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Im Sonnenwinkel ist eine Familienroman-Serie, bestehend aus 75 in sich abgeschlossenen Romanen. Schauplätze sind der am Sternsee gelegene Sonnenwinkel und die Felsenburg, eine beachtliche Ruine von geschichtlicher Bedeutung. Wundervolle, Familienromane die die Herzen aller höherschlagen lassen. Es war nun bald so weit, dass in der Siedlung Erlenried das erste Haus bezogen werden konnte. Das Gerüst wurde abgebaut. Weiß getüncht stand es da, hellbraun gebeizt waren die Holzverschalungen und der Balkon an der Westseite. Vor der Terrasse breitete sich das Grundstück aus, allerdings noch recht wild aussehend. »Richtig hübsch ist es, nicht wahr, Hannes?«, meinte Bambi zu ihrem Bruder, der alles sehr genau und skeptisch betrachtete. »Das Haus ist in Ordnung«, erklärte er, »dafür hat Onkel Carlo ja gesorgt, aber der Garten …, du liebe Güte, das wird noch eine Zeit dauern, bis das Gras wächst, und eine Masse Arbeit werden sie noch haben.« »Es macht Spaß, einen Garten anzulegen«, stellte Bambi fest. »Opa macht das sehr gern.« »Ob die, die da einziehen, es auch gern machen?«, überlegte er. »Ich bin sehr gespannt, was das für Leute sind.« »Baumbach heißen sie und haben zwei Kinder«, erzählte Bambi eifrig, »Papi hat es mir gesagt.« »Und Abteilungsleiter in der Fabrik ist er, ich weiß schon! Aber ob sie auch nett sind? Da müssen wir uns überraschen lassen.« »Übermorgen ziehen sie ein.
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Seitenzahl: 145
Veröffentlichungsjahr: 2015
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Es war nun bald so weit, dass in der Siedlung Erlenried das erste Haus bezogen werden konnte. Das Gerüst wurde abgebaut. Weiß getüncht stand es da, hellbraun gebeizt waren die Holzverschalungen und der Balkon an der Westseite. Vor der Terrasse breitete sich das Grundstück aus, allerdings noch recht wild aussehend. »Richtig hübsch ist es, nicht wahr, Hannes?«, meinte Bambi zu ihrem Bruder, der alles sehr genau und skeptisch betrachtete.
»Das Haus ist in Ordnung«, erklärte er, »dafür hat Onkel Carlo ja gesorgt, aber der Garten …, du liebe Güte, das wird noch eine Zeit dauern, bis das Gras wächst, und eine Masse Arbeit werden sie noch haben.«
»Es macht Spaß, einen Garten anzulegen«, stellte Bambi fest. »Opa macht das sehr gern.«
»Ob die, die da einziehen, es auch gern machen?«, überlegte er. »Ich bin sehr gespannt, was das für Leute sind.«
»Baumbach heißen sie und haben zwei Kinder«, erzählte Bambi eifrig, »Papi hat es mir gesagt.«
»Und Abteilungsleiter in der Fabrik ist er, ich weiß schon! Aber ob sie auch nett sind? Da müssen wir uns überraschen lassen.«
»Übermorgen ziehen sie ein. Da werden wir es sehen. Wenn sie Kinder haben, werden sie schon nett sein. Guck mal, was macht der Bagger denn da? Bauen sie jetzt auch eine Straße zur Felsenburg?«
Hannes Auerbach runzelte die Stirn.
»Das passt mir aber gar nicht«, brummte er. »Opa hat doch gesagt, da müsste sich ein unterirdischer Gang befinden. Nach den alten Plänen soll er in der Richtung zum Sonnenwinkel führen.«
Er lief zu den Bauarbeitern, um sich gleich zu erkundigen. Die waren es schon gewohnt, dass sich die Auerbach-Kinder und ihre Spielgefährten genau informierten, was hier gemacht wurde.
