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Nach einem missglückten Selbstmordversuch erwacht Nicole in einem fremden Bett neben einem Mann, den sie noch nie im Leben gesehen hat. Der Ring an ihrem Finger erzählt eine weitere Geschichte und als der Bürgermeister, die Bauaufsicht und das FBI plötzlich eine aktive Rolle in ihrem Leben spielen, stiftet das Verwirrung. Mehr Sorge bereitet ihr allerdings ihre dreimonatige Gedächtnislücke, in der sie von einer männerfeindlichen Emanze zu einer fröhlichen, liebenden Frau geworden ist, die nicht genug davon bekam, ihren Verlobten öffentlich mit Liebesbeweisen zu überschütten. Nicole nimmt den Kampf gegen Geschäftspartner, Medien und ihrem Verlobten auf und beweist, dass sie immer noch die Frau ist, die jeder kannte. Richtig sauer wird sie aber erst, als sie eher zufällig erfährt, dass sie gar nicht verlobt ist … sondern verheiratet.
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Seitenzahl: 515
Veröffentlichungsjahr: 2010
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Kadhira del Torro
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Inhaltsverzeichnis
Titel
1. Kapitel
2. Kapitel
3. Kapitel
4. Kapitel
5. Kapitel
6. Kapitel
7. Kapitel
8. Kapitel
9. Kapitel
10. Kapitel
11. Kapitel
12. Kapitel
13. Kapitel
14. Kapitel
Impressum neobooks
Kim und Luzie flippten geradezu aus. Jonathan Dunmore kam her! Der Jonathan Dunmore, liebevoll John genannt, der das aus ihnen machte, was sie heute waren: Sexmonster. Diese Nachricht versetzte das Büro in den allgemeinen Notstand. Kim gab ihrer geradezu göttlich-keuschen Chefin höchstens eine Woche, Luzie eher zwei, weil Nicole ja so hartnäckig und kaltherzig war, wenn es um Männer ging. Carol und Pia - die anderen beiden Damen dieses ungewöhnlichen Freundschaftsringes und ebenfalls noch dem Stand der Jungfrauen angehörig - sahen dem eher mit gemischten Gefühlen entgegen. Sie seufzten und schüttelten besorgt die Köpfe. Und Nicole? Sie hätte keinen Gedanken an dieses Treffen verschwendet, wenn Luzie und Kim sie nicht ununterbrochen daran erinnert hätten.
So auch jetzt, als Nicole in die Teeküche kam und Kim, Luzie und Kolleginnen gespannt vor dem kleinen Fernseher vorfand. Zwischen den Köpfen hindurch konnte sie das Bild einer zweimotorigen Piper sehen, die Jonathan Dunmore das letzte Stück seiner langen Reise transportiert hatte und jetzt entließ. Er wurde gefeiert wie ein Star, winkte und lächelte, einen Arm fest um die Hüfte einer Frau, die er an sich gezogen hatte. Na ja, Frau war nicht gerade die Bezeichnung, die Nicole der bunten Figur neben Dunmore geben würde. Barbie schon eher. Typisch. „Kim?“
„Gleich“, winkte die Brünette ab, drehte sich dabei nicht mal zu ihr um.
„Kim!“, wiederholte Nicole mit Nachdruck, jetzt sogar etwas ärgerlich.
„Sieh hin!“, meinte Kim unbeeindruckt, richtete ihren wohlgeformten Oberkörper auf und wies zum Fernseher. „Dein Rendezvous für heute Abend ist eingeflogen.“
„Er ist nicht mein Rendezvous“, widersprach Nicole und legte die Akte auf den Tisch. „Es ist ein Geschäftsessen. Nichts weiter!“
„Na klar!“, nickte Kim, lächelte und warf einen schmachtenden Blick zum Bildschirm, auf dem der Schwerenöter in Großaufnahme zu sehen war. Gerade schenkte er der Nation sein unwiderstehliches Lächeln, bereit, seinen Kommentar zum Thema Nicole Baker und deren unzweifelhaft berühmten Spitznamen Iron Virgin abzugeben.
Er bat mit erhobenen Händen um Ruhe. „Ich freue mich darauf, Miss Baker endlich persönlich kennenzulernen. Selbst in Europa habe ich von ihrem legendären Ruf gehört und ich empfinde es als eine Ehre, mit ihr heute Abend auszugehen.“
„Wir gehen nicht aus“, protestierte Nicole, als könnte er sie hören. „Es ist ein Geschäftsessen.“
Ein Reporter stellte eine Frage, die sie nicht mitbekam. Am liebsten hätte sie darum gebeten, den Ton lauter zu stellen, aber dann hätte man ja denken können, sie interessierte sich für das, was dieser Mann zu sagen hatte. Wieder eine Frage. Dunmore nahm dabei eine Fotografie entgegen. „Ich weiß nicht, ob Miss Baker und ich auf der gleichen Wellenlänge sind ...“ Ein werbewirksames Lächeln für die Kameras, ein intensiver Blick auf das Bild in seiner Hand – und das Grinsen in seinem Gesicht wurde deutlich breiter. Das Funkeln seiner Augen war selbst durch die langen Leitungen der TV-Stationen zu sehen, „... aber ich bin überzeugt, dass jeder von uns seine Vorstellungen einer produktiven Zusammenarbeit einbringen kann.“ Wieder ein Blick auf das Bild, noch einer, einer für den Reporter und der letzte, zart schmelzend, für die Kamera. „Ich hoffe, Sie sind auf unser Treffen vorbereitet, Miss Baker.“ Ein Seufzen ging durch das Büro – nein, sicherlich durch das ganze Land.
„Worauf du dich verlassen kannst“, knurrte Nicole und wandte sich ab. Ihr wurde übel bei dem Gedanken, diesem ..., diesem ... Ach, es lohnte überhaupt nicht, nach einer Bezeichnung für dieses Individuum zu suchen. Jedenfalls würde sie das Essen kurz und knapp halten, sofort nach dem Dessert verschwinden und alles weitere Montag hier im Büro besprechen. Wieso überhaupt Dessert? Musste sie unbedingt eins nehmen? Sie konnte darauf verzichten. Sie hatte weder Lust noch Zeit um irgendwelchen Spekulationen nachzugeben oder zu Jonathan Dunmores Privatvergnügen in einem Restaurant zu sitzen und Small Talk zu betreiben.
Nichts desto Trotz ging auch der arbeitsamste Nachmittag vorbei. Nicole nutzte die Heimfahrt in der Firmenlimousine zur intensiven Einsichtnahme der Akten für die nächste Woche. Vom Büro nach Hause hatte sie es nicht weit. Bei guter Verkehrslage benötigte der Wagen nicht länger als zwanzig Minuten. In diesen Zeitraum passten zwei Tassen Kaffee, ein Sandwich, das Studium zweier Akten und ein Diktat. Gleichsam blieben wenige Minuten zur völligen Entspannung, die in dem Moment vorbei war, in der Johann die Tür öffnete und sie in ihr trautes Heim entließ. Normalerweise stürzte sie zur Tür rein, legte Mantel und Handtasche ab und verschwand für die nächsten drei bis vier Stunden im Wohnzimmer, das von einem riesigen, alten Schreibtisch beherrscht wurde, der überladen war mit weiteren Akten und Notizen. Trotzdem fand sich ein freies Plätzchen für ihren Laptop, den sie ständig bei sich trug.
Heute jedoch war einer der wenigen Tage, an denen dieses allabendliche Procedere gestört wurde. Nicht von ihrem wöchentlichem Treffen mit ihren Freundinnen, an denen mit Pizza, chinesischem Essen oder was vom Italiener um die Ecke über alles und jeden hergezogen wurde, sondern von diesem Geschäftsessen mit Jonathan Dunmore, kurz John, das laut ihrem Oberstübchen keinen sinnvollen Nutzen erkennen ließ. Was, bitteschön, hatten sich ihr Vater und Frederick Dunmore dabei gedacht? Was sollte sie mit dem Filius heute Abend besprechen, was nicht auch auf der Willkommensparty nächste Woche ging? Sie sah es schon voraus. Er würde sich über die Zeitverschiebung beklagen, Kopfschmerzen oder ähnliches vorschieben und Geschäft Geschäft sein lassen, um sich lieber anderen Themen zuzuwenden, wie es seine patriotische Pflicht gegenüber den Medien und seinem Ruf als Casanova war. Apropos Medien. Hoffentlich hatte keiner der Reporter herausgefunden, wo dieses Treffen stattfand. Das letzte Mal, als sie mit einem Mann zusammentraf, hatte es fast eine Viertelstunde gedauert, bis sie an ihrem Platz war. Und warum? Weil die Meute sie belagert hatte, Interviews wollte, Prognosen, Sinn und Zweck des Treffens. Wen interessierte das? Niemanden. Sie wollten nur die Chancen wissen, die der Kerl bei ihr hatte. Standardantwort: Null, nothing, keine, nichts, zero, vergesst es, ist nicht drin. Und? Sie spekulierten trotzdem, wollten wenigstens ein Bild ergattern, auf dem sie beide zu sehen waren und sie vielleicht sogar lächelte. Einen Teufel würde sie tun. Sie war schließlich nicht zum Vergnügen da. Nicht zu ihrem eigenen und zu dem der anderen schon gar nicht.
Ihre Handtasche flog mit ordentlich Schwung Richtung Sessel, nahm die Lehne erfolgreich wie eine Hürde, tickte auf die Sitzfläche auf und schlidderte über das glatte Leder, um an der Kante den Restschwung zu nutzen und über den flauschigen Teppichboden bis unter den niedrigen Glastisch zu rutschen. Natürlich blieb es nicht dabei. Der kleine Aufsetzer hatte den Verschluss geöffnet und weiter noch als die Tasche selbst reiste der Inhalt. Der Lippenstift schaffte es sogar bis unter die Couch.
