Geistzeit - Ernst Jan Posthuma - E-Book

Geistzeit E-Book

Ernst Jan Posthuma

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Beschreibung

Mark wächst im Münsterland auf. Hin und her gerissen zwischen der Kleinbürgerlichkeit seines Elternhauses und der überall spürbaren Aufbruchsstimmung der frühen 70er-Jahre versucht er, seinen eigenen Weg zu gehen. Dies erweist sich jedoch als nicht so einfach, genauso wie Marks erste Liebesbeziehungen. Als er schließlich in einer recht chaotischen Wohngemeinschaft strandet, droht er vollkommen die Orientierung zu verlieren, bis sich schließlich die Ereignisse überschlagen. Ernst Jan Posthuma gibt einen authentischen Einblick in das Lebensgefühl, das Anfang der 70er-Jahre in einem kleinstädtischen Milieu geherrscht hat. Dabei zeigt sich, dass trotz der großen Veränderungen in den letzten Jahrzehnten viele der damals präsenten Themen auch heute noch brandaktuell sind. Für die einen ist Geistzeit ein Rückblick, ein Zeitdokument jener Jahre, die man schmunzelnd betrachten kann, für die anderen ist es ein Buch, das sich mit stets aktuellen Themen wie dem Erwachsenwerden und den vielfältigen Möglichkeiten zwischenmenschlicher Beziehungen auseinandersetzt und einen fragenden Blick auf gesellschaftliche Moral, Normen und Vorstellungen wirft.

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Seitenzahl: 296

Veröffentlichungsjahr: 2019

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Geistzeit als Wortspiel

verweist denn einerseits auf den Geist einer Zeit, in der eine bestimmte Weltanschauung die Kultur prägt und andererseits ebenso auf jenen Abschnitt im Leben, in dem der junge Verstand äußerst offen und aufnahmebereit ist und besonders durch soziale Kontakte geformt wird.

Der in dieser Lebensphase geprägte Geist wird ihn vermutlich ein Leben lang begleiten.

Für wunderbare Wesen, die in Irland trampen und mich daran erinnern, dass es Geschichten gibt, die erzählt werden sollten.

Die folgenden Begebenheiten sind frei erfunden.

Nichts, was hier berichtet wird, hat sich so ab gespielt, obschon die Geschichte wahr ist.

Inhaltsverzeichnis

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Epilog

Kapitel 1

Es war das Jahr 1970, als ich den Satz „Niewitz ist ein Witz!“ in die Klasse rief.

Seltsamerweise war danach mein erster Gedanke: Subjekt, Prädikat, Objekt? Ein vollständiger Satz? Dabei war das gar nicht mein Problem. An der Grammatik war vermutlich nichts auszusetzen, sehr wohl aber am Inhalt, der sich auf meine Deutschlehrerin bezog. Sie war durch die offene Klassentür hereingeschwebt, noch bevor das Ausrufezeichen meinen Mund verlassen hatte.

Plötzlich herrschte diese schmerzliche Stille, durchbohrt von dem raschen Ssschttt, Ssschttt, Ssschttt ihrer Schuhe auf dem Linoleumboden, dem Rauschen ihres Rockes und dem Rascheln der gestärkten Bluse. Frau Niewitz steuerte schnurstracks zum Lehrerpult, ohne uns anzusehen, aber wir alle nahmen das bedeut same Lächeln auf ihrem Gesicht wahr. Sie tat, was sie immer tat: Sie legte ihre Tasche auf das Pult, drehte sich herum – mit dem Gesicht zur Klasse – und hob sich rückwärts auf das Möbelstück.

Einen langen Moment dauerte es, bevor sich die Starre löste, in der meine Mitschüler seit ihrem Erscheinen verharrten und der Raum vom Schaben und Ächzen der Stühle gefüllt wurde, auf denen wir Platz nahmen. Wie immer begrüßte uns Frau Niewitz mit einem schlichten „Guten Morgen“. Ohne weiteren Kommentar ging sie zur Tagesordnung über. Ihre Folter hätte nicht schlimmer sein können: kein Wort zu meiner Entgleisung, keine Aufforderung zur Rechenschaft oder Entschuldigung. Sie tat, als hätte sie meine Beleidigung gar nicht gehört, aber alle im Raum wussten, dass dies nicht so war.

Mein Elternhaus, 25 Kilometer von meiner Schule entfernt, war eine Parterremietwohnung in einem Sechzigerjahre-Mehrfamilienhaus an der Kreuzung von einer Landstraße mit einem ehemaligen Feldweg. Nach dem Krieg waren hier in unregelmäßigen Abständen (sowohl in der Zeit als auch im Raum) Häuser gebaut worden, in die meist junge Familien eingezogen waren. Darunter gab es einige so genannte „Flüchtlinge“, so wie meine Mutter: Menschen aus dem Osten des ehemaligen Deutschen Reiches, die hier gestrandet waren und vorwiegend halbherzig versuchten, sich eine neue Heimat aufzubauen. Die meisten waren jedoch eingesessene „Stemmerter“, so bezeichneten sich die Einheimischen. Es gab auch ältere Häuser, solche, die vor dem Krieg gebaut worden waren und in denen die älteren Paare lebten. An klaren Tagen konnte man von unserem Wohnzimmerfenster aus die Schöppinger Berge sehen und das sich drehen de Radar auf dem holländischen Militärstützpunkt.

Ich saß häufig vor diesem Fenster, sah nach draußen, über die Felder, auf denen wenig geschah, außer dass sie dem Rhythmus der Jahreszeiten folgten, im Sommer saftig grün waren und im Winter oft von Schnee bedeckt. An vielen Tagen aber schienen diese Felder nichts anderes als eintönige Flächen zu sein unter den trüben, tief hängenden Wolken. Gelegentlich flog ein Starfighter donnernd im Tiefflug über die Häuser und spielte Krieg mit dem Radar.

