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Isabels Leben ändert sich schlagartig! Bisher glaubte sie, den Gipfel ihrer Bemühungen erreicht zu haben, ist verheiratet mit dem geliebten Mann und glücklich mit ihren gemeinsamen Kindern. Sie studierte, war erfolgreich, beliebt bei Freunden und anerkannt bei Kollegen. Doch dann wirbelt die Wende ihr privates und berufliches Leben durcheinander. Sie erlebt eine Freiheit, die sie sich bisher nur erträumt hatte. Zum neuen erfüllten Arbeitsleben kommt eine romantische Liebe, die sie aus dem Alltagstrott reißt.
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Seitenzahl: 332
Veröffentlichungsjahr: 2017
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August 1993
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Auf die letzte Seite ihres Tagebuchs schreibt Isabel:
Ich träumte von einem Sonnenstrahl, der durch mein Fenster fiel. Mich blendete sein Licht, darum hielt ich meine Hände vor die Augen und versuchte, mich vor ihm zu schützen.
Aber je häufiger er mich beschien, desto mehr gewöhnte ich mich an ihn. Nun begann ich zu genießen, stellte mich vor das Fenster und sog die Wärme ein! Es war ein schönes Gefühl, so voller Leben im Jetzt und Hier. Ja, ich lebe mit meinen vierzig Jahren vielleicht zum ersten Mal bewusst.
Solange es nur in meinem Inneren geschah, blieb es der Welt verborgen – doch bald drängte es an die Oberfläche, an meinen Blicken, an meinem Lächeln sahen es auch die anderen. Meine arglose Person stand im Sonnenlicht und genoss das Glück!
Ich misstraute dem Strahl, der auch die beschien, die sich absichtlich in seinen Lichtkegel stellten, denn ich wollte seine Beständigkeit. Doch lässt sich Sonnenlicht in einer Truhe verstauen? Nun versuchte ich, den Strahl zu zwingen, doch da stand ich plötzlich im Dunkeln und eine Welle aus Schadenfreude schwappte über mich. Gern wäre ich zurück zum Anfang gegangen, doch ich war nicht mehr dieselbe, mein Leben hatte sich verändert.
Seltsam sind die Beziehungen der Menschen – ein zufälliges Ereignis genügt, um unbewusst eine Lawine zwanghaften Handelns auszulösen.
Als die Wende Ostdeutschland überrollte, war Isabel gerade vierzig geworden. Ihr Leben verlief bis dahin in geordneten Bahnen: Sie hatte studiert, arbeitete in einer kulturellen Einrichtung und war seit siebzehn Jahren mit dem Wissenschaftler Lukas verheiratet. Die zwei Kinder, Katharina und Kai, machten ihr Glück perfekt.
Solange die Kinder noch klein waren, lebten beide nach einem strengen Zeitplan: Während sie am Abend den Nachwuchs abholte, wühlte sich Lukas durch die Einkaufsschlangen in der Kaufhalle, wo man meist sogar noch nach Körben anstehen musste. Wenn Katharina und Kai im Bett lagen, erledigte Isabel ihre Studienaufgaben, denn sowohl Lukas als auch Isabel befanden sich jahrelang in mehreren Fernstudien. Oft musste Isabel auch abends noch zu Pflichtveranstaltungen in Hausgemeinschaft, Wohngebiet oder Betrieb, für die es nie eine Ausrede gab. Doch im Gegensatz zu Isabel, die das sehr belastete, plante Lukas die einfachsten Dinge des Lebens sehr akribisch. Er verschrieb sich einer Ordnung, nach der alles an seinem Platz liegen musste. Drehte sie beispielsweise seine Schere, die mit dem Griff immer nach links gerichtet auf dem Tischkalender lag, absichtlich in eine andere Richtung, dauerte es nicht lang und er schob sie wieder in die alte Stellung zurück. Seine Schrullen amüsierten sie. Drehte Isabel die Schere weg, schob Lukas sie wortlos retour. Wegen seiner Konsequenz und Zuverlässigkeit liebte sie ihn.
Als die Kinder größer wurden, kamen für Isabel Aufgaben für die Schulen hinzu. Sie war im Elternaktiv, plante für die Klassen Ausflüge, organisierte sie. Diese Aktivitäten sollten zum kollegialen Umgang miteinander beitragen. Das Kollektiv stand an erster Stelle! Dadurch festigte sich der Wille aller zum einheitlichen Handeln und war allgemein stark ausgeprägt. Wurde Hilfe gebraucht, halfen sich die Kollegen. Konkurrenzdruck gab es nicht, kein Arbeitsplatz war in Gefahr. Nachbarn oder Kollegen in Isabels Umfeld unterstützten sich bereitwillig – auch privat.
20. August 1989
Der Sommer neigt sich schon dem Ende und überall in den Straßen hängen Losungen. Die SED-Funktionäre bereiten mit andauernder optimistischer Medienpropaganda den 40. Jahrestag der DDR vor. Doch die Reaktion auf die gewohnten Parolen, die viel zu banal waren, als dass ihnen größere Bedeutung hätte beigemessen werden können, ist in diesem Jahr anders. Viele Menschen murren heftig, schimpfen über die Misswirtschaft, sind ungehalten wegen der Engpässe im Handel und wittern überall nur Schiebung! Sogar beim Kartenverkauf unserer Veranstaltungen vermuteten die Leute so etwas. Menschenschlangen vor den Kaufhallen und Kaufhäusern heizen die Stimmung weiter an.
Was hinter vorgehaltener Hand beklagt wird, bemängeln einige jetzt lauter, immer lauter! Da es sich aber meist um ganz konkrete Angelegenheiten handelt, fällt es der Staatsmacht schwer, offiziell dagegen vorzugehen. Niemand konnte mit Bestimmtheit sagen, woher dieser plötzliche Unmut kam oder wer ihn steuerte. Unverhofft liegt ein stummer, aber undurchdringlicher Widerstand wie ein Dunstschleier in der Luft und verdüstert den Blick der Leute.
9. November 1989
Heute war ich in Berlin, sollte mit einer Kollegin im »Palast der Republik« Absprachen für das Bühnenbild zur Weihnachtsshow treffen und stieg schon um acht Uhr in Lichtenberg aus dem Zug in die S-Bahn um.
