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Mert ist 14, als er mit seinen beiden Freunden Salvia Divinorum raucht, um eine bewusstseinserweiternde Erfahrung zu machen. Die drei sind enttäuscht darüber,
dass es offenbar nicht wirkt.
Allerdings kommt Mert das Leben seitdem oft seltsam vor. Immer wieder befindet er sich in Situationen, ohne sich erinnern zu können, wie er dort hineingeraten ist.
Eine Geschichte über Freiheit, Tod und die Unendlichkeit.
Und über die Frage, ob es eine zweite Chance gibt.
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Seitenzahl: 147
Veröffentlichungsjahr: 2025
Für meinen Vater,
der mich liebte, als ich ihn hasste
periplaneta
Sicherheitshinweise: Lesen kann triggern, also an Dinge erinnern, die man vergessen hat und vielleicht gar nicht wissen will. Lesen bildet. Es kann die Sicht auf die Welt verändern, den Horizont erweitern und Dummheit, Einfalt und Leichtgläubigkeit stark beeinträchtigen.
Weitere Hinweise zur GPSR und zum EU-Lieferkettengesetz finden Sie unter: periplaneta.com/gpsr-eu-lieferkettengesetz/
Cornelius Back: „Gerahmte Unendlichkeit“ 1. Auflage, April 2025, Periplaneta Berlin, Edition Periplaneta
© 2025 Periplaneta – Verlag und Medien Inh. Marion Alexa Müller, Bornholmer Str. 81a, 10439 Berlin periplaneta.com – [email protected]
Alle Rechte vorbehalten. Nachdruck, Übersetzung, Vortrag und Übertragung, Vertonung, Verfilmung, Vervielfältigung, Digitalisierung, kommerzielle Verwertung des Inhaltes, gleich welcher Art, auch auszugsweise, nur mit schriftlicher Genehmigung des Verlags.
Die Handlung und alle handelnden Personen sind erfunden. Jegliche Ähnlichkeit mit realen Personen oder Ereignissen wäre rein zufällig.
Lektorat: Frank Griesheimer, Starnberg
Autorenbild: Johanna Wikete Cover: Thomas Manegold
Satz & Layout: Thomas Manegold
print ISBN: 978-3-95996-304-6 epub ISBN: 978-3-95996-305-3
Roman
periplaneta
Coming in from the Cold
(Bob Marley & The Wailers)
Real Situation
(Bob Marley & The Wailers)
Bad Card
(Bob Marley & The Wailers)
We and Dem
(Bob Marley & The Wailers)
Work
(Bob Marley & The Wailers)
Could You Be Loved
(Bob Marley & The Wailers)
Redemption Song
(Bob Marley & The Wailers)
Alle Songs enthalten im Album Uprising
von Bob Marley & The Wailers
Blaue Augen schauten mich fragend und mitleidig an. Ich begriff nicht, wie ich hierhergekommen war. Um mich herum war alles weiß. Die Kälte stach auf der Haut. Vor mir im Schnee lag Paul mit blutverschmiertem Gesicht. Seine Augen waren geschlossen. Ein Ski lag neben ihm, der andere war nirgends zu sehen. Meine Jacke bedeckte ihn. Ich musste sie ausgezogen und um ihn gelegt haben und so stand ich kurzärmlig neben meinem besten Freund im Schnee. Wieder blickte ich auf, die schönen Augen fixierten mich noch immer; ich hatte ihren Blick die ganze Zeit auf mir gespürt. Erst jetzt erkannte ich sie. Die Kapuze in den Nacken geworfen, säumten dunkle, lockige Haare ihr makelloses Gesicht. Die blauen Augen wirkten außergewöhnlich in dem kastanienfarbenen, seidig schimmernden Gesicht. Ihr Name war Mai-Lin.
Zum ersten Mal war sie mir am Tag nach jenem Nachmittag bei Alick aufgefallen, als wir den Wellnesstag seiner Mutter genutzt hatten, um Salvia Divinorum auszuprobieren. Ich bin damals zu spät zur Schule gegangen, und die Whiskys, die wir getrunken hatten, um die Enttäuschung darüber, dass das „göttliche Kraut“ bei uns nicht gewirkt hatte, hinwegzuspülen, hatten von innen gegen meine Schläfe gehämmert.