Das Wohnzimmer war ein sicherer Schutz vor den Elementen draußen und gleichzeitig ein Käfig, aus dem ich entkam, wenn ich das Haus verließ. Es war sozusagen die zweite Abgrenzung nach außen. Die erste war unsichtbar und umschloss mich, wo auch immer ich mich befand. Sie bestand aus einer Haut, die man nicht sehen oder ertasten konnte, die aber jederzeit in meinem Bewusstsein war. Immer wenn ich mit anderen Menschen redete oder mich in ihrer Nähe befand, war da diese undurchdringliche Membran.

Seltsamerweise trennte sie mich jedoch nicht nur von anderen Menschen, sondern auch von mir selbst. Wie ein unbeteiligter Beobachter hörte ich zu, wenn ich mich äußerte, als ob es zwei von mir gäbe, und ich war mir nie ganz sicher, was dieses andere Ich als Nächstes von sich geben würde.

Am gefährlichsten wurde es, wenn ich mich über Personen ärgerte. Dann konnte es passieren, dass Wörter meinen Mund verließen, deren Schärfe so verletzend war, dass sich die betroffenen Menschen für immer von mir abwendeten.

Einmal in den Raum entlassen, ließen sich die Silben nicht mehr einfangen, auch wenn ich das gern gewollt hätte. Sie schlugen tiefe Kerben in die Welt und verfestigten zugleich die Hülle um mich herum. Ich konnte nicht hingehen und sagen, dass es der Andere gewesen war, dieser Selbstständige, der auch mich erschreckte und den ich nicht kontrollieren konnte. Er tat immer Dinge, für die ich mich entschuldigen wollte. Doch gleichzeitig war er auch sehr ehrlich, er sagte und tat Dinge, die ich gern tun wollte, aber nie getan hätte, so seltsam das klingen mag.

Wenn da nur nicht immer diese üblen Folgen gewesen wären...

Hätte Frau Niewitz gefragt, was mich zu der Beleidigung veranlasst hatte, wäre ich in Erklärungsnot geraten; denn der Anlass bestand darin, dass sie nicht nur die Angewohnheit hatte, auf dem Pult vor uns zu sitzen, sondern dabei beide Hände über ihre entblößten Kniescheiben zu stülpen und diese dann so weit auseinander zudrücken, bis wir einen freien Blick auf ihren beigen Slip hatten.

Für uns Jungs, besonders direkt vor ihr in den ersten Reihen, ein Umstand, der zu erheblichen widersprüchlichen Gefühlsregungen führte. Wir waren uns einig, dass ihr seltsames Verhalten nicht unbewusst sein konnte. Damit stand die Frage im Raum, warum sie es tat. In der heißen Debatte, die sich darüber vor der Stunde entfacht hatte, war mein unsachlicher Betrag gewesen, dass Niewitz ein Witz sei.

Die Quittung kam am Jahresende. Ich war nie besonders gut im Fach Deutsch gewesen, und jetzt befand Frau Niewitz, es reiche für eine Versetzung nicht aus. Auf diese Weise lernte ich zum ersten Mal mit vollem Bewusstsein, dass einige wenige Worte aus reichten, um ein Leben zu verändern.

Im nächsten Jahr schleppte ich mich vollkommen demotiviert durch die Fächer. Ich war jetzt siebzehn Jahre alt, und die Aussicht, die Schulbank noch drei Jahre lang drücken zu müssen, lag wie ein Stein auf meinem Gemüt.

Es war die Zeit der Studentenbewegungen, der musikalischen und sexuellen Revolution, der gesellschaftlichen Umbrüche. Ich wollte nicht drei endlos lange Jahre meiner kostbaren Zeit in einem verstaubten Schulsystem vergeuden. Meinem Gefühl nach lebte ich in einer Blase, aus der es auszubrechen galt. Dann, eines Tages, auf der Heimfahrt von der Schule, traf ich im Zug Herrn Schumacher.

Er saß schon auf einer Bank, als wir Schüler zustiegen. Ungewöhnlich für einen Mann seines Alters war, dass er relativ langes Haar trug; seine Erscheinung hatte etwas Abenteuerliches. Normalerweise hätten wir uns auf freie Bänke gesetzt, aber an diesem Tag war der kurze Regionalzug ungewöhnlich voll. Zu dritt setzten wir uns also notgedrungen zu dem alten Knacker – er war bestimmt über vierzig –, was verhinderte, dass wir uns ungezwungen unterhalten konnten. Trotzdem, oder vielleicht gerade des halb, artikulierte ich meinen Schulverdruss mit nachdrücklichen Worten, wobei ich nur zögerliche und verlegene Zustimmung von meinen Klassenkameraden erhielt.

Zwei Stationen weiter mussten sie aussteigen, und ich blieb allein mit dem Fremden im Zug, der bisher keine Anzeichen gemacht hatte, dass er unserer Unterhaltung gefolgt war oder ein Interesse daran hatte. Doch als ich meine Tasche nahm, um mich weiter vorn zu anderen verbliebenen Mitschülern zu setzen, schaute er auf, sah mich an und fragte, ob ich das wirklich alles so meinte, wie ich es gesagt hatte.

