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Das etwas andere Kindermädchen… Sie wollte schon immer die Welt retten. Als engelhafte Blondine mit Modelmaßen und einem ausgeprägten Mutter-Theresa-Syndrom kann das doch nicht so schwer sein. Oder doch? … Melissa hat die Schnauze voll! Wenn das Leben nicht so läuft, wie man sich das eigentlich vorgestellt hat, sollte man dringend etwas unternehmen! Kurzerhand trennt sich die frustrierte Kuhdorf-Kindergärtnerin von ihrem langjährigen Machofreund. Da kommt ihr die Gelegenheit, als Nanny bei einer Düsseldorfer Millionärsfamilie anzufangen genau zur rechten Zeit. Allerdings hat die Sache einen gewaltigen Haken, denn Claudia von Degenhausen, die dominante Herrin des Hauses, leidet unter krankhafter Eifersucht und duldet keine weibliche Konkurrenz in ihrem Haus. Um den Ehemann – ein angeblich notorischer Fremdgeher – nicht in Versuchung führen zu können, muss Melissa einen ungewöhnlichen Deal eingehen, doch damit stellen sich allerhand unerwartete Schwierigkeiten ein. Und warum muss sie sich ausgerechnet in Claudias attraktiven Halbbruder David verlieben? Damit ist die Katastrophe buchstäblich vorprogrammiert.
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Seitenzahl: 452
Veröffentlichungsjahr: 2016
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Eileen Schlüter
Geliebte Nanny
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Geliebte Nanny
»Warum sind Männer bloß immer so primitiv und schwanzgesteuert?«
»Worum zum Geier handelt es sich bloß bei ihren geforderten Bedingungen? Für die Kohle nehme ich fast alles in Kauf!«
»Wie soll ich bitte meinem zwanghaften und kategorischen Kombinieren von Kleidungsstücken nachkommen, ohne dabei als Amokläuferin zu enden?«
»Also ehrlich, vermutet sie etwa eine selbst gebastelte Bombe unter meinem Rock, oder was?«
»Ich werde dafür sorgen, dass diese feindselige Meute mich so akzeptiert, wie ich bin. Inklusive Kopftuch und Strickmantel. «
»Diese blöde Kuh wird auch zur Party kommen? Mir reicht es schon, wenn ich ihre dämliche, aufgedonnerte Visage im Krabbelclub ertragen muss. «
»Deine Verkleidung färbt anscheinend schon auf deine Persönlichkeit ab. Oder warum laberst du plötzlich so einen subversiven Müll?«
»Im Film sind doch auch immer ein paar angesehene Ärzte unter den Partygästen. Wo sind die denn jetzt alle? «
»Spricht sie etwa kein Deutsch? Wie kommuniziert sie denn mit den Kindern?«
»Vermutlich interessiert es ihn die Bohne, was das türkische Kindermädchen drunter trägt! «
»Er soll mich gefälligst mit Kopftuch und allem Drum und Dran mögen, oder es ganz bleiben lassen. «
»Mozart war, glaube ich, ein Deutscher. Ähm...oder...?«
»Außerdem riechen Sie unheimlich gut und haben ausgesprochen schöne Beine«
»Ob ich mit dem Gedanken gespielt habe, mich anzupassen, um als Mensch akzeptiert zu werden?«
»...Melek hier, Melek da...! Melek kann zwar nicht gut kochen, aber dafür hat sie wunderschöne Augen. «
»Ich hoffe, Sie haben eine gute Ausrede, Melek. Ich hab morgen früh ein wichtiges Meeting!«
»Ihr Name...? Seit wann sind sie in Deutschland und wie lange haben Sie vor zu bleiben?«
»Hab ich die ganze Nacht hier, auf Ihrem Sofa verbracht?«
»Wie kommst du darauf, dass ich dir helfe? Du..., du hinterlistige Männerverhexerin.«
»Ach, du meinst diese arbeitslose Kindergärtnerin? Diesen blonden Feger, mit den Endlosbeinen?«
»Gehen? Du spinnst wohl. Jetzt wird’s erst richtig interessant.«
»…Jeder Mensch hat immer die Möglichkeit, die Wahrheit zu sagen!«
»Ich habe auf Schweinefleisch verzichtet und Weingummi mit Rindergelatine im Reformhaus gekauft.«
»Ich bedauere sehr, Ihnen mitteilen zu müssen, dass ihr Mann leider bei einem Banküberfall von einem unserer SEK-Beamten erschossen wurde!«
»Den Anblick, von in einem Liter Anisschnaps ersoffenem Räucherseelachs, möchte ich den übrigen Gästen lieber ersparen. «
Danke…
Eileen Schlüter
LESEPROBE Grünkohlsuppen-Blues
Impressum neobooks
Für meine Jungs
Sämtliche Handlungen sowie Personen und Namen innerhalb dieses Romans sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden Personen sind zufällig und nicht beabsichtigt. Alle Rechte, insbesondere das Recht der Vervielfältigung, der Verbreitung sowie der Übersetzung, vorbehalten. Kein Teil des Werks darf auch nur auszugsweise ohne Genehmigung der Autorin in irgendeiner Weise gespeichert, vervielfältigt, verbreitet oder veröffentlicht werden.
Zock!
Mist, daneben. Fast hätte ich ihn erwischt.
Gleich noch mal!
Zock!
»Auuutsch! Bist du irre? Hör sofort auf damit!«
»Verschwinde einfach, Sören!«
Sörens Stimme schallt durch’s Treppenhaus: »Komm schon, jetzt beruhig dich Baby! Lass es uns noch mal versuchen, ich kann mich ändern, ich schwör’s!«,
»Zu spät. Vergiss es!«, kreische ich, aus dem dritten Stockwerk zu ihm herunter. »Ich hab die Schnauze voll von dir. Werde glücklich mit deinem Auto und der dämlichen Spielkonsole. Ach ja, und nicht zu vergessen – mit diesem beknackten iPhone. Aber das mit uns, kannst du endgültig vergessen!«
Er steigt die Treppe hinauf, in den ersten Stock. Dort bleibt er stehen. Er wird es nicht riskieren, noch eine Etage höher zu kommen, das weiß ich, denn ich bin schwer bewaffnet: Endlich bietet sich mir mal eine sinnvolle Verwendung für seine blöden Playstationspiele. Als Wurfgeschosse eignen sich die Dinger wirklich fabelhaft. Seine Spielsucht geht mir ohnehin tierisch auf den Keks. Dieser virtuelle Kram ist nichts für mich. Die Realität hat soooo viele Vorteile…
Zock!
»Verdammt Melissa!«, flucht er. »Bist du bescheuert? Das war
Darksiders - Wrath of war, die Platinum Edition. Wenn die im Arsch ist…!«
Schnauze da unten…
Zock!
»AUUUTSCH! Wetten, dass du Morgen sowieso wieder angekrochen kommst, Mel.«
»Da kannst du lange warten, Sören. Es ist vorbei. Endgültig!«
»Dann leck mich doch am A…!«
Die Haustür kracht, bevor er den Satz beendet hat. Jetzt ist er weg. Endlich! Nach vier Jahren Beziehung. Vier lange Jahre, die ich wesentlich sinnvoller hätte ausfüllen können. Kaum zu glauben, ich bin wieder Single.
Ich wette, meine beste Freundin Yasemin wird sich vor Begeisterung bekreuzigen, über diese erfreuliche Neuigkeit. Sie hat ihn nie leiden können. Abgesehen davon verstehe ich selbst nicht, wie ich es so lange mit diesem Kerl aushalten konnte.
Sören gehört jener Kategorie Mann an, deren Universum sich fast ausschließlich um Autos dreht. Das intime Verhältnis zu seinem aufgemotzten BWM, ließ mein Selbstwertgefühl gewissermaßen ins Bedeutungslose schrumpfen. Und nicht selten verfolgten mich abnorme Fantasien, in denen ich in Gestalt eines sexy Porsches – manchmal war es auch ein verführerischer Ferrari – um mehr Beachtung seinerseits buhlte.
Das ist doch schizophren! Ich meine, welche Frau behauptet gerne von sich, ein Transformer zu sein?
Sören endgültig in den Wind geschossen zu haben, ist vermutlich das Beste, was ich in den letzten vier Jahren getan habe. Trotzdem spüre ich gerade eine gewisse Leere in mir. So eine lange Beziehung geht eben nicht spurlos an einem vorüber.
Sören hat nicht offiziell bei mir gewohnt. Sein peripheres Bedürfnis, sich an den Mietkosten zu beteiligen oder gar selbst ein paar Möbel zu meiner minimalistischen Wohnungseinrichtung beizusteuern, war nur ein Weiteres unserer unzählbaren Streitthemen. Für so was ist ihm sein Geld ohnehin viel zu schade. Jeden Cent steckt er in sein Auto. Und in diese idiotischen Spielkonsolen, die sich wahnsinnig undekorativ in meinem Wohnzimmer hervortun. Ganz zu schweigen von den geschätzten Dreimillionen Spielen, in diesen bunten Plastikhüllen, die mir seit Neuestem die Sicht auf meine IKEA-Weingläser und das geerbte Sonntagsgeschirr nehmen, nur weil er meinte, die blöden Dinger in der Glasvitrine stapeln zu müssen. Ein Anblick zum Weglaufen!
