Gelobtes Land - Christine Heimannsberg - E-Book

Gelobtes Land E-Book

Christine Heimannsberg

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Beschreibung

Leben oder Überleben: Landesweit gesucht und in die Isolation der Berge gezwungen, muss die 18-jährige Lore sich den sogenannten Aussteigern im Widerstand gegen das Oberhaupt der Neuen Welt anschließen. Der weist jegliche Mitschuld an einem skrupellosen Mord von sich und bezichtigt hingegen die Anführerin der Rebellen der Lüge und Manipulation. Ein Kampf um die Wahrheit beginnt.Lore wähnt sich auf der richtigen Seite, bis sie auf Geheimnisse stößt, die nicht nur ihre, sondern die Sicherheit der gesamten Neuen Welt bedrohen. Mit Hilfe ihrer großen Liebe Jul geht sie ein Risiko ein, dass sowohl ihren, als auch seinen Clan auslöschen könnte.LEEV - Der dritte Band zur Trilogie über Hoffnung, Glaube und Liebe in einem von Klimawandel und Machtspielen geprägten Europa der Zukunft.

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Seitenzahl: 375

Veröffentlichungsjahr: 2020

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Kathrinschroeder

Man kann sich nicht von der Lektüre losreißen

Rezension Christine Heimannsberger "Gelobtes Land Leev" Dritter Teil einer Trilogie, Dystopie - gelesen dank der Autorin Für mich ein fast rundum perfekter Abschluss einer überaus gelungenen Dystopie Davon ausgehend, dass der typische Leser die ersten beiden Bücher kennt, ehe er/sie sich für die Rezension des Finales interessiert, möchte ich jetzt nicht die Inhalte im Detail wiederholen. Nur so viel - diese Geschichte spielt zu einem großen Teil in der Gruppe der Aussteiger - mit vereinzelten Ausflügen sowohl in die "Neue" als auch in die "Alte" Welt. Mir hat zunächst der Umgang mit den einzelnen Personen sehr gut gefallen. Auch bei Nebenfiguren wird die Entwiclung und ein guter Teil ihres Schicksals gut im Blick behalten. Das wird in diesem Buch auch durch Exkurse zu den verschiedensten Schauplätzen erreicht, ohne dass Lore damit zu dem Zeitpunkt etwas zu tun hat. Insgesamt hat mir die Geschichte hervorragend gefallen. Besonders gelungen finde ich, dass keine der Gruppen (Neue W...
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Inhaltsverzeichnis

PROLOG9

111

221

332

444

555

668

776

Drochtersen, nahe Langdaans90

895

Camp 1105

9107

Suburbs 1115

10119

11125

Jul – Tagebucheintrag133

12137

Camp – 2146

13151

Mosk 1160

14167

Camp – 3176

15183

16196

Suburbs 2208

17214

18226

Camp – 4232

19235

Drochtersen – 2243

20246

21250

Camp – 5259

22264

23274

Suburbs – 3280

24287

25292

Mosk306

26310

Prado317

27319

28325

29330

30338

31350

Quellnachweise:361

Danksagung:362

Christine Heimannsberg

Gelobtes Land – Leev

Über das Buch:

Leben oder Überleben: Landesweit gesucht und in die Isolation der Berge gezwungen, muss die 18-jährige Lore sich den sogenannten Aussteigern im Widerstand gegen das Oberhaupt der Neuen Welt anschließen. Der weist jegliche Mitschuld an einem skrupellosen Mord von sich und bezichtigt hingegen die Anführerin der Rebellen der Lüge und Manipulation. Ein Kampf um die Wahrheit beginnt.

Lore wähnt sich auf der richtigen Seite, bis sie auf Geheimnisse stößt, die nicht nur ihre, sondern die Sicherheit der gesamten Neuen Welt bedrohen. Mit Hilfe ihrer großen Liebe Jul geht sie ein Risiko ein, dass sowohl ihren, als auch seinen Clan auslöschen könnte.

LEEV - Der dritte Band zur Trilogie über Hoffnung, Glaube und Liebe in einem von Klimawandel und Machtspielen geprägten Europa der Zukunft.

Copyright: Christine Heimannsberg

Jahr: 2020

Lektorat/ Korrektorat: Kristina Radtke

Illustrationen: Tobi Frank

Covergestaltung: Tobi Frank

Vertrieb: Nova MD

Gedruckt in Polen

Christine Heimannsberg

c/o AutorenServices.de

Birkenallee 24

36037 Fulda

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografi- sche Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.

Das Werk, einschließlich aller seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für Verviel- fältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Ein- speicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.

ISBN: 978-3-96858-663-2

[ L e e v ] – Liebe

PROLOG

Ich bin Teil einer Bewegung.

Wir haben keinen Namen. Kein Erkennungsmerkmal. Nichts, das uns als eine Gruppe kennzeichnet. Außer den Glauben daran, dass es die Liebe ist, die alles zusammenhält. Aber es ist nicht dieselbe Liebe wie die, von der Jefferson Maklaren spricht. Sondern eine tiefere, reinere Liebe, von der schon Menschen vor vielen tausend Jahren sprachen. Lange vor dem Vorfall und lange bevor es eine Neue Welt und eine Alte Welt gab. Bevor Mauern zerteilten, was zusammengehört und die Natur sich zurücknahm, was wir ihr stahlen.

Wir machen euch Angst, weil alles, was unbekannt ist, Angst macht. Es liegt in unserer Natur, nach Bekanntem zu suchen, sich dem Gewohnten zu fügen und abzuwehren, was bedrohlich erscheint. Die Gefahr daran ist jedoch, dass wir nicht erkennen, wenn der Feind aus unserem Innersten kommt, aus dem Kern unserer Welt. Weil wir nichts Böses in uns vermuten. Und so kann sich das Ungute, das Bedrohliche ausbreiten.

So ist es mit der Neuen Welt geschehen. Was gut und stabil erschien, ist in Wahrheit Lüge.

Ich bin Teil einer Bewegung und ich habe nichts Besonderes zu bieten, außer dass ich nach der Wahrheit suche, um sie mit euch zu teilen. Mir wurde ein Blick hinter den Schleier gewährt und seither kann ich die Augen davor nicht mehr verschließen.

Ich habe keine Angst. Denn ich weiß, es wird weitergehen. In dem Moment, in dem sich der Schleier hob, fing die Veränderung an.

Wir sind bereit.

Wir sind stark.

Und es liegt in unserer Hand, in unserer Schaffenskraft, die Welt zu formen, die gut für uns ist. Doch wir müssen es wollen und wir müssen bereit sein, der Wahrheit ins Gesicht zu schauen. Egal wie hässlich, wie erschreckend sie auch sein mag.

Die Aufgabe der Bewegung ist es, den Schleier für alle zu lüften und gleichzeitig den Weg der Liebe neu zu beschreiten.

Wen liebst du?

Was liebst du?

Für diese Antworten brauchen wir keine Vorgaben und Befehle. Diese Antworten sind in uns selbst, wir müssen nur hinsehen. Wenn wir Angst bekommen und nicht wissen, wem wir glauben sollen, dann müssen wir ebenfalls in uns selbst hineinsehen, denn in uns ist alles verborgen.

Seht genau hin.