Auch sie schien zu spät zu sein. Sie lief vor mir auf den großen Eingang unserer Schule zu. Aber richtig bemerkte ich sie erst, als sie mir die Tür aufhielt. Ich wollte mich bedanken, doch als sich unsere Blicke kreuzten, wollte meine Zunge mir nicht gehorchen und ich brachte kein Wort heraus. Seitdem hatte ich gehofft, das Leben würde sie mir ein zweites Mal vor die Füße spülen. Wann immer ich sie auf dem Pausenhof sah, hoffte ich, dieser Moment würde bald kommen. Noch nie hatte mich etwas so berauscht wie dieser Moment an der Schultür. Damals schien die Zeit für mehrere Sekunden stillzustehen, und ich fing an, mir vorzustellen, was aus uns alles werden könnte. Die Zeit nahm erst wieder ihren normalen Lauf, als mir die Peinlichkeit des Moments bewusst wurde. Mit halb offenem Mund und starrem Blick stand ich ausdruckslos vor ihr und sagte nichts. Damals kannte ich noch nicht einmal ihren Namen. Aber etwas ließ mich erahnen, dass uns das Schicksal eines Tages zusammenbringen würde, und ich hoffte, dass ich dann besser darauf vorbereitet sein würde.
Mert saß auf einem roten Samtsofa in dem großen Wohnzimmer, das mit gewollten Stilbrüchen eingerichtet war. Zwischen Mert und seinen beiden Freunden stand ein Betontisch mit einer Glasplatte, der die Schwerelosigkeit von Glas und die Plumpheit von Beton auf eine gekonnte Weise verband und somit die Frage nach seiner Daseinsberechtigung zwischen den antiken Sitzmöbeln gar nicht erst aufkommen ließ.
Alick erhob sich von seinem Sessel und ging hinüber zu dem antiken Sideboard, in dessen Mitte ein moderner Plattenspieler stand. Nachdem er Uprising, die Platte, die ihm für einen solchen Moment richtig erschien, aus dem Stapel neben dem Plattenspieler herausgezogen und diese auf den Plattenteller gelegt hatte, drückte er einen Knopf und schon begann der Teller sich zu drehen. Die A-Seite schaute nach oben. Alick rückte seine Brille auf der kleinen Stupsnase zurecht. Kaum hatte er den Klangabnehmer platziert, als sich auch schon das so vertraute metallisch klingende Gitarrenintro im Wohnzimmer ausbreitete. Es war Coming in from the Cold von Bob Marley.
Die Wasserpfeife in der Hand und seine vollen Lippen fest auf die große Glasöffnung gedrückt, genoss Mert die Anspannung, die in der Luft lag. Sein linker Daumen verschloss das Luftloch auf der Rückseite der Wasserpfeife, der kleine Metalltrichter auf der gegenüberliegenden Seite war gefüllt mit Salvia Divinorum. Ein sonderbar verschmitzter Blick, der von Neugierde und Aufregung sprach, lag auf Merts Gesicht. Seine Augen waren wach und bereit. Langsam beschrieb seine Rechte eine Bewegung, die seine beiden Freunde zum Schweigen und ein Feuerzeug in Position brachte. Sattes Schweigen breitete sich aus. Das Schweigen wurde zu einer Stille, die sich über jeden Gegenstand in dem großen Zimmer legte. Sie legte sich über die drei Jungen, über die Wasserpfeife, über Sofa, Tisch und Sessel und überzog letztlich jedes noch so kleine Detail im ganzen Raum. Das Krächzen des Feuerzeugs durchbrach die Stille. Die Zeit stand still. Die Flamme kämpfte kurz, als weigere sie sich, bei dem, was folgen würde, zu helfen.
Mert begann kräftig an der Wasserpfeife zu ziehen. Die Flamme schien sich vor dem Salvia Divinorum zu verbeugen, bevor der dichte, graue Rauch anfing, Masken in der Wasserpfeife erscheinen zu lassen. Die Masken schnitten immer neue Grimassen, weitere Masken gesellten sich hinzu, kämpften mit den anderen und verdrängten sie schließlich mit neuen Grimassen, bis sich zum Schluss der anfangs durchsichtige Glaszylinder in eine kleine graue Säule verwandelt hatte. Saftiges Gurgeln des Wassers begleitete das Spektakel.
Mert, Alick und Paul waren vierzehn, als sie das erste Mal von Salvia Divinorum gehört hatten.
Mit zweiundvierzig Stunden Vorsprung war Mert der älteste von den dreien. Ein Vorsprung, den er genoss und den es bei jeder Gelegenheit zu betonen galt. Er war für sein Alter recht groß, doch zum Glück hatte er breite Schultern, sodass ihm die lächerliche Erscheinung, die vielen Jungs in seinem Alter durch plötzliche Wachstumsschübe aufgezwungen wird, erspart blieb. Die gepflegte Unordnung auf seinem Kopf, für die er jeden Morgen zwanzig Minuten aufwandte, um den Anschein zu erwecken, er sei gerade erst aus dem Bett gestiegen, erinnerte an Stroh. Kleine Grübchen und volle Lippen sorgten dafür, dass sein kantiges Gesicht mit der fein geschnittenen Nase und den braunen Augen für die meisten Leute nicht arrogant, sondern sympathisch wirkte.
