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Bei einem Abendessen mit Freunden lernt George Lisa kennen. Am Ende des Abends lädt er sie auf eine Städtereise nach New York ein, um sich losgelöst vom Alltag besser kennenlernen zu können. Nach anfänglichem Zögern nimmt Lisa seine Einladung an und lässt sich auf das Experiment ein. Kaum in New York angekommen, merken beide, dass sie zusammen wegfahren, aber nicht Urlaub von sich selbst machen können. In «George» geht es nicht um Selbstfindung, sondern es geht nur darum, dem Leben, den anderen und sich selbst ehrlich zu begegnen.
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Seitenzahl: 853
Veröffentlichungsjahr: 2023
George
Carl Geiger
GEORGE
© 2023 Carl Geiger
ISBN Softcover: 978-3-347-77018-8
ISBN Hardcover: 978-3-347-77019-5
ISBN E-Book: 978-3-347-77020-1
Druck und Distribution im Auftrag des Autors: tredition GmbH, An der Strusbek 10, 22926 Ahrensburg, Germany
Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Für die Inhalte ist der Autor verantwortlich. Jede Verwertung ist ohne seine Zustimmung unzulässig. Die Publikation und Verbreitung erfolgen im Auftrag des Autors, zu erreichen unter: tredition GmbH, Abteilung "Impressumservice", An der Strusbek 10, 22926 Ahrensburg, Deutschland.
Nach dem Abendessen mit Freunden
00:51 Uhr, Textnachricht. Ich
Hallo Lisa. Ich dachte, ich schreibe dir rechtzeitig, damit du mir möglichst bald ein paar Termine durchgeben kannst.
00:57 Uhr, Textnachricht, Lisa
George?
00:58 Uhr, Ich
Ja, ich bin’s. Wir haben uns vorhin gerade auf dem Bahnsteig verabschiedet und du hast mir deine Nummer gegeben, erinnerst du dich? Ich hoffe, der Abend hat dir gefallen.
01:04 Uhr, Lisa
Ich erinnere mich. Hallo George. Es war ein netter Abend mit interessanten Leuten. Danke.
01:05 Uhr, Ich
Wie gesagt, es wäre gut, du könntest mir möglichst bald ein paar Termine durchgeben. Dann kann ich buchen.
01:05 Uhr, Lisa
Termine? … Wofür? Was buchen?
01:08 Uhr, Ich
Unsere Reise nach New York.
01:09 Uhr, Lisa
Hast du sie noch alle? Das war doch nicht ernst gemeint …
01:11 Uhr, Ich
Schon Flugangst, hm? Macht nichts. Das wird sich legen. Ich freue mich.
01:12 Uhr, Lisa
Ich habe keine Flugangst. Wir werden sicher nicht zusammen nach New York fliegen. Wir haben uns heute zum ersten Mal getroffen. Ich fliege doch nicht mit einem Wildfremden nach New York!
01:13 Uhr, Ich
Gestern.
01:13 Uhr, Lisa
Was «gestern»?
01:15 Uhr, Ich
Wir haben uns gestern getroffen. Zum Abendessen mit den anderen. Also im Grunde sind wir nicht mehr «wildfremd» … Und außerdem, darum geht es doch …
01:16 Uhr, Lisa
Du bist verrückt. Komm gut nach Hause. Schlaf gut.
01:17 Uhr, Ich
Ich glaube nicht (verrückt). Schlafen: Ich bin ein bisschen aufgeregt, wegen unserer Reise. Aber das wird schon funktionieren … versprich mir, dass du es dir überlegst … bitte?
01:22 Uhr, Lisa
Gute Nacht, George.
01:22 Uhr, Ich
Das wird es nur, wenn du es mir versprichst … bitte!
01:25 Uhr, Lisa
Na schön. Ich verspreche es. Jetzt gute Nacht.
01:26 Uhr, Ich
Gute Nacht, Lisa. Schlaf schön und träum süß.
Das Abendessen mit Freunden
«George!» Izzy, die sich gerade neben mich an den Tisch gesetzt hat, rammt mir halbzärtlich ihren Ellbogen seitlich in die Brust.
«Was denn?» Ich sehe sie, unschuldig mit den Schultern zuckend, an. «Wie kann denn ihr Tag ‹schlecht› gewesen sein, wenn, ihre eigenen Worte: ‹das Übliche›, schlecht waren? Entweder war ihr Tag also völlig normal oder alle ihre Tage sind ‹schlecht›.»
Ich treffe mich ein paar Mal im Jahr mit meinem engeren Freundeskreis zum Essen. Es ist nett, diese Leute hin und wieder zu sehen. Damit will ich mitnichten sagen, dass die Betonung auf «hin und wieder» liegt. Aber allzu oft müssen diese Treffen für mich nicht stattfinden. Es wäre schließlich schade, sie würden zur Routine verkommen. Ich glaube, so freut sich jede und jeder, die anderen wiederzusehen und man hat sich auch das eine und andere zu erzählen. Nichts ist schlimmer als belangloses Geschwätz. Außer vielleicht das, was manchmal später an diesen Abenden passiert, wenn wir schon ein paar Biere und Härteres intus haben, wir rührselig werden und anfangen, uns die Geschichten «von früher» zu erzählen. Wäre ich da jeweils selbst nicht ein wenig angetrunken, würde ich wahrscheinlich aufstehen und nach Hause gehen. Es sind sowieso immer die gleichen Geschichten. Zwei, drei Ereignisse unserer gemeinsamen Vergangenheit, die sich offensichtlich hartnäckig in unseren Gedächtnissen festgesetzt haben und die wir einfach nicht loslassen wollen. Ich muss aber zugeben, mit ein wenig Alkohol übergossen wirken diese Erinnerungsfetzen angenehm und ich erkenne durchaus den Zauber solcher Gepflogenheiten. Es ist dann so, als würden wir in der Zeit zurückreisen und uns wieder «wie damals» fühlen.
Aber wir müssen ehrlich sein, sich Geschichten, und dazu immer wieder die gleichen, zu erzählen, ist auch ein Zeichen dafür, dass wir schon sehr alt sind. Und, viel schlimmer, dass wir es nicht mehr schaffen, neue gemeinsame erzählenswerte Vergangenheit zu erleben. Kein Wunder, die meisten hier sind seit Jahren wenigstens in festen Beziehungen, verheiratet oder haben sogar schon eines bis mehrere Kinder. Neue gemeinsame Vergangenheit erschaffen wir uns allesamt hauptsächlich mit anderen Menschen als mit jenen, mit denen wir hier im Restaurant am Tisch sitzen.
Trotzdem, und ich glaube, ich kann für alle hier sprechen, sind wir enge Freunde. Einige davon sind sogar meine besten Freunde. Ich bin immer wieder davon fasziniert, wie der Mensch funktioniert. Oder wie ich glaube, dass er es tut. Wir hier haben im Grunde seit Jahren kaum mehr miteinander zu tun, trotzdem haben wir uns über Jahrzehnte hinweg nie ganz aus den Augen verloren und fühlen uns trotzdem noch immer irgendwie miteinander verbunden. Die Vergangenheit scheint uns sehr geprägt zu haben.
Ich sehe immer noch Izzy an, während der Kellner unsere Getränke bringt.
Sie holt tief Luft und wirbelt mit ihren Armen herum. «Das sagt man halt so. Benimm dich gefälligst und sei nett zu Lisa», seufzt sie und deutet mit ihrem Kopf zu Lisa, die gegenüber von mir sitzt.
Lisa ist neu. Sie ist das erste Mal dabei. Izzy hat sie mitgebracht.
Ich zucke wieder mit den Schultern und schaue zu Max, der neben Lisa sitzt. Er ist Izzys Mann und grinst in sein Bierglas. Ihre beiden Kinder sind groß genug, um heute allein zu Hause zu bleiben.
«Schatz», sagt er ruhig, «DU hast gesagt, dass du Lisa überredet hast, hierher mitzukommen, weil sie einen «schlechten Tag» hatte und sie sich etwas Ablenkung gönnen sollte. George hat nur nachgefragt und Lisa hat geantwortet «das Übliche». So gesehen war es demnach schon ein üblicher oder eben normaler Tag für Lisa. Ganz normal schlecht, wie George gesagt hat.»
Izzys Augen werden groß.
«Max, verflixt nochmal, du sollst ihn nicht noch ermuntern. Hilf gefälligst MIR!»
Max sieht mich an und versucht ein ernstes Gesicht zu machen.
«George. Sei nett zu Lisa. Sie hatte heute einen schlechten Tag.»
Ich muss lachen. Max auch. Ich sehe, wie Lisa hinter vorgehobener Hand grinst. Izzy schüttelt ihren Kopf, aber sie muss auch mit grinsen.
Jasmin und Alex drehen sich zu uns um. Sie sind das andere Pärchen am Tisch und sitzen geschlechtersortiert neben Izzy und Max. Ihr erstes Kind haben sie bei den Großeltern von Jasmin deponiert. Das zweite ist unterwegs, deshalb gibt es heute keinen Alkohol für Jasmin. Alex verzichtet auch auf Alkohol. Wahrscheinlich wird der Abend heute also nicht allzu lange werden. Das ist mir auch recht.
«Was gibt es denn Lustiges?», fragt Jasmin neugierig.
Izzy rollt theatralisch die Augen.
«Wir hätten Lisa nicht zu George setzen sollen.»
«Ah», stöhnt Jasmin, «was hat er gesagt?»
«Hey, hey. Was soll denn jetzt diese Verschwörung?», protestiere ich. «Ich habe nur nach ihrem Tag gefragt.»
«Und dann hat er ihr gesagt, dass alle ihre Tage schlecht seien», ergänzt Izzy ganz ungefragt.
