Gelüste & Gezeiten - Janine Metzinger - E-Book

Gelüste & Gezeiten E-Book

Janine Metzinger

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Beschreibung

Ein Wiedersehen erweckt in Johanna gemischte Gefühle. Durch unglückliche Umstände lernt sie den attraktiven Polizisten Tjark kennen, und dann ist da noch Lübbo, ihr Kumpel aus Schultagen, den sie kaum noch wiedererkennt und der tief im Drogensumpf steckt. Mit all dem hat sie nicht gerechnet, als sie sich nach stundenlanger Autofahrt endlich ihrer Heimatstadt in Ostfriesland nähert. Ein fesselnder Roman für junge Erwachsene über Liebe und Freundschaft, über Abschied und Neuanfang.

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Seitenzahl: 124

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Kapitel 1

Johanna Everts war an diesem regnerischen Septembermorgen schon seit einigen Stunden in ihrem mit Umzugskartons vollgepackten roten Golf unterwegs, als sie sich endlich ihrer Heimatstadt in Ostfriesland näherte.

Die Tankanzeige leuchtete schon eine ganze Weile, und sie schaute sich nach der alten Tankstelle im Fischteichweg um, doch vergeblich.

Sie staunte, was sich in den drei Jahren ihrer Abwesenheit bereits verändert hatte.

Wenige Meter vor ihr am rechten Straßenrand fiel ihr Blick auf ein großes Reklameschild:

Du kannst alles schaffen, wenn du nur willst!

stand in weißer Druckschrift auf rotem Hintergrund.

Darunter stand noch: Ihre Sparkasse unterstützt Sie mit der richtigen Finanzierung.

Eine Finanzierung hatte sie zwar vor kurzem tatsächlich abgeschlossen, um das alte Haus ihrer Tante zu renovieren, direkt am Wattenmeer in Norddeich, doch drängte sich ihr die Frage auf, ob man denn wirklich alles schaffen kann, wenn man nur will? Sie wollte schon so vieles unbedingt und hat es dennoch nicht geschafft. Und andere Dinge, mit denen sie längst nicht mehr gerechnet hatte, erfüllten sich unverhofft. Genauso unverhofft und zum Ärgernis ihrer gesamten Familie erbte Johanna das Einfamilienhaus ihrer Tante. Tante Anne war bereits seit einiger Zeit an Demenz erkrankt, dennoch kam ihr Tod durch einen Herzinfarkt unerwartet.

Traurigkeit spiegelte sich in ihrem Gesicht wider, und ihr wurde bewusst, wie sehr sie Tante Anne vermisste.

Plötzlich ein Knall und ein lautes Scheppern, Johanna riss es in den Anschnallgurt.

Sie war jemanden hinten aufgefahren.

Instinktiv stieg Johanna aus dem Golf, um sich nach der Person im Wagen vor ihr zu erkundigen, doch ein Mann im schwarzen Anzug war bereits ausgestiegen.

„Entschuldigen Sie. Geht es Ihnen gut?“, erkundigte sie sich.

Der kräftig gebaute Mann mit Glatze kratzte sich am Hinterkopf und antwortete in ruhigem Tonfall.

„Ich bin unversehrt, es ist nur ein Blechschaden.“

Johanna folgte seinem Blick auf den Asphalt. Überall lagen Scherben, ihr linker Scheinwerfer war zertrümmert, und ihre Stoßstange hing an einer Seite herunter.

Der andere Wagen wies nur einige Kratzspuren am Heck auf, doch handelte es sich bei diesem Wagen um einen Jaguar.

„Sehen Sie zu, dass Sie von der Straße runterkommen“, rief ein wütender Mann in der Schlange hinter ihnen aus seinem Auto.

Daraufhin mischte sich eine Passantin im rosafarbenen Hosenanzug ein, die den Vorfall offenbar vom Bürgersteig aus beobachtet hatte.

„Ich habe bereits die Polizei angerufen, sie müsste jeden Moment hier sein“, sagte sie schnippisch.

