Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
Eine Erzählung über ereignisreiche Jugendjahre und über die Erfüllung eines Lebenstraumes, ein Haus am Meer in Südfrankreich, sowie Erlebnisse und eindrücke in und über die Provence.
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 148
Veröffentlichungsjahr: 2014
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
VORWORT
- KINDHEITSTRÄUME: In schwierigen Zeiten
- ERFÜLLTE LEBENSJAHRE: Mit interessanten Erlebnissen in Südfrankreich
- PROVENCETRÄUME: Und ein kleines Abenteuer
- HAUSSUCHE: Mit viel Frust und gutem Ende
- „L'OUSTALET“: Problemloser Kauf und große Renovierung
- PERSÖNLICHE EINDRÜCKE: Erkundung
- der näheren und weiteren Umgebung
- MARTIGUES: Venedig der Provence
- MARSEILLE: Stadt am Meer
- ARLES: Stadt der Feste
- CAMARGUE: Region der weißen Pferde und Cowboyhüte
- AIX-EN-PROVENCE: Stadt der Gaukler, Maler & Musiker
- FONTAINE DE VAUCLUSE: Ort der vielen Quellen
- APT: Traditionen und Brauchtum im Lubéron
- LOURMARIN: Von Waldensern und Albert Camus
- OPEDE-LE-VIEUX: Zauberhafte Landschaft
- BUOUX: Kletterparadies & Lavendelhonig
- MERINDOL: Kirchengeschichte hautnah
- CUCURON: Wildkräuter und Wildschweine
- CASSIS: An der höchsten Steilküste Europas
- BANDOL: Shoppen und Promenieren
- SANARY: Kunst in schwerer Zeit
o HYERES
o LE LAVANDOU
o SAINT TROPEZ
o FEYUS UND ST.RAPHAEL
o VILLEFRANCHE SUR MER
- MENTON: Fest der Zitronen
- ROQUEBRUNE: Spielbank in Monaco und Exotik
- „MIETER“: Unglaubliche Überraschungen!
- NEUGESTALTUNG: Renovierung der 1. Etage
- GARTEN und TERRASSEN: Bepflanzung und Pflege
- TIERWELT: Bei uns und in der Umgebung
- MEERESSTRÄNDE: Und viel Spaß beim Schwimmen
- EINKAUFEN: In Frankreich meistens mit Vergnügen
- MEDITERRANE KÜCHE: Und meine Leidenschaft zum Kochen
- FREUNDE UND VERWANDTE: Bei uns zu Besuch
- WETTER: Vorwiegend sonnig und heiter mit tiefblauem Himmel
- WANDERGRUPPEN: Zahlreich und beliebt
- VEREINE: Unterstützung für die Integration
- INSTANDHALTUNG DES ANWESENS: Arbeitsintensiv oder kostspielig
- HILFSBEREITE MENSCHEN, NACHBARN UND VERWANDTE: In Deutschland und Frankreich unerlässlich
FAZIT
Coverbild:
„Mohn im Wind“
Aquarell auf Seidenpapier
E. Cezanne
Die Idee zu dieser Erzählung hatte ich in Südfrankreich – inzwischen unsere zweite Heimat. Anfangs wollte ich nur die Erlebnisse schildern, die wir in dem Ferienhaus hatten. Doch beim Schreiben wurde mir bewusst, wie sehr mein Leben durch den Kauf des Anwesens im Süden beeinflusst wurde. So habe ich mich entschlossen, eine kurze Beschreibung meiner Jugendjahre und der Zeit, bis es zu dem entscheidenden Ereignis kam, vorauszuschicken. Ich kann es bis heute kaum fassen, dass mir – dem ehemaligen armen Flüchtlingskind - das Glück vergönnt ist, so viele schöne Jahre in der wunderschönen Provence zu erleben. Das möchte ich mit dem vorliegenden Buch dem Leser verständlich machen.