Als ich das Bahnhofsgebäude am Ostbahnhof verließ, fegte ein frostiger Wind um die Häuserecken und es schien, als hätte er ebenfalls alle Leute von der Straße geweht, denn die sonst so dicht gedrängten Gehsteige waren an diesem Vormittag menschenleer. Ab und zu begegnete mir eine Person mit hochgeschlagenem Jackenkragen und verkniffener Miene. Eigentlich hätte ich mir die Fahrt dahin sparen können, denn im »Palast der Republik« herrschte gerade Ratlosigkeit wegen der Unruhen am Prenzlauer Berg. Dort hatte die Polizei am Vorabend die Demonstranten zusammengeschlagen. Sogar Verletzte gab es, munkelten die Kollegen dort, aber offiziell wusste keiner etwas Genaueres. Das alles wirkte beklemmend auf mich, machte nachdenklich. Dann aber am Abend die unglaubliche Meldung von der Grenzöffnung, allgemeine Erleichterung und stundenlanges Fernsehen!
Die Luft war aufgeladen wie vor einem Gewitter. Und nachdem die Mauer fiel, kann sich kaum jemand noch die Euphorie vorstellen, die die Bevölkerung Ostdeutschlands erfasste. Es war die Zeit des Aufbruchs und die Zeit der Hoffnungen, man glaubte an Wunder!
Natürlich hatten weder Isabel noch ihre Kollegen je ein anderes politisches System erlebt. Ein Wechsel schien nach vierzig Jahren Sozialismus geradezu undenkbar. Vielleicht, so dachten sie, bekamen die wachsamen Aufsichtskräfte das Feuer bald wieder unter Kontrolle, und es regierte dann wieder der alte Trott. Der alte Trott war ein ruhiges, bescheidenes Leben nach fest vorgegebenen Regeln. Stürme von außen drangen nur als Information über Radio oder Fernsehen zu ihnen. Das wirkte unrealistisch wie Filmgeschehen und die westliche Werbung, die nur abends zur immer gleichen Zeit über den Bildschirm flimmerte, konsumierten sie als Hauch der großen weiten Welt.
Während die alte Regierung zerbröckelte, zogen sich auch die Stadtobersten zurück. Bürgermeister und die Stadträte wurden entlassen, und in das entstandene Vakuum wählten die Abgeordneten Isabels Lukas übergangsweise zum neuen Stadtoberhaupt. Er sollte dafür sorgen, dass das führerlose Schiff nicht strandete und die öffentlichen Gebäude und Mittel und nicht an Spekulanten fielen.
13. Februar 1990
In unserer Abteilung gab es einen Grund zur Freude. Wir bekamen eine Fotoausstellung aus unserer neuen, nicht ganz unbedeutenden Partnerstadt aus Westdeutschland.
Auf die Begegnung mit den westdeutschen Berufskollegen freuten wir uns schon und waren sehr gespannt. Wie mochten sie sein die anderen Deutschen? Alle Kollegen des Hauses, die bei der eigenen Arbeit abkömmlich waren, halfen beim Aufbau der Ausstellung mit. Es war ein vorsichtiges Kennenlernen, aber wir holten die »Wessis« gleich an unseren gemeinsamen Kaffeetisch. Da wich ihre Befangenheit. Dass Chefs mit ihren Mitarbeitern in den Pausen an einem Tisch saßen, erstaunte die Westdeutschen sehr. Im Gespräch wurden wir gefragt: »Müsst ihr hungern, seid ihr nicht sozial abgesichert, geht es euch schlecht?«
»Nein«, antworteten wir, »Wir wollen auch mal eure tollen Produkte kaufen.«
»Ach, ihr wollt nur unseren Wohlstandsmüll haben? Unsere Waren sind nichts Besonderes. Es gibt sie auf der ganzen Welt, ob in London oder Paris, immer gleich! Aber eure Eigenständigkeit und euren Zusammenhalt, den müsst ihr dann auch aufgeben sowie eure Arbeitsstellen!«
»Unsere Arbeitsstellen?«, ereiferten sich die Kollegen. »Wir werden nicht entlassen, denn wer arbeiten will, bekommt auch Arbeit!«
Für die junge Begleiterin des Fotografen war die DDR nur Ausland. Sie stand der ganzen Diskussion am Tisch ziemlich gleichgültig gegenüber. In der Pause suchte sie ein Telefon und rief: »Ich will nach Deutschland telefonieren!« »Aber wir befinden uns doch in Deutschland«, berichtigte sie Isabel.
Die junge Frau sah ungläubig zurück, sie kannte das ehemalige Großdeutschland nur aus den Geschichtsbüchern und für Menschen in der »Zone« hatte sie sich nie besonders interessiert. Isabel vermutete, dass dieses Land für sie genau so fremd war wie Haiti oder Tunesien oder vielleicht noch ein bisschen fremder …
1990 war Deutschland wieder vereint. Doch von den täglichen Veränderungen waren die Ostdeutschen so in Anspruch genommen, dass sie kaum mitbekamen, wie es den Nachbarn erging – alles befand sich im Wandel. Ungewöhnlich für sie war nur, dass überschüssiges Personal nicht mehr in andere Bereiche oder Betriebe umgesetzt, sondern einfach entlassen wurde. Das fiel kaum auf, weil sich der heimische Arbeitsmarkt sowieso gerade in Auflösung befand.
Isabel genoss das Abenteuer und freute sich über den strukturellen Wandel, denn wer konnte schon parallel im gleichen Augenblick das komplexe Handeln einer Generation, einer ganzen Gesellschaft im Zusammenhang begreifen?
14. März 1990
Ich leite seit Jahren einen Sektor im Kulturhaus, zu dem nicht nur die Besucherarbeit, sondern auch die Werbung und Ausstattung der Veranstaltungen gehören. Doch infolge des Interessenumschwungs und der beruflichen Unsicherheit blieben für mich die Besucher aus und unsere Veranstaltungssäle leer. Wie sollte es mit unserer Kultureinrichtung bloß weitergehen? Die allgemeinen Emotionen der Kollegen brodelten im Kessel wilder Spekulationen. Darum setzte die Belegschaft bei einer Versammlung den alten Kulturchef einfach ab und schon einen guten Monat später verband sich die Einrichtung mit dem örtlichen Theater.