Wenige Minuten später fuhr ein Streifenwagen vor.

Johanna beobachtete den großen, sportlich gebauten Polizisten, der nun auf sie zuging, wie er hektisch seine Mütze richtete und wie sich sein dunkles Haar dabei in alle Richtungen kräuselte.

„Worauf warten Sie noch? Fahren Sie bitte Ihre Autos an die Seite, Sie halten den ganzen Verkehr auf“, hörte sie ihn sagen.

Nachdem die Fahrbahn geräumt war und Fotos geschossen wurden, nahm der Regen stark zu.

„Wir können uns in meinen Wagen setzen“, schlug der Polizist vor.

Wenig später fühlte Johanna sich ganz und gar nicht ernstgenommen auf der Rückbank des Streifenwagens.

Neben ihr saß der ältere Herr, dessen Jaguar sie angekratzt hatte. Es war still, nur der Regen prasselte gegen die Windschutzscheibe.

Im Innenspiegel sah sie, wie der junge Polizist vom Fahrersitz aus ihr einen missbilligenden Blick zuwarf und dabei etwas in seinen Dreitagebart nuschelte.

„Frauen am Steuer ...“

Johanna verschränkte die Arme, ihr sonst so blasses Gesicht, welches voll war mit unzähligen Sommersprossen, lief rot an.

„Wie bitte? Das kann doch nicht Ihr Ernst sein!“, sagte sie wütend.

„Ich habe keine Zeit für kindische Diskussionen, meine Schicht hat gerade erst angefangen, und mein Kollege verspätet sich mal wieder“, erwiderte der Polizist.

Johanna konnte nicht fassen, was diesem Schnösel in Uniform einfiel, so mit ihr zu reden.

„Alles bleibt wieder mal an mir hängen“, sagte er noch, bevor er anfing, Notizen in ein kleines schwarzes Buch zu kritzeln.

Der Jaguar-Fahrer mit enormem Übergewicht versuchte zu schlichten.

„Wir sollten uns alle wieder beruhigen, niemand wurde verletzt, und das Mädchen hat es nicht absichtlich gemacht.“

Der Polizist ging nicht darauf ein.

„Wie ist Ihr Name?“, wollte er stattdessen wissen.

„Mein Name ist Manfred Klein.“

„Herrn Klein, haben Sie Ihren Ausweis dabei, damit ich Ihre Personalien aufnehmen kann?“

„Aber sicher.“ Er zog eine Brieftasche aus der linken Innentasche seines Anzugs und überreichte den darin enthaltenen Personalausweis.

„Und Sie, Fräulein?“

„Unterstehen Sie sich, mich so zu nennen, mein Name ist Johanna Everts, und selbstverständlich habe ich meinen Ausweis dabei.“

Sie reichte ihn nach vorne, und leiser fuhr sie fort:

„Genau genommen habe ich mein ganzes Leben im Gepäck.“

Der Polizist schüttelte den Kopf.

„Oh bitte, keine Gefühlsduseleien.“

„Keine Sorge, es würde Sie sowieso nicht das geringste angehen,“ erwiderte sie hastig.

Der Polizist gab keine Antwort, stattdessen beugte er sich nach hinten, um ihnen die Ausweise auszuhändigen. Anschließend übereichte er ihnen jeweils eine Durchschrift des Unfallprotokolls, dabei musterte er die zierliche Johanna, die sich gerade durch ihr langes kupferrotes Haar strich.

Widerwillig nahm sie das Schriftstück entgegen.

Ihr Blick fiel auf seine Unterschrift.

„Tjark Redenius“, las sie laut vor.

„Ja, das ist mein Name, falls Rückfragen sind, können Sie sich an mich wenden.“

Herr Klein tippte hektisch auf seine Rolex.

„Können wir jetzt gehen? Ich habe noch einen dringenden Termin.“

„Ja, Sie werden demnächst Post erhalten.“

Als Herr Klein als erster den Wagen verließ, fiel Johanna auf, dass er sich beim Aussteigen an den Nacken fasste.

