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Hilperts Plan, mit dem Klassenfest in seiner Heimatstadt Buchholz in aller Ruhe seinen Urlaub einzuläuten, bleibt im Ansatz stecken. Kurz vor dem Treffen mit den ehemaligen Mitschülern erfährt er, dass sein bester Freund vor gut zwanzig Jahren nicht an einer selbst verabreichten Überdosis Heroin gestorben ist, sondern brutal ermordet wurde. Für den Kriminaloberrat ist es selbstverständlich, sich an der Aufklärung des Verbrechens zu beteiligen. Damit lädt er sich einiges auf die Schultern. Die Verdachtsmomente sind schwach, die Ermittlungsakte wurde längst geschreddert. Er beginnt, in seiner eigenen Historie herumzustochern, und begreift, dass an ihm in jungen Jahren viel vorbeigegangen ist. Er stößt auf Drogengeschäfte und Erpressung. Noch unsicher über die tatsächliche Todesursache seines Freundes, geschieht ein Mord an einem früheren Klassenkameraden, der seine letzten Zweifel beseitigt. Seine Urlaubsplanung wird vollends umgestoßen, als sich die Ereignisse überstürzen. Bereits in Buchholz entgeht er nur knapp einem Attentat. Dies wird nicht der letzte Mordanschlag auf ihn bleiben. Er sieht die Verantwortlichen hierfür nicht in seiner Heimatstadt. Er verlagert daher seine Ermittlungen nach Hamburg. Spätestens nach einer Morddrohung gegen den Innensenator gerät Hilpert zwischen alle Fronten.
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Seitenzahl: 732
Veröffentlichungsjahr: 2019
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet überhttp://dnb.ddb.deabrufbar.
E-Book-Ausgabe:
ISBN 978-3-89969-230-3
Copyright © 2019 by PRINCIPAL Verlag, Münster/Westf.
Print-Ausgabe:
ISBN 978-3-89969-229-7
Copyright © 2019 by PRINCIPAL Verlag, Münster/Westf.
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Umschlagfoto: © Matthias Krüttgen - Adobe Stock
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Printed in Germany
Jörg von Bargen
Geraubte Illusionen
Kriminalroman
PRINCIPAL VERLAG
Der promovierte Diplom-KaufmannJörg von Bargen
Buchholz in der Nordheide, 1998
Aufgebracht verließ er die Wohnung. Die Auseinandersetzung, die er gerade lauthals geführt hatte, hätte er sich schenken können. Sie schlug ihm nur auf den Magen und hatte kein Problem gelöst. Zu seinem Leidwesen konnte er seine Gesprächspartner nicht überzeugen. Ganz im Gegenteil, sie lehnten seine Ideen kompromisslos ab. Die Fronten hatten sich eher verhärtet. Seit zwei Tagen ging es zwischen ihnen hin und her. Er hatte die Nase von dem nutzlosen Gerede voll. Es blieb ihm nichts anderes übrig, als ohne deren Zustimmung oder zumindest Duldung aktiv zu werden. Er hatte es ihnen um die Ohren geschlagen, bevor er ging. Über die Konsequenzen machte er sich keine Gedanken. Er gehörte zu den wenigen, die wussten, wo das Teufelszeug gelagert war, das so lange sein Leben bestimmt hatte. Er hatte es geschafft, davon loszukommen, vor allem, weil ihm geholfen wurde. Vielen anderen würde es nicht gelingen, weil ihnen die permanente Unterstützung fehlte. Also musste die Zufuhr gestoppt werden. Dazu war er wild entschlossen.
Er hatte sein Moped einige Ecken entfernt von ihrem Treffpunkt in der Nähe der Hittfelder Kirche abgestellt. Ein paar Minuten Fußweg taten ihm gut. Langsam ging sein Blutdruck herunter. Es hatte zu nieseln begonnen. Der aufkommende Wind jagte ihm die Regentropfen ins Gesicht. Er dachte kurz darüber nach, den Helm aufzusetzen, den er auf den Gepäckträger geklemmt hatte, entschied sich jedoch dagegen. Etwas später hatte sich der Regen verabschiedet. Nun galt es, konzentriert zu fahren. Das Gemisch aus nasser Straße und Herbstlaub bildete einen gnadenlosen Fallstrick für ein Moped. Als er den Klecker Wald passierte, wäre er beinahe weggerutscht. Vorsichtshalber nahm er Gas weg. In der Buchholzer Innenstadt waren die Straßen frei. Er überquerte die Canteleu Brücke und nahm die Soltauer Straße, die nach Holm-Seppensen führte, allerdings mehrfach ihren Namen wechselte. Im Ort bog er in den Lohbergenweg ein. Nach einigen Hundert Metern nahm die Bebauung ab. Es begann, dunkel zu werden. Am Ortsausgang gab er Stoff. Der Regen hatte sich nicht bis Holm-Seppensen getraut. Ein Freund hatte sein Moped ordentlich auf Leistung gebracht. Er traf jetzt besser auf keinen Streifenwagen. Die hätten es sofort einkassiert. Auf beiden Seiten der Straße waren schemenhaft Bäume wahrzunehmen. Deren diffuse Schatten schienen ihn zu bedrohen. Sie beeindruckten ihn nicht wirklich. Er war kein kleines Mädchen, das pfeifend in den Keller ging, um die bösen Geister zu vertreiben. Kurz darauf verringerte er das Tempo und orientierte sich nach rechts. Der schmale Waldweg, in den er einbiegen wollte, war leicht zu übersehen, insbesondere bei einsetzender Dunkelheit. Er hatte diese Strecke oft zurückgelegt, vor allem zu einer Zeit, als er nicht genug von dem Stoff bekommen konnte. Er dealte, er konsumierte. Nunmehr hatte sich seine Einstellung dazu total geändert.
Auf der gegenüberliegenden Straßenseite stand ein verlassenes Auto. Es interessierte ihn ebenso wenig wie die aufblitzenden Scheinwerfer eines anderen Fahrzeugs, das sich ihm näherte. Er war nur von einem Gedanken beseelt: Er wollte das Zeug vernichten. Das Lager mit dem Rauschgift lag auf einer kleinen Lichtung in einer gut getarnten Erdhöhle. Es musste regelmäßig aufgefüllt werden, da das Fassungsvermögen relativ begrenzt war. Soweit er sich erinnerte, kam der Drogenkurier jeweils dienstags und donnerstags. Seit geraumer Zeit wurde über eine bessere Alternative der Unterbringung nachgedacht, dies bislang ohne Ergebnis. Die Menge reichte weder hinten noch vorne. Je häufiger das Versteck angefahren werden musste, desto größer wurde die Wahrscheinlichkeit aufzufliegen. Die Nachfrage erhöhte sich laufend. Die Gefahr der zufälligen Entdeckung war gegeben, obwohl das Versteck seit nunmehr zwei Jahren funktionierte. Ihm war klar, mit seiner Aktion mit Sicherheit nicht das Drogenproblem in der Nordheide zu lösen. Ihm ging es vielmehr darum, ein Zeichen zu setzen.
Sein Moped hatte er ein paar Meter in den Wald geschoben und es stehen lassen, als der Weg endete. Er quälte sich zu Fuß weiter. Inzwischen hatte er seine Taschenlampe eingeschaltet. Er musste höllisch darauf achten, nicht über eine der Wurzeln zu stolpern, die den Pfad zu pflastern schienen. Herunterhängende Zweige peitschten ihm ins Gesicht, als wollten sie ihn von seinem Vorhaben abbringen. Er blieb unbeirrt. Trotzdem musste er mehrmals ansetzen, bis er die richtige Stelle fand. Die Dunkelheit war der Feind seines Orientierungsvermögens. Hätte er nicht so konzentriert nach unten schauen müssen, wäre ihm vielleicht aufgefallen, sich nicht mehr allein im Wald aufzuhalten. Endlich hatte er die kleine Lichtung und damit sein Ziel erreicht. Als er die männliche Stimme vernahm, war es zu spät, sich darüber einen Kopf zu machen.