Zufrieden blicke ich auf das halbe Dutzend Müllsacke, in das ich Sörens Klamotten hineingestopft habe. Wenn er sie innerhalb von drei Tagen nicht abholt, landen sie auf dem Müll. Darauf kann er Gift nehmen. Diese Entrümplungsaktion war schon lange fällig. Ich meine, im Prinzip ist Sören ein Arschloch. Er hatte schließlich kein Interesse an einem harmonischen Zusammenleben. Er brachte sich nie richtig in unsere Beziehung ein. Außerdem ging er mindestens zweimal fremd, und ich Idiotin habe ihm jedes Mal verziehen.
Aber jetzt ist ein für alle Mal Schluss. Schluss mit vergammelten Pizzaresten hinter jedem Sofakissen. Vorbei die samstagabendlichen Saufgelage, mit jener rücksichtslosen Horde unkultivierter Fußballfans, die er »seine Freunde« nennt; und vor allem Schluss mit diesem miesen Gefühl, dass sich das niemals ändern wird.
Sören wird also wieder bei seinen Eltern einziehen; allenfalls in deren Garage, zu seinem Auto – wie ich diese blöde Karre hasse. Ich hätte es nie für möglich gehalten, dass ich einmal eifersüchtig auf ein Auto sein würde. Kann man eigentlich noch tiefer sinken?
Ich gebe zu, vor den ersten Nächten, so ganz allein in der Wohnung, habe ich mächtig Bammel. Nicht vor Einbrechern oder so– verteidigen kann ich mich selbst ganz gut. Mit vierzehn war ich Vizemeisterin des Minigolfclubs Rhein-Kreis-Neuss e.V., ein Titel auf den ich bis heute stolz bin. Der Minigolfschläger, der mich damals fast zum Sieg führte, liegt seitdem immer griffbereit unter meinem Bett. Und man sollte nicht meinen, ein »Mini« Golfschläger sei keine effektive Waffe gegen nächtlichen, ungebetenen Besuch. Im Übrigen hätte ich mich bei Sören nur geringfügiger Aussichten auf rettenden Beistand erfreut. Seine Prioritäten hat er bedauerlicherweise woanders gesetzt; unter anderem in die gnadenlose Verteidigung seiner umfangreichen Edelstahlfelgen-Sammlung.
Egal. Da muss ich jetzt durch, auch wenn es ungewohnt ist, künftig allein zu sein. Ich bin prinzipiell ungern allein. Aber wenn ich genau darüber nachdenke, war ich im Grunde schon während der Beziehung mit Sören ziemlich einsam.
Ist das nicht komisch? Nacht für Nacht lag er neben mir, doch irgendwie war er nie so ganz da. Mit seinem Herzen, meine ich. Na gut, zumindest hat nun meine Schlaflosigkeit, bedingt durch seine plakativen Blähgeräusche, ein Ende. Von der penetranten Geruchsbelästigung – insbesondere nach Chilli con carne, sein Leibgericht – will ich gar nicht erst anfangen. Eine Frechheit von ihm, sich über mein sporadisches Zähneknirschen zu beschweren.
Ist es zu viel verlangt, sich nach ein bisschen Wärme zu sehnen, von jemandem, der einen liebt und respektiert? Jemand der mich gern hat, nicht nur, weil ich eine langbeinige Blondine bin, sondern weil ich ich bin – Melissa Bogner.
Gelegentlich kam ich mir ausgenutzt von Sören vor. Neulich zum Beispiel, ich hatte einen anstrengenden Tag in der Kita hinter mir und fiel halbtot ins Bett; da beklagte er sich, dass er nicht einschlafen könne. Ich konnte mich vor Müdigkeit kaum noch rühren, dennoch nahm ich meine letzte Kraft zusammen und nuschelte, schon der weiblichen Anteilnahme wegen: »Warum denn nicht, du Armer?«
»Warum wohl?«, konterte er mit einem schelmischen Grinsen und eindeutigem Verweis auf das, was sich unter der Bettdecke im Bereich seiner Lenden anbahnte. Und seiner Meinung nach, gab es da nur ein gescheites Patentrezept, wenngleich ich mich zu derart später Stunde keineswegs nötigen lassen würde, ihm dabei Vorschub zu leisten. Theoretisch. Ach, Schwamm drüber.
Nicht, dass ich mich sofort in die nächste Beziehung stürzen würde, um Gottes Willen. Tatsächlich, werde ich diesmal mein Singledasein sehr viel ausgiebiger genießen, meine neu gewonnene Freiheit nutzen, mal was Neues – was ganz Anderes – erleben. Die Welt kennen lernen. Raus aus diesem niederrheinischen Kuhdorf. Zufälligerweise ist der Zeitpunkt ideal, denn kommenden Montag läuft mein Zeitvertrag in der katholischen Kindertagesstätte ab, in der ich die letzten viereinhalb Jahre als Erzieherin gearbeitet habe. Ich bin also weder in privater noch in beruflicher Hinsicht gebunden. Zugegeben, mit sechsundzwanzig Jahren wird die Zeit allmählich knapp, sämtliche, noch offen stehende Missionen meines Lebens zu verfolgen. Einen gewissen Rahmen setzt sich letztendlich jede Frau. Verflucht sei der Erfinder der biologischen Uhr (der mit Sicherheit männlichen Geschlechts war).
Jetzt ergibt sich die Chance auf einen Neuanfang. Ohne Sören. Und ohne blöden Zeitvertrag. Endlich ist Schluss mit schlecht gelaunten Kolleginnen. Schluss mit Überstunden, Hungerlohn und miesem Kita-Fraß. Hat man so was als Spitzenabsolventin einer renommierten Fachschule für Vorschulpädagogik nötig? Ich bin eine ausgezeichnete Kindergärtnerin, wenn ich das mal betonen darf. Aber jetzt..., wo sind sie bloß hingekommen – meine hochqualifizierten Erzieherinnen-Ambitionen –, mit denen ich mich einst ins Berufsleben gestürzt habe?
Vergessen wir das. Jetzt bietet sich mir die Chance mal was richtig Gutes zu tun; die Welt zu verbessern, sozusagen. Zumindest solange, bis ich meinen zukünftigen Mister Right gefunden habe und mich voll und ganz meinem Heim und meiner Familie widmen kann. Und ich gebe zu, ich bin jetzt schon wahnsinnig gespannt darauf, wer eines Tages mein Mann sein wird; und wie viele Kinder wir bekommen und wie die aussehen werden. Am liebsten hätte ich natürlich einen Jungen und ein Mädchen. Ich kann’s kaum erwarten, denn ich liebe Kinder.
Ich bin nun mal ein Mensch, der gerne für andere da ist – ihnen etwas Gutes tut. Ich würde es so eine Art Mutter Theresa-Syndrom nennen. Meine Eltern, sowie meine gesamte Verwandtschaft, sind wahrscheinlich nicht ganz unschuldig daran. Für sie war ich von jeher ihr »Engelchen«. Seit ich denken kann, glorifizieren sie mein »wundervolles Engelshaar«. Und Tante Bärbel versetzt meiner Mutter, bei jedem Besuch einen Seitenhieb, indem sie mit kritischer Miene ergründet, wie um alles in der Welt es meine Mutter geschafft hat, eine Tochter mit einem derart makellosen Elfenbeinteint entbunden zu haben.Ja, sie alle haben mir praktisch solange eingeredet, ein Engel zu sein, bis ich selbst daran glaubte. Und ja, ich streite es durchaus nicht ab. Ich sehe tatsächlich so aus, wie die meisten Menschen sich Engel vorstellen. Das heißt, bis auf meine Augen, die fast schwarz sind und nicht strahlendblau, wie man vielleicht erwarten würde. Nicht, dass ich es als kleines Mädchen nicht wahnsinnig toll fand, als Engel bezeichnet zu werden. Willkommener, als eilte einem permanentein Ruf als rotzige Göre nach, oder?
Aber egal. Fakt ist, dieses Engel-Image haftet seit meiner Kindheit an mir, wie Kaugummi unter’m Schuh oder wie Sören sich ausdrücken würde, wie ein Popel an einem Fingernagel; lästig ist es allemal. Aber irgendwie kann ich nicht anders. Manchmal kommt es mir wie eine Zwangserkrankung vor. Andere Leute waschen sich ständig die Hände, putzen stundenlang ihre Bude oder behelligen Mitbürger mit unkontrollierten Obszönitäten (ohne bösartige Absichten, versteht sich). Ich muss eben Gutes tun.
***
Ich liege ausgestreckt auf meinem Bett und starre an die Decke. Pfui Spinne! Über mir hängt so ein ekelhafter achtbeiniger Kamerad und sieht aus, als wollte er es sich jeden Augenblick in meiner Frisur gemütlich machen. Kann mal jemand dieses Viech da oben eliminieren? Und bitte schnell!
Traurig aber wahr: Zumindest für derart heldenhafte Tätigkeiten konnte man Sören begeistern. Er würde jetzt furchtlos auf’s Bett steigen (selbstverständlich ohne vorher seine schmutzigen Schuhe auszuziehen, geschweige denn einen Gedanken daran zu verschwenden), mit einem beliebigen Gegenstand auf das Insekt einschlagen und in großkotzigem Ton sagen: »Tss… typisch Frau. Angst vor so’ ner kleinen Spinne!« Den fetten schwarzen Fleck, den er dabei hinterließe, würde er aber zweifellos nicht bemerken. Typisch Sören.
