GENAU INS GLÜCK - Oder knapp daneben - Bernhard Bohnke - E-Book

GENAU INS GLÜCK - Oder knapp daneben E-Book

Bernhard Bohnke

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Beschreibung

Lebenskrise – Positives Denken – Abenteuer – Fettnäpfchen – Esoterik – Liebe – Lüge – Glück – Geld – Absturz – Neubeginn. Stefan gerät in eine Krise. Wer bin ich? Und wenn ja, wie erfolgreich bin ich? Vor allem bei den Frauen. Und besonders bei der schönen, neuen Nachbarin Nicole. – Erst einmal geht gar nichts … Stefan ist unzufrieden mit seinem Leben: Wie werde ich glücklich? Er beginnt das Abenteuer des Positivens Denkens. Am Anfang ohne jeden Erfolg. Keep smiling? Nein seine Mundwinkel hängen noch tiefer herunter als vorher: "Mein Gott, ich sehe ja aus wie die Merkel." Stefan will "genau ins Glück". Leider landet er "knapp daneben". Anfangs tappt er von Fettnäpfchen zu Fettnäpfchen, von Reinfall zu Reinfall. Auf seiner Reise durch die Psycho-Szene lernt Stefan viele bizarre Positiv-Denker kennen. Und viele abgefahrene esoterische Gruppen. Und viele Frauen. Eine will ihn ins Tantra einweisen. Kein Höhepunkt für Stefan. Aber schließlich ist Stefan ganz oben. Ganz glücklich und ganz reich. Total gut drauf. Doch dann stürzt er ab, ins tiefe Tal der Tränen. Kommt er wieder hoch? Findet er sein Glück noch? Und was wird mit Nicole? Geht da noch was?

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Seitenzahl: 389

Veröffentlichungsjahr: 2013

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Bernhard Bohnke

GENAU INS GLÜCK - Oder knapp daneben

Die Liebe in den Zeiten des Positiven Denkens

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

1 ES WAR EINMAL ...

2 SORGE DICH NICHT - LESE

3 ICH DENKE POSITIV, ALSO BIN ICH POSITIV

4 DER KOSMOS GEHÖRT MIR

5 DENK DICH DÜNN

6 DIE "POSITIV"- GRUPPE

7 ES GEHT MIR JEDEN TAG IMMER BESSER

8 SEX, SEXGEDANKEN UND GEDANKENSEX

9 EIN SCHEUSSLICH SCHÖNES GESPRÄCH

10 PROFESSOR POSITIV

11 UNVORSTELLBAR GLÜCKLICH DURCH HYPNOSE

12 WER NICHT LESEN WILL, MUSS HÖREN

13 TREIBE SPORT - ABER NUR IM KOPF

14 LIEBE UND POSITIVES DENKEN

15 DON’T WORRY, BE RICH

16 KLAMOTTEN MACHEN LEUTCHEN

18 GELD, GELD, GOTT

19 SCHÖNES, NEUES LICHT-ZEITALTER

20 TANTRA, TANZ, TRANCE

21 POSITIVISMUS - ICH, DIE NR. 1

22 IM TIEFEN TAL DER TRÄNEN

23 DIE BESTE ALLER MÖGLICHEN WELTEN

24 UND WENN SIE NICHT GESTORBEN SIND ...

Impressum neobooks

1 ES WAR EINMAL ...

Empört schlug Stefan die Wohnungstür zu. Gerade war er im Treppenhaus seiner neuen Nachbarin begegnet, einer attraktiven Dunkelhaarigen. Stefan hatte ihr zugelächelt und versucht, in seinen Blick "das gewisse Etwas" zu legen. Aber sie hatte ihm nur kurz und kühl zugenickt. Was sich diese Frau eigentlich einbildete!

Ächzend setzte er seine prallvollen Einkaufstaschen ab. Als er sich wieder aufrichtete, schaute er direkt in den Garderobenspiegel.Stefan trat an den Spiegel heran und beguckte sich. Für seine 36 Jahre sah er wirklich nicht übel aus. Gut, die Geheimratsecken ließen sich nur noch mit einem Trick überdecken, aber viele Männer hatten in seinem Alter schon eine Halbglatze. Seine Haut war auch noch straff, dabei weich wie ein Pfirsich. Und ein Doppelkinn konnte man allenfalls ahnen.

"Ich kann sehr mit mir zufrieden sein", sagte Stefan laut.

"Kannst du nicht", hörte er jemand nörgeln.

"Wer spricht da?" fragte er erstaunt.

"Deine innere Stimme", kam die Antwort.

Stefan war sich bisher gar nicht bewusst gewesen, eine innere Stimme zu besitzen. Und er war keineswegs sicher, dass er sich über eine solche Stimme freuen sollte, schon gar nicht über eine so vorlaute. Jedenfalls musste er sie zurechtweisen.

- Natürlich sehe ich gut aus. Mit 1,80 Meter habe ich Gardemaß. Und meine blonden, seidigen Haare zeigen noch keine graue Strähne. Ich bin wirklich eine stattliche wie jugendliche Erscheinung. Meine Nachbarin kann sich glücklich schätzen, dass ich mich für sie interessiere.

- Kann sie nicht.

- Was soll das heißen?

Stefan wurde langsam ärgerlich.

- Du bist zu dick.

- Unsinn.Ich habe vielleicht zwei, drei Kilo zu viel, aber eigentlich eine Traumfigur.

- Traumfigur? Dass ich nicht lache. Alptraumfigur! Und anstatt Pfirsichhaut hast du wohl eher Orangenhaut.Außerdem wie unsportlich du bist! Schon nach drei Treppen aus der Puste.

-Nur, weil ich so irre schnell hochrase.

Stefan bemühte sich, ganz langsam zu atmen.

-Nein,es kommt daher, dass du so bewegungsfaul bist.Dein einziger regelmäßiger Fußweg sind die fünfzig Meter zum Autoparkplatz. Aber wie soll man auch von einem Mann, der es beruflich zu nichts gebracht hat, sportliche Disziplin erwarten?!

Stefan war nun richtig wütend. Fast hätte er die Stimme angeschrien, aber irgendetwas hielt ihn zurück.Hatte sie nicht vielleicht recht? Wollte er sich die Wahrheit nur nicht eingestehen? Musste er der inneren Stimme sogar für ihre schonungslose Offenheit dankbar sein? Plötzlich ganz müde, schlich Stefan zu seinem Lieblingssessel und ließ sich fallen. Fast automatisch wollte seine Hand die Fernbedienung für den Fernseher drücken, aber er legte sie wieder weg. Nein, es war Zeit, dass er mal ernsthaft über sich und sein Leben nachdachte.

Stefan seufzte: Wenn es auch weh tat, diese Stimme aus seinem Inneren hatte nicht völlig unrecht; sie hatte in manchem recht, nein, sie hatte beinahe vollkommen recht.Klar war er zu dick, zwar nicht fett, aber ein bisschen vollschlank. Ihm schauderte beidiesem Wort.Einen Bauch hatte er - noch - nicht, doch immerhin einen netten kleinen Bauchansatz. So weit, so schlecht.

Und der Beruf? Sachbearbeiter bei einer Krankenversicherung war sicher nicht gerade seine Berufung, aber es gab Schlimmeres. Allerdings hätte er längst Gruppenführer sein müssen. Doch als vor einem halben Jahr die Position frei wurde, nahm man nicht ihn, sondern einen jungen Schnösel, der - so wurde gemunkelt - über das notwendige Vitamin B verfügte. Stefan hatte zwar mit den Zähnen geknirscht, aber nicht den Mund aufgemacht.