»Willst du allen Ernstes deinen blödsinnigen Plan umsetzen und unseren Stoff in alle Winde verstreuen?! Vom Junkie zum Weltverbesserer, was für eine Karriere! Das kann ich leider nicht akzeptieren. Dafür geht es um zu viel. Niemand stellt sich mir in den Weg, du am allerwenigsten!«
Durch das Dickicht, das die Lichtung umsäumte, gab es für ihn kein Entrinnen. Nach ein paar Schritten wäre er eingeholt worden. Er hätte nicht das Gespräch suchen, sondern gleich handeln sollen. Nunmehr war es zu spät. Von hinten umfassten ihn zwei kräftige Arme. Er versuchte, sich herauszuwinden. Unter Aufbietung aller Energie, die ihm verblieb, erwischte er mit dem Mund die Hand des Angreifers, die ihn festhielt. Er biss mit aller Kraft zu und schmeckte Blut. Dies blieb sein letztes Erfolgserlebnis. Eine andere Person band seinen rechten Arm ab. Er wusste, was ihm bevorstand. Dann spürte er die Spritze. Er kannte das Gefühl, wenn der Stoff zu wirken begann. Zügig schwand sein Widerstand.
Einen Tag später
Völlig verschwitzt kam Fabian Hilpert zu Hause an. Das Wetter hatte sich nicht beruhigt. Stürmische Windböen peitschten den Regen durch die Straßen. Es war typisches Herbstwetter. Niemanden würde es verwundern, käme die Sonne einige Stunden später hervor, um die Illusion zu nähren, es sich auf dem Balkon oder der Terrasse gut gehen zu lassen. Warum musste er sich einen Nachhilfelehrer aussuchen, der am anderen Ende der Stadt wohnte?! Von Sprötze bis in die Innenstadt von Buchholz hatte er auf seinem Fahrrad ordentlich zu strampeln, obwohl er gut in Form war. Der Wind war allerdings ein ernst zu nehmender Gegner, wenn er von vorne kam. Endlich bog er in die Bremer Straße ein. Damit waren seine Probleme bei Weitem nicht gelöst. Nunmehr ging es ein ordentliches Stück bergauf. Der Weg wurde umso länger, je enger man zeitlich dran war. Dann schien die Steigung einfach kein Ende zu nehmen. Er widerstand dem Ansinnen, abzusteigen. Mannhaft hielt er durch. Der Rest war anschließend unbedeutend. Jetzt, wenige Monate vor dem schriftlichen Abitur, war die Stimmung in der Familie angespannt. Nicht mehr lange und es wurde die Gretchenfrage gestellt. Dann sollte sich zeigen, ob er eine Chance hatte, mit einigermaßen akzeptablen Zensuren über die Runden zu kommen, oder besser eine Ehrenrunde drehte. Da sich das Ende der Schulzeit näherte, war sein Ehrgeiz geweckt worden – in der Nachbetrachtung ein Jahr zu spät. Die Vorzensuren waren in Stein gemeißelt. Zu seinem Glück wollte er nicht Medizin studieren. Die bisherige Harmonie in der Familie wich einem nervösen »Tust du wirklich genug?«
Nach dem Mittagessen gab es eine längere Diskussion mit seinen Eltern. Insbesondere seinem Vater passte die Musik nicht, die er mit Schulkameraden in einer Band machte. Dabei ging es nicht um die Tatsache als solche, sondern vielmehr um die wertvolle Zeit, die er dafür investierte. Seine Mutter hielt sich eher zurück. Er war ihr einziges Kind. Egal, was er anstellte, sie stand wie eine Eins hinter ihm. An der Liebe seines Vaters gab es ebenso wenig Zweifel. Nur war der ein Stück kritischer als seine Frau. Der ließ sich nicht mit Standardfloskeln abspeisen. Ein »Es wird bestimmt gut gehen« reichte ihm nicht. Ein klassischer Vater-Sohn-Konflikt fand bei ihnen trotzdem nicht statt. Das änderte sich unter Umständen, sollte er das Abi verhauen. An die große Karriere als Musiker glaubte er längst nicht mehr. Dennoch ließ er sich seine Musik von niemandem nehmen. Bevor er seine Fender Stratocaster in die Ecke stellte, hätte er eher sein Elternhaus verlassen und als Straßenmusikant angeheuert. Das stand zu seinem Glück nicht an. Er war ein recht passabler Gitarrist. Spätestens nachdem er sich ein paar Aufnahmen von Jimi Hendrix angehört hatte, begriff er, wo er stand, nämlich weit weg von dessen Genialität. Seine Gesangskünste reichten gerade aus, um im Hintergrund mitsummen zu dürfen. Das galt zu ihrem Leidwesen nicht nur für ihn. Seit Bestehen ihrer Band waren sie auf der Suche nach einem ordentlichen Sänger. Dies bislang ohne nennenswerten Erfolg. Dabei war ihnen das Geschlecht gleichgültig. Am ehesten konnten sie Jens vorzeigen. Hilperts Künste als Komponist und Texter mussten auch nicht groß erwähnt werden. Somit kam er künftig nicht um einen mehr oder minder konventionellen Beruf herum. Damit hatte er sich längst abgefunden. Er hatte in seinem Hinterkopf eine völlig andere Idee ausgebrütet, was er nach dem erfolgreichen Schulabschluss machen wollte. Bislang sprach er außer mit seinem Freund Jens mit niemandem darüber. Ein Jurastudium kam für ihn in keinem Fall infrage. Mit dieser Entscheidung würde er seine Mutter beizeiten überraschen müssen. Es war ihr Traum, ihm eine Anwaltspraxis einzurichten. Diese hätte sie stolz vor ihren Freundinnen präsentieren können. Diese Freude würde er ihr nehmen. Er dachte nie ernsthaft darüber nach. Zu seinem Leidwesen hatte er bisher die geeignete Gelegenheit verpasst, um ihr diese Botschaft mitzuteilen. Geeignete Anlässe gab es genug. Gescheitert war er bisher am fehlenden Mut. Seiner Mutter etwas zu versagen, war eine herausfordernde Aufgabe. Das bekam nicht einmal sein Vater auf die Reihe.
Mit roten Wangen und hängender Zunge kam er an diesem späten Nachmittag zu Hause an. Die Mathe-Nachhilfestunden in Vorbereitung auf das schriftliche Abitur hatten ihn eindeutig weitergebracht. Zu seinem Leidwesen dauerte es diesmal länger als geplant. Mit der Mathematik kam er gleichwohl einigermaßen zurecht. Er musste halt mehr Zeit dafür investieren als andere, begabtere Klassenkameraden. Zu Höchstleistungen würde er es in diesem Fach niemals bringen. Er durfte die Klausur nicht verhauen und musste sie zumindest mit einem Befriedigend abschließen. Deshalb war Schweiß angesagt. Ihn trieb der unbedingte Wille, das Abitur einigermaßen ordentlich über die Runden zu bringen. Nur Bestehen reichte ihm nicht. Da er nicht zu studieren beabsichtigte, war ihm der Numerus clausus relativ gleichgültig. Trotzdem warfen potenzielle Arbeitgeber einen interessierten Blick auf die Zeugnisse. Glücklicherweise verblieb ihm ausreichend Zeit bis zum schriftlichen Abitur.
Seine Mutter erwartete ihn vor dem Haus mit seinem Gitarrenkoffer in der Hand. Sie griff nach seinem Rucksack mit den Büchern, er nahm das Instrument an sich. Musik zu machen, war ihm, unabhängig von der Größe seines Talents, wichtig.