»Eine Straße brauchen die Leute ja auch, junger Mann«, sagte der Baggerführer gutmütig, als Hannes ihn aufgeregt fragte. »Was meinst du, wie die schimpfen würden, wenn sie durch den Morast waten müssten.«
»Aber hier oben werden doch keine Häuser mehr gebaut«, protestierte Hannes, der nun schon ernsthaft um den imaginären unterirdischen Gang fürchtete.
»Die Straße wird um die Siedlung herumgeführt«, wurde ihm erklärt. »Habt nur keine Angst. Die Felsenburg bleibt schon stehen.«
Er konnte ja nicht ahnen, welche Sorgen Hannes bewegten. Er glaubte fest daran, dass in der Felsenburg ein Schatz verborgen war, den zu finden ihm und seinem Opa, Magnus von Roth, in erster Linie zustand, denn sie beschäftigten sich seit vielen Wochen ernsthaft mit der Geschichte der alten Burg und hatten es kaum erwarten können, dass der Frühling endlich den Schnee vertrieb, damit sie an die Arbeit gehen konnten, die Gewölbe zu erforschen.
»Weiß man denn, ob die anderen Leute nachher nicht auch nach dem Schatz suchen wollen, wenn es ihnen dazu noch so bequem gemacht wird«, meinte er recht unwillig zu seiner kleinen Schwester. »Ich muss es doch gleich dem Opa sagen, damit wir uns morgen an die Arbeit machen.«
»Jetzt müssen wir erst einmal zu Manuel gehen«, erklärte Bambi. »Wir haben es versprochen.« Und was man versprach, musste man auch halten, das war ihre Meinung.
Manuel Münster hatte nämlich Mumps gehabt, und da hatten sie ihn wegen der Ansteckungsgefahr eine Woche nicht besuchen dürfen. Nun war es an der Zeit, ihm ein wenig die Langeweile zu vertreiben.
Hannes rang mit sich, aber schließlich gab er Bambis Drängen nach.
»Gut, dass wir jetzt den Dr. Riedel schon hierhaben«, stellte er fest, als sie weitergingen zum Sonnenhügel. »Es ist doch beruhigend, wenn ein Arzt in der Nähe ist.«
Er ahnte nicht, wie bald das auch für ihn überaus wichtig werden sollte. Noch gingen sie unbeschwert den sehr schmalen Pfad entlang, und endlich oben angekommen, winkte ihnen Manuel schon vom Fenster aus freudig zu.
»Fein, dass ihr kommt«, wurden sie von Sandra Münster begrüßt. »Manuel konnte es kaum noch erwarten. Aber passt schön auf, dass er nicht gleich herumtobt. Es hat ihn ziemlich mitgenommen.«
»Ist ja auch scheußlich, wenn man einen steifen Hals hat«, meinte Bambi. »Manuel hat mir schon arg leidgetan.«
Eine innige Freundschaft bestand zwischen Bambi und Manuel. Eigentlich kam sich Hannes ziemlich überflüssig vor und auch schon zu groß für die kindlichen Spiele der beiden. Ihn interessierte das Geschehen um die Felsenburg viel mehr, und er beschloss, Sandra Münster ein wenig auszufragen, was da noch alles geschehen sollte. Sandra musste es schließlich wissen, denn die Felsenburg war der Stammsitz ihrer Ahnen. Sie war eine geborene von Rieding, und ihr Großvater war der letzte männliche Namensträger gewesen. Wenngleich Magnus von Roth auch Vermutungen anstellte, dass es doch noch einen geben könnte, weil vor langer Zeit einmal ein von Rieding ausgewandert war.
Höflich klopfte Hannes an die Tür des Wohnzimmers.
»Darf ich dich mal stören, Tante Sandra?«, fragte er leise. Seit Sandra mit Felix Münster, dem Industriellen, verheiratet und Manuels Mami geworden war, nannte er sie Tante, nachdem sie anfangs nur schlicht Sandra für alle gewesen war.
»Du störst gar nicht, Hannes«, erwiderte sie. »Du langweilst dich wohl bei den Kleinen?«
»Das nicht gerade, aber ich hätte dich gern mal was gefragt.«
»Dann frag mal!« Sie lächelte, denn sie ahnte schon, dass es wieder einmal um die Felsenburg ging.
