Gelebt - Josephine Odrig - E-Book

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Josephine Odrig

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Beschreibung

Thela Mers, Anwältin und zweifache Mutter, ist gut damit beschäftigt, den Alltag zu managen. Als sie sich darauf einlässt, Ihre Oma Martha auf eine eintägige Dienstreise nach Dresden mitzunehmen, ahnt sie noch nicht, dass es mehr als nur das werden wird. Auf dem Weg berichtet ihr Martha vom einstigen Bauernleben in der ehemaligen DDR. So lässt sie für Thela eine bisher unbekannte Vergangenheit, geprägt von harter Arbeit und viel Natur, lebendig werden. Thela erlebt das heutige und das damalige Dresden und die wunderbare Landschaft des Elbsandsteingebirges. Sie lernt die junge Martha ebenso wie ihren Großvater kennen. Doch als Martha von Krebs, Würde im Alter und Selbstbestimmung redet, zieht sich Thela verwirrt zurück. Plötzlich ist sie mit Themen konfrontiert, über die sie sich zuvor selten Gedanken gemacht hat. Sie fühlt sich überfordert und verlangt nach Ruhe. Doch ihr aktueller Mandantenfall hilft ihr dabei ebenso wenig wie ihr alter Freund Michael.

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Seitenzahl: 266

Veröffentlichungsjahr: 2020

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Josephine Odrig

Gelebt

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Glück

TEIL 1

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

TEIL 2

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

TEIL 3

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Kapitel 35

Kapitel 36

Kapitel 37

Kapitel 38

Nachwort

Marthas Rezepte

Impressum neobooks

Glück

Der Himmel strahlte in einem Blau, das an Vergissmeinnicht erinnerte. Die Sonne liebkoste die unzähligen Ähren auf dem Feld und eine leichte Brise wiegte sie sanft. Eine grau gestreifte Katze schlich langsam durch das satte Grün der Wiese und die Blumen erschienen wie die bunten Farbtupfer auf einem impressionistischen Gemälde. Sie hielt die Augen geschlossen. Außer dem gelegentlichen Ruf eines Falken umgab sie eine vollständige Stille, wie sie nur den heißen Sommertagen eigen ist. Alles Leben ging träge voran, die wenigen Geräusche verschluckte die flirrende Luft wie ein Fisch im Wasser seine Beute. Als sie ihre Augen langsam zu schmalen Schlitzen öffnete, flimmerten weiß-goldene Lichter davor. Die filigranen Blätter der Weide bewegten sich leicht im Wind und erzeugten im Blätterdach über ihr die wunderbarsten Glitzermomente. Es war, als würden Sonne und Weide ihr die schönsten Augenblicke schenken wollen. Momente, in denen nur das glitzernde Licht zwischen den zarten Blättern zählte. Momente, in denen nur sie allein im Schutz der Weide das Leben in sich einsog und alles herum vergaß.Sie hatte die Arme unter dem Kopf verschränkt und betrachtete die alte, knorrige Weide. Was hatte sie schon alles gesehen? Wie viel Wasser hatte ihre Wurzeln bereits umspült? Das Mädchen setzte sich auf und betrachtete die zerfurchte Rinde des Baumes. Und plötzlich zog vor ihrem inneren Auge ihr eigenes Leben vorbei. Das vergangene und auch das zukünftige. Und dann kam das ihrer Mutter. Und ihrer Großmutter. Und ihrer Kinder. Und es war wie in einer Geschichte, die den Bogen über mehrere Generationen spannte. Ihr wurde die Vergänglichkeit, ihre eigene, aber auch diejenige allen Lebens auf der Welt, bewusst. Sie war ein klitzekleiner Teil, ein kleines Wesen auf dieser großen Welt im Rad der Zeit. Und dennoch fühlte sie sich nicht unbedeutend. Im Gegenteil, nur wenn alle Teile da waren und die Welt so erlebten, wie sie war, mit allem was dazugehörte, nur dann hatte die Erde und das Leben auf ihr einen Sinn. Das war das Beste und Größte, was es für den Menschen gab: sein Leben. Sie hatte sich auch schon oft die Frage gestellt, wo sie vor ihrer Geburt gewesen sein mochte. „Quark im Schaufenster“, pflegte ihre Mutter dann zu sagen. Doch was sollte das sein? Und wo? Saß sie davor ebenso wie nach Lebensende auf dem Schoß Gottes? Oder daneben? Aber wie sollte das gehen, gab es doch so viele Menschen, die ebenfalls ein Anrecht darauf hatten. Und was machte sie dort überhaupt den ganzen Tag? Oder war Zeit relativ? Ihre Gedanken drehten sich immer mehr und die Fragen gingen immer tiefer.So stand sie mit einem Ruck, der alle Grübeleien abschütteln sollte, auf und ging zum Bach. Sie stellte sich mit ihren nackten Füßen in das kühle Nass und ließ das Wasser sanft ihre Knöchel umspielen. Das war eine Liebkosung der Natur, die sie vor allem an solch heißen Tagen in vollen Zügen genoss. Sie setzte sich auf den großen Stein am Ufer und stützte den Kopf auf die Hände. Sie starrte in das Wasser und verfiel fast in eine Art Trance, ausgelöst durch die sanften Wellen des dahinplätschernden Wassers. Der Duft des Weizens stieg ihr in die Nase, gefolgt von einer Mischung aus Nässe, frischem Gras und Weidenrindengeruch. Ein Schmetterling tanzte knapp an ihrem Knie vorbei, dem Wasserlauf folgend. In der Ferne hörte sie eine Kuh rufen. Ein kleines Stöckchen trieb im Wasser. Im Wind umspielte ihr Haar sanft ihr Gesicht.Ein Moment, den sie für sich mit dem Herzen fotografierte, umschloss und gut aufbewahrte, sollte es jemals anders werden.