Die drei kannten sich von Geburt an, waren im selben Krankenhaus zur Welt gekommen und verbrachten seither jede freie Minute miteinander. Streitigkeiten gab es kaum, die Rollen waren klar verteilt. Mert hatte das Sagen, und auf seine verrückte und neugierige Art gelang es ihm so gut wie immer, die beiden andern von seinen Ideen zu überzeugen.
Alick war es, der zu ihrer Freundschaft die Vernunft beisteuerte. Er war fürsorglich und kümmerte sich, wenn die anderen ein Problem hatten. Er kam ganz nach seinem Vater, war von dicklicher Figur und mittlerem Wuchs und seine rötlich gelockten Haare trug er meistens kurz. Seine Art, sich die viel zu große Brille zurechtzurücken, verlieh dem rundlichen Gesicht mit dem leichten Ansatz eines Doppelkinns, den Sommersprossen und den braunen Augen, von denen immer ein merkwürdiger Glanz auszugehen schien, etwas Altkluges. Alick trug jahrein, jahraus kurzärmlige Hemden, die meist falsch geknöpft waren und aus deren Ärmeln seine drallen Arme oft etwas unbeholfen hervorragten. Immer hatte er einen Witz auf den Lippen und zwar immer denselben. Und wenn er ihn erzählte, boxte er seinem Gegenüber mit der Faust auf die Schulter und begann mit den Worten „Na, kennste den schon?“, seinen Witz zu erzählen: „,Sohn, du wurdest adoptiert!’, sagt der Vater. Sagt der Sohn: ,Ich will sofort meine leiblichen Eltern kennenlernen!’ Darauf der Vater: ,Wir sind deine leiblichen Eltern. Und jetzt pack deine Sachen. Du wirst in fünf Minuten abgeholt.’”
Dann lachte er immer am lautesten über seinen eigenen Witz. Danach nahm er immer die Brille von der Nase, wischte sich eine Träne aus den Augen und säuberte anschließend seine Brille wie nebenbei an seinem Hemd, bevor er sie erneut aufsetzte. Sein Aussehen und diese Marotten hatten dafür gesorgt, dass er in den ersten Schuljahren ein Außenseiter war. Viele Außenseiter verbiegen sich, um sich anzupassen und um anderen zu gefallen. Sie verbiegen sich oft, bis sie selbst nicht mehr wissen, wer sie sind, und daran zerbrechen. Alick nicht. Er stand zu sich und kultivierte seine Marotten. Irgendwann wurde er genau dafür akzeptiert, geschätzt und geliebt.
Paul war ein Nerd. Nach außen schüchtern und zurückhaltend, liebte er die Zugehörigkeit zu dem Trio, und wenn er nicht da war, fehlte etwas. Da es für die Geschichte, die hier erzählt wird, keine Rolle spielt, wie Paul aussah, soll nur gesagt sein, dass er selbst nicht wusste, wie schön er war - eine Eigenschaft, von der die Anziehung vieler Nerds auszugehen scheint. Viele Mädchen in seiner Umgebung waren bemüht, seine Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, was ihnen leider nie gelang, da Paul für derlei Dinge keinen Blick hatte.
Paul war übrigens derjenige, der bei einer Straßenbahnfahrt von Salvia Divinorum erfahren und den anderen beiden davon berichtet hatte.
Er hatte in der Tram 25 gesessen, die sich gerade vom Rosenheimer Platz durch die Steinstraße weiter über Milch- und Metzgerstraße Richtung Kirchenstraße schlängelte, als er die schicksalhaften Worte „Salvia Divinorum“ aufschnappte. Paul fiel weder auf, dass sich die ganze Menschheitsgeschichte in diesen Straßennamen verbarg, noch konnte er wissen, dass die aufgeschnappten Wörter ihr aller zukünftiges Leben und insbesondere das von Mert prägen würden. Er hatte doch einfach nur ein Gespräch zweier älterer Mitschüler belauscht.
