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Georgie Miller ist 26 und hat so einige Baustellen in ihrem Leben: Job, Männer, vielleicht mal erwachsen werden … Insgeheim wäre sie gern ein bisschen wie ihre ältere Schwester Amy, die ebenso engagiert wie unverkrampft ihre Ziele umsetzt. Doch dann ändert sich alles. Amy erkrankt schwer und bittet die Schwester, an ihrer Stelle die Liste mit Lebensträumen abzuarbeiten. Fallschirmspringen, Tinderdate, nackt im Meer baden – Georgie stellt überrascht fest, wie gut es tun kann, mutig und verrückt zu sein. Jetzt braucht sie bloß noch einen Plan, wie sie Amy ihren Lebensmut zurückgeben kann … Das rundum gelungene Debüt von Olivia Beirne war in UK ein Überraschungserfolg - völlig zu Recht: In "Georgie Miller hat einen Plan" erzählt Olivia Beirne mit unnachahmlich britischem Humor und viel Wärme die Geschichte der beiden ungleichen Schwestern Georgie und Amy, die füreinander durch dick und dünn gehen. Dass Georgie dabei nicht nur endlich ihr Leben auf die Reihe kriegt, sondern auch noch ihren Mr Right findet, wird auch Fans von humorvollen Liebesgeschichten à la Sophie Kinsella glücklich machen.
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Seitenzahl: 422
Veröffentlichungsjahr: 2021
Olivia Beirne
Roman
Aus dem Englischen von Kristina Koblischke
Verlagsgruppe Droemer Knaur GmbH & Co. KG.
Georgie Miller ist 26 und hat so einige Baustellen in ihrem Leben: Job, Männer, vielleicht mal erwachsen werden ... Insgeheim wäre sie gern ein bisschen wie ihre ältere Schwester Amy, die ebenso engagiert wie unverkrampft ihre Ziele umsetzt. Doch dann ändert sich alles. Amy erkrankt schwer und bittet die Schwester, an ihrer Stelle die Liste mit Lebensträumen abzuarbeiten. Fallschirmspringen, Tinderdate, nackt im Meer baden – Georgie stellt überrascht fest, wie gut es tun kann, mutig und verrückt zu sein. Jetzt braucht sie bloß noch einen Plan, wie sie Amy ihren Lebensmut zurückgeben kann ...
Widmung
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
Kapitel 31
Danksagung
Für Elle, meine Schwester
Amy streckt mir die Hand entgegen, und ich verziehe das Gesicht.
Nein. Bitte nicht. Bitte lass mich einfach hier liegen. Ich kann unmöglich wieder aufstehen. Und wenn ich noch einen einzigen Hampelmann machen muss, übergebe ich mich. Ganz sicher.
»Komm schon!«, ruft Amy. »Du schaffst das!«
Ich blinzle matt, während meine Lungen den letzten Rest Sauerstoff aus meinem Körper pressen wie aus einer leeren Zahnpastatube.
Wenn ausgerechnet Zumba zu meinem vorzeitigen Ableben führt, raste ich aus.
»Nein«, stoße ich hervor. »Ich kann nicht. Das ist mir zu viel. Ich gehe heim.«
Sieht sie denn nicht, dass ich gleich sterbe? Es fühlt sich an, als stünde ich kurz vor einem schweren Asthmaanfall – und ich habe nicht mal Asthma.
Mit hochgezogenen Brauen sieht Amy mich an. »Steh auf. Das ist ja peinlich.«
Vor meinen Augen tanzen dicke lilafarbene Sterne, und ich schließe die Lider. Mir geht es echt dreckig. Dabei fühlt man sich nach dem Training doch angeblich so unglaublich gut! Das ist ja wie damals, als Amy behauptet hat, man würde keinen Unterschied zwischen Weiß- und Vollkornbrot schmecken. Diesmal hat sie mir versichert, Zumba sei »total easy«.
Amy geht neben mir in die Hocke. »Jetzt komm schon, Georgia«, sagt sie, »das ist reine Kopfsache. Steh auf.«
»Nein«, sage ich, bevor ich mich bremsen kann. »Ich kann das nicht. Ich bin nicht wie du, Amy. Du kannst das einfach besser als ich. Wie immer.«
Amy beugt sich ruckartig vor und zieht mich hoch. Mit der Eleganz einer Schildkröte komme ich auf die Beine.
Verflixt, ist sie stark.
»Nein, das kann ich nicht«, sagt sie mit fester Stimme. »Ich gebe mir nur mehr Mühe. Du musst deinen Hintern hochkriegen und dein Leben in die Hand nehmen, Georgie. Ich habe es satt, dabei zuzusehen, wie die Welt an dir vorbeizieht, während du auf der Couch sitzt und X-Factor guckst.«
Entrüstet schnaube ich auf.
Das ist echt ungerecht. Ich verbringe nicht mein gesamtes Leben damit, X-Factor zu gucken. Ich meine, schließlich läuft das nur einmal im Jahr.
Schnell öffne ich den Mund, um zu protestieren, aber Amy kommt mir zuvor.
»Also stopf deine Brüste zurück ins T-Shirt …«, sie dreht sich wieder nach vorne, und ich tue es ihr widerwillig nach, »jetzt sind die Crunches dran.«
Na super.
»Hi«, sage ich, »könnten Sie mir sagen, in welchem Zimmer meine Schwester liegt? Ihr Name ist Amy Miller.«
Alles in mir verkrampft sich, als ich die Worte ausspreche. Meine Schwester liegt im Krankenhaus. Ich bin hier, um sie zu besuchen. Im Krankenhaus.
Die Dame am Empfang sieht kurz zu mir auf, dann wendet sie sich wieder ihrem Computerbildschirm zu. Während sie die Tastatur bearbeitet, starre ich sie an und versuche verzweifelt, ihrem Gesichtsausdruck irgendetwas zu entnehmen. Ich habe nicht viel Erfahrung mit Krankenhäusern. Eigentlich war ich noch nie in einem. Schließlich muss man nur ins Krankenhaus, wenn etwas nicht in Ordnung ist. Und glücklicherweise war es das immer.
Bis jetzt.
Ich werfe einen Blick auf die Uhr.
Wo ist sie? Irgendwo hier muss sie sein. Das weiß ich. Mum sagte, es wäre nicht schwer zu finden.
Die Rezeptionistin wendet ihren stumpfen Blick wieder zu mir. »Sie ist in der Ambulanz, vierter Stock.«
Ich atme hörbar aus.
»Vielen Dank«, sage ich schnell und sprinte die Treppen hoch.
Amy geht es nicht gut, und Amy geht es immer gut. Vor ein paar Wochen hat es angefangen; zuerst ein taubes Gefühl in den Fingern, sodass sie Schwierigkeiten hatte, etwas festzuhalten. Dann, letzte Woche, ist sie gestürzt. Am Tag darauf ist sie zum Arzt gefahren, um sich Blut abnehmen zu lassen, und dann konnte sie plötzlich nicht mehr richtig stehen. Sagte, sie sei zu müde. Amy ist nie zu müde für irgendetwas.
Heute sollen die Testergebnisse besprochen werden. Im Krankenhaus. Dabei muss man doch nur ins Krankenhaus, wenn etwas nicht in Ordnung ist.
Ich biege um eine Ecke und verspüre plötzlich ein seltsames Brennen in den Augen.
Amy geht es gut. Sie wird wieder gesund. Das muss sie einfach. Sie ist schon immer …
»Georgia!«
Vor Schreck springe ich zurück, als ich mit Tamal, Amys Freund, zusammenstoße. Erleichterung durchströmt mich, als ich ihn erkenne.
Sie sind noch da. Ich bin nicht zu spät.
»Tamal«, keuche ich. »Hi, entschuldige. Wo ist Amy? Ist sie okay?«
Tamals Blick wandert von meinem Gesicht zum Raum hinter mir. Ich versuche, seine Miene zu deuten, aber sie bleibt ausdruckslos.
»Sie ist da drin«, sagt er und zeigt auf die Tür in meinem Rücken.
Mit einem Kopfnicken danke ich ihm und stoße die Tür auf. Als ich eintrete, fällt mir plötzlich das Atmen schwer.
