Geliebter Engel - Vera Belasco - E-Book

Geliebter Engel E-Book

Vera Belasco

0,0

Beschreibung

Durch eine göttliche Fügung wird ein ausländischer Journalist in das Leben einer verheirateten Frau geschickt. Eine wunderbare Liebe entsteht, doch der Journalist reist schon bald wieder nach Hause und der Trennungsschmerz wird für beide unerträglich. Die Frage, warum Gott die beiden überhaupt zusammengeführt hat, wird immer dringlicher, denn diese Liebe ist von Beginn weg zum Scheitern verurteilt. Den Grund für ihre Liebe sollen beide jedoch schon bald erfahren, denn es gibt keine Zufälle. Alles ist Fügung. Dies ist die wunderbare, wahre Geschichte einer grossen Liebe, die von Gott geplant, geführt und nach erfolgreicher Mission auch wieder beendet wird. Ein Erlebnisbericht der Sonderklasse einer wahren Geschichte, welche die Autorin selbst erlebt hat.

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern

Seitenzahl: 217

Veröffentlichungsjahr: 2015

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



EIN ENGEL IST JEMAND, DEN GOTT DIR INS LEBEN SCHICKT, UNERWARTET UND UNVERDIENT, DAMIT ER DIR, WENN DU VERIRRT BIST, DEN WEG WEIST.

Es gibt keine Zufälle - alles ist Fügung.

Ich bin sehr dankbar, diese Geschichte erlebt haben zu dürfen.

Inhaltsverzeichnis

ERSTE BEGEGNUNG

GOTT ERHÖRT MICH

DAS VERSPRECHEN

EINLÖSEN DES VERSPRECHENS

Nachtrag

ERSTE BEGEGNUNG

«Lauf, los - Galopp!!» feuerte ich mein Pferd an, «Yeaheeey, lauf...!» Die Hufe des Schwarzen stoben durch den Sand auf dem geraden Weg durch einen großen Apfelhain, wo die Früchte schon verführerisch prall und rot an den überfüllten Bäumen hingen. Es war ein sonnig-warmer Nachmittag Mitte August und mein Pferd wollte so richtig seinen Bewegungsdrang ausleben. Es machte riesen Spaß, sein Temperament und seine Lebensfreude zu spüren und ich ließ ihn laufen, was das Zeug hielt.

Wir hatten es zwar nicht eilig, denn heute erwartete mich niemand zu einem pünktlichen Abendessen, und so dehnten wir den Ritt ein wenig aus. Mein Mann war einen Tag zuvor mit voll beladenem Auto abgereist, um seine mehrmonatige Geschäftsreise in verschiedenen Ländern Europas zu verbringen, und so konnte ich mir die Zeit wieder freier einteilen. Obwohl ich meinen Mann liebte und sehr gerne meine Zeit mit ihm verbrachte, genoss ich jeweils auch die Monate, in denen ich alleine war. Mein Leben änderte sich derweilen von Grund auf, und fehlende Disziplin ließ alsbald keine Tagesstruktur mehr erkennen. Es wurde erst gegessen, wenn Hunger den Magen plagte, und selbst dann pflegte ich nicht zu kochen, sondern richtete mir schnell einen Salat oder aß ein paar Früchte. Meine Arbeit verlegte ich allmählich in den Abend oder gar in die Nacht hinein, damit der Tag, vor allem bei Sonnenschein, optimal genutzt werden konnte. Geschlafen wurde grundsätzlich weniger, weil mein Organismus sich nicht mehr übermäßig mit der Verdauung beschäftigen musste, und die Energie für spannendere Dinge zur Verfügung stand. Jemand Außenstehender hätte behauptet, bei mir herrsche Chaos, ich hingegen sah das anders, ich ließ es fließen, und nahm den Tag, wie er kam, ohne groß etwas zu planen und erfreute mich der spontanen Abenteuer, die sich ergaben. Hingabe nannte ich das, und es beinhaltete nichts anderes, als mich der Führung Gottes hinzugeben und meinen Engeln zu vertrauen. Es war Leben in der Gegenwart.

Zurück im Stall sattelte ich ab, putzte mein Pferd und führte es danach auf die Weide. Glücklich legte sich Antares hin und begann sich genüsslich grunzend zu wälzen, um gleich darauf zufrieden am saftigen Gras zu knabbern. Endlich fühlte er sich auch in unseren Breiten wohl und schien sein Leben zu genießen. Dem war leider nicht immer so.