Zum Glück war der Weg von seinem Elternhaus bis zum Jugendzentrum am Rathausplatz nicht weit. Er trat kraftvoll in die Pedale und war einigermaßen pünktlich. Er war nicht der Letzte ihrer Band. Somit brauchte er sich kein schlechtes Gewissen für die Verspätung zu machen. Eine Viertelstunde nach seinem Eintreffen standen er und seine Freunde entnervt in ihrem Übungsraum. Jens Welte, ihr Schlagzeuger, fehlte nach wie vor. Somit konnten sie zum ersten Mal seit Monaten nicht rechtzeitig anfangen. Sogar als Jens voll auf Droge war, hielt er diese Termine stets ein. Sie waren wichtig für ihn. Immerhin wollten sie zum Buchholzer Stadtfest groß aufspielen. Auf ihre Fragen nach dem Grund für die Verspätung seines besten Freundes reagierte er mit einem Achselzucken. In letzter Zeit trafen sie sich seltener als sonst. Je nach Temperament reagierten die Bandmitglieder unterschiedlich. Die einen fluchten lauthals vor sich hin. Andere begaben sich in ihr Schicksal und warteten ab. Sie konnten eh nichts ändern. Fabian Hilpert hatte sich mit ihrem Bassisten, Freddy Weinschenk, in die Ecke verzogen und ließ sich von ihm Ratschläge für einige Riffs geben, die Jimmy Page von Led Zeppelin in der Originalversion wie selbstverständlich auf seiner Gitarre beherrschte. Nur schwebte der einige Lichtjahre über ihm. Ihnen fehlten eigene Stücke, mit denen sie das Publikum aufmischen konnten. Sie hatten viel Hoffnung in ihren Schlagzeuger gesetzt, der über eine überdurchschnittliche Begabung verfügte.
Zusehends wurden die jungen Leute nervöser. Der Raum stand ihnen nur zwei Stunden zur Verfügung. Danach scharrten andere Musiker mit den Hufen. Zwischendurch warf Wilhelm Selmeier, der Jugendwart, einen Blick zu ihnen hinein. Er wies mit der Hand auf die Uhr an der Wand. »Leute, ihr habt nicht mehr viel Zeit zum Üben. Die erste Stunde ist fast vorbei. Da gibt es neben euch andere, die die Welt mit ihrer Musik beglücken wollen.«
Kopfschüttelnd verließ er die frustrierten Hardrocker. Erstmals wollten sie sich auf dem Stadtfest einem breitem Publikum zeigen und bekamen ihre Proben nicht geregelt. Sein Problem sollte es nicht sein. Nicht mehr lange und es kamen die Nächsten an die Reihe. Alle hielten sich für die Größten und warteten auf den Anruf der Plattenfirma.
Was konnten die übrigen Bandmitglieder tun? Telefonisch hatten sie niemanden erreicht. Und zaubern konnten sie ebenso wenig. Langsam machte sich Frustration breit. Hilpert öffnete gerade seinen Gitarrenkoffer, um sein Instrument zu verstauen, als sich abermals die Tür öffnete. Weltes Mutter, nicht der erwartete Sohn, trat ein. Ihrem verweinten Gesicht war anzusehen, es musste etwas geschehen sein.
»Jens ist tot!«, stieß sie mit belegter Stimme hervor. »Der Arzt sagt, es war eine Überdosis.« Schluchzend hielt sie ihre Hände vors Gesicht. »Er ist diese Nacht nicht nach Hause gekommen. Vor zwei Stunden haben ihn Pilzsammler im Wald gefunden.«
Schweigend nahmen die jungen Leute die Nachricht auf. Freddy Weinschenk, der Bassist, schüttelte den Kopf. Sein Zopf wackelte im gleichen Rhythmus von links nach rechts. »Und ich dachte, er sei mit dem Stoff durch. Er hatte es mir so versprochen.«
Die Bandmitglieder griffen mit Tränen in den Augen nach ihren Instrumenten. In der alten Formation würden sie nie mehr zusammenspielen. Fabian fühlte sich, als habe ihm jemand mit der Faust ins Gesicht geschlagen. Er konnte nicht mehr klar denken. Beinahe hätte er seine geliebte Gitarre vergessen. Er wusste gar nicht, wie er nach Hause gekommen war. Seine Eltern empfingen ihn, ohne ein Wort zu verlieren. Die schlimme Nachricht hatte sie durch die stille Post erreicht. Jens und er kannten sich aus dem Kindergarten und waren seitdem unzertrennlich. Seine Drogenprobleme hatte er hingenommen und den Mund darüber gehalten. Da hielten alle Freunde wie Pech und Schwefel zusammen.
Am selben Abend suchte Hilpert die Familie des Toten in Tostedt auf. Sie bewohnten in zweiter Generation ein älteres Einfamilienhaus in der Bahnhofstraße, das sie vor einigen Jahren geerbt hatten. Es war nicht sonderlich spektakulär, das Grundstück relativ klein. Die Immobilie war bezahlt und wurde von Jens‘ Vater, der als Handwerker arbeitete, in Schuss gehalten. Ein neues Haus wäre für sie unerschwinglich gewesen. Viel mehr als Unverständnis und gemeinsame Trauer blieb ihnen nicht übrig. Der Tod war endgültig. Nichts konnte repariert oder korrigiert werden. Menschen waren keine abgestürzten Computer, die die Spezialisten wieder zum Leben erweckten.
Hamburg, 20 Jahre später
Mit stechenden Kopfschmerzen war Hilpert an diesem Morgen ins Büro gefahren. Er war spät dran. Zum Frühstück leistete er sich gerade einen Becher Kaffee. Eilig machte er sich auf den Weg. Unter anderen Umständen hätte er das Frühjahr mit deutlichen Sommertendenzen genossen. In seinem speziellen Fall musste die früh erwachte Morgensonne seinen Unmut ertragen. Sie verstärkte seine Kopfschmerzen. Die Tablette, die er sich eingeworfen hatte, benötigte ihre Zeit, bis die Wirkung einsetzte. Sein Vorgesetzter, der Leitende Kriminaldirektor Weber, konnte diesmal der mehrfach angedrohten Pensionierung nicht entrinnen. Am Vorabend hatte es die unausweichliche Abschiedsfeier gegeben. Wer es sich erlauben konnte, griff bei den alkoholischen Getränken reichlich zu. Hilpert hatte sich nicht ausgeschlossen.
Während der Fahrt ins Präsidium fragte er sich, wie es sich mit dem Restalkohol verhielt. Hätte er sich in seinem Zustand ins Auto setzen dürfen? Vermutlich nicht. Das Schicksal war auf seiner Seite und hetzte ihm keinen uniformierten Kollegen hinterher. Weber hatte sich nicht lumpen lassen. Die Alkoholvorräte schienen schier unerschöpflich. Für Hilpert waren es eher Frustgetränke. Er würde den bisherigen Vorgesetzten vermissen. Weber kam es auf die Ergebnisse der Arbeit seiner Leute an. Da drückte er manches Auge zu. Nach seiner Herzattacke vor einigen Jahren war mit seinem vorzeitigen Abschied zu rechnen. Hilpert war erwachsen und wusste, er konnte sich seine Vorgesetzten nicht schnitzen. Er hatte sich vorab entschieden, dem Nachfolger eine Chance zu geben und die Dinge ansonsten auf sich zukommen zu lassen. Damit endete seine Toleranz. Für sein Magendrücken gab es eine andere Ursache. Er hatte das zweifelhafte Vergnügen genossen, kurz mit Webers Nachfolger während der Abschiedsfeier zu reden. Darauf hätte er in der Nachbetrachtung gerne verzichtet. Es bedurfte keiner besonderen Menschenkenntnis, um zu begreifen, zwischen ihm und dem Neuen bestanden erhebliche Auffassungsunterschiede, was ihre Arbeit betraf. Hilpert hielt sie für unüberbrückbar. Dasfür den heutigen Tag anberaumte Gespräch stand somit unter keinem guten Stern.
Um den Start der Zusammenarbeit nicht zu gefährden, erschien Hilpert pünktlich im Vorzimmer des neuen Polizeidirektors. Dessen Sekretärin meldete ihn geflissentlich an. »Wenn Sie sich einen Augenblick gedulden wollen, Herr Oberrat, der Direktor ist gleich so weit.«
Er wartete exakt fünf Minuten und verabschiedete sich dann freundlich von der Frau. »Sagen Sie bitte Herrn Dr. Röhrs, ich bin in meinem Büro zu finden. Sollte er mich sprechen wollen, stehe ich gerne zur Verfügung.«
Der Start war somit gründlich versaut worden, von beiden Seiten. Der eine wollte seine Macht auskosten, der andere Selbstbewusstsein demonstrieren. Eine Viertelstunde später erreichte die Sekretärin Hilpert und signalisierte ihm, er könne nunmehr kommen.
