9,99 €
Niedrigster Preis in 30 Tagen: 9,99 €
Tilda kann es nicht fassen: Erst soll ihr gemeinnütziger Flohmarkt dem noblen Neubaugebiet nebenan weichen, dann schnappt ihr Noah Berger, ehemaliger Soap-Darsteller und Möchtegernrapper, auch noch die neuen Räumlichkeiten vor der Nase weg, um dort ein Theater zu eröffnen. Doch so schnell gibt Tilda sich nicht geschlagen, erst recht nicht von einem schnöseligen Schauspieler! Bald jedoch zeigt sich, dass sie nur gemeinsam gewinnen können. Aber wie finden zwei Menschen zusammen, die rein gar nichts verbindet?
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 405
Veröffentlichungsjahr: 2022
Cover
Über das Buch
Über die Autorin
Titel
Impressum
Widmung
Zitat
1. Kapitel
2. Kapitel
3. Kapitel
4. Kapitel
5. Kapitel
6. Kapitel
7. Kapitel
8. Kapitel
9. Kapitel
10. Kapitel
11. Kapitel
12. Kapitel
13. Kapitel
14. Kapitel
15. Kapitel
16. Kapitel
17. Kapitel
18. Kapitel
19. Kapitel
20. Kapitel
21. Kapitel
22. Kapitel
23. Kapitel
24. Kapitel
25. Kapitel
26. Kapitel
27. Kapitel
28. Kapitel
29. Kapitel
30. Kapitel
31. Kapitel
32. Kapitel
33. Kapitel
34. Kapitel
35. Kapitel
36. Kapitel
37. Kapitel
38. Kapitel
39. Kapitel
40. Kapitel
41. Kapitel
42. Kapitel
43. Kapitel
Danke
Über das Buch
Tilda kann es nicht fassen: Erst soll ihr gemeinnütziger Flohmarkt dem noblen Neubaugebiet nebenan weichen, dann schnappt ihr Noah Berger, ehemaliger Soap-Darsteller und Möchtegernrapper, auch noch die neuen Räumlichkeiten vor der Nase weg, um dort ein Theater zu eröffnen. Doch so schnell gibt Tilda sich nicht geschlagen, erst recht nicht von einem schnöseligen Schauspieler! Bald jedoch zeigt sich, dass sie nur gemeinsam gewinnen können. Aber wie finden zwei Menschen zusammen, die rein gar nichts verbindet?
Über die Autorin
Sylvia Deloy, Jahrgang 1967, wuchs in einer kleinen Stadt in Niedersachsen auf. Sie studierte Kommunikationswissenschaft, Germanistik und Marketing und arbeitete danach als Redakteurin und Autorin für unterschiedliche TV-Sendungen. Sie schrieb Drehbücher und Skripte für Comedy-Serien und erhielt 1999 gemeinsam mit einer Co-Autorin den zweiten Preis des Sat.1-Drehbuch-Wettbewerbs. 2011 veröffentlichte sie ihren ersten Liebesroman für Jugendliche mit dem Titel Sterne, Stress und Kussalarm.
SYLVIA DELOY
Roman
Vollständige E-Book-Ausgabedes in der Bastei Lübbe AG erschienenen Werkes
Originalausgabe
Copyright © 2022 by Bastei Lübbe AG, KölnTextredaktion: Claudia Schlottmann, BerlinUmschlaggestaltung: FAVORITBUERO, MüncheneBook-Erstellung: two-up, DüsseldorfISBN 978-3-7517-1018-3
luebbe.delesejury.de
Für meinen Vater,in liebevoller Erinnerung
There is a crack in everything.That’s how the light gets in.
Leonard Cohen
»Wow, ist der schön!« Kaja fuhr andächtig mit der Hand über die Platte des alten Eichentischs, der halb abgeschliffen in meiner Schreinerwerkstatt stand und darauf wartete, fertig restauriert zu werden.
Ich trat einen Schritt zurück und betrachtete zufrieden die gedrechselten Beine, die ich in stundenlanger Kleinarbeit von Holzwürmern und froschgrüner Lackfarbe befreit hatte.
»Und der wäre fast im Sperrmüll gelandet!? Unglaublich, was die Leute so alles wegwerfen …« Kaja biss beherzt in ihr Butterbrot.
»Das kannst du laut sagen!«
Möööp, mööööööööp machte es in dem Moment draußen. Das konnte nur eins bedeuten. »Cem«, sagte ich überflüssigerweise, denn Kaja dürfte wohl auch so klar gewesen sein, wer da mit lautstarkem Gehupe seine Rückkehr ankündigte. Wir traten an das geöffnete Sprossenfenster und blickten über den Innenhof der alten Knopffabrik zum großen schmiedeeisernen Eingangstor hinüber, wo Cem gerade unseren altersschwachen, quietschorangen Fiat Ducato parkte und dann mit einem geübten Hechtsprung das Fahrerhäuschen verließ.
Lässig hob er die Hand und rief: »Euer Lieblingskollege ist wieder da!« Er schien bestens aufgelegt zu sein. »Hab viele Sachen mitgebracht. Schöne! Und schwere!«, fügte er hinzu, wohl um anzudeuten, dass er bei aller guten Laune nicht gedachte, das Mobiliar und die Utensilien, die er im Rahmen einer Haushaltsauflösung in der Merowingerstraße ergattert hatte, allein auszuladen – nachdem er das alles schon ohne Hilfe hatte runterschleppen und ins Auto verfrachten müssen. Mit federnden Schritten ging er um den Wagen herum, öffnete die Hecktüren und hievte eine Bananenkiste heraus, die, seinem verzerrten Gesicht nach zu urteilen, ziemlich schwer war.
»Na, dann mal los«, seufzte ich, nahm zwei Paar Arbeitshandschuhe von der Werkbank, reichte Kaja eines davon und öffnete die schwere Metalltür zum Hof. »Nach dir«, sagte ich, ließ sie vorgehen und trat dann selbst hinaus in die warme Mittagssonne, um unserem selbsternannten Lieblingskollegen unter die Arme zu greifen.
Er kam uns schon mit der Kiste entgegen und keuchte mit hochrotem Kopf: »Laderaum ist offen, Ladys. Wohin mit dem Ding?«
»Verkaufshalle«, erwiderte ich knapp.
»Moinsen«, brummte da eine heisere Stimme, die unverkennbar Helga gehörte. Sie war gerade aus ebendieser Verkaufshalle gekommen, verschränkte die Arme vor der Brust und bedachte Cem mit einem kurzen Nicken. »Junge, Junge. Datt hat ja vielleicht gedauert …«
Cem verzog beleidigt das Gesicht. »Ich musste schließlich alles alleine machen. Ingo ist mal wieder nicht gekommen. Du erinnerst dich?«
»Ja, ja. Immer ruhig mit den braunen Pferden, oder wie datt heißt.«
»So jedenfalls nicht«, bemerkte Cem.
»Pffff …«, machte Helga. Dann wandte sie sich an mich. »Wir brauchen echt ’ne neue Aushilfe, Tilda. So geht datt nich!«
Ich nickte seufzend. »Man muss nur erst mal jemanden finden.«
Helga dachte nach. »Ich weiß vielleicht, wer datt machen kann. Josef, ein Kumpel von mir. Den frag ich mal«, versprach sie.
»Mensch, das wäre super, Helga. Danke.«
»Dafür nich«, sagte sie und deutete mit dem Kinn Richtung Transporter. »Isses viel, Cem?«
»Jepp.«
»Na dann … spiel ich mal den Ingo.« Mit diesen Worten marschierte sie Richtung Fiat Ducato, und Cem starrte ungeniert auf ihr ausladendes Hinterteil.
»Cem?«
»Äh, ja?« Er drehte sich wieder zu mir um und grinste von einem Ohr zum anderen.
»Weiterarbeiten!«
»Jawohl, Chefin. Ich krieg auch langsam lange Arme.«
»Besser als Stielaugen«, bemerkte Kaja trocken.
»Na ja, wenn die hier einen auf Kim Kardashian macht …«, verteidigte er sich.