Wohl oder übel bin ich nun gezwungen, selbst Hand anzulegen. Mir graut schon vor dem Griff zum Handstaubsauger. Beim Anblick der eine Million eingesaugten Krabbelviecher, die sich in dem durchsichtigen Auffangbehälter tummeln, kriege ich immer so einen unangenehmen Juckreiz. Aber das Jammern nützt ja auch nichts. Also los Spidy – bringen wir die Sache endlich hinter uns. Wusch!
Es dauert ein paar Minuten, bis sich mein Puls wieder beruhigt hat. Ich schließe die Augen. Zur Ablenkung, von der unschwer zu erkennenden Tatsache, dass ich mich jahrelang mit einem Mann herumgeschlagen habe, der bis auf die Tätigkeiten als Kammerjäger, prinzipiell unbrauchbar für die meisten meiner angestrebten Zwecke war, versuche ich mir meine neue Zukunft vorzustellen. Ich könnte zum Beispiel UN-Botschafterin werden, wie die Jolie. Kindern in armen Ländern und Krisengebieten zu helfen, ist wirklich eine gute Sache und dazu eine echte Herausforderung, könnte aber eine Nummer zu groß für mich werden. Ich schaffe es schließlich kaum, mich selbst über die Runden zu bringen. Hm, irgendwas Gutes wird mir bestimmt noch einfallen. Die Hauptsache ist doch, dass ich bereit und offen für alles bin, …außer für solche lächerlichen Charity-Veranstaltungen, wie sie diverse Promi-Ladys alle naselang veranstalten, und bei denen allerhand Berühmtheiten ihre Kohle (für den angeblich guten Zweck), quasi um die Wette, zum Fenster rausschmeißen, indem sie literweise Champagner schlürfen und selbstverständlich auch der Glamourfaktor nicht zu knapp vorhanden sein darf. In meinen Augen die reinste Verschwendung. Die Kohle für das ganze extravagante Drumherum könnte immerhin ein komplettes Dorf in Sierra Leone ernähren.
Apropos Kohle, Asche, Kröten, Pinunsen…wie man es auch nennen mag, ich besitze eindeutig zu wenig davon – das meiste geht für die Drei-Zimmer-Wohnung drauf, die ich also seit heute allein bewohne. Vielleicht sollte ich mir einen Mitbewohner suchen oder zurück zu meinen Eltern ziehen. Und nach einer Geldquelle muss ich mich natürlich auch umsehen. Ich bin nicht der Typ, der seinen Eltern auf der Tasche liegt und mit Arbeitslosengeld lässt sich auch nicht gerade ein wünschenswertes Image kultivieren. Notgedrungen muss ich mir wohl einen Job suchen, zumindest bis ich meine wahre Berufung als »Engel« gefunden habe.
Die Samstagszeitung quillt über vor Jobangeboten, wobei mindestens die Hälfte davon von dubiosen Barbesitzern inseriert wurde. Die andere Hälfte besteht vornehmlich aus Mini-Jobs bei Mac Pizza, Burger Queen, Jumping-Donuts oder wie auch immer die heißen. Halloo?! Ich will doch was Gutes tun. Haufenweise ungesunde Kalorienbomben, in unwirtschaftlichen Pappverpackungen zu verkaufen, gehört definitiv nicht dazu.
Kürzlich stand ich mal sonntags um die Mittagszeit vor so einem Burgerlokal; ich hatte den Bus verpasst. Von der Bushaltestelle aus, fing ich aus reiner Langeweile an, die überdurchschnittlich genährten Leute zu zählen, die zielstrebig auf die Fast-Food-Filiale zusteuerten. Und die Zahl, die nach 43 Minuten dabei herauskam, war wirklich alarmierend, zumal ein Drittel der Burgerkonsumenten minderjährig war. Also zu meiner Zeit gab es so was nicht. Zumindest nicht in diesem Ausmaß. Da legte man noch sehr viel mehr Wert auf gesunde Ernährung. Ich glaube, ich habe als Kind ganze fünf Mal in einer Pommesbude gegessen; und zwar Krautsalat.
Nein, so geht das nicht weiter. In Zeiten von Adipositas und Diabetes mellitus Typ II im Vorschulalter muss man endlich etwas dagegen unternehmen.
Ich könnte beispielsweise so eine Art Gesundheitsbewusstseins-Kampagne starten. Eine gute Sache so was. Es bedarf definitiv mehr Aufklärung in solchen Dingen. Es wird Zeit diese »Maxi-Sparmenü-inklusive-XXL-Getränke-Generation« wieder auf den richtigen Weg zu bringen.
Für einen kurzen Moment sehe ich mich schon, als Retterin der Menschheit, am Straßenrand stehen und gratis frisch gepressten Obstsaft verteilen – zum Wohle der Gesundheit, oder zumindest ein paar Gurkenmasken; falsche Ernährung schadet nämlich auch der Haut ungemein. Und die begnadeten Schreiber makrobiotischer Kochbücher sollten – meinem Beispiel folgend – die Dinger lieber verschenken, anstatt zu Wucherpreisen zu veräußern.
Hach ja, man könnte soooo viel Gutes tun.
Ich will die Zeitung gerade zur Seite legen, da springt mir eine interessante Anzeige ins Auge.
DRINGEND: Nanny gesucht
Beruflich voll ausgelastetes Elternpaar benötigt dringend qualifiziertes Kindermädchen für 14-Monate altes Baby und 6-jährige Tochter. 24h, komfortable Wohnmöglichkeit vorhanden. Sehr gute Bezahlung.
Manche Kinder haben es nicht leicht im Leben. Vorzugsweise die hässlichen. Insbesondere der Nachwuchs von Workaholics hat kein erfreuliches Los gezogen. Arbeit stellt den Inbegriff des Erdentreibens dieser sonderbaren Spezies dar. Verlorene Zeit wird widerspruchslos mit teuren Mitbringseln kompensiert. Was für ein bitterer Nachgeschmack für die Kleinen. Ich kann von Glück sagen, dass meine Mutter Zeit meines Lebens mit Leib und Seele Hausfrau ist. Obwohl…so langsam könnte sie sich ruhig sinnvolleren Tätigkeiten hingeben, anstatt mich dreimal täglich anzurufen, um zu fragen, ob ich schon gegessen habe. Würde ich jedes Mal die Wahrheit sagen, stapelten sich höchstwahrscheinlich dutzende von Tupperdosen, mit deftiger Hausmannskost in meinem Kühlschrank. Und jede Menge Rotbäckchensaft.
Ich überfliege die Anzeige noch einmal und bin mir ziemlich sicher: Ein ultimativer Workaholic-Fall! Welche Familie benötigt rund um die Uhr ein Kindermädchen? Es sei denn, es handelt sich um Eltern, die zufällig zur selben Zeit einen spektakulären Hollywoodstreifen drehen. Ich frage mich, wieso solche Leute überhaupt auf die Idee kommen, Kinder in die Welt zu setzen, wenn sie sowieso keine Zeit für sie haben. Wo liegt da der Sinn?
Ist ja auch egal, jedenfalls zieht diese Annonce mich auf seltsame Weise in ihren Bann. Und auf einmal steigt Neugier in mir auf. Keine Frage, die sehr gute Bezahlung würde meiner aktuellen Lebenslage sicherlich den einen oder anderen Nutzen abwerfen. Sekunden später habe ich mein Handy gezückt und tippe die beistehende Telefonnummer ein. Ich spüre förmlich, dass mich hier etwas erwartet. Etwas, das genau mein Ding ist, wie man so schön sagt. Außerdem war ich immer ein riesiger Fan von Mary Poppins.
Es tutet.
»Ja bitte?…« dringt eine scharfe Frauenstimme an mein Ohr.
»Guten Tag…äh…ich rufe wegen der Stelle als Kindermädchen bei Ihnen an. Ist die noch zu haben?«
»Natürlich ist die noch zu haben, sonst hätte sie doch heute nicht in der Zeitung gestanden!«
Ich bin ganz erschrocken über den rauen Tonklang, am anderen Ende der Leitung.
»Schreiben Sie eine Bewerbung und Ihren Lebenslauf, und schicken Sie mir Ihre Zeugnisse und Referenzen zu. Sie erhalten dann unter Umständen eine Einladung zu einem Vorstellungsgespräch.«
»Oh äh… natürlich«, stammle ich, ein wenig stutzig über ihre emotionslose Botschaft. In Windeseile gibt mir die Dame am Telefon eine Adresse durch. So schnell kann ich ja kaum mitschreiben. Ich will mich gerade bedanken und verabschieden, doch sie hat schon längst aufgelegt.
***
Ich liege frisch geduscht und entspannt auf meinem weißen Sofa. Den ganzen Nachmittag habe ich damit verbracht, meine Bewerbung und den dazugehörigen Lebenslauf zu schreiben. Alle meine Bewerbungsunterlagen sind fein säuberlich in einer Mappe abgeheftet und in einem großen Postumschlag verpackt.