Na prima.Heute ist eindeutig nicht mein Tag, dachte Nicole, spielte für den Bruchteil einer Sekunde mit dem Gedanken, alles sofort wieder aufzusammeln, und entschied sich dann doch dagegen. Die Mühe war nachher noch die gleiche. Also kümmerte sie sich erst einmal um ihre Garderobe, die sorgfältig ausgewählt werden wollte. Das hochgeschlossene, schwarze Spitzenkleid oder doch lieber das dunkelrote Samtkleid mit dem kleinen Stehkragen? Beide saßen eng, betonten ihre Figur und ließen das in ihr vermuten, was sie nicht war. Und das machte ihr Spaß. Und da gab es noch etwas, das ihr Spaß machte. Es gab jemanden, der ihr Spaß machte: Rico. Seines Zeichens Dobermann, männlich, fünf Jahre alt und ihr ständiger und meist stummer Begleiter.
Kastriert.
Er wurde nirgends mit einem Wort erwähnt, wurde nie der Tür verwiesen und niemand wagte es in seine dunkelbraunen, aufmerksamen Augen zu sehen. Wann denn auch? Ein jeder ergatterte lieber einen Blick auf Frauchen. Und trotzdem. Es gab kaum einen Ort, an dem Rico nicht an ihrer Seite war. Kaum, denn die Toiletten waren tabu für ihn. Er blieb artig vor der Tür. Und sollte sie doch mal tanzen, so blieb er neben ihrem Stuhl sitzen und rührte sich nicht, sein Augenmerk immer auf sie gerichtet.
Erstaunlicherweise mochte Rico keine Männer. Wann immer diese Spezies anwesend war, pflegte Rico aufrecht zu sitzen, vom Stummelschwanz bis zu den Ohren. Er ließ sie nicht eine Sekunde aus den Augen, auch wenn er die Männer seit Jahren kannte. Bestechungsversuche mit Kuchen, Keksen, Wurst oder ähnlichem scheiterten kläglich, entlockten seiner Kehle ein tiefes, raumfüllendes Knurren und Frauchen ein Lächeln. Unnötig zu erwähnen, dass Rico sich nicht streicheln ließ. Ausgenommen von ihren Freundinnen und ihrer Familie. Er wusste eben Freund und Feind auseinander zu halten. Braver Hund.
Nicole nahm beide Kleider aus dem Schrank, hielt sie hoch und sah den Dobermann an. „Und? Welches würdest du anziehen?“
Er legte den Kopf etwas schief, schien beide Kleider genau zu betrachten – und sah sie ein wenig gelangweilt an. Dann legte er sich hin, schloss die Augen und entließ ein tiefes Seufzen. Du kannst ja Probleme haben.
Samt. Praktisch denken. Es war noch kühl draußen und Samt wärmte mehr als Spitze. Also wanderte das Spitzenkleid wieder in den Schrank, das dunkelrote auf das Bett und sie selbst ins Badezimmer. Sie nahm eine ausgiebige Dusche, föhnte die Haare über Kopf und putzte sich gleichzeitig die Zähne. Eine koordinatorische Meisterleistung, die erst perfekt war, wenn der Zahnpastaschaum nicht mehr in die Nase lief. Das Make-up fiel wie immer spärlich aus. Ihre von Natur aus gebräunte Haut brauchte keine Grundierung und ihre strahlenden Augen nur wenig Unterstützung. Etwas Rouge, der Kajal kam zum Einsatz, Wimperntusche nur ganz, ganz wenig und der Lippenstift ... lag unter der Couch. Klasse. Sie zog in Unterwäsche los, krabbelte unter den Tisch, sammelte den Inhalt ihrer Tasche wieder ein und war bis zum Ellenbogen unter der Couch verschwunden, verrenkte sich den Oberkörper unter dem Glastisch, da klingelte das Telefon.
Lippenstift oder Telefon? Beides. Sie griff schnell nach dem Lippenstift, zog sich sofort zurück und kam gleichzeitig hoch. Schwerer Fehler. Ihr Kopf stieß an die Glasplatte, ihr nackter Rücken ratschte über die kalte Tischeinfassung und ihr Fuß, gerade in der Rückwärtsbewegung, stieß an den scharfkantigen Kerzenständer neben der Couch und warf ihn um. Die Kerzen rollten über den Boden und flüchteten in alle Richtungen. Nicole schrie auf, ärgerte sich, mehr noch, als sie auf dem Weg zum Telefon auf eine Kerze trat und der Fuß schneller nach vorn glitt, als er sollte, sie mit den Armen ruderte, dabei ihre Handtasche verlor und sich deren Inhalt auf der Couch verteilte. Die linke Hand, weit vorn, griff zum Telefonhörer, die rechte hielt eisern den Lippenstift fest. „Was?“, bellte sie in den Hörer, kaum das die Muschel ihr Ohr berührte. Ihre Augen verfolgten die Minzdrops, die über die Sitzfläche rollten, an der leicht abfallenden Kante Geschwindigkeit aufnahmen und aus ihrem Gesichtsfeld verschwanden. Schwups.
„Nicki, ich habe eine tolle Idee“, teilte Kim ihr mit, wirkte außer Atem, als wäre sie gerade zur Tür rein. Was vermutlich auch der Fall war.
„Was für eine Idee?“ Ihr Fuß angelte nach den Kerzen, schob sie zusammen und blutete mit einem dicken Tropfen genau dort, wo sie angestoßen war und es heftig puckerte. Verdammt.
„Du hast doch bestimmt heute Abend noch genug Arbeit, oder?“
Nicoles Augenbrauen schossen hoch und ihr Fuß hielt inne. Sie musste keine Gedankenleserin sein, um zu wissen, was Kim Brennan von ihr wollte. „Du willst dich an meiner Stelle mit Jonathan Dunmore treffen“, stellte sie also nüchtern fest und lächelte.
„Och bitte.“
„Du weißt, dass das nicht geht. Mein Vater wird mir den Kopf abreißen, wenn ich nicht wenigstens da auftauche und ihn begrüße.“
„Kann ich nicht mitkommen?“
„Hey, das wird kein Spaß.“
„Für dich vielleicht nicht ...“
„Du glaubst wirklich, dass du bei ihm landen kannst?“
„Er wird sich bestimmt noch an mich erinnern.“
Na klar, dachte Nicole. Genauso wie an die anderen fünfhundert Weiber in dieser Stadt auch. Sie seufzte ganz leise, nur für sich allein. „Sei um halb neun an der Bar. Ich werde mir was einfallen lassen.“
„Du bist ein Schatz, Nicki. Das werde ich dir nie vergessen.“
„Ich werde dich bei Gelegenheit daran erinnern“, schmunzelte Nicole und legte auf. Sie betrachtete den Blutstropfen auf ihrem Zeh, dann das Chaos auf dem Sofa und verzog das Gesicht. „Au“, machte sie und humpelte ins Bad. Zuerst legte sie Lippenstift auf, dann wischte sie das Blut ab und drehte das Pflaster so lange hin und her, bis es außerhalb des Schuhs unsichtbar sein würde. Das zufriedene Nicken fiel wohl doch etwas heftig aus. Jedenfalls verlor sie das Gleichgewicht und fiel vom Badewannenrand, ratschte mit dem Rücken über die Kante, plumpste mit ihrem Hinterteil auf den Fußboden und stieß sich an den Kacheln den Hinterkopf. „Verflucht und zugenäht“, rief sie und schlug mit der Faust auf den Fußboden. „Prima! Klasse! Wahnsinn! Das ist heute mein Tag. Wenn das so weitergeht, breche ich mir beim Essen das Genick.“ Wütend rappelte sie sich auf, wartete einen Moment, ob etwas passierte und richtete sich dann vollends auf. Ein Blick in den Spiegel bestätigte die Annahme, dass das, was sie auf dem Kopf hatte, nicht mehr als Frisur bezeichnet werden konnte. Der Griff zur Bürste war unvermeidlich und der Blick auf die Uhr mahnte zur Eile. Haare kämmen, an den Seiten hochstecken, Bürste aufs Bett werfen und ins Kleid schlüpfen. Während der rechte Arm über die Schulter nach hinten griff, der linke an den Rippen vorbei den Reißverschluss von unten nach oben schob, balancierte sie auf einem Fuß und angelte nach ihren Pumps, das Kinn fest auf die Brust gedrückt. Es klappte. Unfallfrei. Reißverschluss zu, Schuhe an, Kopf hoch, fertig. Die Handtasche war schnell wieder gepackt, die Jacke, Autoschlüssel, ... sie blieb in der offenen Tür stehen. Hatte sie nicht was vergessen? Papiere, fiel es ihr gerade noch rechtzeitig ein. Sie lief ins Wohnzimmer, zog eine Schublade an ihrem Schreibtisch auf und griff zielstrebig nach den Wagenpapieren. Ab in die Handtasche damit, Licht aus und Tür zu.
Ihr kleines, rotes Cabrio stand vor der Garage. Johann hatte frei. Nicole fand es unangebracht, den schon älteren Mann eine unbestimmte Zeit vor einem Restaurant warten zu lassen. Auch wenn sie nur eine Stunde einplante, so konnte es doch immer etwas länger dauern. Und bei ihrem Glück heute ...