Röhrs saß mit hochrotem Kopf an seinem Schreibtisch. Wütend fuhr er Hilpert an: »Sie sind außerstande, ein paar Minuten zu warten, während ich Wichtiges zu erledigen habe?!«
Ohne weitere Aufforderung setzte sich Hilpert auf den Besuchersessel vor dessen Schreibtisch. Er blickte sich um. Abgesehen von einzelnen privaten Bildern hatte der Weber-Nachfolger das Zimmer seines Vorgängers belassen, wie es war.
»Ich kann mich nicht erinnern, Sie aufgefordert zu haben, sich zu setzen!«, herrschte er Hilpert an.
Dieser fand es an der Zeit, zu reagieren. Der gesamte Stil passte ihm nicht. »Sie beordern mich zu einem Termin, obwohl Sie Wichtigeres zu erledigen haben, und erwarten von mir, so lange in Ihrem Vorzimmer zu warten, bis Sie ein Ohr für mich frei haben. Ich erkläre hiermit in aller Deutlichkeit, ich warte nie länger als fünf Minuten. Egal, in wessen Vorzimmer ich sitze. Ich habe einen Job zu erledigen, da verbleibt mir keine Zeit, diesen mit endloser Warterei zu vertrödeln.«
»Da werden Sie einiges im Umgang mit mir lernen müssen«, bemühte sich Röhrs, Autorität aufblitzen zu lassen. Gleichwohl fasste er sich überraschend schnell. »Ich habe jetzt keine Lust, dieses Thema zu vertiefen. Dazu finden wir in den nächsten Wochen ausreichend Zeit.«
Hilpert blieb gelassen. »Lassen wir uns überraschen.«
Nach Webers Pensionierung war Dr. Walter Röhrs wie das Kaninchen aus dem Zylinder gezaubert und nicht nur ihm vor die Nase gesetzt worden. Egal, wer auf die Nachfolge gespitzt hatte, der Neue zog an allen vorbei. Er war bislang in Niedersachsen tätig gewesen und dort mehr oder weniger abgeworben worden. Alle internen Überlegungen wurden hintangestellt. Die Politik hatte entschieden. Und die verantwortlichen Leute lebten nicht gerade gerne mit Widerspruch. Weber hatte sich auf seiner Abschiedsfeier den Staatsrat vorgeknöpft und ihm den Marsch geblasen. Dieser nahm das emotionslos zur Kenntnis. Webers Zeit war abgelaufen, sein Stellenwert tendierte gen null. Einen Vorteil hatte diese Entscheidung. Mit der Besetzung von außen wurde niemandem im Präsidium vor den Kopf gestoßen. Diejenigen, die meinten, übergangen worden zu sein, beklagten gerade mal eine Delle in ihrem Selbstbewusstsein. Immerhin konnten sie sich bei den gleichermaßen nicht berücksichtigten Kollegen ausweinen oder sich mit ihnen trösten.
Hilpert war es gleichgültig, wer Webers Position übernahm, solange er nicht gefragt wurde. Der Kriminaldirektor war augenscheinlich gut auf ihn eingestellt worden. Er musste nicht lange überlegen, wer hinter allem stand. Seine letzte Auseinandersetzung mit dem Staatsrat war auf beiden Seiten nicht vergessen. Röhrs als Retourkutsche passte zu dem Politiker. Er galt als ehrgeizig und vor allem als nachtragend. Gegen ihn war ein Elefant vergesslich wie ein dementer älterer Herr.
Hilpert nahm die Situation gelassen zur Kenntnis, solange seine Arbeitsmöglichkeiten nicht eingeschränkt oder behindert wurden. Sein Ehrgeiz fokussierte sich ausschließlich auf eine erfolgreiche Ermittlungsarbeit. Wäre er auf Karriere und Einkommen orientiert gewesen, hätte er seinen Plan B umsetzen und studieren müssen.
Röhrs hatte sich demonstrativ vorgebeugt, als er mit einer Spur Arroganz in der Stimme erneut auf ihn einredete: »Dem Vernehmen nach sollen Sie sich als Kandidat um meine Funktion bemüht haben?!«
Hilpert grinste in Richtung seines neuen Chefs. »Da sind Sie einem falschen Gerücht aufgesessen. Ganz im Gegenteil, ich stand bereits meiner letzten Beförderung mit langen Zähnen gegenüber. Letztlich wurde ich von Herrn Weber und Dr. Diercksen überredet.«
»Na, na, das klingt eher nach einer wohlformulierten Ausrede, Hilpert. Die können Sie Ihrer Freundin auf die Nase binden, nicht mir.«
Hilpert ließ sich nicht aus der Ruhe bringen. »Wenn es Ihre Überzeugung ist, dann glauben Sie daran. Meine individuelle Interessenlage hat eh keine Bedeutung im Haus.«
Es war Röhrs anzumerken, das unaufgeregte Verhalten seines Gegenübers passte ihm nicht ins Konzept. Er suchte den Nerv und bohrte ständig an der falschen Stelle. »Weshalb ich Sie zu diesem Gespräch gerufen habe: Ich werde die operative Struktur der Mordkommissionen verändern. Ich denke darüber nach, die Teams stärker zu entflechten. Soll heißen, Sie greifen künftig auf die Kollegen zu, die Ihnen von mir oder meinem Assistenten zugeteilt werden.«
Hilpert nickte überlegt zu den Worten seines Vorgesetzten. »Sie denken an eine Art chaotischer Teambildung? Nach dem Motto chaotische Lagerhaltung wie in der Wirtschaft bei der Hamburger Mordkommission?!«
»Genau, Sie haben es erfasst, Hilpert. Ich bin beeindruckt. Sie scheinen über ökonomischen Sachverstand zu verfügen.«
Der Oberrat ging nicht auf seine Bemerkung ein. »Tun Sie, was Sie nicht lassen können, Röhrs. Zu Ihrer Information: Ich werde keiner organisatorischen Veränderung zustimmen, die den Erfolg meiner Arbeit infrage stellt. Da lass ich mich lieber frühpensionieren. Sollten Personalrat und Polizeipräsident Ihrer Konzeption zustimmen, können Sie auf meine Mitarbeit verzichten.«
»Das werde ich überleben«, blieb Röhrs ungerührt. »Mitarbeiter kommen, Mitarbeiter gehen. Im Übrigen heißt es Herr Kriminaldirektor.«
»Fein, da können Sie ebenso was dazulernen. Mein Titel ist Oberrat.« Mit diesen Worten erhob sich Hilpert. »Kämpfen Sie in Ruhe für Ihre Ideen. Ich werde in den nächsten zwei Wochen meinen wohlverdienten Urlaub antreten. Danach sehen wir weiter.«
Vergeblich versuchte Röhrs Hilpert zurückzupfeifen. Die Hand am Türdrücker, wandte er sich ihm nochmals zu. »Sollten Sie Einspruch gegen meine Urlaubsplanung einlegen wollen, werde ich meinen Hausarzt kontaktieren müssen. Bei dem geht unter vier Wochen nichts. Von Reha-Maßnahmen ganz zu schweigen.« Sagte es und verließ das Büro des Kriminaldirektors. Beide begriffen eines: Sie würden auf ihre Wiedergeburt warten müssen, um gute Freunde zu werden.
Hilpert blieb nicht untätig. Er gab Röhrs eine Stunde Zeit, sich in aller Ruhe über sein Verhalten zu beschweren. Anschließend rief er den Polizeipräsidenten an. »Haben Sie diesen Flachwichser in diese Position gehievt?«, ging Hilpert ohne Ankündigung zum Angriff über.