„Haben Sie Beschwerden?“, rief sie ihm hinterher.

„Ach, das ist halb so wild, wird schon wieder“, rief er zurück.

Sie holte ihn ein und fasste ihm von hinten auf die Schulter. Der gewaltige Mann sah zu ihr runter, sie war mindestens zwei Köpfe kleiner als er.

„Das könnte ein Schleudertrauma sein, bitte lassen Sie das von einem Arzt untersuchen. Anschließend würde ich Sie gerne behandeln, ich bin Physiotherapeutin.“

„Ja, wenn das so ist, können Sie sich das ja mal anschauen“, sagte Herr Klein.

„Am Montag fange ich in Norddeich in der Praxis am Wall an, kommen Sie doch mal vorbei“, schlug Johanna vor.

Herr Klein nickte.

„Wenn ich es zeitlich einrichten kann, mache ich das, danke.“

„Ja, ich bitte Sie zu kommen, das ist das Mindeste, was ich tun kann“, sagte sie eindringlich.

Herr Klein bedankte sich noch einmal und verabschiedete sich.

„Und vergessen Sie nicht, vorher einen Arzt aufzusuchen“, rief sie ihm noch hinterher, doch er schien es nicht mehr zu hören.

Als Johanna losfuhr, bemerkte sie, dass die Stoßstange auf dem Asphalt schleifte, wenig später machte sie an einer Tankstelle halt. Sie riss die Stoßstange mit aller Kraft ab und warf sie auf die Rückbank.

An der Tanksäule neben ihr sah sie eine Familie in einem Van sitzen, alle Blicke waren auf sie gerichtet. Johanna reagierte darauf mit einem Lächeln und tankte ihren Wagen voll.

Während die Landstraße, die von grünen Feldern umgeben war, in der Hauptsaison von Touristen vielbefahren und ein Vorwärtskommen nur schleppend möglich war, war es zu dieser Jahreszeit einsam in der Gegend.

Erst jetzt atmete Johanna erleichtert auf. Es hätte schlimmer kommen können, doch das laute Scheppern auf dem Asphalt saß ihr noch immer in den Knochen. Ihre Hände zitterten leicht am Steuer.

Ihre Gedanken kreisten um die anstehende Reparatur. An einem Sonntag war es unmöglich, eine geöffnete Werkstatt zu finden.

Im selben Moment, als sie das Gaspedal bediente, nachdem sie ungeduldig darauf gewartet hatte, dass die Ampel auf Grün sprang, damit sie endlich diese nasse Landstraße hinter sich lassen konnte, kam ihr der Gedanke an einen Mann, an den

sie schon lange nicht mehr gedacht hatte. Und der sich sehr gut mit Autos auskannte und auch noch großen Spaß daran hatte, alte Autos auseinanderzunehmen, sie wieder zusammenzubauen und sie am besten gleich noch zu restaurieren.

Kapitel 2

Johanna wusste genau, als sie die Auffahrt von Mattes Neemann überquerte, dass er ihr auf jeden Fall helfen konnte. Er hatte sich seinen großen Traum, eines Tages eine eigene Werkstatt zu besitzen, auf dem Hof seines Opas erfüllt.

Er liebte das Geräusch alter Motoren und fand es faszinierend, wie viel Technik in so einer Maschine steckte.

Bei seinem ersten Projekt, als Jugendlicher, hatte es sich um den alten John Deere auf dem Hof seines Großvaters gehandelt, den er in der Scheune entdeckt hatte. Seitdem hatten es ihm vor allem Landmaschinen angetan.

Mit lautem Quietschen bremste Johanna vor dem offenen Tor der alten Scheune.

Mattes kroch unter einem blauen Caddy hervor, sein Gesicht war ölverschmiert.

Als er Johanna erkannte, verriet sein Gesicht, wie erstaunt er über dieses Wiedersehen war.

„Johanna, was machst du denn hier?“

„Hallo, hast du den fehlenden Scheinwerfer nicht gesehen?“, schmunzelte sie.