Rico hatte seine Blase entleert, kam bereits wieder zur Beifahrertür und sprang kurzerhand drüber. Er hüpfte weiter auf den Rücksitz und würde dort während der Fahrt schlafen, wie er es immer tat. Autofahren fand er nicht sonderlich aufregend.
Pünktlich um halb acht betrat Nicole das Restaurant. Das Blitzlichtgewitter vor dem Eingang hatte sie geblendet und sie sah immer noch bunte Funken vor ihren Augen. Sie hasste es. Interviews hatte sie natürlich keine gegeben und Gott sei Dank hatte das Personal des Hauses schnell reagiert und ihr zwei Männer geschickt, die sie aus dem Pulk befreiten und ins Restaurant begleiteten, bevor Rico doch noch Appetit auf den einen oder anderen Jackenärmel bekam. Man wusste, wer sie war, ignorierte den Dobermann, der später kommentarlos eine Schüssel mit Wasser bekommen würde und dienerte sie zu dem Tisch, an dem Jonathan Dunmore bereits auf sie wartete. Er erhob sich mit einem Lächeln. Seine Augenbrauen zuckten hoch, als er Rico entdeckte und sein Lächeln geriet etwas aus dem Gleichgewicht. Wie schön.
Er begrüßte sie mit einem formvollendeten Handkuss und sah ihr anschließend tief in die Augen. „Es freut mich außerordentlich, Sie endlich persönlich kennenzulernen, Nicole.“
„Geben Sie mir einen Grund, damit es mir genauso geht“, erwiderte sie kühl und setzte sich. Rico setzte sich unaufgefordert neben sie, die Ohren gespitzt, das Augenmerk auf den männlichen Gast geheftet, die muskulöse Brust vorgeschoben und insgesamt zur Salzsäure erstarrt. Ein letztes Schnaufen und der Abend war vorerst für ihn gelaufen. Für Jonathan Dunmore allerdings auch.
„Ich schlage vor, dass wir eine Stunde lang so tun, als unterhielten wir uns angeregt“, schlug Nicole vor, kaum dass der Filius ihr gegenüber Platz genommen hatte. „Dann begleiten Sie mich ein Stück Richtung Tür und treffen an der Bar eine alte Liebe wieder. Wir verabschieden uns voneinander und sie können sich amüsieren, solange sie wollen. Einverstanden?“
„Ich hatte den Abend eigentlich anders geplant.“
„Es ist Teil meines Jobs und meiner Persönlichkeit, die Träume der anderen platzen zu lassen. Das nennt man Realität.“
„Sind Sie immer so abweisend?“
„Nein. Dieses Vorrecht gebührt allein der männlichen Bevölkerung.“
„Ah“, machte er und lachte leise. „Ihr Spitzname.“
„Ich ruhe mich nicht darauf aus, Mister Dunmore. Und Sie sollten das auch nicht tun.“
„Dann habe ich also noch Chancen?“
„Nicht in diesem und nicht im nächsten Leben.“
„Wie wäre es mit ein klein wenig Freundlichkeit?“
„Warum?“
„Ich habe Ihnen nichts getan, was die Unfreundlichkeit rechtfertigen würde.“
„Sie sind ein Mann mit einem gewissen Ruf. Das reicht vollkommen.“
„Sie sind voreingenommen.“
„Sie etwa nicht?“, fragte sie spöttisch und nippte an ihrem Wasser.
Sie gaben ihre Bestellungen auf und ihr Aperitif wurde gebracht. Es war immer der gleiche. Jonathan Dunmore suchte den Wein für das Essen aus. Einverstanden.
„Worüber möchten Sie reden?“, erkundigte er sich, kaum dass der Angestellte verschwunden war.
„Über die Firma.“
„Dafür haben wir noch genug Zeit. Möchten Sie mir nicht lieber etwas über sich erzählen? Ihre Hobbys, Ihre ...“
„Nein, will ich nicht“, unterbrach sie ihn. „Mein Privatleben geht Sie nichts an. Heute nicht – und in Zukunft auch nicht. Und was Sie außerhalb der Firma machen, interessiert mich nicht. Klar?“
Er machte dicke Backen und lehnte sich zurück. Sein Blick wanderte durch das Restaurant, blieb kurz an diversen Damen haften und suchte die nächste.
Sie folgte seinem Blick. „Nichts passendes dabei?“
„Ganz ehrlich?“ Seine Augen kehrten zu ihr zurück und tasteten ihren Oberkörper, ihre Hände und ihr Gesicht Zentimeter für Zentimeter ab.
„Natürlich.“ Und jetzt lächelte sie. Ganz leicht.
„Wenn man mit einer so schönen Frau am Tisch sitzt, hält jede andere im Raum einem Vergleich nicht stand.“ Er beugte sich vor und stützte dabei die Unterarme auf dem Tisch ab. „Warum sind Sie so?“
„Warum sind Sie so?“
„Weil Sex Spaß macht. Mir und meiner Partnerin gleichermaßen.“
„Ich weiß. Aber reicht Spaß allein, um sein Leben deswegen wegzuwerfen?“
„Ich werfe mein Leben nicht weg. Woher wissen Sie, dass es Spaß macht? Sie haben es doch noch nie probiert.“
Nun erreichte das Lächeln auch ihre Augen und ließ sie leuchten. „Ich kenne zwei Damen persönlich, die das Ereignis, mit Ihnen ins Bett zu gehen, gern wiederholen würden.“
„Und das macht Sie gar nicht neugierig?“
„Überhaupt nicht.“
„Weil es angeblich schon so viele vor Ihnen gab?“
„Angeblich? Sie drücken Ihren Preis, Mister. Das ist unprofessionell.“
Er lachte. Leise, rau und dunkel. Ein angenehmes Lachen. „Okay. Es gab tatsächlich sehr viele Damen, mit denen ich das Bett teilte. Und ich bereue es nicht, denn es hat Spaß gemacht. Jede Frau für sich war ein Erlebnis, das ich nicht missen möchte.“
„Ich bezweifle, dass Sie sich an einzelne Damen erinnern. Und schon gar nicht an die Namen, wenn Sie die überhaupt jemals kannten.“
„Sie haben ein sehr schlechtes Bild von mir.“
„Was erwarten Sie? Ihr Ruf eilt Ihnen voraus und es wird ein hartes Stück Arbeit, aus Ihnen einen ernstzunehmenden Geschäftsmann zu machen.“
„Vielleicht bin ich das ja schon.“
„Nein. In erster Linie sind Sie ein Schürzenjäger. Es gibt keinen Geschäftspartner in dieser Stadt, der seine Frau zu einem zwanglosen Essen mitbringen würde, wenn Sie anwesend sind. Man würde Sie nicht mal ins Büro einladen, aus Angst, dass die Sekretärinnen der Reihe nach in Ohnmacht fallen. Und das spricht eindeutig gegen Sie, oder nicht?“
„Ich suche mir die Damen aus, mit denen ich verkehre.“
„Soll das etwa die Geschäftspartner trösten? Oder mich?“
„Nein. Aber Sie sollten darüber nachdenken.“
„Damit werde ich meine Zeit ganz bestimmt nicht verschwenden.“
Das Essen wurde gebracht. Dunmore wartete, bis der Ober wieder verschwunden war. „Nennen Sie mir einen Grund, warum Sie keinen Sex haben wollen.“
„Nennen Sie mir einen, warum ich ihn haben sollte.“
„Spaß.“
„Der ist nicht garantiert.“
„Neugier?“
„Nein.“
„Familienplanung?“
„Keine Chance.“
„Liebe?“
„Seien Sie nicht albern.“
„Albern? Glauben Sie nicht an die Liebe?“
„Ich glaube, was ich schwarz auf weiß in den Aktenschränken habe. Nicht mehr und nicht weniger.“
„Liebe ist aber ein Gefühl und kein Vertrag.“
„Deswegen hat wahrscheinlich auch ein sehr verliebter Mensch den Ehevertrag erfunden“, stichelte sie.
