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Die junge Sängerin Coco Blum träumt von einer glanzvollen Karriere und den großen Bühnen dieser Welt: Mailand, London, New York. Stattdessen landet sie am Theater in Oldenburg, wo sie in einer Künstler-WG Unterschlupf findet. Immerhin ergattert sie die Hauptrolle in Puccinis La Bohème. Während der Probenarbeit bricht eine weltweite Pandemie aus - Corona. Die Arbeit im Lockdown zieht sich schleppend hin, die Dirigentin ist nicht zufrieden mit Cocos Darstellung der Mimi. Dann wird Coco schwerkrank... Sabine Bartsch verflicht die Szenen ihres Buches mit Motiven aus der Oper und erzählt die Geschichte einer Künstler-WG. Die Generalpause nimmt im Leben der Künstler dramatische Gestalt an.
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Seitenzahl: 269
Veröffentlichungsjahr: 2023
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Coco, 26 Jahre alt. Opernsängerin. Groß, aufrecht, selbstbewusst. Kommt aus einer berühmten Operndynastie.
Sam, 30 Jahre alt. Bühnenbildner. Charmant, unbekümmert, hedonistisch. Verschweigt sein zerrüttetes Elternhaus.
Colin, 27 Jahre alt. Musiker. Gutmütig, selbstlos, freigiebig. Produziert sehr erfolgreich Musikclips. Liebt Tick.
Tick (eigentlich Hannah), 27 Jahre alt. Schriftstellerin. Hübsch, rotgelockt, schüchtern. Liebt Colin nicht mehr.
Pierre, 28 Jahre alt. Schauspieler. Schmal, unauffällig, schwäbisch. Kommt aus einem biederen Beamtenhaushalt.
Die Bewohner einer Künstler-WG in Oldenburg
Ouvertüre
Dienstag, 7. Januar 2020
Coco
Pierre
Sam
Coco
Mittwoch, 15. Januar 2020
Tick
Colin
Erstes Bild
Donnerstag, 16. Januar 2020
Sam
Coco
Samstag, 18. Januar 2020
Pierre
Coco
Montag, 27. Januar 2020
Sam
Tick
Samstag, 1. Februar 2020
Colin
Coco
Pierre
Sonntag, 2. Februar 2020
Coco
Montag, 3. Februar 2020
Pierre
Montag, 3. März 2020
Coco
Sam
Colin
Coco
Dienstag, 4. März 2020
Pierre
Donnerstag, 5. März 2020
Tick
Sam
Tick
Colin
Dienstag, 10. März 2020
Coco
Sam
Donnerstag, 12. März 2020
Coco
Zweites Bild
Freitag, 8. Mai 2020
Sam
Tick
Colin
Pierre
Samstag, 9. Mai 2020
Coco
Freitag, 15. Mai 2020
Tick
Samstag, 16. Mai 2020
Sam
Mittwoch, 20. Mai 2020
Pierre
Samstag, 30. Mai 2020
Coco
Sam
Samstag, 6. Juni 2020
Tick
Samstag, 20. Juni 2020
Coco
Donnerstag, 20. August 2020
Sam
Colin
Dienstag, 1. September 2020
Coco
Sam
Tick
Sam
Colin
Coco
Colin
Drittes Bild
Mittwoch, 2. September 2020
Sam
Donnerstag, 3. September 2020
Tick
Freitag, 4. September 2020
Colin
Coco
Samstag, 5. September 2020
Sam
Tick
Coco
Dienstag, 8. September 2020
Tick
Donnerstag, 10. September 2020
Sam
Colin
Coco
Freitag, 11. September 2020
Colin
Pierre
Coco
Sam
Tick
Samstag, 12. September 2020
Sam
Sonntag, 13. September
Colin
Sam
Colin
Sam
Tick
Pierre
Colin
Sam
Coco
Finale Ultimo
Ein Jahr später
Tick
Über die Autorin
Impressum
Auf dem Weg zum Ausgang fragte ich mich, warum ich eigentlich nicht jubelte vor Glück. Ich hatte es doch geschafft! Aber irgendwie auch nicht, dachte ich und blieb vor dem Schwarzen Brett neben der Pförtnerloge stehen. Theaterkritiken, Probenpläne, Umbesetzungsinfos, eine Traueranzeige für einen ehemaligen Schauspieler. Mein Blick fiel auf einen tanzenden Vogel, der mit wenigen Strichen auf ein Stück Papier gekritzelt worden war. Darunter der Hinweis, dass in einer Künstler-WG noch Zimmer frei wären.
Ich fotografierte den Zettel, winkte dem Pförtner zum Abschied und trat durch die Tür ins Freie. Augenblicklich wurde ich von einer eiskalten Böe in Empfang genommen. Meine Haare, die ich beim Vorsingen offen getragen hatte, wehten mir vor die Augen. Ich strich sie zur Seite und schaute einem Typen zu, der sich beim Besteigen der Treppe sehr gegen den Wind stemmen musste. Er war blond und sehr schmal. Schätzungsweise Mitte zwanzig, so wie ich. Als er oben war, hielt ich die Tür auf. Er heiße Wagner und habe einen Termin zum Vorsprechen, sagte er mit unsicherer Stimme zum Pförtner. Er hatte es noch vor sich, der arme Kerl.