Eine ungewohnte Entlassungswelle reduziert nun auch hier die Mitarbeiter. So automatisch verschlechtert sich das Betriebsklima, das sich fast schlagartig dem Prinzip der persönlichen Selbsterhaltung unterordnet, und ich staune nicht schlecht, wie schnell sich der Mensch im Allgemeinen und der Kollege im Besonderen verändern und den neuen Bedingungen anpassen kann. Auch die ehemaligen Genossen arrangieren sich schnell mit der neuen Macht und preisen jetzt die Marktwirtschaft in den höchsten Tönen. Genauso wie sie zuvor ihre Parteiparolen gepriesen hatten. Niemand wollte mehr etwas von Kollektivgeist hören und das soziale Gefüge von einst, in dem man sich unterstützte, gemeinsam etwas unternahm, zerfiel über Nacht in viele kleine Einzelteile und Einzelkämpfer, die nun um die noch verbliebenen Posten mit höchst fragwürdigen Mitteln wetteifern. Die cleversten Zeitgenossen stellen ihre Fähigkeiten ins rosigste Licht, bringen um des eigenen Vorteils willen selbst langjährige Kollegen in Verruf und liebedienern vor dem neuen Chef, dem Intendanten. Ich habe das Gefühl, als änderten Metallspäne auf einer elektrischen Versuchsplatte bei Wechselstrom spontan die Richtung zum anderen magnetischen Pol. Es geht gar nicht mehr um moralische Werte, die vorher so wichtig gewesen waren, es geht auch nicht mehr um Zusammenhalt, sondern nur noch um den eigenen Arbeitsplatz.
Irgendwann sprang Isabel auf den Zug der Veränderung auf, verließ ihren Bereich Öffentlichkeitsarbeit, wo sie neuerdings nur noch um die Besucher buhlen musste, denn die Bevölkerung befand sich im Kaufrausch, benommen von den Westprodukten. Darum widmete sie sich lieber ihrem Wunschberuf und einer künstlerischen Tätigkeit.
1. Juni 1991
Ich habe die Gelegenheit genutzt! Endlich kann ich künstlerisch-praktisch arbeiten, und fühle mich frei von jeglichen Zwängen – alles scheint möglich!
Auch meine Mitarbeiter sind bereits aufgeteilt worden: Annie und Gisa bleiben in der Sichtwerbung des Theaters, eine Kollegin übernimmt die Besucherwerbung und eine andere wird Pressesprecherin, und ich ziehe mit Dolly, Nina und Lisa in die große Baracke des Malsaals um. Dort arbeitet bereits die 22-jährige Jule an der Nähmaschine. Sie war von der alten Theatermannschaft als Einzige übriggeblieben. Der Intendant fand wohl Gefallen an ihrem kessen Auftreten. Wieder beisammen witzelten die gleichaltrige Lisa und Jule meist nur herum, verstanden sich wie zwei linke Latschen, hatten vor wenigen Jahren eine gemeinsame Lehre abgeschlossen.
Wir müssen fast jedes Wochenende arbeiten. Noch laufen neben den Theaterveranstaltungen die Verträge des alten Kulturbetriebs.
Das gefiel der cleveren Lisa nicht mehr, darum machte sie abends in der Kneipe kurzerhand dem amtierenden Ausstattungsleiter »schöne Augen«, und der erkor sie gleich zu seiner persönlichen Assistentin! Nun bestand Lisas Aufgabe hauptsächlich darin, in den Proben zu sitzen und Beanstandungen an die Ausstattung weiterzuleiten. Nicht nur das alte, sondern auch das neue System hatte sie verstanden!
Wir kommen in Bedrängnis, denn fast alle ostdeutschen Betriebe stellen ihre Produktion ein. Das bedeutet für uns, dass wir die neuen Materialien erst ausprobieren müssen. Das Materialangebot ist plötzlich unwahrscheinlich groß!
Der Intendant höchstpersönlich rief Isabel zu sich. Er sagte, sie würde einen neuen Mitarbeiter bekommen. Der junge Mann sei vom Studium zurückgekehrt.
»Übernehmt ihn«, meinte er, »Jan wird euch Frauen im Malsaal guttun!« Dolly war da anderer Meinung. Sie wusste, dass er kam und ging, wie es ihm beliebte. »Er hält nichts von unserem Arbeitsrhythmus«, meinte sie. »Such jemand anderen für die freie Stelle.«
»Ach Quatsch«, sagte Isabel. »Das bekommen wir schon hin!«
1. September 1991.
Heute stand Jan im Malsaal. Er arbeitet schnell und gut. Ich weiß nicht, was Dolly will. Jedenfalls klappt alles viel besser, seitdem er da ist! Seine künstlerische Begabung, sein stilles Wesen und vor allem sein unerwartetes Engagement für meine Aufgaben sind mir sehr angenehm – Ich fühle mich verstanden, so ist noch nie jemand auf mich eingegangen! Bei ihm habe ich das Gefühl, mich im Zentrum seiner Aufmerksamkeit zu befinden.
Mein lieber Lukas ist als Wissenschaftler immer viel beschäftigt. Er betrachtet die übrige Welt sowieso stets mit nüchternem Zynismus und kühler Distanz. Obwohl ich mich von ihm geliebt fühle, schränkt er mich gern ein. Vernünftig soll ich immer sein, mein Temperament zügeln, die Bedürfnisse einschränken oder immer auf irgendjemand Rücksicht nehmen. Das macht mich manchmal wirklich mürbe …
Vielleicht war es gelogen, dass Isabel nie auf Äußerlichkeiten achtete, aber wichtig war ihr besonders der Charakter. Weil er solche Ruhe ausstrahlte, sah sie Jan gern bei der Arbeit zu. Dickes blondes Haar fiel ihm in kleinen Wellen auf die Schultern. Er war schlank, und obwohl er seinen Körper zu pflegen schien, hing die Kleidung nachlässig von ihm herab. Meist klebten hohe Wildlederschuhe an seinen Füßen. Manchmal mochten sie ihn sogar beim Laufen behindern, denn wenn er unsicher wurde, lief er in hektischer Eile davon, das eine Bein mit dem anderen überspringend. Dann erinnerte sein hüpfender Gang Isabel an die Bewegung eines flügellahmen Vogels. War er aufgebracht, bekam seine Stimme einen metallischen Klang. Mit ihr sprach er leise, fast sanft. Manchmal presste er seine Lippen qualvoll aufeinander. Dann schien es ihr, als läge ein geheimer Kummer auf ihm. Fast kitschig romantisch wirkten dann seine Züge.