«Lisa hat gesagt, dass ‹das Übliche› schlecht gewesen sei und deshalb …», versuche ich zu erklären, aber Jasmin unterbricht mich.
«Oh, George. Lass die arme Lisa doch erst mal hier ankommen.»
«Aber…»
«Nein, George. Kein ‹aber›», unterbricht mich Jasmin wieder.
Dann wendet sie sich an Lisa.
«Du musst entschuldigen, Lisa, unser George ist nicht so gut in Small Talk. Du wirst dich daran gewöhnen.»
«Ts. Nicht gut in Small Talk», äffe ich Jasmin nach. «Ich bin super in Small Talk. Aber ich mag Small schlicht nicht.»
«Natürlich», höhnt Izzy und streichelt mir dabei mit ihrer Hand über den Kopf.
Wir müssen alle lachen.
Simon und Robert sind gerade angekommen, haben sich neben Lisa und mich gesetzt und je ein Bier bestellt. Simon befindet sich nach eigenen Angaben in einer On-Off-Beziehung und ist deshalb allein hier. Robert ist fest vergeben, aber seine bessere Hälfte Annabelle ist geschäftlich im Ausland unterwegs. Sie leitet Yogakurse und lässt sich gerade weiterbilden. «Aber sonst ist sie perfekt», pflegt Robert zu diesem Thema jeweils zu sagen.
«Um was geht’s?», will Simon nach einer kurzen Begrüßung wissen. «Elias lässt sich übrigens entschuldigen. Er ist auf Lesereise.»
«Es geht einmal mehr darum, mich fertig zu machen», gebe ich zu Protokoll.
«Oh, eine Runde Mitleid für George», lacht Jasmin.
«George mag keinen Small Talk», konstatiert Max nüchtern.
«Wieso nicht?», fragt mich Lisa.
Ich schaue sie an.
«Magst du denn Small Talk?»
Lisa wiegt ihren Zeigfinger hin und her.
«Nein, nein. Du kannst nicht einfach eine Frage mit einer Gegenfrage beantworten.»
«Natürlich kann ich», antworte ich schulterzuckend.
«Ja, ok, du KANNST», bestätigt Lisa und rollt dabei mit den Augen. «Aber du sollst nicht.»
Ich ziehe die Augenbrauen hoch und will gerade antworten, als Izzy erneut meine Brust halbzärtlich mit ihrem Ellbogen bearbeitet. Wir tauschen einen kurzen Blick aus. Ich wende mich wieder Lisa zu und betrachte sie einen Moment lang.
Sie hat schönes, gepflegtes dunkles Haar, das sie heute Abend zurückgebunden trägt. Mir gefällt ihr Gesicht. Es ist unaufdringlich regelmäßig ohne ablenkende markante Stellen. Sie ist leicht geschminkt, aber nur die Sanftheit ihres Gesichts unterstützend, nichts hervorhebend oder markierend. Entweder ist sie bescheiden oder sie versucht unauffällig zu wirken. Bei ihrer Ankunft hat Izzy Lisa als Juristin, mit der sie zusammenarbeitet, vorgestellt. Vielleicht also deswegen. Sie kommt direkt aus dem Büro. Das würde auch ihre Garderobe und die strenge Frisur erklären. Sie trägt eine kleine Halskette und passende Ohrringe. Aber keine Schmuck- oder anderen Ringe an ihren Fingern.
«Weil Small Talk völlig überschätzt wird», antworte ich Lisa schließlich.
«Wie das?», insistiert sie sofort und bestimmt.
Ich finde es schwierig zu beurteilen, ob ihre Frage ehrliche Neugier ist, ob sie mich provozieren will oder ob sie nach einem schlechten Tag Dampf ablassen muss.
Halbherzig lächelnd hält sie meinem Blick scheinbar mit Leichtigkeit stand. Ich glaube, sie weiß es selbst nicht. Aber ich mag auf jeden Fall ihre Stimme. Fest, etwas rau und angenehm in der Tonlage.
«Wäre es jetzt nicht zuerst an dir, meine Frage zu beantworten, bevor du mir eine neue stellen darfst?», frage ich freundlich.
Lisa senkt ihren Blick auf die Menü-Karte, die vor ihr auf dem Tisch liegt.
«Ja, ich mag Small Talk. Das ist eine nette Art, das Eis zu brechen und eine Verbindung zueinander aufzubauen, oder nicht?»
Ich lächle.
«Fragst du mich das, weil du nicht sicher bist?»
Sie sieht mich an und lächelt zurück.
«Ich drücke mich in der Frageform aus, weil das höflicher klingt, findest du nicht? Ich glaube, das macht man so beim Small Talk.»
Ich glaube, visueller Eindruck hin oder her, unauffällig zu sein versucht sie definitiv nicht.
Die übrige Tischrunde ist ungewohnt ruhig geworden und ich spüre, wie die Blicke der anderen auf Lisa und mich gerichtet sind.
Entspannt lehne ich mich im Stuhl zurück und schürze die Lippen.
«Siehst du», sage ich zu Lisa, «alles völlig überflüssig. Erstens, wenn du über das Wetter reden willst, ich war auch gerade draußen, ich weiß, wie das Wetter ist. Zweitens, einverstanden, mit Small Talk könnte man das Eis brechen, aber das geht, offensichtlich, auch anders. Und drittens … Drittens liegst du daneben.»
«Womit?», fragt Lisa sichtlich gespannt.
«Ja, George, womit liegt sie daneben?», drängt Izzy, definitiv ein wenig zu lustvoll provozierend.
«Das mit dem Verbindungen-Aufbauen», fange ich an, «da liegt sie daneben.»
«Ach, so ein Quatsch», entfährt es Izzy sofort.
«Also ich mag Small Talk auch», lässt Simon uns alle wissen.
«Und im Job brauchst du ja auch dauernd Small Talk», fügt Robert hinzu.
«Alle machen Small Talk. Nur du nicht», schüttelt Jasmin den Kopf.
Während die anderen fleißig darüber diskutieren, wofür Small Talk gut ist und wo man ihn überall einsetzen kann, winke ich dem Kellner und gebe meine Essen-Bestellung auf. Der wartet dann geduldig, bis die übrigen am Tisch es mir zwischen ihren eifrigen Aufzählungen gleichgetan haben.
Schließlich werden sich alle einig, dass sich mit Small Talk sowohl im beruflichen Umfeld als auch im privaten Leben gut Verbindungen aufbauen lassen. Sie schweigen und sehen mich an.
Ich zucke mit den Schultern.
«Tja, dann liegt ihr halt alle daneben.»
Am Tisch ist sofort kollektives Stöhnen zu hören.
«Erleuchte uns, großer Meister», fordert Jasmin und rollt dabei mit den Augen.
Selbstverständlich ignoriere ich ihren sarkastischen Unterton großzügig.
«Was ihr da alle beschrieben habt, sind Situationen, in denen es bestenfalls noch um das gegenseitige Abtasten VOR dem Aufbau einer Verbindung geht. Ihr macht Small Talk, um eure Gegenüber ein erstes Mal ein wenig zu prüfen und euch zurechtzulegen. Erst danach entscheidet ihr, ob ihr eine Verbindung, und falls ja, was für eine, aufbauen wollt. Vielleicht plaudert ihr auch nur aufgrund der gebotenen gesellschaftlichen Konvention mit dem Gegenüber. Weil es höflich ist.»
«Das sagen wir schon die ganze Zeit. Small Talk steht am Anfang des Aufbaus einer Verbindung zueinander», fasst Max zusammen.
«Nein», widerspreche ich, «das habt ihr nicht gesagt. Ihr habt gesagt, Small Talk IST der Anfang des Aufbaus einer Verbindung. Es ist aber nur die Vorbereitung der Entscheidung zum Aufbau einer Verbindung.»
«Hast du sie noch alle? Ist doch genau das Gleiche», regt sich Simon auf.
«Aufbau, Entscheidung … Wortklauberei. Wir haben auf jeden Fall das Gleiche gemeint und sind uns einig», ergänzt Alex.
Ich fixiere ihn mit den Augen.
«Wenn ich die Kassiererin im Supermarkt grüße und sie mich fragt ‹Heiß heute, hm?›, dann habe ich nicht das Gefühl, dass ich schon eine Verbindung zu ihr aufbaue.»
Simon schüttelt den Kopf.
«Nein, du baust nicht auf, du hast nämlich schon eine. Small Talk macht das eben.»
Lisa sieht mich an.
«Und, George», fragt sie höflich und gespielt interessiert nach, «überzeugt?»
Sie hat sich anscheinend dafür entschieden provozierend zu sein. Was mir gut gefällt.
Ich wackle mit dem Kopf hin und her, als ob ich unentschlossen wäre.
«Wir müssten uns wohl zunächst darauf verständigen, was genau wir mit ‹Verbindung› meinen.»
«Oh Gott, jetzt fängt das wieder an», stöhnt Simon.
«George», sagt Max ruhig zu mir, «nicht jeder hier ist ein Philosoph».
Ich will ihm etwas erwidern, aber Lisa kommt mir zuvor.
«Verbindung bedeutet Vertrauen.»
Die anderen am Tisch scheinen kurz nachzudenken und nicken ihr dann zu.
Ich sehe sie an und nicke auch.
«Umso besser. Wir sind hier unter Freunden. Wenn hier kein Vertrauen ist, wo dann? Wer in so einer Umgebung wie hier also nur Small Talk macht, will sich überhaupt nicht austauschen. Oder hat etwas zu verbergen. Deshalb ist Small Talk überflüssig. Und wenn man sich eh schon nicht austauschen oder alles verbergen will, dann braucht man auch nicht Zeit mit Small Talk zu vergeuden.»
Lisa lächelt triumphierend.