„Ein Ehevertrag regelt das Vermögen der Parteien und nicht die Menge oder die Form der einzubringenden Liebe.“
„Haben Sie auch nur eine einzige der Frauen wirklich geliebt, mit denen Sie geschlafen haben?“
„Jede auf ihre Art.“
„Für eine Stunde. Und das nennen Sie Liebe? Ich lach mich tot.“
Wieder dieses leise Lachen. „Es dauerte schon etwas länger als eine Stunde.“
„Okay, zwei Stunden. Sie lieben eine Frau also vom Vorspiel bis zum Orgasmus gut zwei Stunden und nicht eine Minute länger. Sie lieben sie nicht mal einen einzigen Tag in Ihrem Leben. Und was kommt danach? Das böse Erwachen? Die Enttäuschung, dass die Dame neben Ihnen im Bett doch nicht die ist, für die Sie sie im alkoholisierten Zustand gehalten haben?“
„Ich habe noch nie mit einer Frau geschlafen, wenn ich betrunken war.“
„Und wenn, könnten Sie sich sowieso nicht daran erinnern“, frotzelte sie. „Kommen Sie sich dabei nicht benutzt vor?“
„Warum sollte ich?“
„Weil nicht nur Sie sich mit unzähligen Damen brüsten, sondern die Damen auch mit Ihnen. Sie sind ein Sexobjekt. Nichts weiter. Leidet ihr Ego nicht darunter?“
„Nicht die Spur. Und wie ist es mit Ihnen?“
„Was soll mit mir sein?“
„Sie sind auch ein Sexobjekt. Jeder Mann, den ich heute getroffen habe, wollte nicht von mir wissen, wie wir zusammen arbeiten, wie die Aufgaben verteilt werden oder warum wir überhaupt miteinander arbeiten. Jeder war nur an der Information interessiert, wie hoch ich meine Chancen einschätze, Sie ins Bett zu kriegen. Die Männer treffen sich mit Ihnen, weil es gut für ihr Image ist, mit Ihnen gesehen zu werden. Sie bekommen werbewirksame Schlagzeilen, wenn man Sie zum Lachen bringt und einen Orden, wenn Sie mit dem Mann tanzen. Gut, bislang war da für Sie Schluss. Sie haben sich nie nach Hause fahren lassen, sind auf keiner Party bis zum Schluss geblieben und sie kommen und gehen immer alleine. Wenn man mal von Ihrem Hund absieht. Leidet Ihr Ego darunter, nichts weiter als ein Objekt der Begierde zu sein?“
„Nein. Ich bringe Verträge mit nach Hause. Und Sie? Sie sind lediglich ein paar Spermien losgeworden, haben geschwitzt und einer Frau was vorgemacht. Es ist nicht das gleiche.“
„Wie hoch schätzen Sie Ihren Marktwert ein, nachdem Sie mit einem Mann geschlafen haben?“
Nicoles Stirn runzelte sich zusammen und bildete über der Nasenwurzel eine steile Falte. „Ich habe nie darüber nachgedacht“, gab sie zu, glättete ihr Gesicht und sah ihn an. „Aber vergleichsweise höher als Ihren, wenn Sie Ihren Job als Casanova aufgeben.“
„Werden Sie deutlicher.“
„Ich schätze meine Chancen höher ein, Verträge und Männer zu bekommen, als Ihre, Verträge zu bekommen und auf die Frauen zu verzichten. Mich nimmt man auch noch ernst, wenn ich den Titel Iron Virgin nicht mehr verdiene. Aber Sie als seriöser Geschäftsmann?“ Ihre Augenbraue hob sich, der Spott war nicht zu überhören.
„Wollen Sie es ausprobieren?“
Nicole lächelte nicht mehr – sie lachte. Man drehte sich nach ihnen um, erstaunt, amüsiert und tuschelte. „Nein, will ich nicht. Es ist eine Laune der Natur, dass Jungfräulichkeit keinen Versuch duldet.“
„Sie gehen ziemlich locker mit diesem Thema um.“
Es war ihr fröhliches Lachen, das die Leute erneut aufmerksam werden ließ. „Wollen Sie mir etwa erzählen, dass es Ihnen unangenehm ist, darüber zu reden?“
„Sie haben ein schönes Lachen“, meinte er unvermittelt.
„Und Sie haben meine Frage nicht beantwortet.“
„Nein, es ist mir nicht unangenehm. Im Gegenteil. Ich kämpfe seit Jahren erfolgreich dagegen an.“
„Sie werden es nicht schaffen, alle Jungfrauen dieser Welt auszurotten. Wir sind nämlich ein ständig nachwachsender Rohstoff.“
„Ich gebe mein bestes.“
„Davon bin ich überzeugt.“ Sie schob ihren Teller etwas von sich und nippte an ihrem Wein. Er war eine gute Wahl. Überhaupt machte ihr dieses Treffen wider Erwarten Spaß. Lag das wirklich an der Ausstrahlung, dem Charme, von Jonathan Dunmore? Oder einfach nur daran, dass sie heute geschäftlich einen sehr guten Tag gehabt hatte?
„Stoßen wir an“, unterbrach er ihren Gedankengang und hob sein Glas.
„Worauf?“
„Auf uns beide.“
„Auf eine gute Zusammenarbeit“, korrigierte sie ihn, stieß mit ihm an und trank erneut einen Schluck.
Er stellte sein Glas auf den Tisch und beugte sich vor, das Grinsen deutlich breiter als zuvor. „Eigentlich haben wir jetzt ja so etwas wie Brüderschaft getrunken.“
„Aber?“
„Aber dazu gehört ein Kuss.“
Sie beugte sich ebenfalls vor, war von seinem Gesicht höchstens eine Handbreit entfernt. „Allerdings verzichten wir aus bekannten Gründen darauf.“
„Ungern.“
„Das macht nichts.“
„Wann hast du das letzte Mal jemanden geküsst?“
Nicole musste darüber nachdenken. Sie lehnte sich zurück, griff nach dem Dessertlöffel und drehte ihn zwischen den Fingern. „Das ist schon ein paar Monate her“, meinte sie langsam.
„Du hast tatsächlich einen Mann geküsst?“, staunte er.
„Ja, habe ich. Vor vier Monaten. Da haben wir uns das letzte Mal gesehen.“
„Wen?“
„Steve Miller.“
„Ach so.“ Es klang schon ein wenig enttäuscht, als er sich nun zurücklehnte und sie ansah. „Dein Stiefbruder zählt nicht. Kein anderer Mann in Sicht? Irgendwas harmloses?“
„Kein Mann ist harmlos.“
„Hattest du schon mal einen Freund?“
„Ja.“
„Na also. Hast du wenigstens mal daran gedacht, mit ihm ...?“
„Nein, habe ich nicht.“
„Warum nicht?“
„Warum? Nur weil man mit jemanden zusammen ist, muss man doch nicht gleich miteinander ins Bett gehen.“
„Man muss nicht. Aber es ist nicht das schlechteste, was man miteinander tun kann. Habt ihr euch wenigstens geküsst?“
„Ja.“
„Jetzt wird es interessant.“
„Für eine Schlagzeile reicht es lange nicht“, winkte sie ab. „Es war eine einmalige Angelegenheit und hat meine Vermutung eigentlich nur bestätigt. Es macht absolut keinen Spaß und ist widerlich.“
„Dann war es der verkehrte Mann. Oder stehst du auf Frauen?“
Nicole legte den Löffel sorgfältig zurück und rückte ihn gerade. „Nein. Für mich ist Sex und alles, was damit zu tun hat, genau das gleiche wie für andere Leute Lesen oder Stricken. Man interessiert sich dafür oder nicht.“
„Ich habe noch nie gehört, dass jemand Sex und Stricken miteinander verglichen hat.“
„Es gibt für mich keinen Unterschied. Manche wollen Stricken lernen, andere wollen Sex.“
„Und was willst du?“
„Erfolg.“
„Du kannst aber beides haben. Sex und Erfolg. Und wenn du willst, kannst du auch noch stricken lernen.“
„Danke. Aber ich bin ausgelastet genug.“
„Das bin ich auch.“
„Kein Wunder. Die Damen hier im Restaurant verdrehen sich schon die Hälse. Ich warte nur darauf, dass die erste mit einem Genickbruch vom Stuhl kippt.“
„Keine Angst, das passiert nicht.“
Nicole warf einen Blick auf die Uhr. Es war eben halb neun durch. Kim war garantiert schon an der Bar und scharrte ungeduldig mit den Hufen.
„Was ist? Hast du etwa noch einen Termin?“
„Nein. Aber du.“
„Ich?“
„Ich sagte doch, dass du mich ein Stück zur Tür begleiten wirst und unterwegs eine alte Liebe triffst.“
„Tue ich das? Ach so“, meinte er und nickte. „Und du hast diese alte Liebe gleich mitgebracht, damit ich gar nicht erst in die Verlegenheit komme, dich nach Hause zu fahren?“
„Das ist sowieso ausgeschlossen, weil ich mit meinem eigenen Wagen hier bin. Nein, Kim ist nicht nur eins deiner Produkte, sondern auch meine Sekretärin.“
„Eins meiner was?“
„Bevor du mit ihr ins Bett gegangen bist, hatte sie eigentlich ganz vernünftige Ansichten. Aber das hat sich nach einer Begegnung mit dir grundlegend geändert.“
„Muss ich Angst um mein Leben haben?“
„Laut Statistik stirbt nicht jeder Mann an einem Herzinfarkt, während er Sex hat. Also dürften deine Chancen ganz gut stehen, die Nacht zu überleben.“
„Das tröstet mich jetzt zwar, aber verstehe ich das richtig? Du hast mir eine Frau mitgebracht, mit der ich ins Bett gehen soll?“
Nicole nahm ihre Handtasche und lächelte. „Ja.“
„Hattest du Angst, dass ich selbst keine finde? Oder ist sie so hässlich, dass du mir mit ihr den Spaß am Sex verderben willst?“
„Weder noch.“ Sie beugte sich etwas vor. „Du hast schon mal mit ihr geschlafen. Also kann sie doch gar nicht so hässlich sein, oder?“
Er sah etwas skeptisch aus. „Nein, eigentlich nicht. Und wenn ich viel lieber mit dir schlafen würde?“
Sie erhob sich. Rico und Jonathan taten es ihr nach. „Dann gibt es drei Möglichkeiten. Du kannst nach Hause fahren und dich mit deiner Fantasie und deinen Händen vergnügen, du kannst Kim mitnehmen und die ganze Nacht Spaß haben, oder du kannst komplett verzichten und mal eine Nacht ausschlafen.“
„Ich sehe mir Kim mal an“, entschied er sich spontan.