Überhaupt neige ich zu stark dazu, mich anzupassen und einzuordnen, überlegte Stefan. Bloß nicht unliebsam auffallen. Oder am besten gar nicht auffallen. Als er sich das letzte Mal ein neues Auto gekauft hatte, da wäre er fast einmal ausgebrochen. Er sah beim Händler einen knallroten Alfa Romeo, zwar gebraucht, aber in Topzustand, mit 145 PS. Und fühlte spontan den Wunsch, genau diesen Wagen zu besitzen. Aber schließlich hatte doch die "Vernunft" gesiegt.Er kaufte sich einen Golf-Jahreswagen, mit 75 PS, in grau. "Mausgrau", wie seine damalige Freundin Angela schnippisch anmerkte, die auch mit dem Alfa geliebäugelt hatte. "Aber das passt ja zu dir grauen Maus."

Damit war er am schmerzlichsten Punkt seiner schonungslosen Selbstanalyse angekommen. All die bisherigen Punkte wären nicht so tragisch, hätte er mehr Erfolg bei Frauen. - Unwillig zauste, zupfte und zippelte Stefan an seinem rechten Ohrläppchen. Aber tapfer setzte er seine Selbsterforschung fort.

Wenn er auch im Kollegenkreis manchmal mit seinen Erfahrungen prahlte und wenn er auch - von einem Schwips beschwingt - schon mal den Draufgänger spielte, im Grunde seines Herzens war er fast schüchtern.Und seine Attraktivität für das andere Geschlecht musste durchaus bescheiden genannt werden.

Angela verließ ihn kurz nach der Enttäuschung mit dem graumausigen Golf. Seitdem hatte er nur einige flüchtige Bekanntschaften gehabt.Und auch bei der neuen Mieterin schien er nicht gerade offene Türen einzurennen. Seit sie vor einer Woche in die Wohnung über seiner gezogen war, hatte er, wann immer er sie sah, ihr schöne Augen gemacht.Doch die Reaktion war unterkühlt bis eisig.

"N. Frohwein" hatte er auf ihrem Türschild gelesen. Er stellte sich vor, sie hieße Nicole, vielleicht weil ihn einmal eine Frau namens Nicole in einem Film völlig bezaubert hatte, und seine Nachbarin ähnelte jedenfalls äußerlich verblüffend dieser Nicole: die gleichen dunkelbraunen Augen, die so gut zur Farbe der lockigen Haare passen. Das Gesicht, das vielfältige und tiefe Gefühle erahnen lässt.Und ein Zauber, eine irgendwie geheimnisvolle Ausstrahlung.

Unglaublich, aber seine Vorstellung bewahrheitete sich noch am selben Tag, denn er sah ein Päckchen im Hausflur liegen, auf dem groß "Nicole Frohwein" prangte. Stefan war überzeugt: Dass ich ihren Vornamen intuitiv erraten habe, muss einfach ein gutes Omen sein. Und "Frohwein" klang in seinen Ohren wie eine Einladung. Aber offensichtlich galt diese Einladung nicht ihm. Oder noch nicht.So frostig, wie sie geguckt hatte.

Stefan stöhnte nach dieser Seelenpein schmerzlich auf.

"Gottseidank verkabelt", murmelte er und griff wieder zur Fernbedienung. Bei über 50 Programmen würde sich sicher eins finden lassen, das ihn seine missliche Lage und seine trübe Stimmung vergessen ließ.Inder Phantasie in ein anderes Leben wegtauchen, sich in einen anderen, glücklicheren, erfolgreicheren Mann zu versetzen, das genau brauchte er jetzt.Doch gerade, als er einschalten wollte, meldete sich wieder die innere Stimme.

- Stefan, Flucht in die Fernsehwelt ist keine Lösung.

- Du schon wieder?! Kannst du mich nicht in Ruhe lassen!

- Ich will dir nur helfen.

- Danke. Du hast mir klargemacht, dass ich eine Niete bin. Das war sehr hilfreich.

Stefan genoss seinen Sarkasmus richtig.

- Ich kann dir aber auch eine Lösung deiner Probleme aufzeigen.

- So? Wie soll es denn für einen Verlierer wie mich eine Lösung geben?

- Jetzt ergehst du dich in Selbstmitleid.

- Ich will nichts mehr von dir hören!

Trotzig drückte Stefan den 1.Programmknopf. Gerade lief die Sendung "Frühstücksfernsehen". Ein Mann, etwa in Stefans Alter, erzählte, wie mies sein Leben verlaufen war, bis er die Methode desPositiven Denkensfür sich entdeckte. Das brachte die große Wende, von nun an glückte ihm alles.Er sei sein Übergewicht losgeworden, habe beruflich Erfolg und - wie er augenzwinkernd versicherte - über seine Chancen beim anderen Geschlecht könne er sich nicht beklagen. Eigentlich gegen seinen Willen hörte Stefan gespannt zu, drückte dann aber missmutig das nächste Programm - in seiner depressiven Stimmung wollte er nichts von positiver Problemlösung hören.

Hier lief Pop-Musik,vielleicht tat ihm das ganz gut.Eine Band spielte eine bekannte Melodie. Der Song gefiel ihm, bis er auf den Text achtete."You can getit,if you really want, but you must try, try and try ...." Man kann alles erreichen, wenn man es wirklich wünscht? Als ob das so einfach wäre. Unwillig, aber doch nachdenklich geworden, schaltete Stefan wieder ein Programm weiter.

Diesmal erwischte er eine Szene aus einer Therapie: Der Patient lagin entspannter Haltung auf einer Couch, die Augen geschlossen, das Gesicht ruhig und heiter wie ein schlafendes Baby. Der Psychologe saß neben ihm und sprach mit sanfter, aber eindringlicher Stimme auf ihn ein: "Es geht Ihnen gut, supergut.Sie fühlen sich zuversichtlich und optimistisch. Ihre Probleme fallen von Ihnen ab. Sie gewinnen neues Selbstbewusstsein. Ab sofort denken Sie stets positiv."

Stefan überlegte: Jetzt bin ich dreimal direkt nacheinander auf das Positive Denken gestoßen. Scheinbar zufällig, aber kann das noch Zufall sein? Doch wer oder was will mir hiermit einen Ratschlag geben? Das Schicksal?

Jedenfalls nicht die innere Stimme, denn die hatte bestimmt keinen Einfluss auf das Fernsehprogramm. Und das befriedigte ihn, denn er wollte sich nicht von dieser überheblichen Stimme dirigieren lassen. Vielleicht könnte er es ihr mit Positivem Denken zeigen. Und überhaupt, warum sollte er das nicht einfach mal ausprobieren?!

Stefan dachte an seinen zweiten Vornamen:Candidus:Der kam aus dem Lateinischen und bedeutete soviel wie "aufrichtig", "unverfälscht","strahlend" und vor allem auch "glücklich", wie ihm sein Vater schon als 4-Jährigem erklärt hatte. Und dass es diesen Begriff ebenfalls in Englisch und Französisch gab:candidbzw.candide.In der Schule wurde Stefan oft als "Candyman" aufgezogen. Seitdem hatte er sich angewöhnt, den Zweitnamen zu verschweigen. Aber jetzt fand er neuen Gefallen daran: Mein Name Candidus ist eine Verheißung, ich werde "der Strahlende", "der Glückliche", "der Positive" werden. Ich will ausziehen, um das Positive Denken zu lernen.

Doch wie lernte man das?