Dr. Diercksen grinste in sich hinein. So kannte er Hilpert. Er machte aus seinem Herzen keine Mördergrube. Insbesondere das schätzte er an ihm. Zuweilen betraf es ihn. Damit hatte er leben gelernt. Ging es zur Sache, konnte er sich stets auf ihn verlassen. Allein das zählte. Hilpert müsste das Polizeipräsidium anzünden, wollte er es sich mit ihm verscherzen. In diesem Fall war er zu seinem Glück unschuldig. »Glauben Sie allen Ernstes, ich hätte diesen Mann auf dem Schirm gehabt? Aus Hildesheim sind die ersten Danksagungen bei mir dafür eingegangen, ihnen den Herrn abgenommen zu haben. Eine Kiste Champagner konnte ich gerade abbiegen.«
Hilpert beruhigte sich zusehends. »Dann kann ich Ihnen also weiterhin den Respekt entgegenbringen, der Ihnen gebührt.«
Diesmal lachte Diercksen schallend auf. »Haben Sie in letzter Zeit zu viele Comedians im TV gesehen? Ganz im Ernst, halten Sie den Ball flach. Warten wir ab, welche kruden Ideen Röhrs weiterhin ausbrütet. Setzt er seine Vorstellungen mit der chaotischen Organisation durch, benötigt er in jedem Fall eine Anordnung des Staatsrats. Und dann knallt es. Ich akzeptiere nicht jeden Mist, den das Rathaus mir vor die Haustür schiebt. Überlassen Sie es vorerst mir, mich mit dem Herrn auseinanderzusetzen. Genießen Sie in Ruhe Ihren Urlaub und erholen sich von Polizei und Politik.«
»Worauf Sie sich verlassen können. Bevor ich eines vergesse: Hat sich Röhrs gar nicht über mich beschwert?«
»Na klar, das Problem konnte ich zügig lösen. Ich habe ihm deutlich gemacht, nicht bei der englischen Polizei zu sein und dass Sie nicht sein Sergeant sind. Er hat wohl zu häufig Chief Inspector Barnaby gesehen.«
»Schade, darauf wäre ich gern allein gekommen«, zeigte sich Hilpert belustigt. Sie hatten mit Diercksen einen Polizeipräsidenten, der hinter seinen Leuten stand und nicht kuschte, wenn sich vor ihm ein Hierarch oder dessen Zögling aufbaute.
Eine Viertelstunde später räumte Hilpert in aller Gelassenheit seinen Schreibtisch auf und versammelte seine engsten Mitarbeiter um sich, um sie auf den neuen Chef einzustimmen. »Sollte Röhrs damit beginnen, stiekum seine Idee der chaotischen Organisation umzusetzen, nehmt es einfach zur Kenntnis. Ich gehe davon aus, der eine oder andere meiner Kollegen wird sich entsprechend zu wehren verstehen. Davon abgesehen bin ich nicht aus der Welt und gut über Handy oder WhatsApp zu erreichen. Geht nicht mit ihm in den Clinch. Das ist allein mein Job.« Er blickte sich in der Runde um. »Dieses Vergnügen lasse ich mir von niemandem nehmen, nicht einmal von euch.«
Lisa Kohler, seine Assistentin, brachte es anschließend im Zwiegespräch auf den Punkt. »Diesen Typen hältst du garantiert nicht lange aus und wirst deine Konsequenzen ziehen.«
»Ich vermute, gerade das ist gewollt. Diesen Mann hat mir mein persönlicher Freund, der Staatsrat, wie eine Laus in den Pelz gesetzt. Verlass dich darauf, ich werde es ihm und seinen Sendboten schwer machen. Bislang habe ich alle überlebt. Mittlerweile weiß ich, wie getrickst wird. Wie ihr wisst, bin ich lernfähig.«
»Mir scheint, der Staatsrat, dein Intimfeind, hat es diesmal intelligenter als zuvor anstellt.«
»Das mag stimmen, Lisa. Lassen wir uns überraschen. Ich freu mich auf meinen Urlaub. Und da vor allem auf das Klassenfest. Trinken wir zusammen einen Kaffee?«
Er musste nicht zum ersten Mal zur Kenntnis nehmen, wie präzise sich Lisa in seinem Inneren auskannte. Kurz darauf begriff er, sie war nicht die Einzige, die in ihm wie in einem Buch las. Albers und Stange, seine beiden Hauptkommissare, äußerten die gleichen Befürchtungen wie seine Assistentin. War er so leicht zu durchschauen? Wenigstens war eine neue Kaffeerunde fällig.
An diesem Abend grübelte er allein in der Bibliothek seines Hauses. Vor ihm dampfte eine Tasse Tee. Röhrs oder Raben, der Staatsrat, war nicht sein eigentliches Problem. Er stand sich selber im Weg. Nach wie vor spielte er mit dem Gedanken, sich ausschließlich auf seine Vermögensverwaltung zu konzentrieren und sich aus dem Polizeidienst zu verabschieden. Damit ging er seit nunmehr einem Jahr schwanger. Dieser Entscheidungsknoten hatte nichts mit seinem neuen Vorgesetzten zu tun. Den Staatsrat hielt er ebenso aus. Fakt war, Webers Nachfolge interessierte ihn zu keinem Zeitpunkt. Davon unabhängig führte er sich nicht wie ein Kind auf, das zu zetern begann, weil ihm das Spielzeug aus dem Schaufenster versagt wurde. Er war Realist. Vorgesetzte wurden nicht nach seinem Gusto ausgewählt und eingesetzt. Da kamen ganz andere Interessen ins Spiel.
Eher gelangweilt blätterte er das Abendblatt durch. Interessiert nahm er zur Kenntnis, Dr. Reinhardt, die attraktive Psychologin, die ihn für kurze Zeit bei einem zurückliegenden Fall unterstützt hatte, bot demnächst ein Symposium zum Thema Profiling an der Hamburger Uni an. Für einen kurzen Moment überlegte er, ob er daran teilnehmen sollte. Schließlich entschied er sich dagegen. Die Frau hatte ihm gefallen. Einen weiteren Nasenstüber wollte er sich nicht einfangen. Allein das Klassentreffen erinnerte ihn an seine größte Abfuhr, die die holde Weiblichkeit ihm erteilt hatte. Er würde erstmals Angela wiedersehen, die Frau, für die er sich vor mehr als zwanzig Jahren hätte vierteilen lassen. Sie war seine erste große Liebe gewesen, entschied sich jedoch für einen anderen. Ein Stück von dieser Enttäuschung war in seiner Seele hängen geblieben und ließ nicht locker. Die Gefühle für die Frau waren dennoch längst erloschen. Das galt nicht für die Traurigkeit, die er damals erfahren hatte. Dachte er über seine Erfahrungen mit Frauen nach, so fiel es ihm nicht schwer, Bekanntschaften zu machen. Nur irgendwann war‘s das. Von seiner verstorbenen Frau abgesehen funktionierten die Beziehungen nicht so recht und verfügten über eine relativ kurze Halbwertzeit. So gut es ging, versuchte er das Thema aus dem Kopf zu verbannen. Dies gelang ihm erst nach mehreren Anläufen. Er packte die wichtigsten Utensilien in seine Reisetasche. Die passende Kleidung hing in dem Reihenhaus seiner Eltern in Buchholz, das er inzwischen für seine Zwecke umgerüstet hatte.
Den Tag darauf saß er in seinem Golf und machte sich auf den Weg in die Nordheide. Der Elbtunnel war wider Erwarten frei, sodass er für den größten Teil der Strecke die A7 nehmen konnte. Die Fahrt verlief ruhig. Er ging, besser fuhr, allen Messgeräten am Straßenrand aus dem Weg. Ihn trieb nichts, also konnte er darauf verzichten, das Gaspedal bis zum Anschlag durchzutreten. Der Punktestand in Flensburg war unbefriedigend genug. Er fuhr in den letzten Jahren relativ selten nach Buchholz. Dabei liebte er die Beschaulichkeit der Stadt in der Nordheide. Standen vier Autos hintereinander vor einer Ampel, wurde das bereits in der Zeitung als unerträglicher Stau beklagt. Da er zentral wohnte, waren die meisten Wege kurz. Nicht einmal den Stadtbus musste er bemühen. Er machte es sich in seinem zweiten Zuhause gemütlich. Nach dem Tod seiner Frau, während der Geburt seiner Tochter, waren seine Eltern, ohne großes Aufheben, zu ihm nach Hamburg gezogen und hatten ihr Reihenhaus klaglos zurückgelassen. Das Gebäude strahlte den bürgerlichen Charme seiner Herkunft aus, obwohl er es vom Spitzboden bis zum Keller hatte renovieren lassen und die Nachbarscheibe dazu erworben hatte. Ein Durchbruch sorgte für ausreichend Raum. Die innerstädtische Lage ließ eine großzügige Bebauung zu, sodass man die jeweiligen Grundstücke der Reihenhausanlage als bessere Handtücher bezeichnen konnte. In Hamburg war er den Luxus pur direkt an der Elbe gewöhnt, der ihm durchaus behagte, trotzdem nicht Teil seines Ichs geworden war.