Ich rollte mit den Augen.
Cem setzte sich in Bewegung und steuerte, wie ich jetzt bemerkte, genau auf einen seiner Fußbälle zu, die immer mal wieder im Hof herumlagen. Wegen des Kartons vor seiner Brust konnte er ihn offenbar nicht sehen.
»Achtung! Ball!«, brüllte ich deshalb, doch das runde Leder war bereits zwischen seine Füße geraten und das Grinsen aus seinem Gesicht gewichen. Dort machte sich nun Entsetzen breit, und Cems durchtrainierter Körper schwankte gefährlich hin und her. Sein crescendoartig ausgestoßenes »Aaaaaaaah« klang nach Panik und die Geräusche aus der Bananenkiste nach ›zerbrechlich‹. Reflexartig machte ich einen Satz auf Cem zu, in der vagen Hoffnung, noch irgendetwas für ihn und den Inhalt der Bananenkiste tun zu können, doch es war zu spät. Wie in Zeitlupe verloren Cems Füße den Kontakt zum Kopfsteinpflaster, und er kippte nach hinten wie ein fallender Baum, während die Kiste nach vorn kippte, wie eine … na ja … fallende Kiste. Was folgte, war ohrenbetäubendes Geschepper, dicht gefolgt von einem entsetzten: »Fuckomaaaat!« Danach war nur noch Vogelgezwitscher zu hören, und aus der Ferne ein Rasenmäher.
Kaja fand zuerst die Sprache wieder. »Heilige Scheiße!«, stieß sie hervor und starrte fassungslos auf Cem hinab. »Ich glaube, er ist mit dem Kopf aufgeschlagen!«
Cem lag auf dem Rücken, mit geschlossenen Augen, und hatte alle Viere von sich gestreckt. Um ihn herum lagen unzählige Scherben, die, wie ich mit einem einzigen Kennerblick feststellte, einmal Meißner Porzellan gewesen sein mussten, und zwar das schöne mit Streublümchen und Goldrand. Wahrscheinlich bis eben sogar vollständig und somit wertvoll, aber natürlich nicht so wertvoll wie Cem, weshalb ich mich nun besorgt neben ihn kniete, um erst mal seinen Puls zu fühlen. Fahrig tastete ich mit Zeige- und Mittelfinger an der Unterseite seines Handgelenks herum und schluckte. Ich tastete weiter, rauf und runter, und wurde langsam panisch, denn wenn ich ehrlich war, fühlte ich rein gar nichts.
Helga war, aufgeschreckt durch den Lärm, mit leeren Händen zurückgekehrt und fragte: »Haste dir watt getan, Cem?«
Doch Cem reagierte nicht, und seinen Puls hatte ich auch noch nicht gefunden. Jetzt bekam ich es wirklich mit der Angst zu tun. »Cem!«, rief ich und rüttelte hilflos an seiner Schulter.
Kaja kniete sich auf seine andere Seite. »Cem, wach auf!« Sie patschte ihm rechts und links auf die Wangen, und als er immer noch nicht reagierte, wiederholte sie den Versuch, nur dieses Mal etwas kräftiger.
»Sag mal, spinnst du?«, rief er plötzlich, öffnete die Augen und blitzte Kaja wütend an.
»Cem! Gott sei Dank!«, stöhnte ich erleichtert.
»Ich dachte schon, datt du tot bist«, sagte Helga kopfschüttelnd und machte ein vorwurfsvolles Gesicht.
Cem lächelte matt. »Ein Cem Ceylan stirbt nicht so schnell.«
»Ich hol mal watt für deinen Kopp«, erklärte Helga und marschierte mit resoluten Schritten in Richtung Werkstatt.
Cem bewegte vorsichtig Arme und Beine und stöhnte auf.
»Alles okay?«, fragte ich besorgt.
»Nix gebrochen, glaube ich. Außer …« Mühsam versuchte er, sich aufzusetzen. »… eventuell mein Steißbein.«
»Wenn es mehr nicht ist.« Kaja streckte ihm eine Hand entgegen und half ihm vorsichtig auf.
»Und? Alles noch heile?«, fragte Helga wenig später, in der Hand ein gefrorenes Kühlpack.
»Ja, außer sein Hintern«, informierte Kaja sie und strich sich ihre glatten schwarzen Haare hinter die Ohren.
Helga reichte Cem das Kühlpack. »Hier. Dann is datt jetzt eben für’n Arsch.«
Nachdem sichergestellt war, dass Cem weitestgehend unversehrt war, nahm ich die Scherben auf dem Boden in Augenschein.
»Ist eh nur Schrott«, wiegelte Cem gleich ab. »Altes Omageschirr, nix Wertvolles. Und außerdem: Scherben bringen Glück. Sagt man doch so, oder?«
»Ja. Hoffen wir das Beste!« Kaja steckte sich eine Zigarette an, hob einen halben Kuchenteller vom Boden auf und drehte ihn um. »Meißner«, murmelte sie.
Ich nickte und begann, die Überreste des edlen Porzellans zurück in die Bananenkiste zu verfrachten.
»Was soll das heißen? Meißner?« Cem blickte uns argwöhnisch an.
»Ach, nichts«, sagte ich schnell und beschloss, das Thema zu wechseln, damit er nicht auch noch Gewissensbisse bekam. »Helga, ist noch viel auszuräumen?« Ich deutete auf den Transporter.
Sie fuhr sich mit der Hand durch ihre blondgesträhnte Vokuhila-Frisur. »Watt denkst du denn? Datt die Heinzelmännchen datt in der Zwischenzeit erledigt haben?«
»Verstanden.« Resigniert räumte ich die letzten Scherben in den Karton und fragte: »Ist noch Platz in der Mülltonne?«
Kaja schüttelte den Kopf. »Nee. Platzt aus allen Nähten.«
Ich verordnete Cem eine Pause, während wir anderen mit vereinten Kräften den Transporter entluden. Als das geschafft war, gingen Kaja und ich in die Werkstatt. Ich schob den Karton mit den Scherben unter das Regal und nahm mir vor, ihn zu entsorgen, sobald wieder Platz in der Mülltonne war. Kaja setzte sich ins offene Fenster und rauchte eine. Es war Mittagspause, und die verbrachten wir am liebsten gemeinsam.
»Ach nee«, sagte sie plötzlich und deutete Richtung Eingangstor.
»Was?«
»Guck mal, wer uns beehrt.«
Ich trat neben sie und stöhnte. »Ziegler! Was will der denn hier?«
Unser Vermieter stattete uns selten einen Besuch ab, und wenn doch, kam er meistens mit einer schlechten Nachricht. Beim letzten Mal war es eine saftige Mieterhöhung gewesen. Davon hatte er sich offenbar den einen oder anderen Urlaub finanziert, oder vielleicht ein Cabrio, jedenfalls war er sehr braun. Er trug Jeans, ein weißes Polohemd und darüber ein dunkelblaues Jackett. Und diesmal hatte er auch noch jemanden im Schlepptau, wie ich erst jetzt bemerkte. Einen Mann, Typ Werbeagentur: klein, untersetzt, kaum noch Haare auf dem Kopf, aber dafür eine große schwarze Hornbrille. Er folgte Ziegler im Abstand von zwei Metern und blickte sich dabei fortwährend um. Unter der riesigen Kastanie, die mitten in unserem Hof stand und im Sommer für angenehmen Schatten sorgte, blieben die beiden stehen, und Ziegler begann, ausladende Gesten in Richtung der alten Backsteingebäude zu machen, die den Hof hufeisenförmig umschlossen. Dabei redete er ohne Unterlass auf den Werbefuzzi ein, nur leider in sehr gedämpftem Tonfall, so dass wir kein einziges Wort verstanden. Der Hornbrillentyp nickte unaufhörlich, während er Zieglers Ausführungen lauschte, und begann dann, Handyfotos zu schießen.
Mir wurde mulmig zumute. »Was hat das zu bedeuten, Kaja?«, fragte ich matt.