Antares, der Schwarze, war mein zweites, nachdem mich sein Vorgänger Diego die Grundlagen der Reiterei und des Umgangs mit Pferden gelehrt hatte. Nach elf Jahren verkaufte ich Diego an eine nette Dame, die große Freude an dessen ruhigem Charakter hatte und glücklich wurde mit dem Verlasspferd, welches sie sich in den Stall geholt hatte. Für mich suchte ich eine neue Herausforderung und kaufte, während mein Mann und ich zwei Wochen Ferien in Andalusien verbrachten, einen wunderschönen lackschwarzen kleinen Araberhengst mit etwas PRE-Blut. Seine zierliche Gestalt, die lange, herrlich wallende Mähne, die wachen Augen und sein schalkhaftes Gemüt zogen mich gleich in ihren Bann, und obschon ich noch einige andere Pferde besichtigen ging, war von Anfang an klar, dass ich diesen Traum eines Hengstes mein Eigen nennen würde.

Als er nach einer fünftägigen Reise in einem Großtransporter endlich in seiner zukünftigen Heimat ankam, war er völlig außer sich vor Panik, zerlegte kurzerhand den ganzen Stall und wollte einfach nur weg. Er tat mir furchtbar leid, und der Stallbesitzer meinte, ich sollte das Pferd möglichst bald kastrieren, damit es ruhiger würde. Wenig überzeugt von diesem Zusammenhang tat ich es, denn ich hätte den Stall verlassen müssen, und wo hätten wir hinziehen sollen? In der Nähe gab es keinen weiteren Stall, der unseren Bedürfnissen entsprach, zumal ich während der Abwesenheit meines Mannes auf mein Fahrrad angewiesen war und die Unterkunft nahe meines Wohnortes liegen musste. Leider veränderte die Kastration das gesamte Aussehen des Pferdes, und ich bereute meine Tat schon bald. Es war aber zu spät.

Inzwischen besaß ich Antares schon fünf Jahre und er lehrte mich wieder völlig neue Dinge, ganz andere, als dies mein erstes Pferd getan hatte. Es bereitete große Freude, mich mit seinem speziellen Wesen auseinanderzusetzen und mir von ihm zeigen zu lassen, wie diese wundervollen, hochsensiblen Tiere ticken. Weil ich von seiner besonderen Art so angetan war, ließ ich eine Tierkommunikatorin mit ihm sprechen, die ihre Gabe schon als Kind besaß und sich mit Tieren telepathisch unterhalten konnte, als wäre es das Normalste der Welt. Sie meinte, das Pferd wäre in seinem letzten Leben als Pferd und würde auf der Evolutionsleiter nun einen Schritt nach oben tun. Ich wäre in seinem jetzigen Leben auf Erden seine letzte Aufgabe, die er jedoch gerne noch annehmen, sich aber schon sehr auf die ewige Heimat freuen würde, und sich auch schon danach sehnte. Mich beeindruckten diese Aussagen aufs Tiefste und ich versprach ihm, sein Zusammensein mit mir möglichst unbeschwert zu gestalten, was sich allerdings als nicht ganz einfach erwies und ich viel lernen musste.

Zu der Zeit setzte ich mich stark mit dem Thema Tierkommunikation auseinander und lernte Tiere als hohe Wesen zu betrachten, die zwar anders sind, als wir Menschen, jedoch in keiner Art minderwertiger. Im Gegenteil, viele Tiere haben den Menschen einiges voraus und erinnern uns täglich von Neuem mit ihrer liebevollen Art, was wir besser machen könnten. Zum Beispiel das Leben in der Gegenwart: Tiere tun es, ohne darüber nachzudenken. Für sie hat Zeit keine Relevanz, und Stress infolge Zeitmangels ist ihnen fremd.

Glücklich zuhause angekommen, zog ich mich in meine gemütliche Wohnung zurück, um meinem alljährlich wiederkehrenden Strohwitwendasein zu frönen. Vor vier Jahren waren wir aus der Stadt in eine gepflegte Siedlung gezogen, bestehend aus einigen Mehrfamilienhäusern, inmitten einer liebevoll angelegten Parkanlage in einem nahe gelegenen Vorort derselben Stadt. Die hier lebenden Menschen waren sehr freundlich und der Umgang familiär, was mir sehr gefiel. Hier fühlte ich mich nicht einsam, auch wenn mein Mann über längere Zeit weg war.