Sofort musste er an seinen Freund Helmut denken. Nun, ein Freund war er eigentlich nicht, nicht mehr. Vor etwa zwei Jahren hatte er verschiedene Psychokurse zur Steigerung von Selbstsicherheit und Selbstbehauptung mitgemacht.Danach ließ er nichts mehr von sich hören.

Als Stefan ihn trotzdem einmal besuchte, warf Helmut ihm an den Kopf, er verbreite zu viele negative Schwingungen, ähnlich wie ein ungeleerter Mülleimer.Stefan war gekränkt gegangen und hatte sich seitdem bei dem allzu selbstsicheren "Frechling" nicht mehr gemeldet.Doch erinnerte er sich genau,dass Helmut immer wieder von der Macht des Positiven Denkens sprach, die ihn zum Erfolgsmenschen gemacht habe. Er war also ein Experte.

Stefan drückte seinen aufbegehrenden Stolz herunter und wählte die prägnante Telefon-Nummer, die er noch genau im Kopf hatte. 44 13 13. Kernig tönte es aus der Muschel:

- Hier Helmut Schmahl.

- Hallo Helmut, hier ist Stefan. Wie geht es dir?

-Welche Frage, natürlich bestens. Jedem positiven Menschen geht es doch blendend. Aber wie sieht es mit dir aus?

- Na ja,nicht so gut.

Stefan war etwas kleinlaut.

-Ich weiß, du musstnoch deinen Mülleimer runterbringen.

- Wie bitte?

- Deinen Seelenmüll ausleeren.

Stefan stutzte. Schon wieder der Vergleich mit dem Mülleimer. Am liebsten hätte er den Hörer aufgeschmissen. Aber er wollte ja etwas von Helmut.So presste er mit zusammengebissenen Zähnen hervor:

- Du kennst dich doch aus mit diesem Positiven Denken. Auch ich möchte damit anfangen. Kannst du mir einen Rat geben, wie ich das am besten mache?

- Das freut mich aber, mein Alter, dass du jetzt endlich auch den richtigen Weg einschlagen willst. Am klügsten beginnst du mit dem Lesen wichtiger Bücher. Hol dir mal etwas zu schreiben, dann gebe ich dir eine Reihe von Titeln durch! - Fertig? Also dann los: "Die Superkraft Positiven Denkens", "Die Allmacht Ihres Unterbewusstseins", "Pack den Tiger in den Psychotank", "Du bist der Größte", "Der Kosmos gehört dir" ...

- Vielen Dank, es reicht erst mal.Entschuldige, aber das klingt alles so bombastisch. Was soll denn vor allem heißen: "Der Kosmos gehört dir"?

- Du kannst mit Positiv-Denken die kosmische Urkraft anzapfen. Du kannst praktisch das Weltall für dich arbeiten lassen.

- Ja arbeitet denn für dich das ganze All?

- Nein, so weit bin ich noch nicht.Aber die Milchstraße ist mein.

- Gut, Helmut, das wäre es für heute. Wenn ich Fragen habe, rufe ich noch mal bei dir an.

- Natürlich. Übrigens bekomme ich demnächst eine neue Telefon-Nummer.

- Wieso? Ziehst du um?

- Nein, aber zweimal die 13 in 44 13 13 verursacht zu viel negative Ströme. Bald habe ich die Nummer 44 25 25, 25 ist nämlich meine Glückszahl. Die Änderung kostet zwar eine Stange Geld, doch das rentiert sich bestimmt.

2 SORGE DICH NICHT - LESE

Der nächste Tag war ein Samstag, Frühlingsanfang. Glänzend blauer Himmel, ein laues Lüftchen, und die Vögel zwitscherten wie die Fischer-Chöre. Stefan hatte für all das kaum ein Auge oder Ohr. Stattdessen eilte er schon am Morgen zu einer großen Buchhandlung, aber nicht zu seiner gewohnten, denn etwas peinlich war ihm die Sache doch. "Buchhandel Harmonia" las er auf dem Schild über dem Eingang und stolperte herein.

"Ich suche Bücher über Positives Denken, haben Sie etwas darüber da?"

Die Buchhändlerin lächelte nachsichtig. "Bitte kommen Sie doch einmal mit.Hier, wie Sie sehen, haben wir etwas da." Sie betonte das "Etwas". Fassungslos stand Stefan vor einem riesigen Regal, gut zehn Reihen mit Büchern, jede fast eineinhalb Meter breit. "Suchen Sie ein bestimmtes Buch?" Stefan kramte seine Liste hervor und nannte die Titel."Also, die ‚Superkraft’, die ‚Allmacht’ und der ‚Tiger’ sind vorrätig, die anderen Titel könnte ich Ihnen bis morgen besorgen."

Zielsicher griff sie die genannten drei Bücher aus dem Regal."Aber schauen Sie doch selbst einmal nach, vielleicht finden Sie ja einen Ersatz für ‚Du bist der Größte’."

Es schien Stefan, als mache sie sich ein bisschen über ihn lustig, und so nickte er hastig und wandte seinen Blick dem Riesenregal zu. In der Tat: Alternativen gab es da genug. Stirnrunzelnd las Stefan Titel um Titel, in denen es allen von Superlativen nur so wimmelte. Schließlich entschied er sich noch für "Ich tue, was ich will: Mind-Power" und "Die unendliche Megastärke des Megabewusstseins". Das klang unüberbietbar, dafür konnte er sogar auf den "Besitz des Kosmos" verzichten. Gerne hätte er noch "Ultra Sex durch Ultra-Gedanken" mitgenommen, aber das traute er sich nicht, dafür musste er zunächst das Buch "Ich tue, was ich will" studieren.

Als die Kasse 89,30 Euro ausdruckte, schreckte Stefan zusammen, positiv zu werden, war ihm zwar lieb, aber so teuer? Dennoch, nein gerade darum ging er noch einmal zum Megaregal zurück und holte sich "Denke positiv und werde stinkreich". Die zusätzlichen 17,90 Euro würden sich - sicherlich oder wahrscheinlich oder möglicherweise oder wenigstens eventuell - schnell bezahlt machen.

Als er sich verabschiedete, guckte ihn die Verkäuferin halb aufmunternd, halb mitleidig an, jedenfalls kam es ihm so vor. Schnell verließ Stefan den Laden, froh diesen ersten Schritt überstanden zu haben.

Kaum zu Hause angelangt, türmte er seine Schätze vor sich auf und begann zu blättern, mal in diesem Buch und mal in jenem. Aber schon nach kurzem stellte sich ein Gefühl der Verwirrung ein. Anscheinend gab es nicht eine Lehre vom Positiven Denken, sondern viele, die sich durchaus widersprachen.

Welche Kraft sollte denn durch das Positive Denken aktiviert werden? Einmal wurden die Gedanken selbst als Kraft bezeichnet, dann wurde von der Kraft des Unterbewusstseins oder aber des Überbewusstseins gesprochen, andererseits war auch von kosmischer oder gar göttlicher Kraft zu lesen. Und ging es überhaupt in erster Linie um das Denken? Stefan las nämlich auch von Wille und Vorstellung. Positives Wollen - oder positives Vorstellen an statt Positivem Denken. Nun, ich werde mich nicht beirren lassen, beschloss er. Wozu habe ich schließlich die verschiedenen Bücher? Ich werde mir aus jedem das Beste heraussuchen!