»Sag mal, spinnt der?« Kaja drückte ihre Kippe im Aschenbecher aus und sprang wütend von der Fensterbank. »Was fällt dem ein, hier zu fotografieren? Guck mal, jetzt knipst der meinen Laden! Ist das nicht … Verletzung des Persönlichkeitsrechts oder so was?«
»Keine Ahnung. Ich geh mal raus und frag, was die wollen.«
»Ich komm mit!«
»Nein, lass mal. Halt du hier die Stellung. Ich bin ja die Hauptmieterin«, sagte ich schnell. Wenn Kaja auf hundertachtzig war, ließ man sie besser nicht auf Menschen los, zu denen man in einem wirtschaftlichen Abhängigkeitsverhältnis stand. »Okay?« Ich warf ihr einen flehenden Blick zu.
»Na gut, aber geig denen ordentlich die Meinung. Von wegen Persönlichkeitsrecht und so.«
»Klar«, sagte ich, auch wenn sich in mir gerade das diffuse Gefühl breitmachte, dass unser Persönlichkeitsrecht gleich nicht mehr unser größtes Problem sein würde.
»Tag, Herr Ziegler.« Ich streckte ihm meine Rechte entgegen und lächelte gezwungen.
Er nahm meine Hand und zerdrückte sie beinahe. »Frau Bachmann. Schön, dass ich Sie hier antreffe. Ähm … darf ich vorstellen?« Er deutete auf seinen Begleiter. »Achim Pöll. Architekt bei Balders und Pöll. Kennen Sie sicher. Die haben das Park Quartier nebenan gebaut.«
»Ah«, sagte ich, dachte, also doch kein Werbefuzzi, und gab auch Herrn Pöll die Hand.
»Grüße Sie, Frau Bachmann. Sehr erfreut.« Er musterte mich ungeniert. »Wusste gar nicht, dass Schreinerinnen so hübsch sind«, sagte er an Ziegler gewandt und lachte. »Nicht, schlecht, nicht schlecht.«
»Was kann ich für Sie tun?«, fragte ich kühl und spielte mit dem Gedanken, Kaja nun doch von der Leine zu lassen.
Ziegler blickte sich um, als hätte er etwas zu verbergen. »Können wir kurz reingehen? Wir müssten etwas Wichtiges mit Ihnen besprechen.«
Unwillkürlich zog sich mein Magen zusammen. »Sicher. Kommen Sie.« Ich steuerte die Verkaufshalle an, die sich direkt neben der Schreinerei befand. »Nach Ihnen.« Ich deutete auf die geöffnete Tür. »Ganz nach hinten durch. In mein Büro«, sagte ich.
Wir betraten die ehemalige Fabrikhalle, in der früher Knöpfe aller Art am Fließband hergestellt worden waren. Jetzt diente sie uns als Verkaufsraum für unsere Vintage-Ware.
Pöll sah sich neugierig um, während er langsam vorwärtsschritt. Dann blieb er abrupt stehen. »Du meine Güte«, sagte er. »Wo haben Sie denn das ganze Gerümpel her?« Er nahm Kurs auf ein Regal an der Wand und schnappte sich ein altes, geschliffenes Kristallglas mit Goldrand.
»Haushaltsauflösungen«, erklärte ich knapp.
»Und das Zeug kauft jemand?«
»Klar, es sind ja … schöne Sachen«, erwiderte ich pikiert.
»Hahaha. Wie man’s nimmt, ne?« Pöll stellte das Glas zurück, griff nach einem Ölgemälde mit verschnörkeltem Goldrahmen und betrachtete den röhrenden Zwölfender. »Wär das nix für dich, Günther?« Er lachte dröhnend und hielt Ziegler das Werk unter die Nase.
»Nee, lass mal stecken, Achim. Ich bin eher für moderne Kunst. Weißte doch.«
Pöll wandte sich an mich. »Wenn Ihnen mal ein echter Picasso unterkommt, sagen Sie uns Bescheid. Wir wären interessiert.«
»Klar«, erwiderte ich entnervt. »Kommen Sie.«
Pöll stellte den röhrenden Hirsch zurück, und wir durchquerten schnellen Schrittes die Halle, erklommen die sieben Stufen der Stahltreppe und betraten mein gläsernes Büro mit bestem Blick auf unsere handverlesene Vintage-Ware oder, wie Pöll es nannte, das Gerümpel. Ich setzte mich hinter meinen Schreibtisch, der auch Vintage war und aus den Sechzigern stammte, und deutete auf die beiden Industriehocker davor. »Nehmen Sie Platz.«
Ziegler drehte unentschlossen an dem runden Sitz des Hockers, was ein quietschendes Geräusch verursachte, und setzte sich dann.
»Witziges Teil«, meinte Pöll, wackelte an der Sitzfläche des zweiten Hockers herum und ließ sich schließlich auch nieder. »Rückenschonend ist anders, ne?« Er lachte. »Aber das dauert ja nicht ewig hier.«
Ich sah die beiden Herren erwartungsvoll an.
»Ja, Frau äh … Bachmann«, sagte Ziegler und wirkte plötzlich beinahe kleinlaut.
Das ist nicht gut, dachte ich noch, und da rückte er auch schon heraus mit der Sprache und seinem Anliegen, und nein … es war ganz und gar nicht gut.
»Ich will nicht lange um den heißen Brei herumreden, und Sie haben es sich sicher schon gedacht, Frau Blachmann.«
»Bachmann.«
»Äh, ja. Verzeihen Sie. Das Neubaugebiet hinter Ihnen, also das Park Quartier, soll erweitert werden. So weit die gute Nachricht.« Er machte eine kurze Pause. »Die schlechte: Das hier …« Er machte eine ausladende Handbewegung. »… muss abgerissen werden.«
»Oooo-kay …«, sagte ich, nickte und starrte ihn an. Noch hatte ich nicht ganz begriffen, was er mir damit sagen wollte.
»Also, über kurz oder lang«, fügte Ziegler hinzu.
»Eher über kurz«, warf Pöll ein und verzog den Mund zu einem mitleidigen Lächeln.
»Ähm … wie jetzt, abgerissen …?«, fragte ich, denn langsam war die Information in mein Großhirn durchgesickert. »Unsere ganze Knopffabrik?«
Ziegler sog hörbar Luft ein. »Ja, also … im Prinzip … schon.«
»Sie meinen, richtig alles … weg?«, fragte ich noch einmal, für den unwahrscheinlichen Fall, dass ich es nicht richtig verstanden hatte.
»Ja, bedauerlicherweise. Das Hauptgebäude und auch die kleinen Nebengebäude müssen weichen. Wohnraum ist knapp in Köln. Wissen Sie ja. Und die Stadt hat bereits ihr Okay gegeben. Es sollen drei weitere Grundstücke für Einfamilienhäuser entstehen, und …« Er stockte und musterte mich besorgt. »Geht es Ihnen gut, Frau Bachmann?«
Ich hielt mich mit beiden Händen an der Tischkante fest. Mir war auf einmal schwindelig und auch ein bisschen übel. Zieglers Gesicht verschwamm vor meinen Augen. Dann sah ich es plötzlich doppelt, und Pölls auch. Atmen, Tilda, atmen, ermahnte ich mich in Gedanken, aber ich hatte gut reden. Mein Hals war wie zugeschnürt, und ich bekam, atmen hin oder her, einfach zu wenig Luft. Ein Glas Wasser hätte vielleicht nicht geschadet, doch dazu hätte ich aufstehen und mir eines aus der Teeküche holen müssen.
»Und … äh …« Konzentrier dich, Tilda, schalt ich mich selbst in Gedanken. »Ähm … und wir? Wo sollen wir dann hin? Ich meine, Flea Market? Wenn das hier mehrere Einfamilienhäuser werden, dann können wir ja wahrscheinlich gar nicht … hierbleiben, oder?« Ich hatte meinen Kreislauf wieder einigermaßen im Griff.