Um mein Allein sein etwas zu verschönern, lagen schon gute Bücher bereit, und auch für Meditationen hatte ich mir wieder viel Zeit eingeräumt. Diese Meditationen waren Zeiten der Ruhe, der Zurückgezogenheit in der Gegenwart Gottes, in denen ich mit ihm sprach und mich von seiner Liebe einhüllen ließ.

Zudem wollte ich wieder mehr Sport treiben, denn mein sitzender Beruf als Designerin zwang mich täglich, mehrere Stunden vor dem Computer zu verbringen. Mein Büro in der Wohnung verhinderte sogar, dass ich auf dem Arbeitsweg zu ein wenig Bewegung kam, weil ich nur ein paar Meter vom Schlafzimmer ins Bad und danach in mein Büro zurücklegen musste, was man ja wahrlich nicht als sportliche Betätigung einstufen konnte.

Auch kulturell wollte ich mich vermehrt interessieren und schon etwas verstaubte Freundschaften wieder aufleben lassen. Es waren also viele Vorhaben, die realisiert werden wollten. Doch zuerst genoss ich einfach einmal die Ruhe, mein Pferd und meinen süßen Kater, der immer da war, wenn ich ihn brauchte - und auch wenn ich ihn nicht brauchte...

Zufrieden saß ich an diesem lauen Sommerabend an meinem Pult, mein dicker Kater lang ausgestreckt über die gesamte Schreibfläche vor mir, demonstrierend, wie fleißig er mir bei meiner Arbeit am Computer helfen würde, indem er rhythmisch mit seinem Schwanz auf meine Hand klopfte, oder manchmal versehentlich mit der Pfote die Tastatur berührte und ich dann nach dem Fehler suchen musste. Er hatte mir auch schon einige Dinge beigebracht, zum Beispiel, wie man die Bildvorschau öffnet, indem man die Leertaste drückt. Seither brauchte ich diesen praktischen Kurzbefehl regelmäßig.

Ich war gerade mit dem Design eines Plakates beschäftigt, als das Telefon klingelte. Mein Nachbar Oskar war dran, und nachdem er mich fröhlich begrüßt hatte, wollte er wissen, ob ich nicht Lust hätte, am nächsten Abend zu ihm zum Abendessen zu kommen. Sein Freund aus Spanien wäre jetzt zu Besuch da, und so könnte ich mich mit ihm ein wenig auf Spanisch unterhalten. Von diesem Freund hatte Oskar schon einige Male erzählt, als mein Mann noch da war, und eigentlich war es ja so geplant gewesen, dass er und eben dieser Freund, sich hätten treffen sollen, weil mein Mann ebenfalls Spanisch beherrschte und die beiden auch auf intellektueller Ebene über viele Gemeinsamkeiten verfügten.

Oskars Stimme klang begeistert, und ich hätte ihm den Gefallen gerne getan, aber ich war nicht in Stimmung, jemanden kennenzulernen, nur um Spanisch zu sprechen, was mir ohnehin schon schwerfiel, weil es mir nicht so geläufig war. Zudem kannte ich inzwischen eine Menge Spanier, alles gute Freunde, aber viel zu weit entfernt, als dass ein weiterer Kontakt Sinn machen würde, und so schliefen die Freundschaften allmählich ein. Und so jemanden wollte ich schon gar nicht mehr kennenlernen. Zudem bereitete mir die Vorstellung Unbehagen, mich mit zwei Männern, von denen ich den einen noch nicht einmal kannte, alleine in einer Wohnung aufzuhalten.

Doch Oskar blieb hartnäckig. «Ich weiß, dass eigentlich dein Mann meinen Freund hätte treffen sollen, aber der weilt leider seit gestern im Ausland. Es wäre doch wirklich nett, wenn wenigstens du kommen würdest», versuchte Oskar mich zu überreden. «Mein Freund ist Journalist, schreibt auch Bücher und ist äußerst unkompliziert. Zudem werde ich ja auch noch Hannah, eine weitere Nachbarin, einladen, damit du nicht mit uns zwei Herren alleine speisen und den Abend verbringen musst.»