„Tust du mir einen Gefallen?“
„Welchen?“
„Tu einfach so, als erinnerst du dich an sie, okay? Du würdest ihr sonst ihr kleines, zartes Herz brechen.“ Sie drehte sich zu ihm um und tippte mit dem Zeigefinger hart auf seine Brust. „Und wenn du das tust, Casanova, dann werde ich dir die Hölle heiß machen, so dass du dir wünschen wirst, selbst noch Jungfrau zu sein. Klar?“
„Okay. Aber dafür schuldest du mir was.“
„Warum? Ich sorge dafür, dass du eine heiße Nacht hast.“
„Das kann ich auch alleine.“
Sie zog die Unterlippe zwischen die Zähne und sah ihn kritisch an. „Na schön. Aber übertreib es mit deinen Wünschen nicht. Klar? Und Kim hat Morgen ausgesprochen gute Laune und schwebt mindestens zehn Zentimeter über dem Boden.“
Er hob die Hände und zeigte ihr grinsend seine Handflächen. „Kein Problem.“
Nicole hakte sich bei ihrem zukünftigen Geschäftspartner ein und lenkte ihn unauffällig an der Bar entlang Richtung Ausgang. Schon von weitem konnte sie Kim sehen. Sie trug ein nach allen Richtungen freizügiges, ultrakurzes Kleid in leuchtendem rot, die blonden Haare zu einer offenen Mähne toupiert. Ein Vamp, wie er im Buche stand.
Nicole blieb hinter ihr stehen, tippte ihr auf die Schulter und umarmte sie. „Hallo, Kim. Jonathan, du erinnerst dich an ...“
„Kim“, unterbrach er sie, nahm Kims Hand in seine und gab ihr galant einen Handkuss. Nicoles Augenbrauen zuckten hoch, als Kim förmlich dahinschmolz. Ihre Augen leuchteten und sie war sprachlos, fiel ja fast vom Barhocker. Jonathan schenkte ihr sein verführerischstes Lächeln, sah ihr tief in die Augen und behielt ihre Hand in seiner, als könnte er sich gar nicht trennen. „Ist es wirklich schon so lange her, seit wir uns das letzte Mal gesehen haben?“, meinte er.
Nicole verdrehte die Augen. Himmel, soviel Schmalz vertrug doch kein Mensch. Aber wenn sie sich ihre Freundin mal genauer ansah, war es genau das, was sie abheben ließ. Kim schwebte im 7. Himmel und nahm nichts mehr um sich herum wahr außer diesem Mann, der es auf unverschämte Weise einfach hatte. Aber okay, der Abend war gerettet und Kim der glücklichste Mensch der Welt. Was wollte sie mehr? „Ihr entschuldigt mich bitte? Ich fahre nach Hause“, verkündete sie, wartete die Antwort gar nicht erst ab und verließ das Restaurant. Draußen warteten immer noch einige Reporter, hatten ausgeharrt und vielleicht sogar gehofft, dass sie und Jonathan das Restaurant gemeinsam verließen. Fehlanzeige, Freunde. Ihr solltet mich mittlerweile besser kennen. Nein, ein Interview gab es auch nicht, nur ein kleines Lächeln für die Kameras und ein leises Knurren von Rico, als einer der Reporter zu aufdringlich wurde.
Den restlichen Abend vergnügte sie sich mit den Akten aus dem Büro. Kurz nach Mitternacht drehte sie ihre letzte Runde mit dem Hund, gähnte herzhaft und war ausnahmsweise froh, in ihr Bett krabbeln zu dürfen. Der Alkohol hatte sie müde und träge gemacht und entfaltete Dank der frischen Luft seine volle Wirkung.
Der Traum war einfach atemberaubend und bar jeglicher Realität, wie es Träumen nun einmal eigen war. Sie hatte zwanzig Termine an einem Tag, brachte jeden erfolgreich nach Hause und noch vor dem Feierabend verkündete Jonathan Dunmore, dass er wieder abreisen würde und ihr das Management überließ. Oh wie schön.
Aufstehen, Duschen, Joggen. So sahen die ersten zwei Stunden eines jeden Tages in Nicoles Leben aus. Bislang gab es kein Ereignis, das dieses Ritual gestört hätte. Sie lief immer die gleiche Strecke, im gleichen Tempo, traf die gleichen Leute und grüßte freundlich. Sogar die Männer. Normalerweise hatte sie beim Joggen ausgesprochen gute Laune und genoss die brodelnde Ruhe, wie sie nur eine Großstadt hervorbringen konnte, die kühle, frische Luft und die Tatsache, dass sie gute Musik hörte und kein Telefon ihre ausschweifenden Gedanken störte. Diese Stunde gehörte allein ihr. Sie teilte sie mit niemandem, gab sie nicht auf, auch wenn es ihr manchmal schwer fiel aus dem Bett zu steigen, morgens um halb sechs.
Nicole sog die Luft tief in ihre Lungen, lief langsam, immer wieder unterbrochen durch Dehnübungen, mit denen sie bereits im Badezimmer angefangen hatte, um die Muskeln aufzuwärmen. Im Park hatte sie ihre Betriebstemperatur erreicht und steigerte das Tempo. An der Straßenecke stand, wie immer, ein Streifenwagen. Der Officer lehnte an der Motorhaube, hob grüßend die Hand und trank seinen Kaffee. Er ignorierte die Tatsache, dass Rico frei herumlief, was in New York ja schon grundsätzlich verboten war. Aber wen interessierte das?
Obwohl Nicole entspannt war und die Kopfhörer sie vom Rest der Welt abschnitten, ihr Blick stur auf den Boden gerichtet war und sich nur selten anhob, registrierte sie jede Veränderung. Und heute Morgen war etwas anders. Irgendetwas störte Nicole. Sie lief langsamer, schob den Kopfhörer von den Ohren und stemmte die Hände in die Hüften. Sie suchte die Umgebung sorgfältig ab, sah einen Jogger, der gut ein paar hundert Meter entfernt war und sich durch seine dunkle Kleidung kaum vom Hintergrund der Bäume abhob. Nur seine Bewegungen ließen ihn sichtbar werden. Rico stand mitten auf der Wiese, schnupperte nicht wie sonst, sondern sah in die Richtung, in die Nicole laufen wollte. Er stand stocksteif, die Ohren aufgestellt, den kleinen Stummel hoch erhoben und das Maul geschlossen. Er lauschte, produzierte so keine Atemgeräusche, die interessante Geräusche überdecken könnten. Und dann knurrte er. Tief aus seiner Brust schien das Grollen zu kommen und war für Nicole selbst auf diese Entfernung zu hören. Er ging einen Schritt vor, noch einen, das Grollen wurde lauter und klang jetzt richtig bedrohlich. Nicoles Blick wanderte in die Richtung, in die Rico sah und tastete die dichten Büsche, Bänke und Wiesen ab, konnte aber nichts entdecken. Aber irgendetwas musste da sein, sonst würde Rico sich nicht so benehmen. Sie ging vor, ganz langsam, stellte den CD-Player an ihrer Hüfte aus und lauschte jetzt ebenfalls. Hier fehlte eindeutig was. Wieder sah sie sich um und versuchte sich daran zu erinnern, wie es sonst war. Samstags liefen nicht alle, aber einer schon. Der Mann mit der roten Mütze, die aussah wie die Badekappe seiner Mutter. Dazu trug er gewöhnlich schwarze Hosen, die viel zu kurz waren und seine behaarten Beine entblößten. Er war schon älter, hatte Markenklamotten an und eine goldene Uhr am Handgelenk. Vielleicht ein Manager. Ein bekanntes Gesicht, auch wenn sie nicht wusste, wo sie es schon mal gesehen hatte. Vielleicht kannte sie es auch nur vom Laufen. Wer weiß? Sie hätten sich vor ein paar Minuten treffen müssen. Hatten sie aber nicht.
Nicole schnippte mit dem Finger und ging langsam vorwärts. Rico kam zu ihr, lief aber sofort wieder ein Stück vor. Untypisch. Er verweigerte das Kommando bei Fuß. Und nicht nur das. Plötzlich brach das Knurren ab und wurde zu einem wütenden, tiefen Bellen, laut und deutlich. Dann sprang er förmlich vor, lief in der ihm eigenen Art vorwärts und direkt hinein in die Büsche, brach sich seinen Weg mit Gewalt durch die starken, biegsamen Äste.
Nicole rief nach ihm, tastete nach dem Handy in ihrer Jacke und bekam in ihrer plötzlichen Angst kaum den Reißverschluss auf. Sie ging weiter vor, zog das Telefon raus und wählte den Notruf. Jemand schrie laut und schmerzerfüllt auf. Ricos Bellen endete, war jetzt ein tiefes Knurren, gemischt mit dem Keuchen eines Mannes. Nicole hörte ein Klatschen, rief wieder nach dem Dobermann und wieder kam er nicht. Dann brachen Zweige. Jemand bahnte sich seinen Weg durch das Grün. Nicole bekam noch mehr Angst. Sie lief zur Seite und versteckte sich hinter einer Bank. Sie flüsterte ins Telefon, beschrieb hektisch, was gerade passierte, und gab auch eine Beschreibung des Mannes durch, der aus den Büschen gestürmt kam, mehr stolperte als lief und ein paar Meter weiter zu Boden fiel. Er war jung, sah gehetzt aus, der Schrecken stand ihm im Gesicht – und die Angst. Wieder ein Schrei aus den Büschen, Sirenen waren zu hören, der Mann rappelte sich auf, war nur ein paar Meter entfernt und würde sie sehen, wenn er den Kopf ein wenig drehte. Aber das tat er nicht. Er sah nur kurz zurück, lief weiter, quer über den Rasen. Er hatte etwas verloren. Es lag auf dem Weg im Dreck, neben einer Pfütze und glitzerte in der noch schwachen Sonne. Es war die goldene Uhr des Joggers, den sie vermisst hatte. Im Gebüsch wurde es still. Dann raschelte es wieder, Ricos heiseres Bellen war zu hören. Er flog über den letzten kleinen Busch direkt auf den Weg, fing sich und lief vorwärts. Seine schlanke Schnauze war klebrig und glitzerte feucht. Er lief weiter, beachtete sie gar nicht, rannte quer über den Rasen auf den Mann zu, der den Hund hinter sich entdeckte. Seine rechte Hand verschwand in der Jacke und zerrte etwas hervor. Nicole sah genauer hin, kniff die Augen zusammen und erkannte, was er in der Hand hielt. Sie sprang auf, schrie immer wieder den Namen ihres Hundes und fühlte die Angst in sich, die Panik. Rico, down, immer und immer wieder. Die Tränen kämpften sich nach oben und liefen an ihren Wangen wieder herunter.
