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2017 wird der Reaktorblock Kori 1, der älteste Südkoreas, nach vierzigjähriger Laufzeit abgeschaltet. Auch die Autorin hat zu diesem Zeitpunkt ihr vierzigstes Altersjahr erreicht. Ihre Mutter arbeitete einst dort, ihr Vater gehörte als britischer Ingenieur zum Expertenteam der Kraftwerkserbauer. Eine Ära der lange bewunderten und mit vielen Hoffnungen verbundenen Atomtechnologie geht zu Ende: Anlass für die Autorin, über ihre Identität nachzuforschen. Eine abenteuerliche und ungewisse Suche nach ihrer familiären Herkunft beginnt. Sie spürt Konturen des ungewöhnlichen Lebens des unbekannten Vaters auf. Aus den Bruchstücken der väterlichen Biographie, auf ihrer eindrücklichen Reise zu den Orten in Großbritannien, Asien und den USA, an denen er gelebt hat, entwickelt sich ein faszinierendes emotionales Spiel der Erinnerung zwischen Phantasie und Realität.
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Seitenzahl: 146
Veröffentlichungsjahr: 2025
Rinny Gremaud
Generator
Roman
Aus dem Französischen von Barbara Sauser
Lenos Verlag
Die Autorin
Rinny Gremaud, geboren 1977 in Busan, Südkorea, kam in jungen Jahren mit ihrer Mutter in die Schweiz. Sie studierte Betriebswirtschaft, schrieb für Le Temps und war Journalistin bei Radio Télévision Suisse. Heute ist sie Chefredaktorin des Magazins T. 2018 publizierte sie ihr erstes Buch, Un Monde en toc (deutsch: Verkaufte Welt). Für Generator wurde sie 2024 mit dem Prix Bibliomedia ausgezeichnet. Rinny Gremaud lebt in Lausanne. rinny.ch.
Die Übersetzerin
Barbara Sauser, geboren 1974 in Bern, studierte Slawistik und Musikwissenschaft. Nach mehreren Jahren im Zürcher Rotpunktverlag arbeitet sie seit 2009 als freiberufliche Übersetzerin aus dem Italienischen, Französischen, Russischen und Polnischen. 2023 erhielt sie den Viceversa-Preis für literarische Übersetzung der Schweizerischen Schillerstiftung. Sie lebt in Bellinzona. barbarasauser.ch.
Die Übersetzerin und der Verlag danken der Schweizer Kulturstiftung Pro Helvetia für die Unterstützung.
Die Übersetzerin bedankt sich herzlich für den Werkbeitrag der UBS Kulturstiftung und das Aufenthaltsstipendium der Fondation Jan Michalski.
Titel der französischen Originalausgabe:
Generator
Copyright © 2023 by Sabine Wespieser éditeur
E-Book-Ausgabe 2025
Copyright © der deutschen Übersetzung
2025 by Lenos Verlag, Basel
Alle Rechte vorbehalten
Coverfoto: Wirestock Creators / Shutterstock
eISBN 978 3 03925 721 8
www.lenos.ch
Für Sook-hye und Michel
Für Ulysse und Lucile
Für Pierre
»Ich habe vor«, sagte ich,
»sofort nach der Ankunft zu heiraten.«
Pierre Loti,
Madame Chrysanthème
(deutsch von Igor Müller)
Ich wurde 1977 in einem Atomkraftwerk geboren, im Süden von Südkorea.
Bis zu diesem Tag im Sommer 2017 hatte ich meine Herkunft nie in diesem Licht betrachtet. Durch eine Agenturmeldung erfuhr ich von der Absicht des Präsidenten Moon Jae-in, das Land aus der Kernkraft zu führen, angefangen mit der Abschaltung des ältesten Reaktorblocks, Kori 1. Meines Reaktors.
Es sei das symbolische Ende einer Ära, war da zu lesen. Südkorea, vierzig Jahre zuvor ins Atomzeitalter und damit in die Moderneeingetreten, würde künftig ausschliesslich in erneuerbare Energien investieren. Kapitel abgeschlossen, Epochenwechsel, Vorhang zu.