Der Raum ist in einem matten Hellgelb gestrichen, und in den Ecken stehen ein paar vereinzelte braune Stühle. Die Wände sind voller Bilder, und auf dem Boden liegen ein paar Kinderspielzeuge in einem unordentlichen Haufen. Hektisch schießt mein Blick durch den Raum, bis ich Amy entdecke, die zusammengerollt auf einem Sofa in der Ecke neben dem Fenster liegt. Schnell gehe ich zu ihr hinüber.
»Hey, Amy«, keuche ich. »Alles okay? Entschuldige, ich bin so schnell gekommen, wie ich konnte.«
Ich angele mir einen Stuhl und lasse mich fallen. Amy hebt den Kopf, um mich anzusehen, bei meinem Anblick umspielt ein Lächeln ihre Lippen.
»Hast du gut hergefunden?«, fragt sie.
Ich verdrehe die Augen. »Ja«, sage ich, »so einigermaßen.«
Natürlich erzähle ich ihr nicht, dass ich beinahe die Entbindungsstation gestürmt hätte.
Amy lächelt, verschränkt die Hände unter den angewinkelten Beinen und zieht die Knie an die Brust.
»Allerdings habe ich keine Ahnung, wo ich geparkt habe«, füge ich hinzu und sehe mich um, als könne mein Wagen mir bis hier gefolgt sein. »Ich hab das Auto einfach irgendwo stehen lassen. Ich glaube auf Parkplatz J?«
»Es gibt keinen Parkplatz J, Georgia.« Amy grinst. »Die Parkplätze hier sind nummeriert.«
Verblüfft sehe ich sie an. »Na super«, murmele ich.
Wo zum Teufel habe ich dann mein Auto abgestellt?
»Egal, ich hab den Parkschein irgendwo hier drin«, sage ich und zeige auf mein Notizbuch, das ich vor lauter Zetteln kaum noch zukriege.
Amys Blick folgt meiner Geste. »Himmel«, sagt sie. »Das Ding hast du immer noch?«
Liebevoll streiche ich mit den Fingerspitzen über den zerfledderten Einband. »Klar«, erwidere ich. »Ich weiß gar nicht, was ich machen soll, wenn es voll ist. Da ist mein ganzes Leben drin. Wahrscheinlich brauche ich es dringender als meine linke Niere.«
Amy grinst, als sie meinen Gesichtsausdruck sieht. Auch ich muss lächeln. Dann breitet sich Stille zwischen uns aus, während sie ein Stück auf dem Sofa hochrutscht und ihr Lachen erstirbt.
Unruhig nestle ich an meinem Oberteil. Als ich wieder aufblicke, merke ich, wie Amy meinem Blick ausweicht. Ihre Augen sind gerötet.
Zu meinen nächsten Worten muss ich mich zwingen. »Was haben sie gesagt?«
Meine Augen wandern über ihr Gesicht, und ich spüre, wie sich mein Magen verkrampft. Mein ganzer Körper fühlt sich an wie aus Stein.
Amy ist schon immer die Hübschere von uns beiden. Als hätte sie mir als ältere Schwester alle guten Gene weggeschnappt, sodass ich mich mit dem Rest begnügen musste. Ihr schönes, herzförmiges Gesicht wird durch den lieblichen Mund und die großen, ovalen Augen noch betont. Das kastanienbraune Haar fällt ihr in die Stirn und fließt bis hinunter auf ihren Rücken, sogar die Sommersprossen auf ihrer Nase sind hübsch. Jetzt sehe ich zu, wie sie an den Nägeln kaut. Dann holt sie plötzlich tief Luft und setzt sich gerade hin.
Mein Körper zieht sich zusammen.
»Ich habe MS.«
Ich starre sie an.
Was?
Ich weiß nicht, was das heißt. Ich weiß nicht, was das ist. Was bedeutet das?
Amy begegnet meinem Blick und lächelt, als könne sie meine Gedanken lesen. »Multiple Sklerose«, fügt sie hinzu.
Ich spüre, wie ich im Stuhl zusammensinke, meine Knochen plötzlich weich wie Spaghetti.
»Was ist das?«, frage ich.
Amy fährt sich mit den Fingern durchs Haar. Ihre Hände zittern. »Eine Krankheit, die dafür sorgt, dass meine Nerven nicht richtig funktionieren. Beziehungsweise die Hülle um die Nervenfasern oder so was. Die Signale aus meinem Gehirn kommen dann nicht mehr an. Deshalb bin ich so müde und falle ständig hin.«
»Stirbt man daran?«, platzt es panisch aus mir heraus, bevor ich mich bremsen kann, und der entsetzliche Gedanke treibt mir die Tränen in die Augen. Meine Brust schmerzt, und ich blinzle heftig, bevor ich wieder in Amys graue, wachsame Augen blicke.
Nichts ist in Ordnung. Dabei war ich mir so sicher.
Amy lächelt. »Nein«, sagt sie. »Aber es ist chronisch. Ich werde also damit leben müssen.«
»Kann man das behandeln?«
Amy legt den Kopf schief. »Bis zu einem gewissen Grad, ja.« Sie nimmt meine Hand und verschränkt ihre Finger mit den meinen. »Ich sterbe nicht, also hör auf so zu gucken, als würdest du bereits meinen Nachruf verfassen. Es ist einfach nur ein etwas anderes Leben. Das sind nun mal die Karten, die ich gekriegt habe. Ich muss versuchen, mich auf das Positive zu konzentrieren.«
Mit brennenden Augen erwidere ich Amys Blick.
»Wie schaffst du es nur, so optimistisch sein?«, frage ich mit erstickter Stimme.
Amy drückt meine Hand, auch in ihren Augen glänzen Tränen, aber sie sieht mich an. »Was bleibt mir anderes übrig?«
»Tee?«
Beim Klang von Dads Stimme schrecke ich auf. Es fühlt sich an, als säßen wir seit Stunden schweigend vor dem Fernseher, um nicht nachdenken zu müssen.
»Ich mach das.« Mum springt auf und blickt fragend im Kreis, während wir alle nicken. Sie zählt uns, bei Amy bleibt ihr Finger kurz hängen, dann verlässt sie das Wohnzimmer.
Angestrengt versuche ich, mich wieder in die Sofakissen sinken zu lassen, aber mein ganzer Körper kribbelt vor Sorge. Amy sitzt zusammengesunken im Sessel neben Tamal. Sie hat sich die Haare hinter die Ohren gestrichen und die Hände in den Ärmeln ihres übergroßen Kapuzenpullovers versteckt, in dem sie noch schmaler wirkt, als sie ohnehin schon ist.
Ihr Universitätspullover. Sie trägt ihn nur, wenn sie krank ist – also nie. Amy ist nie krank.
»Oh, guckt mal!«, lacht Dad und zeigt auf den Fernseher. »Das ist das, was Mum immer kocht!«
Unwillkürlich schaue ich zum Bildschirm, während Tamal bestätigend nickt.
»Amy«, dringt Mums Stimme aus der Küche. »Welche Milch möchtest du? Diese Hafermilch?«
Amy stützt sich auf die Armlehnen und steht auf. »Ich helfe ihr«, sagt sie.
Alle verbliebenen Augenpaare folgen Amy aus dem Raum, und ich muss gegen den Drang ankämpfen, ihr hinterherzurennen. Tamal verschränkt mit angestrengter Miene die Hände vor der Brust.
Ich nutze meine Chance und setze mich schnell in Amys leeren Sessel. Tamal sieht zu mir herüber und lächelt. Er ist zwei Jahre älter als Amy und Krankenpfleger.
»Was weißt du über MS?«, frage ich leise und werfe einen nervösen Blick Richtung Tür. »Ich konnte im Krankenhaus niemanden fragen.«
Dad schaut kurz zu uns herüber, dann wieder zum Fernseher. Er tut so, als würde er nicht zuhören. Tamals Körper verspannt sich bei meiner Frage sichtbar, sein Blick huscht kurz zu mir, dann wieder zum flackernden Bildschirm.
