi-Kohle
Das Gutachter-Gutachten
Klartext im Getümpel
Sonntags im Anarcho-Stadl
Fly Niki
Aufstand der Kreatur
Der Vergleich macht sie unsicher
Spaß und Verderben
Wahlloses Unglück
Wir Dummbürger
Stell dir vor, es ist Wahlkampf …
Als ich Berater des Ministers war
Auf den Schultern von Giganten
Am Gipfel der Frechheit leuchtet die Wahrheit
Vorsicht, Kunst!
Zugabe
Interview mit Jörg Haider, 24. September 2008
Interview mit Wolfgang Schüssel, 30. September 2009
Personenregister
Für Mena
Weil in diesem Land ja neuerdings Wahrheit, Transparenz und Fairness in Mode sind, zu Beginn die totale Offenlegung: Ich kenne Florian Scheuba. Ich schätze Florian Scheuba. Florian Scheuba ist ein Freund. Also: Das wird eher freundlich.
Offenlegung 2: Es wäre genauso freundlich, würde ich ihn nicht persönlich kennen, sondern nur seine Arbeit.
Offenlegung 3: Versuche nicht neben Rudolf Buchbinder Klavier zu spielen, und versuche nicht, witziger zu sein als der Scheuba. Also: Das wird hier nicht witzig. Für’s Witzige ist der Scheuba zuständig.
Und das ist sein Problem.
Wäre Florian Scheuba nicht so witzig, würde er nämlich längst als einer der führenden politischen Kommentatoren dieses Landes gelten. Aber witzig ist halt doch ein bisschen verdächtig. Die Lage ist ernst, also müssen Kommentare bedeutungsschwanger sein. Und wenn die Lage nicht ernst ist, sondern eher absurd – wie das meiste an der heimischen Politik –, muss der Kommentator umso besorgter sein. Florian Scheuba wird also keinen Journalisten-Preis als politischer Kommentator bekommen. Schade. Und falsch.
Es soll ja Menschen geben, die Scheuba für einen Kabarettisten halten. Aber auch das ist falsch. Er kommt aus dem Kabarett und ist auch auf Kabarettbühnen zu sehen – und er ist dort sensationell, als Schauspieler und als Parodist. Aber das ist nicht das, was ihn ausmacht. Wahr ist vielmehr: Florian Scheuba ist der vielleicht wichtigste politische Satiriker in diesem Land.
Als Die 4 da (Scheuba, Henning, Maurer und Steinhauer) zwei Staffeln lang den politisch-medialen Komplex zwischen Raiffeisen, Kärnten, ORF, Kronen Zeitung, Korruption und dem Landeshauptmann von Mittelösterreich zur Kenntlichkeit entstellten und dafür eine »Romy« bekamen, durfte ich die Laudatio halten (Offenlegung 4: Scheuba hat auch mal eine Laudatio auf mich gehalten. Quasi ein Gegengeschäft). Ich nannte die Satiresendung damals »die beste politische Informationssendung des ORF«. Und genau das war sie. Sie war – wie später Wir Staatskünstler oder die Grasser-Meischberger-Protokolle im Audimax – zum Schreien komisch, böse, extrem aufschlussreich und vor allem: so wahr. Politische Information im allerbesten Sinne.
So ist das mit praktisch allem, was Scheuba macht – sehr oft in Koproduktion mit den kongenialen üblichen Verdächtigen (siehe oben plus Palfrader plus der Unterstützung praktisch aller relevanten Enthüllungsjournalisten im Land).
Ganz allein schreibt er allerdings seine politischen Kommentare im Standard. Es ist eine der ganz, ganz wenigen politischen Kolumnen in österreichischen Medien, von denen ich nie eine Folge versäume. Insofern bin ich nicht die Zielgruppe für dieses Buch. Ich kenne es schon. Aber ich kann es empfehlen. (Offenlegung 5: Das ist kein Gegengeschäft. Scheuba hat noch nie ein Buch von mir empfohlen.)
Um hier zu einem Ende zu kommen: Florian Scheuba trägt seit 25 Jahren eine zweifelhafte Frisur. Aber das stört bei seinen Kolumnen nicht. Die sind fabelhaft. Lesen Sie sie. Sie dürfen dabei auch lachen.