Nach längerem, zaghaften Hin und Her, sagte ich also eher missmutig zu und redete mir ein, das Beste daraus zu machen. Wirklich überzeugt war ich nicht und hatte, ehrlich gesagt, überhaupt keine Lust, aber das Wissen, dass noch eine andere Nachbarin die Runde ergänzen würde, stimmte mich etwas zuversichtlicher.

Meine Mutter bestärkte mich in meinem ungeliebten Vorhaben und meinte: «Sei einfach offen für das, was kommt. Das sagst du doch sonst immer zu mir!» Sie hatte recht, denn wenn sie etwas vorhatte und von Unsicherheit geplagt war, bestärkte ich sie für gewöhnlich mit den Worten: «Lass es fließen, sei einfach offen und erwarte nichts, dann kommt alles gut.» Also öffnete ich mich innerlich zaghaft, redete mir ein, es würde sicher schön werden und erschien am nächsten Abend pünktlich, keine Sekunde früher als ausgemacht, zu unserem nachbarschaftlichen Treffen – es sollte ja so kurz wie möglich werden.

Oskar öffnete gut gelaunt die Tür, und wir begrüßten uns herzlich. Er führte mich ins Wohnzimmer, wo der Spanier und die ebenfalls eingeladene Nachbarin Hannah schon auf dem Sofa saßen. Beide erhoben sich sogleich, als ich etwas zögernd, um mir Überblick zu verschaffen, den Raum betrat. Im selben Moment erhellte sich mein Gemüt, denn die beiden gefielen mir auf Anhieb. Wie es sich gehört, stellte Oskar uns alle gegenseitig vor, und so brach das Eis ziemlich schnell. Nachdem ich die noch unbekannte Nachbarin vom Haus gegenüber begrüßt hatte, wandte ich mich dem spanischen Besucher zu: «Encantada!», schoss es aus mir heraus, als ich ihm die Hand reichte. «Me llamo Leon», raunte er mir mit einem strahlenden Lächeln entgegen, als ich ihm peinlich berührt gestand, seinen Namen nicht verstanden zu haben, als Oskar uns vorgestellt hatte. Was für ein Mann! Mittelgroß, Mitte fünfzig, sehr gut aussehend, mit schwarzem, elegant nach hinten gekämmtem Haar, welches seinen sehr männlich wirkenden Haaransatz perfekt zur Geltung brachte. Seine aufrechte Haltung, gepaart mit dem typisch madrilenischen Kleidungsstil, den ich auch von Bekannten meines Mannes kannte, unterstrich das attraktive Gesamtbild noch.

Und diese Augen, diese wunderschönen, dunkelbraunen Augen, begleitet von ausdrucksvoll geschwungenen Augenbrauen. Woher kannte ich diese Augen, den Blick, so tiefgründig und warmherzig? Der Händedruck, selbstbewusst und doch weich. Ich glaubte, den Mann schon lange zu kennen, aber es war unmöglich, auch wenn es sich wie ein Wiedersehen nach unendlich langer Zeit anfühlte. Ich wusste, dass man Menschen, mit denen man in früheren Leben befreundet oder sonst in engerer Beziehung stand, im jetzigen Leben an ihren Augen erkennen würde, weil es das Einzige ist, was sich auch in einem neuen Erdenkleid nicht verändern würde. Den Gedanken verdrängte ich aber sogleich wieder, doch eine spontane Vertrautheit begleitete uns von Anfang an, und es war schön in seiner Nähe zu sein. Alle meine Bedenken lösten sich in Luft auf, und ich entspannte mich zusehends.

Nachdem ich noch ein paar Worte mit Oskar gewechselt hatte, der noch mit den Vorbereitungen für das Abendessen beschäftigt war, setzte ich mich zu den beiden anderen Gästen, und wir begannen, uns zu unterhalten. Die Gespräche auf Spanisch stellten sich anfangs als ungeeignet heraus, denn Hannah beherrschte nur Englisch, und in der Sprache war ich nicht gerade ein Spezialist. Ständig fielen mir die Worte auf Spanisch ein, und so brachte ich eigentlich keinen schlauen Satz auf Englisch heraus und formulierte darum vieles auf Spanisch, durchmischt mit Englisch. Trotzdem wurde der Abend sehr unterhaltsam, und viele Themen ergaben sich aus einem Mischmasch aus drei Sprachen. Leon war anfangs eher zurückhaltend und ließ, wie ich später feststellte, aus Rücksicht die anderen sprechen. Er beobachtete mehr, und wenn ich nicht gewusst hätte, dass er perfekt Englisch spricht, hätte ich fälschlicherweise angenommen, er wäre der Sprache gar nicht mächtig.