»Richtig. Aber sehen Sie, Frau Bachmann, es ist ja noch ein Weilchen hin. Frühestens Ende des Jahres wird es so weit sein. Da ich weiß, dass Immobilien wie diese in Köln rar gesät sind, wollte ich Ihnen rechtzeitig Bescheid geben. Damit Sie sich schon mal auf die Suche machen können.«
»Auf die Suche. Verstehe. Das ist ja … nett«, murmelte ich und überschlug im Geiste, wie viel Zeit wir noch hatten. Es war Mitte Juni. Das hieß, in gut sechs Monaten mussten wir raus. Und sechs Monate, die gingen schnell vorbei.
Ziegler griff in die Innentasche seines dunkelblauen Jacketts und zog einen weißen Umschlag heraus. »Hier. Das gebe ich Ihnen schon mal. Der offizielle Teil sozusagen.« Er lächelte mir onkelhaft zu.
Ich nahm den Umschlag und betrachtete ihn misstrauisch. »Was … ist das?«
»Na ja … die Kündigung.« Ziegler verzog bedauernd den Mund. »Muss ja alles seine Richtigkeit haben.« Er klopfte dreimal auf meine Schreibtischplatte. »Nichts für ungut. Tut mir wirklich leid für Sie, Frau Bachmann, aber so spielt das Leben. Sie finden schon was anderes.«
»Vielleicht kommt Ihnen ja doch mal ein Picasso unter«, witzelte Pöll. »Den verkloppen Sie dann meistbietend. Und dann kaufen Sie sich eine von unseren schicken Neubauvillen mit Pool, hängen sich den röhrenden Hirsch übers Sofa und setzen sich zur Ruhe. Das wär doch was, junge Frau, oder?« Er zwinkerte mir zu.
Ich starrte ihn mit ausdrucksloser Miene an.
»Hätte allerdings einen Nachteil. Sie hätten dann den hier zum Nachbarn.« Er deutete auf Ziegler. »Wenn ich es richtig sehe, wird sein Haus genau …« Er blickte sich um und deutete durch die Glaswand auf ein karamellfarbenes Samtsofa. »… dort drüben stehen.«
»Tja, ich denke, es ist alles gesagt.« Ziegler erhob sich.
Pöll nickte, stand auch auf und griff sich an die Lendenwirbelsäule. »Trifft sich gut. Ich bin kurz vor Bandscheibenvorfall.«
»Wenn Sie noch Fragen haben, melden Sie sich ruhig.« Ziegler nickte mir freundlich zu.
»Ja. Ja, danke«, antwortete ich benommen. »Wiedersehen.«
Die beiden Herren gingen hinaus.
Als sie außer Sichtweite waren, ließ ich den Kopf auf die Schreibtischplatte sinken und versuchte, mich zu sammeln. Hatte Cem nicht eben noch gesagt, Scherben würden Glück bringen? Die Meißner-Porzellan-Scherben hatten es jedenfalls nicht getan. Ich dachte an all die schönen Vintage-Möbel, die wir liebevoll ausgesucht und restauriert hatten. An das hübsche Geschirr, die Waschmaschinen und alten Toaster, die wir mitgenommen hatten, um sie günstig an Leute abzugeben, die sich neue nicht leisten konnten oder wollten. Das war das Versprechen, das wir denen gaben, die uns ihre Habseligkeiten überließen. Oft waren es alte Menschen, die ins Heim oder in eine kleinere Bleibe zogen und vieles nicht mitnehmen konnten. Einiges, was hier stand, hatte jemanden ein Leben lang begleitet. Zu wissen, dass es nicht einfach auf dem Müll landete, sondern nun jemand anderem eine Freude bereiten würde, machte es ihnen leichter, sich davon zu trennen. Ich seufzte. Was, wenn wir keine neue Immobilie fanden? Im schlimmsten Fall gäbe es uns dann nicht mehr. Wir würden unsere Arbeit verlieren und unsere Kunden einen Ort, an dem es nicht nur günstig Möbel gab, sondern der auch ein Treffpunkt für Jung und Alt war. Ich versuchte, nicht gleich das Schlimmste anzunehmen, denn wie sagt man in Köln so schön: Et hätt noch immer joot jejange. Und darum, so beschloss ich, würde ich den anderen vorerst nichts erzählen. Ich wollte die Pferde nicht unnötig scheu machen. Nur mit Kaja redete ich am besten jetzt gleich. Sie war schließlich meine beste Freundin, meine Mitbewohnerin und noch dazu meine Untermieterin hier in der Knopffabrik. Insofern musste sie natürlich so schnell wie möglich erfahren, dass uns im besten Fall ein Umzug blühte und im schlechtesten Fall die Geschäftsaufgabe.
»Diese Pissnelken!«
»Kaja, bitte.«
»Ist doch wahr.«
»Okay«, lenkte ich ein. »Es sind Pissnelken. Mindestens.« Gerade hatte ich ihr in allen Einzelheiten den Inhalt des Gesprächs mit Ziegler und Pöll wiedergegeben, und sie war, genau wie ich vorhin, aus allen Wolken gefallen.
»Wissen die eigentlich, was du hier leistest? Und wie wichtig Flea Market für unser Veedel ist? Ach was, Veedel. Für ganz Köln«, schimpfte sie. »Und für Helga und Cem. Für die Kunden und für … mich!«
Ich starrte aus dem Fenster und versuchte, meine Gedanken zu sortieren. »Vielleicht finden wir eine andere Immobilie«, überlegte ich laut, um mich selbst zu beruhigen.
»Pffff …«, machte Kaja. »Wo soll die denn bitte sein? Wir leben in einer Metropole.«
»Wir leben in Köln«, erinnerte ich sie.
»Na ja, aber die Mieten sind trotzdem absurd hoch.«
Ich biss mir auf die Lippen. Kaja hatte natürlich recht. Wohn- und Arbeitsraum war knapp und deshalb meist unbezahlbar. Erschwerend kam hinzu, dass wir für unsere Zwecke etwas sehr Spezielles benötigten. Ein zentral gelegenes Gebäude, in dem man eine Schreinerwerkstatt, eine Verkaufshalle und einen Secondhandladen unterbringen konnte, musste man erst mal finden. Wie man es auch drehte und wendete, die Kündigung war eine Katastrophe. Ein Super-GAU, dessen Ausmaß zu ermessen mein Gehirn sich im Moment noch weigerte. Um mich abzulenken, nahm ich eine bordeauxrote Lederjacke von einem der Kleiderständer, schlüpfte hinein und stellte mich vor den großen Spiegel an der Wand. Ich drehte mich nach rechts, nach links und um meine eigene Achse und betrachtete dabei mein Spiegelbild. »Ist die neu?«
Kaja nickte. »Gestern reingekommen.« Sie zählte gerade ihre Tageseinnahmen. Wir hatten fast Feierabend. »Über dreihundert Euro.« Zufrieden legte sie ein Bündel Geldscheine in eine Kassette. »Dabei habe ich mich gerade eingelebt«, sagte sie. »Ich … ich will hier nicht weg.«
»Wem sagst du das …«, seufzte ich. »Wie lange bist du jetzt dabei?«, überlegte ich laut.
»Fünfzehn Monate, achtundzwanzig Tage und …« Sie warf einen Blick auf die Uhr. »… acht Stunden.«
Ich lachte. Nachdem Kaja sich zwei Jahre lang als Schaufensterdekorateurin bei H&M hatte ausbeuten lassen, hatte sie beschlossen, sich selbstständig zu machen und zu diesem Zweck ein flaches, von mir bis dato als Lagerraum genutztes Gebäude auf dem Gelände der Knopffabrik zu beziehen. Es lag vis à vis meiner Schreinerei und umfasste etwa siebzig Quadratmeter, die sich auf einen großzügigen Raum und eine kleinere Kammer verteilten. Wir hatten es gemeinsam von allerlei Gerümpel befreit und den großen, langgestreckten Raum mit einer schwarz-goldenen Art-Deco-Tapete versehen. Das war Kajas Idee gewesen, die ich zugegebenermaßen zunächst nicht für die beste gehalten hatte, doch am Ende überzeugte mich das Ergebnis. Ich baute für sie eine kleine Ladentheke, zauberte mit Hilfe von messingfarbenen Rohren und roten Samtvorhängen zwei Umkleidekabinen und brachte einen riesigen goldverzierten Spiegel an der Wand an. Schließlich schenkte ich ihr zur Einweihung die über hundert Jahre alte Registrierkasse aus der Geschäftsauflösung des Hutgeschäfts Bremer, und die machte sich ausgesprochen gut auf der Theke. So hatte sich der ehemals verstaubte Lagerraum in einen ziemlich ansprechenden Laden verwandelt, den Kaja ›True Treasures‹ genannt hatte, was so viel bedeutete wie ›wahre Schätze‹. Sie bestückte ihn mit ausgewählter Vintage-Mode, die sie teilweise umarbeitete oder upcycelte, bevor sie sie in den Verkauf nahm. So hatte sie sich innerhalb kürzester Zeit einen Namen gemacht – weit über die Grenzen der Kölner Südstadt hinaus.