Armin Wolf
»So kann es nicht weitergehen!«
»Völliger Neustart!«
»Denkzettel!«
»Warnschuss!«
»Abrechnung!«
»Weckruf!«
»Es muss anders werden!«
Die Reaktionen der Parteien auf das Ergebnis der Nationalratswahl 2013 ähneln einander in erstaunlich hohem Ausmaß. Die rot-schwarzen Verlierer geben sich zerknirscht (mit Ausnahme von Josef Cap und Karlheinz Kopf, aber da handelt es sich um wirklich hoffnungslose Fälle), doch auch die vermeintlichen Sieger sollten sich in Bescheidenheit üben. Das gilt für die wieder einmal unter ihren Erwartungen gebliebenen Grünen ebenso wie für eine FPÖ, die vor einem Jahr noch ein Duell um Platz eins zwischen Strache und Faymann prophezeit hat. Einzig die NEOS dürfen jubeln, sollten dabei aber nicht außer Acht lassen, dass sie von einem politischen Vorleben unbelastet von den meisten ihrer Wähler in einem Akt gelebter Unschuldsvermutung einfach auf Verdacht gewählt wurden.
Wenn es also »anders werden muss«, sollte man sich zunächst einmal die Frage stellen, wie es ist.
Damit beschäftigt sich dieses Buch. Es enthält eine Auswahl meiner zwischen Februar 2011 und September 2013 in der österreichischen Tageszeitung Der Standard erschienenen Kolumnen, ergänzt durch drei Kommentare aus dem Wiener Gemeinderatswahlkampf 2010 und einer Zugabe in Form von zwei Interviews, die ich mit Jörg Haider und Wolfgang Schüssel führen konnte.
Ich habe auf eine chronologische Reihung verzichtet, um thematische Querverbindungen zeitübergreifend darzustellen und Weiterentwicklungen in neu verfassten Zwischenkommentaren aufzeigen zu können. Dadurch soll es möglich sein, die einzelnen Texte als in sich geschlossenes Panoramabild österreichischer Realitäten zu betrachten.
Danke an Oscar und Andrea Bronner, Alexandra Föderl-Schmid, Michael Völker und Gertraud Schneider, sowie an die Leserinnen und Leser meiner Kolumne, deren Feedback mir immer wieder große Freude bereitet und Motivation für dieses Buch war.
Florian ScheubaWien, am 1. Oktober 2013
Ein uralter Kellner-Witz geht so: Der Gast kontrolliert die Rechnung und will wissen, was der unter den Einträgen für Suppe, Schnitzel und Spritzer angeführte Rechnungsposten: »Geht’s? – 10 Euro« bedeuten soll. Daraufhin nimmt der Ober die Rechnung wieder an sich, streicht die zehn Euro durch und kommentiert dies lapidar mit: »Na, dann geht’s halt nicht.«
Nach dem exakt gleichen Prinzip hat die offizielle Anrechnung der Eurofighter-Gegengeschäfte funktioniert. Der einzige Unterschied: Auf ein reales Gegengeschäft kamen zirka zehn »Geht’s?«-Posten.
Die Rolle des Oberkellners hat dabei Martin Bartenstein übernommen, der angesichts der Tatsache, dass nun im ganzen Wirtshaus das große Nachrechnen beginnt, sein Hangerl geworfen hat und sich aus der Politik zurückzieht.
An verrechnungstechnischer Kreativität haben er und seine Helfer im Wirtschaftsministerium den geistesverwandten Kollegen aus dem Witz jedoch weit übertroffen. Nahezu täglich werden neue Details bekannt, die auf einen Erfindergeist von überwältigender Kühnheit schließen lassen. Auf die Idee, die Übernahme eines österreichischen Modehauses durch einen italienischen Mitbewerber mit dem Wert des dreifachen Jahresumsatzes des Käufers als Gegengeschäft anzuerkennen, könnte ja noch ein zu hemmungsloser Extravaganz bereiter Bilanzen-Friseur kommen. Aber dass eine zweistündige Gastvorlesung an der TU Graz, die 4800 Euro gekostet hat, durch die Hinzurechnung »volkswirtschaftlicher Wertschöpfungseffekte« schließlich 1.118.298 Euro und 33 Cent wert war, muss man sich erst einmal ausdenken. Und dann noch den Mut haben, das auch hinzuschreiben – Respekt!