»Den Frederic von Rieding hast du wohl gar nicht gekannt?«, begann Hannes stockend.
»Nein. Ich habe ja sogar meinen Großvater kaum gekannt. Aber ich habe in der Familienchronik nachgelesen. Es hat tatsächlich einen Bruder von ihm gegeben, der Frederic hieß. Aber er ist irgendwo in Amerika verschollen. Die beiden Brüder hatten sich nicht vertragen, da hat er nie wieder etwas von sich hören lassen.«
»Dein Großvater hat sich wohl mit niemandem vertragen?«, meinte Hannes skeptisch.
»Er war ein Eigenbrötler. Immerhin verdanken wir ihm noch im nachhinein eine Menge Glück.«
Hannes sah sie nachdenklich an.
»Vielleicht hat er eingesehen, dass er ungerecht war. Könnte ich auch mal in die Familienchronik schauen, Sandra?«
»Gern, aber du wirst die Schrift nicht lesen können. Früher schrieben die Leute ganz verschnörkelt.«
»Wenn nun der Frederic von Rieding Nachkommen hat und wenn sie nun zurückkommen würden, könnten sie euch dann vertreiben?«, fragte Hannes.
»Nein, das könnten sie nicht. Er ist damals mit Geld abgefunden worden. Aber was mich anbetrifft, wäre ich gar nicht böse, wenn es noch einen Rieding gäbe, vorausgesetzt, dass man sich mit ihm vertragen könnte.«
»Dann würde der Name weiterleben«, meinte Hannes eifrig. »Das ist gut bei alten Geschlechtern, sagt Opa. Weißt du schon, Tante Sandra, dass da eine Straße gebaut wird, die ganz nahe bis zur Felsenburg geht?«
»Natürlich weiß ich das. Später wollen wir ja mal das Gebiet erschließen und zu einem Erholungspark gestalten. Und die Felsenburg wollen wir auch renovieren, damit sie als Wahrzeichen erhalten bleibt.«
»Und der Schatz?«, fragte er atemlos. »Wollt ihr den mit Fremden etwa teilen?«
Sandra lächelte. Dieser Schatz bestand ihrer Ansicht nach nur in Hannes’ Phantasie. Aber sein Großvater, der Professor für Kunstgeschichte gewesen war, hatte die Phantasie offenbar sehr genährt. Hannes war ganz aufgeregt, wenn es um die Felsenburg ging.
»Wenn es je einen Schatz gegeben hat, Hannes, werden sie ihn wohl schon früher mal gefunden haben«, bemerkte sie nachsichtig. »Mach dir den Kopf damit nicht heiß, und unternimm ja nichts auf eigene Faust! Wer weiß, welche Gefahren da unten lauern.«
»Man muss alles genau bedenken. Opa überlegt ja schon lange hin und her, aber der unterirdische Gang besteht bestimmt.«
»Er mag bestanden haben, ist aber wohl längst eingestürzt«, entgegnete sie. »Nun haltet euch nicht zu lange auf. So gern ich euch hier habe, aber die Tage sind noch kurz und es wird schnell dämmrig.«
»Wir finden schon den Weg«, versicherte er. »Wir sind ihn ja oft genug gegangen.«
Aber an diesem Tag sollte es ganz anders sein als sonst, und auch Sandra konnte nicht ahnen, welche Aufregungen und Sorgen ihnen noch bevorstanden.
Manuel war maßlos enttäuscht, dass die Zeit so schnell vergangen war, aber Bambi versicherte ihm, dass sie nun wieder jeden Tag kommen würde.
»Auch, wo du jetzt Beate, Flori, Billi und Jerry hast?«, erkundigte er sich zweifelnd.
»Klar, du bleibst doch immer mein allerbester Freund«, erklärte Bambi ihm mit großem Nachdruck.
*
Nun trabten sie wieder heinwärts. Teta, die Haushälterin, hatte ihnen noch eine Tüte Plätzchen als Wegzehrung mitgegeben, die sie nun mit bestem Appetit verdrückten.
