Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
Inhalt Heft 1 | Januar–März 2026 Jahrgang 99 | Nr. 518 100 Jahre GEIST & LEBEN 100 Jahre GEIST & LEBEN Thomas Hollweck SJ Vom Fortführen. Rechenschaft eines Chefredakteurs Christoph Benke Nützlich und notwendig. Zur Gründung und Absicht der "Zeitschrift für Aszese und Mystik" Jörg Nies SJ "Dienst des Trostes". Die Frage nach einer Zeitschrift für Spiritualität heute Klaus Vechtel SJ Spiritualität und Theologie Menschwerdung im Angesicht des (ganz) Anderen. Bildung trifft Spiritualität Andreas G. Weiß Alterität aus Passion! Christliche Spiritualität auf der Schwelle zwischen Innen- und Außenorientierung Michael Höffner In allen Dingen Du.Ignatius von Loyola und Martin Buber Tom Sojer Seele Christi, heilige mich! Ein altes Gebet als Schlüssel zu den Geistlichen Übungen? Igna Kramp CJ Gegenwart der Freiheit und Liebe. Eucharistie und Spiritualität Manfred Scheuer Spiritualität im Fächerkanon Welt-Einsicht. Zu einer philosophischen Dimension von Spiritualität Reinhold Esterbauer Wenn Spiritualität zum Gegenstand theologischer Reflexion wird Bernhard Körner Das Verhältnis von Theologie und Spiritualität aus praktisch-theologischer Sicht Ralph Kunz "Theologien und Spiritualitäten". Tagung der AG Dogmatik und Fundamentaltheologie Klaus Vechtel SJ Ökumene Da schläft ein Lied in allen Dingen. Über die Relevanz a-theistischer Spiritualität Johannes Lorenz Ganz Israel steht füreinander ein Christian M. Rutishauser SJ Buchbesprechung
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 182
Veröffentlichungsjahr: 2026
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
Heft 1 | Januar-März 2026
Jahrgang 99 | Nr. 518
100 Jahre GEIST & LEBEN
100 Jahre GEIST & LEBEN
Thomas Hollweck SJ
Vom Fortführen. Rechenschaft eines Chefredakteurs
Christoph Benke
Nützlich und notwendig. Zur Gründung und Absicht der „Zeitschrift für Aszese und Mystik“
Jörg Nies SJ
„Dienst des Trostes“. Die Frage nach einer Zeitschrift für Spiritualität heute
Klaus Vechtel SJ
Spiritualität und Theologie
Menschwerdung im Angesicht des (ganz) Anderen. Bildung trifft Spiritualität
Andreas G. Weiß
Alterität aus Passion! Christliche Spiritualität auf der Schwelle zwischen Innen- und Außenorientierung
Michael Höffner
In allen Dingen Du. Ignatius von Loyola und Martin Buber
Tom Sojer
Seele Christi, heilige mich! Ein altes Gebet als Schlüssel zu den Geistlichen Übungen?
Igna Kramp CJ
Gegenwart der Freiheit und Liebe. Eucharistie und Spiritualität
Manfred Scheuer
Spiritualität im Fächerkanon
Welt-Einsicht. Zu einer philosophischen Dimension von Spiritualität
Reinhold Esterbauer
Wenn Spiritualität zum Gegenstand theologischer Reflexion wird
Bernhard Körner
Das Verhältnis von Theologie und Spiritualität aus praktisch-theologischer Sicht
Ralph Kunz
„Theologien und Spiritualitäten“. Tagung der AG Dogmatik und Fundamentaltheologie
Klaus Vechtel SJ
Ökumene
Da schläft ein Lied in allen Dingen. Über die Relevanz a-theistischer Spiritualität
Johannes Lorenz
Ganz Israel steht füreinander ein
Christian M. Rutishauser SJ
Buchbesprechung
GEIST & LEBEN – Zeitschrift für christliche Spiritualität. Begründet 1926 als Zeitschrift für Aszese und Mystik
www.geist-und-leben.de
Erscheinungsweise: vierteljährlich
ISSN 0016–5921
Herausgeber:
Zentraleuropäische Provinz der Jesuiten
Redaktion:
Christoph Benke (Chefredakteur)
Dieter Fugger (Redaktionsassistenz)
Redaktionsbeirat:
Margareta Gruber OSF / Vallendar
Stefan Kiechle SJ / Frankfurt
Bernhard Körner / Graz
Edith Kürpick FMJ / Köln
Ralph Kunz / Zürich
Jörg Nies SJ / Innsbruck
Andrea Riedl / Regensburg
Klaus Vechtel SJ / Frankfurt
Redaktionsanschrift:
Pramergasse 9, A–1090 Wien
Tel. +43–(0)664–88680583
Artikelangebote an die Redaktion sind willkommen. Informationen zur Abfassung von Beiträgen unter www.echter.de/geist-und-leben/. Alles Übrige, inkl. Bestellungen, geht an den Verlag. Nachdruck nur mit besonderer Erlaubnis.