Im Interview mit derStandard.at meint Bartenstein zur aufgrund von massivem Korruptionsverdacht im Raum stehenden Rückabwicklung des Eurofighter-Deals: »Logischerweise wären auch Gegengeschäfte rückabzuwickeln. Wie das zu machen ist, muss man mir erst erklären.«
Dem Mann kann geholfen werden. Etwa anhand des Beispiels einer von MTU Aero Engines ausrangierten Fräsmaschine, die in deren Buchhaltung mit einem Gegenwert von einem Euro aufschien. Dieses Alteisen wurde nicht auf dem Müllplatz entsorgt, sondern dem österreichischen Bundesheer geschenkt. Das Wirtschaftsministerium hat diesen Vorgang als Gegengeschäft im Wert von 810.000 Euro verbucht, bei dem unter anderem die Tatsache, dass eine Gebrauchsanleitung mitgeliefert wurde, als »Know-how-Gewinn« im Wert von 60.000 Euro definiert wurde. Eine Rückabwicklung dieses Gegengeschäfts könnte nun so ausschauen:
1.Anruf bei MTU Aero Engines: »Wenn ihr die Maschine lieber selber weghauen wollt, lasst es uns wissen, dann schicken wir sie euch zurück.«
2.Anruf im Wirtschaftsministerium zum Zweck einer Grundsatzdiskussion über die Grenzen von Chuzpe.
Es geht also in Wirklichkeit ganz leicht, man muss sich nur an das Vorbild aus dem Kellner-Witz halten. Dessen Geständnis »Na, dann geht’s halt nicht« ist ein Musterbeispiel für eine gelungene Rückabwicklung. Dass es darüber hinaus auch einen gewissen Charme verstrahlt, der vermutlich den Gast davon abhält, nach dem Geschäftsführer oder der Polizei zu rufen, sollte auch Martin Bartenstein zu denken geben.
Bei Redaktionsschluss dieses Buches warten wir immer noch auf den ersten Eurofighter-Schmiergeldprozess. Die Republik Österreich verhält sich also nach wie vor wie ein Gast, der dem Ober mit dem »Geht’s?«-Trick ohne mit der Wimper zu zucken die manipulierte Rechnungssumme einfach bezahlt. Da stellt sich die Frage: Warum? Wovor fürchtet man sich? Vielleicht davor …
Es gibt Bilder, die eine gewisse Reifezeit brauchen, damit sie der Betrachter in ihrer ganzen Bedeutungsfülle verstehen kann. Ein Beispiel dafür erleben wir dieser Tage anhand eines Fotos des Waffenlobbyisten Erhard Steininger. Auf dieser Aufnahme aus dem Jahr 2007 hat er der Kamera den Rücken zugekehrt und reckt ihr mit heruntergelassener Hose sein blankes Hinterteil entgegen.
Zuvor hatte der vom Eurofighter-Hersteller EADS engagierte Steininger sein Schweigen zu den gegen ihn und seinen Auftraggeber erhobenen Schmiergeldvorwürfen damit begründet, dass es »unangenehme Folgen hätte«, wenn er die ihm »auferlegte Vertraulichkeit« bräche, und verwies in diesem Zusammenhang auf die Schicksale des ehemaligen Voest-Generaldirektors Heribert Apfalter und des ehemaligen Verteidigungsministers Karl Lütgendorf, mit der Schlussfolgerung: »Ich bin daher bestrebt, alles zu vermeiden, um nicht den gleichen Weg dieser Herren zu gehen.«
Wie sah dieser Weg aus? Die beiden Genannten waren in illegale Waffengeschäfte verwickelt und sind unter ungewöhnlichen Umständen zu Tode gekommen. Apfalter starb unmittelbar vor seiner Verhaftung an einem plötzlichen Herztod, Lütgendorf beging Selbstmord, bei dem es ihm nicht nur gelang, sich durch geschlossene Zähne in den Mund zu schießen, sondern dabei auch noch auf der Tatwaffe keine Fingerabdrücke zu hinterlassen.
Wie hat Steininger das gemeint? Was weiß er über die Fälle Apfalter und Lütgendorf? Worin sieht er die Parallelen zu seiner Situation?
Alles Fragen, deren Klärung Aufgabe der österreichischen Justiz sein muss. Ebenso wie jene nach den Leistungen der von Steininger für EADS beauftragten Werbeagentur des Ehepaares Rumpold. Diese verrechnete unter anderem 120.000 Euro für die Vermittlung von »Landeshauptmann-Gesprächen«. Laut Aussagen der Landeshauptleute haben diese Gespräche nie stattgefunden. Ebenso wenig wie eine »Podiumsdiskussion mit Sicherheitsexperten«, für die unfassbare 320.000 Euro in Rechnung gestellt wurden.