»Äh«, sagt er, »also, es ist eine neurologische Erkrankung …«
»Was heißt das?«, unterbreche ich ihn, während sich in mir alles vor Angst zusammenkrampft.
»Es hat etwas mit den Nerven zu tun«, sagt er. »Das Immunsystem funktioniert nicht mehr richtig. Jeder Erkrankte ist anders betroffen, für manche ist es gar nicht so schlimm. Die Hülle, die deine Nerven schützt, ist beschädigt, sodass die Fähigkeit des Körpers, auf Signale vom Gehirn zu reagieren, eingeschränkt sein kann. Es …«
»Was macht ihr da?«
Der harte Klang von Amys Stimme lässt mich zusammenzucken, als sie im Türrahmen auftaucht. Mit finsterem Blick sieht sie mich an, und ich bemerke, wie fest ihre Hand den Türgriff umklammert hält.
Schweigend blinzle ich sie an. »Ich habe nur was über MS gefragt«, murmele ich und setze mich wieder in meinen eigenen Sessel.
»Warum fragst du Tamal?«, sagt Amy vorwurfsvoll. »Warum fragst du nicht mich?«
Mein Herz setzt einen Schlag aus.
Amy saß während der gesamten Rückfahrt vom Krankenhaus schweigend im Wagen. So wie wir alle.
Ich kann sie nicht fragen, weil ich nicht will. Ich will sie nichts über ihre Krankheit fragen, weil ich nicht will, dass sie krank ist.
Das Schweigen im Raum dehnt sich aus. Aber als ich mich in der Hoffnung umsehe, Amy hätte von dem Thema abgelassen, fixieren ihre dunklen Augen mich immer noch.
»Du kannst mich fragen«, sagt sie mit fester Stimme. »Das ist keine große Sache. Du musst das nicht heimlich hinter meinem Rücken machen.«
»Ich habe nicht …«
»Hör auf, über mich zu reden.«
Ihre Stimme klingt hart, und ich spüre, wie mir die Tränen in die Augen steigen.
»So war es nicht«, bringe ich heraus.
»Georgia!«, ruft meine Mutter aus der Küche. »Kannst du mir bitte beim Tragen helfen?«
Ich stehe auf, als Amy zu Mum herumfährt, die mit zwei Tassen in der Hand im Türrahmen aufgetaucht ist.
»Ich kann dir helfen«, faucht Amy sie an. »Ich bin doch schon da.«
Mums Blick flattert nervös zu mir herüber. »Das ist schon in Ordnung, Liebes. Ein paar dieser Tassen sind wirklich voll.«
»Na und?«
Es schnürt mir die Luft ab, als Amy mich finster ansieht. Dann streckt sie die Hand aus und reißt Mum so heftig eine Tasse aus der Hand, dass das heiße Wasser über ihre Finger schwappt. Ich sehe, wie sie vor Schmerz kurz das Gesicht verzieht, aber dann reißt sie sich zusammen und läuft zu mir herüber. Ihr Arm zittert. Mit zusammengepressten Lippen stellt sie die tropfende Tasse auf den Tisch und wirft Mum einen bedeutungsvollen Blick zu.
»Siehst du?«, sagt sie bitter. »Es geht mir gut. Ich bin durchaus in der Lage, eine Tasse Tee zu tragen.« Noch einmal sieht sie mich wütend an, dann dreht sie sich um und läuft wieder Richtung Küche. »Es geht mir gut.«
Rosa, ja oder nein? Eingehende Erörterung:
PRO:
Rosa ist meine heimliche Lieblingsfarbe.
Dieser schicke Pullover aus dem Secondhandladen ist rosa, und ich würde ihn supergern tragen.
Genauso der Rock, den ich zu Weihnachten bekommen habe.
Und das Top.
Ein rosafarbener Teint ist eigentlich etwas Schönes und nichts, für das man sich schämen sollte.
Ich bin eine starke, unabhängige Frau und sollte jede Farbe tragen können, die mir gefällt, unabhängig davon, ob Amy mir gesagt hat, ich sähe »süß« aus. (Das SCHLIMMSTE Kompliment der Welt. Sie hätte genauso gut sagen können, ich sehe aus wie eine Achtjährige.)
Reese Witherspoon trägt ständig Rosa. (Nicht, dass ich ihr auch nur im Entferntesten ähnlich sehe.)
Rosa ist die Farbe des Frühlings – und alle lieben Frühling.
KONTRA:
Ich sehe aus wie Miss Piggy.
Okay, mein offizieller Arbeitstitel lautet Assistentin. Aber ich muss jede Menge Dinge erledigen, die ich nicht als Teil meines Jobs betrachte.
Zum Beispiel den Würfelzucker zu ordnen. Oder das Papier im Kopierer nachzufüllen. Oder alle Pakete der ganzen Firma anzunehmen (gut, das macht mir nicht so viel aus, ich sehe es eher als Grund, mit meiner ausgefeilten Unterschrift anzugeben).
Aber das hier geht zu weit. Das hier sollte niemand tun müssen, egal, als was er angestellt ist.
»Es tut mir leid«, antwortet die hübsche Verkäuferin und klimpert mit den Wimpern, »könnten Sie das noch einmal wiederholen?«
Puh. Bitte nicht. Das erste Mal war schon erniedrigend genug.
Ich seufze.
»Ich möchte für den siebzehnten November sieben Babytauben bestellen, bitte. Und sie müssen so weiß sein wie …«, ich werfe einen Blick in mein Notizbuch, die abgegriffenen Seiten rascheln unter meinen Fingern, »die Zähne von Rylan Clark-Neal.«
Die Verkäuferin zieht die Brauen hoch. »Wessen Zähne?«
Entschlossen lege ich das Notizbuch auf die Theke und begegne ihrem ratlosen Blick. »Ein Promi. Hat mal bei Big Brother gewonnen«, sage ich und winde mich innerlich bei jedem Wort. »Die Tauben müssen einfach weiß sein. Unfassbar, blendend weiß.« Wieder richte ich den Blick auf Biancas verschnörkelte Handschrift. »Sie will eben keine kleinen gerupften Hühnchen.«
Das Wort »Hühnchen« hat sie zwar nicht benutzt, aber für Biancas Wortwahl bin ich zu wohlerzogen. Außerdem ist es noch nicht mal elf Uhr morgens.
»Babytauben?«, wiederholt das Mädchen an der Kasse. »Wir haben nur ausgewachsene Tauben.«
Ich starre sie an. Warum ist dieses Mädchen so verdammt wenig kooperativ?
»Okay«, erniedrige ich mich weiter, »sind irgendwelche Vögel schwanger? Könnten wir sie schwängern lassen? Die Hochzeit ist in ungefähr fünf Monaten. Reicht das, um ein paar Babytauben zu … äh … machen? Auszubrüten?«
Die Peinlichkeit dieses Gesprächs mit einer mir vollkommen fremden Person lässt mich erschaudern.
Das Mädchen sieht mich mit hochgezogenen Brauen an und schlägt einen riesigen Katalog auf. Heimlich ziehe ich einen meiner geschwollenen Füße aus den Pumps und versuche meiner Frustration Herr zu werden. Ich bin weder Sekretärin noch Mädchen für alles am Set eines angesagten Films. Ich bin nicht mal eine abgebrühte Spionin, die Tauben braucht, um einen mörderischen Magier zu erledigen.
Seufzend lasse ich mich auf einen Stuhl fallen und ziehe mein Handy aus der Tasche.
Ich bin als gestaltungstechnische Assistentin bei Lemons Designs angestellt. Eigentlich bin ich eine Grafikdesignerin. Eine Grafikdesignerin. Und trotzdem habe ich die letzten sieben Monate damit verbracht, Bianca Lemons großen Tag zu planen. Ich meine, eigentlich macht mir das nichts aus. Biancas Vertrauen in mich muss ziemlich groß sein, um mir all diese Aufgaben anzuvertrauen. Immerhin ist es ihre Hochzeit. Aber ich bin seit zwei Jahren Single und habe keine Ahnung von Hochzeiten – geschweige denn davon, wie man sie organisiert.
Man muss zum Beispiel einen Pfarrer buchen. Hallo?! Ich dachte, die wären sowieso immer da.