Werden Texte zugesandt, die bereits andernorts, insbesondere im Internet, veröffentlicht wurden, ist dies unaufgefordert mitzuteilen. Redaktionelle Kürzungen und Änderungen vorbehalten. Der Inhalt der Beiträge stimmt nicht in jedem Fall mit der Meinung der Schriftleitung überein. Für Abonnent(inn)en steht GuL im Online-Archiv als elektronische Ressource kostenfrei zur Verfügung. Nichtabonnent(inn)en können im Online-Archiv auf die letzten drei Jahrgänge kostenfrei zugreifen. Registrierung auf www.geist-und-leben.de/.
Echter Verlag | c/o Bonifatius GmbH
Dominikanerplatz 8, D–97070 Würzburg
Tel. +49 –(0)931–660 68–0, Fax +49– (0)931–660 68–23
[email protected], www.echter.de
Visuelle Konzeption: Atelier Renate Stockreiter
E-Book-Herstellung und Auslieferung: Brockhaus Commission, Kornwestheim, www.brocom.de
Bezugspreis: Einzelheft € 15,00
Jahresabonnement € 50,00
Studierendenabonnement € 35,00
jeweils zzgl. Versandkosten
Vertrieb: Zu beziehen durch alle Buchhandlungen oder direkt beim Verlag. Abonnementskündigungen sind nur zum Ende des jeweiligen Jahrgangs möglich.
Auslieferung: Brockhaus Kommissionsgeschäft GmbH, Kreidlerstraße 9, D–70806 Kornwestheim
Auslieferung für die Schweiz: AVA Verlagsauslieferung AG, Centralweg 16, CH–8910 Affoltern am Alibs
eISBN 9783429068851
100
Thomas Hollweck SJ | München
Provinzial der Zentraleuropäischen Provinz der Jesuiten
Als diese Zeitschrift vor 100 Jahren unter dem Namen „Zeitschrift für Aszese und Mystik“ von Jesuiten gegründet wurde, schrieb der damalige Schriftleiter, P. Alois Ersin SJ, in seinem Geleitwort: „Gilt es doch ein Gebiet zu betreten, das zum Teil Neuland ist, noch wenig von kundiger Hand bebaut. Meinungsverschiedenheiten sind da unvermeidlich; sie sollten aber niemals zu Spaltungen führen. Unser aufrichtiges Bestreben wird es sein, zu sammeln, nicht zu zerstreuen. Zu sehr sind wir uns bewußt, nur dann der katholischen Frömmigkeit zu dienen, wenn wir soviel wie nur immer möglich alle ihre Formen und Aeußerungen berücksichtigen, soferne sie nur gesunde, hoffnungsvolle Blüten an dem ewig jungen Fruchtbaume der heiligen Kirche Gottes sind.“
1947, nach der Katastrophe des Zweiten Weltkriegs, wurde die Zeitschrift unter dem neuen Namen GEIST & LEBEN wiedergegründet. „Die Schriftleitung“ schrieb zum Geleit: „Die Arbeit an einem Gesamtaufbau der Frömmigkeit und die Gestaltung ihrer zeitgemäßen Formen wird nie auf sie [die wissenschaftliche Forschung, T.H.] verzichten können. Wir werden aber auch bemüht sein, gerade solche Fragen zu behandeln, die sich aus den mannigfaltigen Anliegen unserer Tage ergeben.“