Südkorea war damals weder das erste noch das einzige Land, das sich Gedanken über sein Verhältnis zur Atomenergie machte – der Tsunami von 2011 in Fukushima hatte die Landschaft in vielerlei Hinsicht umgepflügt. Zudem beträgt die bilanztechnische Lebensdauer eines Kernkraftwerks vierzig Jahre, so viel Zeit geben sich, anders ausgedrückt, seine Eigentümer für die Amortisation der Kosten. Eine gutgewartete und regelmässig kontrollierte Anlage hat das Potential, über diese willkürlich gesetzte Frist hinaus fortzubestehen, vorausgesetzt, dass im richtigen Moment in das Richtige investiert wurde. Der grösste Teil des weltweiten Bestands stammt aus den siebziger bis neunziger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts. Seither waren die Kraftwerke Spielball der wechselnden politischen Bedingungen, wie sie in den meisten industrialisierten Demokratien üblich sind. Als Südkorea seine Absicht kommunizierte, stellte man auch in den meisten anderen Atomstaaten Überlegungen bezüglich der Zukunft dieser titanischen Anlagen an, die gerade reihenweise ihr formelles Verfallsdatum erreichten. Die Atomindustrie steckte sozusagen in ihrer Midlife-Crisis.
Es gab, fand ich, viel Stoff zum Nachdenken über diese Ära, die nun ihr Ende erreichte: das erste Atomzeitalter. Über den verlorenen Industrieoptimismus, den Fortschrittsglauben, der die Gesellschaften einst angetrieben hatte, die Macht der Energie, die unser Leben beherrscht und auf der unser Wohlstand basiert. Auch über den Mythos der Atomkraft, die Nuklearutopie und die Kathedralen für Turbinen, über Wärme- und Lichtversprechen in Megawatt und über die Frauen und Männer, die die Menschheit in bester Absicht zu Gefangenen dieses Komforts machten. Und nicht zuletzt auch über die Religion, gegen Kernkraft zu sein, über den neuen öffentlichen und medialen Konsens, der heute mit einem allgemeinen, institutionalisierten Misstrauen gegenüber allen Orten der Macht einhergeht: gegenüber der Wissenschaft, der Industrie, der Politik. Die Welt hatte sich zwischen 1977 und 2017 unglaublich verändert.
Vor allem aber empfand ich die Stilllegung des Reaktorblocks Kori 1 als meine persönliche Angelegenheit. Die Meldung aus Südkorea wirbelte in geheimen Winkeln meines Bewusstseins Schlamm auf, einen Bodensatz, der so alt war, dass ich ihn für längst versteinert gehalten hatte. Das nahende Ende dieses Kraftwerks verschob Linien in den Schattenbereichen meiner Geschichte, so wie die Erschütterungen eines fernen Erdbebens bewirken können, dass sich der Deckel eines jahrhundertelang versiegelten Sarkophags unmerklich verschiebt.
Die Nachricht löste an diesem Punkt in meinem Leben – ich war ja ebenfalls gerade vierzig geworden – merkwürdige Schwingungen in einem inneren Hohlraum, in den Grundfesten meiner Identität aus. Vielleicht war auch für mich der Zeitpunkt gekommen, das Ende einer Ära zu erklären.
Vierzig Jahre zuvor ging Kori 1 offiziell ans Netz, und meine Mutter – die wie Tausende anderer Menschen aus einem Dutzend Nationen an dieser industriellen Meisterleistung mitgewirkt hatte – war nicht dabei, als bei einer Feier auf die Zukunft angestossen wurde. Sie sass in einem Schaukelstuhl in einer westlich eingerichteten, weltanschaulich und moralisch also klar am Fortschritt orientierten Wohnung im dritten Stock eines kleinen, hastig hochgezogenen Gebäuderiegels in einer Siedlung, die aus einem Dutzend identischer Bauten bestand, und wiegte einen wenige Wochen alten Säugling.
Babyskönnenansteckendberuhigendwirken–obdieSorgen,diesieindiesemMomentihresLebensgewissundausgutenGründenplagten,wohlzeitweiliginOxytocinertranken,wennsiemichschlafendes,winzigesWesenaufderBrustspürte?MitderFertigstellungvonKoriliefihrVertragaus.FürchtetesieumihrewirtschaftlicheZukunft?Dasbestimmtnicht.SüdkoreastecktemitteninseinerdurchdenKaltenKriegbefeuertenEntwicklungundhingamTropfderAmerikaner,dasLandbrauchteFrauenwiesie,dieperfektEnglischsprachenundIngenieurteamsausdemWestenbegleitenkonnten.