Befangenheit überkam mich, und ich wollte schnell von diesem Platz weg, aber die Art, wie mich der Fremde ansah, brachte mich dazu, meine Tasche wieder hinzustellen und, obwohl ich verspürte, dass meine Wangen heiß wurden und rot anliefen, die Frage ernsthaft zu beantworten: Ja, ich fand, die Schule sei ein Anachronismus (das Wort hatte ich gerade von einem politisch engagierten Studenten gelernt), das System sei nur dazu da, die Kreativität der Menschen glattzubügeln und schön angepasste, langweilige Bürger zu produzieren, die man mit Konsum ruhigstellen kann. Tapfer verlieh ich den revolutionären Worten mit gespieltem Ärger Nachdruck.

Der Mann sah mich während meiner Ausführungen ruhig an. Ich hatte keine Ahnung, was er dachte, doch was er schließlich sagte, entsprach dann überhaupt nicht dem, was ich erwartet hatte: „In einigen Dingen hast du gar nicht mal so unrecht!“

Es war erstaunlich! Dieser Mann erwiderte nicht „Aber Schule ist doch wichtig“ oder „Du musst an deine Zukunft denken“ oder einen dieser anderen Standardsätze, sondern er schien mir ein gewisses Maß an Verständnis entgegenzubringen. Was sollte ich davon halten? Was war das für ein seltsamer Vogel? Doch bevor ich mehr von ihm erfahren konnte, verlangsamte der Zug seine Fahrt, und die bekannte Landschaft draußen verriet mir, dass es bald Zeit zum Aussteigen sein würde. Das sagte ich dem Mann und stand auf, doch während ich in den Gang trat, holte er eine Visitenkarte aus seiner Tasche und hielt sie mir hin. „Ich wohne in der Nähe von Münster. Vielleicht hast du ja irgendwann einmal Zeit, mich zu besuchen, dann unterhalten wir uns weiter.“ Ich nahm die Karte und steckte sie in die Jackentasche. „Okay! Tschüss!“, sagte ich und folgte den anderen, die ebenfalls ausstiegen.

Nachdem ich den Bahnhof und das Getümmel verlassen hatte, holte ich die Karte hervor und sah sie mir an:

Manfred Schumacher

Grafiker

44 Münster/Westfalen

Alte Beeken 8

Dann noch eine Telefonnummer. Das Kartenmaterial war kräftig, schneeweiß und hatte weiche Dellen, als habe man es mit einem runden Hammerkopf abgeklopft. Am oberen Rand war ein Farbverlauf als Längsstreifen aufgedruckt. Ich hatte noch nie eine Visitenkarte in der Hand gehabt, die so edel und gleichzeitig so farbenfroh aussah. Sie schien dem Betrachter auf ganz leichte, fast schon fröhliche Art Kompetenz zu vermitteln, ganz anders als die steifen Visitenkarten, die ich sonst kannte. Sie gefiel mir außerordentlich gut, und ich glaube, dass ich in diesem Moment den Entschluss fasste, Herrn Schumacher aufzusuchen.

Eine Woche später saß ich mit Georg aus meiner Klasse im Zug. Ich hatte ihm von dem seltsamen Mann und seiner Einladung erzählt. Da unsere Fahrkarten schon kontrolliert worden waren, entschieden wir uns, einfach bis Münster sitzen zu bleiben. Es war klar, dass der Schaffner sich unmöglich merken konnte, wer von den Schülern bis wohin fuhr. Die Gefahr, dass er unsere Ausweise noch einmal kontrollieren würde, war also sehr gering. Außer dem gab uns die unterschwellige kriminelle Energie so einer Schwarzfahrt das Gefühl, dem „feindlichen Establishment“ eins auszuwischen. Darüber, wie wir wieder zurückkommen würden, machten wir uns zunächst keine Gedanken.

Es stellte sich als unerwartet schwierig heraus, zu der Adresse auf der Visitenkarte zu gelangen. Erst konnte uns niemand sagen, wo sich die Straße Alte Beeken befand. Georg kam dann auf die Idee, Taxifahrer zu fragen, aber selbst die wussten nicht, wo das sein sollte. Schließlich verriet uns ein älterer Fahrer, dass es sich um eine Bauernschaft am Rande von Münster handelte. Quer durch die Stadt und mindestens 20 Minuten Fahrtzeit. Der Mann war auch so nett, uns zu erklären, wie man mit dem Bus dahinfahren könnte. Also machten wir uns auf den Weg.

Etwa eineinhalb Stunden später, als wir Alte Beeken endlich gefunden hatten, wurde uns klar, dass wir vielleicht besser hätten anrufen sollen, um unseren Besuch anzukündigen. Möglicherweise war Herr Schumacher gar nicht zu Hause, oder wir kamen ihm ungelegen. Als wir auf den kleinen Feldweg einbogen, an dessen Anfang uns ein Straßenschild verraten hatte, dass es hier zu den Nummern 6 und 8 ging, fingen wir an, uns alle möglichen widersächlichen Szenarien auszumalen und waren gar nicht mehr sicher, ob wir noch weitergehen sollten. Außerdem war es fast drei Uhr, und spätestens um halb sieben mussten wir wieder daheim in Burgsteinfurt sein. Selbst bei optimistischer Beurteilung wurde die Zeit knapp.

Noch während wir unsere Überlegungen diskutierten, bog ein weißer Mercedes auf den Weg – von Herrn Schumacher gelenkt. Neben ihm saß eine wesentlich jüngere Frau. Wir traten zur Seite, um den Wagen passieren zu lassen. Ich war mir nicht sicher, ob ich diese Begegnung noch wollte. Doch neben uns angekommen, stoppte das Fahrzeug, und Herr Schumacher drehte die Scheibe herunter, während er uns freundlich anlächelte. „Schön, euch zu sehen“, sagte er. „Ihr seid gleich da, nur noch hundert Meter. Oder wollt ihr einsteigen?“ Wir entschieden uns, den kurzen Weg zu Fuß zu gehen.