In schwierigen Zeiten
Ein besonderes Erlebnis löste in mir den Traum von meinem ersten kindlichen Berufswunsch aus: Seiltänzer waren in unserer Stadt. Sie spannten ein Seil von der Kirchturm- zur Rathausturmspitze. In schwindelnder Höhe vollführten sie ihre Kunststücke auf dem Seil und ich konnte mich nicht sattsehen. Ich war zwischen sechs und sieben Jahre alt, als mich dieses Ereignis so faszinierte, dass ich Seiltänzerin werden wollte. Die Bettkante des elterlichen Doppelbetts war meine Übungsfläche. Dort balancierte ich mit einem Regenschirm und war begeistert, wenn ich Zuschauer oder besser gesagt Hilfestellung hatte. Sicher war ich nicht besonders talentiert, aber der Traum Seiltänzerin zu werden, hat mich lange Zeit begleitet.
Ich glaube, es sind die Tagträume, die im Leben eine große Rolle spielen und uns in fast aussichtslosen Situationen zum Durchhalten bestärken. In den folgenden zwei Jahren war der Kindheitstraum mein Strohhalm, an den ich mich klammern konnte. Meine Familie und ich lebten zu der Zeit in Stolp/Hinterpommern. Anfang März 1945 wurden wir aufgefordert, unsere Heimatstadt zu verlassen. Wir waren vom „Reich“ abgeschnitten und die Stadt wurde kampflos dem Feind übergeben. Ein Entkommen war nur noch über die Ostsee möglich. Meine Mutter war gerade von einer Lungenentzündung genesen. Wir verließen unsere Heimat am 7. März 1945. Den Russen wollten wir auf keinen Fall in die Hände fallen. Wir, das waren meine Mutter, meine Schwester Irmgard mit meiner elf Monate alten Nichte Heidruth und meine Schwester Edith, die 17 Jahre alt war. Am Bahnhof wurden wir in Güterwagen verfrachtet. Der Zug fuhr in Richtung Ostseeküste.
Irgendwann ging es nicht mehr weiter. Wir hatten Beschuss von russischen Fliegern. Der Zugführer und der Heizer bekamen Angst, liefen weg und ließen den Zug einfach stehen. Aber die Ostseeküste war noch weit weg. Mich und das Gepäck luden meine Schwestern als erstes aus. Dann wollten sie den Kinderwagen mit dem Baby ausladen. Meine Mutter war auch noch im Zug. In dem Moment fuhr der Zug wieder an und langsam weiter. Ich stand mit dem Gepäck an den Gleisen im freien Gelände. Alle schrien los und es gab ein fürchterliches Durcheinander. Aber es waren noch andere Personen in der gleichen Lage. Nach ein paar hundert Metern blieb der Zug am Waldrand im freien Gelände wieder stehen. Den Grund für dieses Vorkommnis haben wir nie erfahren. Meine Schwestern kamen zurück und holten mich. Diesen Schrecken habe ich nur sehr schwer verkraftet. Ich konnte stundenlang nicht aufhören zu weinen und zitterte am ganzen Körper. Es war ein schreckliches Erlebnis für uns alle, aber wir mussten zu Fuß weitergehen. Der größte Teil des Gepäcks blieb stehen. Wir machten uns auf den Weg in Richtung Ostseeküste. Es lag noch Schnee. Wir kamen nur sehr langsam voran.
In einer Ortschaft trafen wir auf Soldaten, die mehr oder weniger chaotisch auf dem Rückzug waren. Sie nahmen uns heimlich auf einem Lastwagen mit. Meine Schwester mit dem Baby im Kinderwagen hatte Mitleid erweckt. Ein österreichischer Soldat wurde auf uns aufmerksam. Er erzählte, dass er selbst ein kleines Kind zu Hause hätte. Am Tag versteckten sie uns auf einem Planwagen. Wir hatten Angriffe von russischen Kampffliegern. Es gab oft Verletzte. Die Angst war unser ständiger Begleiter. Wenn es dunkel war, brachten uns die Soldaten heimlich an irgendeinen Schlafplatz, meistens in verlassenen Bauernhäusern. Der Kommandant der Truppe sollte von uns Mitreisenden nichts wissen.