Ihr bereitete wohl etwas anderes Bauchschmerzen. Was würde nach der bereits geplanten Abreise des Vaters aus ihrem Baby? Was würde aus ihr, der alleinerziehenden Mutter eines von seinem Erzeuger nie anerkannten rundäugigen kleinen Mädchens? Nachdem Kori nun fertiggestellt war, würde der Kindsvater, ein britischer Ingenieur, Südkorea in Richtung eines anderen Kontinents verlassen und aus ihrer beider Leben verschwinden.
Vielleicht gewann das Träumen die Oberhand, als sie an diesem schwülen Tag kurz vor Sommerausbruch im schwingenden Schaukelstuhl sass. Wozu sich mit Traurigkeit belasten? Wenn die Zukunft ohnehin in den Sternen steht, kann man sich ruhig Illusionen hingeben, die das Herz leichter machen. Ihre Sehnsüchte wurden hinter beschlagenes Glas verbannt, sie wollte nicht die beschämte Mutter eines unehelichen Kindes sein, sondern die stolze Verkörperung einer an den Konventionen gescheiterten Liebe.
Ich wuchs heran, ohne zu wissen, warum dieser Mann – der meine Mutter doch geliebt, der mich doch im Arm gehalten hatte und genau wissen musste, wie fragil wir waren –, warum dieser Mann nicht mehr dafür getan hatte, uns zu behüten.
ZudieserZeitundineinemLand,indemSituationenwiedieunsereabsolutnichtvorgesehenwaren,bedingtedieFortsetzungMutundBeharrlichkeit.EineRollewürdenauchderZufalleinerBegegnungunddasgrosszügigeHerzeinesanderenMannesspielen,grosszügignichtnurdieserFrau,sondernauchdem Kind aus fremdem Fleisch und Blut gegenüber.
Ich wurde vor vierzig Jahren als Tochter einer resilienten Mutter und eines Mannes, über den ich fast nichts weiss, in einem Atomkraftwerk im Süden von Südkorea geboren.
Ich wurde im Atomkraftwerk Kori geboren, als Tochter einer willensstarken, stolzen Mutter und eines möglichen Schufts.
Hypothesen waren mir von klein auf vertraut, Schatten verstoffwechselte ich. Jeder Strang meiner DNA, die zur Hälfte aus Unbekanntem besteht, ist mit Fragen gespickt, auf die ich nie eine Antwort gesucht habe. Tief im Innern dessen, woraus ich gemacht bin, herrscht Stille.
Ein ab und zu erklingendes englisches Wort, generator, begleitete meine Kindheit, ein Wort, das mich aus undurchschaubaren Gründen faszinierte und sich nach Zeugung, Geburt und Zündfunke gleichzeitig anhörte. Generator, das war mein Vater.
Die ambivalente Energie, die dieser Abwesende generierte, schien mich seit vierzig Jahren im gleichen Mass anzutreiben wie zu hemmen. Stellte ein solcher Seelenreaktor nicht ein zu grosses Risiko dar? Drohte meinem Herzen nicht eine Kernschmelze, falls das Kühlsystem versagen sollte? Und mein Umfeld – würden die Menschen, die ich liebe, die toxische Strahlung überstehen?
HOLYHEAD
An der Strasse, in der du geboren wurdest, stehen aneinandergebaute schmale Häuser mit vielen Kanten und Ecken, die immer kleiner werden, je weiter man sich vom Stadtzentrum entfernt. Zunächst gibt es jeweils drei gediegene viktorianische Etagen, mit eckigen Türmchen über den Fenstern, dreiteiligen Erkerfenstern, die in Beete mit Begonien und Kletterrosen ragen. Läuft man den sanft zum Meer abfallenden Hügel hinunter, verlieren die Häuser allmählich das Kokette, ihre Linien werden schlichter, die Bauten zum Ende hin ärmlich. Am Rand des Ortskerns präsentieren auf der linken Seite ein letztes Dutzend Häuser eine langgezogene, triste Fassade aus grauem Verputz, in kurzen Abständen durchbrochen von einem einzelnen Schiebefenster und einer hölzernen Tür, die auf ein beengtes Erdgeschoss mit winzigen Innenräumen geht. Vermutlich waren die Fassaden noch im späten vergangenen Jahrhundert aus rotem Backstein.