Damals waren die wissenschaftliche Theologie – eine tendenziell sehr rationale Scholastik – und die gelebte religiöse Praxis weit voneinander entfernt. Von führenden Köpfen wie Hans Urs von Balthasar und Karl Rahner wurde dies beklagt. Die Zeitschrift betrat Neuland, indem sie eine Theologie der Spiritualität – damals „Frömmigkeit“ genannt – bilden wollte. Spirituelle Erfahrung sollte, zusätzlich zu Schrift und Tradition, eine Quelle theologischen Denkens und umgekehrt die theologische Reflexion anregend für geistliche Erfahrung werden. Die Vielfalt katholischer Glaubenspraxis – oft in Spannungen verstrickt – sollte in dieser Zeitschrift durchaus zusammengeführt werden, wie der Chefredakteur zu Beginn anmerkte. Die wissenschaftliche Erforschung der Geschichte der Spiritualität begann zu jener Zeit gerade, sie fand in dieser Zeitschrift großen Niederschlag und wurde für aktuelle Fragen fruchtbar gemacht. Nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil war es ein wichtiges Anliegen für GEIST & LEBEN, zur Erneuerung der geistlichen Praxis und insbesondere auch des Ordenslebens im deutschsprachigen Raum beizutragen.
Heute, in einer Zeit der Kirchenkrise und des Niedergangs des religiösen Lebens, arbeitet GEIST & LEBEN weiter daran, spirituelle Praxis theologisch zu reflektieren, sie vor dem Forum der Vernunft zu verantworten und aus ihrer Geschichte und gelebten Wirklichkeit heraus Anregung für die geistliche Erneuerung der Kirche zu geben. Dabei berücksichtigt die Zeitschrift breite Formen der Spiritualität und sie steht mit großer Selbstverständlichkeit im interdisziplinären, außerdem im ökumenischen und interreligiösen Dialog – sie ist wahrhaft katholisch. Diese Aufgabe wird in Krisenzeiten nicht weniger wichtig, sondern umso dringlicher.
Anspruchsvolle Printmedien haben es schwer, und durch den Rückgang kirchlichen Lebens wird das Publikum weniger. Die Druckauflage der Zeitschrift ist gesunken und sinkt vermutlich weiter. Qualitätsvolle Druckwerke haben freilich ihren bleibenden Wert, auch als materielles, haptisches Produkt, das aufbewahrt und archiviert wird. Intellektuelle Brillanz ist auf Papier besser aufzunehmen als auf dem Bildschirm. GEIST & LEBEN soll daher in bisheriger Form fortgeführt werden, selbstverständlich zugleich mit einer guten und erneuerten Internetpräsenz.
Anfangs wurde die Zeitschrift vom Tyrolia Verlag in Innsbruck, dann über Jahrzehnte vom Echter Verlag (Würzburg) verlegt. Dieser wurde kürzlich vom Bonifatius Verlag Paderborn übernommen, der GEIST & LEBEN in bewährter Weise weiterführen wird. Im Namen des Jesuitenordens danke ich den Verlagen. Ich danke auch allen Autorinnen und Autoren, den Leserinnen und Lesern, dem Beirat und allen, die sich für die Zeitschrift engagierten und weiterhin engagieren werden.
Dr. Christoph Benke, Wien, war seit 13 Jahren Chefredakteur von GEIST & LEBEN. Er hat die Zeitschrift mit großer Kompetenz und herausragendem Einsatz geführt und sie inhaltlich erneuert. Mit großem Dank verabschieden wir ihn zum 1. Mai 2026. Seine Aufgabe wird P. Prof. Dr. Klaus Vechtel SJ übernehmen. Er ist Inhaber des Karl Rahner-Stiftungslehrstuhls für Theologie der Spiritualität an der Philosophisch-Theologischen Hochschule Sankt Georgen in Frankfurt am Main. Ich wünsche ihm Freude und Frucht in der Arbeit für GEIST & LEBEN und der Zeitschrift weiterhin ein segensreiches Wirken.