Warum hat EADS trotzdem bezahlt? Können Sie sich vorstellen, für eine Luxusreise zu zahlen, die Sie deshalb nie antreten konnten, weil das gebuchte Urlaubsziel gar nicht existiert? Oder im Restaurant für ein Menü, das Sie nicht nur nicht gegessen haben, sondern das nicht einmal gekocht wurde? Warum hat EADS nicht das Geld zurückverlangt?
Zur Beantwortung dieser Fragen hat sich die österreichische Staatsanwaltschaft an das eingangs beschriebene Foto erinnert und ist nun selbst in die Rolle des darauf abgebildeten Waffenlobbyisten geschlüpft, indem sie die Eurofighter-Ermittlungen gegen Rumpold ohne Kontenöffnungen einstellt. Anders als bei Steininger ist die Botschaft nicht nur an einen vor seinem Haus wartenden Fotografen gerichtet, sondern an alle Steuerzahler, die wissen wollen, wen sie beim Abfangjäger-Ankauf wirklich finanziert haben.
Die Redewendung »Die Hosen runterlassen« bedeutet laut Duden »Etwas bisher Verschwiegenes preisgeben«, während im Englischen »Caught with his pants down« auch für »Auf frischer Tat ertappt« verwendet wird.
Welche dieser Interpretationen auf die entblößte Kehrseite unserer Justiz zutrifft? Schon wieder eine Frage, die noch auf Antwort wartet.
Mittlerweile hat der ehemalige Richterdes Obersten Gerichtshofes Robert Jerabek in seiner Funktion als Rechtsschutzbeauftragter des Justizministeriums festgestellt, dass in der Causa Rumpold–Eurofighter eine »unerträgliche Fehlentscheidung bei der Würdigung der im Ermittlungsverfahren gewonnenen Beweismittel« und eine »nicht ausreichende Klärung des Sachverhaltes« vorliegen.
Vielleicht ändert sich ja Rumpolds Verantwortung noch. In der Zwischenzeit wurde er nämlich im einem der zahlreichen Telekom-Prozesse noch nicht rechtskräftig zu drei Jahren Haft verurteilt. Ein mutiges Urteil, das man vor ein paar Jahren noch nicht für möglich gehalten hätte. Doch dann ist ausgerechnet in Kärnten ein Umdenken in der Justiz passiert. Und das war die Ausgangssituation …
Sollten Sie den Wunsch verspüren, die jüngsten Enthüllungen aus der Kärntner Landespolitik nachvollziehen zu können, dann stellen Sie sich folgende Situation vor: Sie haben soeben mit der Bitte, Ihnen vom Fleischhauer ums Eck eine Wurstsemmel zu besorgen, einem Kollegen Ihre Brieftasche in die Hand gedrückt. Nach einem Blick in selbige meint der Kollege, dass deren Inhalt kaum reichen wird, da eine Wurstsemmel 120 Euro koste, was im Übrigen eine »Okkasion« und eine »wirkliche Ersparnis« für Sie sei.
Kurz darauf kommt er strahlend lächelnd zurück und erklärt, dass es ihm gelungen sei, beim Fleischhauer einen »Patriotenrabatt« auszuverhandeln, und er deshalb nur 60 Euro bezahlen musste. Ihre Frage, wann denn nun die Pointe dieses vermeintlichen Scherzes komme, beantwortet er mit der Vorlage verschiedener von Universitätsprofessoren und Wirtschaftsprüfern erstellter Gutachten, in denen 60 Euro als angemessener Preis für eine Wurstsemmel bezeichnet werden. Dazu überreicht er Ihnen Ihre leere Brieftasche. Sie rasen zum Fleischer ums Eck, der die Geschichte bestätigt und Ihren an ihn gerichteten Vorwurf, mit dem Kollegen unter einer Decke zu stecken, brüsk zurückweist, was gleichermaßen eine Beleidigung Ihrer Intelligenz sowie der Ihres Kollegen darstellt.