Hannes blieb stehen und blickte zur Felsenburg empor, die grau und verwittert zwischen den hohen Tannen stand. Er dachte angestrengt nach.
»Dort, gerade da, wo die Straße langgehen soll, müsste der unterirdische Gang zum Sonnenwinkel geführt haben«, murmelte er. »Damals hieß es noch nicht Sonnenwinkel, sondern Drachenstein, aber der Stein ist im See versunken.«
»Das weiß ich ja alles«, erwiderte Bambi eifrig. »Oft genug habt ihr darüber geredet. Ich bin aber froh, dass es nun Sonnenwinkel heißt. Drachen waren böse. War das für die Leute damals so was wie ein Hund?«
»Ach wo! Und so riesig, wie sie immer gemacht werden, waren sie sicher auch gar nicht. Ich werde doch mal Geschichte studieren, damit ich alles genau erfahre. Das ist so interessant.«
Seine Augen blickten hell und abenteuerlustig, dann ging er ein paar Schritt weiter, während Bambi sich noch die Krümel in den Mund stopfte.
Da erklang ein gellender Schrei, und Hannes war plötzlich verschwunden.
Einfach verschwunden! Bambi konnte es gar nicht glauben. Sie stand wie erstarrt, und aus ihrem Gesichtchen wich alles Blut.
»Hannes«, rief sie ängstlich, »erschreck mich doch nicht so! Bitte, komm doch wieder hervor.«
Zaghaft ging sie näher, aber da, wo Hannes eben noch gestanden hatte, sah sie nur ein Loch, sonst nichts, außer Geröll.
»Hannes – Hannes!«, begann sie zu schreien, und dann lief sie los, so schnell ihre kleinen Füße sie tragen konnten, mitten hinein in die Arme ihres Vaters, der vor ihrem Haus im Sonnenwinkel stand und nach ihnen Ausschau hielt.
Bestürzt blickte er in die schreckensvollen Augen der Kleinen, hob sie rasch empor und wollte sie ins Haus tragen, aber sie wehrte sich.
»Papilein, oh, Papilein«, schluchzte sie, »Hannes ist verschwunden. Der Erdboden hat ihn verschluckt.«
»Bambi, komm zu dir! Wovor hast du dich erschrocken?«, fragte er drängend.
»Ich hab’s doch gesagt, oh, ich hab’s doch schon gesagt! Der Erdboden hat meinen Hannes verschluckt. Er ist nicht mehr da! Glaub es mir, Papi, er wollte mich nicht ärgern!«
»Wo?«, fragte Professor Auerbach, nun auch kalkbleich geworden.
Da kam auch schon seine Frau Inge aus dem Haus gestürzt. Sie zitterte am ganzen Körper, denn sie hatte Bambis Worte vernommen.
»Opa, Ricky«, schrie Bambi außer sich, »kommt Hannes suchen.«
Tränen stürzten aus Inges Augen.
»Beruhige dich doch, Liebes!« sagte Werner Auerbach, der sich mit Bambi auf dem Arm gleich in Bewegung setzte. »Ruft alle zusammen, die uns helfen könnten! Es wird ja schon dunkel. Und sagt Dr. Riedel Bescheid. Bambi zeigt mir die Stelle. Weißt du sie auch noch, Schätzchen?«
»Ganz genau, Papi! Komm ganz schnell, Hannes ist bestimmt in ein tiefes Loch gefallen!«
So erregt Inge Auerbach auch war, jetzt musste sie die Nerven behalten. Ricky, die Achtzehnjährige, kam aus ihrem Zimmer, Magnus und Teresa von Roth, die Großeltern, kamen aus dem Nachbarhaus, von Bambis Rufen alarmiert.
Mit Riesenschritten eilte Werner Auerbach, die Kleine fest an der Hand haltend, auf die Stelle zu.
»Sei vorsichtig, Papi«, flüsterte Bambi nun mit ersticktem Stimmchen, »Da ist das Loch!«
Werner Auerbach legte sich flach auf den Boden.