100
Christoph Benke | Wien
geb. 1956, Priester, PD Dr. theol. habil., Schriftleiter von GEIST & LEBEN
Im Jahr 2012 fragte mich der damalige Provinzial Stefan Kiechle SJ, ob ich die Schriftleitung von GEIST & LEBEN übernehmen würde. Als langjähriger Leser und gelegentlicher Autor von GuL hatte ich Bedenken. Sollte es gelingen, die renommierte Zeitschrift fortzuführen? Gewiss, die Anfrage für sich genommen zeigte, dass ich auf einen Vertrauensvorschuss des Herausgebers zählen durfte. Doch „Fortführen“ hat im Deutschen zwei Bedeutungen: eine bereits begonnene Sache fortsetzen oder jemanden von einem Ort zu einem anderen bringen, wegführen. Die Ambivalenz liegt auf der Hand: Im besten Fall zeigen sich neue Horizonte. Es kann aber auch ins Abseits gehen.
Die Themengestaltung war also so auszulegen, dass die Leserschaft beides findet: die bewährte Linie und das, was über das Bisherige hinausführt. Das „Neue“, das sich dann – hoffentlich – zeigen würde, dürfte aber nicht ein Erfinden bislang unbekannter Informationen sein. Denn die Kernaufgabe religiöser Überlieferung ist Vergegenwärtigung, ist „nicht erfinden, sondern erneuern“ (Bruno Latour).1 Schriftleitung von GEIST & LEBEN ist also das Geschäft des Fortführens einer Linie, die mittlerweile seit 100 Jahren besteht. Diese „Pflicht des Fortführens“ bliebe ohne das Wagnis der Übersetzung im Modus des „Wiederkäuens“, ohne Ertrag für das Glauben und Beten des Einzelnen und der Kirche.2 Diesen Ertrag „in allen Dingen“ zu heben und so dem geistlichen Leben der Gläubigen zu dienen, wusste und weiß sich GEIST & LEBEN aber stets verpflichtet.
Nach der Übersiedelung der Redaktion von Köln nach Wien, der Kreation eines frischen Layouts samt neuer Rubrikenstruktur begann die inhaltliche Redaktionsarbeit. Die größte Herausforderung bestand seither darin, Themen zu setzen und dafür Autoren und Autorinnen zu gewinnen. Denn für eine Veröffentlichung verwendbare Beiträge wurden der Redaktion selten angeboten – ein Ergebnis rasanten Wandels der kirchlichen Landschaft und der akademischen Theologie. Im Folgenden seien einige Motive einer Theologie der Spiritualität benannt, die ein kontinuierliches Monitoring benötigen, um Problemlagen oder Neuansätze sichtbar zu machen. Dementsprechend befasste sich GEIST & LEBEN mit diesen Gegenständen:
–
Die Frage nach dem Wesen der religiös-geistlichen Erfahrung; jüngere Entwicklungen im Mystikdiskurs; Berufung, Berufungsfindung, Entscheidung; Fragen der Amtstheologie und der Priesterausbildung; innerkatholische (Neue Geistliche Gemeinschaften), innerchristliche Ökumene und Dialog der Religionen.
–
Ignatianische Spiritualität: neuere Exerzitien-Experimente (auf der Straße, in der Natur), Reformulierungen und Aktualisierungen ignatianischer Unterscheidung, die von Andreas Falkner SJ erstellten Übersetzungen von Michel de Certeau-Artikeln aus
Christus
etc.
–
Dem gegenwärtigen breiten Interesse an Kontemplation und kontemplativer Praxis war nachzugehen.
–
Theologische Kernthemen waren auf deren Relevanz für spirituelle Theologie und geistliche Praxis hin zu befragen (z.B. Pneumatologie, Schöpfungsmittlerschaft des Logos, Soteriologie, Theologie des Bittgebetes …).
–
Das Interesse an dem, was religiöse Sprache ausmacht, ist hoch. Dazu zählt auch das Heben spiritueller Impulse aus der Gegenwartsliteratur.
–
Darüber hinaus waren Beiträge zu akquirieren, die sich mit aktuellen Fragestellungen (z.B. Synodalität) oder innerkirchlichen Schwierigkeiten beschäftigen: das Phänomen des geistlichen Machtmissbrauchs; die Neugewichtung eucharistischer Anbetung und deren kirchenpolitische Instrumentalisierung; Leben und Glauben in der Diaspora; die unterschiedlichen Intensitäten gelebten Glaubens („der Glaube der Distanzierten“), etc.