Als erstes griff Stefan sich "Pack den Tiger in den Psychotank", da spürte man die Power so richtig. Wie er jedoch nach einigemLesen feststellte, war die Hauptaussage des Autors: "Lass deine Gedanken lächeln." Das enttäuschte Stefan etwas: Den Tiger hatte er nicht gerade mit Lächeln in Verbindung gebracht, sondern mit powerfuller Selbstbehauptung. Und die Aufforderung zum "Keep smiling" war auch nicht gerade eine Novität ersten Ranges. Aber er durfte nicht so nörgelig sein, so würde er das Positiv-Sein nie lernen. Also las er weiter.

Der Autor argumentierte: Wenn man positiv denkt, lächelt man. Aber auch das Umgekehrte gilt.Wenn man lächelt, denkt man positiv. Das - innere - Positive Denken ist zwar das Entscheidende, aber man kann es oft am besten über das - äußere - Lächeln lernen. Daher soll man üben zu lächeln, immer und immer wieder, am Anfang vor dem Spiegel.

Stefan hatte zwar so seine Zweifel.Gab es nicht auch das eiskalte Lächeln oder das falsche Grinsen, die keineswegs positive Gedanken anzeigten? Andererseits schien diese Methode schön einfach, er wollte sie direkt ausprobieren. Entschlossen ging er zu dem großen Spiegel in der Garderobe, vor dem - mein Gott, ein Tag war das erst her - alles angefangen hatte.Das Tiger-Buch nahm er natürlich mit.

"Ziehen Sie die Mundwinkel nach oben", lautete die Anweisung. Stefan versuchte es mit bestem Willen, aber seine Winkel schienen eine natürliche Tendenz nach unten zu haben, so als ob sie der Schwerkraft Tribut zollten. Zog er sie jedoch mit Anstrengung aufwärts, dann verzog sich zugleich sein ganzes Gesicht.Das Resultat war weniger ein Lächeln als vielmehr eine Entgleisung seiner Gesichtszüge. Und dabei mahnte der "Tiger": "immer schön locker und entspannt bleiben".

Unverdrossen übte Stefan weiter.Doch dieses schräge Grienen entsprach noch immer nicht gerade dem, was man ein Lächeln nannte.Jedenfalls kein liebenswürdiges, gewinnendes. Allenfalls einem höhnisches Lächeln, falls es ein solches geben sollte. Trotzdem war Stefan nicht unzufrieden. Es war immerhin ein Anfang. Der Tag war mit seinen ersten Ausflügen ins Land des Lächelns erstaunlich schnell vergangen. Im Bett versuchte er, vor dem Einschlafen seine Mundwinkel in eine stabile Lächelposition zu bringen, vielleicht würden sie sich über Nacht in die neue Haltung einliegen.

Um so größer war die Enttäuschung am nächsten Morgen. Die Mundwinkel schienen durch die gestrige Anstrengung völlig abgeschlafft, jedenfalls hingen sie tiefer runter als je zuvor. Ich sehe ja aus wie die Merkel, stöhnte Stefan auf. Kurz ging ihm durch den Kopf, ob er für ein Mund-Lifting zum Schönheitschirurgen gehen sollte, aber das wäre natürlich absurd.

Dennoch, um zum Erfolg zu kommen,durfte er auch vor etwas drastischen Methoden nicht zurückschrecken. Denn wie schrieb der Tiger-Autor: "Wenn der Mund nach oben zeigt, dann zeigt auch der Geist nach oben." Heute war Sonntag, und er hatte nichts Besonderes vor, also war die Gelegenheit günstig. Er ging zum Schreibtisch und holte sich Tesafilm, breit und extra stark.Damit klebte er die störrischen Lippenwinkel nach oben. Nach einer Stunde war er so neugierig, dass er es nicht mehr aushielt.Schnell zog er die Klebstreifen ab und - welche Genugtuung! Die Mundwinkel hatten sich erhoben, strebten aufwärts.

Nun war es an der Zeit, den zweiten Schritt des Tiger-Lächeln- Programms zu beginnen, und der hieß: "Zähne zeigen". Denn für ein überzeugendes, offenes Lächeln genügten keine erigierten Lippen, sondern man musste auch den Blick in das Innere des Mundes freigeben, zumindest den Blick auf die Zähne. Doch als Stefan erwartungsvoll vor dem Spiegel posierte, bekam er den Mund nicht auf. Von einer rätselhaften Scham ergriffen, zierte undgenierte er sich, zu peinlich war ihm die eigene Zähnebschau. Was blieb da zu tun?

Stefan beschloss, seinen Mund zu überlisten: Ich werde mir bzw. ihm einen Witz erzählen. Vielleicht muss ich bzw. er dann spontan lachen und öffnete sich auf diese Weise. Also los: "Ein Skelett geht zum Zahnarzt.Sagt der Zahnarzt: 'Ihre Zähne sind in Ordnung, aber Ihr Zahnfleisch ….''' Gespannt wartete Stefan auf eine Reaktion, abernichts tat sich.Kein Lachen, seine Zähne wollten sich nicht zeigen. Vielleicht mochten sie keine Zahnarzt- witze. Oder sie kannten den schon.

Als er über eine Lösung nachgrübelte, fiel ihm der alte Kalauer ein: "Zähne sind wie Sterne. Abends kommen sie raus." Womöglich sollte er wirklich abends, bei Dunkelheit weiterüben. Niemand wird gerne bei hellem Licht ständig beobachtet, das galt offensichtlich auch für seine Zähne. Und ohnehin hatte er jetzt eine Entspannungsphase verdient.Ja,lächeln zu lernen war richtige Arbeit.

Am Abend stand Stefan also wieder vor dem Spiegel; nur ein wenig durch das Fenster eindringendes Mondlicht beleuchtete die Szene.Tatsächlich, jetzt konnte er den Mund ganz locker zu einem breiten Lächeln öffnen. Als er jedoch sein Spiegelbild sah, erschrak er so, dass der Mund sofort wieder zuklappte. In dem gespenstischen Halbdunkel sah er aus wie ein Wolf, der die Zähne fletschte. Oder sogar wie ein Vampir, der seine Beißerchen bleckte. Schauderhaft!

Aber er würde nicht aufgeben. Denn der "Tiger" versicherte: Wer lächelt, der erobert die Welt.- Und die Eroberung der Welt war allemal eine Mühe wert, die Eroberung von Nicole natürlich erst recht.So legte er vor dem Zu-Bett-Gehen nochmal die Klebstreifen auf, und diesmal fixierte er den geöffneten Mund. Wenner das "Tesa-Lifting" über Nacht einwirken ließ, würde er hoffentlich schon morgen das Ziel des chronischen zahnfreien Lächelns erreicht haben.

Als er am nächsten Morgen wieder an seinem derzeitigen Lieblingsplatz, vor dem großen Spiegel stand, sah er sofort, dass das Mundfixing Erfolg gehabt hatte. Die "Tesa-Maske" hatte ihm zwar ein etwas maskenhaftes, gefrorenes Lächeln beschert, aber immerhin ein dauerhaftes und offenherziges, mit freiem Blick auf seine Goldkronen. Und es zeigte sich: Das Buch hatte recht. Wenn man lächelt, denkt man auch positiv. Jedenfalls war Stefan in freudiger Erwartung, wie die Kollegen und vor allem Kolleginnen im Büro auf seine neue Ausstrahlung reagieren würden. Ob sie mich direkt darauf ansprechen? überlegte er.

- Mann Stefan, bist du verprügelt worden?

- Was soll das denn heißen?!

- Dein Mund ist so schief und steht offen,als ob du eine aufs Maul bekommen hättest.Hast du eine Kiefersperre?

- Typisch. Da lächelt man dir mal freundlich zu, und das ist der Dank.

- Wenn du so aussiehst, wenn du freundlich bist, ist es mir lieber, du bist unfreundlich zu mir.