22. September 1991
Es macht Spaß, mit Jan zu streiten, über künstlerische Standpunkte zu diskutieren. Oft versucht er, mir die größten Dummheiten aufzutischen. Schweige ich dazu, fragt er: »Nein, nicht?«, und ein breites Lächeln folgt. Auch er beobachtet mich ungeniert. Es ist mir manchmal peinlich, wenn er mich lange ansieht, das verunsichert mich. Manchmal errät er, was ich nicht ausspreche. Wir verstehen uns ausgezeichnet in der Wortspielerei. Es gibt Situationen, da nimmt er mir einfach den Pinsel aus der Hand und malt an meiner Arbeit weiter – so als wären wir zwei Verschworene, zwei Verbündete, hätten eine Seele. Es ist nicht nur ein Verstehen, es ist ein Begreifen des anderen in seinem ganzen Wesen!
Dann denke ich: Wie kann das nur sein, dass ein Mensch mit mir auf der gleichen Wellenlänge schwingt, als würden wir uns mehr als hundert Jahre kennen. Es ist nicht nur ein Verstehen, sondern es ist ein Begreifen des anderen in all seinen Empfindungen, ein Erfassen seines ganzen Wesens!
Und weil ich von ihm nie genug bekommen kann, treibe ich es auf die Spitze, halte mich stundenlang bei ihm auf, arbeitete nur noch an seiner Seite, will auf ihn nicht mehr verzichten. Denke, was ist schon dabei, hier im Malsaal soll Jan mir gehören. Betrachte ihn wie einen herrenlosen Hund, den man in seine Obhut nimmt? Ja, er scheint mir zugelaufen zu sein!
Ende September drängte die Zeit, die Ausstattung der neuen Produktion sollte eingerichtet werden und musste bis Montag auf der Bühne sein.
Jan, Isabel und Nina arbeiteten am Rückprospekt. Es war 24 Meter in der Länge und neun Meter in der Breite, eigentlich viel zu lang für die vorhandene Fläche des Malsaals.
Jan ging gleich mit einer Fülle neuer Ideen an die Aufgabe heran, die Vorschläge sprudelten nur so aus ihm heraus. Ihr machte es Spaß, ihm zuzusehen, denn bei Jan lief alles immer ganz spielerisch ab. Zeitweise hatte Isabel das Gefühl, dass er das ganze Leben nur als Spiel betrachtete. »Soll ich helfen, Meistro?«, fragte sie scherzend. »Nur zu, nur zu!«, erwiderte er ernst. Er hatte nicht einmal gezögert und redete wie ein Maler aus dem Mittelalter. Das verblüffte sie, kam ihr seltsam vertraut vor. Kannte sie ihn etwa aus einem früheren Leben? Ihr wurde schwindlig.
3. Oktober 1991
Alles war eine Sache des Einfühlungsvermögens, Handgriffe spielten ineinander, Worte brauchten wir nicht. Ich betone es überschwänglich – es ist das pure Glück!
Zuerst spannten sie das große Bodentuch und grundierten es. Dann suchten sie kleine Steine, die sie über den Vorhang streuten. Danach holte Jan seine Spritzpistole und fing an, die gut verteilten Steinchen zu bespritzen. Bei der nächsten Aktion musste Nina ihm zur Hand gehen. Diese von Jan diktierte Unterordnung behagte Nina nicht. Sie half lustlos, denn sie ließ sich ungern bevormunden. Ihr Lieblingswort hieß »akkurat«. Mit diesem Wort beschrieb sie einen Zustand höchster Qualität! Nina war eine stille ukrainische Schönheit von dreißig Jahren. Hinter ihrem introvertierten Wesen steckte viel Leidenschaft. Ihr schwarzes, nach hinten gekämmtes Haar gab ihr ein madonnenhaftes Aussehen. Sie trug es meist zum Nackenschwanz gebunden. Um sich verbreitete sie immer eine geheimnisvolle Aura. Die Männer der Technik bewunderten sie und machten ihr gern Komplimente. Nina lebte seit einigen Jahren mit ihrem deutschen Mann und der gemeinsamen Tochter in der Stadt. Doch privat schien sie nicht besonders glücklich, denn ihr Mann war arbeitslos geworden. Jetzt erreichte die Ostdeutschen diese Erscheinung.
Nach getaner Arbeit holte Jan etwas Essbares vom Stand und brachte auch eine Flasche Wein mit.
»Etwa dein Einstand?«, fragte Isabel. Er schmunzelte. Nun saßen sie zu Dritt im gemütlichen Aufenthaltsraum und Nina steuerte zur allgemeinen Unterhaltung einen Psychotest bei. Mit dessen Hilfe hoffte Isabel Jan besser einzuordnen.
Sie erläuterte kurz den Sachverhalt, und Jan zeichnete Symbole auf ein Blatt. Er spielte gleich mit vollem Einsatz, lächelte Isabel lange an und zeigte ihr damit seine Sympathie. Sie liebte bei Männern eine freundliche Zurückhaltung, aber so viel Aufmerksamkeit ließ sie sonst nicht zu. Es verunsicherte sie, denn sie fühlte sich nicht schön, fand sich zu dick. Also wusste sie nicht, wie sie darauf reagieren sollte.
Dennoch belächelte sie Jans Testergebnis: Er entpuppte sich als häuslich und egozentrisch. Nina kommentierte: »Du stehst im Mittelpunkt deines Denkens, andere haben kaum Zutritt zu dir und du bist auf materielle Sicherheit aus. Der Baum bedeutete deine Partnerin, die Schlange Liebesfähigkeit. »Aber Jan, was machst du?«, rief Nina erschrocken. »Du tötest ja deine Liebe! Deine Schlange liegt von Autoreifen zerfahren auf der Straße.« Jan schmunzelte verlegen. Seine Berge hatten zum Erstaunen der Frauen weiße Spitzen und wiesen auf stark wechselnde Stimmungen hin. »Extreme Vereisung«, meinte Nina. »Wenn du sauer bist, möchte ich dir nicht begegnen, und ich möchte auch nicht von dir geliebt werden!« Jan lachte und Isabel auch. Sie lachten überhaupt sehr viel an diesem Abend.
Auf Isabels Zeichnung stand ein Haus mit Veranda, an dem die Straße vorbeilief. Nina meinte nur: »Das Haus bist du, die Straße dein Leben. Durch die Veranda verbirgst du gern deine Gefühle, sie unterliegen deiner strikten Kontrolle.« Nina hatte recht. Isabel spielte sich so, wie man es von ihr erwartete. Diese Unterordnung schien anerzogen. »Kannst du einem Menschen vertrauen?«, fragte Nina.