»Nicht auszudenken, dass wir vielleicht bald nicht mehr hier sind.« Bei dem Gedanken wurde mir ganz schwindelig. »Flea Market und dein True Treasures gehören doch hierher wie … wie der Eiffelturm nach Paris oder …«
» … der Dom nach Köln«, schloss Kaja mit Grabesstimme.
Ich nickte düster und stellte mich neben sie an den Tresen. Eine Weile blickte ich stumm hinaus in unseren schönen Innenhof. Die Vögel in der Kastanie zwitscherten und sangen, als wäre nichts passiert. Wenn die wüssten, dachte ich. Dann packte ich Kajas Handgelenk und drückte es so fest, dass sie »Autsch« brummte. »Es wird nicht passieren, oder?« Ich drückte noch fester und sah sie eindringlich an. »Sag mir, dass es nicht passieren wird. Dass wir hier nicht weggehen müssen, Kaja. Ich meine, Flea Market … das ist doch … mein Leben.«
Sie nickte grimmig. »Und das True Treasures meins. Nur, ganz ehrlich: Im Zweifel interessiert das keine Sau.«
»Ich finde einen Weg«, erwiderte ich trotzig.
Kaja schwieg. »Vermutlich«, sagte sie schließlich. »Nein, ganz sicher: Du findest einen Weg. WIR finden einen Weg. Wir haben ja schon ganz andere Sachen geschafft. Kampflos aufgeben ist nicht unser Ding!«
»War es noch nie«, pflichtete ich ihr bei, und plötzlich fühlte ich mich ein klein wenig besser.
Kaja deutete mit dem Kinn auf ihr Handgelenk, das ich immer noch umklammert hielt. »Wenn du es loslässt, könnte ich die Einnahmen wegschließen und Feierabend machen …«
»Entschuldige«, murmelte ich.
Nachdem Kaja ihren Tagesumsatz sicher verstaut hatte, beschlossen wir, gemeinsam den Heimweg anzutreten. Unsere Wohnung in der Rolandstraße lag nur fünf Gehminuten entfernt. Als wir den Hof der ehemaligen Knopffabrik verließen und auf die Bonner Straße traten, fiel mein Blick auf das weißgetünchte Gebäude gegenüber, das einst das Südstadttheater beherbergt hatte. Efeu rankte an dem alten Gemäuer hoch, und das Eingangsportal war beinahe zugewachsen. Der Bau stand seit Jahren leer. Theater wurde darin schon lange nicht mehr gespielt. Mir fiel die Zeit ein, als ich noch klein war und es dort fast jedes Wochenende Aufführungen gegeben hatte: nachmittags Inszenierungen für Kinder, am Abend für Erwachsene. Ich war oft hier gewesen und in den samtbezogenen roten Theatersesseln fast versunken, wenn ich mit Spannung das Geschehen auf der Bühne verfolgte. Ich erinnerte mich an »Die Zauberflöte« und »Der Nussknacker«, als wäre es gestern gewesen. Dabei war es lange her – in einer Zeit, als es meine Mutter noch gegeben hatte.
»Denkst du auch, was ich denke?«, fragte Kaja in meine Gedanken hinein.
»Kinderoper?«
»Äh … nein. Ich denke, dass dieses Gebäude leersteht und wir eine neue Bleibe brauchen.«
Ich starrte sie mit offenem Mund an. Darauf war ich noch gar nicht gekommen. Dabei liefen wir jeden Tag hier vorbei. Doch dann winkte ich ab. »Es wird seine Gründe haben, warum es leersteht. Wahrscheinlich ist es baufällig, oder es gehört inzwischen der Stadt, und die haben es vergessen. Oder können sich nicht einigen, was damit passieren soll.«
Kaja lachte. »Ja, das klingt nach Köln. Komm, lass uns trotzdem mal rübergehen.«
Wir überquerten die Straße, stellten uns neugierig auf die Zehenspitzen und versuchten, einen Blick durch die hübschen Rundbogenfenster ins Innere zu erhaschen, doch außer Dunkelheit war nicht viel zu sehen.
»Irgendjemandem muss es gehören …«, murmelte Kaja.
»Früher war das Christof Penczeks Theater.«
»Der Name kommt mir bekannt vor.«
Ich nickte. »Der war in der Südstadt eine lebende Legende. Ein exaltierter Künstler, der wahnsinnig gut aussah. Er hat sagenhafte Partys veranstaltet und immer dafür gesorgt, dass in seinem Theater das ganze Jahr über etwas geboten wurde. Klassische Stücke, aber auch moderne Sachen und besagte Kinderopern. Außerdem hat er oft mit provokanten Inszenierungen und Kunstprojekten von sich reden gemacht.«
»Wow!«
»Meine Mutter hat früher oft von ihm erzählt. Sie kannten sich, und ich glaube, sie hat ihn vergöttert. Dann ist er krank geworden und hat sich aus der Öffentlichkeit zurückgezogen. Das stand mal in der Zeitung. Aber er lebt noch in der Südstadt, glaube ich. Ob ihm das Theater allerdings noch gehört – keine Ahnung. Wahrscheinlich nicht.«
»Und wenn doch? Wir sollten es unbedingt herausfinden. Vielleicht vermietet er es uns. Das wäre doch ideal, Tilda! Unsere Kunden müssten sich nicht groß umgewöhnen, wenn wir einfach auf die andere Straßenseite ziehen würden. Und wir könnten unter einem Dach bleiben.«
»Das stimmt. Und groß genug wäre es auch. Aber wenn das Gebäude zu vermieten ist, warum steht es dann so lange leer?«
»Das kann tausend Gründe haben. Fragen kostet nichts«, beharrte Kaja. »Und wenn er den Namen deiner Mutter hört, sagt er bestimmt ja.«
»Klar, ich könnte ihn mal fragen …«, erwiderte ich wenig überzeugt. »Aber …«
»Aber was?«
»Aber … na ja. Es wäre fast zu schön, um wahr zu sein.«
»Quatsch! Nichts ist zu schön, um wahr zu sein. Den Spruch kann nur ein Idiot erfunden haben. Oder ein notorischer Pessimist. Und in unserer Lage auf einen notorischen Pessimisten zu hören wäre fatal. Also, rufst du ihn an?«
»Mhmmm, ja. Okay. Ich versuche mal, seine Nummer …«
»Schon erledigt.« Kaja hielt triumphierend ihr Handy in die Höhe. »Er steht im Telefonbuch.«
»Und?« Neugierig sah Kaja mich an, als ich mein Telefon auf den Küchentisch legte. Nachdem wir nach Hause gekommen waren, hatte sie uns Jota gekocht – einen slowenischen Eintopf, dessen Rezept sie noch von ihrer Großmutter aus Bled kannte. Kaja war in dem kleinen slowenischen Städtchen geboren und mit ihren Eltern und ihrem Zwillingsbruder nach Köln gekommen, als sie zwölf Jahre alt war. Ihre Eltern waren beide Köche und hatten ein lukratives Jobangebot im Hotel Savoy angenommen. Das Talent am Herd hatte Kaja von ihnen in die Wiege gelegt bekommen, weshalb ich ihr Jota verschlungen und gleich noch einmal nachgenommen hatte. Als ich endlich satt war, nötigte sie mich so lange, Herrn Penczeks Nummer zu wählen, bis ich schließlich seufzend hinausgegangen war und ihn angerufen hatte.