Hannah erzählte von ihrer Zeit als Witwe, und wie ihr zweiter Mann vor eineinhalb Jahren gestorben wäre: «Es war so plötzlich gekommen, völlig unerwartet. Er fuhr mit dem Auto auf einer Landestraße, als ihn ein Herzinfarkt ereilte und er eine Böschung hinunter in ein Gebüsch raste. Weil ihn sogleich niemand fand, verstarb er noch an der Unfallstelle...» Nachdenklich machte sie eine Pause und sprach dann wehmütig weiter: «Ich brauchte lange, mich ans Alleinsein zu gewöhnen und verbringe jetzt viel Zeit bei meinen Kindern oder auf Reisen, um nicht darüber nachdenken zu müssen, wie einsam ich mich sonst fühle.» Sie war sehr offen und verheimlichte nichts, ließ uns an ihren Gefühlen teilhaben. Ich war erstaunt über so viel Offenheit gegenüber Fremden.

Oskar hatte sich viel Mühe gegeben und den Tisch festlich dekoriert. Alles war perfekt vorbereitet und er ein aufmerksamer Gastgeber. Unter die reich verzierten Teller hatte er, nebst einem edlen Tischtuch, auch kunstvoll bestickte Tischsets gelegt, und kristallene Weingläser ergänzten, zusammen mit den passenden Servietten und bunten Kerzen, das festliche Bild. Der Tisch wurde zum Augenschmaus und lud schon ohne Speisen darauf zum Verweilen ein.

Das Essen war zwar einfach, aber schmackhaft, und jeder konnte sich seine Portionen nach eigenem Gutdünken selbst zusammenstellen, was Oskar viel Arbeit beim Servieren und Nachschöpfen ersparte. Alle langten kräftig zu, und wir unterhielten uns angeregt in gemütlicher Stimmung. Die zartgliedrige Hannah erwies sich als eine äußerst liebenswerte und warmherzige Persönlichkeit, mit der es große Freude bereitete sich auszutauschen. Sie wohnte genau auf gleicher Höhe wie wir, im gegenüberliegenden Haus, und schon oft durfte ich sie auf ihrem Balkon beobachten, wie sie ihre Pflanzen voller Hingabe goss und pflegte. Kontakt hatten wir aber zuvor nie, und ich hätte sie auf der Straße auch nicht erkannt, zu weit war das Haus entfernt, um ein Gesicht auf diese Distanz erkennen zu können.

Bestens gelaunt scherzte und lachte Oskar viel. Er war ein offener, zugänglicher Mensch, der mit seiner zweiten Frau seit einigen Jahren, zusammen mit den beiden Söhnen die Wohnung neben unserer bewohnte. Als wir hier einzogen, hießen die Vier uns herzlich willkommen, und wir hatten von Anbeginn ein sehr freundschaftliches Nachbarschaftsverhältnis. Oskar versuchte stets uns dazu zu bewegen, mit ihm Ausflüge zu tätigen, Sport zu treiben oder auswärts ein Bier trinken zu gehen, was ich ehrlich begrüßte, damit mein Mann, der sich immer etwas ausgestoßen fühlte, obwohl das keineswegs der Realität entsprach, endlich etwas unter Menschen kam und mit einem Freund etwas unternehmen konnte. Er lehnte aber stets ab, denn er bevorzugte seine Heimwerkerhobbys und vor allem seine Bücher, die ihn viel mehr interessierten und er abends und am Wochenende oft Stunden auf dem Sofa mit seiner spannenden Lektüre verbringen konnte. Auch belastete ihn oft ein schlechtes Gewissen, weil ich häufig an den Wochenenden arbeiten musste und nicht einfach alles für einen Ausflug stehen und liegen lassen konnte. So blieb er lieber zu Hause, als alleine mit Oskar etwas zu unternehmen, und dieser wiederum ließ seine gut gemeinten Bemühungen alsbald bleiben.