TEIL 1

Pflaumenbaum

In Nachbars Garten im Pflaumenbaumda rauschte leise der WindEr ließ mich träumen von der Zeitals ich noch war ein KindWie oft saß ich in diesem BaumEin Spielzeug war’s für michDer gleiche Wuchs so groß und freierinnert mich an dichGeschaukelt hab ich oft an ihmund fiel auch mal herabbekam da leider keine Luftda lief die Oma TrabDas Klettern fiel mir niemals schwermit Lust war ich dabeidas kann ich leider niemals mehrdie Jugend ist vorbeiGedanken wandern nur zurückbeim Anblick dieses Baumsdie schöne Zeit ist nun vorbeies bleibt nur noch ein Traum.

Erika Renger

Kapitel 1

Februar 2016, bei Nürnberg

Thela stellte die Musik lauter. Sie lenkte den Wagen rückwärts aus der Parklücke und fuhr zum Ausgang, schob die Karte in den Schlitz, wartete und entnahm sie wieder. Langsam öffnete sich die Schranke. Sie legte den ersten Gang ein und fuhr auf den Fußweg vor. Ein Radfahrer zwang sie zum Halten. Dann kam eine lange Reihe Autos und Lkws. Nach gefühlt fünf Minuten konnte sie sich endlich in den Straßenverkehr einreihen. Es war 15 Uhr und jede Menge Fahrzeuge waren unterwegs. Dankbar, dass sie auf diese Weise vom Arbeitsstress abgelenkt wurde, ließ sich Thela von der Autoschlange mitschieben. Die Musik spielte eines ihrer Lieblingslieder aus den 90ern. Sie sang mit, während sie das Auto durch die Stadt lenkte. Zehn Minuten später war sie auf der wenig befahrenen Bundesstraße angelangt und so schweiften ihre Gedanken wieder zur Arbeit. Sie hatte ein völlig unnötiges Meeting mit ihren Kollegen gehabt, in dem heftig diskutiert worden war. Allerdings ohne Ergebnis. Stattdessen zog es sich in die Länge. Thela war dann einfach gegangen. Zum Glück hatte sie einen anerkannten Grund dafür. Aber das Meeting warf sie, neben den drei Mandantengesprächen heute, zeitlich zurück. Sie hatte eine Klage einzureichen. Und Montag lief die Frist ab. Nur leider konnte sie bis jetzt weder die notwendigen Recherchen betreiben noch den Text verfassen. Also hatte sie die Wahl: Abgabe einer völlig unzureichenden Klageschrift, Wochenendarbeit oder die Hoffnung, dass sie es Montag schaffen würde. Immerhin konnte vielleicht Jo am Montag die Kinder übernehmen. So bliebe ihr wahrscheinlich noch genug Zeit – wenn nicht etwas dazwischenkam. Was nicht abwegig war. Immerhin war Februar. Und ihr Hals kratzte schon wieder gewaltig.Sie hasste diesen Termindruck. Normalerweise gab sie notwendige Schriften etwas vor Fristende ab. Aber gelegentlich hatte sie so viel zu tun, dass sie es einfach nicht eher schaffte. Denn im Gegensatz zu den meisten ihrer Kollegen konnte sie selten Überstunden machen. Obgleich Jo ab und zu die Kinder übernahm, auch er musste seine Arbeitszeit schaffen. Und ihre Eltern hatten auch zu tun. So blieb es an ihr, sich um die Kinder zu kümmern. Was ihr ja Spaß machte. Nur hatte der Tag ab und zu einfach zu wenig Stunden.Wahrscheinlich sollte sie Jo vor die Wahl stellen: Entweder Wochenendarbeit und er kümmerte sich um die Kinder und den Haushalt oder sie konnte Montag lange machen. Denn eine unzureichende Klageschrift nur zur Fristwahrung einzureichen, das wäre nicht ihr Stil und würde gegen ihre Prinzipien laufen.Im Radio ertönte der Gong zur Anzeige der Nachrichten. Wieder stand die deutsche Flüchtlingspolitik an erster Stelle. Dieses Mal debattierten die Abgeordneten das „Asyl II“-Paket im Bundestag. Die Nachzugsproblematik.So interessant und zugleich schwierig dieses Thema sein mochte, die Nachrichten zeigten Thela an, dass sie wieder einmal zu spät kam. Sie stellte ihr Auto vor der KiTa ab und beeilte sich, noch vor Anspringen der automatischen Türverriegelung im Kindergarten anzukommen. Doch leider blieb ihr auch dieses Mal ein peinliches Klingeln nicht erspart.Lina kam auf ihre Mutter zu gerannt und ließ sich in deren Arme fallen. „Hallo, Mami. Der Tobi hat mich heute geärgert. Immer will er mich fangen…“, und schon sprudelten die Worte nur so hervor. Ohne Unterbrechung erzählte Lina ihr vom gesamten Kindergartentag. Solch unwichtige Sachen, ob sie heute draußen waren, ob sie ihr Mittag vollständig aufgegessen oder heute geschlafen hatte, blieben natürlich unerwähnt. Vielmehr wurden nur die wichtigen Details ausführlich berichtet: Welche ihrer Freundinnen dieses Mal das Prinzessinnenkleid tragen, wer heute zum Prinzen auserwählt wurde und welch köstliches Essen sie den Erzieherinnen vorgesetzt hatte – man nehme einen Plastikmuffin, viel fiktiven Ketchup darauf und etliche Wollnudeln dazu.Thela kam es oft so vor, dass sie einen Teil ihres Lebens vor der Kindergartentür ab- und dafür den anderen Teil hinter der Tür überstreifte. All ihre Gedanken zur Arbeit waren nicht mehr wiederzufinden. Stattdessen kreiste ihr jetzt im Kopf, wo denn Linas zweiter Schuh geblieben war, ob sie auch alles eingepackt hatten und wie die Nachmittagsgestaltung ausfiel. So wandelte Thela für den restlichen Tag im Mutter- und Hausfrauenkleid umher und genoss den anderen, den „Mutter-Stress“.