Atifete, seine Lebensgefährtin, hatte ihn vor einem halben Jahr verlassen. Sie trennten sich, weil die gegenseitige Liebe für sie nicht reichte, auf Dauer mit ihm ein Leben in Hamburg zu führen. Der Kosovo hatte sie zurückgeholt. Sie nahm in ihrem Familienclan eine Führungsposition wahr, die ihr Selbstwertgefühl erheblich aufpolierte. Sogar die Männer brachten ihr gehörigen Respekt entgegen. Sie begriffen nach kurzer Zeit, nicht an ihren ökonomischen Sachverstand heranzukommen. In einem muslimisch geprägten Land konnte sie es nicht bis ganz nach oben schaffen. Weit entfernt war sie davon jedoch nicht. Hilpert war intelligent genug gewesen, um zu begreifen, sie auf Dauer nicht halten zu können. Dafür gab es in den letzten Monaten des Zusammenseins zu deutliche Anzeichen für ihre Unzufriedenheit mit der gegebenen Situation. Er hatte sich mit ihrer Entscheidung zwangsläufig arrangieren müssen. Die gemeinsame Zeit konnte ihm eh niemand nehmen. Ihren Vorschlag, gelegentlich vorbeizuschauen und es sich gut gehen zu lassen, hatte er dankend abgelehnt. Dennoch rechnete er irgendwann mit ihrem spontanen Besuch. Atifete tat, was ihr in den Kopf kam, und fragte niemanden um Erlaubnis.
Für ihn überraschend zog sie ihr Kapital nicht aus seiner Vermögensverwaltung ab, sondern ließ es stehen. Immerhin hatte es sich auf etwa achtzig Millionen Euro angesammelt. Bei der nächsten Gesellschafterversammlung würde nicht sie ihm gegenübersitzen, sondern ihre Mutter. Die hatte die Trennung gelassen zur Kenntnis genommen. Sie kannte ihre Tochter und wusste um die Widrigkeiten ihrer Beziehung zu Hilpert. Das Loch, das sie als qualifizierte Mitarbeiterin in seine Vermögensverwaltung gerissen hatte, konnte sein Freund Thiemann mittlerweile stopfen. Sie hatten sich für eine Diplom-Volkswirtin entschieden, die einige Jahre Erfahrungen bei Goldman Sachs in London gewonnen hatte. Die Angst vor dem Brexit mit seinen nicht absehbaren Folgerungen brachte sie von London zurück nach Hamburg.
Der Termin fürs Klassenfest rückte näher. In spätestens zwei Stunden musste er sich auf die Socken machen. Ob er seine ehemaligen Mitschüler wiedererkennen würde? Ihr Abitur lag zwanzig Jahre zurück. Mit Sicherheit hinterließ das Leben bei ihnen allen seine Gebrauchsspuren. Die Zahl derer, auf die er sich freute, hielt sich in Grenzen. Sein Freund und Partner in der Vermögensverwaltung, Thiemann, hatte es vorgezogen, mit seiner neuen Lebensgefährtin seinen Urlaub in den USA zu verbringen. Andere ehemalige Klassenkameraden, auf die er gehofft hätte, waren aus unterschiedlichen Gründen verhindert. Auf Angela war er gespannt und fragte sich, ob er etwas versäumt hatte, als sie an ihm mit Lars Meinhard vorbeizog. Auf ihn konnte er dagegen gut verzichten. Dem Vernehmen nach waren sie verheiratet und hatten eine Familie gegründet. Genau, Angela bekam kurz vor dem schriftlichen Abitur ein Kind. Damit zerbarsten die letzten Rudimente seines Traums, sie zu gewinnen. Er litt einige Wochen darunter. Dennoch verflachten seine Gefühle für sie zügiger, als er befürchtet hätte. In der Nachbetrachtung vollbrachte sie eine Energieleistung, trotz Schwangerschaft und Geburt ein ordentliches Abitur hinzulegen.
Paul Seipold, ihr ehemaliger Klassenprimus, hatte alles organisiert. Zum Erstaunen aller verzichtete er seinerzeit auf eine akademische Laufbahn und vergrub sich nach seinem Informatikstudium konsequent in die EDV. In Buchholz konnte man ihn als einen der Veteranen des Internets bezeichnen. Ihn hatte Hilpert immer als Professor mit dicker Hornbrille gesehen, etwas weltfremd, jedoch wissenschaftlich auf hohem Niveau. Mit dieser Einschätzung lag er völlig daneben. Seipold bestach dem Vernehmen nach neben seiner technischen Kompetenz insbesondere als Kaufmann. Gerüchten zufolge sahnte er mit seiner Beratungsgesellschaft kräftig ab. Diverse Großkonzerne und Mittelständler zählten zu seinen Klienten. Es war ihm gegönnt.
Wen er wohl von ihrer ehemaligen Band treffen würde? Langsam steigerte sich in ihm die Spannung. An diesem Abend wollten sie sich im Lim‘s treffen. Dort hatten sie sich nach der Schule so manches Bier gegönnt. Er war inzwischen trotz mancher Vorbehalte auf die gespannt, die sich angemeldet hatten. Traurig dachte er an Jens Welte, der nicht dabei sein konnte. Er fragte sich bis heute, weshalb er an einer Überdosis starb. Sein Tod hatte ihn veranlasst, seine Fender Stratocaster an den Nagel zu hängen und keine Rockmusik mehr zu spielen. Zuweilen hatte er von diesem Schwur Abstand genommen und einige Akkorde auf der Gitarre geklimpert. Dies galt allerdings nur für besinnliche Minuten, wenn ihm danach war. Von seinen ehemaligen technischen Fähigkeiten konnte er nur mehr träumen. In jungen Jahren verging kein Tag, an dem er nicht seine Gitarre hervorgeholt und auf ihr geübt hatte.
Mit Jens verbanden ihn viele Erinnerungen, die sich bis heute bei ihm eingenistet hatten. Diese waren in den letzten Jahren verblasst, keineswegs jedoch vergessen. Jens war eindeutig der begabteste Musiker von ihnen. Er hatte in sehr jungen Jahren angefangen, auf allen Töpfen herumzutrommeln, die sich in der Küche anfanden. Seine Eltern schenkten ihm mit sieben Jahren sein erstes Schlagzeug. So konnte seine Mutter wenigstens ungestört kochen. Seine Großmutter finanzierte seine Ausbildung bei einem Trommler aus einer Hamburger Band der frühen Siebziger, die es nicht geschafft hatte, in die Hitparaden vorzustoßen. Zwei Jahre später konnte der ihm nichts mehr beibringen. Auf sein Anraten hin landete er bei einem Hamburger Musikpädagogen, der ihm den letzten Schliff gab. Irgendwann erhielt er den Spitznamen Bonham der Nordheide. Den Beweis, ob er eine Chance gehabt hätte, in dessen Sphären aufzusteigen, konnte er nicht mehr erbringen, da er gerade neunzehn Jahre alt wurde. Knapp vierzig Jahre nach seinem Tod zählte John Bonham von Led Zeppelin weiterhin zu den besten Rock-Schlagzeugern aller Zeiten, und das weltweit. Ob Jens das Niveau erreicht hätte, musste wohl bezweifelt werden. War diese Frage überhaupt relevant? Für Jens wäre sie es gewesen. Zumindest konnte sie nicht abschließend beantwortet werden. Hilpert hing traurig seinen Gedanken nach, als ihn das Läuten an der Haustür aufschreckte. Wer war über seinen Aufenthalt in Buchholz informiert?? Oder wollte ihm jemand bloß ein Zeitschriftenabonnement aufs Auge drücken oder seine Messer und Scheren schleifen? Wie sich zeigte, stand vor ihm kein ehemaliger Strafgefangener, der sich in einer Drückerkolonne verdingte, sondern eine junge Frau. Er schätzte sie auf Ende zwanzig. Volle blonde Haare umrahmten ein hübsches Gesicht mit einer kessen Stupsnase.