»Ich erwartete bedingungslose Liebe!«, meinte Isabel. »Aber Lukas vertraue ich, er ist meine gemusterte Schlange, die ihren Baum fest umschlungen hält. Meine Liebe gehört ihm!«
»Pass bloß auf dein Geld auf, Isabel. Lass dir nichts wegnehmen«, kommentierte Nina. »Binde bloß deinen Geldsack zu!« Als sie aber den dicken Baumstumpf sah, dessen Wurzeln am Rande des Weges lagen, rief Nina entsetzt: »Isabel, was ist mit deinem Leben? Bring das bloß in Ordnung!«
Isabel wundere sich, denn sie sah sich keiner bedrohlichen Situation ausgesetzt. Ihre Familie, Lukas, Katharina und Kai, waren ihr sicherer Hort. Bei ihnen fühlte sie sich geborgen. Ihr gemeinsames Leben betrachtete sie als grüne Insel inmitten einer vom Sturm durchpeitschten See. Die See war wohl der Stress des Alltags. Sie musste funktionieren. Um Sechs Uhr war sie morgens mit den Kindern zu Kinderkrippe oder Kindergarten gehetzt, abends nach 17 Uhr holte sie beide wieder ab. Das frühe Aufstehen, das Studium, die Abenddienste, die Sonn- und Feiertagsarbeit erledigte sie zuverlässig – Haushalt und Kindererziehung liefen fast nebenbei.
Seltsamerweise bekam sie manchmal panische Angst vor fremder körperlicher Nähe, ließ außer ihrer Familie nie jemanden zu nah an sich heran. Vertraulichkeiten von Männern fand sie immer schon plump und unangenehm. Um dafür keinen Anlass zu geben, aß sie in pubertären Jahren nur so um sich herum und hatte sich bald ans Essen gewöhnt. Es geschah nicht vorsätzlich, aber sie setzte sich wohl so gegen die Kriegsgeschichten gedemütigter Frauen zur Wehr, die sie in ihrer Kindheit von der Oma zu oft zu hören bekam. Gewalt und Lüsternheit ertrug sie nicht. Begegneten sie ihr doch, verfiel sie in unkontrollierbare Aggression. Männer mit lauten Stimmen fand sie roh, verabscheute sie, verhöhnte sie gern, um ihr Geschlecht zu bestrafen. Wegen begangener Frevel in der Kriegszeit.
Lukas war anders. Er hatte eine gehörige Portion Humor. Ja, ihre burschikose Art amüsierte ihn. Es machte ihm große Freude, ihr immer neuen Zündstoff für ihre überdrehten moralischen Ansichten zu liefern, um sie damit aus der Fassung zu bringen. Schlug ihr vor, eine Bande zu gründen, die im Hinterhalt lauert und sich jeden Rüpel einzeln vornimmt, ihn wenn nötig verprügelt.
Das nahm ihrer Verbitterung die Schärfe, lockerte die Situation auf. Lukas und Isabel waren immer ehrlich zueinander, das war ihre Grundregel, Prinzip ihrer Familie. Alles war besser als eine Lüge! Lügen könnte man sich gegenseitig nicht verzeihen, die Tat schon. Isabel hätte auch keinen Mann gewollt, dem sie nicht bedingungslos vertrauen konnte und er erwartete es auch von ihr.
Bloß Lukas war äußerst ungesellig, ging niemals mit ihr auf Feste oder Feierlichkeiten, denn überflüssiges Gerede lag ihm nicht, die wissenschaftliche Arbeit war ihm Entspannung und jede gesellige Vergnügung ein Zwang!
Isabel steckte er gerne in eine emotionelle Zwangsjacke. Ständig musste sie ihr Temperament zügeln, ihr Bedürfnis nach Zärtlichkeit einschränken. Stets hatte sie Rücksicht zu nehmen auf ihre Eltern, ihre Kinder, den Beruf und ihre dauerhaft schlechte Finanzlage wegen dem schlechten Verdienst in der Kulturbranche. Also gab sie es auf, zu hoffen, war bereit, ihre Pflichten zu erfüllen – auch alt zu werden. Jan hingegen gab ihr jetzt ein gutes sinnliches Gefühl. Er entkrampfte ganz nebenbei ihre angespannte Körperhaltung. Nahm ihr lachend die anerzogenen Vorurteile und zeigte ihr eine frohe und unbefangene Lebensart. Unbewusst lockerte er ihre Verklemmungen und zerstreute ihre kleinlichen Ängste. Bei ihm verlor sie an diesem Nachmittag all ihre gehüteten Bedenken.
Es wurde Oktober und Isabels Gemütsverfassung blieb unverändert: Sie strahlte den ganzen Tag und steckte alle Kollegen mit ihrer guten Laune an. In ihr wuchs täglich das Glücksgefühl! Während sie auf der Arbeit Freude empfand, fühlte sie sich zu Hause überfordert.
7. Oktober 1991
Mit dem Umzug in die neue Wohnung fühle ich mich richtig erschlafft. Lukas ließ mich im Stich und fuhr drei Wochen zur Tagung in den Westen. Ich gönnte mir keine Pause. Abends nach der Arbeit belud ich mein Fahrrad mit Arbeitsutensilien und pendelte zwischen den beiden Stadtteilen, die etwa eine gute halbe Stunde voneinander entfernt liegen, hin und her. Sogar einen großen Farbeimer hievte ich auf den Gepäckträger, steckte dicke Pinsel und eine lange Rolle unter den Arm, fuhr zu den leeren Räumen, um alles allein zu renovieren. Nach zwei Stunden wurde es schummrig und ich konnte nichts mehr sehen, denn nur im Bad befanden sich Lampen. Um für die Renovierung wenigstens etwas Licht zu haben, borgte ich mir von der Bühnentechnik einen großen Scheinwerfer und trug ihn zum neuen Heim.
An den Wochenenden kam Lukas von seiner Tagung zurück und bestimmte den Umzugsablauf. Gläser, Schüsseln oder andere Gegenstände durfte ich nicht in Papier verpacken, sondern musste alles in große Wäschekörbe stellen, die mit dem Auto in die neue Wohnung abtransportiert wurden. Dadurch ging Verschiedenes zu Bruch oder fand sich erst gar nicht wieder an. Ich hatte keine Lust, mich deswegen mit Lukas zu streiten. Kai spielt schon seit Wochen den Beleidigten, weil er mir vorwirft, dass ich ihn aus seiner gewohnten Umgebung herausgerissen hätte. Katharina lief recht hilflos durch die leeren Zimmer und wusste nicht so recht, wo sie anpacken sollte. Nach weiteren Tagen redeten sich beide Kinder mit Schulverpflichtungen heraus.