In Kärnten heißt der Fleischhauer Dietrich »Birni« Birnbacher, Ihr Kollege ist eine Personalunion aus Jörg Haider, ÖVP-Obmann Josef Martinz und den FPK-Politikern Harald Dobernig und Uwe Scheuch – und Sie sind der österreichische Steuerzahler, in dessen Börsel leider nicht nur 60 Euro, sondern sechs Millionen Euro fehlen. Und noch einen Unterschied gibt es: In Kärnten haben Sie nicht einmal die Wurstsemmel bekommen. Das erste unabhängige Gutachten eines deutschen Prüfers stellt nämlich bezüglich der sechs Millionen Euro teuren Aktivitäten Birnbachers beim Verkauf der Kärntner Hypo ausdrücklich fest: »Anhaltspunkte dafür, dass überhaupt Leistungen erbracht wurden, sind den Akten nicht zu entnehmen.«
Dass sich angesichts dieser Tatsachen Josef Martinz in der Vorwoche mit Unterstützung der FPK als Aufsichtsratsvorsitzender der Landesholding bestätigen ließ, anstatt über eine ab Jänner mögliche verordnete räumliche Nachbarschaft mit Uwe Scheuch nachdenken zu müssen, lässt die Vermutung aufkommen, dass Birnbachers monumentale Chuzpe ansteckend ist. Ein weiteres Indiz dafür lieferte der vorletzte Sonntags-Kurier, für den ausgerechnet jener Gutachter, der gegen fürstliche Bezahlung die strafrechtliche Unbedenklichkeit der Birnbacher-Gage behauptet hatte, einen Gastkommentar verfasste, in dem er »die Käuflichkeit der Medien« und deren »Korrumpierbarkeit« geißelt.
»Birni« selbst meint übrigens auf die Frage, ob er auch mit einem niedrigeren »Honorar« zufrieden gewesen wäre: »Ja, aber mich hat niemand gefragt.« Dass sich der Villacher Steuerberater da nicht selbst zu Wort gemeldet hat, ist offensichtlich dem über seinem Schreibtisch hängenden Wahlspruch geschuldet: »Dem Anständigen das Anständige raten.« Als sich Haider und Martinz mit ihm über seine Bezahlung berieten, war die Voraussetzung für die Anwendbarkeit dieses Spruchs leider nicht gegeben.
Birnbachers Pech war es, dass er auf einen Richter gestoßen ist, der nicht glauben wollte, dass eine Wurstsemmel 60 Euro kostet. Das wiederum hat Birnis Einstellung zu der ganzen Geschichte geändert. Und so ist es dann weitergegangen …
Ein Mann tritt vor die Öffentlichkeit und erklärt: »Ich gestehe. Ich selbst und einige andere daran Interessierte haben die faulen Eier im Garten versteckt. Es war nicht, wie von uns immer behauptet, der Osterhase. Den Osterhasen gibt es in Wirklichkeit nämlich gar nicht.«
Die Öffentlichkeit reagiert schockiert: »Unfassbar!« »Sensation!« »Ein politisches Erdbeben!« Die Klagenfurter Staatsanwaltschaft räumt ein, dass man vier Jahre lang vielleicht doch zu sehr mit der Fahndung nach dem Osterhasen beschäftigt war und darüber andere Ermittlungen ein wenig vernachlässigt hat. Von der Kärntner Landesholding gekaufte Gutachter, die zuvor die unzweifelhafte Täterschaft des Osterhasen bestätigt hatten, beeilen sich nun, zu erklären, dass sie bloß die theoretische Möglichkeit des Eier-Versteckens durch marodierende Hasen-Banden nicht grundsätzlich ausgeschlossen hätten. Und Landeshauptmann Dörfler weist Zweifel an der realen Existenz des Osterhasen scharf zurück und warnt vor möglichen Folgen: »Was wird dann als Nächstes infrage gestellt? Das Christkind? Die Zahnfee? Der Lindwurm?«
Die Frage, warum unsere Justiz so lange gebraucht hat, um zu der in Birnbachers Osterhasen-Geständnis enthaltenen Erkenntnis zu kommen, blieb bislang unbeantwortet. Warum er es gerade jetzt abgeliefert hat, scheint hingegen leicht zu erklären zu sein. Der Dank dafür gebührt Richter Manfred Herrnhofer, der dem Villacher Steuerberater gegenüber eine einfache, aber wirkungsvolle Taktik angewandt haben dürfte: Klartext.
Das könnte sich in einer Prozesspause ungefähr so angehört haben:
»Angeklagter! Folgendes:
1.) Ich will weder in Kärntner Politik noch Justiz Karriere machen.
2.) Ich besitze gesunden Menschenverstand.
3.) Ich lasse mich nur ungern verarschen.