Sie lächelte ihn verlegen an. »Du weißt nicht mehr, wer ich bin, stimmt’s?!«, begrüßte sie ihn.
Er blickte angestrengt in ihr Gesicht. Er vermeinte, diese Frau nicht zu kennen. Krampfhaft überlegte er, ob ihm ein One-Night-Stand aus früheren Tagen gegenüberstand, die die Alimente für ihr Kind einfordern wollte. Kopfschüttelnd verwarf er diesen Gedanken. Langsam begann es ihm zu dämmern. Die blonden Haare, die Stupsnase waren das Markenzeichen seines Freundes Jens gewesen.
»Bist du Janette?«, fragte er sie unsicher.
»Der Kandidat hat 99 Punkte«, erwiderte sie erfreut.
»Komm rein«, lud er sie ein. »Ich denke, drinnen können wir uns besser unterhalten als vor der Haustür.« Ein wenig verlegen wandte er sich ihr zu. »Als ich dich zuletzt sah, warst du keine zehn Jahre alt. Jens hat dich vergöttert.«
Mit Tränen in den Augen nickte sie zu seinen Worten.
»Ich war so stolz auf meinen großen Bruder, dem besten Schlagzeuger aller Zeiten.« Sie blickte sich erstaunt um. »Hier im Haus hat sich eine ganze Menge verändert.«
»Ich habe zwei Reihenhausscheiben zusammenlegen lassen und nutze es mittlerweile als eine Art Zweitbüro und natürlich als Übernachtungsmöglichkeit, wenn ich mich in Buchholz aufhalte.«
Zu einem Bier sagte sie nicht Nein. So konnte er für den Abend vorglühen. »Was führt dich zu mir? Oder handelt es sich um einen reinen Höflichkeitsbesuch von dir?«
»Nein, nein, ich habe ein Anliegen«, erwiderte sie bestimmt. Sie griff in ihre Hängetasche und entnahm ihr einen Collegeblock. »Dies habe ich kürzlich auf dem Dachboden im Haus meiner Eltern gefunden. Ich soll übrigens von ihnen grüßen.«
»Ich habe die Tage vor, die beiden zu besuchen.«
»Das wird sie freuen.«
Er blätterte den Block oberflächlich durch. Offensichtlich hatte Jens im letzten Jahr seines Lebens Tagebuch geführt.
»Ich wollte nicht in seine Privatsphäre eindringen«, erläuterte sie ihm beinahe entschuldigend. »Dann konnte ich nicht an mich halten und hab alles gelesen, von der ersten bis zur letzten Seite. Jens war auf Entzug, wusstest du davon?«
Hilpert schüttelte den Kopf. »Im Großen und Ganzen war mir die Intensität seiner Sucht entgangen. Alles verlief nach dem Motto, jeder hat mal einen Joint geraucht. Er hat darüber wenig von sich gegeben. Und wirklich sensibel sind wir dafür nicht gewesen. Heutzutage sind wir für diese Fragen empfänglicher als vor zwanzig Jahren.«
»Also, er hat mit Dr. Kaufmann beinahe ein Jahr lang seinen Entzug durchgezogen. Der Anfang muss schrecklich gewesen sein.«
Hilpert nickte. »Jetzt fällt es mir ein, Jens war gegen Ende der zwölften Klasse mehrere Wochen in einer Klinik gewesen. Es hieß, er hätte Probleme mit den Nieren gehabt. Er war einfach verschwunden. Wir konnten ihn nicht einmal besuchen.«
»Die Klinik fand in Kaufmanns Privaträumlichkeiten statt«, klärte sie ihn auf.
Betroffen legte Hilpert das Tagebuch zur Seite. »Und er ist trotzdem rückfällig geworden. Welche Tragik.«
Sie griff nach dem Block und blätterte darin herum. »Hier, auf der vorletzten Seite steht alles, was du lesen musst. Achte auf das Datum.«
Er griff nach dem Block, unsicher darüber, worauf sie hinauswollte. »Ich verstehe. Die Eintragung hat er zwei Tage vor seinem Tod gemacht.« Er las den kurzen Text mehrmals. »Das darf nicht wahr sein. Hierin schreibt er, wie stolz er darauf war, ein Jahr clean zu sein.« Erschrocken ließ er die Unterlage auf den Couchtisch fallen. Aschfahl stand er auf und holte aus dem Eisschrank zwei neue Flaschen Bier. »Wenige Tage später setzt er sich den goldenen Schuss. Das passt hinten und vorne nicht. Außer den Vorbereitungen auf das schriftliche Abitur gab es zu der Zeit nichts Spektakuläres, das ihn hätte bewegen können, rückfällig zu werden. Einen Suizid schließe ich mal aus.« Er blickte ihr entsetzt ins Gesicht. »Es bleibt nur eine Option übrig, Jens wurde ermordet. Und niemand hat darüber nur den Bruchteil einer Sekunde nachgedacht.« Kopfschüttelnd öffnete er die Flaschen. »Wie lange verfügst du schon über sein Tagebuch?«
»Keine drei Wochen. Es dauerte seine Zeit, es bis zum Ende durchzulesen. An manchen Tagen konnte ich den Block nicht in die Hand nehmen. Zeitweise war ich wie paralysiert. Sonst hätte ich früher versucht, dich zu erreichen. Nach geraumer Zeit ging es einigermaßen. Euer Klassenfest passte letztlich wie die Faust aufs Auge.«
»Wenn du nichts dagegen hast, behalte ich vorerst das Tagebuch.«
»Wie könnte ich?! Nur, versprich dir nicht zu viel davon. Er hat es unregelmäßig geführt. Viel Aufschlussreiches wirst du darin nicht finden. Keine Hinweise auf Dealer, keine Namen von Konsumenten.«
»Das ist egal, vielleicht entdecke ich darin den einen oder anderen Anhaltspunkt auf einen potenziellen Täter. Wir stoßen zuweilen auf Fälle, deren Antwort in der Vergangenheit zu finden ist. Verdammt«, entfuhr es ihm, »kein Mensch hat sich dafür interessiert! Ich werde mich drum kümmern. Sprich mit niemandem darüber, insbesondere nicht mit deinen Eltern. Wurde Jens ermordet, lebt sein Mörder nach wie vor unter uns. Das könnte für dich gefährlich werden, bekäme er deine Rolle mit, die du in dem Fall spielst.«
»Ich halte mich zurück. Du kannst dich darauf verlassen.«
Später saß Hilpert allein über dem Tagebuch. Er war innerlich aufgewühlt. Das zweite Bier schmeckte ihm nicht mehr. Das Klassenfest hatte für ihn seine Bedeutung verloren. Es ging auf neunzehn Uhr zu. Egal, was ihn bewegte, an diesem Tag könnte er eh nichts mehr beschicken. Vorsichtshalber verstaute er den Block in seinem Bodensafe, den er im Keller hatte einbauen lassen. Er hatte eine gute halbe Stunde Zeit, bevor er ins Lim‘s gehen wollte. Aufs Auto konnte er gut und gern verzichten. Das Restaurant war keine zehn Gehminuten vom Haus seiner Eltern entfernt. Als Fußgänger war es ihm überlassen, wie viele Biere er sich gönnen wollte. Davon abgesehen hatte er nicht die Absicht, sich sinnlos zu betrinken.