Nach etwa drei Wochen passierten wir das ausgebrannte Danzig, es qualmte noch aus vielen Häusern. Die Soldaten machten in einem Vorort Quartier. Es gab erneut einen Angriff. Nur durch das umsichtige Verhalten dieses österreichischen Soldaten sind wir knapp dem Tod entronnen. Wir waren in einem Hinterhaus untergekommen. Der Luftschutzkeller lag im Vorderhaus. Als die Sirenen heulten, wollten wir schnell über den Hof dorthin laufen. Der Soldat war als erster an der Haustür. Er muss die Bombe am Himmel gesehen haben, denn er drängte uns alle zurück und befahl uns auf den Boden zu werfen. Eine Minute später krachte es. Die Splitterbombe war in den Hof gefallen. Wir hatten alle leichte Verletzungen von den Splittern, die durch die zerborstenen Fenster ins Haus gelangt waren. Auch unser Held war nur leicht verletzt. Später haben wir den Bombenkrater im Hof angesehen und konnten unser Glück kaum fassen. Diesem Soldaten haben wir es zu verdanken, dass wir aus dem Hexenkessel herauskamen. Er hat es unter Einsatz seines Lebens geschafft, uns mit dem letzten Schiffstransport mit Kurs auf Dänemark zu retten.
Unsere Retter mussten zurückbleiben und sind sicher in Gefangenschaft geraten. Das Schiff war zum größten Teil mit verwundeten Soldaten belegt, die nur notdürftig versorgt waren. Den Geruch von Blut und Verwesung werde ich in meinem ganzen Leben nicht vergessen. Trotz schwerstem Beschuss erreichte das Schiff - die Groß-Deutschland - nach einigen Tagen Kopenhagen. Dänemark war von der deutschen Wehrmacht einfach besetzt worden. Das Kriegsende stand bevor. Die verwundeten Soldaten und wir wurden vorübergehend in großen Lagerhallen untergebracht. Es kursierte die Krankheit Typhus. Ich musste mit ansehen, wie viele Sterbende weggebracht wurden. Wir wurden glücklicherweise von dieser Krankheit verschont.
In den nächsten Tagen versorgte uns die deutsche Kriegsmarine mit enormen Mengen von Nahrungsmitteln. Sie hatten auf den dort im Hafen liegenden Kriegsschiffen noch viele Vorräte. Nach Wochen der Entbehrungen, fühlten wir uns wie im Schlaraffenland. Mein Magen verkraftete die Mengen nicht gut und mir war es danach sehr schlecht. Einige Tage danach erlebten wir, wie die deutschen Kriegsschiffe, von den eigenen Soldaten in die Luft gesprengt wurden.
Es waren schreckliche und furchterregende Erlebnisse für mich. Nach dem Waffenstillstand wurden wir von den Dänen interniert. Irgendwann erfuhren wir, dass die Stadt Stolp am 8. März, einen Tag nach unserem Aufbruch, von der Roten Armee eingenommen und in Brand gesteckt wurde. Dann verbrachten wir zweieinhalb Jahre in verschiedenen Internierungslagern in Dänemark. Zuerst in einer Schule in Kopenhagen. Viele Menschen in einem Raum und nur auf Strohlagern. Es gab Läuse und Wanzen in Massen. Wir wurden alle paar Tage mit einem stinkenden Pulver bestäubt und die Räume wurden ausgeräuchert.