Ich drehe mein abgewetztes Notizbuch in den Händen und bemerke eine lose Seite, die im leichten Sommerwind flattert, der durch die geöffnete Tür dringt. Dieses Notizbuch – oder Tagebuch, wie ich es gerne nenne – habe ich schon seit Jahren. Obwohl mir Amy jedes Jahr ein neues zu Weihnachten schenkt, schaffe ich es einfach nicht, mich davon zu trennen. Ich nehme es überallhin mit.
Die Verkäuferin kaut auf ihrer Unterlippe und sagt schließlich: »Okay, wir haben drei Tauben, die … weiß sind. ›Kristallweiß‹ sagen wir dazu.«
Ich beiße mir auf die Zunge.
Was für eine lächerliche Bezeichnung für eine weiße Taube, schließlich sind Kristalle durchsichtig. Wie Glas. Glasklar. Weiß doch jeder.
Mit einem tiefen Atemzug stehe ich auf.
Beruhig dich, Georgie. Dieses arme Mädchen ist nicht schuld daran, dass du den ganzen Morgen damit verbracht hast, das als Eröffnungszeremonie getarnte Affentheater von Biancas Hochzeit zu arrangieren, und das in Schuhen, in denen du kaum stehen kannst. Immerhin konntest du sie davon abbringen, auf einem Elefanten zum Kirchvorplatz zu reiten …
»Okay, super«, erwidere ich. »Ich brauche sieben, bitte.«
Das Mädchen hinter der Kasse lutscht an seinem Stift. »Wir haben aber nur drei.«
»Wo sind die anderen?«
»Die anderen?«
»Ja«, sage ich ungeduldig und stecke mein Handy zurück in die Tasche, »die anderen Tauben. Sie haben doch sicher mehr als drei Tauben?«
Wer vermietet denn bitte nur drei Tauben?
»Nein«, sagt die Kleine und schließt den Katalog, »wir haben drei. Sie können unsere drei gerne buchen, aber die anderen vier müssen Sie woanders herbekommen und hoffen, dass sie sich vertragen.«
Wie bitte?
»Sich vertragen?«, wiederhole ich.
»Ja«, grinst sie, »Tauben können ziemlich streitlustig sein.«
Streitlustig?
Na super. Genau das brauche ich für die Hochzeit – einen Schwarm kristallweißer schwangerer Tauben, die sich gegenseitig die Federn ausreißen.
Entnervt hole ich ein paar Scheine für die Anzahlung heraus und mache mich wieder auf den Weg, während ich hastig das Handy aus der Tasche ziehe.
Wo bitte kriege ich jetzt noch vier andere Tauben her? Es war schwierig genug, drei zu finden!
Vielleicht fange ich einfach ein paar im Park und mache Bianca betrunken, bevor sie freigelassen werden. Wenn ich die Viecher vorher in einen Farbeimer tunke, bemerkt sie den Unterschied nie im Leben.
Mit müden Augen starre ich auf den Bildschirm.
Wähle eines dieser Ziele aus.
Mein Blick schweift über die vier Optionen, und ich klicke einen weißen Sandstrand vor strahlend blauem Hintergrund an. Die nächste Frage lädt.
Wähle eine Torte.
Mein Magen zieht sich zusammen, als mein Blick auf vier atemberaubende Hochzeitstorten fällt.
Verdrießlich schaue ich auf mein labberiges Sandwich.
Erwachsen zu sein ist echt hart. Jeden Tag erlebe ich mein Mittagessen als gigantomanische Enttäuschung und bin auch noch selbst schuld daran. Es ist einfach nicht fair. In einer idealen Welt würde ich mir mein Mittagessen natürlich in diesem süßen kleinen Deli um die Ecke besorgen, so wie Bianca.
Durch die offene Bürotür höre ich ihr Lachen und könnte vergehen vor Ärger.
Biancas Mittagessen ist immer etwas Besonderes. Einmal ist sie sogar mit einem Salat von Wachtelei an Promofranochichititalatah hier reinmarschiert.
So klang es zumindest. Aber was auch immer es war, ich sah mich sofort dazu gezwungen, mein Käse-Schinken-Sandwich zu verstecken, damit sie mich nicht sofort feuert, weil ich so absolut uncool und durchschnittlich bin.
Ich zwinge mich zu einem großen Bissen und kaue energisch.
Noch dazu habe ich aus Versehen fettreduziertes Vollkornbrot gekauft. Mit Kernen! Dabei sind Montage für sich schon schlimm genug, auch ohne die Erkenntnis, dass man sich durch eine ganze Packung Körnerbrot essen muss, bevor man zu seinem gewohnt köstlichen Weißmehltoast zurückkehren kann. Mit Mühe schlucke ich den trockenen Klumpen hinunter, in den sich mein Sandwich verwandelt hat, und verziehe das Gesicht, als das Zeug mir fast in der Kehle stecken bleibt.
Spontan klicke ich die saftigste Schokoladentorte an, die mein Bildschirm zu bieten hat.
Normalerweise sitze ich während meiner Mittagspause nicht im Büro über einem BuzzFeed-Quiz, aber nachdem Bianca mich vier Stunden lang zu Hochzeitsvorbereitungen durch die Stadt gejagt hat, finde ich, ich habe eine Pause verdient. Auf meinem Bildschirm erscheint die nächste Frage.
Jetzt wähle eine Farbe aus.
Automatisch klicke ich auf das grüne Bild.
Normalerweise verbringe ich meine Mittagspause damit, an meinen eigenen Designs zu arbeiten.
Ich beiße noch einmal in mein Sandwich.
Denn auch wenn es nur schwer zu glauben ist, habe ich mich nicht bei Lemons Designs beworben, um Hochzeitsplanerin zu werden. Ich wollte als Designerin arbeiten – und ursprünglich dachte ich auch, genau das sei jetzt mein Job.
Mein Mauszeiger bewegt sich zum Bild eines schwarzen Labradors.
Seit ich hier bin, hat Bianca mich nicht ein einziges Mal gebeten, an irgendeinem Designprojekt mitzuarbeiten, also habe ich beschlossen, selbst etwas zu entwerfen – in meinen Mittagspausen.
Mit zusammengezogenen Brauen wende ich mich wieder dem Quiz zu, das mir gerade vier Bilder verschiedener Cocktails zur Wahl anbietet.
Mein Plan steht. Alles läuft auf den großen Pitch hinaus, der hier bei Lemons stattfindet, genau in der Woche, in der Bianca heiratet. Bianca wird von ihren Hochzeitsvorbereitungen und der anstehenden Präsentation so gestresst sein, dass sie wie ein wahnsinniger Papagei im Büro herumflattert. (Sie flattert ständig. Letzte Woche hatten wir einen Papierstau im Kopierer, und das Flattern wurde so heftig, dass ich dachte, gleich hebt sie ab und zieht über den Sommer in kühlere Gefilde.) Und dann wendet sie sich natürlich in ihrer Verzweiflung an mich und bittet mich um Hilfe. Und ich werde sie retten. Erst organisiere ich ihre perfekte Hochzeit, und dann zeige ich ihr meine Entwürfe für die Präsentation. Sie wird meine Ideen revolutionär finden, mich befördern und mich den Rest meines Lebens zum Mittagessen einladen, als Dankeschön dafür, dass ich die beste Angestellte bin, die dieses Team je gesehen hat – einschließlich Sally, der Bürostreberin, die mich wahnsinnig macht.
Nach einem abschließenden Klick auf das Bild eines hübschen kleinen Cottages spuckt BuzzFeed mein Ergebnis aus.
Du wirst im Jahr 2075 in einer kleinen Scheune in Swindon heiraten.
Entsetzt lasse ich mein Sandwich sinken.
Wie bitte?
2075? Bis dahin bin ich …
Mit angestrengter Miene rechne ich nach.
Mir bleibt der Mund offen stehen.
Dann bin ich dreiundachtzig!
Ich kann doch nicht erst mit dreiundachtzig heiraten! Da bin ich ja praktisch schon tot!
Und in einer kleinen Scheune in Swindon? Wo ist Swindon überhaupt?