„Wir haben uns seit einer Ewigkeit nicht gesehen … seit …“, begann er.

„Seit du mich vor drei Jahren verlassen hast“, beendete Johanna seinen angefangenen Satz.

„Richtig“, seufzte er, und es folgte eine kleine Pause.

Johanna hätte ihn nicht besucht, wenn es nicht nötig gewesen wäre, doch als er da so vor ihr stand und sie ihm in seine strahlend blauen Augen schaute und sein beinah weißes Haar betrachtete, musste sie sich eingestehen, dass sie sich sehr freute, ihn endlich wiederzusehen, nach all den Jahren, nachdem sie die Stadt verlassen hatte.

Mattes war ihre erste große Liebe gewesen, das hatte sie schon damals gewusst, als sie ihn in der Schule auf einer Treppe sitzen sah und beobachtete, wie er sein Pausenbrot aß und sich dabei lässig an seinen Schulranzen lehnte.

Da müsste er vierzehn Jahre alt gewesen sein.

Damals war sie erst elf Jahre alt und viel zu jung, sie hätte sich nie getraut, ihn anzusprechen. Doch Jahre später wagte sie es, ihn zu ihrem sechzehnten Geburtstag einzuladen, in das Haus ihrer Tante, da es sich im Sommer um eine optimale Party-Lokalität in der Nähe des Wattenmeeres handelte.

Auf der Party versuchte sie ihren Auserwählten mit einem selbstgebrauten Liebestrank zu verführen. Dieser bestand nicht nur aus passierten Erdbeeren und Sahne, sondern es gehörte zu diesem Elixier auch eine großzügige Portion Rum.

Bis heute war sie sich nicht sicher, ob Tante Anne gewusst hatte, dass sie sich ein bisschen Rum aus ihrer Bar geborgt hatte.

Tante Anne ließ weiß Gott nicht alles durchgehen, doch war sie ganz im Gegensatz zu ihren Eltern, die ihrer Tochter Grenzen setzten und sie primär mit sehr viel Disziplin erzogen, ganz anders.

Sie fand, dass Johanna durchaus auch ihre eigenen Erfahrungen machen durfte. Außerdem war es ihr ohnehin lieber, wenn sie unter ihrer Aufsicht Blödsinn machte, um besser auf sie achtgeben zu können.

Wahrscheinlich war es nicht der Liebestrank, der sie einige Zeit später zusammenbrachte, sondern es lag eher daran, dass Johanna ihn einfach gefragt hatte, nachdem sie ihren ganzen Mut zusammengenommen hatte. Reden konnte sie schon immer gut, besonders gut um Kopf und Kragen, und vor allem in so einer unbehaglichen Situation, in der sie sich gegenwärtig befand, als sie versuchte, Mattes zu fragen, ob er sich ihr Auto ansehen würde.

„Du kennst doch noch mein Auto?“ Während sie das sagte, zeigte sie auf den roten Golf.

„Ja, den habe ich dir zum Achtzehnten fertig gemacht, was hast du denn damit angestellt?“

„Der ist klasse, wirklich, fährt noch wie eine Eins, danke noch mal für das tolle Geschenk.“

„Ja, schon gut. Sag mal, bist du irgendwo draufgefahren?“, fragte Mattes ungeduldig.

„Kann man so sagen. Es ist in Aurich passiert, ich war auf dem Weg zu Tante Annes Haus.“

Mattes senkte den Kopf, als er den Namen ihrer Tante hörte.

„Ich habe von ihrem plötzlichen Tod gehört, das tut mir so leid, Johanna.“

Dann fiel Mattes’ Blick auf die Kartons, die sich auf dem Rücksitz stapelten.

„Ziehst du wieder nach Ostfriesland?“, fragte er.

Sie folgte seinem Blick.

„Ja, das ist eine Überraschung, was? Hätte auch nicht gedacht, dass Tante Anne mir ihr Haus vererben würde.

„Dann sehen wir uns ja in Zukunft“, sagte er monoton und wandte sich von ihr ab, um sich den Schaden anzusehen.