„Wieso fährt der mit dem Zug, wenn er ein Auto hat?“, fragte Georg. Darauf wusste ich natürlich keine Antwort. Dieser weiße Mercedes war zwar nicht das neueste Modell, aber ich war trotzdem beeindruckt, denn 1970 konnten sich nur wohlhabende Leute ein solches Fahrzeug leisten. „War das seine Tochter?“, rätselte Georg weiter. „Was macht der hier draußen?“ Wir waren sehr gespannt, als wir den alten Bauernkotten sahen, an dessen Gartenpforte ein Schild mit der Nummer 8 angebracht war.

Alles, das Haus, der Garten und die Garage, machte den Eindruck, als ob es seit vielen Jahren nur halbherzig gepflegt worden wäre. Allerdings blühten auffallend viele Sträucher und wild wachsende Blumen links und rechts des Weges, der zur Haustür führte. Wir konnten keine Klingel finden, also klopften wir an, aber Herr Schumacher steckte den Kopf um die Ecke des Hauses und rief uns zu, dass wir auf die Rückseite kommen sollten. Dort befand sich ein einstöckiger Neubau.

Unser Gastgeber führte uns durch einen seltsam riechenden Flur in einen großen quadratischen Raum, der von oben bis unten mit Regalen und allen möglichen Geräten zustellt war und in dem es noch stärker roch. In vielen Regalen standen farbbeschmierte Büchsen, an einer Wand lehnten zwanzig bis dreißig Rahmen, auf denen etwas aufgespannt war. „Das hier“, sagte er, „ist meine Siebdruckerei!“

Ich wusste nicht, was es mit einer Siebdruckerei auf sich hatte, war aber beeindruckt von den vielen Geräten, Töpfen und Werk zeugen sowie der Tatsache, dass man dafür eigens eine Werkstatt baut. Herr Schumacher führte uns dann in einen zweiten Raum, der verglichen mit dem ersten sehr ordentlich war. In der Mitte stand ein großer und sehr niedriger weiß lackierter Tisch mit zwei Aschenbechern, drum herum dicke Kissen auf einem hellen Teppich. Die weißen Wände hingen voll mit großen Bildern, andere standen angelehnt auf dem Boden. Es fiel mir auf, dass das Licht in diesen Räumen von oben durch eine transparente Abdeckung kam.

Herr Schumacher bat uns verdutzte Neuankömmlinge, die Schuhe auszuziehen und uns auf die Kissen zu setzen. Er selbst blieb in der Tür stehen, bis wir dies getan hatten, sagte uns dann, dass er gleich wieder da sei, und verschwand. Wir sahen uns um. Die Bilder waren alle gerahmt, die gezeigten Motive abstrakt. „Irre!“, meinte Georg schließlich, „Aber wir sollten nicht zu lange bleiben.“

Nach etwa fünf Minuten kam Herr Schumacher zurück, streifte seine Schuhe ab und setzte sich zu uns. „Na“, fragte er, „alles klar?“ Dann zog er einen Beutel aus seiner Jackentasche, holte eine Pfeife daraus und fing an, den ebenfalls in dem Beutel befindlichen Tabak hineinzustopfen. Wir sahen schweigend zu, bis die junge Frau in der Tür erschien.

Sie war eine Erscheinung, die mich augenblicklich komplett in ihren Bann zog: Sie war groß, fast so groß wie ich, hatte eine leicht gebräunte Haut und zart geschminkte Lippen. Braunes langes Haar schmiegte sich um ihren Kopf. Sie trug ein farbenfrohes indisches Kleid, jedenfalls nahm ich an, dass es von dort stammte. Doch am meisten beeindruckten mich ihre offenen, warmherzigen Augen, die uns ruhig aus geheimnisvoller Tiefe anblickten.

Als sie mich ansah, spürte ich, wie das Blut in meinen Kopf schoss, meine Haltung sich verkrampfte und ich mich sofort dafür hasste. Dann sah sie zu Georg, der offensichtlich ebenfalls von dieser Erscheinung beeindruckt, aber im Gegensatz zu mir immerhin imstande war, ein relativ entspanntes „Hey!“ zu rufen. „Hey“, erwiderte die Schöne gelassen und fragte dann unseren Gastgeber, ob sie Kaffee bringen solle. Herr Schuhmacher sah uns fragend an, und wir nickten. Er zeigte mit der Pfeife in der Hand auf die Frau und stellte sie als Anne vor, dann sah er mich fragend an, während seine die Pfeife haltende Hand in meine Richtung schwenkte. „Mark, eigentlich Markus“, brachte ich heraus, aber meine Zunge war viel zu trocken, um richtig sprechen zu können. Georg schien dieses Problem nicht zu haben, als er an der Reihe war, im Gegenteil, er verhielt sich geradezu beschwingt. Dann verschwand Anne wieder.

„Sie sind Grafiker?“, fragte Georg. Herr Schumacher nickte. „Das habe ich mir ganz anders vorgestellt“, sagte Georg, „eigentlich mehr so mit Stiften und Pinseln. Machen Sie so was auch?“ Wieder nickte Herr Schumacher, es entstand eine Pause, während er seine Pfeife anzündete. Ein paarmal zog er daran, blies Qualmwolken heraus und legte das Utensil dann in einen Aschenbecher, um die Hände für das Verstauen des Tabakbeutels frei zu haben.