Nach dem typisch inländischen Abendessen fragte ich spontan in die Runde, ob jemand noch Lust auf einen Schnaps hätte. Mein Mann brachte jedes Jahr welchen aus dem Ausland mit, und der stand dann jeweils griffbereit und gut gekühlt im Eisschrank. Begeistert stimmten alle zu, und so holte ich zwei verschiedene Flaschen aus dem Kühlfach in meiner Wohnung. Gelblich-grünen Schnaps aus Kräutern und klaren aus Traubentrester gebrannt. Als ich wieder zurück war und allen eingeschenkt hatte, erhoben wir die Gläser zu einem Trinkspruch, der in Spanien gut bekannt ist: «Arriba, abajo, al centro, pa’ dentro!!» Beim letzten “...o” werden dann die kleinen Schnapsgläser geleert. Das brachte Stimmung!

«Du kennst diesen Spruch?», fragte mich Leon, überrascht über meine umgangssprachlichen Spanischkenntnisse.

«Den Spruch kenne ich aus meiner Zeit in Andalusien, als ich dort während zweier Monate Spanisch lernte und auch sonst aus der dortigen Kultur viel mitgekriegt habe.» Mit achtzehn Jahren, als ich meinen Mann kennenlernte, sprach ich noch kein Wort Spanisch, wollte mich aber unbedingt verständigen können während unserer Ferien, die wir später oft in Spanien verbrachten, weil er die dortige Sprache, wegen seiner vielen Geschäftsreisen, sehr gut beherrschte. Am schnellsten und besten verinnerlicht man eine Sprache vor Ort, und so reiste ich für acht Wochen ans Meer, wohnte bei einer sehr netten andalusischen Familie und besuchte täglich die Schule, wo intensiv Grammatik und Vokabeln gebüffelt wurden.

«In Andalusien? Wo genau?», fragte Leon neugierig.

«In Torre del Mar, das liegt in der Nähe von Málaga», erläuterte ich, und weil wir gerade am Schnaps trinken waren, nahm ich dieses Thema gleich auf. «Dort verbrachte ich eine unbeschwerte Zeit und erinnere mich auch an meinen ersten Rausch, den ich hatte», offenbarte ich beschwingt und stellte das Schnapsglas wieder auf den Tisch.

«Erzähl, wie war es? Konntest du noch auf den Beinen stehen?», wollte Leon des Weiteren wissen und hätte bestimmt gerne zu hören bekommen, dass ich im Vollrausch lallend unter den Tisch gesunken wäre.

«Was heißt auf den Beinen stehen!», sagte ich forsch. «Ich hatte so gute Laune, dass ich laut zu singen und Sevillanas zu tanzen begann, was ich ohne Alkohol nie tun würde. Ich hatte Sangría getrunken, und die schmeckte so fruchtig süß, dass ich nicht bemerkte, wann der Alkoholspiegel das gesunde Maß überschritten hatte.» Vorher war ich noch nie betrunken gewesen und freute mich über das erheiternde Gefühl und die Leichtigkeit, die der Schwips ausgelöst hatte. Es war ja nicht unangenehm, aber ich hatte alle Hemmungen verloren und lebte meine damaligen Gefühle direkt aus.

«Und danach? Warst du nie mehr betrunken?»

«Nein, ich mag Alkohol eigentlich nicht besonders und merke schnell, wann es genug ist. Nur eben bei Sangría, oder anderen süßen Getränken, kenne ich kein Maß. – Wie ist es denn bei dir? Du scheinst den Schnaps ja sehr zu mögen.»

«Oh ja, der ist wirklich vorzüglich. Man schmeckt förmlich, dass er hausgemacht ist», bemerkte er anerkennend und stellte ebenfalls sein leeres Glas wieder auf den Tisch zurück. «Auch zuhause trinke ich gerne mal einen nach dem Essen...»