Im Essen fanden wir Mäuse und Haarbüschel. Der Hass auf uns Deutsche war verständlicherweise sehr groß. Beim angeordneten Spaziergang auf dem Schulhof wurden wir von vorübergehenden Fußgängern bespuckt. Solche Dinge kann man als Kind nicht begreifen, aber sie prägen sich ein und begleiten es durch das ganze Leben. Dann brachte man uns in einer Freimaurerloge unter. Es gab riesige, hohe Säle mit Fresken an den Decken. Die kostbaren Marmorwände und die riesigen Türen waren mit Holz verkleidet. Unsere Schlafstätten waren dreistöckige Holzgestelle. Die Kinder mussten auf der obersten Etage schlafen. Die Luft dort oben war bestialisch. Es gab keine Beschäftigung. Wir hatten eine Bibel dabei. Ich versuchte sie zu lesen. Aber mit sieben Jahren versteht man den Text nicht, ich bekam Angst. Die Dänen gaben uns seidiges Toilettenpapier, was in Dänemark Standard war. Wir Lagerkinder fanden es für den gedachten Zweck zu schade und benutzten es als Schreibpapier und spielten Schule. Einen richtigen Schulunterricht gab es im Lager nicht.
Es war ein riesiges Haus mit vielen Gängen, die wir Kinder als Spielplätze nutzten. Manchmal funktionierten die Aufzüge, das war dann eine besondere Attraktion für uns. Einmal gelangte ich in einen Bereich im Tiefgeschoss, was eigentlich für uns Flüchtlinge verboten war. Ich betrat einen Saal, der von den Freimaurern genutzt wurde. Die Ausstattung war märchenhaft aber auch gruselig, Tische mit schwarzen Tüchern und Totenköpfen. Ein freundlicher Herr in schwarz gekleidet, geleitete mich wieder in den für uns vorgesehenen Bereich zurück. Da war sicher ein Versehen passiert, dass dieser Saal nicht verschlossen war.
Unser letzter Aufenthaltsort war ein Barackenlager nördlich von Frederikshavn, in Jütland fast am Skagerrak. Wir konnten das Meer hören und riechen, aber nicht sehen. Der Stacheldrahtzaun war drei Meter hoch und wurde bewacht. Wir waren schon fast eineinhalb Jahre interniert. Erst nach einem Jahr war Briefwechsel nach Deutschland erlaubt. Unser Vater, der zum Kriegsdienst beim Volkssturm eingezogen war, wusste nicht, wo wir waren und wir wussten nicht, ob er noch lebte. Meine verheiratete Schwester hatte auch keine Ahnung, ob ihr Mann den Krieg überlebt hatte.
Der Winter war sehr kalt und lang. In den Baracken gab es keine Toiletten. Wir mussten unsere Notdurft an Donnerbalken verrichten, die sich am Rande des Lagers befanden. Nur wir Kinder durften nachts in einen Eimer pinkeln. Die Mittagsmahlzeit bestand sehr oft aus einem Graupenbrei, was normaler Weise Tiernahrung ist. Manchmal explodierte ein Kessel, dann gab es nichts Warmes zu Essen.
Ich war inzwischen neun Jahre alt und langweilte mich schrecklich. Es gab keine Schule. Meine Schwestern waren meine Lehrerinnen. Nachrichten aus Deutschland erreichten uns nur spärlich. Keiner wusste, wie es weitergehen würde, aber die Hoffnung stirbt ja zuletzt. Nach einigen Monaten erfuhr meine älteste Schwester mit dem Kleinkind über das Rote Kreuz, dass ihr Mann gesund den Krieg überlebt hatte. Er hatte eine Unterkunft für seine Familie in einem Vorort von Frankfurt a.M., wo er geboren war, gefunden. Sie durfte als erste mit dem Kleinkind ausreisen.
Nach Pommern konnten wir nicht mehr zurück. Das war den Polen zugesprochen worden. Mein Schwager fand ein halbes Jahr später für meine Mutter und mich ein Zimmer im gleichen Ort in Walldorf/Hessen und wir durften nachreisen. Meine Schwester Edith fand ihren Verlobten Walter in Bayern wieder und er holte sie sofort zu sich. Dieser Alptraum hatte ein Ende. Es folgten entbehrungsreiche Nachkriegsjahre und träumen war der einzige Luxus für mich.