GEIST & LEBEN hatte immer einen Spürsinn für das, „was in der Luft liegt“. Im Blick auf die Gegenwart und die nahe Zukunft deuten sich spannende Themen an. Sie sind aus der Sicht des scheidenden Chefredakteurs formuliert.
–
Der Untertitel von GuL lautet: „Zeitschrift für christliche Spiritualität“. Das ist ein Programm, erweitert durch den ursprünglichen Titel „Zeitschrift für Askese und Mystik“. Das Feld der Spiritualität(en) ist weit. Profilierung, was christliche Spiritualität ausmacht, wird je neu notwendig. Wissen um das christliche Profil macht gesprächskompetent. Nicht Abgrenzung ist also das Primärziel von Profilierung, sondern die heute in aller Polarisierung so gefragte Gesprächs-, Diversitäts- und Ambiguitätskompetenz.
–
GEIST & LEBEN wird nicht müde werden, die Gottesfrage als die Frage aller Fragen immer wieder zu stellen und einzubringen. Was bedeutet „Gotteserfahrung“? Wie ist der häufig anzutreffende Hiatus zwischen Gottesnähe und Gottesentzug, die Kluft zwischen Fülle und Ferne heute zu lesen?
–
Leben aus dem Geist Jesu realisiert sich hier und heute. Es ist nicht mehr zu trennen von der Suche nach einem alternativen Lebensstil: Was bedeutet Schöpfungsspiritualität? Wie können die Evangelischen Räte (die ja alle Getauften angehen) neuformuliert werden als ein Konzept, das ein Leben ohne Gier ermöglicht? Wie lassen sich die Impulse aus
Laudato si
als bleibende Aufgabe konkretisieren?
–
Doing loss
(Andreas Reckwitz): Eine bestimmte Form westlich-europäischen Christentums und Kirchlichkeit geht zu Ende. Für viele Haupt- und Ehrenamtliche im kirchlichen Dienst gibt es kaum Impulse, die Erfahrung von Vergeblichkeit und den erlittenen Verlust zu bearbeiten. Was lässt sich aus österlicher Perspektive dazu sagen, ohne in Schönfärberei abzudriften?
–
Angesichts einer deutlich wahrnehmbaren politischen und innerkirchlichen Polarisierung (Stichwort: Katholischer Neointegralismus) braucht es Klarstellungen: Was heißt „Tradition“ in katholischer Perspektive? Was bedeutet Sakramentalität? Das Phänomen der „Tradismatik“, jener hybriden, von Teilen der Hierarchie geduldeten und bisweilen geförderten Synthese zwischen neocharismatischen, pfingstlerisch- evangelikalen und traditionalistischen Spiritualitäten, ist nüchtern zu beschreiben.
–
Interreligöser Dialog und Verkündigung des Evangeliums sind kein Gegensatz. Wo und wie lassen sich eurozentrische Perspektiven weiten?
–
Beobachtung der spirituellen Szene(n): Wie entwickelt sich die Achtsamkeits-, Meditations- und Kontemplationsbewegung? Sind sie über den ökonomischen Aspekt hinaus gesellschaftlich relevant? Was kennzeichnet eine
secular spirituality?
Christsein in säkularer Umgebung und Ökumene der „dritten Art“ – wie geht das?
Der Titel GEIST & LEBEN ist anspruchsvoll und hat eine überfordernde Note: „Eigentlich kann nur Jesus selbst von seinen Worten sagen, daß sie ‚Geist und Leben‘ sind“ (Franz-Josef Steinmetz SJ). Christlicher Glaube lebt aus der Überzeugung, dass der dreifaltige Gott sein Werk der Heimholung der Schöpfung nicht ohne uns Menschen tun will. Der designierte Schriftleiter wird zu diesem „Werk“ das Seine beitragen. Er wird es in engagierter Gelassenheit und unter kräftiger Mithilfe des Beirates angehen und gut fortführen – „zur größeren Ehre Gottes“!