Ich sehe vor mir, wie du in deiner Kindheit bei schönem Wetter eine dieser Türen zuschlägst, den grünen Hang zum Strand hinuntertrabst, einer Katze gleich über die schwarz-gelb gefleckten Steine springst, unter denen sich ein schmaler Sandstreifen verbirgt, und dort dein ausgebessertes Hemd und deine immer zu kurze Hose an einer vor der Flut sicheren Stelle hinlegst, wie du deinen heranwachsenden Körper schüttelst und dich dann im Kraul in das klare grüne Wasser der Irischen See stürzt.
Vielleicht holst du manchmal – ich fabuliere – das bescheidene Angelzeug hervor, das ihr, John, Ken und du, zusammen gebastelt habt und zwischen zwei Felsen versteckt aufbewahrt, eine improvisierte Ausrüstung aus Überresten von Netzen und Granatsplittern, geflochtenen Binsen und mit dem Taschenmesser bearbeitetem Holz, first come, first served. Mit dieser Ausrüstung auf dem Rücken läufst du ins Wasser, schwimmst in langen, geschmeidigen Zügen zur Mole aus Quadersteinen, der längsten Mole des Empire, von viktorianischen Ingenieuren erbaut, um den irischen Frachtschiffen einen Hafen bereitzustellen. Du kennst die Stelle auf halbem Weg zum quadratischen Leuchtturm, mit dem die Mole endet, wo auf der Landseite Unebenheiten im Stein den Händen Griff und den Füssen Halt geben. Du kletterst hoch, platzierst deine Angelleinen und wartest auf deine Gefährten, während du dir vorstellst, Kapitän zu sein, und nach einfahrenden Dampfern Ausschau hältst.
Was bleibt in dir, verbitterter, alter Mann, von der Bitternis des Meeres, des Heidelands und der Steine, die deine Kindheit prägten? Erinnert sich dein Körper noch an die Wellen, die Schwerelosigkeit, das Tauchen, eure Spiele und Wettstreite im Wasser? An den Geruch des Feuers, in dem eure Kartoffeln in der Glut lagen, wenn eine Schar Kinder auf Expedition ging. Erinnerst du dich an die geschwollenen Frühlingsbäche, die den Boden wiedererweckten und die Brombeeren schaukeln liessen, an das Blöken der Schafe und die bellenden Hunde, an die Basstölpel der Kolonien auf den Felsen rund um den Leuchtturm von South Stack, an dessen beruhigendes Blinken, an die tobenden Stürme, den Wind, der Bäume zu Fall bringt und Körper niederdrückt, an das Spektakel, wenn Wolken über den unruhigen Himmel jagen? Erinnerst du dich, alter Mann, an all das, was ich sehe, während ich nach dir suche?
Wo sich auf der Landkarte Wales Irland entgegenreckt, trotzt in diesem Wintermonat das Städtchen Holyhead einer stürmischen See. Durch das Bullauge aus schmutzigem Kunststoff zeichnet sich das Städtchen zunächst nur nebelhaft hinter undeutlichen Massen mineralischen Gesteins ab, kristallisiert sich dann im Näherkommen zu einer Anhäufung dunkler, nasser Bauten, vom entfesselten Wasser und vom einstürzenden Himmel gleichermassen bedrängt, eine Gefangene der Wassermassen, die, zu eisigen Sturmböen verschmelzend, übereinander herfallen.