Meinen Vater hatte es nach Kriegsende nach Ostdeutschland verschlagen. Er hat dort eine andere Lebensgefährtin gefunden und meine Eltern wurden später ferngeschieden. Meine Mutter und ich lebten von Sozialhilfe. Mit Näharbeiten verdiente meine Mutter ein paar Mark dazu. Da sie keine Nähmaschine hatte, ging sie zum Nähen von Haus zu Haus. Nach der Schule durfte ich meistens in dem jeweiligen Haushalt mittags mitessen. Nach kurzer Zeit wurde meine Mutter sehr krank und lag mit einem Wirbelsäulenschaden einige Monate im Gipsbett in einer Klinik. Die Klinik war weit von unserem Wohnort entfernt und ich konnte sie nur ein einziges Mal besuchen. Schäden an der Wirbelsäule wurden damals nur selten operiert. Man wartete ab, bis sich der Nerv beruhigte. Unsere finanzielle Lage war katastrophal, weil meine Mutter nichts mehr dazu verdienen konnte.
Nach einem Jahr Dorfschule, hatte ich das Glück, wenigstens eine Mittelschule in Frankfurt am Main besuchen zu dürfen. Hessen führte als erstes Bundesland die Schulgeldfreiheit ein. Ich ging gerne zur Schule, nur hatte man mich in der Dorfschule für eingebildet gehalten, weil ich hochdeutsch sprach. Ich kannte keinen Dialekt. In Frankfurt waren Schülerinnen aus allen Ecken Deutschlands zusammengewürfelt worden. Hier fand ich Freundinnen mit ähnlichem Schicksal, fühlte mich angekommen und konnte wieder träumen. Unser Geld reichte aber nicht aus, dass ich an einer Schulfreizeit hätte teilnehmen können. Meine Klassenlehrerin erfuhr das und es wurde unter den Klassenkameradinnen für mich Geld gesammelt, damit ich mitfahren konnte. Dieses Erlebnis habe ich nie vergessen und bin noch heute sehr dankbar dafür. Einige der Klassenkameradinnen treffe ich noch heute einmal im Jahr beim Klassentreffen.
In dieser Schulzeit hatte ich meine ersten Berufsträume. Ich konnte gut zeichnen und malen und wäre gerne Modezeichnerin oder Kunstlehrerin geworden. Die Realschulreife habe ich erreicht, aber für eine weiterführende Schule oder ein Kunststudium hatten wir kein Geld. Diese Berufsträume musste ich leider vergessen. Es war die Deutschlehrerin auf der Mittelschule, die in mir die Sehnsucht nach Reisen in südliche, warme Länder geweckt hat. Sie brachte eines Tages ein Fotoalbum mit Bildern ihrer Reisen aus den Jahren 1930-1934 mit. Mich faszinierten die Fotos aus dem Tessin, der Côte d'Azur und der Provence. Die Kamelien, die Orangen- und Zitronenbäume, die Lavendelfelder sowie die bizarren Felsenküsten am Mittelmeer ließen meine Fantasie erblühen. Würde ich jemals diese Landschaften mit eigenen Augen sehen können? Inzwischen war ich dreizehn Jahre alt und ein neuer Traum erfüllte mich. Ob ich irgendwann einmal genug Geld haben würde, um solche Reisen zu machen? Das war im Jahr 1950, für mich und meine Mutter immer noch immer eine Zeit der Entbehrungen. An Vergnügungsreisen war nicht zu denken, aber Reisebegleiterin wäre auch ein Traumberuf.
Auch dieser Traum erfüllte sich nicht. Ich machte eine kaufmännische Lehre in einem Industriebetrieb, Klimsch & Co. in Frankfurt a.M. Dort wurden Reproduktionskameras hergestellt. Nach meiner Lehre bekam ich eine Stelle als Sachbearbeiterin in der Einkaufsabteilung und war zuständig für den Einkauf von Eisen, Stahl und anderen Metallen, Schrauben und Zubehör. Für eine Frau zu der Zeit ein außergewöhnlicher Beruf. Für mich absolut kein Traumberuf, aber die finanzielle Lage war gut. Ich verdiente im Jahr 1962 bereits 1.000,00 Mark. Als junge Frau ein tolles Gehalt!