Warum sollte ich überhaupt erst so spät heiraten? Was stimmt nicht mit mir? Werde ich erst mit dreiundachtzig attraktiv? Will mich bis dahin niemand?
Heiße Wut steigt in mir auf, und ich schnaube laut.
Mit diesem dummen Quizz muss irgendetwas ganz gehörig schiefgelaufen sein. Wahrscheinlich ist es Zeit für einen empörten Leserbrief:
Liebes BuzzFeed,
was zum Teufel bildest du dir eigentlich ein? Ich bin eine attraktive, starke und SEHR HEIRATSWÜRDIGE FRAU, die es auch im Alter von sechsundzwanzig Jahren durchaus wert ist, einen HERRSCHAFTLICHEN LANDSITZ und einen …
»Georgie?«
Biancas Stimme reißt mich aus meinen Rachefantasien, und ich fahre auf dem Stuhl herum, als sie das Büro betritt. Schnell schließe ich den Browser und begegne ihrem Blick.
Bianca hat Beine so dünn wie Pfeifenreiniger und apartes, tizianrotes Haar, das voluminös ihren Rücken hinunterfließt. Ihr schlanker Körper wird eingehüllt von einem violetten, knöchellangen Kleid mit hochgeschlossenem Kragen. Als sie mich mit ihren großen grünen Augen ansieht und mit den Wimpern klimpert, richte ich mich unwillkürlich gerader auf.
»Georgie«, wiederholt sie und lässt sich elegant auf Sallys Schreibtischstuhl nieder. »Ist Sally beim Mittagessen?«
Während ich nicke, fahre ich panisch mit der Zunge über meine Zähne, um eventuell feststeckende Essensreste zu entfernen.
Dieses bescheuerte Vollkornbrot. Wer backt denn bitte Brot mit Körnern? Wer will das essen? Kein Mensch ist scharf drauf, dass ihm ein Baum aus dem Mund wächst.
Geht das eigentlich?
»Aha«, sagt sie gedehnt, »hat heute Morgen alles geklappt? Konntest du alles arrangieren?«
Wieder nicke ich. »Ja«, sage ich, und mein Herz versucht, meinen Brustkorb zu sprengen.
So fühle ich mich in Biancas Anwesenheit immer. Wir könnten über das Wetter plaudern, und ich würde immer noch befürchten, gleich vor Angst ohnmächtig zu werden. Dabei ist sie eigentlich keine besonders Furcht einflößende Frau, und ihre Manieren sind tadellos, aber sie trägt eben auch Schuhe mit Pfennigabsätzen und schnipst auffordernd mit den Fingern, wenn die Rezeptionistinnen nicht schnell genug arbeiten.
Ich fürchte den Tag, an dem ihr Schnipsen mir gilt. Wahrscheinlich zerfließe ich dann auf der Stelle zu einer angstvoll bibbernden Pfütze, nur um gleich noch mal Ärger zu kassieren, weil ihre Designerschuhe nass geworden sind. Einmal hat sie mir zum Geburtstag gratuliert, als ich gar nicht Geburtstag hatte, und ich habe eine Stunde lang in der tiefen Überzeugung gelebt, dass sie irgendein perverses Psychospiel mit mir spielt. Vor lauter Angst habe ich sogar zugelassen, dass sie »Happy Birthday« für mich singt. Mittlerweile habe ich begriffen, dass sie einfach extrem verpeilt ist, aber sie denkt noch heute, dass ich im März Geburtstag habe, nicht im Dezember. Und ich glaube nicht, dass ich sie jemals korrigieren werde.
Bianca nickt. »Sehr gut«, sagt sie, »das ist wirklich sehr gut. Vielen Dank, Georgie. Hör mal, heute Nachmittag musst du noch einen Anruf für mich übernehmen, okay?«
Eifrig schlage ich mein Notizbuch auf und zücke den Stift.
Bianca lehnt sich zurück. »Ich will einfach, dass meine Hochzeit etwas ganz Besonderes wird, weißt du? Ich meine, schließlich macht man das nur einmal, oder?«
»Stimmt«, sage ich.
Angestrengt starre ich auf mein Notizbuch.
»Also«, fährt sie fort, »du musst irgendjemanden ans Telefon kriegen, ganz egal wen, denn Jonathan und ich haben beschlossen, dass wir eine echt persönliche Hochzeit wollen. Für uns persönlich, verstehst du?«
Schnell schreibe ich das Wort »persönlich« auf.
»Und wir haben angefangen, einander mit Bär-Kosenamen anzusprechen. So wie Babybär, ich liebe dich, Bärchen, kleiner Knuddelbär …«
Mein Gesicht wird tiefrot, so peinlich ist mir diese intime Information. Etwas Schlimmeres habe ich noch nie gehört. Ich werde Jonathan nie wieder mit denselben Augen betrachten können.
»Und da wäre es echt süß, finde ich, wenn als Überraschung auch ein paar Bären auftreten könnten.«
Ich erstarre.
Habe ich mich verhört?
»Wie bitte?«, murmele ich schwach.
»Du weißt schon«, fährt Bianca fort und wickelt sich eine Haarsträhne um den Finger, »vielleicht bei der Zeremonie, wenn wir zum Altar schreiten. Vielleicht könnten sie ja was singen oder so was.«
Singen?
Wie bitte?
Weiß sie, was ein Bär ist? Hält sie das Dschungelbuch für eine Tierdoku?
»Äh«, sage ich leise, »Bianca, ich weiß nicht, ob ich irgendwo singende Bären auftreiben kann. Außerdem habe ich ja gerade drei Tauben bestellt. Würden die Bären die Tauben nicht auffressen?«
Oder, viel wichtiger – würden die Bären nicht vielleicht uns auffressen? Schließlich fressen Bären Menschen, oder etwa nicht? Und Bären können auf Bäume klettern. Ich meine, das kann ich selbst nicht mal richtig!
Ich öffne und schließe den Mund wie ein unterbelichteter Fisch.
Bianca wedelt mit dem Arm durch die Luft. »Na ja, dann muss eben ein Tierwärter dabei sein, oder was weiß ich. Das ist doch alles eine Frage der Organisation, Georgie.«
Während ich sie noch anstarre, steht Bianca schon wieder auf.
»Bianca«, sage ich noch einmal, »ich weiß wirklich nicht, wie …«
Lässig lehnt sie sich an den Rahmen der Bürotür und zieht die Augenbrauen hoch. »Ja, ich weiß, es ist eine Herausforderung, aber deshalb bitte ich ja gerade dich darum, okay? Klar ist es kompliziert, aber ich meine, wenn Beyoncé so etwas für ihre Hochzeit wollte, würde sie es ja auch bekommen, oder? Warum also ich nicht? Wenn Beyoncé etwas haben kann, dann kann ich das auch.«
Blinzelnd starre ich sie an. Wahnsinn. So rechtfertigt sie wahrscheinlich ihr ganzes Leben.
Ich öffne den Mund, um etwas zu erwidern, aber Bianca ist schneller.
»Schau mal«, seufzt sie, »ich bin einfach total gestresst, okay? Du weißt ja, die Hochzeit ist schon in fünf Monaten.« Sie wendet sich ab, dreht sich dann aber noch einmal zu mir um. »Im Ernst«, sagt sie, »du kannst dir nicht vorstellen, wie viel Arbeit es ist, eine Hochzeit zu planen!«
Würde ich wohl damit durchkommen, wenn ich sie ermorde?
Gedankenverloren sehe ich dabei zu, wie das heiße Wasser aus dem Wasserkocher in meine Tasse fließt.
Wahrscheinlich nicht. Aber vielleicht wäre es trotzdem einen Versuch wert, immerhin müsste ich dann keine einzige Sekunde meines Tages mehr damit verbringen, Blumenarrangements auszusuchen. Als wäre mein Tag nicht schon schlimm genug gewesen, musste ich mich nämlich jetzt noch dafür einspannen lassen, eine PowerPoint-Präsentation über Biancas Blumenvorstellungen zu erstellen, damit sie sie Jonathan vorführen kann, wenn er von seiner Geschäftsreise zurückkommt.
Ich meine, hallo?! Was für ein Mensch zeigt seinem Verlobten denn eine PowerPoint-Präsentation über Blumenarrangements?