„Hallo, mein Schatz“, Thela küsste ihren großen Sohn auf die Wange und drückte ihn. „Hast Du schon die Hausaufgaben fertig?“ Jonas schüttelte den Kopf. Er war jetzt sieben Jahre alt und besuchte die zweite Klasse. „Wann sollte ich die denn machen? Bin doch eben erst reingekommen! Und im Hort hat Sandro wieder so viel Blödsinn gemacht. Es war wieder so laut. Und dann mussten wir noch die Autotunnel fertig bauen!“ Thela nickte. Sie schaute auf die Uhr und rechnete nach. Noch eine Stunde, dann würde auch Jo zu Hause sein. Bis dahin sollte sie vielleicht ein wenig Hausarbeit erledigen, sodass sie die Kinder im Auge hatte. An Hinsetzen und Ausruhen war sowieso nicht zu denken.„Mama, ich hab Hunger!“ Jonas ließ sich rücklings über die Couchlehne fallen und versuchte sich im Handstand. Dabei krachte er, wie zu erwarten, vom Sofa hinunter, gerade so neben den Couchtisch. Er sprang gleich wieder auf und lachte sein „Ich-mache-gerade-Blödsinn-und-finde-das-toll-Lachen“. „Mama, spielst Du mit mir und Lore?“, Lina stand in der Tür und hielt ihre Puppe in der Hand. Sie schaute Thela mit ihren großen Augen erwartungsvoll an und … „Mama, ich will was eeesseeen!!!“, Jonas sprang zum zweiten Mal in einer halsbrecherischen Haltung vom Sofa und rannte zu ihr. Er konnte nicht gehen. Jonas musste immer rennen. Als müsste er immer der erste sein – auch dort, wo niemand sonst war.„Jonas, hör auf mit dem Springen und schrei mich nicht so an! Du bekommst gleich ein Brot.“ An Lina gewandt sagte Thela: „Du, ich habe jetzt keine Zeit. Schau mal, dass Du was alleine spielst. Oder magst Du mir helfen? Ich habe noch viel zu tun.“ Lina schüttelte den Kopf und schaute sie böse an. „Vielleicht kannst Du ja später mit Jonas spielen. Wenn er seine Hausaufgaben gemacht hat. Und Papa kommt dann auch bald.“ Thela wandte sich in Richtung Küche: „Ach übrigens, wir müssen noch etwas vorbereiten. Oma hat doch morgen ihren Geburtstag. Jonas, kannst Du schon ein Lied oder ein Gedicht?“ Jonas folgte ihr schmollend in die Küche. „Och nein, nicht schon wieder was lernen! Außerdem will ich was Süßes!“Im Wohnzimmer ertönte ein spitzer Schrei und dann packte Lina die höchsten Töne ihrer Wut aus. Thela stöhnte innerlich und sehnte Jos Feierabend herbei.