Johanna beobachtete ihn dabei. Sie war irritiert und fragte sich, ob er das im positiven Sinne gemeint hatte und sich über ihre Rückkehr freute. Oder war es einfach nur eine Feststellung, und sie interpretierte zu viel hinein?

Mattes unterbrach die Stille.

„Ich fürchte, dein Wagen muss bis auf weiteres hierbleiben“, sagte er und vergrub die Hände in den Taschen seiner Latzhose.

„Es geht nicht nur um den Scheinwerfer, den kann ich vielleicht noch kurzfristig auf dem Schrottplatz schießen, aber die Bremsbeläge müssen komplett neu. Ich lass dich jedenfalls keinen Meter mehr mit der alten Karre fahren.“

Sein Blick verriet, wie ernst es ihm war.

„Wenn du willst, fahr ich dich nach Norddeich.“

„Wenn dir das wirklich keine Umstände macht, gerne.“

Mattes nickte.

„Warte hier, ich hole die Autoschlüssel.“

Johanna sah sich währenddessen auf dem Hof von Mattes Großvater um, und sie überkam ein mulmiges Gefühl, denn als sie das letzte Mal an dieser alten Scheune vor dem großen Tor stand, hatte Mattes mit ihr schlussgemacht.

Zwar war das Grün längst verblasst und der Lack bereits an einigen Stellen abgeblättert, doch Johanna kam es vor, als wäre es erst gestern gewesen.

„Alles okay?“, fragte Mattes mit dem Schlüssel in der Hand.

„Natürlich“, sagte sie und fragte schnell hinterher: „Meinst du, wir könnten meinen ganzen Kram mitnehmen?“

„Klar“, sagte er.

Wenig später saßen sie im Auto und fuhren los.

Johanna wunderte sich darüber, wie geräumig Mattes´ schwarzer Land Rover war. So ein Wagen wäre perfekt für ihren Umzug geeignet. Vor allem hätte sie nicht so viel in Düsseldorf zurücklassen müssen, bei ihren Eltern, die momentan nicht besonders gut auf sie zu sprechen waren.

Während sie aus dem Fenster schaute und die ihr so vertraute flache grüne Landschaft um sie herum betrachtete, dachte sie an ihren Abgang aus Düsseldorf. Sie musste sich anstrengen, nicht zu weinen, denn anders als ihre Mutter war sie nah am Wasser gebaut, und auch wenn sie es nicht gerne zugab, hatten die Worte ihrer Mutter sie sehr berührt. Während sie so darüber nachdachte, fiel ihr auf, dass sie ihre Mutter noch nie hatte weinen sehen. Selbst bei ihrem letzten Streit war es eher Wut gewesen, die düstere Falten in ihr gepudertes Gesicht gezeichnet hatte. Ihr Makeup war ebenso makellos wie ihre Figur, die regelmäßig von Hosenanzügen umhüllt wurde. An diesem Sonntag war es einer in mokka.

„Wie kannst du uns das nur antun? Du bist unsere einzige Tochter. Wir mussten akzeptieren, dass du eine Ausbildung machst, statt wie dein Vater Betriebswirtschaftslehre zu studieren, um später in seine Fußstapfen zu treten, aber jetzt bringst du das Fass zum Überlaufen“, hörte sie ihre Mutter immer noch in Gedanken.

„Mama, beruhig dich bitte. Dass ich euch enttäuscht habe, tut mir leid, und dass ihr geplant hattet, mir eine eigene physiotherapeutische Praxis einzurichten, schmeichelt mir sehr, doch ich möchte meinen eigenen Weg gehen, und vor allem möchte ich zurück nach Ostfriesland.“

Ihre Mutter, deren Gesicht vor Wut bereits rot angelaufen war, schüttelte den Kopf.

„Ich kann immer noch nicht fassen, dass meine Schwester dir das Haus überlassen hat. Sie hatte außer uns doch niemanden, und dann werde ich, ihre einzige Schwester, nur mit einem lächerlichen Pflichtteil abgespeist.“