Ich schließe meine Augen. Im Hintergrund läuft leise ein Musikvideosender. Doch zum Ausruhen bleibt mir nicht viel Zeit. Heute steht mir ein langer Abend bevor. Zusammen mit meiner besten Freundin Yasemin und deren Studienkollegin Silvana, will ich in einen neuen exklusiven Club in Düsseldorf gehen, der sich e.Club nennt. e. für exquisite.
Ottonormalverbraucher hat dort keinen Zutritt. Normalerweise. Aber Silvanas neuer Freund ist irgend so ein reicher Schnösel mit sämtlichen Privilegien und Sonderlizenzen.
An und für sich gehören wilde Partynächte längst der Vergangenheit an. Aber heute will ich (anlässlich meiner taufrischen Lebensumstände), noch mal so richtig die Sau rauslassen. Auf die Freiheit. Prost Sören!
Um Punkt elf stehen Yasemin und Silvana vor meiner Wohnung. Immerhin, nur eine Stunde später als verabredet. Argwöhnisch beäugen die beiden mein auserwähltes Abendoutfit.
»O-la-la, sexy Fummel. Du willst wohl direkt einen neuen Lover aufreißen, wie?«, zieht Yasemin mich auf.
Also, so gewagt ist es nun auch wieder nicht.
Silvana mustert mein Dekolleté, mein Gesicht, mein wallendes Engelshaar und setzt postwendend ihre Mir-ist-die-Lust-auf-Party-vergangen-Miene auf. Ich hatte schon immer das Gefühl, dass sie mich nicht besonders leiden kann. Aber jetzt bin ich mir sogar sicher, dass sie mich hasst. Dabei frage ich mich, worüber die sich eigentlich Sorgen macht. Womöglich befürchtet sie, ich wolle ihr den tollen, reichen Schnöselfreund ausspannen. Pff…, dem Anschein nach favorisiert der doch pummelige Hobbits mit einer Frisur, die man ohne Weiteres mit Sauerkraut verwechseln könnte.
Und überhaupt: Ich will heute nichts anderes, als ein wenig Spaß haben. Tanzen, ’n bisschen was trinken – zumindest soviel, dass ich Sören und alles was ihn angeht, für immer und ewig vergesse. Okay, also Komasaufen.
Jedenfalls kann ich im Moment sehr gut auf neue männliche Bekanntschaften verzichten. Die Wunden die Sören mir zugefügt hat, müssen erstmal ordentlich verheilen.
Silvanas Schnösel – ein Typ mit Haarverlust im fortgeschrittenen Endstadium, der übrigens Volker heißt und das einzig Sportliche an ihm, der übergroße Polospieler auf der linken Brust seines blauen Kragenshirts ist – sitzt superlässig in seinem schneeweißen Audi S5 Cabriolet mit superedlen Alcantara-Sitzbezügen, 350 PS superstarkem V8-Motor und 19 Zoll Leichtmetallfelgen.
Sören hätte für so einen Wagen einen Mord begangen. Super beknackt, oder?
Wir steigen ein. Von 0 auf 100 in 5,1 Sekunden rauscht der Wagen los. Woher ich diese ganzen technischen Daten so genau kenne?
Ich sag’s mal so: zwangsläufig würde wohl so ziemlich jeder zum kompetenten KFZ-Experten mutieren, der vier Jahre lang eine Beziehung mit jemandem führt, der Autobild, Auto-Motor-Sport und Tuning-Magazin im Super-Sparpaket abonniert und einem allabendlich den Inhalt derart passioniert predigt, als handele es sich dabei um das Evangelium.
Yasemin Yildiz ist meine beste Freundin. Wir kennen uns seit der Schulzeit. Sie hat mich von Anfang an vor einer Beziehung mit Sören gewarnt. Aber ich wollte ja nicht hören. Dabei hatte Yasi das richtige Gespür, denn sie wusste genau über diese Sorte Typen bescheid.
»Männer die solche Autos fahren, haben nicht viel in der Birne«, hat sie mich gewarnt. Sie wusste wovon sie sprach; ihre beiden Brüder Mehmet und Serdal besaßen schließlich die gleichen aufgemotzten Prollkarren wie Sören. Die drei gaben sich sozusagen bei derselben Tuning-Garage die Klinke in die Hand.
Heute habe ich verstanden, was sie mir damals zu verklickern versuchte. Für Männer dieser Gattung sind Autos zig Mal wichtiger als harmonische Partnerschaften. Hätte Sören so etwas wie eine Prioritäten-Rangliste geführt (also hypothetisch gesehen gab es ja eine), stand ich, wenn überhaupt, ziemlich weit unten. Und womöglich in unlesbaren Hieroglyphen.
Yasi ist Türkin. Als ich sie kennen lernte, wohnte sie mit ihrer konservativen Familie, die aus ihren streng gläubigen Eltern und zwei älteren Brüdern besteht, in einem Brennpunkt sozialschwacher Familien (die meisten mit Migrationshintergrund), in einem Viertel mit immens hoher Kriminalitätsrate. Sie gehörten definitiv zur gesellschaftlichen Unterschicht. Aber Yasi wollte schon bald diesem ständigen Kreislauf aus mangelnder Schulbildung, Arbeitslosigkeit, Frustration und Isolation, der sich Generation für Generation wiederholte, entkommen. Und sie wusste genau, wie man das anstellte. Erstens mit Bildung und zweitens mit dem ungeheuren Mut, sich als kleines türkisches Mädchen in die bizarre Welt zickiger Fünftklässlerinnen zu integrieren, die unsterblich in Michael Knight und dessen schwarzes Wunderauto mit der wahnsinnig sympathischen Stimme verknallt waren.
Yasi war eine Rebellin, sehr zum Ärger ihres Vaters. Vor allem, als sie das Tragen eines Kopftuchs ablehnte oder später, als sie anfing zu studieren, anstatt zu heiraten.
Yasi hatte den Sprung von einer Grundschule mit 80%-igem Ausländeranteil auf’s Gymnasium geschafft. Sie kam in die gleiche Klasse wie ich und war das einzige türkische Mädchen. Anfangs war sie zurückhaltend und wirkte, aufgrund ihres eigenartig durcheinander gewürfelten Kleidungsstils und jeder Menge goldener Armreifen, äußerst befremdlich auf die anderen Kinder. Zuerst wollte niemand mit ihr spielen. Aber Yasi war furchtbar klug und bereit sich anzupassen. Also tauschte sie eines Tages ihre knöchellangen bunten Röcke gegen Jeans und T-Shirts ein, kreuzte mit der allercoolsten Flik-Flak Uhr am Handgelenk auf und freundete sich notgedrungen mit uns an. Mit der Zeit wurde sie immer mehr die Yasemin, die sie heute ist. Mit blondierten Haaren, engen Jeans und körperbetonten Oberteilen. Emanzipiert, selbstbewusst, fortschrittlich und deutscher als so mancher Deutsche selbst. Kein Wunder, dass sie sich für ein Germanistikstudium entschieden hat. Sie isst sogar hin und wieder Schweinefleisch, was ich wirklich bemerkenswert finde. Würde ich zum Beispiel nach China auswandern, käme ich noch lange nicht auf die Idee, gebratene Hühnerkrallen zum Frühstück zu verspeisen, nur weil es dort üblich ist; Integration hin oder her.
Volker – der Schnösel – parkt anstandslos vor der Eingangstür, dabei steht dort ein riesiges Parkverbotschild. Aber offenbar hat niemand Einwände gegen diese Dreistigkeit. Die Türsteher des e.Clubs winken ihn sogar noch heran. Dann ist er wohl in jedem Fall eine besondere Persönlichkeit. Soweit ich weiß, ist sein Vater irgendein hohes Tier bei der Bundesbank und Volker selber ist dort auch kürzlich untergekommen. Als Topmanager oder so.
Im Club feiert fast ausschließlich die High Society von Düsseldorf und Umgebung. Ich kenne also niemanden. Na ja, bis auf diese kleine, brünette Fernsehmoderatorin, die zu elektronischen Beats ihre Hüften schwingt. Aber die kennt ja nun wirklich jeder. Die oberen Zehntausend wissen wirklich, wie man ausgelassen feiert. Mitgerissen von der feuchtfröhlichen Stimmung genehmige ich mir erstmal einen Martini.
»Auf dein neues, von Sörenbefreites Leben.« Yasemin erhebt ihr Glas und wir stoßen an.
Die Musik ist genau nach meinem Geschmack. Meine Füße sind drauf und dran sich selbstständig zu machen. Und während Silvana sich prächtig mit Volker und dessen Freundeskreis amüsiert, verkrümeln Yasi und ich uns auf die Tanzfläche.
Ich tanze leidenschaftlich gern. Tanzen befreit den Kopf von unliebsamen Gedanken und tatsächlich gelingt es mir, auch noch den letzten, angestauten Sörenfrust abschütteln. Allerdings muss ich die Idee mit dem Komatrinken wieder verwerfen.Ein ungebetener – durch die heftigen Tanzbewegungen hervorgerufener – Nebeneffekt ist nämlich, dass ich ständig aufstoßen muss, weil der Sekt in meinem Magen so schaumig geschüttelt wird. Würg! Ich steige notgedrungen auf stilles Wasser um, für das ich unverschämte 8,50 € pro Glas hinblättern muss. Kurze Zeit später sucht mich auch noch ein fieser Schluckauf heim. Na ganz toll.