Fünfzehn Minuten zu spät. Für Thela, die Unpünktlichkeit hasste, wieder eines dieser Ärgernisse, die das Familienleben mit sich brachte. Es machte sie rasend, dieser Stress vor einem Termin, einer Feier oder einer großen Fahrt. Immer wieder die notwendige Organisation, Planung und Hektik. Immer wieder Stress. Wenn sie irgendwann einmal beide Kinder aus dem Haus hatten – was wäre das für eine Ruhe. Und endlich keine Unordnung mehr.Sie hatte sowieso schon Halsschmerzen gehabt, jetzt ging die Tendenz zur Stimmlosigkeit. Dieses ständige anweisen, schimpfen, reden. Immer wieder dasselbe. Immer wieder die gleichen Litaneien. Wahrscheinlich war genau dies die Kunst der richtigen, der guten Erziehung: Nicht aufgeben!Jedenfalls waren sie jetzt endlich angekommen. Mit fünfzehn-minütiger Verspätung wohl gemerkt. Als sich die Haustür öffnete und Thela ein wenig später den gedeckten Kaffeetisch entdeckte, war ihr klar, dass Oma Martha auch dieses Mal ungeduldig gewartet hatte. Und wie immer waren sie die Letzten.Thela sollte es einmal schaffen, bei einer Feier den Kaffeetisch schon gedeckt zu haben, wenn die ersten Gäste erschienen. Vielmehr war sie jedes Mal froh, wenn im Bad alle Armaturen getrocknet waren und sie den Putz-Look gegen festliche Kleidung getauscht hatte. Auch das würde sich – hoffentlich – mit dem Auszug der Kinder bessern. Irgendwann einmal.Jetzt saßen alle fröhlich am Tisch und genossen die Köstlichkeiten, wie etwa die leckere Eierschecke. Das Rezept hatte Martha aus ihrer Heimat mitgebracht und variierte es bei jeder Feier: einmal Dresdner Eierschecke pur, dann mit Mohn und ein andermal mit Stachelbeeren. Und alles schmeckte köstlich.Thela blickte sich um und stellte zufrieden fest, dass sowohl Lina als auch Jonas ruhig auf ihren Plätzen neben den Großeltern saßen und ihre Kuchenstücke und Kekse verdrückten. Zuvor hatten sie ihre Lieblingsoma Heidi und ihren Lieblingsopa Thomas ausgelassen begrüßt und sie mit Erzählungen über Schule, Kindergarten, Freunde und Co. überschüttet. Diese freuten sich jedes Mal sehr, wenn sie Zeit mit ihren Enkelkindern verbringen konnten. Und für Thela und Jo war es eine enorme Erleichterung.„Na, meine liebe Thela, wie geht es Euch denn so?“ Oma Martha blickte sie erwartungsvoll an und erst jetzt registrierte Thela, dass sie angesprochen wurde. Sie erzählte ein wenig von ihren Kindern. Ein paar Anekdoten gab es da immer zu berichten. Aber Oma interessierte sowieso alles, was ihre Urenkel anging. Allerdings war sie auch den ganzen Tag allein. Den dadurch angestauten Redeschwall bekam Thela zu spüren, als sie anfing von ihrem Job zu berichten. Martha unterbrach sie dann und informierte sie wie so oft über ihre unzähligen Termine – Ärzte, Geburtstage, Rommeerunden. So beherrschte also bald sie das Gespräch und Thela freute sich, einmal nicht reden zu müssen. Ihr Hals würde es ihr danken.

Später wurden wie immer Spiele gemacht. Die Kinder waren eifrig bei der Sache. Besonders die „stille Post“ ließ beide mehrfach losprusten. Auch Martha genoss es. Sie machte jeden Spaß mit, schien sich prächtig zu amüsieren und lachte lauter als alle anderen. Das steckte bald die ganze Gesellschaft an, sodass es insgesamt eine sehr lustige Runde wurde. Thela dachte hinterher, sie hatten wohl lange nicht mehr eine so vergnügliche Familienfeier gehabt. Auch den einstudierten Vorträgen der Kinder merkte man ihren anfänglichen Protest nicht an. Martha freute sich, wie zu erwarten, wieder sehr über ihre Urenkel. Auch wenn Thela meinte, ein wenig Wehmut in Marthas Blick erkannt zu haben, als Jonas sein einstudiertes Lied zum Besten gab.