Seufzend kippe ich eine doppelte Portion Zucker in meinen Tee.
Vielleicht könnte ich sie dazu zwingen, auszuwandern. Sie unter dem Vorwand, sie wäre als Hauptrednerin zu einem Vortrag auf einer internationalen Hochzeitsmesse eingeladen, in ein Flugzeug nach Australien setzen und dann »vergessen«, den Rückflug zu buchen.
Wobei ich eigentlich selbst gerne mal nach Australien fliegen würde. Dann wäre es wohl eine bessere Idee, mir selbst ein Ticket zu buchen und sie hierzulassen. Aber wie würde ich …
»Georgia?«
Ich spähe hinter der Kühlschranktür hervor und entdecke Sally. Mit einer Körpergröße von fast eins achtzig wirkt Sally wie eine übernervöse Stabheuschrecke. Ihr dunkler Bob unterstreicht die kantigen Wangenknochen, und wenn sie Stress hat, treten ihre großen Augen aus den Höhlen. Also eigentlich immer.
Mit einem tiefen Atemzug und unter Zuhilfenahme all meiner schauspielerischen Fähigkeiten schaffe ich es, Haltung anzunehmen.
»Hi, Sally«, sage ich, »wie läuft dein Tag?«
Sally sieht mich an, als hätte ich sie gerade etwas über ihren aktuellen Menstruationszyklus gefragt.
»In Ordnung«, antwortet sie knapp. »Konntest du das mit den Papageien regeln?«
Ich unterdrücke ein Lachen. Papageien? Glaubt sie, Bianca heiratet auf der Black Pearl?
Wobei, wenn das hieße, Orlando Bloom wäre mit an Bord, wäre ich sofort dabei.
»Die Tauben?«, frage ich unschuldig. »Ja, habe ich.«
Sally hat immer das Bedürfnis, meine Arbeit noch einmal zu überprüfen. Einmal habe ich mir den Spaß erlaubt, ihr zu erzählen, ich hätte aus Versehen statt einhundert »vorzügliche Schokoladenherzen« einhundert »anzügliche Schokoladenkerzen« bestellt, woraufhin Sally beinahe einen Asthmaanfall und ich fast eine schriftliche Verwarnung bekommen hätte – seitdem habe ich meine Lektion gelernt.
Und habe verstanden, dass Sally eben einen Stock im Arsch und das gesamte Büro den Humor eines feuchten Taschentuchs hat.
»Tee?« Mit einer ruckartigen Kopfbewegung deutet Sally auf meine Tasse.
»Ja«, antworte ich. »Möchtest du auch einen?«
»Nein.«
»Okay.«
So redet Sally immer. Wie ein sexuell frustrierter Generalstabskommandant. Ständig sagt sie Dinge wie »jawohl« oder »auf meinen Befehl«, und ich habe dauernd das Bedürfnis, ihr heimlich eine Schlaftablette in den dreifachen Espresso zu werfen.
Auf meinem Weg aus der sargförmigen Küche muss ich mich an Sally vorbeiquetschen, die mich aus ihren hervorquellenden Augen anblinzelt. Schaudernd laufe ich die Treppe hoch, als ich Natalie entdecke.
»Hey«, lächle ich, »wie geht es dir?«
Natalies karamellfarbenes Gesicht ist wie immer tadellos geschminkt, und sie hat sich das dichte Haar zu einem Zopf geflochten, der ihr lang über den Rücken fällt. Ihre humorvollen Augen stecken hinter coolen, eckigen Brillengläsern, und sie grinst mich an. Das tut sie immer, wenn sie mich sieht.
Natalie arbeitet in der Finanzabteilung, also fällt es mir nicht schwer, auf sie zu hören, wenn sie behauptet, eine dritte Flasche Wein zu bestellen sei eine vernünftige Investition. Auch wenn wir das schon länger nicht mehr getan haben.
»Ja, alles okay«, grinst sie und blickt über meine Schulter zu Sally, die wie ein prämenstrueller Fasan an uns vorbeistürmt. »Was machst du heute Abend? Sollen wir was trinken gehen? Ich brauche dringend ein Gegenmittel für Tabellenkalkulation.«
Ich drücke die heiße Tasse fest gegen meine Brust. »Ich kann heute Abend nicht«, sage ich, »ich muss für Amy kochen. Tut mir leid«, füge ich hinzu, »ich lasse sie einfach gerade nicht gerne allein.«
Für den Bruchteil einer Sekunde verrät Natalies Gesicht ihre Enttäuschung. »Kein Stress«, sagt sie dann, »sag Bescheid, wenn du mal einen freien Abend hast.«
Ich lächle ihr zu und laufe die Treppe hoch. »Das mache ich.«
To-do-Liste:
Tina an die Stromrechnung erinnern!!!! (Am besten, wenn sie einen Kater hat, sodass sie nicht wegrennen kann.)
Für Amy Lasagne machen.(Unmöglich. Wie zum Teufel macht man Béchamelsoße? Gibt’s die auch im Karton?)
Sieben Tauben auftreiben. (Bianca. Unwichtig. Hochzeit ist erst in einer Ewigkeit.)
Neue Designs entwerfen?
Wäsche waschen. (Keine Hosen mehr, dringend.)
Dad anrufen.
Ich drücke mir eine großzügige Portion Shampoo in die Handfläche, und meine Augen werden groß, als ich die violette Flüssigkeit betrachte, die aus der Flasche quillt.
Himmel, das sieht aber teuer aus. Wer hätte gedacht, dass Tina einen so exquisiten Geschmack hat? Ich sollte wirklich mal rausfinden, was sie arbeitet. Wie kann sie sich so ein Shampoo leisten, während ich mit Mühe und Not die Miete zahlen kann?
Die Flasche gibt ein lautes, nicht salonfähiges Geräusch von sich, und ich schnappe vor Schreck nach Luft.
Oh nein, ist das Zeug jetzt etwa leer? Ich wollte es wirklich nicht aufbrauchen. Ich wollte es doch nur mal ausprobieren, einen kleinen Spritzer, damit mein eigenes Shampoo noch bis zum Monatsende reicht.
Peinlich berührt starre ich auf die Wand unseres feuchten, grauen Badezimmers und versuche, nicht das Gesicht zu verziehen, als mein Blick auf die Schimmelflecken fällt, die sich in den Ecken gebildet haben. Und auf die losen Fliesen, die jedes Mal anfangen zu wackeln, wenn in der Wohnung über uns der Trockner angeschaltet wird.
Ich hätte nie gedacht, mal an einem Ort wie diesem zu leben. Als ich den Job bei Lemons gefunden hatte, war mir klar, dass ich ausziehen muss. Schließlich konnte ich nicht für immer zu Hause wohnen bleiben. Aber zu behaupten, dass ich tatsächlich auf das vorbereitet gewesen wäre, was man sich mit einem Gehalt am Existenzminimum in London leisten kann, wäre gelogen. Amy wohnt noch bei unseren Eltern, um Geld für eine Eigentumswohnung zu sparen. Sie war schon immer die vernünftigere Tochter.
Tina habe ich online gefunden. Sie hat erzählt, ihre letzte Mitbewohnerin hätte einfach ihre Sachen gepackt und sei abgehauen. Also ließ sie mich entsprechend bereitwillig bei sich einziehen. Ich musste nicht mal einen Vertrag unterschreiben. Anfangs hielt ich mein streichholzschachtelgroßes Zimmer und unsere feuchte Küche noch für gemütlich. Sogar die Tatsache, dass das Sofa im Wohnzimmer durchgesessen war und fragwürdige Flecken aufwies, die ich erst für einen Teil des Musters gehalten hatte, störte mich nicht. Aber dann erzählte Tina, sie hätte das Ding auf dem Sperrmüll gefunden, und mir fehlte das Geld, um es reinigen zu lassen. Dann habe ich den Schimmel unter meiner Matratze entdeckt. Und dann die Ratte.