»Hannes!«, rief er, die Hände um den Mund schließend. »Hannes, hörst du mich?«
Maßlose Angst um seinen Jungen ließ seine Stimme beben. Kalte Schweißtropfen standen ihm auf der Stirn, und vorsichtig versuchte er nun, mit seinen Händen das Geröll herauszuheben. Aber immer wieder stürzte etwas nach.
»Bloß weil sie mit dem Bagger hier waren«, weinte Bambi, die sich nun an ihren Opa klammerte, der ebenfalls bereits zur Stelle war.
»Ruhe bewahren, Werner!«, sagte er zu seinem Schwiegersohn. »Wir dürfen nichts tun, was Hannes’ Leben noch mehr gefährden könnte. Wir müssen ganz vorsichtig und überlegt vorgehen.«
So ruhig, wie er sich den Anschein geben wollte, war er gewiss nicht, aber irgendwie war er doch wie ein Fels in der Brandung.
Nur Bambi konnte sich nicht beruhigen. Aber das war ja verständlich nach dem Schrecken, den sie erlebt hatte.
»Mein lieber, lieber Hannes«, wimmerte sie, »mein Brüderchen, wo ist denn nun dein Schutzengel? Warum hilft er Hannes nicht?«
Teresa von Roth hielt das zitternde Kind in ihren Armen. Sie selbst konnte auch nur mühsam die Tränen zurückhalten, aber damit wurde nichts besser.
Dr. Enno Riedel, von Ricky alarmiert, kam mit einer Schaufel, und wenig später hielten unten auch schon ein paar Wagen, Felix Münster und Harald Herwig, begleitet von ein paar Bauarbeitern, nahten, mit Lampen und starken Scheinwerfern ausgerüstet.
Wie schnell Felix Münster das alles organisiert hatte, darüber machte sich jetzt niemand Gedanken. Aller Sorge galt nur Hannes, von dem immer noch kein Lebenszeichen zu vernehmen war, und für den manch einer insgeheim das Schlimmste fürchtete.
*
Hannes hatte nicht gewusst, wie ihm geschah, als sich der Boden plötzlich unter ihm auftat. Er fiel, wohl nicht so sehr tief, doch er schlug mit dem Kopf an eine Holzplanke an und verlor das Bewusstsein.
Irgendein wunderbarer, unerklärlicher Zufall schleuderte ihn in eine Höhlung, bevor das Geröll herabstürzte. Er merkte das nicht, und als er zu sich kam, war es nachtdunkel um ihn.
Er musste sich erst erinnern, aber dann wurde er sich rasch der Gefahr bewusst, in der er schwebte.
In der Hosentasche musste er doch die kleine Taschenlampe haben, die Bambi ihm zu Weihnachten geschenkt hatte. Hoffentlich war sie nicht kaputtgegangen.
Er tastete mit der schmerzenden Hand, die aufgeschlagen war, in die Tasche und fand sie. Tatsächlich warf sie einen matten Lichtschein. Er musste sparsam umgehen, das wurde ihm bewusst.
Er erinnerte sich an einen amerikanischen Film, den er mal im Fernsehen gesehen hatte, wo auch ein Kind in ein Bohrloch gefallen war. Das hatte man auch befreit, und der Gedanke machte ihm Mut. Opa würde schon einen Weg finden, ihn hier herauszuholen.
Mit einem Arm tastete er sich vorwärts und fand keinen Widerstand. Also musste diese Höhle noch weiterführen. Wenn es nur nicht so dunkel gewesen wäre und er sich besser hätte bewegen können, aber sein rechtes Bein schmerzte höllisch.
Mit dem linken Fuß bohrte er im Geröll, doch gleich geriet es wieder in Bewegung. Wenn er es doch so weit herausbrachte, dass man es von oben sehen konnte. Wenn er rief, ob man ihn dann hörte? Aber Hannes wusste auch, dass Sprechen und Atmen Sauerstoff verbrauchten, und verhielt sich erst einmal ruhig. Er lauschte angestrengt und glaubte, Geräusche zu vernehmen, wie ein Knirschen.