Stefan zuckte mit den Schultern. Dieser ungehobelte Mensch war eben fürden Wert eines Lächelns nicht empfänglich. Es war sein Zimmerkollege Alfred, ein großschnäbeliger Yuppie-Typ. Nicht umsonst wurde er meistens Alf genannt, weil seine unverblümte Direktheit an den bekannten TV-Außerirdischen erinnerte. Gutwillige nannten ihn Alf, andere sprachen hinter seinem Rücken von "Alfred,das Ekel".

Stefan ging zur Sekretärin des Gruppenleiters rüber. Sie war die "Büro-Mutter", eine Seele von Mensch, und würde bestimmt anders auf sein nettes Lächeln reagieren. In der Tat.

"Tut es sehr weh?" fragte sie mitfühlend.

"Was denn bitte?" fragte Stefan leicht gereizt zurück.

"Sie haben doch sicher Zahnschmerzen."

Jetzt reichte es ihm. Er ließ sie stehen und ging an seine Arbeit. Beim Mittagessen saß er in der Kantine Kollegin Frau Redlich gegenüber, einer ausgesprochenen Zicke mit zottligem roten Haar, die sich dauernd über alles mögliche und unmögliche beschwerte. Sie guckteihn so komisch an, weshalb er angriffslustig zurückguckte, nein zurückstarrte, länger als eigentlich nötig. Da zuckte sie zusammen und versenkte den Kopf in ihre Suppe,bis zum Nachtisch guckte sie nicht mehr hoch.

Kurz nach dem Essen wurde Stefan zum Gruppenleiter gerufen. Der hatte wegen seiner auffallend künstlichen Dauerwelle den Spitznamen "Locke" weg oder - da er promoviert war - "Dr.Locke".Locke kam direkt zur Sache.

- Frau Redlich hat sich beschwert.Sie hätten sie das ganze Essen lang anzüglich angegrinst, ich zitiere: "wie ein richtiger Chauvi".

-Ich weiß nicht, was in Frau Redlich gefahren ist.Dabei habe ich ihr nur einmal zugelächelt.

- Aber Sie grinsen ja immer noch so merkwürdig. Machen Sie den Mund doch mal zu.

Stefan versuchte es, er versuchte es wirklich.Doch hatte er gestern den Mund nur mit Mühe aufbekommen, bekam er ihn heute einfach nicht mehr zu.

"Ich habe Zug gekriegt", stieß er hervor. "Deswegen ist der Mund verzogen. Das ist wie ein schiefer Hals. Nur bei mir ist eben der Mund schief."

Der Gruppenführer runzelte die Stirn. Er schien nicht sehr überzeugt von Stefans Antwort.Doch dann nahm sein Gesicht einen eher wohlwollenden Ausdruck an.

"Herr Glanz, Sie sind ja nicht gerade als Chauvinist hier im Hause bekannt.Und die Frau Redlich ... Sie wissen schon. Aber wir sind von oben angehalten, schon auf einen Verdacht von sexueller Belästigung am Arbeitsplatz zu reagieren. Nun gehen Sie. Und sehen Sie zu, dass Sie Ihren Mund möglichst schnell wieder zu bekommen. Notfalls nehmen Sie frei und besuchen den Zahnarzt.Und setzen Sie sich bitte, bis Sie geheilt sind, nicht Frau Redlich gegenüber."

Locke seufzte, und Stefan war erleichtert,abtreten zu können. Und er fühlte sich noch erleichterter, als er mit seinem missverständlichen Gesicht wieder zu Hause in Sicherheit war. Eins stand für ihn fest: Mit der Lächel-Methode lerne ich das Positive Denken nie. Ich bin dem Tiger auf den Leim gegangen.

Es funktionierte eben nicht,positiv denken zu lernen, indem man einfach sein Gesicht einer Lächel-Dressur unterwarf - das war wirklich lächerlich. Das Positive musste von innen kommen, erst mussten die Gedanken sich ändern, dann folgte das Gesicht - hoffentlich - von alleine nach.

Also gut, ein zweiter Anlauf. Diesmal würde er es ernsthaft angehen und sich mehr Zeit lassen. Wer glaubte denn auch schon einem lächelnden Tiger? Wenn es noch ein rosaroter Panther wäre ...

3 ICH DENKE POSITIV, ALSO BIN ICH POSITIV

Am Abend machte Stefan es sich mit dem Buch "Die Superkraft Positiven Denkens" bequem. Der Autor hieß "Montag". Das war ein bisschen enttäuschend. Für den Autor eines solchen Werkes hätte besser der Name "Sonntag" gepasst, oder "Samstag", notfalls auch "Freitag". Aber "Montag"? Da dachte man spontan: "Schade! Das Wochenende ist vorbei." Doch davon durfte man sich nicht abhalten lassen.

Montag begann mitdem Satz: "Wenn Sie sagen: Dieses Buch bringt mir Erfolg, sprechen Sie die Wahrheit.Und wenn Sie sagen: Dieses Buch bringt mir keinen Erfolg, sprechen Sie ebenfalls wahr." Stefan schüttelte den Kopf. Das klang reichlich widersprüchlich. Aber Montag lieferte sofort die Erklärung. Entscheidend ist, dass man an den Erfolg des Positiven Denkens glaubt, nur dann funktioniert es. - Wenn das so ist, sagte sich Stefan, dann glaube ich doch lieber an den Erfolg als an den Misserfolg, denn ich will ja erfolgreich werden.

Der Autor erläuterte weiter: Positives Denken bewirkt positive Gefühle und Handlungen, negatives Denken bewirkt negative Gefühle und Handlungen. Und Montag gipfelte in der Behauptung:

"Der berühmte Philosoph Descartes sagte: 'Ich denke, also bin ich.'

Ich aber sage. 'Ich denke positiv, also bin ich positiv.'

Das ist viel positiver als Descartes' Ausspruch."

Die meisten Menschen denken negativ, schalt Montag. Um Unglück gegen Glückeinzutauschen, brauchen Sie aber nur ihre negativen Gedankendurch positive zu ersetzen. So einfach ist das.

Nun kam eine Überraschung: Das wirklich Wichtige am sogenannten Positiven Denken ist gar nicht dasDenken.Denn des Gedankens Blässe reicht nicht aus, um irgendetwas zu verändern. Erst muss der graue Gedanke versinnlicht werden, durch eine Vermählung mit derPhantasie,indem er durch bunte innere Bilder anschaulich und plastisch wird. PositiveVorstellungensind gefragt.

Es genügt zum Beispiel nicht, einfach zu denken: Ich werde glücklich. Sondern man muss sich in allen Einzelheiten vor seinem inneren Auge ausmalen, wie man als glücklicher Mensch lebt: strahlendes Lächeln im gut gebräunten Gesicht, körperlich vor Gesundheitstrotzend, von freundlichen oder gar bewundernden Menschen umringt, am besten noch neben einem Nobelschlitten.

Das schlichte deutsche Wort "Vorstellung" reichte allerdings kaum für ein solches farbenprächtiges inneres Gemälde. Gottseidank gab es ein wohltönendes Fremdwort: Imagination. Dieser Wortklang beflügelte von sich aus schon die positiven Gedanken.

Zwar fühlte Stefan große Lust, die Glücks-Imagination sofort auszuprobieren. Aber er hatte sich ja die Finger oder besser den Mund schon einmal dadurch verbrannt, dass er zu früh und zu schlecht vorbereitet in die Praxis gesprungen war; diesmal wollte er sich erst genauer und umfangreicherinformieren. Neugierig griff er daher zu dem nächsten Buch, obwohl er mit Montag noch nicht ganz fertig war.