Während er das tat, erklärte er uns, dass die Grafik ein großer Bereich sei mit verschiedensten Techniken. Eine davon sei der Siebdruck, und darauf habe er sich im Moment spezialisiert. Er zeigte auf die Bilder an der Wand, mit dem Hinweis, dass das seine neuesten Arbeiten wären. Er schien keinen Kommentar zu erwarten, sondern bot an, uns nachher gern zu erklären, wie so etwas gemacht wird. Georg interessierte das nicht so sehr, er sorgte sich eher, dass es zu spät werden könnte, und erwähnte, wir müssten um halb sieben zu Hause sein.

„Das sollte kein Problem werden“, beruhigte unser Gastgeber, „ich kann euch nachher zum Bahnhof fahren. Wir wollen ohnehin heute Abend in der Stadt essen gehen.“ Damit war zumindest ein Teil unseres Reiseproblems gelöst.

Anne kam mit einem Tablett zurück, auf dem eine weiße Kanne mit bunten Ringen stand, daneben Becher, Zuckerdose und Milchkännchen mit dem gleichen Muster. „Sorry“, sagte sie, als sie das Ganze auf den Tisch stellte, „dieses Spießerservice ist das einzige, was abgewaschen ist.“

Sie verteilte die Tassen und forderte uns auf, uns zu bedienen. Meine Hand zitterte, als ich die Kaffeekanne ergriff, und ich betete, dass ich nichts verschütten würde, schon gar nicht auf den Teppich oder die Kissen. Anne setzte sich eng neben Herrn Schumacher und streichelte ihm über den Kopf. Der schaute sie kurz mit einem signalisierenden Lächeln an, woraufhin sie ein Stück von ihm abrückte.

Ich hatte inzwischen meinen Kaffee eingegossen, Zucker und Milch hinzu gegeben, war mir aber nicht gewiss, ob ich es schaffen würde, die Tasse sicher zum Mund zu führen und daraus zu trinken. Schließlich blieb mein verkrampfter Arm mitten in der Luft hängen und weigerte sich, die begonnene Bewegung zu Ende zu führen. Aus Verzweiflung und um dieser peinlichen Situation zu entfliehen, hörte ich, wie meine seltsam klingende Stimme in den Raum fragte: „Im Zug, vorige Woche, da sagten Sie, dass ich wegen der Schule recht hätte. Wie meinten Sie das?“

Zum Glück fühlte sich Herr Schumacher angesprochen. „Ich denke, es ist gut, dass endlich mal einiges in unserer Gesellschaft infrage gestellt wird“, antwortete er, „und ich finde es schon sehr gut, dass ihr Schüler und Studenten das tut. Es ist langsam an der Zeit, dass der Krieg aus den Köpfen verschwindet und Neues ausprobiert wird, auch wenn ich nicht immer damit einverstanden bin, wie das geschieht.“

Das mit dem Krieg verstand ich nicht, doch ich traute mich nicht nachzufragen. Offensichtlich meinte er den Zweiten Weltkrieg – aber der war doch schon fünfundzwanzig Jahre her. Wieso sollte der in meinem Kopf sein? Trotzdem hatte ich das Gefühl, einen Verbündeten in meinem Kampf für… gegen… ja, für… gegen was?… gefunden zu haben.

Später fuhr uns Herr Schumacher zum Bahnhof. Als wir ausstiegen, kam auch Anne aus dem Auto. Sie hielt zuerst Georg bei den Schultern und drückte ihm einen Kuss auf die Wange, dann verabschiedete sie sich auf die gleiche Weise von mir. Als sie wieder einstieg, rief uns Herr Schumacher zu, dass wir jederzeit willkommen wären. Dann fuhren sie davon, und der Wagen verschwand im dichten Feierabendverkehr. Wir blickten ihm nach, selbst als er nicht mehr zu sehen war, blieben Georg und ich benommen stehen. Langsam erwachten wir aus der Trance und überlegten, ob wir mit oder ohne Fahrkarte reisen sollten. Wir zählten unsere verbliebenen Groschen und entschieden uns für den legalen Weg.

Um Viertel vor sechs fuhr unser Zug. Georg saß mir gegenüber. Lange betrachteten wir schweigend die vorbeiziehende Landschaft. Plötzlich sagte Georg: „Ich weiß jedenfalls, woran ich heute Abend beim Wichsen denken werde!“ Er war schon immer so direkt gewesen und schien auch bei sexuellen Dingen keine Hemmungen zu haben. Trotzdem schockierte er mich, denn ich wusste, dass er jetzt von Anne sprach, und ich fand ihn in diesem Moment einfach nur vulgär. Insgeheim hatte mich die schöne Frau natürlich auch erregt, aber so über sie zu sprechen empfand ich als Beschmutzung. Ich gab ihm keine Antwort, und es beschlich mich die Ahnung, dass die Begegnung mit Herrn Schumacher und seiner Begleiterin für Georg etwas völlig anderes gewesen war als für mich.

An den folgenden Schultagen hörte ich Georg immer wieder von dem scharfen Typen mit seiner geilen Braut aus Münster erzählen. Inzwischen wusste jeder in der Klasse, dass wir diese Leute besucht hatten. Doch nach einer Woche gab es neue Themen. Georg hatte von einem abgefahrenen Festival in Woodstock bei New York gehört, von einem heißen Jimi Hendrix, von einer affenscharfen Joan Baez, und schien sich nur noch dafür zu interessieren. Er wollte wissen, wo man Informationen zu und Musik von diesem Ereignis auftreiben konnte, und stand mit langhaarigen Typen auf dem Schulhof rum. Diese hatten noch weniger Interesse an Biologie, Geschichte und Chemie als ich, dafür aber umso mehr an Englisch. Mir aber ging das Paar aus Münster nicht aus dem Kopf.