1

Die kühle Morgenluft füllt meine Lunge, wandert von dort in meine Glieder und lässt mich wohlig frösteln. Mit geschlossenen Augen und ausgebreiteten Armen lege ich meinen Kopf in den Nacken. Ein – Aus. Nach meinem eigenen Rhythmus.

Über mir nimmt ein Specht seine Arbeit auf und wird kurz darauf von dem hohen Pfeifen einer Misteldrossel übertönt. Vergangene Nacht hörte ich sogar das Rufen eines Waldkauzes, was mich kurz in Angst versetzte. Meine Großmutter Mari nannte Waldkauze ›Todesvögel‹. Als einer nahe unseres Hofes nistete – ich war vielleicht sechs Jahre alt – lebte ich wochenlang in Angst, wen von uns der Todesvogel mitnehmen würde. Und heimlich hoffte ich, es würde Harold sein, mein Vater, der Invalide, oder meine Mutter Lida, die mir das Leben schwer machte. Gleichzeitig schämte ich mich für diese Wünsche und fand es eine logische Konsequenz, dass der Todesvogel mich für meine bösen Gedanken auswählen würde. Als im Herbst noch immer alle lebten und der Waldkauz aus unerfindlichen Gründen nicht mehr zu hören war, verblasste die Angst und mit den Jahren die Erinnerung. Bis zur vergangenen Nacht, meiner ersten Nacht in Amals Hütte.

Ich öffne die Augen und blinzle im hellen Schein der Morgensonne, die es gerade eben über den steinigen Bergkamm des Montagne Maison schafft. Den Namen erhielt der Berg von Sisdals Vater, der vor vier Jahren starb und davor viele Jahre das NW-Educate-Ministerium leitete. Eine Information, die ich schwer mit Sisdal zusammenkriege, der Anführerin unserer kleinen Rebellen-Gruppe und diejenige, die uns dem Neuanfang im Schoße der Neuen Welt entriss. Ein Leben, das sich so gut anfühlte, so richtig – bis sowohl mein dreizehnjähriger Bruder Jame als auch Sim gegen die Regeln verstießen und wir lernten, was die Strafen dafür in der Neuen Welt sind. Sie sind nicht so offensichtlich brutal wie bei uns in der Alten Welt, aber auf subtile Weise genauso tödlich, nur langsamer. Damit es keiner merkt – außer die Bestraften.

Noch ist Sisdal nicht zu uns gestoßen, aber selbst wenn, würde ich sie nicht über ihren Vater ausfragen. Sisdal und ich sind keine Freundinnen und weit entfernt davon, Vertraute zu sein. Was wir sind, muss ich erst noch herausfinden.

Ich lasse meinen Blick vom Montagne Maison nach rechts schweifen und drehe mich mit noch immer ausgebreiteten Armen um mich selbst. Hohe Fichten kommen in mein Blickfeld, trockene Wiesen und Bergrücken. Manche sind karg, andere bewaldet als trügen sie einen dunkelgrünen Pelz. Die Landschaft strahlt eine träge Einfachheit aus, als gäbe es nur Ruhe und Frieden. Nichts, wofür man sich beeilen müsste oder das zum Fürchten wäre.

Ich wünschte, diese Trägheit wäre auch in mir. Stattdessen ist da ein Knäuel an Fragen und Gefühlen, verknotet und verdreht. Ich suche nach einem losen Ende, um daran zu ziehen, mich entlangzuhangeln, die Fäden feinsäuberlich der Länge nach auszubreiten. Vielleicht bin ich auch zu ungeduldig. Ich bin erst seit 36 Stunden hier. Weiß weder, warum, noch ob ich bleibe. Weiß gar nichts. Außer, dass auch Jame hier ist. Dass er nicht redet. Nicht mit mir, nicht mit Sim, die gemeinsam mit ihm kam, nicht mit Amal. Nicht mehr, seit er im Camp in der Reinigung war. Ein Verfahren, das mir keiner erklären kann oder will und das bei denjenigen angewendet wird, die straffällig geworden sind. So wie mein Bruder. Aber er ist hier, er lebt und in diesem Moment kann ihm nichts passieren. Das ist alles, was zählt. Und Jul ist da. Wegen mir. Habe ich es verdient? Ich weiß es nicht.

Mein Leben Nummer drei. Ein gutes? Ein sicheres?

Lauf! Bring ihn ins gelobte Land! Lauf!

Ist dies noch das gelobte Land? Habe ich die Aufgabe erfüllt? In meinem Kopf erklingt Maris Stimme, die mir ein Schlaflied summt: Hinter den Wäldern mein Kind, liegt das Glück ganz bestimmt …

Das Lied trägt so viel mehr Wahrheit in sich, als wir wussten. Hinter den Wäldern sind wir. Und bis vor kurzem war es sogar friedlich. Bis Jul sich Sisdal anschloss, Sim deportiert werden sollte, Jame inhaftiert wurde und ich ein weiteres Mal gezwungen war, ein Leben zu verlassen, das noch gar nicht richtig begonnen hatte.

Die Wut in mir schwillt an, mächtig und zerstörerisch.

»Haaaaaaaaaaaaaaaaa!«

Mein Schrei hallt in den Bergen wieder.

»Haaaaaaaaaaaa!«

Er vervielfacht sich, kehrt zurück. Es tut gut, mein eigenes Schreien zu hören.

»Haaaaaaaaaaaaaaa!«

Das Schreien verwandelt sich in Lachen, sodass es mich schüttelt und ich das Gefühl habe, mich gleich übergeben zu müssen. Ich lache, bis ich mich nicht mehr aufrechthalten kann. Über meine Wangen rollen Tränen, heiß und salzig. Ich hocke mich erschöpft ins Gras, nun nur noch kichernd, und wische mir die feuchten Wangen ab. Wenn Kyron mich jetzt sehen könnte.

Oh Lore, du hast Gefühle, darüber musst du reden. Was sagt dein Armband dazu? Ist es rot, blau oder gar lila verfärbt?

Ich reibe mir über das linke Handgelenk, an dem ich noch bis vor drei Tagen das Armband trug, das meine Gefühle aufzeichnete und anzeigte. Nur für den Fall, dass ich sie selber nicht mitbekomme.

Wieder muss ich kichern. Egal, ich bin alleine, deswegen reiße ich mich nicht zusammen.

»Lore?«

Erschrocken presse ich die Lippen aufeinander.

»Lore?«

Ich unterdrücke mühsam die nächste Lachattacke und halte den Kopf gesenkt, als Juls Schuhe in mein Blickfeld treten.

»Lore?«

Ich kneife die Lider zusammen, drücke meine brennenden Tränen zurück in die Tiefe und spanne die Kiefermuskeln an, damit meine Gefühle den Tränen folgen. Jul lässt sich in das Gras fallen und zieht mich an sich.

»Ist das Lachen oder Weinen?«

Ich antworte nicht und genieße, mich eingerollt wie ein Kleinkind an seine Brust zu lehnen und seinen Kastanienduft einzusaugen. Jul streicht über meine Haare, liebevoll, unaufdringlich. »Pst«, höre ich ihn wispern.

»Alles gut«, murmle ich und lasse die Augen zu, weil es schön ist, so in seinem Arm zu liegen. Unter meinem Ohr hebt und senkt sich sein Brustkorb, dumpf höre ich seinen Herzschlag.