Vor dem Bahnhofsgebäude zogen ein paar Reisende ihre Koffer hinter sich her und bliesen kleine Atemwolken in die Luft. Von irgendwo wehte der Duft gebrannter Mandeln herüber. Keine Nutten, keine Junkies. Nichts, um das einen Bogen zu machen gelohnt hätte. Ich suchte nach den merkwürdigen Gestalten, die alle Bahnhöfe dieser Welt bevölkerten. Den Alten. Den Verwitterten. Dem leeren Gesicht der Obdachlosigkeit, aus dem jegliche Hoffnung entwichen ist. Ich fand nichts als Ordnung. Selbst die Bahnhofsuhr sah aus, als sei sie gerade blankpoliert worden. Großer Gott, hier würde ich nicht leben können.
Problem:
Es war mein einziges Angebot. Und es war ein tolles Angebot. Ich würde mich einleben müssen. Es war eine Chance. Ein Sprungbrett hinaus in die wirkliche Welt. Mailand, London, New York.
Viel zu früh betrat ich den Bahnsteig, wo der Wind noch eisiger zu sein schien, und suchte Schutz hinter einem Süßigkeitenautomaten. Frierend beobachtete ich einen Anzugträger, der mit Servietten und Tempos seine Schuhe vom Schmutz zu befreien versuchte. Meine Füße waren nicht mehr zu spüren, als der Zug nach einer gefühlten Ewigkeit mit kreischenden Bremsen einfuhr, direkt vor einem alten Mann zu stehen kam, auf dessen Mantelkragen vereinzelte Schuppen ruhten.
Im völlig überhitzten Zug ließ ich mich auf einen freien Sitz fallen und fummelte mein Handy aus der Tasche. Versonnen starrte ich das Bild mit dem tanzenden Vogel an.
Bestandsaufnahme pro: Ich hatte ein Engagement. Und das mit dem Zimmer würde bestimmt auch klappen.
Bestandsaufnahme contra: Der Beginn meiner Karriere würde in der Norddeutschen Tiefebene seinen Anfang nehmen. Fuck!
Ganz ruhig. Es ist nur eine Nebenrolle. Ich spreche nur für eine Nebenrolle vor. Mein Mantra der letzten zwei Stunden. Zweier endlos langer Stunden, in denen ich mit rasendem Herzen und nassen Handinnenflächen den Flur rauf und runter getigert war. Nun blieb ich stehen und schaute durch die große Glasfront auf die Straße. Autos pflügten dreckiges Regenwasser von der einen auf die andere Seite. Menschen eilten geduckt unter Schirmen den Fußweg entlang. Fahrradfahrer! Wie konnte man bei dem Scheißwetter Fahrrad fahren?
Die anderen schienen alle cool zu sein. Zwei Typen fläzten sich lässig auf dem Boden und hielten einen Kopfhörer ans Ohr. Als ich an ihnen vorbeiging, hörte ich einen Popsong. Wie konnte man in dieser Situation Musik hören? Irgendwo knarrte eine Tür.
„Herr Wagner bitte!“
Die zwei Typen waren heiß. Jeder auf seine Art. Vielleicht sollte ich mir die etwas genauer ansehen, um mich abzulenken?
„Herr Wagner?“
Der eine hatte seine Haare superhell gefärbt, was einen irren Kontrast zu seinem dunklen Teint ergab. Aus dem Augenwinkel sah ich eine junge Frau in der Tür zum Zuschauerraum stehen. Sie hakte etwas auf einer Liste ab. Ihr gelber Rock verbarg kurze dicke Beine. Oder versuchte es zumindest.
„Herr de Vries?“, rief sie.
Der Typ mit den hellen Haaren stand auf. Irgendwo in meinem Unterbewusstsein wurde ein Motor angeworfen. „Halt!“, rief ich so laut, dass der komplette Flur zusammenzuckte. Die Frau hob eine Augenbraue.
Ich rannte los, schubste den Blonden zu Seite und stand vor der Frau. „Wagner! Das bin ich!“ Auf meiner Stirn hatte sich ein Schweißfilm gebildet. Meine Knie zitterten, ich schnappte nach Luft. Und plötzlich wusste ich: Ich würde es verkacken!
Die Frau grinste überheblich. „Nervös?“
„Nein“, keuchte ich, auf der Suche nach einer Spur Restwürde.
Sie schaute auf ihr Klemmbrett. „Pierre Wagner?“
„Ja, das bin ich.“
„Warten Sie hier.“ Sie blickte den blonden Kerl an. „Herr de Vries, bitte kommen Sie mit mir.“ Die Tür zum Z-Raum fiel zu. Ich drehte mich um, ein paar Leute grinsten hämisch, vielleicht auch peinlich berührt. Ich war ihnen peinlich. Ich verriet die Zunft. Ich führte mich auf wie ein verdammter Anfänger. Die Wahrheit war: ich war ein verdammter Anfänger. Mutlos ging ich zurück zum Fenster und schaute hinaus. Der Regen war stärker geworden. Eine kleine Person schob ihr Fahrrad gegen den Wind. Ihr Regenschirm stülpte sich flatternd nach außen. Sie kämpfte mit ihm wie Don Quichotte mit seinen Windmühlen. Scheint ein zähes Völkchen zu sein hier im hohen Norden.