Jedes Mal, wenn ich den Zug nach Hause bestieg, schlenderte ich durch die Waggons, um zu sehen, ob Herr Schumacher da war. War er aber nicht. Nach etwa drei Wochen entschied ich mich, ihn ein zweites Mal aufzusuchen – diesmal ohne Georg. An dem nächsten Wochenende, wenn das Wetter gut war, würde ich die fünfundzwanzig Kilometer bis Münster mit dem Fahrrad fahren. Ich holte den Shell-Atlas meines Vaters aus dem Bücherregal und sah mir die möglichen Strecken an. Schließlich machte ich eine Zeichnung mit Wegmarkierungen. Sicherheitshalber wollte ich am Freitagabend anrufen und fragen, ob mein Kommen okay sei.

Im Jahr 1970 hatten nur wenige Leute ein Telefon, auch meine Eltern nicht, dafür gab es reichlich öffentliche Fernsprecher. Um acht Uhr abends schlich ich mich aus dem Haus (ich wollte nicht erklären müssen, was ich vorhatte), ging die zweihundert Meter bis zur nächsten Telefonzelle und wählte Schumachers Nummer. Ich hörte das Klackern der Relais in der Leitung, die Verbindung wurde aufgebaut. Am anderen Ende klingelte das Telefon, aber niemand nahm ab. Mein rasendes Herz fing an, ruhiger zu schlagen – ich war enttäuscht. Schließlich beschloss ich, es am nächsten Morgen noch einmal zu versuchen.

In dieser Nacht konnte ich nicht gut schlafen. Während ich wach lag, fragte ich mich, ob ich auch dann zu Herrn Schumacher fahren sollte, wenn dort am Morgen wieder niemand ans Telefon gehen sollte. Ich grübelte, wie ich mein Kommen begründen könnte, dachte an Anne und dass sie in einer unerreichbaren, anderen Welt lebte und fragte mich, ob ich vor Aufregung überhaupt sprechen könne, falls sie am Telefon war.

Gegen Morgen fiel ich in einen erschöpften Schlaf und wachte erst um neun Uhr wieder auf. Ich zog die Jalousien hoch und wurde von einem hellen Spätsommertag begrüßt. Außer mir war niemand in der Wohnung.

Ohne weiter Zeit zu verlieren, aß ich das von meiner Mutter bereitgestellte Frühstück, schmierte noch zwei Extrastullen, packte ein paar Sachen, schrieb eine kurze Mitteilung für meine Eltern, dass ich bei einem Freund sei, holte mein Fahrrad aus der Garage und machte mich auf den Weg. An der Telefonzelle fuhr ich vorbei: Egal, es ging auch ohne Anmeldung.

Das Münsterland ist nicht so langweilig flach wie Holland, aber die Hügel sind leicht zu bezwingen und die Straßen gut ausgebaut. An den größeren gab es auch schon 1970 Radwege und an den kleineren nicht übermäßig viel Verkehr. Vorfreude über kam mich, als ich im warmen Sonnenlicht durch die satten Felder und Wiesen fuhr; jeder Hügel eine Herausforderung, die ich mit Schwung annahm; jedes Wäldchen eine Quelle von herrlich moosigen Düften.

Gegen Mittag erreichte ich den Stadtrand von Münster und war froh, dass ich mir einen detaillierten Plan gezeichnet hatte. Zweimal musste ich Passanten fragen, fand den Weg aber insgesamt leichter, als ich befürchtet hatte. Eine halbe Stunde später war ich auf dem Feldweg, der zu Herrn Schumachers Haus führte.

An der Stelle, wo der Mercedes das letzte Mal bei uns angehalten hatte, stieg ich vom Fahrrad und schaute mich um, so als ob ich erwarten könnte, dass er auch dieses Mal wieder auftauchen würde. Doch weit und breit war kein Auto zu sehen. Ich fuhr weiter bis zum Haus hinter dem Wäldchen. Schumachers Wagen stand nicht da. Ich lehnte mein Fahrrad gegen den Zaun, ging durch die Gartenpforte und klopfte an die Tür, so wie wir es beim letzten Mal gemacht hatten.

Außer der warmen Sommerluft, die träge tausend Düfte zu mir trug, regte sich nichts. Auch auf der Rückseite des Hauses und in der Werkstatt, die verschlossen war, konnte ich keine Anzeichen von Herrn Schumachers oder Annes Gegenwart entdecken. Die Vorfreude, die ich eben noch verspürt hatte, verlosch. Sie waren weggefahren – vielleicht nur einkaufen, vielleicht aber auch auf eine Reise. Ich holte die Brote aus der Fahrradtasche, setzte mich auf die Stufe vor der Eingangstür und aß. Mir wurde klar, wie unausgegoren mein Plan gewesen war, einfach hierher zu fahren.

Eine Weile blieb ich in der Sonne sitzen, bis mich meine trockene Kehle dazu bewegte, aufzustehen und zu überlegen, wo ich etwas Trinkbares herbekommen könnte. Ich hatte nichts dabei, um meinen Durst zu löschen, und auch nicht genügend Geld, um in eine Gastwirtschaft zu gehen. Zum Glück gab es im Hof zwischen Haus und Werkstatt einen Wasserhahn, der funktionierte.

Ich wollte nicht einfach aufgeben. So streifte ich die nächsten Stunden durch das Wäldchen, ging den Feldweg weiter bis zum Haus mit der Nummer 6, kehrte wieder um, ging zurück und inspizierte Hof und Werkstatt, indem ich in jedes Fenster schaute. Um drei Uhr war immer noch niemand aufgetaucht. Auf der Holzbank im Hof döste ich schließlich ein und wachte um vier Uhr wieder auf. Es war Zeit, eine Entscheidung zu treffen. Zu allem Übel musste ich dringend aufs Klo. Warten half nichts; als die Not zu groß wurde, ging ich in das Wäldchen.