Er war sofort am Apparat gewesen, und ich hatte mich umständlich vorgestellt. »Vielleicht kennen Sie meine Mutter?«, war ich mit der Tür ins Haus gefallen. »Monika Riefenbach. Sie war …«
»Oh ja, natürlich. Ich kenne sie. Sie war eine großartige Schauspielerin«, hatte er gesagt und wissen wollen, wo sie steckte und wie es ihr ging. »Ich denke, gut«, hatte ich ausweichend geantwortet und war dann auf das alte Theater zu sprechen gekommen. Da hatte er eine Weile in Erinnerungen geschwelgt, und ich hatte erwähnt, dass ich mich wie heute an »Die Zauberflöte« erinnerte, in der er ja höchstselbst den Papageno gespielt hatte. Herr Penczek erinnerte sich auch noch an das Stück, und an viele andere, die im Südstadttheater aufgeführt worden waren. Dann erzählte er mir von seinem Schlaganfall, der ihn während einer Vorstellung ereilt hatte. »Es war Brechts ›Kreidekreis‹, ich erinnere mich, als wäre es gestern gewesen. Danach bin ich nie wieder richtig auf die Beine gekommen.«
»Das tut mir sehr leid«, hatte ich geantwortet und mich unbehaglich gefühlt.
»Nun wissen Sie, warum das Theater leersteht. Ich habe keine Kraft mehr.«
»Aber es gehört noch Ihnen?«, hatte ich mich da zu fragen getraut.
»Ja«, sagte er, und dann kriegte ich endlich die Kurve in Richtung Flea Market und berichtete von der geplanten Erweiterung des Park Quartiers und von der misslichen Lage, in der wir uns deshalb befanden.
»Die reißen die Knopffabrik ab?«, hatte Penczek empört in den Hörer gerufen und gemeint, dass man das verhindern müsse, da es sich immerhin um ein geschichtsträchtiges Ensemble handele, und dass die Stadt Köln städtebaulich wirklich eine absolute Katastrophe sei. Da hatte ich einmal tief durchgeatmet und beschlossen, frei heraus die Frage zu stellen, die mir so sehr auf der Seele brannte: »Könnten Sie sich vorstellen, das alte Theater an Flea Market zu vermieten?«
»Und?« Kaja lauschte gespannt meinen Ausführungen und goss mir nun ein Glas Wein ein. »Jetzt sag schon. Was hat er geantwortet?« Ungeduldig wischte sie ein paar Krümel vom Küchentisch und blickte mich dann wieder neugierig an.
»Er hat gesagt, dass das Theater in Teilen sanierungsbedürftig ist und er weder das Geld noch die Kraft hat, es wiederherzustellen. Wenn wir das auf eigene Kosten übernehmen würden, könnten wir darüber reden.«
»Waaas? Echt?« Kaja sprang von ihrem Stuhl auf. »Das ist doch … super!«
»Wir müssen erst mal gucken, wie viel man reinstecken müsste. Er hat einen Wasserschaden erwähnt. Andererseits, allzu schlimm kann es eigentlich nicht sein. Wir können ja viel selbst reparieren.«
»Eben!«, rief Kaja. »Das klingt, als wäre es die perfekte Lösung.«
»Ja, aber …«
»Sag’s nicht!«
»Was?«
»Dass es zu schön ist, um wahr zu sein.«
»Das wollte ich gar nicht sagen«, log ich und zog ein beleidigtes Gesicht.
»Sondern?«
»Dass ich nächsten Dienstag um siebzehn Uhr einen Termin bei ihm habe. Und dass wir den erst mal abwarten müssen. Und auch, wie viel Miete er verlangt. Aber er hat gesagt, dass wir uns da schon irgendwie einig werden. Also, im Grunde …«
»Im Grunde sieht es gut aus?«
»Im Grunde … ja.«
»Dann würde ich sagen: Auf Herrn Penczek!« Sie setzte sich wieder, hielt mir strahlend ihr Weinglas entgegen, und wir stießen an.
»Gibt’s was zu feiern?«
»Hi, Jonte«, sagte ich. »Wo kommst du denn her?« Ich hatte gar nicht gehört, dass unser Mitbewohner die Küche betreten hatte.
»Aus dem Zoo.« Er deutete auf die Weinflasche. »Kann ich auch was?«
Kaja und ich nickten. Jonte nahm sich ein Glas und setzte sich zu uns an den langen, alten Holztisch. Ich schenkte ihm ein und musterte ihn. Er wirkte müde und gestresst, aber das konnte auch Einbildung sein. Wir kannten ihn noch nicht so lange, er wohnte erst seit knapp drei Monaten bei uns. Kajas Zwillingsbruder Milan war kurz zuvor zu seiner Freundin nach Nippes gezogen. Somit war eines unserer vier WG-Zimmer frei geworden, und wir hatten per Laternenpfahl-Aushang einen Nachmieter gesucht. Es hatten sich fünfundsiebzig Leute gemeldet. Einer von ihnen war Jonte gewesen.
»Zum Wohl«, sagte ich, und wir stießen noch einmal an. »Weiß einer von euch, wo Mia steckt?«
Kaja und Jonte schüttelten unisono die Köpfe.
»Seit gestern Morgen hab ich sie nicht mehr gesehen«, erklärte Kaja.
Ich seufzte.
»Sie wird bei einer Freundin sein«, beruhigte mich Jonte.
»Ich wette, sie liegt mit einem Typen im Bett, den sie bei Tinder aufgerissen hat. Oder sonst wo«, vermutete Kaja.
»Na, spitze«, murmelte ich. Vermutlich hatte sie recht. Es wäre nicht das erste Mal gewesen und … na ja, typisch Mia.
»Sie ist erwachsen.« Kaja trank einen Schluck Wein.
»Sie ist gerade erst achtzehn geworden. Und meine Schwester«, erwiderte ich.
»Mach dir nicht so viele Gedanken. Ihr geht es gut, glaub mir.« Kajas Miene verfinsterte sich. »Außerdem haben wir jetzt andere Sorgen.«
Jonte horchte auf. »Nämlich?«
»Flea Market steht auf dem Spiel«, sagte Kaja wie aus der Pistole geschossen, und dann erzählten wir ihm von Ziegler und Pöll und schließlich auch von der Aussicht, möglicherweise das alte Südstadttheater zu mieten.
»Das wäre wirklich Glück im Unglück.« Jonte setzte sein Glas an und leerte es in einem Zug. »Ich habe auch Sorgen«, eröffnete er uns dann und fuhr sich mit der Hand durch das rotblonde Haar. »Saskia ist krank.«
»Wer ist Saskia?« Kaja schenkte ihm nach.
»Eine Waldohreule. Sie wurde uns gestern von einer Frau gebracht, die sie im Park gefunden hat. Saskia hat einen gebrochenen Flügel, also haben wir beschlossen, sie im Zoo wieder aufzupäppeln. Aber letzte Nacht muss sie im Eulengehege angegriffen worden sein. Vielleicht von Gernot. Der ist in letzter Zeit unheimlich aggro.«
»Und wer ist jetzt wieder Gernot?« Kaja rollte mit den Augen.
»Die alte Schleiereule«, erklärte ich. »Stimmt doch, oder, Jonte?«
Er nickte.
»Sie wird schon wieder«, sagte ich und legte tröstend meine Hand auf seinen Rücken. Ich wusste, wie sehr ihn das Schicksal seiner Tiere immer mitnahm. »Bei dir ist sie ja in guten Händen.«
»Hoffentlich«, erwiderte er zweifelnd.