Rico erreichte den Mann. Er stoppte nicht, sondern sprang an die Brust des Mannes und warf ihn nach hinten. Er biss zu, hielt den Unterarm des Mannes fest in seinem Fang und zog ihn nach unten, kämpfte und knurrte, ohne Rücksicht auf die Tritte, die ihn schmerzhaft trafen. Für einen Moment waren die beiden ein Knäuel und Nicole konnte nicht erkennen, was passierte. Sie ging vorwärts, schüttelte den Kopf und rief nicht mehr, weil ihr die Angst die Kehle zuschnürte.
Der Schuss hallte als mehrfaches Echo von den Wänden aus Bäumen wieder, wurde mit jedem Echo leiser. Nicht aber Ricos Jaulen, die auf- und abschwellenden Töne, als er verletzt zu Boden ging und den Mann freigab. Nicole lief vorwärts. „Nein“, schrie sie, rannte jetzt und sah, dass sich der Mann von Rico fortbewegte. Sie sah das Zucken der rotbraunen Pfoten, wie der Dobermann sich mühsam hoch kämpfte, dem Mann hinterher kroch und noch den Fuß erwischte.
Noch ein Schuss.
Die Sirenen wurden lauter.
Das Jaulen endete und Rico lag still.
Nicole schlug die Hände vor den Mund. Die Tränen nahmen ihr die Sicht, ließen alles verschwimmen. Noch immer hatte sie das Jaulen im Ohr, als wollte es nie enden. Schritt für Schritt ging sie vorwärts, hörte die Rufe hinter sich, die klatschenden Schritte auf dem matschigen Rasen. Sie sah die Polizisten an sich vorbeilaufen, wie sie sich dem Mann am Boden näherten. Er hatte die Hände erhoben, die Waffe weggeworfen. Ein Beamter legte ihm Handschellen an, ignorierte den Schmerzensschrei des Mannes, dessen Unterarm blutig war, der Jackenärmel von Ricos scharfen Zähnen zerfetzt.
Ein anderer Officer kniete neben Rico nieder, streichelte über die muskulöse Brust, die sich langsam und unter rasselnden Geräuschen hob und senkte, mit jedem Atemzug einen Blutschwall entließ. Der Officer hob den Kopf und sah Nicole an. Er ging ihr entgegen, hielt die Arme ausgebreitet und schüttelte den Kopf. „Ist das ihr Hund?“
Nicole nickte langsam und sah über seine Schulter auf den dunklen Körper am Boden. Ihr Verstand weigerte sich zu begreifen. Ihr Herz noch viel mehr.
„Gehen Sie nicht hin.“
Sie sah den Mann mit brennenden Augen an. „Aber ... er lebt doch ... Ich muss zu ihm ...“
Wieder schüttelte er den Kopf, sah seinen Kollegen hilfesuchend an. Es war der Beamte vom Parkeingang. „Warten Sie hier“, meinte er und ging zu Rico. Er kniete sich neben seinen Kopf, streichelte darüber und redete mit ihm. Dann kam er zurück. Sein Gesicht war eine einzige Maske, starr und leichenblass. „Es tut mir leid“, meinte er, klang heiser und räusperte sich. „Er wurde zwei Mal getroffen. Das überlebt er nicht.“
„Lassen Sie mich zu ihm.“
„Moment!“ Er zog seine Jacke aus, ging vor und legte sie über den blutigen Körper des Hundes. Er blieb bei Nicole, als sie sich auf den Boden kniete und Ricos Kopf in ihre Hände nahm, ihr Gesicht an seine Schnauze drückte, redete, flüsterte, weinte und streichelte. Sie hörte das pfeifende Geräusch seiner Lungen, spürte die warme Zunge an ihrem Handgelenk und sah den Blick seiner dunkelbraunen, sanften Rehaugen.
Ein Schluchzen schüttelte ihren Körper durch. „Tun Sie bitte was! Er soll doch nicht leiden. Das hat er nicht verdient!“, flüsterte sie und sah den Officer hilfesuchend an. „Er darf nicht leiden!“, flüsterte sie wieder, vergrub ihr Gesicht in dem dunklen Fell und weinte.
Der Officer kämpfte mit sich. Ein Kollege kam, flüsterte ihm etwas ins Ohr und hielt die Hand fest, die die Waffe ziehen wollte.
Nicole sah es, sah flehend von einem zum anderen. „Lassen Sie ihn bitte nicht leiden“, wiederholte sie.
Der Officer schob die Hand seines Kollegen weg, zog Nicole hoch und schob sie fort, seinem Kollegen in die Arme. „Gehen Sie.“
Nicole wehrte sich nicht. Sie ließ sich wegführen und starrte stur geradeaus auf den Rasen. Ein einzelner Schuss zerriss die Stille und sie zuckte heftig zusammen. Zwei torkelnde Schritte weiter senkte sich das dunkle Tuch der Ohnmacht über sie.
Das Erwachen kam plötzlich. Aus Dunkel wurde hell, stach in ihre Augen, obwohl die Lider fest geschlossen waren. Dann kamen die Kopfschmerzen, zentriert auf nur einen einzigen Punkt am oberen Hinterkopf, als hätte jemand eine Stricknadel hineingepiekst. Die Übelkeit war erst gar nicht so schlimm und tat so, als ob sie gleich wieder verschwinden würde. Tat sie aber nicht. Kaum hatte Nicole sich dazu überreden können die Augen zu öffnen und ihren maßlos schlappen Körper aus den weichen Kissen zu pulen, da schoss ein Kloß ihre Kehle hoch, wurde vom Kehlkopf gestoppt und klammerte sich daran, als hinge sein Leben davon ab. Es folgte ein leichtes Würgen, ganz hinten auf der Zunge, die leicht zuckte und den bitteren, leicht brennenden Geschmack bereits Vorkosten durfte. Das war das absolut Letzte, was Nicole jetzt gebrauchen konnte. Das fehlte ihr noch, dass sie hier ins Bett kotzte. Der typische Krankenhausgeruch mogelte sich durch ihre Nase, den Riechnerv hoch und setzte sich irgendwo zwischen ihren grauen Zellen fest, wurde lokalisiert, als eklig eingestuft und das gab Nicole den Rest. Sie ließ sich einfach aus dem Bett kippen, stützte sich mit den Händen überall ab, wo sie hingreifen konnte und hangelte sich so zielstrebig und müden Fußes Richtung Toilettentür. Ihre Augen hatten sich inzwischen entschlossen, jedes für sich ein Bild zu zeigen, was bei ihrem schwankenden Gang nicht sehr nett war und der Übelkeit entgegen kam. Also schloss sie ein Auge und schaffte es. Die Tür aufmachen und sich nach vorne fallen zu lassen war eine Bewegung. Beinahe hätte sie den Toilettendeckel nicht rechtzeitig hoch bekommen und die ganze braune, übel schmeckende Soße hätte sich auf das weiße Plastik ergossen. So aber traf sie zielsicher, wurde von ihren eigenen Würgegeräuschen noch angespornt und ließ raus, was nicht länger bei ihr bleiben wollte. Immer und immer wieder musste sie Würgen und Husten, sog die Luft gierig und mit pfeifenden Geräuschen ein und ließ den Tränen freien Lauf. Der Erstickungstod rückte in weite Ferne, als der Magen leer und die Lunge mit übelriechender Luft gefüllt war. Nicole setzte sich auf den Fußboden, eine Hand am Toilettenbecken und bereit, sich sofort wieder darüber zu werfen, sollte es notwendig werden. Die andere Hand griff nach dem Toilettenpapier, riss einige Streifen ab und wischte über ihren Mund, ein weiterer Streifen trocknete die Tränen, die über ihre Wangen kullerten.
„Sie sollten doch im Bett bleiben“, erklang eine freundliche, aber bestimmte Stimme von der Tür.
Nicole öffnete die Augen, drehte ein wenig den Kopf und sah den Witzbold an. „Sie hätten mir einen Zettel hinlegen sollen, dann hätte ich selbstverständlich ins Bett gekotzt.“ Ihre Stimme klang schwach und etwas rau. Das Sprechen bereitete ihr Mühe und das Kratzen in ihrem gepeinigten Hals wurde schlimmer.
„Kommen Sie. Wenn Sie hier sitzen bleiben kommt noch eine Blasenentzündung dazu.“ Er griff nach ihrem Oberarm und wollte ihr auf die Beine helfen.
„Nehmen Sie die Finger weg“, fauchte Nicole und rupfte ihren Arm aus seiner Hand. „Ich kann alleine aufstehen.“ Und das versuchte sie dann auch. Ein Seitenblick zeige ihr, dass sich der weiß gekleidete Mann in der Tür nicht über die Art und Weise amüsierte, in der sie in die aufrechte Haltung wechselte.