Zurück beim Haus verspürte ich Einsamkeit und Leere und keine Lust, noch länger zu warten. Alle Euphorie, die mich am Vormittag begleitet hatte, war verschwunden. In diesem Moment wollte ich Anne gar nicht mehr wiedersehen; ich fühlte mich verschmutzt und wollte nur noch nach Hause.

Die Rückfahrt war anstrengend und öde, obwohl der schöne Sommerabend keinen Anlass für schlechte Stimmung bot, doch die beengende Hülle hatte mich wieder eingeschlossen. Als ein Autofahrer mir die Vorfahrt nahm, schimpfte ich wild hinter ihm her. Zu Hause gab ich meiner Mutter nur eine knappe und vage Erklärung, dass ich viel Fahrrad gefahren und nun müde sei. Ich aß das warm gestellte Essen, nahm ein kurzes Bad und verzog mich ins Bett.

Der Sommer ging zu Ende und so, wie die Stunden der Dunkelheit länger wurden, verdüsterte sich auch meine Stimmung. Mitte Oktober wurde eine Klassenarbeit in englischer Grammatik geschrieben, für die ich ein Ungenügend bekam.

Es war mir unbegreiflich, warum man so viel Theorie brauchte, um eine Sprache zu sprechen. Ich konnte mir die Regeln nicht merken und die Ausnahmen schon gar nicht. Viel vernünftiger erschien es mir, in ein anderes Land zu gehen und dort mit den Einheimischen zu lernen; das ergab Sinn! Aber Tag um Tag in der Schulbank zu sitzen und trockenen Lernstoff zu bearbeiten, das war doch der völlig falsche Weg.

Oft hätte ich am liebsten den Kopf auf die Tischplatte gelegt, um ein Nickerchen zu halten. Der Druck stieg: Es musste sich dringend etwas ändern. Ich brauchte Hilfe, jemanden, der mich beraten konnte. Die einzige Person, der ich so etwas zutrauen konnte, war Herr Schumacher, also entschloss ich mich, ihn wieder anzurufen.

Es war Anne, die das Gespräch annahm. Eigentlich hatte ich erwartet, dass wieder keiner abhebt, doch dass sie es nun sein würde, damit hatte ich diesmal gar nicht gerechnet.

„Ah, hallo!“, sagte sie fröhlich, als sie hörte, wer dran war. „Wie geht es dir, Markus? Wir haben lange nichts mehr von euch gehört. Freut mich, dass du anrufst. Willst du uns besuchen kommen?“

Der Redeschwall kam so unerwartet und war so herzlich, dass sich meine Stimmung schlagartig verbesserte, aber ich war auf diese Situation nicht vorbereitet. „Äh... nein, wollte ich eigentlich nicht... oder vielleicht doch... ich wollte eigentlich mit Herrn Schumacher sprechen.“ In diesem Moment hätte ich nichts lieber getan, als weiter mit Anne zu reden, und verzweifelte Überlegungen rasten durch meinen Kopf, aber es war zu spät, ich hatte den Zeitpunkt verpasst. „Ich hol ihn dir!“, rief sie und legte den Hörer hin. Ich hörte ihre Schritte, die sich vom Telefon entfernten.

„Hallo, Mark!“ Die aufmunternde Art, wie Herr Schumacher das sagte, gab mir Mut. „Was kann ich für dich tun?“

Ich wusste nicht, wo ich anfangen sollte. „Hallo, Herr Schumacher. Ja, Sie wissen doch noch… damals im Zug… ich habe mir überlegt, dass ich etwas tun muss und ich dachte … weil… als wir bei ihnen waren… das fand ich gut… und ich dachte, vielleicht sollte ich auch so was machen, so mit Grafik… jedenfalls fand ich das gut.“ Ich biss mir auf die Zunge, und es entstand eine Pause, die mir unangenehm wurde, also setzte ich nach: „Ich habe ein paar Sachen in der Schule gemacht… in Kunst…“

Herr Schumacher erlöste mich: „Ich habe dich schon verstanden: Du überlegst, die Schule zu schmeißen und Grafiker zu werden.“

„Ja!“, entfuhr es mir mit Erleichterung, denn er sprach aus, was schon länger in meinen Gedanken geschlummert hatte, ohne dass ich mir wirklich darüber im Klaren gewesen war.

„Okay“, sagte er, „hier ist, was ich dir rate: Ich werde dir eine Liste mit Agenturen schicken, die grafische Zeichner ausbilden. Du schreibst Bewerbungen und schickst die dahin. Wenn eine Stelle offen ist und du einen guten Eindruck gemacht hast, werden sie ein Gespräch mit dir führen und deine Mappe sehen wollen. Dann werden sie dir sagen, ob sie bereit sind, dir einen Vertrag zu geben. Bis dahin solltest du auf jeden Fall weiter zur Schule gehen.“

Ich erklärte ihm, dass ich noch nie eine Bewerbung geschrieben hatte und mir nicht sicher sei, was so eine Mappe enthalten müsste.