„Hallo“, sagte jemand in meinem Rücken. Ich drehte mich um. Vor mir stand ein Typ in Jeans und Lederjacke mit einer riesigen Mappe unter dem Arm. Er sah aus wie ein Rockstar. Oder die Persiflage eines Rockstars. Fragend blickte ich ihn an.
„Hey, ich suche den Weg zum Technischen Betriebsbüro. Bin neu hier.“
„Vermutlich nicht so neu wie ich.“
Er verzog den Mund zu einem schiefen Lächeln. „Okay, dann habe ich wohl den Falschen gefragt.“
„Sieht ganz so aus, ich habe jedenfalls keinen Schimmer, wo das ist.“
„Alles klar. Dann frag ich jemand anderen.“ Er lächelte. „Ich bin übrigens Sam. Bühnenbildner.“
„Pierre. Schauspieler.“
„Man sieht sich.“ Sam drehte sich um und ging.
Was für ein dämlicher Dialog, ging es mir durch den Kopf. Mein Herz wummerte noch immer gegen meine Brust. Ich musste unbedingt meine Atmung unter Kontrolle bekommen.
Ganz ruhig. Es ist nur eine Nebenrolle. Ich spreche nur für eine Nebenrolle vor.
„Herr Wagner.“ In der Tür zum Z-Raum standen die dicken Beine im gelben Rock. Der Typ mit dem niederländischen Namen war doch gerade erst hineingegangen. War das ein gutes oder schlechtes Zeichen? War das überhaupt ein Zeichen? Ich stolperte zu der Frau. „Ja?“
„Bereit?“, fragte sie süffisant grinsend.
„Klar.“ Ich folgte ihr in den Zuschauerraum, einem protzigen Barocksaal mit drei Rängen. Vormittags war ich noch von einem netten Praktikanten durch´s Haus geführt worden. Ich durfte mich kurz auf die Bühne stellen und die Pracht aus rotem Plüsch, marmornen Putten und goldenen Leuchtern bewundern.
Nun lag der Raum im Dunkeln. In einer der mittleren Reihen stand ein Tisch, auf dem kleine Lampen brannten. In dieser Beleuchtung konnte ich im Saal nur Schemen erkennen. Ich wusste, dass dort der Intendant saß und vermutlich noch ein Dramaturg, vielleicht auch der Ballettmeister. Erkennen konnte ich niemanden. Sollte ich da jetzt hingehen und allen die Hand geben? Doch die dicken Beine führten mich zum Bühnenaufgang. Sollte ich offensichtlich nicht. Als ich zitternd die fünf Treppenstufen emporstieg, wurde es auf der Bühne hell. Ich stellte mich in die Mitte.
„Schön, dass Sie den Weg zu uns gefunden haben“, hörte ich jemanden sagen. Ich winkte linkisch in den Raum hinein, und vermutlich kam es so rüber, als würde ich mich für eine Rolle als Hobbit bewerben. „Hallo, danke, dass ich hier sein darf“, brachte ich heraus.
„Bitte erzählen Sie uns doch ein bisschen von sich.“
Oh. Ich hatte drei Rollen einstudiert. Ich hatte ein Lied. Ich hatte eine Tanznummer. Ich war vorbereitet. Diese Aufforderung kam allerdings überraschend. In der ersten Reihe hörte ich ein unterdrücktes Kichern.
Ich räusperte mich. „Mein Name ist Pierre Wagner, wie der aus Bayreuth. Also der Wagner.“ Meine Stimme war nicht ganz so fest, wie ich es mir gewünscht hätte.
„Aber nicht verwandt, nehme ich an?“, fragte jemand belustigt.
„Leider nein. Ich komme aus Heilbronn, habe nach dem Abitur in Hannover Schauspiel studiert und freue mich jetzt darauf, in einem wirklichen Theater zu spielen.“ Aus dem Zuschauerraum waberte mir dunkles Schweigen entgegen. „Ich kann spielen, tanzen und singen“, schob ich deshalb nach. Es klang wie ich kann schon bis zehn zählen und meine Schuhe selber binden.
„Welchen Text haben Sie vorbereitet?“
„Nathan der Weise. Den Monolog“
Für eine Sekunde trat völlige Stille ein. Hatte ich eine schlechte Wahl getroffen? Das war doch einer der Vorsprech-Klassiker.
„Und als Zweites?“, fragte die Stimme aus der Dunkelheit.
Die wollten mich verunsichern. Nicht mit mir! „Ich würde gerne damit beginnen.“
„Was brauchen Sie dafür?“
„Ein Stuhl wäre gut.“
Kaum hatte ich das gesagt, kam der nette Praktikant vom Vormittag aus der Seitengasse, stellte einen Stuhl in die Mitte der Bühne, reckte verstohlen den Daumen in die Höhe und war wieder weg. Auch wenn ich nicht wusste, warum, aber diese kleine Geste machte mir Mut. Ruhig drehte ich den Stuhl so, dass ich mich rittlings draufsetzen konnte, atmete einmal tief durch und begann.
Hm! hm! Wunderlich!
Wie ist mir denn?
Was will der Sultan? Was?
Ich bin auf Geld gefasst, und er will – Wahrheit. Wahrheit!
Ich blickte versonnen in den dunklen Raum, während ich den Text sprach. Fokussiert, ohne jedes Pathos. Ich spürte eine Bühnenpräsenz wie selten zuvor. Ich war gut.