Mit interessanten Erlebnissen in Südfrankreich
Ich lernte meinen Mann Lothar kennen. Er ist Nachkomme von Waldensern, die Ende des 17. Jahrhunderts wegen ihres protestantischen Glaubens aus Südfrankreich geflohen sind. Bereits im ersten Jahr unseres Zusammenseins stellten wir unsere gemeinsame Vorliebe für Frankreich und die französische Lebensart fest. Bei meinem Mann liegt es sicher an den französischen Wurzeln und bei mir am Interesse an der französischen Sprache.
Unser erster gemeinsamer Sommerurlaub führte uns nach Südfrankreich. Mein lange gehegter Traum in ein südliches Land reisen zu können, war wahr geworden. Ich war überglücklich. Unser Auto war ein Ford 17M – genannt „die Badewanne“. Er hatte ein schwarzes Unterteil und ein weißes Verdeck. Der Kofferraum war enorm groß. Wir waren zu viert. Freunde, Bertel und Wilhelm, die im selben Alter waren, begleiteten uns. Mit dem Gepäck hatten wir kein Problem. In der Nähe von Cannes fanden wir einen romantischen Campingplatz. Es war ein wunderschöner Garten mit Orangenbäumen, Rosenhecken und Lavendelbüschen. Der Platz hieß „Mas des Roses“ und war nur einige Meter vom Mittelmeerstrand entfernt. Wir waren überwältigt von der gepflegten Anlage.
Schwimmen im Mittelmeer, das war wunderbar. Das haben wir alle sehr genossen. Die erste warme Mahlzeit, die wir zubereiteten, war eine französische Konserve. Sie war mit einem undefinierbaren Bild beklebt auf dem „Tripes“ geschrieben war. Wir hielten den Inhalt für Gulasch. Bis einer sagte: „Das sind Kutteln!“ (Auf hochdeutsch „Kaldaunen“). Es schmeckte ungewohnt, aber mit der Tomatensoße war es ganz gut. Natürlich haben wir in den nächsten Tagen noch viele typische französische Spezialitäten gekostet und schätzen gelernt. Dieser Urlaub war für mich ein unvergessliches Erlebnis. So fing alles an. Das war im Sommer 1961.
Es folgten noch viele traumhafte Urlaube in Südfrankreich. Lothar und ich hatten inzwischen geheiratet. Nach zwei Jahren wurde unser Sohn André geboren und drei Jahre später unsere Tochter Anette. Meine Arbeitsstelle hatte ich aufgegeben und widmete mich einige Jahre der Erziehung unserer Kinder. Die Reisen wurden in dieser Zeit weniger. Aber die Vorliebe zu Südfrankreich blieb. Zweimal fuhren wir mit unseren beiden Kindern nach „Grau d'Agde“ im Departement Hérault in eine Ferienwohnung von Freunden. Die Unterkunft war sehr einfach aber sehr preiswert. Der herrliche Sandstrand lag nur ein paar Schritte entfernt. Drei Wochen nur Sonne. Es soll die regenärmste Gegend Frankreichs sein. Die Nachbarn waren Fischer. Es gab Fisch satt! Zwei- bis dreimal in der Woche stand morgens eine kleine Kiste mit Makrelen vor unserer Tür. Manchmal dachte ich: „Ach nein, nicht schon wieder!“
Zum Glück hatte ich von meiner Mutter gelernt, wie man Fische ausnimmt. Die Makrelen wurden gegrillt und mundeten köstlich. Aber die Gräten waren sehr lästig. Weitere Urlaube verlebten wir in „Port Baccarès“ an der Küste in Richtung Spanien. Auch diesmal hatten wir Freunde dabei. Erika und Heinz und ihre beiden