4.) Eine mehrjährige Haftstrafe ist nicht das pure Vergnügen, schon gar nicht in Ihrem Alter.
5.) Dass Haider und Martinz Ihnen die Millionen nicht aus Jux und Tollerei geschenkt haben, weiß ohnehin jeder. Aus all dem folgt:
6.) Vielleicht fällt Ihnen ja was ein, was Sie uns noch erzählen wollen.«
Der Drang zur Wahrheit ist ein menschliches Begehren, das rasch erlahmen kann. Der Birnbacher-Prozess lässt nun darauf schließen, dass Tacheles diesbezüglich geradezu Viagra-hafte Wirkung entfalten kann. Eine therapeutische Maßnahme also, deren Heilkraft sich auch in anderen Fällen erweisen könnte.
Zum Beispiel so: »Sehr geehrter Herr Plech! Sie sind gerade einmal drei Jahre jünger als der Birnbacher. Der Meischi ist jung und naiv, der glaubt noch an eine sorgenfreie, vom dankbaren Karl-Heinz finanzierte Zukunft für die Zeit danach. Aber wie soll die bei Ihnen ausschauen? Ein goldener Rollator mit Swarovski-Steinderln?«
Oder so: »Lieber Herr Rumpold! Nicht bös sein, aber im Vergleich zu Ihren Telekom-Gutachten wirkt das vom Birnbacher wie die Encyclopedia Britannica. Klar, der FPÖ-Permanentwahlkampf kostet Geld, und um das einzutreiben, braucht es einen ›Mann fürs Grobe‹, aber dieser Titel gefällt Ihnen doch nicht mehr. Wenn Sie ein bisserl mitarbeiten, hätten wir vielleicht sogar einen neuen für Sie. Wie wär’s mit ›Eurofighter-Kronzeuge‹?«
Also, nur Mut, bei echten Wundermitteln gibt es auch keine Überdosierung.
Offensichtlich ist Gernot Rumpold noch am Überlegen, wie er sich zu diesem Thema in Zukunft verhalten wird. Aber vielleicht sollte er sich endlich einmal mit seinem ehemaligen Firmenpartner darüber unterhalten …
Die allgemeine Enttäuschung über die Nicht-Detonation der durch Stefan Petzners Aussage im Birnbacher-Prozess erwarteten »Polit-Bombe« wäre vermeidbar gewesen. Spätestens am Tag davor war klar, dass es dazu gar nicht kommen kann, denn da erklärte Petzner in einem Krone-Interview: »Wenn ich sage, es kommt was, das die Politwelt erschüttert, dann kommt auch was – ich bin ja kein Idiot.«
Abgesehen von dieser alle Hoffnungen auf Relevanz zerstörenden Ankündigung: Sich ausgerechnet von Petzner Enthüllungen über die Ära Haider zu erwarten, wäre ähnlich realistisch wie die Hoffnung auf eine schonungslose Abrechnung mit der politischen Führung der DDR durch Margot Honecker.
Die Aufgabe, diesbezüglich Klartext zu sprechen, bleibt somit bei Leuten wie Armin Wolf hängen, der es im ORF-Sommergespräch mit Josef Bucher auf den Punkt brachte: »Jörg Haider würde, wenn er noch leben würde, aller Voraussicht nach demnächst für ein paar Jahre im Gefängnis sitzen.« Dessen ungeachtet sieht der BZÖ-Chef nach wie vor in Haider sein »politisches Vorbild«. Diese Trotzhaltung hat etwas kindlich Rührendes, und wenn Bucher im gleichen Interview auf die Frage nach seinem größten Talent als Politiker mit »Ehrlichkeit und Anständigkeit« antwortet, erinnert er an einen radikalen Abstinenzler, der sich auf sein Idol Harald Juhnke beruft.
Für eine andere, nicht minder originelle Form der Vergangenheitsbewältigung hat sich Heinz-Christian Strache entschieden. »Keine Kritik mehr am Eurofighter-Geschäft« hätte Haider einst von ihm gefordert, wobei Strache schon damals geahnt hätte, dass »mit den Parteifinanzen irgendetwas nicht stimmen kann. Aber man wollte die geforderten Unterlagen nicht herausrücken, selbst als ich mit einer Klage gedroht habe.« Rückblickend also eine prophetische Erkenntnis, aber dennoch rätselhaft, warum es sich der heutige FPÖ-Obmann einst so schwer gemacht hat.