„Danke!“
Verwirrt blickte ich ins Dunkel. „Aber ich habe doch gerade erst angefangen.“ Jetzt erkannte ich, dass es fünf kleine Lampen waren, die den Tisch beleuchteten.
„Wir würden gerne noch etwas anderes sehen!“ Das war eine andere Stimme als vorhin.
In der ersten Reihe hörte ich es wieder kichern. Hatte man die dicken Beine dort platziert, um mich zu verunsichern?
Ihr wollt mich provozieren? Obwohl ich gerade so gut im Text war? Wütend stand ich auf, kickte den Stuhl beiseite, blickte ins Dunkel, hob den Kopf und begann zu improvisieren:
Was ist das nur für eine Zunft? Die der Gaukler und der Clowns? Die der schiefen Schuhe und der roten Nasen? Was ist das nur für eine Zunft …?
Ich wusste nicht weiter, mehr fiel mir einfach nicht ein. Wütend gab ich dem Stuhl erneut einen Tritt. Er fiel um und zerbrach. Aus dem Z-Raum kam Geraune. Ich gab dem Stuhl einen weiteren Tritt. Das Kichern in der ersten Reihe nahm einen hysterischen Beiklang an. Würde da gleich jemand einen Nervenzusammenbruch bekommen?
Ich holte Luft, schaute in die Dunkelheit – und machte weiter:
Was ist das nur für eine Zunft?
Diese unromantische, wirklichkeitsnahe und handfeste Jugend, die den dunklen Seiten des Lebens gefasst ins Auge sieht, unsentimental, objektiv, überlegen …
Der Text war nicht improvisiert! Der war nicht von mir. Das war Borchert. Draußen vor der Tür. Wie kam ich aus der Nummer wieder raus?
Schweigend stand ich auf der Bühne. Zählte die fünf Lichter von links nach rechts und von rechts nach links. Es blieben fünf. Im Saal absolute Stille. Die Dunkelheit erwartete etwas von mir. Ich machte ein paar ungelenke Tanzschritte. Mimte einen Clown, der zu tanzen versuchte. Ich machte mich komplett zum Deppen.
„Danke!“
Erleichterung durchflutete mich. Ich hatte es verkackt, aber ich hatte es hinter mir. Nach einer übertriebenen Verbeugung wandte ich mich zur Treppe.
„Chéri!“, rief es aus dem Dunkel. Eine spillerige Gestalt huschte Richtung Bühne. Chéri? War ich damit gemeint? Ein sehr dünner Mann in lächerlichen, weißen Leggings hüpfte behänd die Treppe hinauf. Wenn jemand im Theater solche Hosen trägt, kann er nur vom Ballett sein. Der Mann, vermutlich der Ballettmeister, kam auf mich zu, legte einen Arm um meine Schulter und schob mich zurück in den Kegel des Scheinwerferlichtes.
„Chéri, ich möchte dich tanzen sehen!“, flötete er. Sein süßliches Parfüm verursachte mir Übelkeit.
„Was hast du für uns vorbereitet, Chéri?“ Er strahlte mich an.
„Ähm, eine Improvisation zu einer Musicalmelodie.“ „Improvisation scheint ja dein Fachgebiet zu sein.“ Er zwinkerte und machte ein Zeichen Richtung Seitenbühne, wo der Inspizient saß. Die Musik setzte ein. Es handelte sich um Musik, die ich vor einigen Tagen per File geschickt hatte. Scheiße. Sollte ich das wirklich noch machen, obwohl ich doch schon durch war? Der Chéri-Heini nickte mir zu und verließ die Bühne. Nachdem er sich in der ersten Reihe niedergelassen hatte, begann ich zu tanzen. War ja ohnehin egal, sollten die sich doch über mich totlachen.
„Danke!“
Ich stand da und blickte schweigend in die Dunkelheit. Dies war nicht das erste und würde nicht das letzte Vorsprechen sein. Aber ich war nicht so schlecht, wie sich diese Lackaffen einbildeten, mich finden zu dürfen. Dieses überhebliche, arrogante Kleinstadtpack.
„Würden Sie bitte draußen warten?“
Ich würdigte der Dunkelheit keine weitere Aufmerksamkeit und verließ die Bühne Richtung Foyer. Seltsam erleichtert ging ich den Flur entlang. Gefolgt von den fragenden Blicken derer, die es noch vor sich hatten. Na, viel Spaß euch! Ich habe es hinter mir und wisst ihr was? Ich bin froh darüber. In diesem Provinztheater will ich gar nicht arbeiten. Das habe ich überhaupt nicht nötig. Ich bin dafür viel, viel zu gut! So, nehmt das, ihr Lackaffen! Ihr verkackten …
„Herr Wagner!“
Ich stoppte meinen inneren Monolog und schaute zur Tür des Z-Raums. „Würden Sie bitte noch einmal hereinkommen?“
Der Typ mit dem etwas schiefen Mund, der mich durchs Haus geführt hatte, kam mir irgendwie komisch vor. War das der Besitzer? Oder hatte er es gemietet und vermietete unter? Das Haus selbst war okay. Mehr als okay. Ich konnte zwischen drei Zimmern wählen. „Wie hoch wäre denn die Miete?“
„Dreihundert warm.“ Er lächelte, entblößte ein Tastaturgebiss. Zähne, die etwas zu weiß waren, um wahr zu sein.