Er beobachtete interessiert die Verrenkungen und diversen Fehlversuche, bis sie stand, machte dann aber Platz und wies mit einer einladenden Geste ins Krankenzimmer. „Nur zu. Wenn Sie es bis zum Bett schaffen, können Sie heute noch nach Hause gehen.“
„Pah“, machte Nicole, richtete sich kerzengerade auf und marschierte los. Sofort begann das Zimmer zu schwanken. Das hieß, das Bad in die eine Richtung und das Krankenzimmer in die andere. Sie hatte das Gefühl, als befände sich jedes ihrer Augen auf einem anderen Schiff mit hohem Seegang. Noch ein Schritt und sie geriet in Untiefen. Die Zimmer schwankten nicht mehr, jetzt kreisten sie. Nicole schloss die Augen, streckte die Hände aus und suchte die Wand. Wenigstens eine Wand, an der sie sich abstützen konnte. Sie fand keine. Ihr Gleichgewichtsorgan strich die Segel und verriet ihr nicht mal mehr, in welchem Winkel sie gen Fußboden flog – und mit welcher Geschwindigkeit. Aber noch bevor sie als Höhepunkt des Tages den Aufschlag genießen durfte, wurde sie aufgefangen. Plötzlich waren zwei starke Arme da, griffen fest zu und sie verlor den Boden unter den Füßen.
„Frauen“, knurrte ihr Besucher und trug sie zum Bett.
Nicole fühlte die kalten Laken unter sich, das flauschige Kopfkissen und die Bettdecke, die er über sie zog. Sie musste noch etwas warten, bevor sie sich traute, die Augen erneut zu öffnen. Sie starrte stur an die weiße Decke, wartete noch einen Moment und drehte langsam den Kopf. Mister Ich-wusste-es-doch-vorher stand neben ihrem Bett, ein Klemmbrett mit ihrer Krankenakte in der Armbeuge, und sah sie prüfend an. „Wieder besser?“
„Sind Sie Arzt oder Pfleger?“
Er hielt Klemmbrett und Stethoskop hoch. „Was denken Sie?“
„Nur weil Sie ein Stethoskop haben, heißt das noch lange nicht, dass Sie auch damit umgehen können.“
„Ich bin Dr. Andrew Cooper und übe seit Jahren mit dem Stethoskop. Und soll ich Ihnen was verraten? Ich bin kurz davor rauszufinden, was man damit alles machen kann. Und glauben Sie mir, ich habe schon einiges damit ausprobiert.“ Er sah es einen Augenblick an, so als fiele ihm gerade jetzt eine ziemlich abstrakte Idee ein, die er schon hinter sich hatte.
Aber Nicole hatte momentan keinen Sinn für Humor und konnte sich nicht mal zu einem ganz kleinen Lächeln hinreißen lassen. „Warum bin ich hier?“
„Sie sind ohnmächtig geworden, mit dem Kopf auf einen Stein gefallen und haben sich eine nette Gehirnerschütterung und eine kleine Platzwunde an der Stirn zugezogen. Die Wunde haben wir mit zwei Stichen genäht, aber an der Gehirnerschütterung dürfen Sie sich noch ein paar Tage erfreuen.“
Nicoles Hand wühlte sich unter der Bettdecke vor, tastete sich an ihrem Gesicht hoch und erkundete die Stirn. Sie war bandagiert. „Na Klasse“, seufzte sie. „Dann werde ich ja ein hübsches Andenken an ...“ Sie brach ab und sah den blonden Mann neben sich an. „Warum bin ich ohnmächtig geworden?“
Er runzelte die Stirn und setzte sich auf die Bettkante. „Woran können Sie sich noch erinnern?“
„Zuerst einmal daran, dass irgendjemand vor sehr langer Zeit Stühle erfunden hat“, schnauzte sie und boxte gegen seinen Oberarm. „Warum versuchen Sie nicht mal einen?“
„Danke, ich sitze bequem. Also?“
„Ich hatte gestern Abend ein Geschäftsessen mit einem Partner“, meinte sie langsam und kramte weiter in den chaotischen Resten ihres Gehirns. „Dann bin ich nach Hause gefahren und habe noch gearbeitet.“ Sie schwieg einen Moment und runzelte die Stirn, was weh tat und sie zu einem leisen „Au“ verleitete. „Heute Morgen war ich bestimmt joggen“, erklärte sie dann.
„Bestimmt? Glauben Sie das oder wissen Sie es genau?“
„Ich gehe jeden Morgen Joggen“, antwortete sie gereizt.
„Sie wissen es also nicht mehr“, meinte er und notierte etwas in ihrer Akte.
„Hey, was schreiben Sie da?“
„Das Sie Erinnerungslücken haben.“
„Habe ich nicht“, widersprach sie heftig. „Ich bin doch nicht verrückt, nur weil ich mich nicht erinnern kann, ob ich heute Morgen gejoggt bin. Die Erinnerung kommt schon wieder.“
„Das hat nichts mit verrückt zu tun.“ Er ließ das Klemmbrett sinken und sah sie ernst an. „Was nicht heißen soll, dass Sie nicht wirklich auf eine bestimmte Art und Weise verrückt sind.“
„Was soll das denn schon wieder heißen?“
„Sie sind Nicole Leah Baker. Auch bekannt unter dem Spitznamen Iron Virgin. Die eiserne Jungfrau.“
Sie kniff die Augen etwas zusammen. „Na und?“
„Und wer außer mir weiß, dass Sie diesen Titel zu Unrecht tragen? Dr. Julius Hartmann?“
Ihre Lippen formten den Namen ihres Hausarztes. Kein Laut drang dabei aus ihrem Mund. Ihr Gesicht fühlte sich plötzlich kalt an, blutleer. Sie schluckte und versuchte so den plötzlichen Druck auf den Ohren weg zu bekommen. Sie schüttelte den Kopf, erst langsam, dann heftiger, ihre Augen ruhten unverwandt auf dem Arzt. „Nein, ... das stimmt nicht.“ Sie zerrte an der Bettdecke, wollte sie wegschieben, aufstehen und nach Hause gehen. Nicht eine Minute länger würde sie hier bleiben. „Sie müssen mich verwechseln“, meinte sie und rupfte wieder an der Bettdecke. Aber er hielt sie fest, drückte die Decke fest auf die Matratze neben ihrem Körper und war ihr plötzlich so nah, dass sie zurückwich. Ihre Hände fuhren zu ihrem Hals, rieben über die Oberarme und wollten die Gänsehaut wegstreichen, die deutlich sichtbar war. Sie fröstelte, wiederholte leise „Das stimmt nicht“ und schüttelte dabei immer wieder den Kopf.
„Sie haben es mir vor drei Tagen erzählt.“
„Was?“
„Ron Simeons, der damalige Freund Ihres Stiefbruders. Sie waren vierzehn, als er betrunken zu Ihnen nach Hause kam und ...“
„Hören Sie auf! Hören Sie sofort auf!“, rief Nicole und presste die Hände auf die Ohren. Sie wollte nichts hören von dem, was er sagte, wollte sich nicht daran erinnern. Obwohl sie jede Nacht wieder davon träumte, wie er über sie hergefallen war, sie vergewaltigt hatte, sie zurück ließ, schmutzig, verängstigt und verletzt. Der Hass kam aber erst viel später, entwickelte sich über mehrere Monate, in denen sie vergessen wollte und allen aus dem Weg ging. Und dann kam die Nachricht, dass Ron Simeons bei einem Autounfall verunglückt war. Sie empfand es als eine gerechte Strafe. Aber seitdem hasste sie die Männer. Alle! Sie konnte es nicht ertragen von ihnen berührt zu werden und ekelte sich vor ihnen. Sie hatte lange Jahre gebraucht, um überhaupt wieder tanzen zu können und ihre Abscheu soweit unter Kontrolle zu haben, dass sie sich nicht bei der geringsten Berührung übergeben musste. Ihre Familie hatte keine Ahnung. Sie hatte ihnen nichts erzählt. Sie hatte sich nie jemandem anvertraut. Und Ron hatte ihr Geheimnis mit ins Grab genommen.
„Ich habe nach Ihrer Geschichte mit Dr. Hartmann telefoniert. Er erzählte mir, dass er seinerzeit Schürfwunden, Hämatome, Kratzer, ein blaues Auge und eine Gehirnerschütterung behandelt hat. Sie haben behauptet, dass Sie die Treppe runtergefallen sind. Aber er hat Ihnen nicht geglaubt.“
Nicole senkte den Kopf und schloss die Augen. „Lassen Sie mich alleine“, flüsterte sie.
„Möchten Sie lieber mit einer Ärztin darüber sprechen?“
„Nein“, schrie sie. Ihr Kopf zuckte hoch. Sie bekam Panik. „Sie haben es doch niemandem erzählt, oder? Wer weiß davon?“
„Nicht mal Dr. Hartmann. Er hat seinen Verdacht geäußert, aber ich habe ihm nichts erzählt. Er weiß also nicht mehr als damals.“
„Und da?“ Sie wies auf das Klemmbrett. „Steht da was drin?“
Er warf einen kurzen Blick auf ihre Akte und lächelte. „Nein. Kein Wort. Aber Sie werden darüber reden müssen. Sie können nicht ihr ganzes Leben ...“
„Überlassen Sie das gefälligst mir“, fauchte sie, zog die Knie an und umklammerte sie mit beiden Armen. „Lassen Sie mich einfach in Ruhe, okay? Es geht niemanden was an. Auch Sie nicht.“
„Sie sollten sich einem Psychologen anvertrauen.“
„Nein.“
„Dann werden wir darüber reden.“
„Nein.“
„Dann mache ich einen Vermerk in der Akte.“
Sie sah ihn an und schüttelte wieder den Kopf, presste einen Moment die Lippen fest aufeinander. „Okay, aber Sie behalten das für sich.“
„Natürlich.“
„Können wir das Gespräch auf später verschieben? Jetzt möchte ich alleine sein.“
„Ich schicke Ihnen eine Schwester, die Ihnen ein Beruhigungsmittel bringt. Dann können Sie noch etwas schlafen und fühlen sich heute Abend bestimmt besser. Ich werde dann noch mal nach Ihnen sehen.“ Er erhob sich, nahm das Klemmbrett unter den Arm und ging zur Tür.