1
„nicht entdecken, sondern wiederfinden; nicht innovieren, sondern das alte Lied, die ewige Leier neu anstimmen“: (Bruno Latour,
Jubilieren. Über religiöse Rede
. Berlin 2016, 246).
2
Ebd., 105–106.
100
Jörg Nies SJ | Innsbruck
geb. 1984, Dr. theol., Beiratsmitglied von GEIST & LEBEN
In der Gründung der Zeitschrift für Aszese und Mystik (ZAM) im Jahr 1926 zeigt sich eine für die Jesuiten charakteristische Vorgehensweise. Entscheidend war dabei weniger die Neuartigkeit ihrer Ansätze als die Geschwindigkeit, mit der sie erfolgreiche Initiativen zu verbreiten und weiterzuentwickeln wussten. In den 1920er Jahren bestimmten zunächst andere Orden mit Publikationen die Thematik, die heute mit dem Begriff Spiritualität bezeichnet werden kann.1 Die Jesuiten reagierten darauf mit eigenen Zeitschriften. In Toulouse erschien ab 1920 die Revue d’ascétique et de mystique, in Bilbao ab 1925 Manresa und in Antwerpen ab 1927 Ons geesteliijk Erf.2
Die ZAM war daher Teil einer internationalen Bewegung, deren schnelle Entwicklung wesentlich durch die Konkurrenz der Orden um die jeweilige Deutung von Aszese und Mystik bestimmt wurde. Mit der ZAM wurde der Versuch unternommen, im deutschsprachigen Raum eine unterscheidbar jesuitische Position zu formulieren.
Deutlich wird dies in einem Brief des ersten Provinzials der 1921 gegründeten Oberdeutschen Provinz. In diesem schlug der spätere Kardinal Augustin Bea (1881–1968) der römischen Ordensleitung die Gründung einer Zeitschrift vor, deren Aufgabe es sein sollte „die aszetische Lehre der Gesellschaft [Jesu], die heute auf so vielfältige Weise angegriffen wird, zu verbreiten, zu erklären und zu verteidigen.“3 Während die im 19. Jahrhundert entstandenen jesuitischen Kulturzeitschriften „neben wissenschaftlich fundierten Beiträgen in erster Linie der christlich-katholischen Kommentierung der Gegenwart dienen“4 sollten, wurde die Aufgabe nun deutlich enger gefasst. Diesmal wollten die Jesuiten für ihr eigenes „System und ihre Methode hinsichtlich der aszetischen Angelegenheiten“5 eintreten. Diese apologetische Grundhaltung wurde nicht mehr gegenüber Strömungen, die außerhalb der Kirche und des Glaubens lagen, eingenommen. Vielmehr versuchte der Jesuitenorden in einer zunehmenden Ausdifferenzierung der verschiedenen Zugänge zur Spiritualität seinen eigenen Standpunkt zu verdeutlichen.
Die Jesuiten reagierten auf Entwicklungen, die von verschiedenen Akteuren angestoßen wurden. Es gab bereits andere Zeitschriften zu „Aszese und Mystik“, in denen insbesondere Orden ihre eigene Tradition und ihr Verständnis darstellten.6 Dass Spiritualität in der Zeit nach dem ersten Weltkrieg ein großes Interesse erfuhr, wird auch an Institutionen deutlich. Ab 1917 hatte der französische Dominikaner Réginald Garrigou-Lagrange (1877–1964) in Rom am Athenäum Angelicum den ersten Lehrstuhl für aszetische und mystische Theologie inne.7 Ebenfalls in Rom wurde 1918 an der von den Jesuiten getragenen päpstlichen Universität Gregoriana sowohl ein Kurs8 als auch ein Lehrstuhl für Aszese und Mystik eingerichtet.9 Diesen begleitete ab 1922 der französische Jesuit Joseph de Guibert (1877–1942).10