Ich mochte unseren neuen Mitbewohner, obwohl Kaja natürlich nicht ganz unrecht hatte, wenn sie ihn als Vogelnerd bezeichnete. Jonte studierte Tiermedizin im fünften Semester und arbeitete nebenbei im Kölner Zoo, wo er hauptsächlich für die gefiederten Bewohner zuständig war. Einen besseren Nebenjob hätte er nicht finden können, denn er interessierte sich für Vögel aller Art, seit er zehn Jahre alt war und von seinen Eltern die Wellensittiche Chi und Cago geschenkt bekommen hatte.
»Was findest du nur an diesem ganzen Federvieh?«, fragte Kaja und machte ein angewidertes Gesicht.
»Es sind faszinierende Tiere!« Jonte klang fast ein wenig trotzig.
»Find ich ja nicht«, erklärte Kaja. »Sie haben kein kuschliges Fell und doofe Füße. Und sie sind irgendwie überhaupt nicht … süß!«
»Natürlich sind sie süß.« Jonte sah sie empört an. »Hast du dir jemals ein Weißkopfadlerküken aus der Nähe angesehen?«
»Äh … nein?!«
»Oder ein Falkenbaby?«
»Nope.«
»Dann solltest du das dringend nachholen.« Er nahm sein Handy, tippte etwas und hielt uns ein Foto von einem schneeweißen flauschigen Etwas unter die Nase. »Falkenbaby. Süß, oder?«
»Joaa«, sagte Kaja. »Schon. Weil es ein Küken ist. Aber wenn die groß sind …«
»… sind es überaus beeindruckende Tiere«, dozierte Jonte und steckte sein Handy wieder ein. »Unheimlich klug, schnell und hervorragende Jäger. Wusstet ihr, dass in arabischen Ländern jeder, der etwas auf sich hält, einen Falken besitzt?«
»Nein, wusste ich nicht.« Kaja trank noch einen Schluck Wein. »Statt Hund, oder wie?«
»Nein, Falken sind da keine Haustiere, sondern Familienmitglieder. Sie werden behandelt wie ein Sohn oder eine Tochter.«
»Echt jetzt?« Ich musste lachen bei der Vorstellung.
»Ja, kein Witz. Die wohnen im Wohnzimmer, schlafen im selben Raum wie ihre Besitzer und haben ihren eigenen Platz im Auto.«
»Das ist komplett verrückt.« Kaja schüttelte den Kopf. »Wenn ich demnächst in unser Wohnzimmer komme, und da lümmelt ein Falke in meinem Sessel herum, dann haben wir zwei aber ein ernstes Problem, Jonte.«
»Keine Sorge. Ich hab nicht vor, einen weiteren Mitbewohner einzuschleusen. Aber irgendwann gehe ich nach Abu Dhabi, um an der berühmten Falkenklinik zu arbeiten. Sie behandeln dort über fünftausend Falken im Jahr.«
»Freak«, sagte Kaja.
»Er weiß wenigstens, was er will«, verteidigte ich ihn.
»Genau«, sagte Jonte und grinste. »Im Moment zum Beispiel noch Wein.«
»Cem, ich muss früher Feierabend machen. Könntest du gleich abschließen?«
Cems Kopf kam hinter der Kommode hervor, deren Rückseite er gerade weiß lackierte. »Klar. Wo gehst du hin?«
»Ich habe … einen wichtigen Termin«, erklärte ich ausweichend, denn mir war gerade noch rechtzeitig eingefallen, dass er und Helga ja nichts von unserer prekären Lage bei Flea Market wussten. Weshalb ich ihnen auch nicht von meiner Verabredung mit Herrn Penczek erzählen konnte.
»Helga, kriegst du das Ding heute noch fertig? Herr Borchert hat gerade angerufen. Er will es gleich abholen.«
»Jau«, sagte Helga, ohne aufzublicken. Sie war ganz vertieft in das Löten von Kabeln eines alten Rowenta-Toasters. »Sonst noch was, Chefin?«
»Ja, ihr könnt mir die Daumen drücken.«
»Wofür?«, brummte Helga.
»Egal. Drückt sie einfach.«
In diesem Moment klingelte mein Handy. Ich zog es aus der Hosentasche, und während ich schnellen Schrittes in Richtung Büro ging, nahm ich ab. »Hey, Mia, was gibt’s?«, fragte ich atemlos.
»Tilda, kannsu kommen?« Meine Schwester klang irgendwie nicht gut.
»Wie? Jetzt? Wohin denn?«
»Ich … ich hatte einen Unfall.«
»Was?« Kurz blieb mir die Luft weg.
»Mit … mit einem E-Scooter.«
»Gott! Bist du verletzt?«
»Nee. Alles gut. Na ja … fast alles. Ich bin in der Stolkgasse.«
»Wo?«
»Auf der Po… Polizeiwache. Die wollen mich nicht weglassen.«
»Polizeiwache? Aber wieso …?«
»Weil … weil die denken, dass ich ein Auto gestreift hab. Mit dem E-Roller. Und … und weil ich … hicks … was getrunken hab.«
»Nicht dein Ernst«, stöhnte ich. Es war kurz nach vier am Nachmittag!
»Du musst mich hier rausholen, Tilda. Und … hicks … irgendwas unterschreiben. Die … die …« Sie schniefte. »Die stecken mich sonst in die Aus… äh … hicks … Ernüchterungszelle … und … bitte, Tilda! Ich will nicht ins Gefängnis!«
Ich warf einen Blick auf meine Armbanduhr. Ungelegener hätte Mias Anruf nicht kommen können. Aber ich konnte sie ja auch nicht in einer Gefängniszelle schmoren lassen. Obwohl sie es wirklich verdient hätte, dachte ich grimmig. »Na gut, ich komme«, zischte ich in den Hörer und legte entnervt auf. Ich dachte nach. Wenn der Ducato sofort ansprang und es auf der Polizeiwache schnell ging, könnte ich es vielleicht trotzdem noch halbwegs pünktlich zu Herrn Penczek schaffen. Ich musste mich allerdings verdammt beeilen. Die letzten Meter, die mich noch von meinem Büro trennten, legte ich im Laufschritt zurück. Ich schnappte mir meine Handtasche und lief sofort wieder hinaus. »Bin weg!«, rief ich Cem und Helga zu, joggte über den Hof und sprang in den Lieferwagen. Dann raste ich Richtung Stolkgasse.
»Ich möchte meine Schwester abholen. Mia Bachmann«, erklärte ich dem Polizisten hinter dem Informationsschalter. »Sie …«
»Augenblick«, brummte der beleibte Beamte, tippte mittels Zwei-Finger-Suchsystem etwas in seinen Computer und starrte dann mit halbgeschlossenen Augen sehr lange auf seinen Bildschirm.
»Sie hatte einen Unfall mit einem …«
Der Beamte hob die Hand und brachte mich so erneut zum Schweigen.
Ich trat von einem Fuß auf den anderen und blickte ungeduldig auf die Uhr. Der Beamte scrollte nun langsam seinen Bildschirm hoch und runter, und ich musste unweigerlich an Flash, das Faultier aus ›Zoomania‹ denken, dabei hoffte ich inständig, dass er nicht noch auf die Idee kam, mir einen langatmigen Witz zu erzählen. Ich hatte Glück. Er erzählte keinen Witz, und endlich schien er auch gefunden zu haben, wonach er gesucht hatte, denn nun wandte er sich mir zu. »A 38. Dritter Stock, erste Tür links«, sagte er mit sonorer Stimme.