Yasemin ist groß und schlank und ausgesprochen hübsch mit ihren grünen Augen. Kaum jemand hält sie für eine Türkin. Ihr eleganter Hüftschwung allerdings würde sogar Shakira vor Neid erblassen lassen.
Ihre letzte Beziehung hatte sie mit einem Deutschen namens Daniel. Sie dauerte nur ganze acht Monate. Momentan ist sie sich noch nicht ganz schlüssig, ob sie sich als nächstes einen deutschen oder doch lieber einen türkischen Mann angeln sollte. Beide Nationalitäten sollen angeblich gewisse Vorzüge aber auch gravierende Nachteile besitzen.
»Zur Abwechslung würde ich gerne mal einen netten Türken kennen lernen«, meint Yasemin, während wir tanzen. Sie schaut in Richtung Bar. Die kleine Moderatorin hat sich mittlerweile zu Silvana und deren Schnösel-Fraktion gesellt; irgendwie kennen die sich alle, diese VIP’s. Yasis Blick fällt auf eine kleine Gruppe junger Männer neben der Bar.
»Siehst du den Gutaussehenden da drüben, mit den dunklen Haaren und dem weißen Hemd?«, raunt Yasi mir zu.
»Hm…welcher denn?« Die Typen hier sind seltsamerweise alle dunkelhaarig und tragen weiße Hemden. Muss am Dresscode liegen.
Sie deutet mit dem Finger auf einen Südländer Anfang dreißig.
»Er heißt Cengiz und ist von Beruf Rechtsanwalt«, verrät sie mir schwärmerisch.
»Öhm ja, der sieht...äh…nett aus «, sage ich mit vorgetäuschter Begeisterung. Über Geschmack lässt sich bekanntlich streiten. Mir gefällt er jedenfalls nicht. Schon allein seine gegelten Schmalzlocken wirken eher abschreckend auf mich. Abgesehen davon leidet der Rechtsanwalt unter extremer Körperbehaarung, die ungnädiger Weise auch noch schwarz ist. Also nee, ich stehe nicht auf Gorillas!
Ich muss feststellen, dass Yasi mich immer wieder auf’s Neue überrascht, was ihren Männergeschmack angeht. Wenn man bedenkt, dass ihr Ex-Freund, Daniel, Michel aus Lönneberga (nur etwa 20 Jahre älter) zum Verwechseln ähnlich sah.
Urplötzlich registriert der schmalzlockige Gorilla, dass er unter Beobachtung steht und schaut in unsere Richtung.
Sein gegenwärtiger Gesprächspartner, ein umwerfender Typ mit dunklen Haaren und weißem Hemd (kein Südländer), dreht sich ebenfalls zu uns um. Er blickt mir für einen winzigen Moment in die Augen.
Wow! Hat der Augen!
Yasemin lächelt Schmalzlocke dezent an. Der lächelt zurück und lässt sie nicht mehr aus den Augen. Und während Yasi sich jetzt noch verführerischer zum Klang der Musik bewegt, versteifen sich meine Glieder mehr und mehr, denn ich spüre deutlich, dass mich der hübsche Mann mit den Wahnsinns-Augen beobachtet. Als sich unsere Blicke wiederholt treffen, zwinkert er mir zu.
Ich bin es gewöhnt, dass Männer mich angaffen und nicht selten, dass mich plumpe Anmachsprüche von Machotypen erreichen, die es ausschließlich auf Blondinen abgesehen haben.Eine Plage. Ich falle nie wieder darauf rein. Die letzten vier Jahre waren mir eine Lehre.
Ichversuche mich auf’s Tanzen zu konzentrieren.
›Reiß dich zusammen und beachte ihn gar nicht Mel‹, sage ich mir. Auch wenn ich jetzt Single bin, will ich mich mit Sicherheit nicht von irgendeinem Kerl abschleppen lassen. Nicht einmal, wenn er so sexy ist, wie der da.
Yasi stupst mich an. »Hey Mel, der da mit den schönen Augen zieht dich gerade mit seinen Blicken aus. Kein Wunder, viel gibt’s ja nicht mehr auszuziehen«, bemerkt sie amüsiert. »Ich glaube der steht total auf dich.«
»Das ist mal wieder so was von typisch…«, räsoniere ich, »…kaum ist man mal ein bisschen sexy angezogen, wird man gleich zum Lustobjekt bei der männlichen Fraktion!« Dabei nehme ich an, dass er aus der Entfernung, noch dazu bei diesem schummrigen Licht, kaum mehr als meine Silhouette und meine langen blonden Haare erkennen kann, was den meisten Männern anscheinend ausreicht, um spontan mit mir in die Kiste steigen zu wollen. Mein Charakter interessiert sie dabei herzlich wenig. Das ist blöderweise der Nachteil, wenn man aussieht wie eine Sexgöttin (oderwie Barbie). Vermutlich hält mich kaum ein Mann in diesem Club für eine brave Kindergärtnerin, die usuell nicht in Minirock und High-Heels durch’s Leben stöckelt.
Ärgerlich schüttele ich den Kopf. Warum sind Männer bloß immer so primitiv und schwanzgesteuert? Vermutlich ist der Typ mit den schönen Augen genauso oberflächlich wie alle anderen auch, womit er automatisch unten durch ist bei mir.
Ich kehre ihm meine Rückseite zu und würdige ihn keines Blickes mehr. Soll er doch denken, ich sei eine arrogante Kuh. Das ist mir jedenfalls lieber, als das Zielobjekt irgendwelcher primitiven, sexuellen Männerfantasien zu sein.
Ich nippe an meinem 8,50 € Wasser, nicht ohne den sich mir aufdrängenden Gedanken, wie viele Mineralwasser PET-Flaschen, inklusive Pfand, ich dafür beim Discounter bekommen hätte. Yasemin flirtet derweil ungehemmt mit dem Gorilla. Irgendwann, wir legen gerade eine kurze Tanzpause ein, marschiert er zu uns an den Tisch und lädt sie auf ein Getränk ein. Das freudige Glänzen in den Augen meiner Freundin ist unübersehbar. Ich spendiere ihnen etwas mehr ungestörten Freiraum an unserem Stehtisch, indem ich mich mit meinem schalen Wasser an den äußersten Rand verkrümele.
Mein Blick schweift durch den Raum und bleibt automatisch auf dem Gesicht des hübschen Mannes mit den schönen Augen haften, mit denen er mich vorhin so ausschweifend angeglotzt hat. Er plaudert gerade mit Silvana und Volker. Auch das noch. Silvana lässt mit Sicherheit kein gutes Haar an mir. Und wie fies sie mich zwischendurch anblitzt. Dabei habe ich ihr nie was getan. Ehrlich!
Vielleicht sollte ich zur Abwechslung doch wieder was Alkoholisches bestellen.
Stunden später sitze ich einsam, müde und erheblich angetrunken neben einem maßlos knutschenden Pärchen, das sich bei genauerer Betrachtung als meine beste Freundin Yasi und der türkische Jurist entpuppt. So jetzt will ich nach Hause.
Eine Woche später bekomme ich Post. Es ist die Einladung zu einem Vorstellungsgespräch als Kindermädchen, bei der Dame mit der ich wenige Tage zuvor telefoniert habe. Der Termin ist schon morgen. Sofort rufe ich meine Freundin Yasi an und berichte ihr von der positiven Neuigkeit.
Am selben Abend kauert Yasemin mit betrübter Miene auf meinem Bett. Im Minutentakt kontrolliert sie ihr Handy, doch sie empfängt weder eine SMS noch ruft Cengiz, der Rechtsanwalt mit den Schmalzlocken, sie an.
Ich schaue auf die Uhr. Ich trage bereits meinen Schlafanzug. Eigentlich war ich gerade im Begriff ins Bett zu gehen, als Yasi tränenüberströmt vor meiner Wohnungstür stand. Da musste ich sie ja wohl oder übel reinlassen.
»Hab ich was falsch gemacht, Mel?«, fragt sie mit glasigen Augen.
»Was sollst du denn falsch gemacht haben?« Üblicherweise sind es doch die Männer, die immer alles falsch machen.
»Keine Ahnung. Alles hat so gut angefangen, aber jetzt meldet Cengiz sich nicht mehr bei mir.« Sie bläst geräuschvoll Luft durch ihre Nasenlöcher aus und presst die Lippen fest aufeinander.
Ich setze mich neben sie.
Ruhelos fährt sie mit den Händen durch ihr ungeordnetes Haar.
»Ich hab seit unserem letzten Treffen nichts mehr von ihm gehört. Das ist jetzt vier Tage her. Also langsam drehe ich durch. Heute im Verlag, konnte ich mich auf nichts konzentrieren, dabei musste ich einen superwichtigen Text überarbeiten.«
»Er wird sich schon melden, Yasi. Schließlich ist er Rechtsanwalt und hat bestimmt ’ne Menge Arbeit und Termine«, versuche ich sie zu beruhigen. Wobei ich dazu sagen muss, dass Sören auch als Nicht-Rechtsanwalt ständig Arbeit und Termine hatte. In seinem Fall handelte es sich aber ausschließlich um Arbeit an seinem dämlichen fahrbaren Untersatz und um Termine mit irgendwelchen blechgeilen Schnitten.
Yasis Miene wird zuversichtlich.