Kapitel 2

Als Martha aufwachte, wusste sie nicht, wo sie sich befand. Sie öffnete die Augen. Alles war dunkel. Nur durch die schmalen Schlitze der Rollläden drang das spärliche Licht der Straßenlaternen.Jetzt fiel es ihr wieder ein. Natürlich, wo sollte sie auch sein. Seit Jahren war sie jeden Morgen in ihrem Haus aufgewacht. Wieso sollte es heute anders sein? Und dann kam ihr der gestrige Tag wieder vor Augen. Ihr Geburtstag. 77 Jahre. Ganz schön alt. Und doch staunte sie manchmal, dass es immer mehr Menschen wurden, die jünger waren als sie und immer weniger, die älter waren. Dabei konnte sie sich noch so gut an längst vergangene Ereignisse erinnern. Als wäre das gestern gewesen und nicht ihr 77. Geburtstag.Martha wollte aufstehen. Wie immer war es viel zu früh am Tag. Aber ihr Kopf drängte. Doch ihr Körper rebellierte. Jedes ihrer Körperteile schien zu schreien: Ich bin müde! Lass mich noch schlafen! Sie spürte, dass ihre Arme und Beine einfach nicht wollten. Sie wollten einfach liegen bleiben. Ruhe haben. Das Nichtstun genießen.Martha überlegte, was sie heute alles zu tun hatte. Es war so viel aufzuräumen. Die Essensreste waren zum Glück schon verstaut. Doch das Geschirr wartete, in der Spülmaschine und daneben. Tische und Stühle mussten wieder an ihre Plätze. Und gegen neun Uhr kamen Thomas und Heidi zum Helfen. Bis dahin wollte sie schon einen großen Teil geschafft haben. Sie musste also aufstehen.Martha setzte sich auf und lehnte sich an das Kopfende des Bettes. So saß sie und schaute zum Fenster. Kein Laut von draußen. Ruhe. Dunkelheit. Nicht einmal die Finsternis entfernte sich langsam. Sie blickte auf die Uhr. Kein Wunder – es war kurz nach sechs. Es würde noch gut eine Stunde dauern bis es hell wurde. Sie rutschte ein Stückchen in ihre Kissen zurück. Ihre Arme fühlten sich an, als würden sie heruntergezogen. Wieder ins Bett hinein. Und den Beinen erging es ebenso. War sie gestern tatsächlich keinen Marathon gelaufen? Ihr ganzer Körper wollte liegen bleiben. Aber das Geschirr wartete. Und es musste unterm Tisch gesaugt werden. Lina war gestern nicht die Einzige gewesen, die ihr Essen auch dort verteilt hatte. Auch die Küche war zu wischen. Es gab wirklich so viel zu tun. Sie schloss die Augen.Aber eigentlich konnte sie das alles doch mit ihren Kindern gemeinsam machen. Und bis neun war es noch viel Zeit. Martha rutschte tiefer in ihre Kissen, rollte sich auf die Seite und gönnte ihren Gliedern noch ein wenig Ruhe. Ihr Kopf arbeitete indes auf Hochtouren. Aber zum Glück gab es genügend zu planen für den heutigen Tagesablauf.

Eine Stunde später war Martha beim Anziehen. Sie frühstückte eine Kleinigkeit, trank ihren Tee und putzte Zähne. Danach nahm sie sich zunächst den Geschirrspüler vor. Das Ausräumen ging langsam voran. Und als sie die schmutzigen Gläser eingeräumt hatte, musste sie zunächst eine Pause einlegen. Sie setzte sich auf die Bank in der Diele. Und schon fielen ihr wieder etliche Dinge ein, die sie noch zu erledigen hatte. Doch ihr Atem ging noch zu schnell und ihr Rücken schmerzte. So wanderte ihr Blick zum Geschenketisch. Sie hatte wieder eine Menge bekommen. Viel zu viele Süßigkeiten, etliche Blumen und Kleidung. Doch was sollte man einer alten Frau auch anderes schenken? Sie brauchte nichts. Vor allem keine Süßigkeiten. Na, ihre Damen von der Rommeerunde würden sich freuen. Und all die anderen gelegentlichen Gäste.Sie nahm den Stapel Post in die Hand und blätterte durch. So viele Menschen hatten an sie gedacht. Goldene Schnapszahlen und Zahlenräder zierten die Karten. Doch dann hielt sie den Brief in der Hand. Ihr wurde plötzlich flau im Magen. Schnell legte sie den Stapel beiseite. Den Brief steckte sie unter den Haufen Zeitschriften, der neben ihr auf der Bank lag. Bloß weit weg. Wie kam der denn zwischen die Glückwunschpost? Ihr war immer noch übel. Sie stützte ihren Kopf auf die Hände. Starrte vor sich hin. War plötzlich ganz weit weg. Die Übelkeit verwandelte sich in einen dicken Kloß im Hals. Dort hing er. Und machte sich breit. Und als er drohte, höher zu klettern, stand Martha mit einem entschiedenen Seufzer auf. Sie machte eine wegwerfende Handbewegung und versuchte sich an den schmutzigen Schalen, in denen am vorigen Abend Naschereien dargeboten wurden. Sie lenkte ihre ganze Aufmerksamkeit auf das Einräumen der Spülmaschine.Dann fiel ihr Blick auf den riesigen Rotweinfleck. Das war ihr gestern Nacht passiert. Als alle Gäste gegangen waren. Sie hatte versucht, ihn zu entfernen. Aber so richtig geglückt war es nicht. Sie entschied, dass genau jetzt der passende Moment war, es nochmals zu versuchen. Sie schrubbte mit einer Aggressivität und Entschlossenheit auf dem Boden herum, dass ihr ganz schwindelig wurde. Doch nicht lange, dann musste sie ihre nächste Pause einlegen. Sie saß auf dem Boden, den Kopf an den Türrahmen gelehnt und hoffte, ihre einst so große Energie möge wiederkehren. Doch das tat sie nicht. Vielmehr musste Martha ihren Körper zum Weitermachen zwingen. Sie fühlte sich einfach nur schlapp. Martha stellte fest, dass sie heute mehr Pausen einlegen musste. Abgesehen davon, dass sie seit geschätzt zehn Jahren am Tag nur noch die Hälfte dessen schaffte, was sie früher täglich zustande gebracht hatte. Damit hatte sie sich allmählich abgefunden. Dennoch wurde die Dimension eine neue. Diese Langsamkeit, dieses „ich-will,-aber-ich-kann-nicht“. Es deprimierte sie, ihre Kraft nach und nach schwinden zu sehen.Martha setzte von Neuem an, den Fleck zu beseitigen. Vielleicht sollte sie es nochmal mit Salz probieren? Aber der Fleck musste doch weggehen. Marthas Fingerknöchel wurden weiß. Ihre Arme schmerzten. Sie atmete noch schneller. Geh endlich weg! Ich will Dich nicht auf meinem guten Teppichboden. Verschwinde! Weg mit Dir! Ich will Dich nicht! Weg! Doch der Fleck schien sich eher zu verbreitern, als dass er an Farbe verlor. Martha schrubbte weiter. Und immer weiter. Sie schien rasend vor Wut. Oder Traurigkeit. Oder Schmerz. Dieser beschissene Brief. Ich will ihn nicht. Ich will es nicht! Geh weg! Sie schmiss den Lappen in die andere Ecke der Diele. Martha war so erschöpft, dass sie sich wieder an den Türrahmen lehnte und die Augen schloss.So saß sie, bis ihr Sohn mit seiner Frau kam.