Plötzlich stieß etwas an seinen Fuß. Schnell knipste er die Taschenlampe wieder an und sah etwas, das wie ein Rohr aussah. Und dann vernahm er die Stimme seines Vaters.
»Hannes, hörst du mich? Papi ist hier!«
Er schluchzte vor Freude auf.
»Ja, Papi, ich höre dich!«
»Bist du verletzt?«
»Ein bisschen, aber ich kann mich bewegen. Hier ist eine Höhle«, erwiderte er, und seine Stimme klang so dumpf, dass er sich selbst davor fürchtete.
»Verhalte dich ganz ruhig, mein Junge! Wir holen dich heraus! Beweg dich nicht, aber vielleicht kannst du noch etwas weiter zurückkriechen. Kannst du nach oben fassen?«
»Ja. Da ist es fest, wie Holz«, antwortete Hannes. »Ist Bambi heil?«
»Ja, sie hat uns gleich geholt.«
»Bin ich schon lange hier drin?«, fragte Hannes nun beklommen.
»Noch nicht so lange.« Werner Auerbach wollte dem Jungen nicht sagen, dass schon mehr als eine Stunde vergangen war, eine schreckliche, unendlich lang dünkende Stunde voll qualvoller Angst.
Nun richtete er sich zum ersten Mal auf. Auch seine Glieder waren steif, und ganz durchfeuchtet war er schon von dem nassen Erdreich. Aber das beachtete er nicht. Er dachte nur an seinen Jungen.
»Wir können vorsichtig beginnen«, erklärte er mit belegter Stimme. »Hannes hält sich tapfer. Beruhige dich, Inge, wir bekommen unseren Jungen wieder.«
Er konnte sie gar nicht anschauen, so elend sah sie aus. Und noch war nicht alle Gefahr gebannt.
»Es muss der Stollen sein, der zum früheren Drachenstein führte«, äußerte Magnus von Roth. »Wahrscheinlich ist er durch die Baggerarbeiten eingesackt.«
»Hannes hat gleich gesagt, dass sie uns unseren unterirdischen Gang kaputtmachen«, wisperte Bambi. »Ach, wenn er doch nur schon endlich wieder bei uns wäre, mein lieber großer Bruder. Wenn ich wenigstens bei ihm sein könnte!«
Angstschauer rannen Inge und auch den anderen über den Rücken bei diesem Gedanken. Es musste doch ein Schutzengel über sie gewacht haben, dass es nicht auch Bambi mit hinabgezogen hatte. Wo sollten sie dann nach den Kindern suchen?
»Wir sind sehr froh, dass du bei uns bist und uns zeigen konntest, wo wir Hannes finden konnten«, flüsterte Inge Auerbach und drückte das Kind an sich. »Er wird bald wieder bei uns sein.«
Sie sagte es auch sich selbst zum Trost, denn es sollte noch eine Stunde vergehen, bis sie den Stollen endlich freigelegt hatten, um dann auch an Hannes heranzukommen.
Aber er war inzwischen so schwach geworden, dass er sich nicht mehr aufrichten konnte. Die Luft war knapp, und seine Stimme wollte ihm nicht mehr gehorchen.
»Für einen Mann wird es riskant«, stellte der Bauführer fest. »Das Erdreich könnte wieder nachgeben, wenn ein Mann hinuntersteigt.«
»Ich kann es doch tun«, bot sich Ricky sofort an.
»Lieber ich«, meldete sich Bambi. »Ich bin klein und dünn, und Papi kann mich anbinden. Sagt mir, was ich machen soll mit Hannes.«
»Am ungefährlichsten wäre es schon«, meinte der Bauführer. »Die Kleine kommt leicht hinunter. Wenn sie sich nicht fürchtet?«
»Ich fürchte mich nicht«, versicherte Bambi. »Ich will meinen Hannes schnell wiederhaben.«
Inge begann wieder zu zittern. Teresa von Roth wandte sich ab, um ihre Tränen zu verbergen. Werner Auerbach schaute Felix Münster und seinen Schwiegervater hilflos an.