„Das ist nicht viel.“
„Das ist der übliche Preis“, meinte er unbekümmert. „Okay. Und wer wohnt außerdem noch hier?“
Die Miete war ein Witz. Ein eigentümlicher Geruch hing in der Luft. Vielleicht wollte er, dass ich für ihn deale?
„Im Moment nur Tick. Wir, ähm, waren ein Paar.“
„Tick?“
„Eigentlich Hannah, aber alle nennen sie Tick.“
Ich lächelte zurück. „Und ihr seid kein Paar mehr?“
„Nein, leider nicht.“
„Aber wollt hier weiter zusammenwohnen?“
„Wir haben uns überlegt, dass es vielleicht ganz witzig wäre, eine Künstler-WG zu gründen, damit wir nicht immer nur aufeinanderhocken. Das war mehr so Ticks Idee. Und Platz ist ja genug da.“
„Und vorher habt ihr zwei hier alleine gewohnt? In diesem riesigen Haus?“
„Ja, aber es war wirklich zu groß für zwei Leute. Nächsten Monat zieht vermutlich noch ein Mann ein. Er ist Schauspieler und hat heute sein Vorsprechen.“
„Ich war heute Morgen auch im Theater, da flirrte die Luft vor lauter Aufregung. Scheint, als wäre heute das große Vorsprech-Event. Deshalb weiß ich auch von dem freien Zimmer bei euch.“
Ich hatte mir den Namen des Typs nicht gemerkt. Insgeheim taufte ich ihn Hazel, wegen seiner dunklen Haut, auch wenn das absolut nicht der political correctness entsprach.
Er sah mich an, als wolle er mich röntgen. „Aber du bist kein Schauspieler, oder?“
Ich strich mir die Haare aus dem Gesicht. „Nein, ich habe Bildende Kunst und Bühnenbild studiert.“ Er brauchte ja nicht unbedingt zu wissen, dass das nur die halbe Wahrheit war.
„Aha.“
Meine Ausführungen schienen ihm nicht zu genügen. Lege ich halt noch ´ne Schippe drauf. „Ich mache das Bühnenbild für die nächste Opernpremiere. Außerdem besteht die Chance auf eine Ausstellung in einer hiesigen Galerie. Dort scheint man meine Sachen zu mögen.“
„Sachen?“
War ich hier eigentlich beim Casting? Hallo? Ich wollte bloß ein Zimmer mieten. „Und was macht ihr so?“, fragte ich.
Hazels weiße Zähne blitzten mich an. „Tick ist Schriftstellerin. Sie ist sehr gut. Und sehr eigen. Sprich sie lieber nicht darauf an, woran sie gerade arbeitet.“
„Geht klar. Und du?“
„Ich mache Musikclips. Es gibt übrigens noch das Kunsthaus Clark, das können alle nutzen.“
„Was soll das sein?“
„Komm mit.“ Durch die Glastür in der Küche, die von einem riesigen Tisch dominiert wurde, sah man in den Garten, der dalag wie ein gefrorenes Stillleben. Der Wind blies eisige Kälte herein, als Hazel die Tür öffnete. Wir passierten die mit Raureif überzogenen Büsche, die dastanden wie Gespenster an Halloween, während der Schnee unter unseren Schuhen knirschte, als würden wir Kristalle zertreten. Hinter einer Tanne stand ein rotes Backsteinhaus. Zwei Fenster, die wie Augen wirkten. Das Dach mit weißem Puderschnee überzogen. Ich musste an Hänsel und Gretel denken.
Hazel, dessen richtigen Namen ich vergessen hatte, schloss die Tür auf. Mein Herz klopfte schneller, als ich den dunklen Raum betrat. „Ähm, gibt es hier kein Licht?“
„Doch, klar. Warte, dieser verflixte Schalter ist immer so schwer zu finden.“ Seine Hand tastete suchend an der Wand entlang. Dann ein Klicken und es wurde hell. Geblendet schloss ich die Augen, öffnete sie wieder - und stand in einer Kathedrale.
Ein alter Flügel mitten im Raum. Steinway & Sons las ich. Daneben weitere Musikinstrumente. Eine Gitarre, zwei Bässe. Ein Saxophon, in dessen Gold sich ein gigantischer Kronleuchter spiegelte. Haufenweise Bücher und Noten. Ein riesiges Sofa aus rotem Samt. Mehrere Staffeleien. Farben, Pinsel, Zeichenstifte.
Auf einer Staffelei stand ein halbfertiger Akt. Ich trat näher hin. „Hast du das gezeichnet?“
Hazel lachte. „Nein, dazu fehlt mir leider jegliches Können. Das ist von Tick.“
„Sie hat Talent.“
Neben der Staffelei hingen teure Holzwerkzeuge. Darunter unbehauene Holzklötze.
„Wow.“ Mehr brachte ich nicht heraus.
„Der Raum steht allen zur Verfügung, auch Freunden aus der Nachbarschaft.“ Hazel grinste. „Manchmal schlafen hier auch Leute, die zu Besuch sind.“
Ich blickte ihn an. „Entschuldige, aber ich habe mir deinen Namen nicht gemerkt.“
„Soso.“ Er zwinkerte mir zu. „Ich bin Colin.“
Ich sog den Geruch von Farbe, Staub und einem Hauch von Paraffin ein. „Ich glaube, hier bin ich richtig, Colin.“
Nachdem ich in Hannover umgestiegen war, nahm ich mein Handy und tippte die Nummer ein, die unter dem tanzenden Vogel stand. Nach dem dritten Läuten hob jemand ab.