Mit langsamen Bewegungen massiere ich mir das Shampoo ins Haar und versuche das Gefühl aufkommender Panik zu ignorieren. Natürlich klaue ich meiner Mitbewohnerin sonst nicht das Shampoo. Aber weil die Mietzahlung in Elephant and Castle, unserem angesagten Stadtteil, jedes Mal mein Konto leer räumt, habe ich manchmal keine große Wahl.
Amy ist die Einzige, die mich je hier besucht hat. Meine Eltern lasse ich hier nicht rein. Ich will nicht, dass sie sehen, wie ich lebe.
Ich stelle mich wieder unter das warme Wasser und lasse das Shampoo an meinem Körper hinabfließen.
Oh, wow, riecht das Zeug gut.
Wenn es wenigstens stinken würde. Dann hätte ich nicht so ein schlechtes Gewissen. Aber stattdessen riecht es nach einer köstlichen Mischung aus Rosen und Lavendel und …
Ich zucke zusammen, als es plötzlich an der Tür klopft.
»Georgia?«, erklingt Tinas Stimme. »Georgia?«
Oh, nein. Ich bin ertappt! Kann sie das Shampoo riechen? Kann sie irgendwie spüren, dass ich sie beklaut habe? Und jetzt will sie mich zur Rede stellen, ganz sicher. Und ich bin nackt! Und … igitt! Ich habe Shampoo im Auge!
Schnell stecke ich den Kopf wieder unter die Dusche, um es auszuspülen.
Der Fluch des gestohlenen Shampoos!
»Georgia!«, dringt Tinas schrille Stimme durch die Badezimmertür.
»Ja?«, rufe ich panisch, während ich mir das Auge reibe.
Heiliges Kanonenrohr, was ist denn da drin? Säure? Es fühlt sich jedenfalls an wie Säure. Vielleicht ist es das auch. Vielleicht ist das hier gar kein Shampoo, und Tina hat ihre Flasche mit Haarentferner gefüllt, um zu beweisen, dass ich sie bestehle.
Hilfe! Wie konnte ich nur so dumm sein?
»Bist du bald fertig?«, ruft Tina von draußen. »Ich gehe aus und will mir vorher die Zähne putzen.«
Mit beiden Händen fasse ich mir an den Kopf und spüre, wie mein Körper sich etwas entspannt.
Dem Himmel sei Dank. Ich glaube, meine Haare sind alle noch da. Das Letzte, was ich jetzt brauche, ist eine Glatze als Strafe, meine Mitbewohnerin bestohlen zu haben. Wie sollte ich das jemals jemandem erklären?
Ich schaffe es, mein brennendes Auge zu öffnen, und drehe das Wasser ab.
»Ja«, rufe ich nach draußen, »nur noch eine Sekunde.«
Hastig klettere ich aus der Dusche und wickle meinen dampfenden, pinken Körper in mein feuchtes Handtuch. Ich greife nach einer Haarsträhne und schnuppere wild daran, während mein Blick schuldbewusst auf die leere Shampooflasche am Boden der Dusche fällt.
Verdammt, meine Haare riechen wirklich nach ihrem Shampoo. Sie wird sofort Bescheid wissen. Kann ich das Ganze irgendwie als Witz verpacken? Wird sie es lustig finden? Tina und ich haben kaum mehr als vier Sätze miteinander gesprochen, seit wir zusammenwohnen. Vielleicht sieht sie das alles ganz gelassen. Vielleicht wache ich aber morgen früh auch mit einem abgeschnittenen Pferdekopf im Bett auf. Beide Optionen sind gleichermaßen denkbar.
Schnell schnappe ich mir den Rest meiner Sachen und öffne die Badezimmertür. Warmer Dampf dringt in den Flur, und Tina wedelt mit der Hand vor dem Gesicht herum.
»Entschuldige«, sage ich und versuche, so schnell wie möglich an ihr vorbeizuschlüpfen.
»Oh!«, ruft Tina und dreht sich nach mir um. »Du riechst aber gut!«
Wie angewurzelt bleibe ich stehen.
»Äh …«, sage ich schwach und wende mich ihr zu, »danke.«
Tina sieht mich an, und ich blicke mich hektisch um. Weiß sie Bescheid?
»Gehst du aus?«, fragt sie und zeigt auf mein Handtuch.
»Nein«, sage ich schnell, während der warme Dampf um mich herum verfliegt und die Standardtemperatur unserer Eiskellerwohnung mir wieder Gänsehaut macht. »Na ja, ich fahre über das Wochenende zu meiner Schwester. Hast du heute etwas Besonderes vor?«
Tina blinzelt und blickt nach unten auf ihr Handy.
»Ja«, sagt sie, »ich ziehe mit den Mädels um die Häuser. Bis Weihnachten feiert offenbar an jedem Wochenende irgendwer Geburtstag!«
Sie lacht laut, und ich sehe sie an. Bis auf ein paar vereinzelte Abende mit Natalie gehe ich kaum noch aus. Seit ich arbeite, habe ich eine Art Alltagsroutine entwickelt. Und sie gefällt mir. Ich bin glücklich damit.
»Ach«, sage ich, »das klingt doch super.« Mit einer Hand halte ich mein Handtuch fest und drehe mich langsam wieder in Richtung meines Zimmers. »Dann viel Spaß heute Abend.«
»Danke!«, ruft Tina aus dem Badezimmer. »Dir auch!«
»Danke«, murmele ich und schließe meine Schlafzimmertür mit dem Fuß, »werde ich haben.«
»Wir hätten ein Taxi rufen sollen.«
Mein Blick wandert zwischen meiner Mutter und Amy hin und her, während ich in der Sonne an der Haltestelle lehne und ein leichter Wind meine Haare zerzaust.
»Wir können kein Taxi rufen«, sagt Amy und blickt verärgert auf den Verkehrsinfarkt auf der Straße vor uns. »Heute ist Spieltag.«
Ich spanne die Hände an und versuche, den brennenden Schmerz in meinen Ellbogen zu ignorieren, während die Griffe der Einkaufstaschen in meine Finger schneiden. Es fühlt sich an, als würden mir jeden Moment die Arme abfallen.
Verdammte Scheiße, sind diese Taschen schwer. Warum sind die so schwer?
»Wir hätten uns doch von eurem Vater abholen lassen sollen«, murmelt Mum mit zusammengebissenen Zähnen. »Wir hätten einfach warten können.«
»Dad hätte noch über eine Stunde gebraucht!«, gibt Amy zurück. »Wir hätten nicht eine ganze Stunde im Supermarkt rumsitzen können! Wir nehmen den Bus. Das ist doch nicht so schlimm.«
Morgen ist Sonntag, und Mum macht jeden Sonntag Braten für die ganze Familie. Das macht sie schon, seit Amy und ich klein sind. Aber es ist das erste Mal, dass sie uns beide mit zum Supermarkt geschleppt und darauf bestanden hat, dass wir zwei Pavlova-Torten kaufen (oder auch Pavlovarhs, wie Mum sagt – offenbar gibt es einen Unterschied, und als ich sagte, ich hätte keine Ahnung, was sie von mir will, hat sie mich angesehen, als hätte ich vorgeschlagen, ein Sexspielzeug zu kaufen).
Ich stolpere nach vorn, als eine Gruppe übergewichtiger Männer sich hinter mir in die Menge drängt, die sich wie ein Schwarm hilfloser Sardinen um die Bushaltestelle quetscht.
Essen ist die Antwort meiner Mutter auf alles. Egal, ob man etwas zu feiern hat, in Liebeskummer ertrinkt oder aufgeregt ist, sie kocht. Ich schaue auf meine prall gefüllten Tragetaschen voller Obst und verheißungsvoller Verpackungen hinunter. Auch wenn sie es niemals zugeben würde, ich weiß, was das plötzliche Auftauchen all dieser Köstlichkeiten wirklich bedeutet.
Meine Augen wandern wieder zurück zu Amy, die immer noch auf die Straße starrt, und ich verziehe das Gesicht, als hinter mir ein paar Männer zusammenstoßen und ihr Bier auf dem Gehweg verschütten.
Wir haben schon immer in Twickenham gewohnt, im Südwesten Londons. Mum, Dad und Amy leben immer noch dort, nur ich bin Anfang des Jahres weggezogen. Es ist ein wunderbarer Ort, und ich war immer sehr glücklich dort. Außer an Rugby-Spieltagen.