«Ja, gut. Aber ich weiß doch noch nicht, ob ich hier unter Freunden bin, oder? Und mit ein wenig Small Talk könnte ich euch alle besser kennenlernen und ein Gefühl der Vertrautheit zu euch aufbauen, damit wir an Verbindungen arbeiten können.»
«Genau», bestätigt Izzy Lisas Einwand.
Ich beuge mich vor, bis meine Ellbogen auf dem Tisch zu liegen kommen. Ich sehe Lisa direkt an. Sie hat sehr schöne Augen.
«Dann hast du also etwas zu verbergen, Lisa? Hattest du deshalb einen schlechten Tag heute?»
Für einen Moment wird ihr Gesicht zur Maske. Dann wird es ein wenig rot, ich kann es selbst durch ihr Make-up erkennen. Als Nächstes spüre ich wieder Izzys Ellbogen an meinen Rippen.
«George!», feixt sie mich an.
«Was denn?», frage ich ganz überrascht.
«Sie hat sicher nichts zu verbergen», unterstützt Jasmin, «und, Lisa, du bist hier definitiv unter Freunden».
Ich lehne mich lächelnd in meinem Stuhl zurück und versuche Lisa einen entschuldigenden Blick zuzuwerfen.
In diesem Moment kommen zwei Kellner an unseren Tisch und servieren das bestellte Essen. Lisa dreht sich zu einem davon um und bestellt ein Glas Rotwein. Sie fragt in die Runde, wer auch noch eins möchte. Jasmin würde gern, darf aber nicht. Izzy bestellt eins mit. Die Herren am Tisch, abgesehen von mir, bleiben bei Bier. Ich bestelle meine zweite Cola.
«Trinkst du keinen Alkohol?», fragt mich Lisa.
«Doch.»
«Aber?»
«Was ‹aber›?»
«Cola?»
«Ja. Ich mag Cola.»
«Hättest du kein Glas Wein zum Anstoßen nehmen können?»
«Doch.»
«Aber?»
«Ich mag Cola.»
Lisa atmet tief ein und wieder aus und verdreht dabei die Augen.
Ich warte geduldig, bis sie mich wieder ansieht.
«Lisa, wenn du mit mir anstoßen wolltest, warum hast du das nicht gesagt?»
«Ich habe doch gefragt, wer auch noch Wein möchte.»
«Ich wollte aber keinen Wein, ich wollte noch eine Cola. Aber wenn du gern mit mir anstoßen möchtest, hätte ich mir ein Glas bestellt.»
Lisa schaut zu Izzy.
«Ist der immer so?», fragt sie und deutet dabei mit ihrem Kinn in meine Richtung.
«Meinst du wegen der Cola oder allgemein?», antwortet Izzy lapidar.
Jasmin drückt so heftig Luft durch ihre zusammengepressten Lippen, dass es zischt.
«Das kommt aufs Gleiche raus …»
«Wie viel Zeit hast du, Lisa?», fragt Max, der sich offensichtlich köstlich unterhalten fühlt.
Ich deute auf seinen Teller und lasse ihn wissen, dass sein Essen dabei ist, kalt zu werden. Er grinst mich an und erklärt, dass das völlig in Ordnung für ihn ist.
«Schwierig zu sagen», fährt Izzy fort. «Er ist schon ein wenig speziell, unser George. Einerseits macht es den Eindruck, dass er recht schlau ist. Und man muss definitiv aufpassen, dass er einem nicht im Kopf herumspukt und einem da oben alles durcheinanderbringt. Aber im Grunde glaube ich auch nicht, dass er einer Fliege etwas zu Leide tun könnte. Er scheint trotz allem ein einigermaßen netter Typ zu sein. Andererseits, eigentlich weiß man nie so recht, woran man bei ihm gerade ist.»
«So etwas wie ein Nerd», steuert Simon bei.
«Ich glaube, emotional schwierig erreichbar. Aber definitiv gut für unterhaltsame und, wie du gerade erlebt hast, meist überflüssige Diskussionen», beurteilt Jasmin.
Alex nickt.
Ich schaue Max an. «Hast du auch noch etwas Wertvolles zu diesem Thema beizusteuern?»
Er zuckt mit den Schultern. «Ich habe doch schon gesagt, dass du der Philosoph hier bist.»
Lisa grinst mich amüsiert an.
Ich kneife die Augen zusammen und hebe mahnend den rechten Zeigefinger.
«Also erstens: Ich bin mit einem sehr potenten und aktiven präfrontalen Cortex gesegnet. Ich kann also gar nicht anders, als viel und schnell zu denken …»
«Ts», fällt mir Izzy ins Wort, «dein präfrontales Irgendetwas ist nicht das Problem. Sondern deine lose Zunge, mit der du offenbar noch viel gesegneter bist.»
Die übrige Tischrunde lacht und nickt bestätigend.
«Wir sind hin und wieder nicht sicher, ob er wirklich so intelligent ist, wie er klingt und tut. Oder einfach nur ein loses, aber zugegebenermaßen schnelles Mundwerk hat», doppelt Jasmin zur Sicherheit nach.
«Ok, ok. Das war annähernd witzig und wir haben alle ein wenig darüber gelacht. Aber jetzt mal wieder im Ernst. Zweitens brauche ich das auch in meinem Job. Es ist also im Grunde eine Berufskrankheit.»
«Was ist denn dein Job? Nervensäge?», fragt Lisa sofort.
Ich muss mit den anderen mitlachen. Das kam so direkt und trocken von Lisa, dass ich den Reflex nicht unterdrücken konnte.
«Du hättest besser danach gefragt, wie viele Jobs er schon gemacht hat», antwortet ihr Max und grinst mich breit an.
«George wechselt seine Jobs häufiger als andere ihre Unterwäsche», ergänzt Izzy.
Dieses Mal interveniere ich, bevor sich wieder alle in die Diskussion einmischen.
«Ja, ich habe hin und wieder die Firma gewechselt, für die ich jeweils arbeite. Aber der Job, den ich mache, ist im Grunde seit Jahren immer der gleiche geblieben. Ich berate Firmen. Prozesse, Abläufe und so weiter.»
Lisa guckt etwas verwirrt.
«Du bist also ein Berater. Du wechselst nicht die Firma, sondern dein Mandat.»
Ich schüttle den Kopf.
«Nein. Ich wechsle die Firma. Ich bin kein externer Berater. Ich bin immer angestellt.»
«Ja, ja», drängelt Robert, «Berater oder Angestellter, auf jeden Fall redest du viel und sagst den Leuten dann doch nur das, was sie selbst schon wussten oder wissen müssten, wenn sie ihren Job richtig machen würden. Typisches Beratungs-Geschäft.»
«Es ist ein Job. Und ich bin gut darin», antworte ich ruhig.
Robert ist ein wenig genervt.
«Es ist Abzockerei. Du arbeitetest doch gar nicht richtig. Du gehst dahin und redest mit den Leuten und dann machst du ein paar Präsentationsfolien, auf denen das, was sie dir erzählt haben, ein wenig schöner dargestellt ist. Und dann zeigst du ihnen noch mehr Folien, auf denen sie sehen können, wie man es auch anders machen könnte, was immer sie machen.»
Ich nicke stumm.
Im Grunde hat er das gut zusammengefasst. Er hat ein Stück weit auch recht. Es ist erstaunlich, wie weit man in meinem Geschäft allein mit gesundem Menschenverstand kommt. Je größer die Firma, für die ich jeweils arbeite, ist, desto größer sind in der Regel auch der fehlende kollektive Durchblick, die Entpersonalisierung der Verantwortung und die Unfähigkeit zur langfristigen Selbstregulation zu einem Zustand der gesunden Stabilität. Immer gibt es solche, die es nicht können, und viele, die es nicht wollen. Oder es zumindest primär nur für sich selbst wollen.
Ein bisschen methodisches Wissen und einiges an Erfahrung bringe ich aber noch mit. Dass meine Arbeit keinen Nutzen und keinen Mehrwert generiert, würde ich deshalb nicht unterschreiben. Das Wichtigste ist aber, dass es immer etwas zu tun gibt und die Aufgaben praktisch nie gleich sind. Wenn man schon so viele Stunden im Büro verbringen muss, dann wenigstens geschäftige und unterhaltsame.
«Du darfst dein Maul ja gar nicht aufreißen.»
Das war Simon. Wir drehen uns alle reflexartig zu ihm um.
«Du bist Banker. Du verdienst bloß Geld mit Geld. Das ist noch viel schlimmer.»
Robert starrt perplex sein Vis-à-vis am Tisch an.
«Ich bin überhaupt kein Banker. Ich arbeite im Ertragsinkasso. Das ist bloß das Backoffice. Da verdient man nicht halb so viel wie an der Front.»
«Oh», fragt Jasmin, «spielen die großen Jungs in der Bank nicht mir dir?»
Wir müssen alle ein wenig grinsen und Robert beruhigt sich schnell wieder.
«Der da», dabei zeigt er zurück auf Simon, «ist sowieso der Allerschlimmste von uns. Der arbeitet an Maschinen, die die Menschheit ausrotten werden.»
«Was?» Lisa mustert Simon halb neugierig, halb ungläubig.
Und Robert ergänzt: «Er arbeitet in der IT und programmiert diese Dinger, die uns zuerst im Schach besiegen, dann lernen, Katzen auf Bildern zu erkennen, und dann die Welt übernehmen. Genauso fängt die Revolution der Maschinen nämlich an …»
«So ein Unsinn», wiegelt Simon schnell ab, «ich schreibe Algorithmen für die Datenanalyse in der Werbung. Das nennt sich zwar künstliche Intelligenz, ist aber im Grunde nur etwas fortgeschrittene Logik. Sowieso, Werbung hat überhaupt kein Interesse daran, dass die Menschheit ausgerottet wird. Im Gegenteil. Sie ist wie ein Virus, der auch kein Interesse daran hat, seinen Wirt zu töten.»