»Ja, vielleicht hast du Recht.« Sie setzt sich auf und grinst. »Er ist doch wirklich ein Traumkerl, findest du nicht?«
Ich verkneife mir gerade noch eine Antwort, die ihm, hinsichtlich seiner Frisur, wenig Schmeichelhaftes angedeihen ließe.
»Ihn würde ich sogar meinen Eltern vorstellen.« Ihre tiefgrünen Augen strahlen mit meiner Schlafzimmerbeleuchtung um die Wette. »Ich glaube ich bin verliebt, Melissa.«
»Ja, du bist verliebt, Yasi«, erwidere ich nachdrücklich. »Sonst würdest du nicht wie eine euphorische Dreizehnjährige alle zehn Sekunden auf dein Handy schauen, in der Hoffnung dein Angebeteter würde sich endlich melden.«
»Tut mir leid, dass ich dich so spät noch damit belästige«, entschuldigt sie sich. »Ich hatte völlig vergessen, dass du morgen früh ein Vorstellungsgespräch hast. Was ist das überhaupt für eine Stelle?«
»Reiche Geschäftsleute, die ein Kindermädchen suchen«, repliziere ich, »…und sie wohnen in einem der nobelsten Düsseldorfer Villenviertel.« Na gut, große Chancen rechne ich mir sowieso nicht aus. »Wenn das klappen würde…stell dir mal vor, Yasi – ich, eine Nanny bei den Superreichen.« Bei diesem Gedanken setze ich ein breites, strahlendes Grinsen auf. »Wär’ das nicht super?«
»Allerdings«, staunt sie.
»Shoppen auf der Kö…, Spaziergänge im Rheinpark…«, schwärme ich überschwänglich.
»Nicht zu vergessen, mit den unerzogenen, verwöhnten Gören im Schlepptau«, erörtert Yasi mit feierlichem Unterton in der Stimme. »Kinder von Reichen sind nicht ohne! Viel Spaß Mel.«
Ach Mann, Yasi kann einem wirklich die Stimmung vermiesen, mit ihrer ständigen Schwarzmalerei.
Da ertönt ihr SMS-Signal. Sie zuckt zusammen und stiert auf’s Display.
»Cengiz...«, informiert sie mich und studiert fiebrig die eingegangene Kurzmitteilung.
»Hallo hübsche Frau. Habe viel zu tun in der Kanzlei. Ich melde mich die Tage«, liest sie laut vor, während sie entgeistert auf ihr Handydisplay starrt. Sie gibt ein unbeherrschtes Geräusch von sich, das fast wie ein Fauchen klingt. »Das ist alles?!« Ihre Augenbrauen ziehen sich grimmig zusammen. Auf meiner Unterlippe kauend, verfolge ich ihren stetig ansteigenden Wutausbruch.
»Nicht zu fassen«, schnaubt sie verächtlich. »Wie kann er so belanglos daher schreiben ›Ich melde mich die Tage‹,tickt der noch ganzrichtig?« Mit gewaltigem Schwung landet das Handy in ihrer Handtasche. »Vermisst er mich denn kein bisschen?!« Sie gibt mir keine Chance, mich in ihren unbändigen Monolog zu integrieren. »Daran ist nur diese blöde Kanzlei schuld! Sollen die doch noch jemanden einstellen, wenn es da so viel zu tun gibt, damit die Mitarbeiter endlich ein Privatleben haben.«
Ich kann mich nur über meine Freundin wundern. Immerhin gehört Yasi selbst zu der Sorte Frauen, die nichts als die eigene Karriere im Sinn haben. Bisher waren ihr Beziehungen nie wichtiger, als das Studium und die anschließende Karriere als Journalistin. Gerade macht sie ein Redaktionsvolontariat bei einem Zeitungsverlag, was bis jetzt immer vorrangig war.
Und nun scheint Yasi tatsächlich ernsthafte Absichten bei Schmalzlocke zu haben. So kenne ich sie gar nicht. Sie hat noch nie einem Mann hinterher gejammert. Na, hoffentlich hat sie Glück mit diesem.
»Übrigens Mel. Was ist eigentlich aus dem Typen geworden, der dich neulich im Club pausenlos angeschmachtet hat? Wenn der mal nicht total scharf auf dich war!«
Jetzt übertreibt sie aber.
»Du meinst den Anhang von deinem Rechtsanwalt? Was soll schon mit ihm sein? Nichts! Hab ihm die kalte Schulter gezeigt. Nach der Sache mit Sören, brauche ich erstmal eine Erholungsphase von den Männern!«
»Cengiz hat erwähnt, dass sein Kumpel dich gern kennengelernt hätte.« Belustigt mustert sie meinen rosa Snoopy-Schlafanzug. »Aber im Grunde sind ja alle Männer scharf auf dich, wenn sie dich sehen«, offenbart sie mir mit vorgespielter Langeweile.
»Ach, hör auf.« Es nervt mich, wenn sie mir das ständig vorhält. »Okay, er sah schon zum Anbeißen aus...«, gebe ich zu, »…also von weitem jedenfalls. Aber diese Typen sind doch alle gleich. Die sehen nur eine scharfe Blondine in mir. Mehr nicht. Die wollen sowieso alle nur das Eine!«
»Hach ja, Mel«, seufzt Yasemin theatralisch. »Du hättest natürlich gern, dass er in dir die engagierte UN-Botschafterin oder die großzügige Charity-Lady gesehen hätte, stimmt’s?«
»Ja oder wenigstens die aufopferungsvolle Nanny, deren Arbeitgeber keine Zeit für die eigenen Kinder haben«, füge ich emphatisch hinzu.
»Du bist drollig. Wie hätte er das denn sehen sollen? Es steht dir ja schließlich nicht auf der Stirn geschrieben. Auf den ersten Blick bist du nun mal die scharfe Blondine, für so ziemlich jeden Mann.«
Sie erhebt sich vom Bett und stellt sich vor meinen Schminkspiegel, der an meiner himbeerfarbenen Schlafzimmerwand hängt.
»Und überhaupt«, fährt sie fort, »im Endeffekt bist du genauso oberflächlich. Schließlich weißt du auch nichts über ihn, außer dass du ihn sexy findest. Aber wer weiß, vielleicht ist er ja in Wirklichkeit ein engagierter Umweltschützer oder ein anständiger Millionärssohn, der kranke Kinder in Entwicklungsländern finanziell unterstützt. Dummerweise hast du ihm keine Chance gegeben, dir sein wahres Gesicht zu zeigen.«
»Hmm..., meinst du?« Ach was. Jetzt hat sie mich völlig aus dem Konzept gebracht.
Ist ja auch egal. Wie ich bereits mehrmals erwähnte, brauche ich gegenwärtig sowieso keinen Mann. Ich konzentriere mich derzeit lieber auf das Wesentliche in meinem Leben, nämlich darauf meine Mission als Engel zu erfüllen. Warum eben nicht als Nanny, bei einer Millionärsfamilie? Wenn ich den Kindern damit was Gutes tun kann.
Am nächsten Morgen wache ich viel früher auf als sonst. Heute steht mir das Vorstellungsgespräch bei dieser Familie von und zu Dingsbumshausen bevor. Ich bin so was von aufgeregt. Vorstellungsgespräche lösen von jeher Panik in mir aus und gehören deswegen nicht unbedingt zu den Dingen, die mir besonders leicht fallen. Im Gegenteil, ich habe ständig Angst, kein Wort herauszubekommen und völlig idiotisch vor meinem potentiellen Arbeitgeber zu stehen.
Im Vorfeld habe ich neugierigerweise ein paar Recherchen im Web getätigt und besagte Familie samt Nobeladresse gegoogelt. Man will ja schließlich wissen, mit wem man es zu tun hat. Mir fiel fast die Kinnlade herunter, als mir die sagenhafte Familienchronik ins Auge stach. Bei der unwirschen Dame, neulich am Telefon, handelt es sich nämlich um eine waschechte Millionenerbin mit adeligen Vorfahren. Claudia Freifrau von Degenhausen. Ihr Ehemann Arndt von Degenhausen geborener Vorschulze (er hat den Familiennamen seiner Frau angenommen) ist ein Geschäftsmann mit Harvard-Abschluss (wie es in der Firmen-Homepage geschrieben steht) und seit dem Tod seines Schwiegervaters, Heinrich Freiherr von Degenhausen, Chef eines bekannten Schmuckkonzerns, der von Degenhausener Gold & Silber GmbH. Ein Familienunternehmen, das seinen Anfang (seinerzeit als kaiserliche Goldschmiede) im späten Mittelalter nahm und heute einen Umsatz von mehreren Millionen Euro im Jahr verzeichnet.
Ganz nebenbei betreibt die gute Freifrau von Degenhausen eine Wellness-Oase der Luxusklasse mit allem Pipapo. Beispielsweise die isländische Schlammpackung, die exquisite Schokoladendusche oder das fürstliche Cleopatrabad, wobei sich die Preise auch ordentlich gewaschen haben. Laut Homepage. Und logischerweise gehören Prominente und Millionärsgattinnen zur bevorzugten Kundschaft.