„Colin“, kam es zackig aus dem Telefon.
„Coco“, antwortete ich.
Am anderen Ende blieb es still. Ich sagte auch nichts.
„Ja bitte?“ Ja bitte? Der klingt ja wie mein Opa. Okay, die Stimme schien jüngeren Jahrgangs zu sein.
„Ich habe den Zettel im Theater gelesen, habt ihr noch was frei?“
„Ein Zimmer ist noch zu haben.“
„Nehm´ ich.“
Er lachte. „Vielleicht solltest du es dir erstmal ansehen?“
„Ich habe leider keine Zeit, bin schon wieder auf dem Weg nach München.“
„Tja dann, alles Gute.“ Ehe ich etwas erwidern konnte, hatte Colin das Gespräch beendet.
Ich wählte die Nummer erneut. „Was soll es denn kosten?“
Wieder ein sympathisch klingendes Lachen. „Und wer will das wissen?“
„Coco.“
„Coco, soso.“
„Ich brauche wirklich dringend ein Zimmer. In drei Wochen ziehe ich nämlich in eure Stadt.“
Schweigen.
„Und du willst doch nicht, dass eine junge Frau im Januar unter einer Brücke schlafen muss?“
„Wenn ich die junge Frau gar nicht kenne, kann mir das doch egal sein, oder?“
Ich seufzte und sah aus dem Fenster in den tristen Winterhimmel, während der Zug mich zurück nach München brachte, wo das Wetter hoffentlich besser war. „Coco Blum, 26 Jahre alt, 1,72 groß, 55 Kilo schwer, Augenfarbe grün."
Colin lachte wieder. „Wir suchen eine Mitbewohnerin, möglichst Künstlerin. Wieviel sie wiegt, ist genauso nebensächlich wie ihre Augenfarbe.“
Der Mond goss fahles Licht über eine Weide. „Ich werde die Hauptrolle in der nächsten Oper eures Theaters singen. Künstlerin genug?“ Den Stolz in meiner Stimme konnte ich nicht ganz unterdrücken.
„Oper? Ach du Scheiße!“
„Moment mal!“ Was dachte sich der Typ eigentlich? Sollte ich das Telefonat einfach beenden? Problem: Ich brauchte dringend ein Zimmer.
Am anderen Ende der Leitung blieb es einen Augenblick still. Colin räusperte sich. „Tut mir leid, das ist mir nur so rausgerutscht. Und du hast keine Möglichkeit, hier vorbeizuschauen?“
„Leider nein.“
„Das ist schlecht, wir wollen nämlich nicht irgendwen in unserem Haus.“
„Ich bin nicht irgendwer!“
„Also gut, dann lass uns nächste Woche skypen.“
„Wer wohnt denn noch in der WG?“
„Im Augenblick sind wir zu zweit, es ziehen noch zwei Männer ein und deshalb suchen wir noch eine Frau.“
„Ganz schön große WG.“
„Wenn´s dir zu viel …“
„Nein, nein. Das ist prima. Wir skypen. Wann genau?“
Nun waren wir also vollzählig. Und ich unsicher, ob mir das gefiel oder eher nicht. Coco hatte bei ihrer Vorstellung, die wir per Skype machen mussten, weil sie angeblich nicht noch einmal herkommen konnte, vor Selbstbewusstsein gestrotzt. In dieser Hinsicht schien sie das genaue Gegenteil von mir, weshalb ich auch gegen sie gestimmt hatte. Aber die Männer hatten mich dazu überredet, es mit ihr zu versuchen. Sogar Colin. Sie hätte sonst keine Bleibe, hatte er argumentiert. Schließlich hatte ich zugestimmt und mir vorgenommen, vorurteilsfrei auf sie zuzugehen. Dafür müsste sie allerdings mal aus ihrem Zimmer kommen.
„Wir können bald essen“, rief ich.
„Super, hab´ einen Bärenhunger“, brummte Colin, der wie meist gekrümmt über seinem Laptop hing. In letzter Zeit arbeitete er gerne in der Küche, keine Ahnung, warum.
„Kannst du bitte die anderen holen?“, bat ich.
„Hm.“
„Colin!“
Er schaute auf. „Ja?“
„Kannst du bitte die anderen holen?“ Ich platzierte Teller und Besteck auf dem großen Holztisch, den wir blau angemalt hatten. Zur Feier des ersten gemeinsamen Abendessens hatte ich mich heute Morgen sogar in die Kälte gewagt und einen kleinen Strauß Blumen gekauft. Ich zog eine Schublade auf, suchte nach einem Feuerzeug und zündete die Kerzen an. Kerzenschein und Blumen. War das zu viel? Ich blies die Kerzen wieder aus. Servietten oder keine Servietten? Ich wollte nicht spießiger wirken, als ich war, zündete die Kerzen wieder an und stellte die Blumen auf die Fensterbank. Colin hatte sich noch nicht von der Stelle bewegt. Ich wuschelte ihm durchs Haar. „Wieder so schwer zu arbeiten? Jöjöjö!“, flötete ich in leicht spöttischem Tonfall. Ständig eierten wir umeinander herum wie zwei aus der Umlaufbahn geratene Satelliten. Die Metamorphose vom Liebespaar zu sogenannten guten Freunden probend. Es gelang mal mehr, mal weniger.