»Hey, nicht einschlafen«, flüstert Jul.

»Nur kurz«, sage ich leise, fast zu mir selbst.

Ein paar Momente lang schweigen wir, dann richtet Jul sich auf. »Bei dem Schrei dachte ich, du seiest einem Bären begegnet. Bei dem Lachen, dass du jetzt verrückt geworden bist.«

»Wär das so verwunderlich?« Ich setze mich hin. »Kam so über mich. Ich dachte, ich bin allein.«

»Schon mal was von Echos gehört?« Jul grinst.

»Oh.«

Jul schüttelt den Kopf. »Wir alle haben diese Momente.«

»Du auch?«

»Nur leiser. Du weißt schon, Papierfiguren und so.« Jul lächelt, aber darunter wirkt er ernst. Ich muss an die Spirale denken, die er im Camp gebastelt hat und die über seinem Bett hing. Sie war eine Kopie der Spirale, die ihm seine Mutter als kleiner Junge schenkte.

»Es gibt Frühstück. Bist du so weit?«, fragt Jul.

Ich nicke. Er steht auf und zieht mich vom Boden hoch. Hand in Hand schlendern wir hügelabwärts.

***

Etwa zwanzig Minuten brauchten wir für den Abstieg. Auf dem Weg habe ich kein einziges Gebäude gesehen und ich frage mich, wo all die Aussteiger leben sollen, von denen Fidan und Lane erzählten. Neben unserer Gruppe Altländer – bestehend aus Jul, Sim, Jame, Suzan, Jarl, Uma, deren Kindern und mir – sind die beiden mit Nevin und Penca die einzigen Neuländer, die aus dem Camp mitkamen. Nur wenige der freiwilligen Helfer konnte Sisdal für sich gewinnen. Zu überraschend kam die Wendung mit Kaspers Ermordung und dem darauffolgenden überstürzten Rückzug aus dem Camp. Ich weigere mich, es ›Flucht‹ zu nennen. Eine Flucht pro Leben reicht und ich habe meine schon hinter mir.

Amals Hütte wirkt von außen leer und unbewohnt, aber sobald wir die Tür öffnen, strömen uns Gerüche und Stimmen entgegen. Wir folgen ihnen in die Küche, in der sich bereits die anderen Hüttenbewohner versammelt haben. Es ist ungewohnt, die Flüchtlingshelfer aus dem Camp hier in der kleinen, komplett aus Holz gestalteten Küche zu sehen. Hier wurde altes Holz verarbeitet, so wie Eiche und Ahorn, nicht die schnellwachsenden Rohstoffe wie Bambus oder Hanf, aus denen in der Neuen Welt fast alles zu bestehen scheint – glatt geschmirgelt und lackiert, als sei es Plastik.

Nevin hantiert neben Sisdals Mutter Amal am Herd. Etwas brutzelt und riecht dabei unglaublich gut. Am Tisch schneidet Lane ein dunkles, dickkrustiges Brot auf, Fidan verteilt Brettchen. Alle verhalten sich so selbstverständlich in diesem kleinen Raum, als würden sie schon seit Jahren miteinander leben.

Amal scheint es nichts auszumachen, dass über ein Dutzend Fremde ihre Küche bevölkern.

Sim stellt eine dampfende Metallkanne auf den langen, rustikalen Holztisch und sieht zu mir auf. »Wo warst du?«

»Bären jagen«, antwortet Jul an meiner Stelle.

»Die Schreie haben sie nicht verjagt?«, kontert Sim trocken.

Ich werde rot.

»In der Wildnis herumzuschreien bedeutet normalerweise Gefahr. Das solltest du eigentlich wissen«, belehrt sie mich. »Wir haben uns Sorgen gemacht.«

Sie zeigt zu einem Stuhl.

»Setz dich.«

»Kann ich helfen?«, frage ich.

»Zu spät«, antwortet Sim schroff. Dann ringt sie sich ein Lächeln ab.

»Tut mir leid, mir war nicht klar, dass man mich so weit hören konnte.«

»Wir sind hier auf einem Berg, Liebes. Wahrscheinlich wurdest du sogar in Mosk gehört«, sagt Amal. Ich spüre, wie meine Gesichtsfarbe noch dunkler wird.

»Na, dann hoffen wir mal, dass unser Standort nicht aufgeflogen ist.«

Erschrocken sehe ich Fidan an, der mich freundlich angrinst.

»Jetzt lasst das arme Mädchen mal in Ruhe«, grummelt Jarl, der die ganze Zeit still am Tisch saß. Ich nehme neben dem alten Mann Platz und er lehnt sich an mein Ohr. »Ich weiß auch nicht, was ich hier tue«, flüstert er. Wir sehen uns einen Moment lang in die Augen und es tut gut, zu wissen, dass er sich genauso verloren fühlt wie ich. Alle anderen scheinen ihren Platz bereits gefunden zu haben. Sim zum Beispiel ist wie ausgewechselt. Als ich sie das letzte Mal im Camp sah, war sie abgemagert und hoffnungslos, hier strahlt sie voller Lebenskraft. Mir fällt auf, dass die braunen, feinen Haare ihr schon bis an die Nasenspitze reichen, wenn sie ihr in die Stirn fallen. Der Rest steht strubbelig in alle Richtungen. Früher war Sims Kopf geschoren, was sie so ruppig aussehen ließ, wie sie ist. Die federgleichen Haare täuschen nun darüber hinweg.

»Was riecht hier so gut?«, frage ich.

»Gebratene Eier«, antwortet Nevin und streckt mir seine Hand entgegen. Ich reiche ihm meinen Teller über den Tisch und bekomme ihn herrlich duftend mit einem flachen, angebräunten Ei zurück.

»Iss es auf Brot, das schmeckt besonders gut.« Lane hält mir einen Korb hin. Ich nehme mir eine Scheibe heraus, rieche daran und schließe die Augen.

Der Geruch schleudert mich zurück in die Vergangenheit, an unseren Küchentisch. Neben mir meine Schwestern Lives und Kieno, links und rechts vom Tisch Lida und Mari. Gegenüber, eine Tischseite nur für sich, Jame. Graue Tischplatte, Geschirrtuch über dem Ofengriff, schummriges Tageslicht, das sich durch kleine Fenster kämpft.

Ich öffne die Augen. »Sind Eier nicht verboten?«

»Wir haben die Regeln angepasst. Kein Fleisch, aber Eier sind erlaubt. Unsere Tiere haben viel Platz und wir nehmen nur die Eier, die nicht befruchtet sind.«

»Woher weißt du, welche befruchtet sind?«, fragt Sim.

»Wir haben die Hühner aufgeteilt in die, die brüten sollen, und die, die nur Eier geben. Die Tiere werden immer wieder miteinander ausgetauscht – ein großes Gehege mit Hahn, eines ohne.«

»Das ist gut, wenn man soviel Platz hat«, sagt Jul.

»Wir dürfen in der Neuen Welt eigentlich keine Tiere halten, auch sie sind freie Wesen. Aber unsere Gehege sind so groß, dass die Hühner vermutlich nicht einmal merken, dass sie sich in einem befinden.«

Wir lachen.

»Es wäre möglich, die Eier nach sieben Tagen zu durchleuchten, aber das ist aufwendig und die Einteilung erspart uns einiges an Mühe.« Amal setzt sich zu uns. Wir sitzen nun so dicht gedrängt, dass man sich fast nicht bewegen kann.