«Aha! Du weißt also doch über das Zeugs Bescheid und arbeitest im Geheimen an der Ausrottung der Menschheit», scherzt Izzy.
«Andererseits ist es nicht so schwierig, dich im Schach zu besiegen», lächle ich Robert an, «so erschreckend intelligent sind diese Maschinen also auch wieder nicht.»
Er zeigt mir dafür seinen ausgestreckten Mittelfinger.
«Mal Scherz beiseite», fordert Jasmin besorgt, «denkt ihr, diese künstliche Intelligenz kommt wirklich?»
«Was meinst du mit ‹kommt›? Daran wird doch schon seit Jahrzehnten gearbeitet», sagt Simon trocken und kann Jasmin damit so gar nicht beruhigen.
«Was? Soll das heißen, dass es schon Roboter unter uns gibt, und wir merken das nicht?», fragt sie und wir sind nicht ganz sicher, ob sie das ernst meint oder versucht einen Scherz zu machen.
Simon gibt sich keine Mühe, das herauszufinden. «Klar. Die Maschinen beherrschen schon lange die Welt und bald werden sie die Terminators aktivieren und die werden uns alle töten.»
Izzy wirft ihm dafür einen sehr eindrücklichen und unmissverständlichen Blick zu.
Er zuckt unwillkürlich zusammen.
«Das war ein Witz, Jasmin. Künstliche Intelligenz ist nicht gleich Terminators und Maschinen, die die Welt beherrschen wollen. Die gibt es selbstverständlich nicht.»
«Künstliche Intelligenz oder Terminators?», fragt Max grinsend nach.
«Du kannst mich mal», antwortet ihm Simon mit etwas weniger Grinsen im Gesicht.
«Was ist denn dann künstliche Intelligenz?», will Izzy wissen. Jasmin nickt ihr zu.
«Im Allgemeinen bezeichnet künstliche Intelligenz den Versuch, bestimmte Entscheidungsstrukturen des Menschen nachzubilden, indem z. B. ein Computer so gebaut und programmiert wird, dass er relativ eigenständig Probleme bearbeiten kann. Oftmals wird damit aber auch eine nachgeahmte Intelligenz bezeichnet, wobei durch meist einfache Algorithmen ein ‹intelligentes Verhalten‹ simuliert werden soll, etwa bei Computerspielen.
Im Verständnis des Begriffs künstliche Intelligenz spiegelt sich oft die aus der Aufklärung stammende Vorstellung vom ‹Menschen als Maschine› wider, dessen Nachahmung sich die sogenannte starke KI zum Ziel setzt: eine Intelligenz zu erschaffen, die das menschliche Denken mechanisieren soll, beziehungsweisebeziehungsweise eine Maschine zu konstruieren und zu bauen, die intelligent reagiert oder sich eben wie ein Mensch verhält. Die Ziele der starken KI sind nach Jahrzehnten der Forschung weiterhin visionär.»
Wir schauen alle zu Lisa, die ihr Smartphone in der Hand hält und gerade fertig ist, vom Bildschirm abzulesen.
«Ja, sorry», fügt sie an, «ich bin ein Internet-Junkie. Ich google alles.»
«Tja, das ist ein gutes Beispiel, wie künstliche Intelligenz die menschliche ablöst: Indem sie ‹Wissen› ungefiltert vom Kopf ins Netz verlagert und alles an Intelligenz, die WIR noch brauchen, die ist, im Netz surfen zu können», reagiere ich viel zu spontan.
Lisa legt ihr Smartphone auf den Tisch, hebt langsam ihren Kopf und richtet ihre uneingeschränkte Aufmerksamkeit ganz auf mich.
«Anwesende natürlich ausgeschlossen», schießt es sofort aus mir heraus. «Ich habe das auf das kollektive Desinformationsdesaster der breiten Masse im Internet bezogen. Unglaublich, wie fahrlässig einige mit dem Netz und seinen Möglichkeiten umgehen und sich quasi völlig ausliefern.»
Lisa sieht mich noch einen ausgedehnten Moment lang an. Dann zeichnet sich endlich ein feines Lächeln auf ihren Lippen ab.
«Gerade nochmals gut für dich gegangen, George.»
Wir essen beide schweigend unsere Teller leer, während die anderen am Tisch ganz in die Diskussion um den Ausdruck «Mensch als Maschine» vertieft sind.
Irgendwann höre ich, wie jemand sagt, dass künstliche Intelligenz früher oder später wie menschliche Intelligenz funktionieren und es keine Unterschiede zwischen Menschen und Maschinen mehr geben würde.
Ich lege das Besteck auf den Teller und schiebe ihn von mir weg.
«Wie funktioniert denn menschliche Intelligenz?», frage ich schließlich in die Runde.
Robert sieht mich unverständlich an. «Was soll die Frage? Du bist doch auch ein Mensch, oder? Du weißt, wie deine Intelligenz funktioniert.»
«Sind wir da sicher?», fragt Izzy. «Ich meine, sind wir sicher, dass George ein Mensch ist?» Sie grinst mich dabei breit an.
Ich nicke ihr zu und versuche mein Schmunzeln zu verbergen.
«Ich hoffe wirklich, dass das Mutterschiff mich bald nach Hause holt.»
Izzy zwinkert mir zu und streichelt mit der Hand kurz über meinen Unterarm.
Lisa stellt ihr Weinglas, das sie gerade ausgetrunken hat, etwas heftig auf dem Tisch ab.
«Graue Zellen, weiße Zellen, chemische Botenstoffe und elektrische Impulse. Ich denke, so funktioniert menschliche Intelligenz, nicht?»
Sie starrt dabei zuerst mich an und wirft dann Izzy einen kurzen Blick zu, bevor sie sich in der Runde umsieht.
«Ja. Unser Gehirn ist Sitz der Intelligenz», bestätigt Robert.
«Irgendwann wird man genug Rechnerkapazität haben, um Maschinen genauso rechnen lassen zu können, wie es das Gehirn tut», meint Alex.
«Wirklich?»
Ich hebe demonstrativ meine Hand mit senkrecht nach oben ausgestrecktem Zeigfinger über den Tisch. Dann warte ich einen Moment lang, bis ich sicher bin, dass alle ihre Aufmerksamkeit auf mich und meinen Finger gerichtet haben. Schließlich biege ich ganz langsam die oberen beiden Glieder meines Fingers und strecke sie wieder aus.
Lächelnd schaue ich in die Tischrunde.
«Wie habe ich das gemacht?»
Max sieht mich entgeistert an und schüttelt seinen Kopf.
«Das hast du ‹großartig› gemacht?!»
Ich strecke ihm die Zunge heraus. Die anderen am Tisch lachen.
«Ernsthaft, Leute. Wenn ihr doch alle wisst, wie menschliche Intelligenz funktioniert … Wie habe ich das mit meinem Finger gemacht?»
Jasmin streckt und beugt ihren Zeigfinger.
«So geht das. Beugen, strecken, beugen, strecken. Das ist nicht so schwierig.»
Lisa beugt und streckt ihren Zeigfinger vor meinem Gesicht.
«Also ich kann das auch. Das hat dann wahrscheinlich nicht so viel mit Intelligenz zu tun.»
Die anderen am Tisch fangen auch an, ihre Finger zu beugen und zu strecken.
Ich sehe ihnen einen Moment lang zu.
«Aber wie macht ihr das? Mit dem Hirn?»
«Ist doch klar», erklärt Robert, «eine Gehirnzelle sendet ein elektronisches Signal an deine Muskeln im Finger. Die Muskelfasern ziehen sich dann zusammen. Damit streckst und beugst du deinen Finger.»
«Synapsen», spezifiziert Simon, «die Synapsen feuern elektrische Impulse ab. Die gelangen dann über die Nervenbahnen an die Muskeln.»
«Ok. Synapsen. Aber es bleibt dabei, das Gehirn ist entscheidend», hält Robert nochmals fest.
Lisa sieht mich an. Sie zuckt mit den Schultern. «Was sollte das denn jetzt werden?»
Ich beuge mich ein wenig vor und hebe nochmals meinen Zeigfinger.
«Also. Das ist mein gestreckter Finger. Eine Synapse in meinem Gehirn sendet einen elektrischen Impuls über meine Nervenbahnen zu den Muskeln in meinem Finger und, siehe da, mein Finger beugt sich.»
«Und?», dabei verwirft Lisa ungeduldig die Hände.
«Und», sage ich abwesend, «… und wie kommt die Synapse in meinem Gehirn dazu, diesen Impuls an meine Muskeln in meinem Finger zu senden?»
Es sieht so aus, als wollte Lisa antworten. Dann macht sie ihren Mund aber, ohne ein Wort gesagt zu haben, wieder zu.
Die anderen fangen wieder an, ihre Finger zu beugen und zu strecken.
«Typisch George», murmelt Izzy vor sich hin, während sie ihren Finger beim Beugen und Strecken beobachtet. «Das ist doch das Natürlichste auf der Welt. So etwas muss man sich gar nicht überlegen. Weder, wie man es macht, noch wie es funktioniert.»
Lächelnd beobachte ich die anderen.
«Ja, es ist schon ein magisches Ding, unser Gehirn, nicht? Jeder hat eines davon und jeder benutzt seines. Mehr oder weniger. Es beschert uns Tagträume und Albträume. Es entwickelt und verändert sich unser Leben lang. Macht uns heute zum Menschen, der wir sind, und könnte uns morgen zu einem ganz anderen machen. Und trotzdem weiß keiner so genau, wie das alles funktioniert.»
Lisa lässt ihre Hand auf den Tisch sinken.
«Glaubst du das wirklich? Glaubst du, dass wir andere Menschen werden können? Dass wir uns ändern können?»