Hier in dieser kleinen Stadt ist er zur Welt gekommen. Was bleibt von ihm, zweiundachtzig Jahre später? Die Geister einer Kindheit, entfremdete Zweige einer Familie, unter Umständen ein Friedhof, auf dem Grabsteine von ihm erzählen. Sicher gibt es eine Gemeindeverwaltung, ein Archiv, den Klang einer Sprache, den Rhythmus einer Kultur und alle Arten eines Ortes, sich auszudrücken: das Flüstern der Elemente, der immerwährende Monolog der Erde, der Einfluss der Geologie auf den Körper, das Licht, das zu den Augen spricht, und der Wind, der zur Haut spricht, der Geruch von Pflanzen mit salzgesättigten Wurzeln, Herzklopfen aufgrund der Topographie, das typische Beissen feuchter Kälte, das spezifische Gewicht der Schatten, jene Wellenlängen, Schwingungen, die über lange Zeiträume konstant sind und ferne Körper zusammenbringen, ihnen die Intimität gemeinsamen Wissens verschaffen.
An diesem Ort, den er gekannt hat, werde ich mir seine Empfindungen leihen, mich ein wenig in seinen Körper versetzen.
Anreise auf dem Seeweg – war er nicht Seemann? Um genau zu sein Schiffsmechaniker, Ingenieur, ausgebildet in der Werft von Holyhead, wo der Industriehafen dank der Dampfmaschine gross und mit dem Finanzliberalismus wieder klein wurde. Aber er blieb nicht. Weder in Holyhead noch bei der Seefahrt. Er gehört zu jener goldenen Generation, der die Nachkriegsindustrie eine Vielfalt an glänzenden Perspektiven bot. Sein gründliches Wissen über Dampfturbinen öffnete ihm die Türen zur Welt. Und so war er längst weg, als Margaret Thatcher die Stadt zugrunde richtete.
Träumt überhaupt von einem Seemannsleben, wer von der Wirtschaft und Geographie unaufhaltsam Richtung Meer gedrängt wird? Man findet es dann vielleicht romantisch, Pfarrer oder Bankier zu werden. Wie alle männlichen Abkömmlinge dieser Stadt wuchs er in der Gewissheit auf, dass seine Zukunft im Dienst der Handelsmarine liegen würde, direkt oder indirekt, auf dem Meer oder am Kai.
Handelsmarine, ganz ohne Exotik. Holyhead war die Frucht einer gedeihlichen Beziehung zwischen Dublin und London. Die Notwendigkeit, Briefpost, Waren, Vieh, Arbeitskräfte und angesehene Bürger zwischen den beiden Ländern, den beiden Hauptstädten hin- und herzubefördern, hatte zu einem Aufschwung des kleinen Hafens geführt, der mit der Zeit grosse strategische Bedeutung erlangte. Im neunzehnten Jahrhundert investierte die Krone hier in Infrastrukturbauten, wie es sie sonst nirgends auf der Welt gibt, etwa die zweitausendsiebenhundert Meter lange Mole, deren Bau achtundzwanzig Jahre dauerte. Vom Dampf der Schiffe und Lokomotiven angetrieben, wurde Holyhead für mindestens ein halbes Jahrhundert zu einer reichen, kosmopolitischen Stadt, einem Zukunftsversprechen für die dortige Jugend, beneidet auch vom bäuerlich geprägten Hinterland, das gesehen hatte, wie diese englischsprachige Zyste auf walisischem Gebiet gewachsen war. Doch der Horizont, den sie ihren jungen Leuten zu bieten hatte, war selten weiter als achtundfünfzig Seemeilen in westlicher Richtung entfernt.
Holyhead–Dublin,hinundherbeijedemWetter:Davonzuträumenlagihmmöglicherweiseschonnurdeswegenfern,weilseinVater,wieichdemPersonenstandsregisterentnehme,zudiesenSeependlerngehörthatte,erwarZweiterStewardaufeinemderdreiSchiffederLondon,MidlandandScottishRailwayCompany, die die Verbindung nach Irland betrieb.
Davon zu träumen lag ihm möglicherweise schon nur deswegen fern, weil sein Vater, wie ich später erfahren würde, auf See gestorben war.
Holyhead, felsiger Kopf. Ein Nippel an einer Insel vor einer anderen Insel, ein Gesteinsrücken, und zuoberst die Hoffnung aller Kinder, Amerika zu erspähen, wenn man sich auf die Zehenspitzen stellt.