Er wählte:"Mind Power" von einem Autor namens Pill.Mr. Pillwar unverkennbar Amerikaner und sein Buch unverkennbar amerikanisch. So amerikanisch, dass der Verlag auch in der deutschen Übersetzung viele Amerikanismen stehen gelassen hatte. Das fing schon mit dem Titel an: "Mind Power" statt "Geisteskraft".Oder z. B."Visualisation" für "Vorstellung" und natürlich auch "Positive Thinking“ anstatt „Positives Denken“.

Pill forderte den Leser auf: "Don't worry, be happy!" Es ist sinnlos, sich Sorgen zu machen,das führt zu nichts. "Take it easy!" Jeder kann Erfolg haben - "the american dream".Allerdings muss man schon etwas für sein Glück tun, nämlich positiv denken. So wird man vom Tellerwäscher zum Millionär, so erreicht man den "american way of life".

Stefan blieb etwas skeptisch, ob der amerikanische Lebensstil wirklich verlange oder sogar darin bestehe, Millionär zu sein. Schließlich war bekannt, dass Millionen Amerikaner an oder unter der Armutsgrenze lebten. Aber solche Ausführungen passten wohl nicht in ein Positiv-Buch. Da las sich doch viel besser die "Story" von Herrn N. V. aus L.in N. Herr N. V. war der personifizierte Misserfolg: miese Gesundheit, mieser Job, miese Laune, mieses Auto und auch miese Ehefrau. Kein Wunder, dass er da auch selbst ein Miesling war! Dann lernte er durch ein Buch von Pill,seine "mind power" einzusetzen. Er "visualisierte", wie er bei bester Gesundheit, als Chef eines Unternehmens, in strahlender Laune, einen Super-Cadillac fuhr, neben sich seine (neue) bildhübsche, charmante Gattin.

Und jede dieser Visualisationen ging in Erfüllung, wie Pill in einer Vorher-Nachher-Gegenüberstellung demonstrierte. Vorher, vor dem Positiven Denken, vor dem Lesen des Buches von Pill, war N. V.in allem am Ende. Aber nachher, nach dem positiven Denken und Lesen, da galt: Ende gut, alles gut.Dabei war von großer Bedeutung, dass N. V. sich die gewünschten Veränderungen mit äußerster Genauigkeit und Detailfreude vorstellte. Es hätte keineswegs genügt, wenn er nur an irgendeinen Cadillac gedacht hätte. Sondern er berücksichtigte jede Einzelheit, z. B. die Länge der Antenne, die Farbe der Sicherheitsgurte, die Auswahl der Stationstasten am Radio usw. usw. Und nach Ratschlag von Pill beschränkte er sich auch nicht auf optische Imaginationen. Er phantasierte, wie sich das Zuschnappen der Türen anhörte, wie sich der Lack mit den Fingerspitzen anfühlte, ja sogar, wie edel die wertvollen Lederpolster rochen. Denn Mind Power arbeitete nur, wenn es genaue Informationen erhielt; nur dann konnte es die inneren Bilder in äußere Wirklichkeit umsetzen.

Stefan rauchte der Kopf von so viel Positivem Denken.Trotzdem wollte er wenigstens noch einen Blick in "Die unendliche Megastärke des Megabewusstseins" werfen, so gespannt machte ihn der Titel.Aber das Buch gab sich reichlich kompliziert, fast wie ein Computer-Lehrbuch. Er kapierte zunächst nur soviel, dass man negative Gedankenprogramme löschen musste und neue, positive einspeichern.

Dieser staubtrockene Stoff ließ seine Müdigkeit zu einem unüberwindbaren Monster anwachsen, die Augenlider hingen ihm schwer wie Kohlensäcke runter. Er beschloss, für heute genug getan zu haben und ging zu Bett.

In der Nacht träumte er, in einem riesigen offenen Cadillac zu fahren. Die Straßen standen voll von Menschen, die ihm zujubelten und ihn als "Mr. Happy" feierten. Auf dem Nebensitz saß Pill und forderte ihn unablässig auf, allen Leuten zuzurufen, dass er den Erfolg allein dem Lesen von seinen, Pills Büchern verdanke. Schweißgebadet wachte Stefan am nächsten Morgen auf und fühlte sich halb enttäuscht, halb erleichtert, dass dieser Wunsch-Alptraum vorbei war.

Sein Mund hatte inzwischen wieder völlig zur Normalform zurückgefunden, und so fuhr er ins Büro, ohne Spott oder - noch schlimmer - Mitleid befürchten zu müssen. Lästermaul Alf ließ es sich natürlich nicht nehmen, ihn dennoch mit "Hallo Schiefmaul" zu begrüßen. Blitzschnell kam Stefan der Gedanke: "Sei selbstbewusst, sei mutig!" und er antwortete "Hallo Ekel". Alf fiel die Kinnlade runter, denn so direkt hatte ihn nochkeiner mit seinem Spitznamen angeredet.Anscheinend war er im Austeilen viel besser als im Einstecken; jedenfalls verstummte er erst einmal, was Stefan als Sieg für sich buchte. So hatte er den Eindruck, mit der Methode des Positiven Denkens erstmals einen Erfolg errungen zu haben. Natürlich war das nur ein Minierfolg, keine "klassische", keine bedeutende Anwendung des Positiven Denkens, aber immerhin. Befriedigt ging er zu Dr.Locke herüber.Der starrte auf Stefans Mund und schaute dann seinerseits sehr zufrieden.

"Aha, wieder alles geschlossen."

Ja, ich hatte eine ... " - Stefan wollte nichts einfallen - "eine Zahngrippe."

Zahngrippe?" fragte Locke und ließ jetzt selbst den Mund offen stehen.

Stefan wandt sich: "Ich hatte mir den Mund erkältet und... "

Der Gruppenleiter guckte ungläubig, aber er war offensichtlich entschlossen, sich seine Zufriedenheit nicht durch einen Zweifel wieder raubenzu lassen. "Was es nicht alles gibt", sagte er mit verbindlichem Nicken.

Stefan begab sich an seine Arbeit, aber er war nicht richtig bei der Sache.Immer wieder dachte er an sein Positiv-Programm und was er damit alles erreichen wollte. So wartete er schließlich sehnsüchtig darauf, dass Feierabend war.Früher ging er oft ungerne nach Hause, jedenfalls wenn er für den Abend kein Ausgehen oder Treffen geplant hatte.Aber jetztfieberte er fast darauf, sich wiederin seine Positiv-Welt zu versenken.

Kaum zu Hause, krabbelte er auf seinen Fernsehsessel, lehnte sich zurück, nein, schaltetenicht den Kasten an, sondern den Kopf: Was habe ichaus den bisherigen drei Büchern gelernt? Gut,jeder Autor beleuchtet das Thema von einem anderen Blickwinkel aus,dochim Grunde sagen sie alle das gleiche: Der Mensch ist Meister seines Lebens.Wenn er negativ denkt, erleidet er Misserfolg; aber er kann positiv denken und wird so erfolgreich. Wie hieß noch dieses Sprichwort? Richtig: "Jeder ist seines Glückes Schmied."