Sie sieht mir an, dass mich ihre Fragen überrascht haben. Einen Moment lang versuche ich sie in den Kontext meiner Aussage von vorhin zu setzen.
«Ich habe an Hirnschäden durch Verletzungen oder Krankheiten gedacht. Das führt manchmal zu Veränderungen der Persönlichkeit.»
«Natürlich», antwortet sie viel zu schnell, senkt verlegen ihren Blick und spielt mit ihrem leeren Weinglas.
«Aber ja, natürlich», füge ich sie beobachtend hinzu, «ich glaube schon, dass man sozusagen an seinem Gehirn arbeiten und seine Funktions- und Verhaltensweisen entwickeln kann. Damit verändert man wahrscheinlich ein Stück weit auch seine eigene Persönlichkeit.»
Lisa blickt mich kurz an und dann in die Tischrunde. Dabei gleitet ihr fast das Glas aus der Hand.
«Aber warum sollte ich mich ändern», sage ich etwas lauter und warte, bis alle mich anschauen. «Ich bin doch schon perfekt.»
Wie erwartet ernte ich höhnisches Gelächter am Tisch.
Währenddessen tausche ich nochmals einen kurzen Blick mit Lisa aus, die nicht mit den anderen mit lacht.
«Tja», seufzt Izzy und klopft mir dabei sanft auf den Rücken, «das ist eben unser George: ein Genie, ein Verrückter und ein ganz schmaler Pfad dazwischen. Und manchmal nicht einmal das.»
Max dreht sich zu Lisa.
«Wir sind schon froh, wenn er seine Fähigkeiten nicht für die dunkle Seite der Macht einsetzt.»
«Star Wars», fügt Simon erklärend an und sieht verunsichert zu Lisa.
Sie nickt ihm zu. Dann hebt sie ihre Hand und spreizt ihre Finger so auseinander, dass ein V zwischen Mittel- und Ringfinger entsteht.
«Lebe lang und in Frieden.»
Simons Kinn fällt nach unten. Für einen Moment wird es still in der Runde.
Dann beginnt Lisa schüchtern zu lächeln.
«Tut mir leid. Ja, ich weiß, was Star Wars ist. Und ich kenne auch den Unterschied zu Star Trek, keine Angst.»
Wir brechen wieder in Gelächter aus. Dieses Mal aber erleichtertes und fröhliches Gelächter.
«Du hast dich hier definitiv schon gut einfügt, Lisa. Hier unter Freunden», lobt Jasmin.
Lisa sieht mich kurz an. Ich nicke ihr anerkennend zu. Sie lächelt und bedankt sich bei Jasmin. Dann dreht sie sich nochmals zu Simon um und vergewissert sich, dass er ihr nicht allzu böse ist.
Ein Kellner kommt und fängt an, unsere Teller abzuräumen. Ich nutze die Gelegenheit und bestelle drei Gläser Wein. Izzy schmunzelt Lisa an und bezeichnet mich als «lernfähig». Lisa reagiert mit einem Ausdruck übertriebenen Überrascht-Seins.
Persönlich bin ich erstaunt, positiv erstaunt, darüber, dass es sich Lisa von mir gefallen lässt, ihr ungefragt noch ein Glas Wein zu bestellen.
Als die Gläser serviert werden, hebe ich meines am unteren Ende des Stils hoch. Lisa packt ihres, genauso wie sie ihr erstes dauernd in den Händen gehalten hat, grob und irgendwie voller Verachtung rund um den Kelch, und will so mit mir anstoßen. Ich schüttle den Kopf und deute mit den Augen von ihrer Hand auf meinen Griff am Glas. Widerwillig und augenrollend wechselt sie ihren Griff und wir stoßen alle an.
Das übrige Kollektiv am Tisch ist wieder dabei, darüber zu plaudern, wie schön es ist, unter Freunden zu sein. Und darüber, dass wahre Freundschaften wichtig im Leben sind. Wie wichtig sie sind, wie schön sie sind, wie sehr sie gebraucht werden.
Da Liebesbeziehungen als Thema mehr oder weniger nur einen Katzensprung entfernt sind, werden kurz darauf auch die abgehandelt. Wie schön es ist, jemanden zu haben, wie schwer es ist, jemanden zu haben. Es wird sich zugestimmt, sich bestätigt, sich gerechtfertigt.
Dann sind die Kinder an der Reihe. Wie schön es ist, sie zu haben, wie schwer es ist, sie zu haben, dass sie doch alles wert sind, dass die Freude überwiegt.
Ich höre meistens nur zu. Mindestens einmal am Abend kommen diese Themen auf. Und unter dem Gesagten sind, wie erwähnt, recht viele Wiederholungen dabei. Aber es scheint ihnen wichtig zu sein und viel zu bedeuten. Und mir auch.
Mir fällt auf, dass Lisa jetzt auch mehr zuhört, als dass sie mitdiskutiert. Ich beobachte sie eine Weile und überlege, ob ich sie darauf ansprechen soll. Aber dann ist es schon zu spät dafür. Es passiert, was immer an diesen Abenden passiert. Zuerst ist Robert dran. Er wird verhört. Wann er Annabelle endlich DIE Frage stellen wird? Wo und wie er sie stellen wird? Und jünger und hübscher würde er auch nicht werden. Als Nächster folgt Simon. Seine On-Off-Beziehung geht gar nicht. Er könne das arme Mädchen doch nicht so im Ungewissen lassen. Er müsse unbedingt mehr Anstand zeigen.
Und vor allem lernen, sich zu ihr zu bekennen. Oder sie freizulassen.
Und wenn alle so richtig in Fahrt sind, komme ich an die Reihe.
Gerade rechtzeitig bestelle ich mir noch ein Glas Wein. Als der Kellner neben mir steht, sehe ich Lisa an, die mir bestätigend zunickt. Izzy verzichtet. Also bestelle ich dieses Mal nur noch zwei Gläser.
«Was macht die Liebe, George?», fragt Jasmin schließlich.
«Was sie immer macht, Jasmin. Sie macht, was sie will.»
«Ja, schon», bohrt Izzy weiter, «aber was macht sie mit dir?»
«Sie ist mein ein und alles. Ich bin ganz verliebt in die Liebe.»
«Ja, ja … Wart nur ab. Irgendwann kommt die Richtige und es zieht dich voll rein», verspricht mir Jasmin.
Izzy neigt ihren Kopf theatralisch zur Seite, als sie mich ansieht.
«Ja, er wird sicher nicht wiederzuerkennen sein. Ich werde den alten George ein bisschen vermissen.»
Ich höre, wie sich Lisa an ihrem Wein verschluckt. Als ich zu ihr hinüberblicke, sehe ich nur noch, wie sie sich den Mund mit der Serviette abwischt und entschuldigend ihre Hand hebt.
Ohne mich weiter um Lisa zu kümmern, sehe ich Max fragend an.
«Weißt du Max, ich verstehe ja, dass es bequem sein muss, jeden Abend zu wissen, was es zum Essen gibt. Weil halt meistens immer das Gleiche auf den Tisch kommt. Aber es gibt doch eine so große Vielfalt an Essen. Wie kannst du dich da auf nur ein ‹übliches› Menü beschränken? Ich meine, vorhin hast du dich vor lauter Freude über die Speisekarte kaum zwischen Burger und Pizza entscheiden können. Ich finde, man soll die wunderbare Vielfalt der Natur genießen und sich die Lust auf Abwechslung nicht von einer soziokulturell diktierten Askese verderben lassen.»
Max sieht mich mit großen Augen an und dann sofort hinüber zu Izzy.
«Vorsicht, George», droht mir Izzy.
Wir starren uns gegenseitig an, bis ich nicht mehr anders kann, als in Lachen auszubrechen.
«Izzy, ich glaube, was Max mit seinem Blick sagen wollte, ist, dass du seine einzig wahre Lieblingsspeise bist und er seine lebenslange Diät über alles und ewig liebt. Oder Max?»
Max nickt eifrig.
«Ich hätte es nicht besser formulieren können.»
«Hast du ein Problem damit, treu zu sein?»
Das kam von Lisa und wie aus der Kanone geschossen. Eine, die geschossen hat, um zu versenken. Das war kein Warnschuss.
Jetzt macht sie mich richtig neugierig. Ihre Augen funkeln mich an. Und ich habe den Eindruck, ihr Gesicht leuchtet dezent ein wenig rötlicher als vorher. Das könnte auch nur dem Wein geschuldet sein. Ihrem oder meinem.
Bevor ich etwas antworten kann, boxt mir Izzy an die Schulter, sieht dabei aber zu Lisa.
«Typisch Mann! Immer nur das eine im Kopf.»
Jasmin schaltet sich auch wieder ein.
«Ja, Männer. Alles Chauvinisten. Die Welt wäre ohne euch ein viel besserer Ort.»
Ich hebe abwehrend die Hände.
«Immer gleich diese radikalen Ausbrüche. Das ist der Unterschied zwischen Frauen und Männern: Kein Mann würde je eine Welt ohne Frauen wollen. Frauen sind für uns das Wunderbarste, das es gibt.»
«Na ja. Übertreiben musst du nicht», brummelt Alex vor sich hin. Jasmin bestraft ihn sofort mit einem bösen Blick.
Simon und Robert, die scheinbar immer noch dabei sind, sich von ihrer Liebes-Schelte von vorhin zu erholen, grinsen in ihr jeweiliges Bierglas.
«Aber sicher doch», fange ich an zu beruhigen, «Frauen sind wunderbar. Sie können so gut putzen, kochen, waschen …»
Izzy schlägt mich noch einmal. Dieses Mal viel härter als vorher.
Der männliche Teil der Tischrunde nickt mir trotzdem tapfer zu.
Ich entschuldige mich selbstverständlich sofort.