Ihr wart zu dritt: magere Jungen, ausser Puste, die Hände auf die Knie gestemmt, das Haar zerzaust, auf den Wangen Staubstreifen und darunter kochendes Blut, glimmendes Rosa, am Hemdrevers Krusten vom Nasenschleim, quer über der Schulter ein aufgewickeltes Seil, Tagesgepäck, schwarze Fingernägel, die nach einer Bürste riefen, und weiter unten, wo ihr euch mit dem Eifer Zehn- oder Zwölfjähriger austobtet, zog sich ein Netz feuchter Wege durch eine Decke aus niedriger, dichter, blühender Vegetation, dazu betörender Torfgeruch, Meersalz, schreiende Vögel. Ihr wart wegen der Nester dort.
ManliefabseitsderWegeübereinendichten,blättrigenrotbraunenTeppich,ausdemmanchmaldievomEfeuverschlungenenÜberresteeinerMauer,einBuschvollerkleiner,zähergelberBlütenragte.MitetwasGlückstiessmanschondortaufNester,wahrscheinlicherwaresaber,dassmanderSteilküstefolgen,dasSeilaneinemFelsenfestmachenundsichdannabseilenmusste,dortwarendieschönstenNester,oftverstecktinwindgeschütztenFelslöchern,linksundrechtsherunterhängendeLithophyten.
Ihr wart Sammler von Eiern, so wie andere später Pokémon-Karten sammeln würden. Bei euren Treffen kurzhosiger Oologen nach dem Kirchgang tauschtet ihr Eier, jedes begleitet von einer Geschichte, schliesslich hing der Wert der Eier auch vom Risiko ab, das man bei ihrer Beschaffung eingegangen war.
In eurem jugendlichen Überschwang wurden aus euch hartgesottene Abenteurer in den Weiten der Natur, eure feinbehaarten Schienbeine waren mit Blutergüssen übersät, die Ohren vor Begeisterung gerötet und das Mundwerk stets bereit, die Welt selbst zu erfinden, da ihr ja nichts über sie wusstet, bloss das, was ihr einem Radioempfänger abgelauscht, bei einem Erwachsenengespräch aufgeschnappt, in der Schule selten einmal auf einem Kupferstich gesehen hattet, und so malte eure Phantasie kilometerweise impressionistische, von ruhmreichen Figuren bevölkerte Landschaften.
In euren Kriegsspielen gab es Gute und Böse, Pistolen, Pfeile und Bogen, Kanonen, Bajonette, Schilde und Schützengräben. Grossartige Seeschlachten wurden ausgefochten, und stets siegte die Royal Navy. Ihr jagtet auf dem Rücken von Elefanten Tiger in Madras und Löwen in Mombasa, Züge wurden in die Luft gejagt und entgleisten, ihr legtet als Butch Cassidy und Lawrence von Arabien mit einem Panzerkreuzer an Stränden der Normandie an, sasst am Steuer von Zeppelinen, in euren Ruhmesträumen verschmolzen Ereignisse ineinander, Schicksale entschieden sich an der Front, Mut, Kompromisslosigkeit und Opferbereitschaft waren die Tugenden, die in euren Spielen etwas zählten. Ihr wusstet noch nichts von diesem Jahrhundert, das das eure sein würde, vom Frieden, Geld, von der Wissenschaft und der Technik, vom Massenkonsum und vom egoistischen Hedonismus der Volkswirtschaften, die Speck angesetzt hatten. Ihr wusstet noch nichts von all den Dingen, die euren Mut überflüssig machen würden.
Natürlich ging es nicht ohne gewisse Zugeständnisse gegenüber der Schule, der Kirche, der Gemeinschaft. Und in Familien wie deiner war es notwendig, etwas zur Haushaltskasse beizutragen. Der Krieg hatte Witwen hervorgebracht. Auch als die Waffen schon lange schwiegen, waren die Güter weiterhin rationiert, man musste mit wenig auskommen.
Aber davon abgesehen durftet ihr, in eurer Eigenschaft als Jungen, einfach verschwinden, manchmal für den ganzen Tag, und euch draussen mit Gerüchen vollsaugen, auf der Erde herumscharren, laufen, klettern, Insekten quälen, Amphibien jagen, durch die Natur streifen, ihr Extrakte, Schätze, rauschhafte Zustände abringen und das unendliche Spektrum an Formen von Kälte, die Annehmlichkeiten und Unbarmherzigkeiten der Sonne, die unzähligen Spiela