Während ich mir zum wiederholten Mal die glamouröse Homepage anschaue, stelle ich mir in Gedanken vor, das Privileg zu genießen, mich in diesem erstklassigen Spa, einer beglückenden Ganzkörpermassage hinzugeben und dazu ein paar Gläser Champagner zu schlürfen. Am liebsten natürlich auf Kosten des Hauses. Ob einer Nanny wohl ein Wellness-Tag zu vergünstigten Konditionen eingeräumt wird? Wobei, eigentlich mag ich gar keinen Champagner, dieser komische Nachgeschmack erinnert mich so ungemein an Schimmelpilz.
Innerlich bin ich erregt. Was, wenn ich tatsächlich diesen Job bekäme? Melissa Bogner – Nanny bei Familie Millionär.Klingt nicht übel.
Eine halbe Ewigkeit habe ich verzweifelt den Inhalt meines Kleiderschranks durchwühlt. Der erste Eindruck ist schließlich der Wichtigste, und ich will ja alles richtig machen, bei der Garderobe für’s Vorstellungsgespräch.
Ein komplettes Outfit muss bei mir immer perfekt aufeinander abgestimmt sein. Sowohl die Formen als auch die Materialien müssen fließend ineinander übergehen. Die Schuhe sollten natürlich auch nicht aus der Reihe fallen. Ich bekomme eine Krise, wenn meine Klamotten optisch nicht zusammenpassen. Dabei vermeide ich allzu viele extravagante modische Highlights und setze lieber auf zwei bis drei zweckmäßige Accessoires. Also konkret bedeutet das, dass ich zu den experimentier-unfreudigen Leuten gehöre und es tunlichst vermeide, mit fragwürdigen Trends aufzufallen. Ich bevorzuge das klassisch Elegante, am allerliebsten Ton in Ton. Ein weiteres meiner zwanghaften Bedürfnisse, die ich ausleben muss: Akribisches Klamottenkombinieren.
Manche Leute könnten jetzt behaupten, ich sei ein bisschen gaga. Aber dafür werde ich bestimmt niemals auf jenen Seiten landen, wo diese chronischen Kritiker mannigfaltiger Klatschblätter schlechtgekleidete Leute abbilden (zumeist Promis) und oben drüber schreiben: ›Der Griff insKlo -der Woche!‹und zusätzlich jede noch so winzige Fehlinterpretation modischen Stilgefühls mit höchster Verachtung strafen.
Ich entscheide mich für einen schlichten kurzärmeligen Feinstrickpulli, gut sitzende Jeans mit cognacfarbenem Gürtel und dazu ein Paar Pumps, selbstverständlich auch in passendem Cognac. Für gewöhnlich kaufe ich meine Sachen in konventionellen Trendmodegeschäften, wo die Preise einigermaßen erschwinglich und sämtliche Kollektionen harmonisch aufeinander abgestimmt sind, was es mir enorm erleichtert, meiner speziellen Angewohnheit nachzukommen. Doch hin und wieder bin auch ich nicht vor modischen Fehlkäufen gefeit; etwa die quietschorangenen Overknee-Stiefel aus Wildleder, die ich mich nicht einmal zu Karneval wagen würde anzuziehen. Es sei denn, ich wollte mich als Storch verkleiden. In der Regel sind solche Klamotten unkombinierbar mit dem, was üblicherweise in meinem Schrank hängt. Mittlerweile bewahre ich haufenweise solcher Fehlkäufe samt Preisschild in einem Extrafach meines Kleiderschranks auf, alles ungetragen.
Mein Blick fällt auf genau dieses Fach im Schrank. Vielleicht sollte ich das Zeug bei Ebay versteigern. Vor allem diese absoluten No Go’s, die meine Mutter mir in regelmäßigen Abständen vom Wochenmarkt mitbringt, als wäre ich immer noch sechs. Ihrer Tochter permanent unbrauchbare Kleidungsstücke zu kaufen, die dann für immer und ewig im Schrank vergammeln, ist nämlich ihre besondere Macke. Sie sollte sich wirklich einen Job suchen.
Ich betrachte mein Spiegelbild. Nicht schlecht. Aber ich bin noch nicht so ganz zufrieden mit dem Outfit. Hm, etwas Luftigeres wäre besser geeignet. Es ist Anfang Juli und beinahe tropisch. Peinlich, wenn unter dem Strickteil eine fette Achselparty stiege, während ich einer Millionenerbin in Worte zu kleiden versuchte, was für eine tolle Nanny ich doch wäre.
Letztendlich habe ich mich für eine leichte, ärmellose Bluse in einer zarten Farbe, die sich – unglaublich aber wahr »Knochen« nennt, entschieden. Ich schwöre, das ist kein Scherz; meine Bluse ist knochenfarbig. Ich muss schon sagen, diese Mode-Fuzzis leben in einer verschrobenen Welt! Dazu ein schmaler, schwarzer Gürtel. Ein eleganter, dunkelblauer Stiftrock und ein paar hübsche schwarze Sandaletten. Nicht zu bieder. Nicht zu aufgedonnert. Perfekt.
Meine frisch gewaschenen Haare sind dagegen alles andere als perfekt. Sie sind kaum zu bändigen. Doch für das Glätteisen habe ich definitiv zu wenig Zeit. Ich binde sie also zu einem hochangesetzten Pferdeschwanz zusammen, der mir immerhin noch fast bis zur Taille reicht. Übrigens ist das meine Lieblingsfrisur, bei der, wie ich finde, mein Hals und der Nacken besonders schön zur Geltung kommen. Fix noch ein dezentes Make-Up aufgetragen und los geht’s.
Mit meinen Unterlagen von diversen Fortbildungen, mit denen ich zusätzlich Eindruck schinden möchte, sause ich los zur Bushaltestelle. Um diese Uhrzeit wimmelt es im Linienbus immer von Pendlern und Schulkindern, die sämtliche Sitzplätze in Beschlag nehmen.
Ein geschniegelter Anzugträger mit schwarzem Aktenkoffer, dessen Nebenplatz der einzige, noch unbesetzte Sitz im ganzen Bus ist, beschwört mich mit transparenten Gesten, genau dort Platz zu nehmen. Widerwillig setze ich mich neben ihn.
Der Typ grinst mir genügsam ins Gesicht, wobei sein Blick schrittweise immer tiefer rutscht, und er schlussendlich auf meine Bluse stiert, als hätte er Röntgenaugen. Ein bisschen Ähnlichkeit mit Clark Kent hat er ja.
»Schönes Wetter heute…«, legt Clark los.
»Mmh…«, mache ich.
»Fährst du öfter mit dieser Linie? Ich habe dich noch nie hier gesehen, du wärst mir mit Sicherheit aufgefallen«, schleimt er mich voll.
Nicht schon wieder! Hat man denn nirgendwo seine Ruhe vor notgeilen Lustmolchen?
Hektisch fummelt der Bürohengst an seiner Aktentasche herum. Anscheinend überlegt er fieberhaft, wie er mich in ein tiefgründigeres Gespräch vertiefen kann. Ohne Erfolg. Ich drehe mich absichtlich von ihm weg.
An der nächsten Bushaltestelle steigt eine junge mit Kopftuch und langem Mantel bekleidete Frau ein, der eine baldige Entbindung unleugbar anzusehen ist. Sie hat erhebliche Probleme mit ihrem Kinderwagen, den sie vergeblich in den Bus zu hieven versucht. Gleichzeitig balanciert sie ein schreiendes Kleinkind auf der Hüfte. Das kann ja nicht gutgehen. Die Arme rackert sich sichtlich ab, doch keiner der übrigen Fahrgäste kommt ihr zur Hilfe. Täusche ich mich, oder drehen einige Leute sogar demonstrativ ihre Köpfe weg?
Die Frau schaut sich ratlos um. Erheblich schockiert über die von Lethargie befallenen Businsassen, erhebe ich mich und rufe: »Warten Sie, ich helfe Ihnen!«
Während ich den schweren Kinderwagen hochstemme und ihn an der dafür vorgesehenen Seite parke, verfolgen mich die Blicke meiner tatenlosen Fahrgenossen.
»Sagol«, sagt die Türkin, was soviel wie Danke heißt. Ein paar Brocken Türkisch verstehe ich mittlerweile, da Yasemins Brüder es vorziehen, grundsätzlich auf Türkisch zu kommunizieren, auch wenn Deutsche anwesend sind.
»Kein Problem«, antworte ich. »Setzen Sie sich ruhig auf meinen Platz, ich kann stehen.« Mein Sitznachbar wird ganz blass. Dankbar und völlig außer Atem, lässt sie sich auf den Sitz plumpsen. Der vorhin noch so überaus zuvorkommende Schleimscheißer rückt sofort ein Stück von ihr ab, umschlingt krampfhaft seine Aktentasche und blickt den Rest der Fahrt reglos aus dem Fenster. Unglaublich.
Ich bin ziemlich spät dran, als ich endlich in ein Taxi steige, das mich zur Zieladresse ins noble Kaiserswerther Villenviertel bringt.
Ziemlich ruhige Gegend. Alles sehr weitläufig. Und diese Häuser...ach was rede ich – Villen!
Mein Herz pocht wie wild vor Aufregung. Welche Villa ist es wohl? Eventuell die riesige gelbe, hinter den schwarzen verschnörkelten Eisentoren?
Oder vielleicht das Monte-Carlo-mäßige Luxusobjekt mit einer Garage, so groß wie das Reihenhäuschen meiner Eltern?