Die Namen Garrigou-Lagrange und de Guibert sind auch mit Zeitschriften verbunden, die exemplarisch für „das Aufblühen der mystischen Theologie in Frankreich“11 stehen. Die Dominikaner gaben ab 1919 La Vie Spirituelle, ascétique et mystique heraus, in der Garrigou-Lagrange seinen thomistischen Ansatz darstellen konnte. Für die jesuitische Revue d’ascétique et de mystiquewar de Guibert von besonderer Bedeutung. Da die französischen Jesuiten die Herausgabe einer Zeitschrift jedoch schon länger geplant hatten, wurden sie von der Initiative der Dominikaner überrascht und vermuteten sogar ein unredliches Verhalten. Diese Verstimmung konnte zwar langfristig behoben werden, da sich die Zeitschriften in unterschiedliche Richtungen entwickelten.12 Die Episode zeigt aber, wie stark die Konkurrenz zwischen den verschiedenen Orden war. Insbesondere in Frankreich und in Spanien befanden sich die Jesuiten mit den Dominikanern in einem Wettbewerbsverhältnis.13 Für eine Einordnung ist neben der historischen Rivalität14 der theologische Kontext relevant, der durch die Neuscholastik und den Neu-Thomismus geprägt war. Zwar traten auch die Jesuiten grundsätzlich für den Thomismus ein, doch inwieweit dieser streng zu lehren sei, führte etwa an der Gregoriana zu Kontroversen.15
Die deutschen Jesuiten beschäftigten sich ebenfalls mit der Frage nach der Stellung des Thomismus. Zugleich unterschied sich ihre Situation grundlegend. Aufgrund des sogenannten Jesuitengesetzes war der Orden von 1872 bis 1917 in den Gebieten des Deutschen Reiches offiziell verboten. Nach der Aufhebung des Gesetzes konnten die Jesuiten ihre seelsorgerischen und geistlichen Initiativen auf- und ausbauen. Wichtig war in diesem Zusammenhang eine neue Phase der Exerzitienbewegung. Auf den Konferenzen der „Exerzitienleiter und Exerzitienfreunde“, die zwischen 1922 und 1924 in Innsbruck abgehalten wurden,16 war laut Bea die Idee einer neuen Zeitschrift ein Thema.
Tatsächlich sah Bea aber auch unabhängig davon einen Bedarf an Publikationen. Dieser entstand seiner Ansicht nach dadurch, dass die Stimmen der Zeit17 die aszetisch-mystische Thematik vernachlässigten. Andere Orden hatten bereits Zeitschriften, weshalb die Jesuiten im deutschsprachigen Raum herausgefordert waren, ihr eigenes Charisma zu erklären. Dies galt sowohl in Bezug auf eine Verhältnisbestimmung von Aszese und Mystik vor dem Hintergrund einer neuscholastischen Theologie,18 als auch in Abgrenzung zu anderen Ordensspiritualitäten. Im deutschen Kontext waren es vor allem die Franziskaner und die Benediktiner, die bereits etablierte Zeitschriften hatten.19 Es war Bea zufolge insbesondere der „Einfluss der monastischen Aszese der Benediktiner“, der sich ausweiten würde.
Es war weniger ein grundsätzliches Konkurrenzverhältnis zu den Benediktinern, welches die Positionierung der Jesuiten bestimmte, sondern eine Frage, die durch die Liturgische Bewegung virulent wurde.20 Da die Jesuiten im 19. und lange bis ins 20. Jahrhundert hinein eine aszetische und stark persönlich geprägte Frömmigkeit förderten,21 standen sie Impulsen der Liturgischen Bewegung distanziert bis kritisch gegenüber.22 In der Tradition der Exerzitien waren vor allem die persönlichen und privaten Formen des Gebets wichtig. Die Ansätze einer liturgischen Erneuerung betonten hingegen stärker den Gemeinschaftsaspekt. Die eigentliche Auseinandersetzung wurde daher auch durch die Begriffe „subjektive“ und „objektive“ Frömmigkeit charakterisiert.23 Auch wenn diese Begriffe missverständlich sind, so stehen sie doch für Einseitigkeiten, die in einer Auseinandersetzung Positionen verdeutlichen. In diesem polarisierten Kontext ist die Idee der Zeitschrift zu verorten, denn es galt ein jesuitisches Profil zu konturieren und – wie es in der handschriftlichen Notiz zu Beas Brief heißt –, „die Aszese der Gesellschaft [Jesu] zu schützen und zu verbreiten.“ Damit ist die Gründungsabsicht kurz und prägnant beschrieben.