Ich lege das Ei auf mein Brot, etwas ratlos, wie ich es zum Mund kriegen soll mit meinen eingequetschten Armen.

»Am besten synchron«, sagt Fidan neben mir. Er, Jarl und ich heben gleichzeitig unsere Brote zum Mund, was abermals zu Gelächter führt.

»Wir hatten auch ein Huhn.« Ich sehe zu Jul. »So haben wir uns kennengelernt. Jul hat es gegen einen Sack Weizen getauscht.«

»Und wie habt ihr es geschafft, miteinander in Kontakt zu treten? Ich meine, wegen diesem Gesetz«, fragt Penca.

»Das Gesetz der Volljährigkeit?« Ich sehe sie an.

»Ja, genau. Wie lautet es noch? Es ist so albern.« Sie lacht.

Obwohl ich das Gesetz gehasst habe und Penca völlig recht damit hat, dass es sich um ein albernes Pamphlet handelt, stört es mich, dass sie sich über etwas aus der Alten Welt lustig macht.

»Oh ja! Kannst du es aufsagen?«, bittet Fidan mit erwartungsvoll amüsiertem Gesicht.

»Okay.« Ich räuspere mich und versuche, offiziell zu klingen. »Das Gesetz zum Schutze weiblicher Minderjähriger:

Paragraph 26, Absatz 10h: Ein weibliches Familienmitglied verbleibt bis zum Eintritt in das 20. Lebensjahr in Obhut ihrer Geburtsfamilie oder aber bei ihrem vertraglich festgesetzten Vormund. Sucht ein Volljähriger männlichen Geschlechts die Verbindung zu einer Minderjährigen, wird dies mit Strafverfolgung geahndet.«

Die Neuländer lachen laut. Jarl schaut auf seinen Teller, Suzan ins Leere.

»Wow, dass du das auswendig kannst«, sagt Lane.

»Wir mussten es lernen. Jeder kann es auswendig«, antworte ich.

Jul zeigt auf meinen Teller. »Gleich ist es kalt.«

Überrascht sehe ich ihn an, aber er weicht meinem Blick aus. Missfällt ihm, dass ich unsere Heimat der Lächerlichkeit preisgebe?

Rasch nehme ich mein Brot wieder auf.

»Wir haben auch Eier gegessen, aber sie nie gebraten.« Ich beiße hinein. Das Eigelb zerplatzt zwischen meinen Zähnen und läuft mir über das Kinn. Mir ist das egal, denn gerade schmecke ich das Beste, was ich je gegessen habe.

»Wahnsinn!«, stöhne ich. Wieder lachen die anderen, diesmal auch Jul.

Dann fällt mir auf, dass jemand fehlt. Wenn das schlechte Gewissen einen Namen hätte, würde ich es ›Keule‹ nennen. Nichts und niemand kommt zielsicherer als dieses Gefühl.

»Wo ist Jame?«, frage ich und stehe mit noch vollem Mund auf.

2

Am Ende des Flurs geht eine Holztür ab, deren Anblick mich wieder an zuhause erinnert. Jame war der Einzige, der ein eigenes Zimmer bewohnte. Mit seinem zwölften Geburtstag stand ihm das zu, befand Lida, schließlich war er der einzige männliche Nachkomme und alleinige Erbe.

An dem Tag unserer Flucht, als ich noch nicht wusste, dass sich mein Leben gerade ändert, ging ich auf sein Zimmer zu – so wie jetzt, ein bisschen befangen und mit dem Gefühl, kein Recht dazu zu haben.

Wie damals klopfe ich an, bevor ich eintrete, auch wenn ich in den letzten Monaten lernte, dass in der Neuen Welt jeder Raum betreten werden darf, sofern nicht anders vereinbart. Wer aber möchte, darf Privatsphäre haben, sogar die Frauen.

Aus dem Zimmer vernehme ich keinen Laut. Vorsichtig öffne ich die Tür einen Spalt breit und stecke meinen Kopf hinein. Jame sitzt bei zugezogenen Gardinen auf dem Bett. Das hat er anfangs im Flüchtlingscamp auch oft gemacht. ›Verpuppungsphase‹ nannte der Psychologe Dr. Beckner das und meinte, das sei normal bei Jungen in diesem Alter.

Dieses Alter.

»Jame wird jetzt zum Mann und muss sich zurückziehen«, sagte Beckner.

Ich hätte gerne gewusst, ob Lida das zuhause auch geduldet hätte, oder ob damit selbst ihre uferlose Mutterliebe an ihre Grenzen gekommen wäre. Aber bei uns gab es keine Psychologen, und wenn, dann hätte Lida sie sicher nicht gemocht. Jegliche Form von Gefühlsäußerung war ihr ein Gräuel.

Trag nicht immer deine Gefühle im Gesicht, sie interessieren niemanden! war ihr Lieblingssatz für mich.

Jame rührt sich nicht.

»Darf ich reinkommen?«

Keine Antwort.

Ich schließe leise die Tür und gehe zum Bett, das genauso steht wie James Bett im Camp – mit der rechten Seite zum Fenster, ein Spalt zwischen Wand und Gestell, breit genug, um am Fenster stehen zu können.

Unschlüssig verharre ich vor ihm. Auf der Flucht waren wir zusammengewachsen, im Camp sind wir zu Fremden geworden. Wie früher vermeidet Jame lange Gespräche oder Augenkontakt mit mir. Zuhause wusste ich jedoch warum. In unserer Welt sind Mädchen minderwertig und Lida hat ihn gut auf Linie gebracht.

Aber das hatten wir hinter uns gelassen. Wir haben uns vertraut und beschützt. Wir waren Familie, ein letzter Zipfel Geborgenheit. Jetzt bin ich wieder Luft für ihn.

»Hast du das Bett so hingestellt?«

Mein Bruder hebt unbeteiligt die Schultern. Ich nehme mit größtmöglichem Abstand zu ihm Platz am Bettende und lasse meinen Blick durch den kleinen, abgedunkelten Raum schweifen: dunkle, verwitterte Holzwände, ein Stuhl, ein alter Spanplattenschrank, neben der Tür ein Waschbecken. Ein bisschen erinnert es mich an die Stallung G1-B, in der monatlich unser Markt stattfand und in der Jul und ich uns heimlich trafen.

»Erinnert mich an zuhause.«

Ich spähe zu meinem Bruder. Obwohl ich in seiner Blickrichtung sitze, schafft er es, keine Regung zu zeigen.

»An unser altes Zuhause, das echte«, fahre ich fort.

Kurz verzieht sich James Gesicht, dann ist es schon wieder vorbei.

»Magst du es nicht, wenn ich von zuhause rede?«

»Willst du mir die Beichte abnehmen?«

»Ist das der Grund, warum du nicht mehr mit mir redest? Weil ich eine von ihnen sein wollte?«

»Wir werden nie so sein wie sie«, sagt Jame heiser.

Zögernd lege ich meine Hand auf seinen Fuß. Er lässt mich. »Ich weiß, dass du denkst, es wird nie wieder gut. Aber das haben wir schon oft gedacht.«

Mein Bruder fixiert seine Oberschenkel.