Das Taxi hält am Straßenrand. Aha, ein schneeweißes Anwesen mit gigantischen Ausmaßen. Ich bezahle.
»Einen schönen Tag noch«, wünscht der Fahrer mir mit einem freundlichen Lächeln, bevor ich die Tür hinter mir zuwerfe.
Das riesige Grundstück ist vollständig von einer weißen Mauer umgeben. Ich stehe vor dem ansehnlichen, verschlossenen Tor und läute.
»Ja bitte?«,ertönt eine Männerstimme durch die Gegensprechanlage.
Ich räuspere mich. Wenn ich aufgeregt bin, habe ich immer einen Frosch im Hals und meine Hände sind auch schon ganz feucht.
»Mein Name ist Melissa Bogner. Ich habe einen Termin bei Frau von Degenhausen.«
»Nehmen Sie das Personaltor. Rechts!«, fordert der Mann. Ich schaue mich um und entdecke ein kleines Eingangstor.
Ein surrendes Geräusch ertönt. Ich eile zum besagten Eingang und drücke gegen die geschmiedete Eisentür, die sich sogleich öffnet.
Ich husche hinein. Wow, ein Golfplatz, direkt vor dem Haus. Nur sehe ich gar keine Löcher. Komisch. Mitten durch diesen lochfreien Golfplatz führt eine gepflasterte Auffahrt, umsäumt von einigen Bäumen. Überall gibt es hübsche Blumenbeete. Alles ist penibel gepflegt. Der gepflasterte Vorplatz ist von akkurat beschnittenen Büschen verschiedenster Formen eingefasst. Die müssen einen Gärtner haben, der sich den ganzen Tag ausschließlich damit befasst. In der Mitte plätschert ein niedlicher Springbrunnen in Form einer Muschel (oder so was in der Art).
Von Architektur habe ich zwar keine Ahnung, aber diese Villa mit dem kolossalen, säulenüberdachten Eingangsbereich, kommt mir vor wie eine Kreuzung aus dem römischen Pantheon und diesen alten Herrenhäusern in Fackeln im Sturm.
Im nächsten Moment öffnet sich die Eingangstür und vor mir steht ein…
Butler!?
Jedenfalls sieht dieser Frackträger mit den schneeweißen Handschuhen aus, wie ein typischer James oder Niles oder wie sie alle heißen.
»Guten Tag«, begrüße ich den Butler. Er mustert mich unaufdringlich und erwidert meine Begrüßung. Ich schätze ihn auf Ende fünfzig. Er trägt den gleichen Haarschnitt wie Howard Carpendale und sieht dem Sänger auch noch zum Verwechseln ähnlich. Was mich für einen Augenblick mutmaßen lässt, der Schlagerstar könnte einem Zweitjob nachgehen, von dem niemand etwas weiß.
»Folgen Sie mir.«
Ich marschiere hinter ihm her und erschaudere zugleich vor dem Hall meiner eigenen Absätze, auf dem steinernen Fußboden der riesigen Eingangshalle. Sofort bemühe ich mich, nicht mehr ganz so fest aufzutreten, was total bescheuert aussehen muss, da ich ihm nun auf Zehenspitzen in den ersten Stock folge. Aber immerhin fast lautlos. Oben angekommen, stehen wir in einer Galerie, von wo aus man hinunter in den Eingangsbereich schauen kann.
Platzmangel herrscht in diesem Haus jedenfalls nicht. Und alles ist so ordentlich und auf Hochglanz poliert. Es ist beeindruckend. Ja, ich glaube, hier könnte ich mich wohlfühlen.
Ich schaue durch eine Reihe bodentiefer Sprossenfenster nach draußen.
Mannomann, hinterm Haus noch ein Golfplatz!? Manche Leute übertreiben es aber wirklich. Der hier hat sogar Löcher.
Endlich bleibt Howardvor einer Tür stehen und klopft an.
»Herein«, ertönt die mir im Gedächtnis gebliebene Frauenstimme vom Telefon. Mittlerweile zittere ich vor Nervosität. Immerhin stehe ich kurz davor, mich hier für einen Superjob zu bewerben. Einen Augenblick lang plagen mich Zweifel, ob ich das Richtige tue.
Ehrlich gesagt, habe ich überhaupt keine Erfahrungen im Bereich der häuslichen Kinderbetreuung. Schließlich bin ich nur eine stinknormale Kindergärtnerin ohne Referenzen oder Empfehlungsschreiben von den Pitt-Jolies oder den Beckhams. Nicht mal von diversen ansässigen Promieltern in dieser Gegend. Ich meine, haben die meine Unterlagen richtig überprüft, bevor sie mich hierher bestellt haben?
Katholische Kindertagesstätte-Meerbusch-Osterrath. Die schmeißen mich doch hochkant wieder raus.
»Die gnädige Frau erwartet Sie nun«, näselt Howard.
»Kommen Sie rein«, sagt die wasserstoffblond gefärbte Grazie, die vor einer Fensterfront an einem Schreibtisch sitzt. Howard schließt die Tür. Ich trete ein und gleichzeitig versagt mein Deo. Dabei scheint das ganze Haus klimatisiert zu sein. Die Frau am Schreibtisch sitzt schweigend und regungslos auf ihrem gepolsterten Bürostuhl. Nur ihre Blicke verfolgen mich, als ich mich ihr unsicher nähere.
»Guten Morgen, mein Name ist Melissa Bogner. Ich möchte mich bewerben. Als Kindermädchen.«
Jetzt betrachtet sie mich intensiv mit ihren eisblauen Augen, die von einem Kranz megalanger falscher Wimpern umrahmt sind. Grob geschätzt ist sie Ende Dreißig. Sie hat ein Cindy Crawford Schönheits-Mal über der rechten Oberlippe. Zarte Krähenfüße machen sich um die Augenpartie bemerkbar. Sie wirkt schlank und durchtrainiert. Und definitiv hat ein Chirurg bei ihrer Oberweite nachgeholfen. Vielleicht auch bei den Lippen. Jetzt erst fällt mir auf, dass sie einen pinkfarbenen Jogginganzug aus Nicki trägt und sportliche Sneakers. Sie sieht aus, wie diese Yoga-, Pilates- oder Fitness-Tussis aus dem amerikanischen Frühstücksfernsehen, die den ganzen Tag nur Rohkost futtern, um ihren Körper vor Übersäuerung und demzufolge vor Cellulite zu schützen. Zum Glück bin ich von Natur aus ein basischer Typ und habe keine Probleme mit Orangenhaut.
Mit einem Mal verzieht sie ihre Lippen zu einem Schmollen.
»Schade…«, fängt sie mit ihrer tiefen, leicht heiser klingenden Stimme an, »…ich hatte gehofft, Sie wären mindestens zwanzig Kilo übergewichtig.«
???
Ich gaffe sie begriffsstutzig an.
Sie mustert mich bis ins kleinste Detail.
»Setzen Sie sich Frau…wie war doch gleich ihr Name?«
Während sie einen vor ihr liegenden Ordner öffnet, schiebe ich eilig meine restlichen Unterlagen zwischen ihre manikürten Finger.
»Bogner. Melissa Bogner.«
»Ich bin Freifrau von Degenhausen. Man nennt mich Claudia.« Dabei spricht sie ihren Namen auf französisch-distinguierte Weise aus, sodass es klingt wie Klodia. Nicht, dass ich sie so nennen dürfte.
»Für das Personal bin ich selbstverständlich die gnädige Frau.«
Sie blättert meine Unterlagen durch. Dann sagt sie in richtungweisendem Ton: »Mein Mann Arndt hat kein Mitspracherecht, was die Wahl der Bewerberinnen für die Stelle der Nanny betrifft. Ich allein bestimme, wer am Ende diese Stelle bekommt. Ich drücke es mal so aus: Das Urteilsvermögen meines Mannes, ist in dieser Angelegenheit deutlich getrübt.«
»Aha, ich verstehe«, entgegne ich. Dabei habe ich gerade keinen blassen Schimmer, worauf sie hinaus will; falls sie überhaupt auf irgendetwas hinaus will. Aber ich bemühe mich, ein ernstes, verständnisvolles Gesicht aufzusetzen, um nicht allzu dämlich auf sie zu wirken.
Wieder blättert sie. Diesmal überfliegt sie mein überdurchschnittliches Abschlusszeugnis.
»Wollen Sie diese Stelle wirklich haben?«, fragt sie mit energischer Stimme.
»Ja, sehr gerne« Und wie. Ich nicke tatkräftig.
»Nichts gegen Sie persönlich, Frau Bogner. Ihr Abschluss ist hervorragend und die Beurteilungen sind ausgezeichnet, aber so wie Sie aussehen, kann ich Sie leider nicht einstellen.«
»Darf ich fragen warum?« Ich bin ganz und gar perplex über ihre Aussage.
»Meine Tochter Pauline und ich, sind die einzigen weiblichen Personen in diesem Haus«, fängt sie an. »Sämtliches Personal vom Koch bis zum Gärtner ist männlich. Und das ist auch gut so. Dann kommt mein Gatte wenigstens nicht noch mal auf dumme Gedanken.«
Ihre Miene nimmt einen finsteren Ausdruck an.
Wieder spricht sie in ihrer auffallend dominanten Tonart.