Isabel wusste, dass sie Lukas zu nichts zwingen konnte, er machte sich niemals Stress. So richtete sie die neue Wohnung, soweit es ging, alleine her, denn sie wollte immer stark und unabhängig sein. Das wollte sie jetzt ihrer Familie beweisen. Trotzdem störte sie sein Desinteresse. Er beachtete ihre Leistungen kaum. So stellte sich für sie allmählich eine gewisse Ehemüdigkeit ein.
10. Oktober 1991
Nun halte ich es zu Hause nicht mehr aus. Abends zieht es mich durch die Straßen, um allein zu sein – mit mir und meinen Gedanken. Fern von der bedrückenden Enge der Wohnung, den Aufgaben in meiner Familie – ich wünsche mich weit weg vom häuslichen Einerlei!
Im allgemeinen Durcheinander ihrer Empfindungen überfiel Isabel eine Magengrippe. Sie nahm innerhalb kürzester Zeit zehn Pfund ab. Für sie ein Wunder, denn sie hätte nie geglaubt, dass sie ihren Körper nach den vielen gescheiterten Diäten noch verändern könnte. Außerdem glaubte sie nicht an sich selbst, glaubte, ihr Körper sei unattraktiv. Hatte sich in ihrem eingebildeten Selbstbild verkrochen. Woher das kam? Eine gefühlte Minderwertigkeit aus Kindertagen, Vorwürfe, die sie nie verarbeiten konnte, hatte sie immer noch nicht abgelegt. Aber als sie feststellte, dass es doch möglich war, sich zu verändern, und dass nichts für immer bleiben musste, begann sie ihren Körper zu lieben. Alle schamhaften Beklemmungen wegen eingebildeter Körperfülle fielen ganz von selbst von ihr ab und sie aß nur noch bewusst.
17. Oktober 1991
Mein wahres Leben spielt sich jetzt nur noch im Malsaal ab. Ich freue mich auf jede Begegnung mit Jan, und er hilft mir bei allen kniffligen Angelegenheiten. Seine Konzentration auf die Dinge, mit denen er sich beschäftigt, sowie seine sichere künstlerische Begabung wirken sehr anregend auf mich. Ich bilde mir manchmal ein, er ist für mich vom Himmel gefallen! Ich vertraue ihm vorbehaltlos. Er hat es geschafft, dass ich nicht mehr in den Tag hineinlebe. Plötzlich nehme ich alles um mich herum wahr und genieße die Gegenwart, seine Gegenwart! Von ihm lerne ich die Ausdauer, die mir bisher gefehlt hat. Er kitzelt aus mir die Freude am Schaffensprozess heraus und zeigt mir, wie schön der Alltag sein kann!
Ein ungewohnter Zustand überfiel Isabel. Sie glaubte, auf Eiern zu tanzen, die ganze Welt schien rosarot, genauso, wie der milde Herbst, dessen kunterbuntes Laub nun unter ihren Füßen raschelte. Selbst die Luft war immer noch sommerlich mild und es roch nach wohliger Erntefrische.
Wie so oft ging sie am Spätnachmittag über den Innenhof zu den angrenzenden Werkstätten. Es war schon schummerig geworden und der Duft versetzte sie in einen mysteriösen Rausch. Durch die erleuchteten Malsaalfenster drang geheimnisvolles Dämmerlicht auf die im Viereck aufgestellten Gartenbänke, dem einst lauschigen Ort vergangener Sommertage, wo Isabel und die Kollegen gern die Pausen verbracht hatten. Ein geschäftiger Schatten hantierte hinter den Scheiben. Seine Bewegungen waren ihr sehr vertraut. Dort malte Jan mit seinem langstieligen Pinsel auf der Bodenfläche. Nachdenklich blieb sie stehen und sah ihm zu. Mit einem Male fühlte sie sich so leicht, als könnte sie vom Boden abheben. Angenehme Wärmeschauer rannen durch ihre Glieder und sie begriff: Das hier war ihr kleines Paradies. Endlich schien sie angekommen am Ziel ihrer Reise, hier fand sie ihre Aufgabe, ihren Lebenssinn! Was sollte sie sich noch wünschen? Sie hatte die künstlerische Arbeit – und Jan! Und während sie noch darüber grübelte, was mit ihr geschah, ließ sie es zu, dieses Gefühl, das man wohl Liebe nennt. Sie dachte, warum denn nicht, es muss ja niemand wissen, was kann mir schon passieren? Und sie gab der spontanen Emotion nach, vergaß, wer sie war, was sie war, kannte keinerlei Verpflichtungen mehr, denn dieses Gefühl war stärker als der Verstand, wurde ihr herbstliches Frühlingsgefühl.
31. Oktober 1991
Solange ich Jan sehe, ist die Welt für mich in Ordnung. Er lässt sich von keinen Zwängen einschüchtern und seine unbeschwerte Lebensart beeindruckt mich sehr! Doch er fehlt mir an den Wochenenden, dann leide ich wie ein Drogensüchtiger unter Entzugserscheinungen, kann mich auf nichts anderes konzentrieren, meine Gedanken kreisen um Jan, der von allem nichts zu ahnen scheint. Doch, wenn ich Lukas und die Kinder sehe, fühle ich mich unsicher, glaube, sie zu verraten, habe ein schlechtes Gewissen und bin ganz aus der Bahn gebracht! Aber muss es denn jemand mitbekommen? Ich bin doch selbst von dem Gefühl überrumpelt worden, befürchte, Lukas damit zu schaden, aber ich liebe auch ihn, er ist mir wichtig! Im Grunde ist es nur ein Traum, ich bin schon immer eine »Isabel-guck-in-die-Luft« gewesen, eine, die nie aufgehört hat zu träumen. Ständig jage ich neuen Ideen nach, ohne an ihre Verwirklichung zu glauben. Habe ich Angst vor der Enttäuschung oder Angst vor Konsequenzen? Es genügt doch, wenn ich mit Jan arbeiten kann, wir uns gut verstehen – das macht mir Freude. Nur eine Affäre kann ich mir nicht leisten, habe zu viel zu verlieren. Was soll dabei rauskommen? Jan ist zu jung.
Dennoch sehnte sich Isabel so stark nach Jan, dass sie abends wieder ziellos in der Stadt herumirrte. Nur auf eine zufällige Begegnung hoffend, um irgendwo seine Nähe zu spüren.