«Das war ein Witz. Das war selbstverständlich ein Witz. Wir Männer finden euch Frauen tatsächlich wunderbar. Sex allein ist schließlich nicht das gleiche …»
Izzy schlägt ein drittes Mal zu. Dieses Mal hat es richtig wehgetan. Es war es mir wert.
Sie schaut zu Lisa.
«Nimm ihn bloß nicht ernst. Der tut nur so. Mit den Frauen hat er es wie mit seinen Jobs: Kommittent-Probleme. Schlimmer als Simon.»
Lisa winkt ab.
«Ach, Gott. Das verstehe ich schon. Er ist halt nur ein Mann.»
Jasmin und Izzy jubeln Lisa praktisch zu.
«Ja, genau. Wir lassen sie ihre Sprüche machen. Schließlich sind wir auch froh, dass wir unsere Möbel nicht selbst rücken müssen. Und schwere Kisten können sie auch ganz gut tragen», spottet Jasmin.
«Natürlich nur, wenn wir ihnen genau erklären, wohin sie zu tragen sind», ergänzt Izzy.
Die Frauen kichern gemeinsam.
Wir Männer zucken gelassen mit den Schultern und versichern uns gegenseitig mit kurzen Blickkontakten und Kopfnicken, dass wir ihnen den Spaß gönnen.
Lisa stellt ihr Weinglas ab.
«Und sie sind so knuddelig, wenn es um ihre kleinen Spielzeuge geht. Ihre Autos, ihre Motorräder. Ihren Fußballclub.»
«Ach so. Diese Spielzeuge … ich dachte da an das andere kleine …», kaum von Izzy gesagt, wieder Mädchenkichern.
«Ja, du hast recht», Lisa fängt sich als Erste wieder, «das ist auch etwas, mit dem sie gern spielen. Aber eigentlich ist das ja unser Spielzeug. Sie tragen es einfach, wie die Kisten und die Möbel, für uns herum.»
Dieses Mal Frauengelächter.
«Und obwohl sie so gern und so oft damit spielen, richtig damit umgehen können sie trotzdem nicht. Das ist wie mit den Möbeln, sie können sie rücken und schieben, aber haben keine Ahnung von Inneneinrichtung», höhnt Jasmin, was das Gelächter noch mehr anheizt.
Gleichzeitig greift sie aber nach Alex‘ Hand auf dem Tisch und drückt sie zärtlich. Mit der anderen streichelt sie ihren Bauch.
«Und George», Izzy dreht sich zu mir um, «du hast doch im Dezember Geburtstag, oder nicht? Du bist also Schütze. Schießen die nicht besonders gerne? … und vor allem schnell?»
Dieses Mal lachen auch die anderen Männer am Tisch ein bisschen mit.
«Hallo, hallo», interveniere ich und versuche einen ernsthaft fragenden Gesichtsausdruck zu machen. «Wirklich? Sternzeichen?»
«Hast du etwas gegen Sternzeichen?», fragt mich Izzy skeptisch.
«Nein, natürlich nicht», lächle ich sie an. «Das sind schließlich eure ‹Spielzeuge›.»
«Das sind keine ‹Spielzeuge›», antwortet Izzy bedrohlich gelassen und zeichnet dabei mit ihren Fingern die Anführungszeichen in die Luft.
«Sondern?», frage ich trotzdem vorsichtig nach.
«Sternzeichen sind eine seriöse Angelegenheit», mischt sich Jasmin ein.
Die Frauen am Tisch nicken bedeutungsvoll. Wir Männer können nicht verhindern, dass sich ein Grinsen auf jedes unserer Gesichter legt. Max und Alex greifen deshalb schnell zu ihren Gläsern und verstecken sich dahinter.
Ich warte noch einen Moment ab und schaue abwechselnd zu Izzy, Jasmin und Lisa. Aber sie scheinen es ernst zu meinen.
«Ihr glaubt also tatsächlich, dass sich rund acht Milliarden Menschen in zwölf charakteristische Grundeinheiten einordnen lassen?»
Jasmin winkt ab.
«Natürlich nicht. Das ist viel komplizierter. Es kommt noch darauf an, zu welcher Zeit und wo du geboren worden bist. Der Morgen- und der Abendhimmel waren dementsprechend für jeden ganz unterschiedlich.»
Etwas hilflos schaue ich die anderen an. Außer Kopfschütteln bekomme ich aber keine weitere Unterstützung.
Ich atme einmal tief durch.
«Das heißt beispielsweise, dass ihr Frauen hier am Tisch so gut zusammen auskommt, weil eure Sternzeichen das so wollen?»
«Natürlich», bestätigt Izzy sofort, «Jasmin und ich sind beides Löwinnen.»
Ich sehe Lisa an.
Sie lächelt mich an. «Widder.»
Und fügt hinzu: «Widder passen sehr gut zu Löwinnen».
Izzy nickt. Ich stöhne leise. Natürlich passt das. Und natürlich hat Izzy das von Anfang an gewusst. Sie und Lisa arbeiten zusammen. Da werden die beiden sich sicher über dieses Thema ausgetauscht haben.
Während am Tisch eifrig über die Bedeutung und Nicht-Bedeutung von Horoskopen spekuliert wird, nehme ich einen großen Schluck Wein und betrachte Lisas Gesicht. Es macht für mich jetzt einen sanften und entspannten Eindruck.
Ohne Rücksicht auf die anderen Gespräche dränge ich mich in Lisas Aufmerksamkeit.
«Widder, hm? Also reist du gerne.»
Sie sieht mich fragend an.
«Wieso?»
«Na ja», sage ich wie beiläufig, «Widder ist ein Feuerzeichen. Das steht für Energie, Leidenschaft und Abenteuerlust. Sein Leitplanet ist der Mars, wenn ich nicht falsch liege. Mars, nach dem Kriegsgott benannt. Wieder Energie. Auch Entschlossenheit, Mut, Lust auf Neues. Widdermenschen sind im Frühling geboren. Also während des Erwachens der Natur. Dem natürlichen Anfang des Jahres, von wo aus die Natur aufbricht und ihren Weg eines neuen Zyklus geht. Widder sind also energiegeladene Menschen, voller feuriger Impulse, gern in der Vorwärtsbewegung und mit viel Lust auf Abenteuer. Also reisen Widder gerne.»
Es wird schlagartig still am Tisch. Lisas gerade noch fragender Gesichtsausdruck ist ungewollt offener Verblüffung gewichen.
«Was ist?» Ich kann mir ein Grinsen nicht verkneifen.
Izzy schubst mich mit dem Ellbogen an.
«Du weißt ziemlich viel über Sternzeichen. Ich meine dafür, dass es die ‹Spielzeuge› von uns Frauen sind.»
«Selbstverständlich tue ich das», nicke ich bestätigend. «Wisst ihr, das ist gut, um Small Talk machen und so das Eis brechen zu können.»
Die Frauen am Tisch quittieren meinen Spruch mit verächtlichen Zischgeräuschen. Die Männer nicken mir grinsend zu.
«Ich dachte, du machst kein Small Talk.» Lisa sieht mich herausfordernd an.
Ich schüttle den Kopf.
«Das habe ich nie gesagt. Ich habe nur gesagt, dass ich Small Talk nicht mag und überflüssig finde. Das heißt aber nicht, dass ich das nicht kann. Und schon gar nicht, dass ich nicht über Small-Talk-Dinge Bescheid weiß.»
Lisa trinkt ihr Glas leer. Das erste Mal heute Abend ist sie um eine Antwort verlegen.
Ich helfe ihr gerne aus.
«Glaubst du denn jetzt nicht mehr, dass man Leute mittels Small Talk besser kennenlernen kann?»
Sie sieht mich über ihr Glas hinweg an.
«Willst du das jetzt nochmals diskutieren, George?»
Ich zucke mit den Schultern.
«Du bist offensichtlich angetan von mir. Ein wenig verblüfft. Sicher fasziniert. Jetzt würdest du gern mehr über mich herausfinden. Mich nimmt nur wunder, ob du wirklich denkst, dass du das mit Small Talk schaffen kannst?»
«Es war ein Anfang, oder?», mischt sich Max unerwartet ein.
«Ja, George», fühlt sich Simon bestätigt, «hättet ihr nicht Small Talk gemacht, hättet ihr nie eine Verbindung zueinander aufgebaut und wärt nie ins Gespräch gekommen.»
«Ganz davon zu schweigen, dass Lisa nie gemerkt hätte, wie verblüfft und fasziniert sie von dir ist», höhnt Jasmin und löst damit prustendes Gelächter am Tisch aus.
Lisa lacht zwar auch mit, fixiert mich aber gleichzeitig mit einem herausfordernden Blick. Ich habe das Gefühl dieses Mal sogar noch eine Spur intensiver als gerade eben noch.
«Du bist ziemlich von dir selbst überzeugt und fasziniert, oder?»
Ich kneife meine Augen zusammen.
«Höflichkeitsfrageform?»
«Vielleicht?», antwortet sie grinsend.
«Hm. Natürlich bin ich von mir fasziniert», gebe ich zu und lehne mich ein kleines Stück über den Tisch nach vorne näher zu Lisa.
«Schließlich bin ich der interessanteste Mensch, den ich kenne.»
Sie weicht ein Stückchen zurück.
«Wow! Ich bewundere Menschen mit einem derart gesunden Selbstbewusstsein.»
«Interessant.»
«Was? Falls du es nicht gemerkt hast, das war ironisch gemeint, George. Auch wenn ich es dieses Mal nicht als Frage formuliert habe.»
«Das ist mir schon klar. Ich meinte auch nicht das.»
«Sondern?»
«Deine Aussage.»
«Erleuchte mich.»
«Gerne. Sie sagt mehr über dich aus als über mich.»