„Doc?“
Seine Hand lag bereits auf der Klinke, aber er drehte sich noch mal um. „Ja?“
„Wie lange bin ich schon hier?“
„Vier Tage.“
„Vier Tage? Um Himmels Willen, ich muss ins Büro. Ich ...“
„Sie müssen gar nichts. Sie ruhen sich jetzt aus.“
Rico, fuhr es ihr durch den Kopf. „Rico“, wiederholte sie laut und sah den Arzt fragend an. „Mein Hund. Wo ist er? Es muss sich doch jemand um ihn kümmern.“
„Der Dobermann?“
„Ja.“
„Ich werde mich erkundigen. Und jetzt sollten Sie schlafen.“ Er ging so schnell, dass Nicole keine weiteren Fragen mehr stellen konnte.
Höchstens zwei oder drei Minuten später kam eine kleine, zierliche Schwester mit einem Tablett rein, gab ihr eine Pille und etwas Wasser und lächelte aufmunternd. Nicole schwieg, nahm das Medikament und starrte an die Decke, die Hände hinter dem Kopf verschränkt. Langsam wurde es dunkel in dem Zimmer. Die Decke wurde erst grau, dann immer dunkler, bis sie schwarz war. Nicoles Lider schlossen sich und sie fiel in einen unruhigen Schlaf, träumte wirres Zeug von einem Mann, der auf Rico schoss, von einem Polizisten, der auf Rico schoss, von dem Park, in dem sie immer joggte, von einer goldenen Armbanduhr, die mitten auf dem Weg lag und ihr bekannt vorkam ...
„Nein!“ Nicole fuhr hoch, das Gesicht tränenüberströmt. Sie schrie immer wieder, rief nach ihrem Hund und wusste doch, dass es umsonst war. Die Wahrheit hatte sich in ihre Träume geschlichen und ihr vor Augen geführt, was passiert war. Rico ist tot! Wieder schrie sie, spürte den festen Griff an ihren Oberarmen, das Schütteln, ihr Kopf wurde vor und zurück geworfen, die Tränen liefen immer noch, sie schluchzte laut auf, konnte sich nicht beruhigen, schlug um sich, als sie an einen warmen Körper gedrückt wurde und starke Arme sie umschlossen hielten. Eine Hand streichelte beruhigend über ihr Haar. Nicole würgte, hustete, schlug immer wieder in den warmen, weichen Körper, der sie trösten wollte. So lange, bis sie keine Kraft mehr hatte und ihre Hände auf die Bettdecke sanken. Sie drückte ihr Gesicht an die Brust des Mannes, der sie festhielt, nicht losließ, bis sie wieder vollkommen ruhig war und schweigend die Tränen vergoss für den einzigen Freund, den sie je gehabt hatte.
Dr. Cooper drückte sie zurück in die Kissen, deckte sie zu und reichte ihr innerhalb der nächsten Stunde schweigend ein Taschentuch nach dem anderen. Wechselweise nahm er ihr die benutzten Tücher ab und entsorgte sie. Er gab ihr eine Spritze, wahrscheinlich ein Beruhigungsmittel. Es machte sie müde und sorgte dafür, dass sie ruhiger und entspannter wurde und ihr Körper aufhörte zu zittern, ihre Zähne nicht mehr aufeinander klapperten.
Eine weitere halbe Stunde später lag sie ruhig in ihrem Bett. Der Herzschlag hatte sich normalisiert und ihre grauen Zellen funktionierten zwar langsam, aber einwandfrei. „Warum hat er das getan?“, fragte sie leise, drehte den Kopf und sah den Mann an, der die ganze Zeit an ihrer Seite gewesen war.
„Er war auf der Flucht“, meinte er, beugte sich vor und stützte die Ellenbogen auf die Oberschenkel, die Hände gefaltet. „Er wollte weglaufen und Rico hat ihn daran gehindert. Er hat Panik bekommen und keinen anderen Ausweg gesehen, als seine Waffe zu benutzen.“ Er schwieg einen Moment und sah sie wieder an. „Es tut mir Leid.“
„Ihnen? Es tut Ihnen Leid? Sie haben damit doch gar nichts zu tun.“ Nicole fand es erschreckend, wie nüchtern ihre Stimme klang. Aber sie fühlte nichts. Nicht einmal mehr Trauer oder Wut, die sie über all die Jahre genährt hatte. Es war nur noch eine dumpfe Leere in ihr, die Rico hinterlassen hatte. Er war nicht nur ein Freund gewesen, sondern viel mehr. Er war das einzige Lebewesen, vor dem sie sich nie versteckt hatte, dem sie ihr Geheimnis anvertraute, mit dem sie redete und in dessen Gegenwart sie weinen durfte. Er war das einzige Lebewesen, das sie schwach gesehen hatte. Er hatte sie getröstet, war stets an ihrer Seite, ein treuer Begleiter eben, wie sie keinen wieder finden würde.
„Der Bürgermeister hat sich nach Ihnen erkundigt. Er möchte Sie besuchen.“
„Der Bürgermeister? Was will der denn?“
„Sie haben ihm das Leben gerettet. Oder vielmehr Rico.“
„Der Mann mit der Uhr war ...?“
Dr. Cooper lächelte. „Sie haben ihn nicht erkannt?“
„Nein“, gab sie leise zu. „Ist doch auch egal. Ich will ihn nicht sehen.“
„Er will sich bedanken. Die Blumen sind auch von ihm.“
Nicole sah auf. Erst jetzt nahm sie die Unmengen von Blumensträußen und Gestecken, Luftballons und Plüschtieren wahr, die die gesamte Wand am Fußende des Bettes einnahmen. „Bringen Sie das alles bitte weg. Ich will das nicht“, meinte sie, senkte den Blick und starrte auf ihre Hände, die gefaltet auf ihren Oberschenkeln lagen.
„Er ist sehr betroffen darüber, dass Rico erschossen wurde. Das hat er nicht gewollt.“
Nicole schüttelte den Kopf und schloss die Augen.
„Ich bleibe dabei und breche das Gespräch nach ein oder zwei Minuten ab, okay? Geben Sie ihm eine Chance, sich zu bedanken.“
„Hat er was abgekriegt?“
„Zwei Messerstiche in die linke Schulter. Etwas tiefer und der junge Mann hätte sein Herz getroffen.“
„Ist er ein guter Mensch?“
„Sie sollten nicht sein Leben gegen das von Rico abwägen“, meinte er, gerade so, als ob er ihre Gedanken lesen könnte. „Aber ja, er ist ein guter Mensch. Und er meint es ehrlich, dass es ihm Leid tut. Ein Officer hat sich auch nach Ihnen erkundigt. Malcom hieß er. Er wollte wissen, ob er noch etwas für Sie tun kann. Sie haben eine Menge Freunde.“
„Nein“, flüsterte sie. „Ich hatte nur einen Freund.“
„Geben Sie mir Ihre Hand.“
Nicoles Blick zuckte hoch- Sie sah auf seine ausgestreckte Hand, rührte sich aber nicht.
„Meinst du nicht, dass du mir vertrauen kannst?“
Es war das erste Mal seit fast vierzehn Jahren, dass sie zu einem Mann freundlich sein und ihn nicht verletzen wollte. Ganz langsam bewegte sie ihre Hand, hob sie an und legte sie in seine. Sie spürte die Wärme, die weiche Haut, den lockeren Griff, mit dem seine Finger ihre umschlossen, sich seine andere Hand darauf legte und sie festhielten.
„Danke.“
Sie drehte den Kopf ein wenig, sah auf die Hände, wurde sich bewusst, dass ihre Hand in seiner lag und kribbelte.
„Nicht alle Männer sind schlecht“, meinte er leise. „Natürlich gibt es schlechte Menschen, Männer wie Frauen. Und der junge Mann, der den Bürgermeister überfallen hat, war auch nicht alleine. Er hatte eine Partnerin. Ein siebzehnjähriges Mädchen. Du hast sie nicht gesehen, weil sie nicht mehr weglaufen konnte. Rico hat ihr in den Fuß und den Unterschenkel gebissen und der Bürgermeister konnte sie festhalten. Die Polizei hat sie ein paar hundert Meter weiter eingesammelt. Wie du siehst, teilt sich die Welt nicht in Mann und Frau, sondern in Gut und Böse.“
„Ein Mann wurde überfallen. Deswegen musste Rico sterben. Ein Mann hat Rico erschossen. Und es war ein Mann, der mich zu dem gemacht hat, was ich bin.“
„Aber es war ein männliches Wesen, das dich getröstet und begleitet hat. Rico war dir ein treuer Freund, oder nicht? Er war männlich.“
„Er war kastriert, also war er neutral“, beharrte sie.
„Hast du dein Gegenüber je gefragt, ob er schwul oder impotent ist? Die wären dann nämlich auch neutral.“
Sie sah ihn an und lächelte ganz leise. „Vielleicht hätte ich diese Frage wirklich stellen sollen. Und Sie? Sind Sie schwul?“
„Nein“, lachte er. „Und impotent bin ich auch nicht. Und trotzdem kannst du mir vertrauen.“
„Kann ich das wirklich?“