Natürlich blieb es Lukas nicht verborgen, wie Isabel sich veränderte. Unvermutet litt auch er unter diesem Zustand, in dem sie sich von ihm abwendete, er ihr gleichgültig wurde. »Du tust mir weh«, sagte er eines Tages zu ihr. Sie stutze, fragte sich, ob es ihm was ausmachen würde, wenn sie mal nicht bei ihm sei. Schon lange fühlte sie sich wie ein Stück aus seiner Sammlung, gleichrangig mit Büchern und Antiquitäten. In dieser neuen, ungewohnten Situation zog sich Lukas zurück, verschloss sich verletzt. Aber als er sah, wie sie litt und dass sie völlig verunsichert war, nahm er sie einfach in die Arme und tröstete sie. Das tat ihr gut. Er war jetzt lieb und einfühlsam zu ihr. Mit ihm verbanden sie Gespräche, Erlebnisse, die gemeinsamen Kinder und viele Ehejahre! Aber kann man seine Gefühle auf Dauer unter Verschluss halten?
»Ich halte dich nicht«, sagte Lukas. »Tu, was du tun musst, geh zu ihm. Aber wenn du gehst, gibt es kein Zurück mehr! Dann ist es für immer mit uns vorbei! Die Kinder und ich nehmen dich dann nicht wieder bei uns auf!«
Ja, die Kinder wären bestimmt auf seiner Seite. Isabel wusste, dass er es ernst meinte.
2. November 1991
Inzwischen ist es richtig kalt geworden, der November hält Einzug. Unfreundlich fegt der Wind die letzten müden Blätter von den Bäumen. Sie haben nun nur noch ein mattes Gelb. Ich arbeite mit Jan jetzt am Weihnachtsmärchen. Es macht wie immer großen Spaß. Ich genieße es einfach und werde nicht weiter darüber nachdenken. Ich kann gar nicht anders, es zählt nur das Jetzt.
Draußen stürmte es mächtig. Isabel stand im warmen Malsaal und schnitt verschiedene Tierfiguren aus Styropor halb plastisch zurecht. Sie sollten wie Reliefs wirken. Jan bemalte sie anschließend und ließ die Wasserfarbe wie bei einem Aquarell kunstvoll zerlaufen. Da die Farbe ab und zu trocknen musste, setzte er sich auf einen Stuhl und beobachtete Isabel. Sie fand, er starrte sie an, denn seine Blicke waren ungeniert, forderten sie heraus. Wenn sie zu ihm herübersah, strahlten seine grauen Augen wohlwollend zurück und machten keinen Hehl daraus, dass sie ihm gefiel. Es wurde ihr peinlich, solche Blicke hatte sie bei anderen Männern nie zugelassen, denn sie wollte keine Begehrlichkeiten wecken.
Schnell neckte sie Jan mit allerlei Kunstbetrachtungsweisen. Schon auf die Frage: »Was ist Kunst?«, antwortete er widersprüchlich, behauptete beispielsweise, dass es Qualitätsunterschiede bei den Malern gab.
»Mir gefallen auch nicht alle, trotzdem sind es Kunstwerke. Eine Person gleicht auch nicht der anderen, jeder drückt sich anders aus. Du hast auch deinen eigenen Stil, und das Bild, das du dir gerne ansiehst, muss einem anderen Betrachter gar nichts geben. Mir bringt Kunst Anregung und Entspannung. Die Ausstrahlung eines Werkes ist die bewusste Reflexion vom Sender zum Empfänger auf ganz bestimmter Frequenz. Bloß du musst, kannst nicht jede Frequenz empfangen!«
»Nein, es gibt nur Kunst oder Stümperei!«, behauptete Jan bockig. Isabel begann sich zu amüsieren.
»Na, wer ist nach deiner Meinung eigentlich der größere Künstler van Gogh, Degas, Chagall, Rubens oder Rembrandt?« Keine Antwort. Jan ließ sich auf keine weitere Konfrontation ein. »Siehst du nicht, dass jeder für sich steht? Akzeptiere endlich, dass es immer mehrere Wege gibt. Ein Kunstwerk geht über das Alltagsbewusstsein hinaus – löst Gefühle, Gedanken bei jedem Menschen auf unterschiedliche Weise aus. Man muss nicht jedes Bild schön finden!«
Jan ignorierte es und hielt ihr stattdessen einen langen Vortrag darüber, wie man eine Technik strikt einhalten müsse, sprach von bestimmten Gestaltungsmöglichkeiten. Er beendete seine Rede mit der Feststellung: »Bei einer künstlerischen Gestaltung gibt es Regeln, über die sich niemand hinwegsetzen darf!«
»Mag sein, dass die Technik eine Rolle spielt«, entgegnete Isabel, »aber eigentlich zählt über die Jahre nur der Erfolg!« Jan drehte sich mit saurem Gesichtsausdruck weg, er konnte es nicht leiden, wenn sie ihm in irgendeiner Weise überlegen war.
Zum Beweis seiner Theorie brachte Jan ihr am nächste Tag ein paar eigene Farbkopien von seinem Studium mit. Er hatte mehrere Maler kopiert. Mit Stolz zeigte er das Bild und nannte den Namen des dazugehörigen Künstlers. Er bestand nur aus einem einzigen Zischlaut. »Wie heißt der Maler?«, fragte Isabel erstaunt und ergriff die Kopie. Wieder entfuhr Jan ein langes Zischen. »Was?«, wollte sie wissen. Er verzog das Gesicht, sprang auf und rief empört: »Schischkin!«
»Oh!«, meinte sie. »Der ist dir aber gut gelungen.« Befriedigt über ihr Lob nahm Jan ihr seine Kopie wieder aus der Hand. Sie wusste, nach seiner Meinung musste er immer der Bessere sein.
5. November 1991
Angespornt von seinen Arbeiten brachte ich ihm Studien von meinen Landschaften, Porträts und Aktzeichnungen mit, die ich auf der Spezialschule gemalt hatte. Jan betrachtete alles kritisch, verzog aber keine Miene. Ob das ein Lob war? Ich war mir ziemlich sicher, dass sie ihm gefielen, andernfalls hätte er sich mit Genuss auf meine Bilder gestürzt und sich in seiner Kritik nicht zurückgehalten. Ob er es nun zugeben wollte oder nicht, sein Ehrgeiz bekam erst durch mich den richtigen Aufschwung. Wir malten wie berauscht und niemand hätte uns jetzt in unserem Drang aufhalten können. Wir schwebten in Schaffenskonjunktur!