Wir sprachen ferner über unsere schulischen Erfahrungen in den verschiedenen Ländern zu verschiedenen Zeiten. Oskar hatte viel zu erzählen aus seiner Zeit als Schüler und wie er seine Lehrer in den Wahnsinn trieb mit all dem Schabernack, den er mit ihnen trieb. Äußerst unterhaltsam schilderte er seine Missetaten, und wir lachten alle ausgelassen darüber. Auch Leon sprach über seine Kindheit, und wie oft die Schüler damals geschlagen wurden. «Auf viele Arten wurde körperlich gestraft, und niemand hätte je gewagt, sich dagegen aufzulehnen...» Mit einfachen, aber aussagekräftigen Gesten eines Intellektuellen, bei denen er die Finger der sich harmonisch bewegenden Hand stets beisammen hielt, unterstrich er seine Beschreibungen der vielfältigen Arten der Strafe, und obschon es sich um ein eher unangenehmes Thema handelte, wirkten seine Beschreibungen kultiviert und elegant.

Zum ersten Mal konnte ich seine gepflegten, schönen Hände bewusst betrachten. Nicht ein bescheidener Ring zierte seine wohlgeformten Finger, auch kein Ehering, was mich vermuten ließ, dass er unverheiratet war – eine Annahme, die sich später als falsch herausstellte.

«Bei uns war diese Art der Strafe schon längst verboten und wir wurden einfach dazu verdonnert, mehrere Seiten Aufsätze zu schreiben oder im Schulhaus putzen zu gehen», veranschaulichte ich meine Schulerfahrungen. Ich war wirklich in einer guten Zeit an einem fortschrittlichen Ort aufgewachsen und hatte immer Menschen um mich, die es gut meinten. Bei Leon war das scheinbar noch anders, obwohl er vielleicht gerade mal zehn Jahre älter war als ich, jedoch in einer anderen Kultur aufgewachsen war. «Wäre mein Mann zugegen, könnte er wahre Schauergeschichten erzählen, denn ihm erging es während seiner Schulzeit ähnlich wie dir», sagte ich zu Leon gewandt. «Mit Büchern in beiden Händen und ausgestreckten Armen mussten die Schüler im Winter oft stundenlang auf dem kalten Korridorboden kniend, halb im Freien ausharren, und weil dies nicht einmal einem Bodybuilder leicht fällt, sanken die Arme immer dann zu Boden, wenn kein Pfarrer in der Nähe war, schnellten aber wieder in die Höhe, sobald einer auftauchte», schilderte ich die Erfahrungen meines Gatten.

So wechselten die Themen, und zu fortgeschrittener Stunde, als bei allen schon etwas die Müdigkeit überhand nahm und niemand mehr Lust hatte, sich fremdsprachlich zu bemühen, beschloss ich, mich allmählich in meine Gemächer zurückzuziehen, bedankte mich herzlich bei Oskar für die liebe Einladung und verabschiedete mich von allen. Leon reichte ich herzlich die Hand und wünschte ihm noch einen schönen weiteren Aufenthalt in unserem Land, und zu Hannah gewandt erwähnte ich, dass ich mich sehr freuen würde, sie wieder einmal zu treffen. So ging ich zufrieden in meine Wohnung zurück.

War eigentlich ein sehr schöner Abend und der Spanier gefiel mir auch viel besser als erwartet, obwohl wir uns nur kurz unterhalten konnten und ich sonst noch nicht so viel von ihm mitbekommen hatte, weil der Gastgeber, je später der Abend, desto mehr das Wort übernommen hatte und viel von sich und seinen Reisen zu erzählen wusste. Aber die kultivierte, zurückhaltende und doch offene Art, wie Leon sprach und sich bewegte, empfand ich als sehr ansprechend. Sowohl seine Haltung, wie auch die Gestik waren außergewöhnlich, hatten so etwas Erhabenes und Würdiges an sich. Er war ganz anders als meine spanischen Bekannten, welche sich zwar stets sehr herzlich zeigten, jedoch oft einen lauten Ton anzuschlagen pflegten. Der Umgang mit Leon erwies sich hingegen als sehr ruhig und angenehm. Obwohl mich dieses Gefühl des Schon-Lange-Kennens nicht losließ, dachte ich nicht im geringsten an ein Wiedersehen und schloss an dem Abend mit Leon ab. Ich wusste zwar, dass er noch eine Weile da sein würde, doch kam es mir nicht in den Sinn, ihn noch einmal sehen zu wollen. Wozu auch? Er würde bald nach Hause fahren, und damit wäre der Kontakt beendet.