»Super, danke!«, keuchte ich, hob die Hand zum Abschied und steuerte im Laufschritt die Treppe an. Ich hechtete die Stufen hinauf und erreichte endlich das Büro, in dem Mia saß – beziehungsweise lag. Jemand war so freundlich gewesen und hatte drei Stühle so nebeneinander positioniert, dass sie sich in die Horizontale begeben und ihren Rausch ausschlafen konnte. Offenbar hatte sie es sogar hier geschafft, jemanden um den Finger zu wickeln. »Gott, Mia!«, entfuhr es mir, als ich sie so da liegen sah. Sie trug eine knappe Jeansshorts und ein noch knapperes bauchfreies Top. Ihr glattes, scharlachrot gefärbtes Haar fiel seitlich hinunter und berührte fast den Boden. Ich fasste sie sanft an der Schulter, doch sie rührte sich nicht, sondern schnarchte einfach weiter. Die Beamtin hinter dem Schreibtisch nickte mir freundlich zu. »Hat ganz schön getankt, Ihre Schwester. Eins Komma drei Promille. Aber keine Sorge, ansonsten ist sie unverletzt.«
»Das tut mir leid. Sie ist …«
»Muss es nicht. Na ja. Oder vielleicht doch. Sie kriegt eine Anzeige. Zumal der E-Roller beschädigt ist. Und der geparkte weiße C-Klasse-Mercedes, mit dem er dank der Fahruntüchtigkeit Ihrer Schwester Bekanntschaft gemacht hat, auch. Den Halter des Wagens konnten wir bereits ausfindig machen.« Sie zog ihre Augenbrauen hoch. »Ich hoffe, Ihre Schwester ist gut versichert.«
»Das hoffe ich auch«, murmelte ich. »Kann ich sie jetzt mitnehmen?«
»Noch nicht«, erklärte die Beamtin. »Bitte setzen Sie sich. Ich muss Ihre Personalien aufnehmen und zu Protokoll nehmen, dass Sie sie abgeholt haben. Eigentlich wäre sie jetzt in der Ausnüchterungszelle, aber …« Sie warf einen Blick auf die schlafende Mia. »Sie ist noch so jung, und in der Zelle sind gerade ein paar Stammgäste, wenn Sie verstehen.«
»Danke«, murmelte ich und blickte erneut auf meine Armbanduhr. Es war inzwischen fast fünf. Unmöglich, den Termin bei Penczek noch zu schaffen. Ich seufzte innerlich und beschloss, ihn anzurufen und um Verschiebung zu bitten.
»Danke, Schwesserherz«, lallte Mia, nachdem ich sie mit viel Mühe geweckt und in den Fahrstuhl bugsiert hatte. »Das werde ich dir nie … hicks … vergessen.«
»Hoffentlich. Deinetwegen ist nämlich gerade ein sehr wichtiger Termin geplatzt«, fauchte ich.
»Was ’n für ’n … hicks … Termin?« Sie stellte sich auf die Zehenspitzen und gab mir einen Kuss auf die Wange. »Hab dich lieb.«
»Ach, vergiss es.« Die Fahrstuhltür öffnete sich, und ich fasste Mia um ihre schmale Taille und schob sie hinaus.
Zum Glück hatte ich vorhin einen Parkplatz direkt vor der Tür ergattert. Ich setzte meine kleine Schwester auf den Beifahrersitz, schnallte sie an und startete den Motor. Bevor ich Gas gab, drückte ich ihr eine Tüte in die Hand. »Falls dir schlecht wird.«
Sie winkte lachend ab. »Ach, was! Ich bin … hicks … topfit.«
»Klar, sehe ich.«
Ich fuhr langsam zurück Richtung Südstadt. Zum Glück hatte ich Herrn Penczek inzwischen erreicht, ihm erklärt, dass mir etwas Wichtiges dazwischengekommen war, und ihn um Verschiebung unseres Termins gebeten. Leider hatte er am Abend noch etwas vor, so dass ich heute nicht mehr mit ihm über das alte Theater würde sprechen können. Doch er hatte mir fest versprochen, mich so schnell wie möglich wegen eines neuen Termins zu kontaktieren.
»Dein Glück«, murmelte ich grimmig in Mias Richtung.
»Was?« Sie starrte mich mit leeren blauen Augen an. Ihr fein geschnittenes Gesicht war plötzlich ganz fahl, und sie fasste sich an den Bauch.
»Tüte!«, rief ich gerade noch rechtzeitig.
»Aye, aye, Käpt’n«, wisperte sie, hielt sich den Plastikbeutel vor den Mund und übergab sich ausgiebig und geräuschvoll.
»Was hast du dir nur dabei gedacht?«, schimpfte ich, nachdem ich meiner Schwester in einen frischen Pyjama und schließlich ins Bett geholfen hatte. Ich setzte mich auf ihre Bettkante und stopfte ihr ein Kissen in den Rücken. Dann drückte ich ihr eine Tasse mit dampfendem Kamillentee in die Hand. Sie nahm sie dankbar entgegen und lächelte mich an. Es ging ihr offenbar besser.
»Ich hab Kalle und Benni getroffen.«
»Wen?«
»Die kenne ich über Jule.«
»Ah.« Ich hatte keine Ahnung, wovon sie sprach.
»Na ja, die beiden hatten jedenfalls Bock auf Biertrinken, und da ich nichts Besseres vorhatte, hab ich mich drangehängt.«
»Mitten in der Woche? Mitten am Tag?«
Sie zuckte mit den Schultern. »Yolo.«
»Was?«
»You only live once.«
»Eben«, sagte ich. »Deshalb würde ich mein Leben auch nicht im Rausch verbringen wollen.«
»Boah, du bist echt so spießig, Tilda. Ist doch witzig, mal’n bisschen was zu trinken, wenn man eh nichts Besseres vorhat.«
Ich seufzte. »›Mal‹ ja. Und ›ein bisschen‹ auch. Aber … Wie wäre es, wenn du dir endlich einen Job suchst? Dann hast du auch was Besseres vor, wenn du …«
Mia machte ein trotziges Gesicht. »Hör auf. Du bist doch nicht meine Mutter!«
»Nein. Das stimmt«, erwiderte ich leise.
»Das mit dem Roller und dem Mercedes, das waren übrigens Kalle und Ben. Die waren zu zweit auf dem Scooter und haben irgendwie die Kontrolle über das Ding verloren. Und dann sind sie einfach abgehauen, als die Bullen kamen.«
»Was?«
Mia zuckte mit den Schultern. »Ich hab’s zu spät geschnallt, und jetzt denkt die Polizei, ich war das.«
»Wow, nette Freunde hast du. Hast du denn nicht gesagt, dass du es nicht warst?«
»Doch. Aber sie haben es irgendwie … nicht verstanden.«
»Sorry, ich vergaß. Du konntest ja nicht mehr richtig sprechen.«
»Alter, du nervst.« Sie trank einen Schluck Tee, gab mir die Tasse zurück und rollte sich wie ein Baby in die Bettdecke ein. »Will jetzt schlafen«, murmelte sie.
»Mia, ich hab dich abgeholt und extra …«
»Ja, ja, ich weiß. Danke«, brummte sie ins Kopfkissen.
»Gern geschehen«, brummte ich zurück und erhob mich seufzend. »Schlaf gut.« Sanft strich ich ihr mit der Hand über den roten Schopf. Ich machte mir Sorgen. Mia hatte schon immer ein ausgeprägtes Talent dafür gehabt, sich die falschen Freunde auszusuchen und kopfüber in jeden Fettnapf zu stürzen. Schon als kleines Mädchen war sie wild und schwierig gewesen. Hatte immer aufgeschlagene Knie gehabt und nie die Hausaufgaben gemacht. Und wer wollte es ihr verdenken? Wir hatten keine leichte Kindheit gehabt, waren meist auf uns allein gestellt gewesen. Mia war seit jeher die Sensiblere von uns beiden. Wenn es brenzlig wurde, ist sie manchmal einfach abgehauen, weil sie es nicht mehr aushielt. Zum ersten Mal, als sie gerade acht Jahre alt war und Streit mit unserem Vater hatte. Da hat sie ihren kleinen Rucksack gepackt und ist einfach verschwunden. Ich habe sie schließlich wiedergefunden. Wohlbehalten, in unserem gemeinsamen Geheimversteck im Blücherpark. Ich war heilfroh, doch sie war wütend, dass ich sie aufgegabelt und – wie sie meinte – verraten hatte.
Jetzt war sie erwachsen, und ich musste immer noch auf sie aufpassen. Mehr denn je sogar. Ich würde es mir nie verzeihen, wenn sie auf die schiefe Bahn geriet.
»Wer hatte ohne Zwiebeln?«, fragte Cem in die Runde.