»Erinnerst du dich an das Solarfeld? An die Angst? Wir dachten, wir würden nie wieder herausfinden und müssten verdursten. Aber wir haben es geschafft.«

Jame atmet so flach, dass sich nicht einmal sein Brustkorb hebt und senkt.

»Oder in Prado. Wir wussten nicht, ob wir es aus der Metropole herausschaffen, aber wir haben es geschafft. Oder die Gemeinschaft. So oft schon dachten wir, es geht nicht weiter, aber wir haben es immer wieder geschafft«, plappere ich hilflos weiter. Jame lässt den Kopf hängen.

»Du hast es geschafft. Du warst es immer, nicht ich.«

Er redet so leise, dass ich ihn kaum verstehen kann.

»Nein«, ich schüttele den Kopf. »Wir beide.«

Jame schweigt.

»Ich habe es immer mit dir geschafft. Für dich.«

»Ja«, sagt er in bitterem Ton. »Hättest du es doch gelassen.«

»Was redest du da, Jame? Es war meine Aufgabe, Dich hierher zu bringen. Lida und Mari wollten, dass du lebst!«

Ich schnaufe.

Mein Bruder, der gerade schrecklich erwachsen für seine dreizehn Jahre aussieht, dreht den Kopf zur Seite und starrt auf die Gardinen. »Ich war es nicht wert.«

»Nein, das stimmt nicht!«

Jame sieht weiter zum Vorhang, der unbewegt vor dem Fenster hängt und nur gedämpftes, bläulich eingefärbtes Tageslicht durchlässt. Ich mustere die verhärteten Gesichtszüge meines Bruders. Er presst die Lippen so fest aufeinander, dass die Muskeln am Kinn hervortreten.

»Was haben sie dir bloß angetan?«

Jame zieht seinen Fuß unter meiner Hand weg und hebt die Knie an die Brust. Ich warte, während er weiter den Vorhang anstarrt.

»Sie haben mir gezeigt, wer ich wirklich bin«, flüstert er schließlich.

»Und wer bist du?«, frage ich.

»Ein Mörder.«

»Wir wissen beide, warum du es ge…«

»Und jetzt kann ich nicht mehr büßen, weil du mich hierher…« Er bricht ab.

»Büßen?«

James Stimme wird zu einem unheimlichen Wispern. »Anderen den Weg hierher zeigen. Leben retten. Zehn für einen. Zehn für einen. Zehn für einen.«

»Was meinst du damit?«

»Zehn für einen. Ich muss die Zeichen hinterlassen. Muss die Zeichen …«

Er beginnt, sich vor und zurückzuwiegen.

»Welche Zeichen?«

»Süden dat Huut.«

Mir läuft ein Schauer über den Rücken. Jame wiegt sich weiter vor und zurück.

»Ich bin schlecht, ich habe getötet, ich muss büßen, ich bin schlecht, ich habe getötet, ich muss büßen, ich bin schlecht, ich habe getötet, ich muss büßen …«, flüstert Jame.

»Hör auf!«

»Ich bin schlecht, ich habe getötet, ich muss büßen, ich bin schlecht, ich habe getötet, ich muss büßen …«

»Jame, hör auf damit!«

Mein Bruder hält sich die Ohren zu und hebt die Stimme. »Ich bin schlecht, ich habe getötet, ich muss büßen, ich bin schlecht, ich habe getötet, ich muss büßen …«

»Lass das!« Ich ziehe an seinen Händen. Jame schneidet eine Grimasse, wird immer lauter und spricht schneller. »Ich bin schlecht, ich habe getötet, ich muss büßen, ich bin schlecht, ich habe getötet, ich muss büßen, ich bin schlecht, ich habe getötet, ich muss büßen ….«

»Hör auf!«, schreie ich.

Jame reagiert nicht mehr auf mich. Resigniert lasse ich seine Hände los und sehe ihm zu, wie er sich monoton vor und zurückwiegt. In welcher Welt auch immer er sich gerade befindet, es ist keine gute.

***

Die Tür fällt ins Schloss. Lores Schritte entfernen sich. In Jame schreit alles nach ihr, aber er kann es nicht sagen. Muss die Augen offen lassen. Starren.

Jame kann die Bilder nicht abschütteln. Momentaufnahmen, als würde man ihm ein Foto nach dem anderen vorlegen, wieder und wieder, in rasend schneller Abfolge. Das Einzige, was ein wenig hilft, ist die Augen aufzulassen und einen Punkt zu fixieren, den Rand der Gardine beispielsweise oder einen Fussel auf der Decke. Menschen ansehen geht nicht gut. Sie verwandeln sich dann in die Bilder: Lore in Lida, Männer mit Bärten in die Lungingers.

In der Reinigung wurden diese Momentaufnahmen hervorgeholt. Natürlich steckten sie schon vorher in James Kopf, aber vorher war Flucht, vorher war Neues, vorher war Yuna.

Von klein auf lernte Jame, zu verdrängen. Alle tun es in der Alten Welt, wie sollten sie sonst die Kraft zum Weitermachen finden?

Die Reinigung war Folter. Keine Verletzung blieb verborgen, kein unschöner Augenblick in James Leben. Und davon hat es trotz seiner privilegierten Position in der Familie mehr als genug gegeben. Aber keiner war so erschütternd, so tiefgreifend wie die Bilder von seinem letzten Tag zuhause. Sobald Jame die Augen schließt, sogar nur blinzelt, springen sie ihn an: das Messer, das in Lidas Bein steckt und die Wade aufgeschnitten hat. Seine Hand, die den Boden nach etwas absucht, was Ludewig daran hindern kann, das Messer aus Lidas Bein zu ziehen und es ihr stattdessen in die Brust zu rammen. Seine Finger, die einen großen Stein umgreifen. Ludewigs Haaransatz, der von der Wucht des Steins auseinanderspringt und sich dunkelrot einfärbt. Wie der Hüne zu Boden sackt wie eine nasse, zu schwere Decke.

Dann sieht Jame die Schreie. Er hört sie nicht, aber sie kommen als Wellen aus Lidas aufgerissenem Mund zu ihm geschwommen. Keine Erinnerung an ihre Worte. Auch nicht in der Reinigung. An ihre Stelle traten andere.

Böse. Büßen. Mord.

Die Befragungen gingen über Tage. Kaum Schlaf. Immer viel zu essen. Immer Vitamine. Zum wach bleiben. Jame erzählte von allem und nichts. Holte jede noch so kleine Begebenheit hervor. Spürte, was in der Dunkelheit lauerte und ans Licht wollte. Redete um sein Leben. Wollte nur zurück. Zu Yuna und Lore. In den Speisesaal, den Garten. Zu den neuen Freunden.

Es tat ihm leid. Es tat ihm so unendlich leid, dass er den Jungen gehauen hatte. Jetzt hatte er es verstanden. Liebe muss fließen. Sie darf nicht durch Eifersucht aufgehalten werden. Wirklich, er verstand es jetzt. Aber sie hörten nicht auf mit den Befragungen, den Vitaminen und dem Essen. Bis es nur noch diese Bilder gab und die Wellen aus Lidas Mund.

Böse. Büßen. Mord.

***

Die Küche ist leer, der Tisch abgeräumt. Egal, ich habe eh keinen Hunger mehr.