Lisa rollt mit den Augen. Die anderen, die gespannt mithören schütteln grinsend ihre Köpfe.
«Na schön», sagt sie und beugt sich wieder über den Tisch nach vorne und mir entgegen, «ich spiele mit. Was sagt sie denn über mich aus?»
«Du gehst automatisch davon aus, ich finde mich selbst interessanter als alle anderen.»
«Ja, denn das hast du ja gerade gesagt, oder nicht?»
«Vielleicht?»
Lisa streckt mir ihre Zunge heraus. Wir grinsen.
«Vielleicht auch nicht», fahre ich fort. «Meine Aussage könnte doch auch so gedeutet werden: Ich bin der interessanteste Mensch, den ich kenne, weil ich schlicht keine anderen Menschen kenne.»
«Oh, bitte, George. Und selbst wenn, was sagt das denn über mich aus?»
«Warum hast du meine Aussage so gedeutet, wie du sie gedeutet hast, Lisa?»
«Weil jeder normale Mensch sie so deuten würde.»
Ich lehne mich im Stuhl zurück.
«Ok. Das mag sein. Du hältst dich also für einen ‹normalen Menschen›, also einen ganz durchschnittlichen, gewöhnlichen Menschen? Was würde deine bessere Hälfte dazu sagen?»
Lisa starrt mich mit zusammengekniffenen Augen an.
Neben mir fängt Izzy an, einen Kellner herbeizuwinken, dreht ihr Gesicht aber zu mir.
«George, ich bin mir sicher, Lisa bereut langsam, dass sie heute das Vergnügen hat, einen so verblüffenden und faszinierenden Menschen wie dich kennenlernen zu dürfen.»
Ein Kellner kommt und Izzy fragt ihn nach den Dessertkarten.
Simon und Robert winken sofort ab und bestellen stattdessen noch ein Bier. Max zögert und sieht Izzy an. Die winkt ab.
«Ist ok», zwinkert sie ihm zu, «George nimmt sicher eines.»
Max nickt und bestellt auch ein Bier.
Für uns anderen werden Dessertkarten gebracht.
«Was nimmst du?», fragt mich Izzy, noch bevor ich die Karte ganz durchlesen kann.
«Wie immer. Deine zweite Wahl.»
Sie lächelt mich an. Ich nicke ihr zu.
Lisa sieht verwirrt zu uns hinüber.
«Weißt du», fängt Izzy an, ihr zu erklären, «das machen wir immer so. George nimmt ein Dessert, ich nehme ein anderes und dann teilen wir. Diesbezüglich ist er erstaunlich unkompliziert und umgänglich. Das ist auch eigentlich der einzige Grund, wieso er zu unseren Essen kommen darf.»
Sie lacht und legt dabei die Hand auf meine Schulter.
Ich lächle Lisa, die ihre Karte geschlossen auf den Tisch gelegt hat, an.
«Tja, alles hat seinen Preis. Nimmst du kein Dessert?»
Sie greift nochmals nach der Karte.
«Ich sollte nicht. Aber die Schokoladentorte auf dem Bild sieht sehr lecker aus.»
«Ja», brummelt Izzy vor sich hin, «die Torte sieht wirklich gut aus. Aber ich nehme trotzdem die Mousse».
Als der Kellner zurückkommt, bestellen Jasmin, Alex und Izzy die Mousse und ich die Schokoladentorte. Lisa nimmt schlussendlich doch kein Dessert, dafür aber noch ein Glas Wein. Izzy schließt sich ihr an. Ich verzichte und nehme stattdessen ein Wasser. Wein und süßes Dessert passen für mich nicht zusammen. Da zieht es mir beim Trinken immer die gesamten Gesichtsmuskeln zusammen. Außerdem will ich mir umgekehrt auch das köstliche Süß nicht mit dem Nachgeschmack vergorener Trauben ruinieren.
Izzy schnappt sich gleich die Hälfte meiner Torte und lässt mich dafür einmal mit meiner Gabel von ihrer Mousse probieren. Ich biete Lisa an, auch von der Torte zu nehmen. Sie winkt ab.
«Du kannst ruhig ein Stück probieren», ermuntert sie Izzy nochmals. «Das ist echt kein Problem. Dessert-Zeit ist absolute Genusszeit. Und da ist selbst unser George ganz handzahm. Kaum wiederzuerkennen und ich nutze es schamlos aus. Das darfst du ruhig auch tun.»
Lisa sieht mich skeptisch an und nimmt einen Schluck Wein. Ich schiebe ihr nochmals meinen Teil der Torte hin.
«Sie ist wirklich lecker. Du würdest etwas verpassen.»
Sie zögert noch einen Moment, greift dann aber nach dem Stück, das ich ihr mit der Gabel auf den Tellerrand hinausgeschoben habe, und schiebt es sich in den Mund. Schon beim Kauen fängt sie an zu lächeln und nickt bestätigend mit dem Kopf.
Die Plaudereien in der Runde, während wir unsere Desserts essen, interessieren mich nicht. Sie drehen sich um dies und jenes, aber ich fokussiere mich mehr darauf, nochmals eine Gabel voll Mousse von Izzy zu ergattern, bevor sie alles selbst aufgegessen hat.
Erst als alle Tellerchen leer sind und einige am Tisch Kaffee bestellen, klinke ich mich auch wieder ein.
«Also, Lisa, wohin ging deine letzte Reise?»
Sie schaut mich ungewollt entgeistert an.
«George, wir sprechen gerade über das Klimaproblem.»
«Ja, ich weiß. Ich habe es gehört. Ich denke, ihr habt alles Notwendige darüber gesagt. Wohin ging deine letzte Reise?»
Lisas Mund ist offen, aber bleibt stumm. Izzy neben mir schüttelt ihren Kopf. Max sieht mich grinsend an. Simon und Robert ignorieren mich und reden unter sich weiter. Jasmin und Alex sind still. Ich habe den Eindruck, sie würden auch viel lieber über Reisen reden, als am heutigen Abend unlösbare und deprimierende Themen durchzukauen.
Ich versuche nachzuhelfen.
«In Ordnung. Das Problem ist die sehr wahrscheinlich vom Menschen mitverursachte beschleunigte Erderwärmung. Erstens, es wird immer solche geben, die diese gut nachweisbare Tatsache ignorieren, verharmlosen oder sogar abstreiten werden. Die Geschichte lehrt uns das. Im Grunde sollte man keine Energie für solche Leute verschwenden. Wir dürfen sie aber auch nicht unterschätzen. Dummheit verhält sich in einem Kollektiv meist wie eine Pandemie. Zweitens, ja, wir müssen uns und unser Treiben auf diesem Planeten ändern. Im großen Stil als Gemeinschaft und in seinem zumutbaren Verantwortungsbereich jeder individuell für sich. Möglicherweise sind auch sehr drastische und im Moment noch nur schwer vorstellbare Maßnahmen notwendig. Kern des Problems ist schlussendlich auch die Anzahl der Mitglieder der menschlichen Spezies, die sich wie ein Virus auf der Kugel ausbreitet. Das werden auf jeden Fall spannende Diskussionen werden. Drittens, es wird nicht von heute auf morgen passieren. Es ist ein Lern- und Entwicklungsprozess für uns alle. Glas oder Aluminium zu recyceln, ist heute für uns ganz normal und nicht ungewöhnlich, hat aber damals auch mit einem ersten mühsamen Schritt angefangen. Und viertens, es geht nicht um Finger-Pointing. Schuldzuweisungen bringen uns nicht nur nicht weiter, sie machen auch die ganze Bereitschaft zu lernen, sich zu ändern und Dinge voranzutreiben, kaputt. Es war nicht einfach alles falsch oder dämlich, was wir bisher gemacht haben. Es haben uns schlicht die Informationen und Kenntnisse der Zusammenhänge gefehlt. Und ganz sicher werden wir in Zukunft noch viel mehr erfahren und begreifen. Ausnahmslos jede junge Generation wird im Verlauf ihres Lebens ‹dumme› Dinge tun. Wichtig ist, dass wir weiter lernen und dann auch handeln. Das alles habt ihr mehr oder weniger in eurer Diskussion erwähnt oder ihr wolltet es noch tun. Ebenso seid ihr euch einig, dass es ein wichtiges Thema und höchste Zeit ist, etwas zu tun. Ihr seid euch auch bewusst, dass es schwierig zu sagen ist, wie genau entsprechende Maßnahmen aussehen sollen, weil die Ursachen und Auswirkungen nicht ganz so trivial sind, wie sie auf den ersten Blick zu sein scheinen. Es ist doch witzig, wie alle meinen, die Aufklärung sei eine Epoche im achtzehnten Jahrhundert gewesen. Aber unsere blaue Kugel war nie eine Scheibe und Aufklärung muss jeden Tag stattfinden. Wie gesagt, gut, dass ihr darüber geredet habt. Aber ihr könnt jetzt weiter reden, solange wie ihr wollt, und Lisa kann googeln, soviel sie will, heute Abend werdet ihr betreffend dieser Angelegenheiten trotzdem nicht mehr weiterkommen.»
Lisas Kopf ist ansatzweise in einer Art Nickbewegung. Aber sie wirkt etwas abwesend und es scheint, als könne man gerade keine Antwort von ihr erwarten. Bis auf Izzy scheinen auch die anderen in einer Art Starre gefangen zu sein.
«Ach, George. Man muss dich einfach lieben. Aber man sagt nicht, dass Leute ‹dumm› sind.»
«Wie sagt man denn dann, was die Leute sind?»
«Man nennt niemanden ‹dumm›, George. Vielleicht gibt es zuweilen geistige Tiefflieger, aber man darf niemanden ‹dumm› nennen.»