Kapitel 3

„Guten Tag, Frau Häußler, Herr Häußler. Kommen Sie doch herein!“ Thela begrüßte das Ehepaar und deutete ihnen mit einer Handbewegung einzutreten. Sie wies auf zwei bequeme Stühle am Besprechungstisch. Auch wenn ihr Schreibtisch von Aktenbergen und kleineren und größeren Notizzetteln überhäuft war, so lag auf dem dunkelbraunen Holztisch nur eine recht dünne Akte. Thela war es wichtig, eine Mandantenbesprechung mit möglichst wenig Ballast auf dem Tisch, aber viel Behaglichkeit zu führen. So öffneten sich die meisten eher und erzählten mehr sachdienliche Details, was wiederum die Grundlage für eine gute Mandantenvertretung war.Das Ehepaar wirkte ein wenig entspannter als bei ihrem ersten Termin. Trotzdem sah Herr Häußler noch immer müde und traurig aus. Seine Frau hielt seine Hand und lächelte ein wenig. Aber auch sie wirkte vor allem abgespannt. Die Beiden hatten vergangenen Freitag ihr Büro aufgesucht, um die Möglichkeit einer Klage abklären zu lassen. Sie wollten gegen den Arzt der verstorbenen Mutter des Mannes vorgehen. Diese hatte ihre letzten Lebensjahre an einer PEG-Sonde verbracht, wurde also künstlich ernährt. Ansprechbar war sie schon lange nicht mehr gewesen. Vielmehr hatten sich Pflegerinnen im Heim um ihre täglichen und nächtlichen Bedürfnisse gekümmert, nicht dass sie davon etwas mitbekommen hätte.Nachdem sie einige Befindlichkeitsbekundungen ausgetauscht und Thela ihren Notizblock und Stift hervorgeholt hatte, setzte auch sie sich. Sie ordnete ihre Gedanken und begann: „Herr Häußler, Frau Häußler, ich fasse zunächst kurz die Fakten zusammen, die sie mir letzten Freitag erläutert haben. Danach besprechen wir die Klageaussichten.“ Das Ehepaar nickte zeitgleich. Plötzlich schien der Mann aus seiner Lethargie zu wecken und in seinem Gesicht spannten sich die Gesichtszüge an. Sein Kampfgeist erwachte. Thela hatte diesen bereits beim letzten Mal zu spüren bekommen. Der Mann hatte gelitten und seine Frau mit ihm. Jetzt wollten sie eine Entschädigung – zumindest für den unnötigen Teil.“Ihre Mutter, Herr Häußler, lag im Pflegeheim in Dresden, seit 2007. Dort wurde sie seit 2011 über eine PEG-Sonde künstlich ernährt. Noch im selben Jahr verlor sie ihr Bewusstsein. Bis 2015 erfolgte weiterhin die Ernährung über die Sonde bis ihre Mutter letztlich am 10.9.2015 verstarb. Habe ich mir diese Daten korrekt notiert?“, fragte Thela sachlich. Herr Häußler hatte ihr aufmerksam zugehört und nickte jetzt. „Dann haben Sie das letzte Mal erwähnt, dass sie in dieser Zeit sehr gelitten haben. Nicht nur, dass Sie regelmäßig zwischen Nürnberg und Dresden hin und her gefahren sind, um möglichst oft bei ihrer Mutter zu sein,“ Thela kam nicht zum Weitersprechen. „Meine Schwester wohnt noch in Dresden und ich wollte sie etwas unterstützen, zumindest psychisch“, fügte Herr Häußler angeregt hinzu. „Wissen Sie, wir hatten es als Kinder nicht immer einfach. Lettie, das ist meine Schwester, hat sich schon um unsere Mutter gekümmert, bevor sie ins Heim ging. Immer war sie an der Reihe mit waschen, Essen machen und all dem. Sie wissen es ja. Als Mutter dann im Heim war und das Thema mit der künstlichen Ernährung anging, hatte ich beruflich wieder etwas mehr Luft und versuchte Lettie mehr zu unterstützen. So sind wir“, er zeigte auf seine Frau und sich, „in den letzten Jahren viel öfter dort gewesen. Lettie war da schon ziemlich fertig. Sie hatte einfach keine Kraft mehr. Und so ging es uns dann zuletzt auch. Wissen Sie, es ist weniger das Körperliche, vielmehr die Psyche!“Thela nickte mitfühlend: „Vielleicht können Sie mir noch einmal kurz erläutern, was Ihr Anliegen und Ihre Beweggründe sind. Sie wollen den Arzt verklagen, weil er Ihre Mutter zu lange leiden lassen hat. Ist das so korrekt?