Langsam lasse ich mich auf die Eckbank am Tisch sinken und sehe vor mich hin. Diese Ähnlichkeit mit unserer Küche früher ist verwirrend. Unser Tisch hatte zwar statt Holz eine graue Kunststoffplatte – kaum jemand besaß Holzmöbel, zu teuer, zu schwer zu beschaffen. Aber die Töpfe an den Haken, das Handtuch an dem Ofengriff, die kleinen Fenster, durch die das Sonnenlicht immer ein bisschen staubig und verwaschen aussieht, der Geruch nach Brot, einfachen Lebensmitteln und Essigsäure … all das lässt die Vergangenheit wie Fotos vor meinem inneren Auge aufblitzen. Lida, meine Mutter, am Herd. Mari, die am Tisch den Teig für die Fladen knetet. Lives, die im Ofen herumstochert. Das auf und ab wippende Knie meiner jüngeren Schwester Kieno, die nie still sitzen konnte.

Ich lege meine Stirn auf die raue Holzplatte und fühle mich unendlich müde. Wird es jemals enden?

Schritte nähern sich. Unwillig hebe ich den Kopf.

Amal steht in der Tür und betrachtet mich. Rasch stehe ich auf.

»Entschuldigung.«

»Wofür?«, fragt sie und kommt herüber.

»Ich sollte helfen, sicher gibt es viel zu tun.«

»Ja, das gibt es, aber du kannst auch später helfen.«

Amal setzt sich und nickt mir zu. Ich lasse mich wieder auf die Bank sinken.

»Du sorgst dich um deinen Bruder«, stellt sie fest.

»Er ist … er scheint …«

»Er war in der Reinigung.« Wieder eine Feststellung.

»Ja.«

»Er braucht Zeit.«

Unsicher suche ich ihren Blick. »Geht das wieder weg?«

Amal seufzt. »Kommt darauf an. Hat er Medikamente bekommen?«

»Weiß ich nicht.«

»Bei Kindern lassen sie die Medikamente meistens weg. Dann wäre Hoffnung.«

Überrascht sehe ich sie an. »Kind?«

In der Neuen Welt werden die Kinder mit drei Jahren von ihren Eltern getrennt, als wären sie kleine Erwachsene. Dann leben sie in Gemeinschaften mit freiwilligen Helfern als Betreuer. Im Camp wurde mir gesagt, dass Jame schon lange kein Kind mehr sei.

Amal scheint meine Gedanken zu lesen. »Ich denke nicht, dass man mit dreizehn schon erwachsen ist.«

»Nein, es ist dieses Alter«, wiederhole ich Beckners Worte.

Amal schmunzelt. »Nicht so einfach, oder?«

Ich schüttele den Kopf.

»War es deine Idee, mit ihm zu fliehen?«

»Nein. Es war ein Versprechen … nicht wirklich freiwillig.«

Amal legt mitfühlend ihre Hand auf meine. Ich traue mich nicht, den Kopf zu heben.

»Weißt du, was da passiert … in der Reinigung?«

Ich spüre Amals Zögern, bevor sie antwortet.

»Ja.«

»Was geht da vor?«

»Du kennst die Beichten, richtig?«

»Ja.«

»Es ist ähnlich. Zunächst zumindest. Der Straffällige … Patient«, verbessert sich Amal, »muss sich erst einmal offenbaren. Der Reiniger, die Person, die den Patienten behandelt, will feststellen, ob die Tat aus Glaubenssätzen, also Überzeugungen, oder aus einer spontanen Emotion heraus begangen wurde.«

Amal zieht ihre Hand von meiner zurück und verschränkt die Finger auf der Tischplatte.

»Und dann?«, frage ich.

»Dann versucht der Reiniger, in den Kopf des Patienten einzudringen. In die Tiefen. Den Teil, den wir das Unterbewusste nennen. Hier werden neue Überzeugungen gesät.«

»Warum?«

»Nun ja, damit ist erst einmal nichts Negatives gemeint. Diese neuen Überzeugungen sollen dem Patienten helfen, sich anzupassen. An uns.«

»Aber Jame sagt, er müsse büßen.«

Amals Blick flackert, dann weicht sie meinem aus.

»Nicht immer ist das Ziel Integration. Leider bietet das Verfahren viel Raum für Missbrauch. Ich denke, das ist mit Jame geschehen. Statt Auflösung wurde mit Druck gearbeitet.«

»Was kann ich tun, um ihm zu helfen?«

»Geduld haben. Was auch immer in seinem Kopf vorgeht, löst sich nicht über Nacht auf. Aber in einer geschützten Umgebung und mit Geduld besteht die Möglichkeit, dass diese Überzeugungen nicht haften bleiben.« Amal erhebt sich.

»Wenn keine Medikamente im Spiel waren.«

»Ich kann nichts tun?«

»Gib ihm Halt. Lass ihn. Dränge nicht. Solange der Kanal offen bleibt, solange er noch in die Kommunikation geht, ist Hoffnung.«

Ich schlucke.

»Tut mir leid.«

»Danke.« Mehr schaffe ich nicht zu antworten, zu aufgewühlt fühle ich mich. Amals Schritte entfernen sich, dann das Geräusch der Haustür, wie sie aufgeht und ins Schloss fällt. Draußen höre ich Stimmen. Jemand lacht. Ich wende meinen Kopf einem der drei kleinen Fenster zu. Die Sonne strahlt herein als dicker, eckiger Balken und landet auf dem staubigen Boden. Zu viele Schuhe kommen hier durch, denke ich mir, und dass ich einen Besen suchen sollte. Wie ferngesteuert stehe ich auf und mache mich auf die Suche.

3

Die Scheune ist groß, rechteckig und geräumig. Amal, Fidan, Nevin und ich haben Stühle zu zehn Sitzreihen aufgebaut. Wer darauf Platz nehmen soll, ist mir ein Rätsel, denn außer unserer Truppe habe ich bisher niemanden gesehen.

Seit dem Morgen wird nur noch von Sisdal gesprochen, die heute, drei Tage nach unserer Ankunft, erwartet wird. Ich denke, dass sich Amal Sorgen um ihre Tochter macht, denn jedes Mal, wenn ihr Name fällt, zieht sie die Schultern ein Stückchen höher. Ich kenne die Bewegung von meiner Schwester Lives. Es ist die Haltung, die Menschen einnehmen, wenn sie schlechte Nachrichten erwarten und sich unbewusst darauf einstellen, schnell ihren Kopf einzuziehen. Sei es, um einen Schlag abzuschwächen oder um sich schnellstmöglich in sich selbst zu verkriechen und seine Gefühle einzumauern, bevor sie einem den Boden unter den Füßen wegziehen.

Meine Schwester Lives zog erst die Schultern hoch. Als das nicht mehr genügte, zog sie sich in ihr Innerstes zurück, aus dem keine Worte mehr drangen. Zwei Jahre sprach sie nicht, bevor sie starb. Ob sie noch schreien konnte, als der Hof explodierte? Ich habe keine Schreie gehört.

Mir ist erst auf der Flucht klar geworden, wie traurig Lives Leben war, wie viel dunkler noch als meines. Ich darf, ich will Jame nicht an den gleichen Ort gehen lassen.

Schemenhaft erscheint Penca im Licht des offenen Scheunentors und holt mich aus meinen Gedanken.