„Okay!“, erwiderte er. „Du kannst ja mal alles zusammensuchen, was du im Kunstunterricht in der Schule oder sonst wo gemacht hast. Dann kommst du hierher, und wir schauen uns das gemeinsam an. Ich helfe dir, eine Bewerbung zu schreiben. Aber das Wichtigste: Bleib in der Schule und tu so, als ob Aussteigen gar keine Option wäre. Noch hast du keine echte Alternative.“

Einerseits war ich froh über den Verlauf des Gesprächs, andererseits aber auch etwas enttäuscht. Insgeheim hatte ich wohl gehofft, auch wenn das völlig absurd war, dass Herr Schumacher mir eine Stelle anbieten würde. Stattdessen hatte er mir geraten, in der Schule zu bleiben – so wie es all die anderen Erwachsenen tun würden. Genau genommen wollte ich, dass mein Leben schlagartig eine andere, bessere Richtung annahm, und hatte vielleicht geglaubt, dass dieses Telefongespräch mich augenblicklich erlösen würde. Stattdessen gab es jetzt aber nur eine neue Option. Immerhin, ein Lichtblick.

Meinen Eltern verriet ich erst mal nichts.

Kapitel 2

Ausgerechnet zu dieser Zeit gab es zwei Ereignisse in der Schule, die auch diese zu einem kleinen Lichtblick machten: Zum einen bekamen wir einen neuen Mathe- und Physiklehrer, Herrn Drexler, und zum anderen eine neue Mitschülerin mit Namen Karin Petermann.

Das Besondere an Herrn Drexler war, dass der Unterricht bei ihm wieder Spaß machte und ich zu meiner alten Hochform in seinen Fächern zurückfand.

Das Besondere an Karin: Sie war unglaublich sexy. Wenn Karin mit ihrem engen Pullover und knapp sitzenden Jeans an die Tafel gerufen wurde, dann standen den Jungs in der Klasse quasi die Schweißperlen auf der Stirn. Ich glaube nicht, dass einer meiner Geschlechtsgenossen imstande war, seine Aufmerksamkeit auf die Dinge zu richten, die an die Tafel geschrieben wurden. Es war unmöglich, an Karins Gestalt vorbeizusehen und nicht in verheißungsvollen Details ihrer Kurven hängen zu bleiben.

Ich hielt mich für einen schüchternen Jungen, in einer unsichtbaren Hülle eingesperrt. Trotzdem, zu meiner eigenen Überraschung, wagte ich eines Tages etwas Besonderes: In der Pause zwischen zwei Unterrichtsstunden hatte sich, wie es seit ihrer Ankunft üblich geworden war, eine kleine Traube von vier oder fünf Jungs um Karins Platz gebildet. Als ich mich dazugesellte, wurde gerade über Kleidung gesprochen, unter anderem über Karins Pullover. Sie befand sich inmitten dieser kleinen Gruppe und genoss die Aufmerksamkeit mit stiller Gelassenheit.

Ich stand hinter ihr und sah die feinen Härchen auf ihrem Hals, die goldfarben in der Sonne leuchteten, und hätte sie so gern berührt. Doch dann fiel mir auf, dass ihr Pullover auf jeder Schulter fünf Knöpfe hatte. Der Teufel muss mich geritten haben, denn während ich laut fragte, ob diese den Pullover zusammenhielten, fing ich an, einen nach dem anderen aufzuknöpfen. Alle verstummten und warteten auf Karins Reaktion: vielleicht dass sie sich wegduckte oder mir eine Ohrfeige verpasste. Sie tat nichts dergleichen, sondern drehte sich langsam um und blickte mich herausfordernd an – nicht abwehrend, sondern eher ermutigend. Ich hatte alle fünf Knöpfe auf ihrer rechten Schulter aufgeknöpft und wusste nicht mehr weiter.

Die Jungs hielten den Atem an, und ich spürte, wie um mich herum alles unwirklich wurde und Karin, die einzig andere reale Person, die Hülle meines Schutzwalles durchdrang. Ihre Nähe war wunderbare Intimität und gleichzeitig nahezu unerträglich. Mir war völlig unklar, wie ich aus der Situation herauskommen sollte. Zur meiner Erleichterung betrat der Lehrer für die nächste Stunde den Raum und erlöste mich aus meiner Lähmung. Ich ging zu meinen Platz, blickte zurück und sah, dass Karin mit einiger Mühe die Teile auf ihrer Schulter wieder zusammenknöpfte. Dann drehte sie ihr Gesicht kurz in meine Richtung; sie lächelte.

Es war nur eine kurze Episode, aber sie veränderte meine Wahrnehmung. Von jenem Tag an hatte ich ein gutes Verhältnis zu Karin: Sie war nicht mehr das fremde Wesen, das unerfüllbares Verlangen auslöste – sie war nun ein Versprechen. Wenn sie auf dem Weg zum Bahnhof mit ihren Freundinnen vor mir herlief, überlegte ich immer wieder, ob ich mich dazugesellen sollte, aber mir fiel nichts ein, worüber ich mit ihr hätte reden sollen. Jeder mögliche Satz, jede erdachte Formulierung erschien mir plump und nur dazu angetan, den kurzen Moment der Magie, der zwischen uns bestanden hatte, zu zerstören. Trotzdem war sie es, die mir einen Teil meiner Furcht vor Mädchen genommen und eine kleine Öffnung in meine Hülle gebrochen hatte.

Herr Drexler öffnete mir die Augen für etwas ganz anderes. Ihm lag viel daran, die praktische Anwendbarkeit von dem, was er lehrte, zu demonstrieren. In einer seiner ersten Physikstunden brachte er kleine Kohlensäurepatronen mit, die für die damals üblichen Heimsiphons hergestellt wurden. (Später erfuhr ich, dass er solche Dinge oft aus eigener Tasche bezahlte.) Außerdem gab er uns kleine Spielzeuglaster mit Ladeflächen, auf denen wir die Patronen einklemmten, nachdem wir sie mit Nägeln aufgepikst hatten. Das ausströmende Kohlensäuregas trieb die kleinen Autos durch den Rückstoß an.