“ „Naja…Ja, so ist es wohl auf den Punkt gebracht. Wissen Sie, unsere Mutter war immer eine hart arbeitende Frau. Sie hat uns trotz des fehlenden Geldes immer Essen auf den Tisch gebracht. Sie hat uns geliebt und es uns auf ihre Weise auch gezeigt. Auch später noch, als Vater schon gestorben war, hat sie sich um uns und unsere Familien gekümmert. Sie hatte ihr eigenes Leben, hat aber immer an uns gedacht. Sie ist bis ins Rentenalter fit gewesen, hat ihren Garten und das Haus geliebt und gut in Schuss gehalten. Natürlich, Unterstützung brauchte sie vor allem im Garten dann immer mehr. Aber sie kümmerte sich – um sich selbst und in gewisser Weise auch um uns Kinder. Und es war ihr größter Wunsch im Alter – also wenn sie alles erlebt und erledigt hatte – einfach einzuschlafen und nicht mehr aufzuwachen. Ohne Schmerzen. Ohne Leid. Doch das blieb ihr verwehrt. Sie bekam eine Lungenentzündung und seitdem ging es bergab mit ihr. So landete sie später im Pflegeheim und so weiter. Schon die Frage, ob eine künstliche Ernährung eine angebrachte Maßnahme sei, war nicht leicht. Und immer verfolgten mich die Gedanken, ob es wohl richtig war. Vielleicht wäre es besser gewesen, das Essen einfach wegzulassen. Es gibt da ja mittlerweile wirklich gute Sachen in der Palliativmedizin. Aber verhungern lassen – wer will das seiner eigenen Mutter antun? Und deswegen haben wir uns eben so entschieden. Es hat ja keiner gewusst, dass es noch so lange – ganze vier Jahre! – gehen würde. Und dabei hätte das letzte Jahr nicht sein müssen! Jedenfalls wäre ihr und auch uns sehr viel Leid erspart geblieben. Aber dieser Arzt, dieser…“, seine Frau fasste ihn etwas fester am Arm und zog ihn leicht zu sich: „Ist gut, Willi.“Herr Häußler hatte sich in Rage geredet. Jetzt schien er plötzlich wieder in sich zusammenzufallen. Wie ein kleines Häufchen saß er neben seiner Frau und starrte vor sich hin. „Wissen Sie, ich kann niemanden leiden sehen. Schon gar nicht einen Menschen, den ich liebe. So hatten wir uns Mutters Ende nicht vorgestellt. Diesen Anblick…ich werde das nicht vergessen. Nie. Und Lettie, meine liebe Lettie. Sie hat so gelitten. Frau Rechtsanwältin, bitte finden Sie einen Weg, dieses unnötige Leid … Wenigstens eine kleine Entschädigung!“ Jetzt schaute Herr Häußler voller Erwartung. Auch seine Frau blickte Thela hoffnungsvoll an.„Zunächst einmal möchte ich Ihnen sagen, wie leid mir die ganze Situation tut.“ Beide Gesichter verloren etwas von ihrer hoffnungsvollen Erwartung. Plötzlich schlich sich Traurigkeit, Resignation und Enttäuschung in ihre Gesichter. „Es tut mir leid, dass Ihnen und Ihrer Mutter das Schicksal so mitgespielt hat.“ Die beiden nickten nur stumm. „Ich muss Ihnen aber auch sagen, dass …“, jetzt wurde die Sache heikel und ein diplomatischer Ton war gefragt. Andernfalls konnte sich Thela den Ärger des Ehepaares zuziehen, was nie gut für den anwaltlichen Ruf war, „… mir rechtlich nur eingeschränkte Mittel zur Verfügung stehen. Ich möchte Ihnen gerne helfen. Eine kleine Möglichkeit dafür sehe ich auch.“ Wieder etwas Hoffnung in den Gesichtern ihr gegenüber. „Aber Ihnen sollte trotz allem bewusst sein, dass ihr Schmerz, ihre Trauer und das jahrelange Leid dadurch nicht verschwinden. Mit rechtlichen Maßnahmen können wir vielleicht finanziell ein wenig herausbekommen, aber den Rest – all das, was auf ihrer Seele lastet und was Sie erfahren mussten – kann ich nicht wegzaubern oder heilen. Das vermag nur die Zeit.“Meistens war ihre Tätigkeit vor allem psychologische Arbeit. Insoweit hatte Thela doch noch ihren früheren Wunschberuf ergriffen. Wie viele Mandanten kamen zu ihr und erhielten vor allem Trost und einen Menschen, der ihnen zuhörte. Ab und zu kam es gar nicht auf rechtliche Schritte an. Da ist schon manch ein Mandant, ohne Thelas juristisches Fachwissen zu benötigen, wieder gegangen. Meist mit zumindest ein wenig erleichterter Seele.„Hm, das ist uns schon bewusst. Ja. Was sehen Sie denn für eine Möglichkeit?