»Sie ist da!«

Auf Amals Gesicht breitet sich ein erleichtertes Lächeln aus. Jubelnd ergreifen Fidan und Nevin ihre Hände und eilen gemeinsam mit ihr aus der Scheune.

Etwas entfernt sind Stimmen zu hören. Ich habe kein Interesse, Teil von Sisdals Begrüßungskomitee zu sein und lasse mich in der vordersten Stuhlreihe nieder. Durch die Holzbretter der rechten Wand fällt in Streifen Sonnenlicht. Eine Fliege umschwirrt mich. Sie setzt sich auf meinen nackten, dünnen Arm und krabbelt über die noch helle Haut. Im Camp bin ich nicht braun geworden, nicht so wie sonst im Frühjahr, wenn ich den ganzen Tag auf dem Feld war. Jetzt haben wir schon Sommer und ich bin weiß wie Butter. Bei uns waren fast alle sonnengebräunt. Nur wer etwas auf sich hielt, ging mit langer Kleidung nach draußen, selbst in der schlimmsten Hitze, um hell zu bleiben. So wie die Münzzahler, die in der Metropole Tauschgeschäfte mit Geld erledigen konnten. Reiche Leute. Aber kaum jemand hielt etwas auf sich. Die meisten hatten zu wenig Zeit und zu viele Sorgen für so etwas.

Draußen kommen weitere Stimmen hinzu. Ich lausche angestrengt, ob ich Jul heraushören kann. Schon streckt die Eifersucht ihre Finger nach mir aus. Ich dränge sie zurück. Hier ist kein Raum für diese Dinge.

Wir müssen uns konzentrieren.

Ich muss mich konzentrieren.

Mit einem Ruck stehe ich auf. Ich bin Teil dieser Gruppe, ob ich will oder nicht.

***

Sie sieht verändert aus. Die blonden langen Haare reichen nur noch bis zum Kinn und sind in einem merkwürdig verwaschenen Braun. Um ihren Mund ist ein harter Zug, obwohl sie lächelt. Sisdals Augen flackern hin und her, als erwarte sie, von hinten angegriffen zu werden. Amal hat den Arm um den Rücken ihrer Tochter geschlungen. Während Sisdal redet, betrachtet Amal sie. Drei Jahre haben sie sich nicht gesehen, erzählte mir Sim am ersten Abend. Bald ein Jahr habe ich meine Familie nicht mehr gesehen und ich werde es vermutlich nie wieder tun.

Unvorstellbar, dass meine Mutter so den Arm um mich legen würde. Sie würde Jame an sich ziehen, mich vermutlich bespucken, weil es ihm nicht gut geht, aber vielleicht nicht einmal das. Dass Kieno es weiter mit ihr aushalten muss, grämt mich. Sie war das ungeliebteste Kind von uns vieren, und sicher wird Lida sie täglich dafür bestrafen, das einzig verbliebene zu sein. Arme Kieno. Für Lida habe ich kein Mitleid.

Sisdal entdeckt mich und hebt zur Begrüßung das Kinn. Ich zwinge mich zu einem Lächeln.

»Wann beginnen wir?«, fragt Sisdal in die Runde.

»Der Einbruch der Dunkelheit ist verabredet«, antwortet Amal.

Lane umfasst ihr linkes Handgelenk. »Ich kann mich immer noch nicht daran gewöhnen, kein Armband zu tragen.«

Fidan und Nevin nicken zustimmend.

»Das ändert sich schnell. Außerdem haben wir die Displays, wir müssen also nicht ganz in die Steinzeit zurück«, sagt Amal.

Die Neuländer lachen, aber ich habe keine Ahnung, was die Steinzeit ist oder war. Fragend sehe ich zu Jul. Er hebt fast unmerklich die Schultern. Er hasst es, sich die Blöße geben zu müssen, etwas nicht zu wissen.

»Wie kommuniziert ihr?« fragt Sisdal Amal.

»Direkter Kontakt. Man muss Zeit einplanen. Die Siedlung unterhalb des Montagne Noir ist noch nicht informiert.«

Sisdal dreht sich zu Jul um. »Kannst du das übernehmen?«

»Was ist die Siedlung?«

»Es handelt sich um eine Gruppe Aussteiger, die sich zusammengeschlossen haben und eine Siedlung aufbauen. Die anderen Aussteiger leben verteilt in Familienverbänden.«

»Als Clans?«, fragt Jul erstaunt.

Sisdal zieht nachdenklich die Brauen zusammen. »Naja, also … Ja, vielleicht ähnlich den Clans. Aber sie führen keine Höfe, sondern haben sich verlassene Berghütten gesucht oder eigene gebaut.«

»Und wer sind diese Leute?«, fragt Sim.

»Menschen, die sich weigern, ihre Kinder wegzugeben. Sie haben bisher so gut wie möglich unter dem Radar gelebt, aber der Druck wächst seit einigen Jahren, nicht nur von Führungsseite, sondern auch aus der Bevölkerung. Es ist verpönt, gegen die Regel zu leben. Deswegen haben sie sich hier in die Berge zurückgezogen. Auch, um autark zu sein.«

»Erinnert mich an die Gemeinschaft«, sagt Sim.

»Hoffentlich nicht.« Jul verschränkt die Arme und wendet sich an Sisdal. »Was muss ich tun?«

»Lass dir von Amal den Weg erklären und such die Siedlung auf. Ihr Sprecher heißt Raquel. Er muss über den Beginn der Sitzung informiert werden.«

»Ist gut.«

»Ich komme mit!«

Sisdal verengt die Augen, dann nickt sie. »Gut, Lore geht mit Jul. Was muss noch organisiert werden?«

»Jetzt komm und iss erst einmal was.«

Sanft, aber bestimmt schiebt Amal Sisdal in Richtung Hütte. »Sie haben es die letzten drei Tage auch ohne dich geschafft, ich denke, sie werden es eine weitere Stunde überleben.«

Ich hätte erwartet, dass sich Sisdal gegen das Drängen ihrer Mutter wehrt. Stattdessen lehnt sie sich im Gehen an sie und gibt sich ihrer Führung hin. Mit der weichenden Anspannung kehrt auch die Schönheit in ihr Gesicht zurück, was mir einen weiteren Eifersuchtsstich versetzt.

***

Die Sonne steht steil am Himmel und brennt uns auf die Köpfe. Auf Juls Stirn glänzen ein paar Schweißtropfen. Um meine Nase herum hat sich Feuchtigkeit gesammelt und juckt. Schwer atmend bleibe ich stehen und stemme die Hände in die Hüften.

»Wie weit ist es noch?«

»Nach Amals Beschreibung nicht mehr weit. Schau, da rechts, das könnte es sein.« Jul zeigt zu einem bewaldeten Hang hinter einer Hügelkuppe.

»Gut, weiter dann.« Ich marschiere los.

»Wir können auch kurz Pause machen«, ruft Jul mir nach.

»Nein, lass uns weiter, es ist schon spät.« Ich stiefele weiter und ärgere mich, dass ich freiwillig mitgekommen bin. Hätte ich gewusst, dass es hauptsächlich aufwärts geht, wäre ich nicht so voreilig gewesen.

Jul beeilt sich, mir zu folgen.

»Ein Wunder, dass ich euch eingeholt habe bei dem Tempo, das du an den Tag legst«, schnauft er.