Colin lächelte mir zu. „Dann pfeife ich die hungrige Meute mal zusammen.“ Ich hörte ihn an Pierres Tür klopfen. Kurz darauf erschien Pierre in der Küche. Pierre war süß, auch wenn es etwas nervte, dass er von nichts anderem als seiner Rolle sprach.
„Hm, riecht das gut.“ Er setzte sich auf die rote Bank und lächelte mir zu. „Ich bin gerade noch mal den Beerdigungsunternehmer durchgegangen.“
„Den Beerdigungsunternehmer?“
„Eine meiner Rollen.“
„Ich dachte, du spielst den Tod“, war ich so freundlich, ihm ein Stichwort zu liefern.
Pierre strahlte mich an. „Genau. Und der erscheint in Draußen vor der Tür in unterschiedlichen Rollen. Der Beerdigungsunternehmer … “
„Beerdigungsunternehmer?“, fragte Coco, die mit einer Flasche Sekt in der Tür stand. Sie hielt sie mir hin. „Ein kleiner Willkommensgruß.“
In großzügigem Gestus reichte sie mir die Flasche.
„Oh, danke, sollen wir den jetzt trinken?“
„Das war der Plan.“
Während ich die Flasche öffnete und Sekt einschenkte, musterte ich Coco verstohlen. Ihr Hals erschien mir extrem lang, und entsprechend hoch oben befand sich der Kopf mit dem hochgesteckten schwarzen Haar. Bestimmt war sie einen ganzen Kopf größer als ich.
Sie wirkte eher wie eine Tänzerin als eine Opernsängerin. Mussten die nicht dicker sein? Wegen des Stimmvolumens?
Coco lächelte mich an. „Hast du gekocht?“
„Ja, aber glaub bloß nicht, dass ich das immer mache.“ Ich lächelte zurück.
„Also jedenfalls, der Beerdigungsunternehmer …“, nahm Pierre den Faden wieder auf.
„Beerdigungsunternehmer?“, fragte Sam, der nun gemeinsam mit Colin die Küche betrat.
„Coco hat eine Flasche Sekt mitgebracht“, versuchte ich das Thema auf das Wesentliche zu lenken. Nämlich darauf, dass wir jetzt gemeinsam essen würden, um uns ein bisschen kennenzulernen. „Lasst uns auf unseren ersten gemeinsamen Abend anstoßen!“
„Ein Joint wäre mir lieber.“ Colin grinste und schnappte sich ein Glas.
„Auf uns!“
Er schüttete den Sekt in einem Zug hinunter, Pierre nippte vorsichtig und Coco tat nur so, als würde sie trinken.
„Jedenfalls, der Beerdigungsunternehmer …“
„Setzt euch doch“, sagte ich, „der Auflauf müsste fertig sein.“ Ich schob den grünen Stuhl, der meist in der Ecke steht, an den Tisch, damit alle einen Platz hatten.
Coco setzte sich seufzend. „Ich hatte heute meine erste Rollenstunde. Danach habe ich dem Mann, der den Rodolfo singt – hab vergessen, wie der richtig heißt – zugehört. Das ist ja vielleicht ´ne Type! Mann, der hat ´nen Stock im Arsch. Der könnte die ganze Inszenierung versauen.“
Ich stellte die Auflaufform in die Mitte des Tisches und setzte mich ebenfalls.
„Was für eine Fehlbesetzung“, meinte Coco und nahm sich so wenig von meinem Auflauf, dass es einer Beleidigung gleichkam.
„Und das erkennst du so schnell?“, fragte Sam lächelnd.
„Vielleicht solltest du deinem Kollegen eine faire Chance geben“, ergänzte ich, bevor Coco antworten konnte. Ich spürte, dass ich rot wurde, und ärgerte mich grün.
Cocos Hals schien noch länger zu werden. Irgendwie giraffig. Sie lächelte ein Lächeln, das zu deuten ich nicht in der Lage war. Machte sie sich über das kleine, unerfahrene Mädchen lustig, in dessen Auflauf sie gerade herumstocherte?
„Du hast recht, Tick. Ich war nur enttäuscht. Da kannst du noch so toll singen - und das kann er, das muss ihm der Neid lassen - wenn du dastehst, als hättest du einen Besenstiel gefrühstückt, dann bringt dir deine Stimme Null. Und der Typ ist mein direkter Bühnenpartner. Aber gut, vielleicht wird das ja noch.“
„Und du hast echt in München studiert?“, fragte Pierre, dem sein Beerdigungsunternehmer abhandengekommen zu sein schien.
„Ja.“
„Wow.“
Pierres Begeisterung musste man wohl entnehmen, dass Coco an einer sehr guten Hochschule studiert hatte.
Sam gönnte sich eine weitere Portion. „Das schmeckt großartig, Tick. Danke für dieses Willkommensessen.“
Ich wurde wieder rot. Mist.
„Wenn du in München studiert hast, kennst du doch sicher den Blum?“, fragte Pierre aufgeregt. Blum? So hieß Coco doch mit Nachnamen? Wusste Pierre das nicht?
Zu meiner Freude war es nun Coco, die errötete. Es waren also nicht nur die blassen, rothaarigen Menschen damit geschlagen, dass sich ihre Emotionen aufs Gesicht malten wie Schlagzeilen in Großbuchstaben.