Bisweilen fand Isabel Jans Verhalten recht absonderlich. Mit Vorliebe sprach er nur mit jungen Kollegen, verkehrte ausschließlich nur mit Jugendlichen, in Gesellschaft älterer Personen wirkte er übertrieben schüchtern und ging ihnen gewöhnlich aus dem Weg. Trotzdem schien es, als wechselte er auch die Jungen periodisch aus. So, als könne er nie zu lange mit ein und derselben Person zusammen sein, und hätte Angst, sich zu stark an jemanden zu binden, Angst, sich an einen Menschen zu gewöhnen.
Auch Isabel machte sich immer häufiger Sorgen um ihr Alter, vermied es, sich von ihm mit älteren Kollegen sehen zu lassen, um nicht noch älter zu wirken. Manchmal schämte sie sich ihres Alters, wenn sie neben ihm stand. Dachte, es könnte ein Makel auf seine Schönheit werfen. Bildete sich sogar ein, ihn durch ihr Alter zu verschrecken. Früher war ihr das Alter der Leute nie aufgefallen, sie hatte sich auch nie Gedanken darüber gemacht. Jetzt stand das Alter unter jedem Foto, das man in der Zeitung fand. Dadurch lag Jans eigenartiges Betragen durchaus im Trend. Isabel bemerkte schnell, dass auch die neue Gesellschaft dem Jugendwahn huldigte und dem Alter wenig Attraktivität oder Achtung zugestand. Es kam ihr vor, als würde der Mensch nun vergänglichen Zwängen unterliegen, als würde er auch zu dem Wegwerfartikeln gehören, an denen das Alter wie ein Warenpreisschild hing.
Neuerdings bemerke Isabel, dass Jan keine Regeln mehr einhielt. Jede Handlung unterlag seinem Gutdünken, und sie fragte sich, ob er sich in seinem Leben nie unterordnen brauchte, auf niemanden Rücksicht nehmen musste. Als sie Jan danach fragte, erwiderte er: »Nein, ich tue was ich will!«
»Ja, kann man denn so leben?«, wunderte sie sich.
»Warum nicht?«, erklärte er nüchtern. »Ich bin ledig, habe kein Kind und brauche mich nach niemandem zu richten! Heiraten will ich auch nicht!« Er begründete seine Ansicht mit der Scheidung seiner Eltern. »Ich möchte so etwas nicht mehr miterleben, so eine Scheidung ist furchtbar!« Dann erzählte er Isabel, dass er seine Mutter schon mit siebzehn verloren hatte. Der Vater verzog mit seiner neuen Frau in eine andere Gegend, und er blieb allein am Ort zurück. Auf ihre Frage: »Wolltest du allein bleiben, wolltest du das so?« antwortete er hart »Ja« und schwieg lange.
Isabel glaubte, Jan kapselte sich darum von den unangenehmen Dingen des Lebens so beharrlich ab. Manchmal beobachtete sie, wie sich Jan mit seinem Freund Ulf traf. Das hatte Wirkung auf Außenstehende, denn beide Männer waren sehr attraktiv, schlank und hochgewachsenen. Ulf fiel vor allem durch seine Glatze auf, die genau so ölig glänzte wie sein geölter Leib, den er, genau wie seinen Hochmut, zur Schau trug. Ulf verdiente sein Brot als Fotograf und hatte sich im Laufe seines Lebens besonders auf die Vorzüge junger naiver Mädchen spezialisiert. Von denen ließ er sich auf jegliche Art und Weise bewundern und verehren. Vor einigen Jahren schon verließ er seine Frau und sein behindertes Kind. Eheverpflichtungen passten wohl nicht zu seinem ästhetisch geprägten Lebensanspruch.
Jan schien Ulfs unbeschwerte Art zu imponieren, denn obwohl er sich oftmals über dessen Arroganz aufregte und ihm von Zeit zu Zeit die kalte Schulter zeigte, ließ er sich doch sehr von ihm beeinflussen. Oft sah man beide Männer mit ihren viel jüngeren, schönen Freundinnen majestätisch durch die Stadt spazierten. Es sprach sich herum, dass die vier »Schönheiten« im Sommer gern nackt in den weiter entfernten Wiesen am Fluss lagen, nur Janka, Jans Freundin, behielt ihre hohen Schnürschuhe dabei an den Füßen. Das beeindruckte die Leute.
Der 11. November war angebrochen und alle Kollegen der Gewerke befanden sich in Faschingslaune. Den ganzen Vormittag achteten Isabels Frauen darauf, dass die Männer aus den Werkstätten ihnen nicht zu nahe kamen, denn sie waren schon seit 11 Uhr ganz schön angeheitert. Man hörte ihr Gesinge und Jule erzählte, dass sie bei dieser Gelegenheit gern handgreiflich würden und sie früher schon öfter mal begrabscht hatten. Deshalb machte sich Isabel um Jule ernsthaft Sorgen, die allein hinten im Nähzimmer saß. Aber Jan meinte abfällig, sie wisse doch gar nicht, ob Jule es so haben wolle. Vielleicht mache es ihr Spaß. »Ach Quatsch! Was soll das für ein Spaß sein?«, sagte Isabel empört, weil sie sich so etwas gar nicht vorstellen konnte und holte Jule nach vorn. Dann schloss sie die Verbindungstür zum Malsaal einfach ab. Jemand hatte Pfannkuchen geholt und die ließen sie sich im Aufenthaltsraum genüsslich schmecken. Das Grölen der betrunkenen Handwerker beachteten sie schon gar nicht mehr.
12. November
Ich bin zufrieden, die Arbeit läuft gut. Bald war ich mit meinen Plastiken fertig und Jan fragte, ob ich ihm bei seinen Figuren helfen könne. Es war durchaus nicht üblich, dass Jan jemandem Vertrauen schenkte, und ich war natürlich beglückt, weil er mich fragte.
Nun hätte ich mein Glück genießen können. Doch in meinem Übereifer bestellte ich gleich die anderen Kolleginnen hinzu. Es gefiel mir, wie souverän Jan die Aufgaben verteilte. Ich musste immer an seiner Seite bleiben. Er kam mir dabei ganz nah, hielt seinen Oberkörper dicht an meinen Rücken gepresst, so, als wolle er mich schützen. Nach einer Weile stellte er sich direkt hinter mich und schlang seine langen Arme von hinten um meine Schultern. Dabei zeigte er mir all die Kniffe und Tricks, die man beim Verarbeiten des Materials anwenden musste. Seine Berührungen erregten mich. Heißes Blut schoss durch meine Adern. Ich überspielte meine Verwirrung und wir alberten herum.