»Du hast uns nur eingeholt, weil wir in Oooltests Fänge geraten sind«, kontere ich. Jul grinst und ich schubse ihn spielerisch zur Seite.

»Hey«, ruft er.

»Fang mich!« Ich renne los, was bergauf nicht leicht ist. Hinter mir höre ich Juls schnelle, ausholende Schritte näher kommen. Ich schlage mich nach links, laufe einen Haken über eine wilde Wiese mit kniehohen Gräsern und wieder zurück auf den Trampelpfad. Damit habe ich Jul kurz aus dem Tritt gebracht, aber er holt schnell auf. Laut schnaufend ziehe ich nochmal das Tempo an, aber er fängt mich von hinten ein und reißt mich um. Lachend fallen wir auf den Boden.

»Au!«, beschwere ich mich.

Jul drückt mich fest an sich.

»Ah, au, nicht so fest«, rufe ich lachend. Irgendwo unter seinem Körper sind meine Finger eingequetscht.

»Meine Hand!«

Jul rollt sich von meinem Arm, den ich in einer Mischung aus Kichern und Schmerzgestöhne unter ihm hervorziehe.

»Hast du vergessen, man darf hier anderen nicht wehtun.«

Jul zieht eine schaurige Grimasse. »Aber hier sieht uns doch niemand.« Er beißt mir in den Hals.

Ich kreische und lache. Jul lässt von meinem Hals ab und nimmt meine lädierte Hand. »Zeig her, wo tut es weh?«

Ich halte ihm meinen rechten Zeigefinger vor die Nase. »Du kannst von Glück sagen, dass ich nicht Welfs Überwältigungstrick angewandt habe.«

Jul inspiziert jeden einzelnen Finger.

»Tut es da weh?« Er pustet gegen den Daumen.

»Oder da?« Jul haucht in meine Handfläche. Es kitzelt angenehm.

»Oder hier?« Zärtlich küsst er meine Fingerkuppen.

Mein verschwitztes Gesicht glüht. Das ist sicher die Sonne. Juls Haare leuchten in ihrem Schein, braun mit einem Schimmer Kastanie. Seine Wange ist ganz nah vor meinem Gesicht. Eine Haarsträhne fällt nach vorne und steht im Bogen ab. Es sieht lustig aus und entzückend. Ich puste dagegen, die Strähne wippt auf und ab. Mit meinen Fingern an seinen weichen Lippen schließt Jul die Augen. Ich lege meinen Mund sanft auf seine Wange. Sie ist weich und rau zugleich. Jul öffnet die Lider und dreht mir sein Gesicht zu. Ich spiegele mich in seinen grünen Augen, versinke in dem See.

Eins. Untrennbar. In diesem Moment.

»Wir müssen weiter«, flüstert Jul.

»Nein«, wispere ich zurück.

Jul streicht mit seinen Lippen von meiner Stirn über meine Nase bis zu meinem Mund. Küsst mich sanft. Kitzelt mit seiner Zungenspitze die Konturen meiner Lippen. Ich rühre mich nicht, halte den Atem an, als könnte ich so die Zeit stoppen. Über uns streicht der Wind durch das Nadelgeäst. Es zwitschert in der Ferne und riecht nach Sommer. An meiner Schläfe kleben mir Haare, in meinem Körper pulsiert es.

Langsam löst sich Jul von mir.

Ich atme ein, höre das Zischen der Luft, die durch meine noch immer geöffneten Lippen dringt. Am Boden knistert trockenes Gras.

Ich mache unwillig die Augen auf. Jul steht lächelnd vor mir und hält mir seine Hand hin. Ich ergreife sie und er zieht mich mit einem sanften Ruck hoch.

Hand in Hand schlendern wir los. Der Anstieg ist plötzlich ganz leicht, ohne Mühe. Wir erreichen die Hügelkuppe, blicken hinüber zu dem Wald, der licht zu sein scheint und Leben ausstrahlt. Menschliches Leben – ohne dass jemand von hier aus zu sehen wäre.

***

Obwohl wir gefühlt die meiste Zeit aufwärts gegangen sind, müssen wir tiefer als Amals Hütte sein, denn dies ist ein Mischwald. Zwischen Fichten, Lärchen und Zirben finden sich Buchen und Bergahorn. Bei unserem Aufstieg vor vier Tagen erklärte Nevin, dass bei etwa 1600 Metern die sogenannte Kampfzone des Waldes beginnt und ab dieser Grenze nur noch Nadelbäume der Kälte und Höhe trotzen können. Amals Hütte steht auf etwa 1800 Metern.

Schon nach wenigen Schritten in den Wald ist klar, dass wir richtig sind. Hinter den Bäumen sind Kinderstimmen zu hören. Etwas hämmert, woanders kommt ein Klappern her und der Trampelpfad vor uns ist breit und ausgetreten. Wir folgen ihm.

Nach etwa 300 Metern öffnet sich der Wald zu einer großen Lichtung. Verblüfft bleiben wir stehen. Eine Gruppe Kinder, die ältesten höchstens zehn Jahre alt, rennen kreischend an uns vorbei.

»… gemein.«

»… geschummelt.«

»… zu langsam.«

Jul und ich sehen uns an. Keines der Kinder hat uns auch nur eines Blickes gewürdigt.

Wir betreten die Lichtung. An ihrem Rand bleiben die Kinder stehen und streiten sich weiter. Die Mädchen tragen Kleider wie im Camp, nur in dreckig und kaputt. Die Jungs haben Leinenanzüge an. Auch diese sind zerknittert und bräuchten dringend mal eine Wäsche. Die Pastelltöne der Kleidung sind kaum noch als solche zu erkennen.

Jul nickt nach vorne. Vor uns, mittig der Lichtung, erhebt sich ein rechteckiges Gebäude mit flachem Dach und schmalen Fenstern.

Ich sehe mich vergeblich nach Erwachsenen um. Rechts von uns wird das Hämmern lauter. Mit dem Blick suche ich den Rand der Lichtung ab. Ich sehe nach oben und entdecke in einer Baumkrone einen Mann auf einer Plattform vor einer Art Hütte. Offenbar will er ein weiteres Brett daran befestigen. Von der Plattform reicht eine lange Strickleiter hinab zum Boden. Jul zeigt ein paar Bäume weiter nach vorne. »Da ist noch eine.«

»Dort auch«, ich weise zur linken Seite. Jetzt, wo ich weiß, wonach ich Ausschau halten muss, entdecke ich immer mehr solcher Baumhütten. An die elf Stück müssen es sein, und das sind nur die, die wir von der Lichtung aus sehen können.

»Ist das die Siedlung?«, flüstere ich Jul zu. Unsicher nickt er. Die Tür des rechteckigen Gebäudes geht auf und ein bärtiger Mann tritt heraus.

»Das ist hoffentlich nicht das Gegenstück zur Gemeinschaft«, sage ich leise.

»Was meinst du damit?«

»Ich sehe nur Männer«, antworte ich.

»Du vergisst die Mädchen«, antwortet Jul und sieht zu den Kindern. Das beruhigt mich nur wenig, denn nun stemmt der Bärtige die Hände in die Hüften und starrt uns entgegen. Sein zotteliger Bart macht ein Lesen seiner Miene unmöglich, aber die Körperhaltung verrät Ablehnung.