Dann werden die Straßen von Massen reizbarer, angetrunkener Rugbyfans heimgesucht, und wenn man auch nur einen Funken Verstand hat, schließt man die Tür ab, zieht die Vorhänge zu und lässt Toy Story in Dauerschleife laufen, bis der Schrecken vorbei ist.
Jedenfalls stellt man sich ganz sicher nicht freiwillig neben eine wachsende Horde Rugbyfans, die auf den Bus wartet.
»Vorsicht, bitte!«, faucht Mum über die Schulter einen Typen mit dem Gesicht eines Warzenschweins an, der auf uns zutaumelt. Schützend hält sie einen Arm hinter Amy und starrt finster in die Menge. Nervös blicke ich zu Amy hinüber und sehe, wie sich ihre Wangen purpurrot färben.
So gut ich kann, schiebe ich mich näher an sie heran, aber Amy sieht mich nicht an. Ich spüre, wie sich etwas in mir zusammenzieht.
Einen Monat ist es jetzt her, dass Amy ihre Diagnose bekam, und niemand redet darüber. Na ja, eigentlich stimmt das nicht ganz. Wir alle versuchen, darüber zu reden, aber Amy lässt es nicht zu. Sie antwortet nicht einmal.
Kurz treffen sich unsere Blicke, dann sehen wir beide wieder auf die überfüllte Straße. Als der Bus in Sicht kommt, spüre ich, wie die Horde Betrunkener nach vorne drängt. Die Menge johlt, und alle fangen an, sich gegenseitig über den Bürgersteig zu schubsen.
Mein ganzer Körper spannt sich an, und ich verspüre den Drang, Amy vor mich zu ziehen, damit ich sie beschützen kann. Aus dem Augenwinkel sehe ich, wie Mum hektisch den Kopf bewegt, ihre Augen sind voller Sorge.
Amy sieht nicht krank aus. Das scheint alles noch schwerer zu machen, weil niemand versucht, auf sie Rücksicht zu nehmen. Und Amy ist so stur, dass niemand auch nur auf die Idee kommt, sie könnte Hilfe brauchen.
Sie will auch keine Hilfe. Die wollte sie noch nie.
Der Bus rollt langsam an die Haltestelle, und die Menge hinter mir drängt sich zusammen, als hätte man uns plötzlich vakuumiert. Meine Schultern werden nach oben an meine Ohren gedrückt, als ein riesiger Mann mit Bierbauch mich von der Seite rammt und die Menge Richtung Bustür strömt.
Als meine Mutter einen kurzen Schrei ausstößt, blicke ich zu ihr hinüber, dann zu Amy, die sich immer noch nicht bewegt hat. Noch immer hält sie den Blick starr auf den Verkehr gerichtet, und ihr Mund bewegt sich leicht, als würde sie zählen.
Die Menge drängt vorwärts, und plötzlich spüre ich, dass Mum versucht, an mir vorbei zu Amy zu kommen.
Meine Mutter ist eine zarte Frau mit kinnlangem schwarzem Haar. Als Kleinste der Familie ist sie gerade mal knapp über eins fünfzig. Und jetzt sehe ich zu, wie sie sich an den riesigen, lauten Männern vorbeidrängt, die ihr den Weg verstellen, und das Feuer in ihrem Blick lässt mich zusammenzucken.
»Entschuldigung!«, ruft sie über den begeisterten Lärm der Menge hinweg. »Entschuldigung! Ich muss hier durch!«
Angst erfüllt meine Brust, als ich meinen Körper gegen die wartende Menge stemme und die Einkaufstaschen sich gegen die Hinterseite meiner Schenkel drücken. Ich kann Amy kaum noch sehen. Als ihr Kopf ganz in der Menge verschwindet, überfällt mich die Panik.
Ich muss zu ihr.
»Aus dem Weg!«, höre ich mich selbst rufen. »Aus dem Weg!«
Mit der Schulter drücke ich mich gegen die Rücken der Männer vor mir. Einer von ihnen stolpert zur Seite, und ich nutze meine Chance und zwänge mich durch die Lücke. Dabei spüre ich, wie eine meiner Einkaufstüten aufreißt, und meine schmerzenden Finger verkrampfen sich, als ich höre, wie der Inhalt sich auf die Straße ergießt. Mit dem nächsten Stoß schaffe ich es in die erste Reihe und will gerade vorspringen, als ich meine Mutter aufschreien höre und vor Schreck die restlichen Einkäufe fallen lasse.
Panisch sehe ich mich um, bis ich Amy erblicke, die vor der Bustür auf dem Boden liegt, Arme und Beine ausgestreckt wie eine weggeworfene Puppe. Mit Entsetzen beobachte ich, wie sie versucht aufzustehen und hilflos wieder auf den Asphalt fällt. Angst schnürt mir die Kehle zu, als ich nach vorne sprinte und Amys Ellenbogen packe. Während ich versuche, sie auf die Beine zu ziehen, höre ich meine Mutter in der Menge schreien.
»Sie ist behindert!«, brüllt sie die Männer an, und ihre Stimme erhebt sich über den Lärm. »Das Mädchen ist behindert! Sehen Sie doch mal, was Sie angerichtet haben!«
Mit aller Macht zwinge ich meine Glieder dazu, nicht zu zittern, während ich Amy nach oben ziehe. Schwach lässt sie sich gegen die Seite des Busses sinken, meine Arme liegen immer noch um ihre Hüfte.
Mums Stimme dringt noch immer schneidend durch die Menge, und ich halte Amy noch etwas fester.
»Was ist denn los mit euch?«, schreit sie. »Das ist meine Tochter! Es geht ihr nicht gut!«
»Mum!«, höre ich Amys Stimme neben meinem Ohr. Die Hitze ihres Gesichts brennt an meiner Wange. »Hör auf!«
Die angetrunkenen Männer in der ersten Reihe starren unsere Mutter verwundert an. Einer von ihnen murmelt sogar eine Entschuldigung, während die Menge durch die Tür strömt und mich neben Amy, die immer noch an der Seite des Busses lehnt, zurücklässt. Mit den Augen fixiere ich meine Mutter.
Gerade wendet sie sich von der Menge ab, und als sie Amy ansieht, verfliegt der Zorn von ihrem Gesicht. Schwer atmend tritt sie nach vorne.
»Es geht mir gut«, presst Amy hervor und starrt sie wütend an. »Es geht mir gut.«
Noch immer halte ich Amy fest umschlungen, und meine Arme brennen unter ihrem Gewicht, während die Panik mich überwältigt und mir die Luft raubt.
Amy zittert leicht, ihre Worte scheinen noch immer in der Luft zu schweben.
»Ich bin nicht behindert«, flüstert sie. »Ich bin nicht …«
Ihre Stimme erstirbt, und plötzlich muss ich sie noch fester halten.
Denn es geht ihr nicht gut. Es geht ihr ganz und gar nicht gut.
Einkaufsliste:
1 Laib Brot (klein, bin diese Woche oft bei Amy)
Obst und Gemüse (vernünftige Auswahl)
Gesunder Joghurt **KEIN!!** STRACCIATELLA ODER SCHOKOLADE!!!!!
Knabberzeug (vernünftige Auswahl)
Pizza **EINE!**
Fertiggerichte (vernünftige Auswahl)
Hühnerbrustfilets zum Angeben
»Willst du Ketchup?«
»Was?«
»Ketchup«, schreie ich, »willst du Ketchup?«
»Ja, bitte.«
Ich stelle die Flasche aufs Tablett und laufe ins Wohnzimmer unseres Elternhauses. Amy sitzt in einem der Sessel und lächelt mich an. Ihr Haar hat sie auf dem Kopf zu einem wilden Knoten gebunden, und ihre schmalen Wangen sind gerötet. Mit einer Hand reiche ich ihr ein Tablett und setze mich dann neben sie.
»Kommt irgendwas im Fernsehen?«
Amy schüttelt den Kopf und greift nach ihrer Gabel. Düster starre ich auf meinen Teller.
Ach du Schreck, das sieht ja furchtbar aus.