„Eine legale Droge“, hatten sie gesagt und so wie Paul ganz hinten in der Tram gesessen. Paul hatte sich in seinem Sitz so weit es ging zurückgelehnt, um keines ihrer Worte zu verpassen. Die Jungs, die drei, vier Jahre älter waren als Paul, hatten es bemerkt und das Thema gewechselt, sodass sich Paul mit den Wörtern „Salvia Divinorum“ und „legale Droge“ begnügen musste. Es hatte gereicht, um seine Neugierde zu wecken und Alick und Mert davon zu erzählen.
Angetan von der Idee einer neuen Erfahrung, hatte Mert Alick beauftragt, ein paar Gramm des sagenumwobenen Krautes zu besorgen. Alick hatte in den anschließenden Wochen recherchiert, um die Wirkung und die Risiken, die von dem göttlichen Salbei ausgingen, in Erfahrung zu bringen. Auf einer Internetseite hatte er schließlich den Hinweis gefunden, wo und wie er es bestellen und sich schicken lassen konnte, und hatte eine Menge bestellt, die groß genug war, um es auszuprobieren, und klein genug, um sich nicht darin verlieren zu können. Das war vor zwei Wochen gewesen. Es hatte eine ganze Woche gedauert, ehe der Postbote den Umschlag mit dem geheimnisvollen Inhalt bei den Nachbarn abgab. Da seine Mutter tagsüber arbeitete und sein Vater schon seit vielen Jahren nicht mehr bei ihnen wohnte, brauchte Alick nicht zu befürchten, seine Mutter könnte den Umschlag in die Hände bekommen. Jeden Tag war er seitdem nach der Schule voller Erwartung nach Hause gelaufen und hatte dabei nur an den Umschlag gedacht, als könne er damit die Zustellung beschleunigen. Je mehr Tage vergingen, desto größer war seine Enttäuschung, wenn er den Briefkasten leer vorfand.
Nach einer Woche war die Hoffnung aufgebraucht. An diesem Tag hatte er sich gedankenverloren von seinen Klassenkameraden verabschiedet, um den Heimweg anzutreten. Der Briefkasten, an dem der gelbe Zettel klebte, war an dem kleinen Gatter angebracht, das zur Straße zeigte. Erst als er den gelben Zettel, der den Verbleib eines Umschlags bei den Nachbarn verriet, zum zweiten Mal gelesen hatte, riss ihn eine aufregende Vorahnung aus seinen Gedanken. Der Weg zu den Nachbarn war ihm ungewöhnlich lang vorgekommen. Ständig hatte er das Gefühl gehabt, beobachtet zu werden, und je öfter er sich umgesehen hatte, desto stärker war das Gefühl geworden. Zudem hatte ihn der Gedanke gequält, die Nachbarn könnten seinem Gesicht ansehen, was der Umschlag enthielt.
Bevor er das kleine, goldene Knöpfchen drückte, über dem der Name der Nachbarn prangte, hatte er versucht, seine Gesichtszüge zu entspannen. Aber je mehr er sich darauf konzentriert hatte, unschuldig auszusehen, desto schuldiger hatte er sich gefühlt.
Er hatte geklingelt. Sein Herz hatte ihm bis zum Hals geschlagen. Als die Nachbarin endlich die Tür öffnete, hatte sie den Umschlag bereits in der Hand gehabt und ihn Alick mit einem Lächeln und mit der Bitte, er möge seiner Mutter Grüße ausrichten, übergeben. Er zwang sich, den kurzen Rückweg nicht allzu eilig hinter sich zu bringen und sich nicht ständig nach allen Seiten umzusehen. Es war zwei Uhr, als er zum Telefon griff, um Mert und Paul darüber zu informieren, dass die Bestellung eingegangen war und seine Mutter erst in drei Stunden nach Hause kommen würde.
Eine halbe Stunde später hatten die drei Freunde in Alicks Zimmer auf dem Bett gesessen und den pulverförmigen Inhalt des Beutels betrachtet. In den nächsten zwei Stunden hatten sie einen Plan geschmiedet, wie, wann und wo sie das Salvia Divinorum rauchen würden. In den darauffolgenden Tagen hatte Alick jeden Abend heimlich in den Kalender seiner Mutter geschaut und gehofft, ihren nächsten Wellnesstag zu entdecken. Als es so weit war, hatte er sofort zum Telefon gegriffen, um Paul und Mert davon zu berichten. Wie immer hatte seine Mutter die ganze Seite des Kalenders mit Blumen bemalt und mit ihrer ungeschickten und vernachlässigten Schrift, die erkennen ließ, dass auch sie seit Jahren Tastaturen den Vorzug gab, in großen Buchstaben, diagonal über die ganze Seite „Wellness“ geschrieben. Seine Mutter hatte den 7. Juni ausgewählt, einen Donnerstag, um sich in der nah gelegenen Therme zu erholen. Dieses Ritual verfolgte sie, seit sie vor vier Jahren einen beruflichen Glückstreffer gelandet hatte. Daraufhin war der Erfolg in ihrem Leben ein- und ihr Mann, Alicks Vater, aus dem gemeinsamen Haus ausgezogen.