Diesen Spruch kannte Stefan allerdings zur Genüge. Er hörte ihn als Kind fast täglich von seinem Vater, der ein Oberlehrer war, nicht nur von Beruf, sondern leider auch als Vater.Stefans Mutter, ebenfalls Lehrerin, war gleichermaßen positiv,scheinbar. Denn als Stefan älter wurde,hatte ergemerkt, dass die gute Laune der Eltern oft nur aufgesetzt war, eine Fassade, hinter der sich manches Dunkle wie Ehekonflikte und Depressionen verbarg. Als Stefan auf des Vaters Lieblingsspruch einmal mit dem Gegensprichwort "Die dümmsten Bauern ernten die dicksten Kartoffeln" reagierte, war der Vater fast ausgerastet und hatte sich diesen "Negativismus" lautstark verbeten.

Heute war das Verhältnis zu den Eltern ziemlich unterkühlt, man sah sich nur selten, zu besonderen Anlässen.Die Eltern hatten erwartet, dass Stefan - ihr einziges Kind - außerordentlich erfolgreich sein würde und waren mit seinem tatsächlichen Leben und erst recht seinem Beruf sehr unzufrieden. Er wiederum war es leid, sich von den Eltern ständig Vorhaltungen und Ratschläge anzuhören.

Stefan überlegte weiter: Gut, meine Eltern haben damit Recht gehabt, dass eine positive Lebenshaltung wichtig ist.Aber sie haben nicht wirklich die Bedeutung des Positiven Denkens begriffen. Vor allem haben sie es dilettantisch, laienhaft betrieben, nicht so systematisch und professionell wie ich.Sie werden noch erleben, wie ich sie mit meinem Erfolg weit übertrumpfe. Und dann wird es ihnen leid tun, dass sie mich so unterschätzt haben.

Stefan beschloss, jetzt gleich sein erstes positives Meisterstück abzuliefern. Nach den gründlichen Vorbereitungen fühlte er sich gerüstet, das Erlesene und Erlernte praktisch auszuprobieren und anzuwenden. Als Versuchskaninchen für den ersten Testlauf war ihm seine schöneNachbarin Nicole Frohwein gerade recht.Mit seiner normalen Ausstrahlung war er bei ihr keinen Schritt weitergekommen. Sie hatte zwar beieiner weiteren Begegnung im Treppenhaus seinen Gruß erwidert, aber ohne jede Begeisterung und ohne irgendeine Bereitschaft erkennen zu lassen, den Kontakt über ein nachbarschaftliches Pflichtgrüßen hinaus zu erweitern. Doch jetzt würde er seine neue positive Strahlung auf sie richten,sie gezieltmitseiner Tiger-Super-Mega-Mind-Power ''beschießen'',da konnte sie sicher nicht widerstehen.

Zunächst musste er sich natürlich die gewünschte Situation vor seinem inneren Auge ausmalen, am besten wieeinen Film im geistigen Heimkino ablaufen lassen.

Also: Sie kommt die Treppe herunter, in diesemoffenherzigen roten Kleid, das sie so weiblich macht.

Er steht vor seiner Wohnungstür,lächelt ihr zu und fragt: "Frau Frohwein,haben Sie sich schon gut in unserem Haus eingelebt?" Mit dem "unser" wäre eine erste Verbindung zwischen ihnen hergestellt.

Daraufmusste sie einfach antworten, etwamit"Ja, denn es gibt so nette Menschen hier."

Erfährtfort:"Ich betrachte es als eine Selbstverständlichkeit, eine neue und auch noch so charmante Mitbewohnerinmiteinem kleinen Umtrunk in meiner Wohnung zu begrüßen."

Was danach kam, wollte Stefan erst einmal offenlassen. Er fühlte sich noch nicht versiert genug,die Zukunft weiter vorwegzudenken bzw.herbeizudenken.Aber die Treppenszene spielte er immer wieder inseiner Vorstellung durch,wobei er siemitzusätzlichen liebevollen Details ausschmückte. AmAbend legte oder genauer stellte er sich hinter seiner Wohnungstür auf die Lauer.Er hatte schon zweimal erlauscht,dass sie oft am Abend gegen 20 Uhr das Haus verließ (hoffentlich steckte da kein Mann dahinter!).Vielleicht hatte er Glück,und sie kam wieder um die gleiche Zeit.Und er hatte Glück,so schien es ihm, jedenfalls kam sie exakt um 20:11 Uhr die Treppe herunter.Er kannte inzwischen ihren Schritt. Also dann: Stefan holte tief Luft, pumpte sich positiv auf und trat vor die Tür.

Leider trug Nicole nicht das warmherzig wirkende rote Kleid, sondern einen eisblauen,Kühle verbreitenden Hosenanzug. Und leider brachte er sein Sprüchlein auch nicht so strahlend hervor wie in seiner Phantasieübung, sondern stockend, ehrlich gesagt fast stotternd. Und leider konnte er ihr zunächst nicht ins Gesicht schauen, sondern nur auf die Beine. "Frau Frohbein, Entschuldigung Frohwein. Haben Sie sich schon gut in dem Haus eingelebt?" Dummerweise vergaß er das verbindende "unser". "Eingelebt? Es geht. Mancher Mitbewohner macht es einemnicht so leicht." Sprach's und rauschte die Treppe runter.Stefan hatte zwar noch etwas sagen wollen,aber nichts rausgebracht."Mancher Mitbewohner." Ob sie ihn damit meinte? Vielleicht, nein bestimmt.Sie mochte ihn eben nicht.Und da half auch das Positive Denken nicht.Wieder in seiner Wohnung, schmiss er die Positiv-Bücher wütend auf den Boden. Das war doch alles nur eine verdammte Gedankenwichserei.Wahrscheinlich stimmte der Ausspruch: "Die wahren Abenteuer sind im Kopf." In der Phantasie, da konnte er sich die schönsten Erlebnisse schaffen, da war er wenigstens weitgehend - Meister seiner Welt.Aber die Umsetzung in die Realität klappte nicht, die Wirklichkeit bequemte sich kaum,seinen Vorstellungen zu folgen. Stefan ahnte nicht,dass ihm ein Erfolg nahe bevorstand. Allerdings was für ein Erfolg ...

Als er am nächsten Morgen ins Büro kam,begrüßte ihn seine Kollegin Frau Redlich mit ungewohnter Freundlichkeit:"Guten Morgen, Herr Glanz,haben Sie gut geschlafen?" Offensichtlich versuchte ihre Stimme,sich aus der gewohnten nörgeligen Tonlage bis zu einem Flöten zu erheben;der erreichte Kompromiss war ein etwas heiseres Piepsen. Stefan nickte nur kurz. Denn er war erstens schlecht gelaunt,zweitens in Grübeleien versunken und drittens überhaupt nicht an Frau Redlichinteressiert.

"Ich habe Ihnen schon Kaffee gemacht, aus meiner Dose,Sie wissen, die'Krönung'." Jetzt schreckte Stefan auf.Frau Redlich hütete ihren Kaffee wie einen Schatz.Nie gab sie davon ab, im Gegenteil, sie verdächtigte ständig jemand anderen, sich an ihrem Heiligtum vergriffen zu haben.Irgendetwas musste in der Frau vorgehen. Stefan guckte sie an.Die Redlich war sichtbar aufgeregt, was sie aber nicht unbedingt hübscher machte, vielmehr zu roten Flecken oder fleckiger Röte auf ihrem Gesicht geführt hatte. Das hätte immerhin zu ihren roten Haaren passen können, aberdie beiden Rottöne harmonierten nicht.Nun, für ihr Aussehen konnte sie nichts, vielleicht auch nichts für ihre zickige Art."Wahrscheinlich besitzt sie verborgene menschliche Werte", versuchte Stefan sich selbst zu überreden,um etwas freundlicher zu werden. Frau Redlich begann, ihm Komplimente zu machen. Im Grunde hörte er die gerne, aber von ihr waren sie ihm unangenehm. Deshalbfühlte er sich gegen seinen Willen gezwungen zu widersprechen.