“ Jetzt war es wieder die Hoffnung, die das Ehepaar aufrecht sitzen ließ, voller Erwartung einer großen Neuigkeit. „Nun, wie ich Ihnen bereits letztes Mal angedeutet habe, bedarf es gewisser Voraussetzungen, eine Sonde anzuordnen, da dies eine medizinische Maßnahme ist. So muss zum einen die künstliche Ernährung medizinisch indiziert sein, so nennt man die Notwendigkeit für eine medizinische Leistung. Zum anderen muss der Patient, also Ihre Mutter, den Willen haben, künstlich ernährt zu werden.“ Thela machte eine kurze Pause, damit das Ehepaar diese juristische Information verarbeiten konnte. „Wenn wir also nachweisen können, dass diese Ernährungsform im letzten Jahr nicht mehr medizinisch indiziert, also angebracht, gewesen ist und wenn sich der Wille Ihrer Mutter zumindest zu diesem Zeitpunkt auch gegen eine PEG-Sonde gerichtet hat, dann könnten Sie eine Chance haben, eine gewisse Entschädigung zu erhalten – zum Beispiel Schmerzensgeld. Und vielleicht auch die Behandlungskosten.“Nun schien Herr Häußler dringend eine Frage loswerden zu wollen. Er schaute nach wie vor aufmerksam und jetzt mit noch mehr Hoffnung im Blick. Aber um das soeben Gesagte auch in der gesamten Tragweite zu verstehen, bedurfte es noch der Klärung nicht weniger Punkte. „Aber Frau Rechtsanwältin, wie sie selbst vorhin bereits wiedergegeben haben, ist meine Mutter die letzten Jahre gar nicht mehr ansprechbar gewesen. Das heißt doch auch, dass sie gar nicht sagen konnte, was sie wollte. Ich meine, wie sollte sie denn ihren Willen mitteilen?“ Der Mann war ein wenig ratlos. „Nun, es gibt den tatsächlich mitgeteilten Willen – das ist der, den sie gerade ansprechen. Diese Äußerung ist bei Ihrer Mutter nicht mehr möglich gewesen. Aber man kann auch noch, was bei solchen ärztlichen Maßnahmen nicht selten der Fall ist, nach einem mutmaßlichen Willen urteilen. Das heißt, es muss herausgefunden werden, was Ihre Mutter wollte beziehungsweise gewollt hätte. Hätte Sie sich für oder gegen die Sonde entschieden? Immer ausgehend von der aktuell vorliegenden Krankheitssituation. Beim Feststellen des mutmaßlichen Willens hilft eine Patientenverfügung ungemein. Aber Sie haben mir ja bereits letztens versichert, dass Ihre Mutter leider keine solche hatte.“ Dieser Umstand machte die Feststellung des mutmaßlichen Willens immer wesentlich komplizierter, vor allem das Beweisen vor Gericht.Herr Häußler nickte: „Leider nein. Aber das mit dem mutmaßlichen Willen kommt mir bekannt vor. Das war schon damals Thema, als wir das mit der Einrichtung der Sonde entscheiden mussten. Stimmt, jetzt fällt’s mir wieder ein“, merklich kamen ihm wieder die Erinnerungen. „Wissen Sie, meine Mutter machte sich selten über sowas Gedanken, soweit ich weiß. Zumindest sprach sie nicht davon. Sie glaubte, es würde Unglück bringen, wenn sie über Krankheiten oder den Tod in größeren Details sprach. Da war sie eigen. Und außerdem wollte sie sich darüber einfach keine Gedanken machen.“ Thela nickte. Diese Geschichten kannte sie nur zu gut. Es war oft so, dass sich ältere Menschen, wahrscheinlich ein Generationenproblem, keine Gedanken über die Zukunft machen wollten. Das wird schon klappen. Passt schon so. Wieso sollte denn jemand nicht wissen, was ich denke? Oder wieso sollte denn jemand anders darüber denken als ich? Die Ärzte wissen schon, was sie tun. Und sie werden für mich das Beste einrichten. Oftmals überblickten die älteren Leute gar nicht die gesamte Sachlage. Sie vertrauten auf „ihren Arzt“ und dass dieser alles richtig machte. Wieso sollten sie dann eine Patientenverfügung erstellen? Es fehlte also oft an der Aufklärung. Damals, als diese Menschen jung waren, gab es viele der heutigen Möglichkeiten in der Medizin noch gar nicht. Und wieso sollten die jetzt schlecht sein, diese neuen, fast unbegrenzten Möglichkeiten? Vielen dieser Menschen waren bis heute die Tragweite, die Vor- und insbesondere die Nachteile dieser Entwicklungen nicht bewusst. Und außerdem müssen ihre Verwandten doch wissen, was sie wollten! Das führte nicht selten zu diffizilen Folgeproblemen und Unsicherheiten bis hin zu belastenden, quälenden Fragen und Entscheidungen der nahen Angehörigen.