Seitdem das Wellnessdatum feststand, hatten die drei gespannt auf diesen Tag gewartet. Es hatte keinen Streit darüber gegeben, wer die erste Wasserpfeife rauchen würde. Mert war der Älteste und der Mutigste und ihm gebührte der Anfang. Neugierig hatte Mert den Beutel mit den olivgrünen, zerriebenen Blättern betrachtet, daran gerochen und dann vorsichtig und mit ruhiger Hand den trichterförmigen Aufsatz der Wasserpfeife befüllt.
Wie erstarrt ruhte nun die graue Säule in Merts Linker. Gebannt starrten Alick und Paul in Merts Gesicht. Neugierde und Aufregung waren dort einer Konzentration gewichen, die verriet, dass Mert bereit war, seinen linken Daumen von dem Luftloch zu nehmen, um den Rauch tief in seine Lungen zu ziehen und der Glassäule ihre unschuldige Durchsichtigkeit zurückzugeben.
Ein dumpfes Zischen leitete den Vorgang ein und im Bruchteil einer Sekunde war er auch schon vorbei. Etwas schwerfällig und ungeschickt erhob sich Alick, um Mert die Wasserpfeife aus der Hand zu nehmen. Staub, der sich über Jahre in dem Sessel eingenistet hatte, wirbelte auf, und einzelne Sonnenstrahlen fingen an, in dem Zimmer zu tanzen, als seien sie das erste Mal allein unterwegs, unabhängig von der sonst einheitlichen Flut des Lichts.
Paul beobachtete seine beiden Freunde, und zum ersten Mal entdeckte er in Merts Augen einen Schleier, der Merts Innerstes vor ihm verbarg. Angst stieg in Paul auf und er wagte nichts zu sagen. Die Sonnenstrahlen sprangen zu einem Foto, das leicht gewölbt war vom Einfluss der Zeit, ungerahmt an großen, in Leder gebundenen Büchern lehnte und Alicks Mutter Ayaka als hübsches junges Mädchen zeigte. Danach sprangen sie weiter zu einer Urkunde, die mit Reißzwecken an der Wand befestigt war und zu ihrer Zeit Alicks Mutter als Klassenbeste ausgezeichnet hatte.
Die Sonnenstrahlen schienen sich durch den Raum zu jagen und Paul folgte dem Lichtspektakel mit seinen Blicken für einige Sekunden. Durch den Schleier hindurch schienen Merts Augen das Gleiche zu tun. Sie verfolgten die einzelnen Sonnenstrahlen und jedes Mal, wenn diese kurz auf etwas verharrten, schienen seine Augen und sein Blick ein Stück zu altern. Für einen Moment fixierten Merts Augen erst Paul, dann Alick, bevor sie den Sonnenstrahlen weiter folgten.
Das Zimmer, in dem sie saßen, erschien Alick plötzlich fremd. An der Wand hing ein einzelner Ski. In einem Bücherregal stand eine Marmorbüste, an deren Sockel eine kleine, silberne Tafel verriet, dass es sich um eine Abbildung Platons handelte. Die Büste erinnerte an eine umgekehrte lodernde Flamme. Alick hatte das Gefühl, als betrachtete er die Einrichtung des Wohnzimmers zum ersten Mal. Das alte Klavier mit der modernen Digitalkamera und der schönen Orchidee darauf. Der Plattenspieler. Alick hatte die Einrichtung hier im Wohnzimmer, ja im ganzen Haus, nie hinterfragt. Doch heute stimmte ihn die Spannung zwischen „antik“ und „modern“ nachdenklich.
Auf Merts Stirn hatten sich kalte Schweißperlen gebildet und auch sein T-Shirt fing an, vom kalten Schweiß nass zu werden.
Alick ging in die Küche und kam wenig später mit einem feuchten Waschlappen in der Hand zurück. Er ging um den Glastisch herum zum Sofa, beugte sich über Mert, tupfte mit dem kalten Waschlappen die Schweißperlen von Merts Stirn, legte seine breite Hand um den Hals der Wasserpfeife und entwand sie seinem Griff. Für einen Moment meinte Paul, Panik in Merts Augen ausmachen zu können, bevor dieser hustend den Rauch aus seiner Lunge stieß.