- Herr Glanz, Sie sind wirklich der fleißigste Sachbearbeiter beiuns.So schnell wie Sie ist sonst keiner.

- Aber nein,der Alfred arbeitet schneller. Der schafft mindestens fünf Fälle mehr alsich am Tag.

- Na ja der, der macht auch keinesorgfältige Arbeit.Und ist überhaupt ein ziemlich ungehobelter Mensch.

Aber Sie sind noch ein Kavalier der alten Schule.

- Sagen Sie das nicht.Wenn ichalleine bin, fluche ich manchmal furchtbar.

- Aber bestimmt nicht in Gegenwart einer Dame.So ein gutaussehenderHerr wie Sie.

- Ich bin doch leider viel zu dick.

- Aber gar nicht.An so einem hageren Mann ist gar nichts dran. Sie haben eine Traumfigur.

- Da haben Sie wohl recht,Frau Redlich.

Bei diesem wunden Punkt konnte Stefan sich einfach nicht zu einem Widerspruch durchringen.

- Sehen Sie! Aber sagen Sie doch nicht immer Frau Redlich zu mir. Einfach Elfriede.

Erst jetzt wurde Stefan völlig klar:Elfriede Redlich hatte sich in ihn verliebt.Es liefihm kalt über den Rücken.Was wollte diese Frau von ihm? Erstens, sie war wohl wesentlich älter als er.Ihr genaues Alter hatte sie verheimlicht, die Schätzungen im Büro gingen von 43 bis 49, Alf tippte sogar auf 53. Zweitens war sie absolut nicht sein Typ.Und wie konnte diese spröde Frau sich über Nacht in ihn verlieben? Das konnte doch kein Zufall sein.Plötzlich durchzuckte esihn wie ein Blitz.Natürlich, es lag am Positiven Denken,an seinerneuen Ausstrahlung. Aber was war da schief gelaufen? Die Kraft sollte ja auf Nicole wirken, an Elfriede hatte er nun wirklich nicht gedacht.Immerhin zeigte es ihm, dass das Positive Denken doch wirkte, überhaupt etwas veränderte.Nur die Ausrichtung seiner Strahlen war leider voll daneben gegangen.

Frau Redlich kam an diesem Tag mehrfachunterirgendwelchen Vorwänden in Stefans Zimmer.Dasfiel natürlich auchseinem Zimmerkollegen Alfred auf."Na,eine neue Eroberung gemacht?" höhnte er. "Gratuliere. Volltreffer! Der Candidus hat 100 Punkte.Ihr passt bestens zusammen. Ein echtes Traumpaar." Stefan schluckte. Aber er wusste nicht, wie er dieses Lästermaul stopfen konnte.So litt er schweigend heroisch,bis ihn der Feierabend erlöste.

Heute eilte er noch schneller als sonst nach Hause, zuseinem "Denk-Sessel", wie er ihn inzwischen nannte. Wie konnte er den Nachstellungen von Elfriede-nein,er wollte sie nicht beim Vornamen nennen -, von Frau Redlich entkommen? Ihmfiel das Mega-Computer-Buch ein.Er musste das Redlich-Programm schnellstens löschen, das war klar.Aberüber dierichtige Vorgehensweise fühlte er sich unsicher.Wenn der Erfolg bei Frau Redlich auch unerwünscht war - Stefan schüttelte sich-, es blieb docheinErfolg.Also brauchte er einen Misserfolg. Aber konnte man mit dem Positiven Denken überhaupt einenMisserfolgerzielen? Oder brauchte er dafür einNegativesDenken?Wie auch immer. Er würde sich eine Szene mit Frau R.-am liebsten sprach ernicht einmal den Nachnamen aus - ausmalen,in der sie sich entsetzt vonihm abwandte. Gesagt getan bzw. gedacht.Stefan stellte sich vor, er führte mit Alf einrichtig fieses Machogespräch, von dem Frau R.Zeugin wurde.

Alf legte los:

- Na Alter, sag bloß, du grabschst jetzt ander Redlichrum. Willst du diese Ziege etwa bumsen?

(Frau R.will gerade indie halb geöffnete Tür treten, schreckt aberzurück.)

- Gott bewahre,ich bin doch kein Mumienschänder.Es macht mir nur Spaß, die Olle was hochzunehmen.

(Frau R.läuftrotan.)

- Trotzdem,duruinierst dir deinen Mackerruf, wenn du dichmit dieser Schreckschraube abgibst.

(Frau R.hält die Luftan.Sie zittert.)

-Aber ichhabe spitzgekriegt,diehatordentlich was aufdie hohe Kantegebuttert.

Da willich richtig absahnen,Kassenmann machen,und dann heißt es"Bye,bye,Baby".

(Frau R.platzt vor Wut und platzt ins Zimmer.Mit schriller, überschnappender Stimme schreitsie.

"Mit mirnicht,Sie amoralisches Subjekt!Welch ein Abgrundvon Schlechtigkeit!

Sie sind meiner Zuneigung nicht wert!")

Stefan atmete tief durch. Das waranstrengend gewesen,schon im Kopf. Real könnteer diese Szene sowieso nicht inszenieren und durchstehen.Aber vielleicht reichteesja,sie nur zu denken.Das Telefon klingelte.Es würdedoch wohl nicht sie sein,Elfriede? Ob seine Gedankenübung genau die umgekehrte Wirkung ausgelöst hatte, die Redlich-sogar telepathisch - angezogen, anstatt abgestoßen hatte?Aber sie würde wohl doch nicht so weit gehen, ihn zu Hauseanzurufen, daer ihr,zwar durch die Blume,dennoch deutlichklargemachthatte,dass er ihreGefühle keineswegs erwiderte.

Er raffte sich aufund ging ans Telefon.Es war Marius, der männliche Teil eines befreundeten Ehepaares, Maria und Marius.Die beidensahen auswie dasTraumpaar des deutschen Films: er ein schwarzhaariger, muskulöser Beau, sie eine blonde SchönheitmitIdealmaßen.Leider nur passten ihre Charaktere gar nichtzu den Vorstellungen von einem Traumpaar. Marius warmeistens deprimiertund jammrig, außer wenn er seine Fotos, Dias, Videos und seit neuestem DVDs aus demUrlaub vorführte; da ging erwirklich aus sich raus.Allerdings gingen spätestens nach zwei Stunden die entnervten Zuschauerraus, aus dem Vorführraum. Maria sah zwar aus wie ein Engelchen, hatte aberHaare auf den Zähnen. Sie kritisierte bissig an allem herum,am liebsten an Marius.

"Tag Stefan, geht's dir auch so schlecht wie mir? Wirhaben lange nichts mehr voneinander gehört."Das stimmte. Seit der Trennung von Angela hatte er sich von seinen Freundenund Bekannten etwas zurückgezogen, um mitleidigen oder nur Mitleid vortäuschenden neugierigen Fragen zu entgehen. Undjetzt imMoment war er eben ganz auf sein großartiges Positiv-Programmkonzentriert, da mussten Kontakte einfach zurückstehen.Einen Augenblick überlegte er, Marius vom Positiven Denken zuerzählen.Wenn es einer gebrauchen konnte, dann der. Und Maria ebenso. Aber dann ließ erdas doch lieber.Denn er warleider Gottes noch wenig versiert und erfolgreich imPositivenDenken,so dass ihn abfällige Bemerkungen darüber verunsichern konnten. Auch in den Büchern wurde gewarnt, überhaupt od