Die Planung schien nun schnell voranzugehen. Von der Ordenszentrale in Rom wurde der Vorschlag Beas positiv aufgenommen. Dennoch wies der zuständige Assistent Rudolf von Oppenraaij (1856–1939)24 mahnend darauf hin, dass der Umfang und die Häufigkeit des Erscheinens zu bedenken seien. Er befürchtete sogar, dass der Ruf der Gesellschaft Jesu darunter leiden könne, falls man von einem ursprünglich angedachten monatlichen Rhythmus auf einen zwei- oder sogar dreimonatlichen wechseln müsse.25
Da Bea aber nach Rom versetzt wurde, kam auf deutscher Seite nun seinem Nachfolger Theobald Fritz (1878–1955) die Verantwortung zu. Im Oktober 1924 fasste er den Planungsstand zusammen. So könne der Rektor des Kollegs in Innsbruck, Alois Ersin (1868–1946)26, Schriftleiter werden. Falls sich genügend Mitarbeiter fänden, könne die Zeitschrift bereits 1925 zweimonatlich erscheinen. Der geplante Titel sei von „Geist und Leben“ – die spätere Namensgebung war also schon in der Gründungsphase eine Option – in „Das religiöse Leben“ geändert worden.27 Da das Vorhaben aber ohne vorherige Absprache mit der niederdeutschen Provinz von der süddeutschen und der österreichischen Provinz übernommen wurde, sei es zu einer „schmerzlichen Meinungsverschiedenheit“28 gekommen. Bea hatte demnach den Provinzial der Niederdeutschen Provinz Bernhard Bley (1879–1962)29 nur nachträglich kurz über die bereits getroffenen Planungen informiert. Diese mangelnde Kommunikation hatte zu Verstimmungen geführt. Es ist daher nicht überraschend, dass Fritz, der „in einzelnen Fällen zum Zögern und Hinausschieben neigend“30 galt, in seinem Urteil zurückhaltend war. So heißt er zwar das Projekt einer Zeitschrift gut, hält aber zugleich die Festlegung auf eine baldige Publikation für „ungestüm“ und sogar „gefährlich“.31 Damit war die drängende Haltung Beas aufgegeben und auch in Rom befürwortete man, dass mit der Veröffentlichung noch zu warten sei.32
Im Dezember 1924 berichtet Fritz, dass mit dem neuen Titel „Zeitschrift für Aszese und Mystik“ die Absicht besser zum Ausdruck komme. Die Geschwindigkeit der Planung hatte sich nun aber deutlich verlangsamt. Unsicher war zu diesem Zeitpunkt noch, wie die Herausgabe und der Vertrieb zu regeln sei. Bley wolle, dass die Zeitschrift im Namen aller drei deutschsprachigen Provinzen beim Herder-Verlag erscheinen solle.33 Festgehalten wurde aber an der Idee Beas, dass die Schriftleitung langfristig Heinrich Bleienstein (1884–1960)34 übernehmen solle. Kurzfristig galt es deshalb eine Zwischenlösung zu finden.35 Doch gegen diese sprach sich nun der Ordensgeneral Włodzimierz Ledóchowski (1866–1942) aus. Er hielt es für besser zu warten, bis Bleienstein die Aufgabe übernehmen könne und sah in der Verzögerung keine Gefahr. Da dieser Vorschlag von Ledóchowski kam, sollten auch keine Verstimmungen zwischen den Provinzen entstehen.36
Doch tatsächlich antwortete Fritz, dass aufgrund einer konkurrierenden Publikation und der bereits geplanten Themen und geschriebenen Artikel – diese könnten zurückgezogen werden – zu befürchten sei, dass die jesuitische Zeitschrift zu spät käme.37 Vor diesem Hintergrund änderte sich die römische Haltung. Der General entgegnete, dass Fritz zwar selbst entscheiden müsse, ab wann die Veröffentlichung sinnvoll sei, doch mit Hinblick auf vergleichbare Publikationen riet er von einer zögerlichen Haltung ab und verwies auf die Erfahrungen in Frankreich.38