„Kann ich bitte noch etwas Wasser haben?“, fragte Coco.
Ich stand auf und holte eine Flasche aus dem Kühlschrank, „Du kannst dich aber auch selber bedienen.“
„Oh, natürlich, sorry“, Coco lachte verlegen, „das nächste Mal. Ich fühle mich hier noch nicht so ganz angekommen. Ist ja auch mein erster Abend. Aber es ist voll gemütlich.“ Sie wandte sich an Sam. „Du wohnst schon länger hier, oder?“
„Na ja, wenn für dich eine Woche lang ist?“
Sam schien von Coco fasziniert. Fand er sie als Person interessant? Als Frau? Fand er sie sexy?
„Wisst ihr was?“, unterbrach Colin meinen Gedanken, „ich hole uns mal was Feines zum Nachtisch.“ Er ging in sein Zimmer und der Rest der Mannschaft schaute mich fragend an. Ich zuckte die Achseln, obwohl ich natürlich wusste, was jetzt kommen würde.
Ich warf Tick einen fragenden Blick zu. Sie mochte es eigentlich nicht, wenn in der Küche geraucht wurde. Als sie aber dennoch nickte, zündete ich den Joint an, nahm einen Zug und reichte ihn Sam. „Hier, nimm ´nen Zug, du Weißbrot.“ Sam musste lachen. Tick wirkte, als fühlte sie sich nicht ganz wohl. Ihr unsteter Blick huschte an diesem Abend noch öfter hin und her als sonst. Hatte sie ein Problem mit Coco? Coco war ohne Frage eine Erscheinung.
Ich holte einen Aschenbecher aus dem Schrank. „Die Blumen sind schön, Tick“, sagte ich.
Tick wurde rot. Das war überhaupt das Süßeste an ihr. Ihr ständiges Erröten. Auch wenn es sie selber furchtbar nervte. „Sind das Lilien?“, fragte ich.
„Ja.“
„Friedhofsblumen“, meinte Pierre und schüttelte den Kopf, als Sam ihm den Joint anbot. Tick verzog das Gesicht. „Also, ich meine, die sehen toll aus. Aber das sagt man doch so, oder?“, stotterte Pierre und zog die Schultern hoch, was ihm etwas Kauziges verlieh.
Coco strahlte in die Runde. „Lilien und Rosen sind Mimis Lieblingsblumen.“
„Mimi? Wer ist jetzt Mimi?“, fragte ich, während ich mich entspannt zurücklehnte.
„Meine Partie in La Bohème.“
„Ist das eigentlich eine große Rolle?“, fragte Tick.
Coco leuchtete, strahlte geradezu vor Begeisterung.
„Das ist die weibliche Hauptrolle.“
„Wow.“ Tick schien ehrlich beeindruckt. „Es ist aber doch auch dein erstes Engagement, genau wie Pierres, oder?“
Pierre lachte etwas zu laut, zog die Schultern noch höher und verwandelte sich in einen Uhu. „Im Gegensatz zu Coco muss ich mich erst noch hocharbeiten. Hoffentlich ohne Umwege über die Besetzungscouch.“
Bevor Tick ein weiteres Mal rot werden konnte, wechselte ich schnell das Thema. „Ist Coco eigentlich eine Abkürzung? Für Corinna, oder so?“
Coco lachte. „Nein, meine Eltern fanden es superoriginell, mich nach Coco Chanel zu nennen. Nun muss ich mit dem Namen leben.“
Sam beugte sich zu ihr. „Das ist doch ein passender Spitzenname für einen zukünftigen Star.“
Coco schaute ihn an. „Lass mich erstmal die Premiere singen, danach sehen wir weiter.“ Die Art, wie Sam ihr kurz über den Arm strich, ließ erahnen, dass er ihr bereits komplett verfallen war.
„Aber Tick ist ganz sicher nicht dein Taufname, oder etwa doch?“, fragte Coco.
Pierre stupste Tick in die Seite. „Verrate uns deinen Namen und wir sagen dir, wie du heißt.“
Tick musste lachen. „Ich heiße Hannah. Mit h.“
„Hannah ohne H wäre ja auch Anna“, witzelte Pierre.
„Mit zwei h. Das zweite steht hinten.“
„Und wieso nennt man dich Tick?“, wollte Sam wissen.
„Das fanden meine Eltern superoriginell. Und ich bin den Namen einfach nicht wieder losgeworden.“
Verliebt blickte ich sie an. „Das ist der süßeste Spitzname, den man sich denken kann und er passt dir wie angegossen.“
„Finde ich auch“, meinte Coco. „Warum haben deine Eltern dich denn so genannt?“
„Ihr seht ja, dass ich eine sehr blasse Haut und rote Haare habe. Das war als Kind noch extremer, richtig schlimm.“
„Wieso schlimm, du siehst doch voll süß aus.“ Diese Einschätzung Cocos würde Tick nicht so einfach schlucken. Mir war keine Frau bekannt, die trotz ihrer Schönheit derart mit ihrem Äußeren haderte.
„Jedenfalls bin ich bei jeder Gelegenheit rot geworden. Jede Emotion, egal ob Freude, Trauer oder Wut, erzeugte knallrote Flecken auf Wangen und Hals. Du musstest mich nur ein bisschen ärgern und ich sah aus wie ein Feuerlöscher. Das fanden die Nachbarskinder natürlich total lustig.“