Ich kenne den Blick in Izzys Augen. Das ist eine Diskussion, die ich nicht gewinnen kann. Deshalb zucke ich mit den Schultern und drehe mich zu Jasmin um.
«Deinen Bauch verdankst du eurem letzten Trip nach Paris, oder?»
Sie lehnt sich im Stuhl zurück und streichelt über ihren runden Bauch, während sie Alex ansieht.
«Wir sind uns nicht ganz sicher. Aber möglich ist es auf jeden Fall, ja.»
Alex nickt lächelnd.
«Ah, Paris, Stadt der Liebe», schwärmt Izzy und sieht dabei Max an. «Wir sollten auch mal wieder nach Paris fahren.»
Max winkt ab und nimmt einen großen Schluck Bier.
«Wir haben zwei Kinder. Das reicht.»
Izzy verdreht die Augen.
«Nicht deswegen. Für uns. Wir sind schon lange nicht mehr zusammen verreist.»
Max winkt wieder ab.
«Das ganze Leben ist eine Reise. Ich mag unseren Garten. Der ist gleich hinter unserem Haus und ganz in der Nähe unseres Kühlschranks.»
Izzy stöhnt auf und verwirft ihre Hände.
«Ein Wellness-Wochenende wird wohl drin liegen, oder Max?» Lisa scheint sich wieder gefangen zu haben.
Max dreht sich zu Lisa um. «Ich habe das nie so genau verstanden. Was ist eigentlich ‹Wellness›?»
Während der Kaffee serviert wird, erklären die Frauen am Tisch sehr ausführlich, was «Wellness» ist. Ihnen zufolge bedeutet es zusammengefasst: ein schönes Zimmer in einem teuren Hotel; gutes, gesundes Essen; ein Schwimmbad, am besten eine Therme; Sauna; Massagen; diverse Pflege- und Schönheitsbehandlungen; Yoga, wenn im Angebot; Wandern, wenn es sein muss.
«Also langweilig», urteilt Max.
Izzy springt fast aus ihrem Stuhl. «Nein! Nicht langweilig, sondern die totale Entspannung und völlig belebend. Nach so einem Wochenende fühlst du dich wie neugeboren.»
Max zuckt mit den Schultern.
«Ein Wochenende im Garten mit Bier im Kühlschrank ist dann auch ‹Wellness›.»
«Männer-Wellness», kommentiert Jasmin abschätzig.
«Dann machen wir halt ein Frauen-Wochenende. Wer ist dabei?», fragt Izzy und schaut abwechselnd zu Lisa und zu Jasmin.
«Ich bin dabei», meldet sich Jasmin sofort.
Simon schaut etwas verwirrt.
«Wie meinst du das?»
«Na, ein Wellness-Wochenende würde mir guttun.»
«Bist du sicher?», wundert sich auch Robert. «Du weißt schon, dass du schwanger bist, oder?»
«Jungs, ihr habt mal wieder keine Ahnung», erklärt Jasmin mit viel Mitleid in ihrer Stimme. «Ich kann nicht in die Saune oder ein heißes Bad. Aber fein Essen, Massagen und Schönheitsbehandlungen sind gar kein Problem. Im Gegenteil. Je entspannter und wohler ich mich fühle, desto besser für die Schwangerschaft.»
Wir sehen Alex an. Der zuckt nur mit den Schultern.
«Sie hat recht. Und ich werde sowieso nicht mit ihr argumentieren.»
Jasmins gerade noch überaus freudiger und freundlicher Gesichtsausdruck weicht innert eines Wimpernschlags etwas Bedrohlichem.
«Was ich sagen wollte», ergänzt Alex sofort, «ist, dass ich mich natürlich freuen würde, wenn die zukünftige Mutter meines, unseres zweiten Kindes sich ein Wochenende lang etwas Gutes tun würde.»
Jasmin scheint noch nicht zufrieden zu sein.
Alex lächelt. «Und selbstverständlich muss sie keine Kosten scheuen, sondern sie soll alles in vollen Zügen genießen. Das Wochenende ist ein Geschenk von mir für all die Mühen, die Jasmin», er deutet auf ihren Bauch, «für uns auf sich nimmt».
Jetzt lächelt Jasmin und bedankt sich mit einem Luftkuss quer über den Tisch bei Alex.
Izzy verschränkt demonstrativ ihre Arme auf dem Tisch und starrt Max an.
Max nickt lächelnd.
«Das Wochenende ist selbstverständlich ein Geschenk von mir an dich, für all die Mühen, die du wegen mir und den Kindern auf dich genommen hast und noch auf dich nehmen wirst.»
Sie beugt sich über den Tisch und gibt Max, der ihr entgegenkommt, einen Kuss. Dabei flüstert sie ihm etwas zu, was ich aber nicht verstehe. Ich sehe nur, dass Max kurz rot anläuft und verstohlen grinst.
Noch während die zwei zusammen tuscheln, wende ich mich Lisa zu.
«Und? Gibt es für dich auch ein Wellness-Weekend?»
Sie hält einen Moment lang Blickkontakt, lächelt dann und nippt schließlich sehr genüsslich und viel zu gemütlich an ihrem Wein.
Izzy, die gehört hat, was ich gefragt habe, hat von Max abgelassen und sich in ihren Stuhl zurückfallen lassen. Sie sieht mich mit einem undefinierbaren Ausdruck an, der zwischen Bewunderung und Empörung zu schwanken scheint. Noch bevor sie etwas sagen oder mich wieder schlagen kann, antwortet Lisa.
«Ich finanziere meine Wellness-Wochenenden zurzeit selbst. Falls das deine Frage war.»
Ich zucke mit den Schultern und versuche mein Gesicht gleichgültig aussehen zu lassen. Im besten Fall vielleicht sogar ein wenig verwirrt über Lisas scheinbar unaufgefordertes Geständnis.
«Waren das also deine letzten Reisen? Wellness-Wochenenden?», frage ich und bemühe mich, meine Stimme ruhig zu halten.
Lisa grinst mich an und nimmt nochmals einen Schluck aus ihrem Glas und stellt es wieder ab.
«Na schön.» Ich lehne mich im Stuhl zurück. «Es macht mich nicht unglücklich, dass du zurzeit deine Wellness-Weekends selbst finanzierst. Es hätte hier und heute aber keinen Unterschied für mich gemacht, wenn es anders wäre.»
«Wann hätte es dann einen Unterschied gemacht?». Dabei sieht sie mir geradeaus in die Augen.
Ich zögere. «Hypothetische Frage. Ich mache von meinem Recht zu schweigen Gebrauch.»
Sie sieht mich noch einen Moment lang prüfend an. Dann nimmt sie ihr Glas wieder in die Hand.
«Ich habe schon Wellness-Weekends gemacht, ja. Aber ‹Reisen› sind das nicht für mich. Zwei oder drei Mal habe ich Strandferien gemacht. Einmal mit einem All-Inclusive-Angebot. Das war nicht so mein Fall. Meine letzten paar Reisen waren alles Städtereisen. Shopping, Shopping, Shopping, Bummeln, Sightseeing und Nachtleben.»
Ich schaue ihr zu, wie sie wieder an ihrem Wein nippt. Für jemanden, der gerade von seinen Urlauben und seinen Reisen gesprochen hat, klang das ziemlich lustlos und sehr unaufgeregt.
«Welches war die letzte Stadt, die du besucht hast?», möchte ich gern wissen, sobald Lisa ihr Glas wieder abgesetzt hat.
«Amsterdam.»
Unwillkürlich wandert mein Blick über ihre Schulter und verliert sich irgendwo über den nächsten Tischen im Restaurant.
«Du kennst Amsterdam?», höre ich Lisa fragen.
«Amsterdam. Ja. Da war ich auch schon. Eine sehr schöne Stadt. Wunderschöne Grachten. Ich war sogar im Rijksmuseum.»
Lisa zuckt mit den Schultern.
«Izzy», ich drehe mich im Stuhl zu ihr um, «ihr arbeitet doch zusammen. Seid ihr oft gemeinsam verreist?»
Sie sieht Lisa an und scheint überlegen zu müssen.
«Wir sind noch gar nie zusammen verreist, oder? Das Wellness-Weekend ist oder wäre eine Premiere.»
Lisa nickt nachdenklich.
«Höchstens geschäftlich. Aber könnte mich nicht erinnern, dass wir je zusammen gereist wären.»
«Nein», sagt Izzy enttäuscht, «wir aus dem Fünften kommen nie aus unseren Büros raus. Da habt ihr in der oberen Etage schon interessantere Jobs.»
Lisa winkt ab.
«Ach, was. Diese Geschäftsreisen werden völlig überschätzt. Vor allem kann man sich sehr selten seine Reisebegleitung selbst aussuchen.»
«Welche Städte hast du denn schon besucht?», hake ich nochmals nach.
«Ich weiß gar nicht so genau. Wien, Berlin, London, Rom, Sydney, Hongkong, New York … und natürlich Paris …» Bei «Paris» nickt sie Jasmin freundlich zu.
«Du bist ja ganz schön herumgekommen», stelle ich bewundernd fest.
«Wie Izzy gesagt hat, die meisten Städte habe ich aus geschäftlichen Gründen besucht und dann einfach ein paar Tage oder ein verlängertes Wochenende drangehängt.»
«Hat dir Wien gefallen? Ich war noch nie da.»
«In Wien war ich nur für eine Tagung. Wir haben an einem Abend das Museumsviertel besucht und diese Touristentour durch Schloss Schönbrunn gemacht.»
«Rom?»
«Da war es sehr heiß. Und ich war mit einem Geschäftspartner da, der äußerst mühsam war.»
«Albertini?», fragt Izzy dazwischen.
Lisa nickt bedeutungsvoll.
«Ich glaube, niemand in der Firma ist traurig, dass der nichts mehr mit uns zu tun hat», bestätigt Izzy.