Am nächsten Tag arbeitete ich wieder am Computer, diesmal ohne die wertvolle Hilfe meines Katers, als es an der Tür klingelte. Überraschender Besuch meiner Nachbarin Paula, Oskars besserer Hälfte, in ihrem Windschatten Leon, der mich fröhlich anlächelte. Er würde sich gerne die Bilder meines Mannes ansehen, über die wir am Abend zuvor ebenfalls noch kurz gesprochen hätten, erklärte Paula, die zum Essen nicht dabei war, weil sie auswärts arbeiten musste. Zwei Tage die Woche arbeitete sie auf der Orthopädiestation eines ziemlich entlegenen Privatspitals und kam jeweils erst am Mittag des dritten Tages wieder nach Hause. Und jetzt stand sie, mit Leon hinter sich, vor meiner Tür und erbat Einlass für ihn.

So, so! Bilder anschauen... Dass ich nicht lache... Diesen Vorwand, um mich besuchen zu können, hielt ich für äußerst kreativ, und belustigt durchschaute ich das Spiel, war aber nicht abgeneigt, weil ich Leon irgendwie mochte und er auch in keiner Weise aufdringlich wirkte. Im Gegenteil, er war wie mein Mann, galant, zurückhaltend, sehr höflich und eben zusätzlich noch charmant. Paula ließ uns alleine und ging wieder zurück in ihre Wohnung. Völlig unvorbereitet und aufgeregt führte ich Leon durch die Wohnung, alle Bilder beschreibend, die ich finden konnte. Jedes einzelne Bild genau und in Ruhe betrachtend, erkundigte er sich interessiert nach der Technik, die hier angewendet wurde.

«Federzeichnung, mit verschiedenen Farben und Lasierungen», gab ich bereitwillig Auskunft.

«Muss ja eine sehr aufwändige Technik sein», meinte Leon sichtlich beeindruckt und näherte sich einem Bild, um die einzelnen Linien besser erkennen zu können.

«Ja, oft verbringt mein Mann Monate an einem Bild.»

Ich erzählte Leon von der großzügigen Schenkung, die mein Mann vor Jahren seiner Gemeinde gemacht hatte und er nun über einen eigenen Link auf deren Homepage verfügte, wo man seinen Lebenslauf nachlesen konnte und auch weitere Bilder von ihm zu finden waren. Leon notierte sich den Link, um zu gegebener Zeit einmal einen Blick auf die Seite zu werfen.

Nebst den Bildern betrachtete er viele Details und einige Gegenstände, die ich in der Wohnung aufgestellt hatte. Auch den Balkon mit all den Pflanzen, die wie Soldaten aufgereiht am Geländer standen, wollte er besichtigen. Es machte den Anschein, als habe er vor, dadurch einen genaueren Eindruck von mir und meinen Eigenschaften zu erlangen, denn, wie eine Wohnung eingerichtet ist, sagt viel über den Charakter einer Person aus.

«Dort gegenüber wohnt Hannah», erklärte ich, am Geländer unseres Balkons stehend, und zeigte auf ihre Wohnung im gegenüberliegenden Haus. Er beobachtete aufmerksam die umliegende Gegend und schien sich jede Kleinigkeit zu merken. Wahrscheinlich arbeitete auch sein schriftstellerisches Gedächtnis, welches auf Details spezialisiert war, an Formulierungen für das Gesehene, um es irgendwann einmal in einem Buch verwerten zu können.

Die Tatsache, mich mit einem fremden Mann in meiner Wohnung zu befinden, beunruhigte mich zusehends, nicht wegen Leon, sondern wegen des Geredes der Nachbarn, die ja wussten, dass ich alleine war, und denken könnten, ich hätte nur auf die Abreise meines Partners gewartet, um schon einen Tag danach Männerbesuche zu empfangen. Wie frau in so einer Wohnsiedlung beobachtet wird, ist hinlänglich bekannt, und so drängte ich darauf, in Paulas und Oskars Wohnung zu wechseln, um dort weiter zu reden. Leon willigte verständnisvoll ein, und drüben angekommen, ließen wir uns in den Sesseln auf deren Balkon nieder und sprachen noch einige Zeit über unsere süßen Katzen, von denen er mehrere besaß.