Vor seiner Abreise in den Urlaub hatte ihm Helge Thiemann mehrere Unterlagen aufs Auge gedrückt, die zur Entscheidung anstanden. Er hatte sie oberflächlich durchgesehen. Darin fanden sich keine Ecken und Kanten, die er ausbügeln musste. Es ging um den Verkauf einer Wohnanlage, die er und sein Schwager privat hielten. Das letzte Angebot lag bei 60 Millionen Euro. Sie würden es annehmen und das Geld für die private Entschuldung verwenden. Eher um sich abzulenken, blätterte er das Angebot durch, ohne die Zahlen richtig wahrzunehmen. Entschlossen beendete er sein Tun. Groß umziehen musste er sich nicht. Zu seiner Jeans reichte ein Pulli. Die Slipper hatte er bereits angezogen. Abermals überraschte ihn das Läuten an der Haustür. Wollte ihn einer seiner Klassenkameraden abholen? Nur wer könnte auf diese Idee gekommen sein? Zu seinem Erstaunen stand Lars Meinhard vor seiner Haustür. Nervös trat er von einem Fuß auf den anderen.
»Lars, mit dir hab ich nicht gerechnet. Was kann ich für dich tun?«
Meinhard war nervös. Mit der Hand wischte er sich über die Stirn, bevor er zu reden begann: »Ich wollte dich vorab gesprochen haben, bevor unsere Diskussionsbeiträge durch Bier und Wein zerfleddert werden.«
Interessiert blickte Hilpert zu dem ehemaligen Klassenkameraden hinüber. Der Zahn der Zeit hatte an ihm genagt. Die Haare waren dünner geworden. Das konnte auch kein dichter Vollbart kaschieren. Zum Ausgleich dafür hatte er um die Taille herum kräftig zugelegt. Trotz Meinhards Erfolg bei Angela hatte Hilpert keine Ressentiments gegen ihn. In den vergangenen zwanzig Jahren war zu viel passiert, was weit über eine verschmähte Liebe hinausging. Er hatte anfangs versucht, in ihrer Band am Bass mitzumischen, bekam jedoch gegen Freddy Weinschenk keinen Stich. Er und Jens waren die Supertalente in ihrer Hardrock-Formation. Wurden die Stücke zu kompliziert, übernahm Freddy gelegentlich die Leadgitarre von ihm. Gegen seine Technik kam er nicht an. Es gab genug Leute, die an ihn nicht heranreichten. Das reichte ihm allemal.
Meinhard kam, ohne große Umstände zu machen, zur Sache. »Ich hätte da ein Angebot für eine Geschäftsidee an dich.« Er reichte ihm einen A4-Umschlag. »Hierin findest du die wesentlichen Ideen und Planungen. Meiner Meinung nach lässt sich damit eine Menge Geld verdienen.«
Hilpert ließ den Umschlag unberührt. »Über wie viel Kohle reden wir?«
»Um ordentlich durchzustarten, bräuchten wir etwa drei Millionen Euro.« Er grinste in seine Richtung. »Soweit ich der Presse entnehmen konnte, dürfte dieser Betrag für dich keine unüberwindbare Hürde darstellen.«
Hilpert konnte sich wie sein Gegenüber ein Lächeln nicht verkneifen. Dies war nicht das erste Mal, mit Angeboten konfrontiert zu werden. Die Leute meinten, er müsse nur an sein Sparkonto bei der Bank gehen und den entsprechenden Betrag abheben. Tatsächlich wäre es für ihn kein Problem, einen Betrag in dieser Größenordnung lockerzumachen. Dies sprach jedoch seiner Lebenseinstellung entgegen. Er war konsequent gegenüber sich und anderen im Umgang mit seinen Finanzen. Er fasste nichts an, wovon er nichts verstand. Seine Geschäftspolitik war ansonsten eindeutig definiert. Er verfügte über ein Vermögen, das er nicht selber geschaffen hatte. Es stammte von seiner Frau und ihrer Familie. Er war ihrem Andenken verpflichtet, es zusammenzuhalten und es gegebenenfalls zu mehren. Er wollte den ehemaligen Klassenkameraden nicht abwatschen, sondern gab ihm die Gelegenheit sich zu erklären. »In wenigen Sätzen, worum geht es?«
Es dauerte etwas länger. Im Prinzip wollte Meinhard mit seiner Frau eine neue App entwickeln, mit der der Anwender auf einen Blick alles in Händen hielt, vom Spitzenrestaurant bis zur Autowerkstatt, einschließlich der Navigation und der Beurteilungen der bisherigen Nutzer, soweit welche vorlagen. Je nach Interessenlage wurde das Kinoprogramm, die Speisenkarte des empfohlenen Restaurants oder die kürzeste Verbindung zum gewünschten Ziel aufgerufen. Die künftige Finanzierung sollte durch Werbebeiträge erfolgen. Die Idee mochte gut sein, sie passte nur nicht in den Rahmen seiner Tätigkeitsfelder. Und sie kam ihm nicht neu vor. Er meinte, Ähnliches bereits gesehen zu haben. Trotzdem versprach er, das Konzept zu prüfen und auf ihn zuzukommen. Sollte sich Thiemann darum kümmern, wenn er aus dem Urlaub zurück war. Er vermutete, dessen Antwort zu kennen. Hilpert spürte, Meinhard war mit seiner Entscheidung unzufrieden, obgleich sich der ehemalige Klassenkamerad zurückhielt.
Hilpert legte den Umschlag in die Schublade seines Rollboys. Nachdenklich betrachtete er Meinhard. »Erinnerst du dich an die Zeit, als Jens starb?«
Der Themenwechsel verwirrte den Angesprochenen offensichtlich. »Was soll ich dazu sagen? Sein Tod kam für alle überraschend. Er wirkte so normal auf mich. Viel besser als Monate zuvor. Du weißt selber, so dicke waren wir nicht. Über Vertrauliches haben wir nicht gesprochen. Wie kommst du gerade auf diese Angelegenheit? Jens ist seit über zwanzig Jahren tot.«
Hilpert wich aus. »Du weißt selber, die Gedanken kommen einem an einem Tag wie diesem in den Sinn.«
»Du müsstest es besser wissen als ich, Fabian. Du und Jens, ihr wart damals beste Freunde, nicht nur wenn es ums Musikmachen ging.«
»Da hast du recht. Und gerade deswegen habe ich das Gefühl, als wüsste ich nicht alles über ihn.«
»Das ist so bei den Menschen. In die Tiefen der eigenen Seele lassen sie niemanden eindringen.« Er warf einen Blick auf seine Uhr. »Ich hab Angela versprochen, sie von ihren Eltern abzuholen. Wir sehen uns.«
»Bevor du gehst, fällt mir eine Frage ein«, hielt Hilpert ihn kurz auf. »Deine Frau ist an der Entwicklung der App mit beteiligt?«
»Nicht nur das. Sie ist die Mutter des Projekts. Paul Seipold wollte sie vor nicht allzu langer Zeit abwerben. Sie ist ausgesprochen gut. Meine Stärken liegen eher im Kaufmännischen und im Vertrieb.«
Er ließ Hilpert gedankenversunken zurück. Wie war das damals, als sein Freund starb? Wieso konnte er so wenig zu den Geschehnissen beitragen? War es seine tiefe Trauer, die seinen Kopf längere Zeit beherrschte? Niemand äußerte den Verdacht, er könnte Opfer eines Mordes gewesen sein. Krampfhaft versuchte er, sich an die Geschehnisse zu erinnern, als Jens‘ Mutter sie im Probenraum aufsuchte. Alles war wie ausgelöscht. Hatte er es vergessen oder verdrängt? Die Zeit danach war grauenhaft. Und dann bekam er Wind von Angelas Schwangerschaft. Das letzte Fünkchen Hoffnung, sie zu gewinnen, zerbarst wie ein Glas, das auf den Fliesenboden fiel.
Auf dem Weg ins Lim‘s gemahnte er sich zur Disziplin. Er kannte sich gut genug. Im Zweifelsfall missbrauchte er das Klassenfest für seine Ermittlungen und zerlegte die Veranstaltung. Was sollten ihm seine Mitschüler verraten? Wer von ihnen sollte als Täter infrage kommen? Hatte jemand aus seiner Klasse mit Rauschgift gedealt und musste einen unliebsamen Zeugen aus dem Weg schaffen? Er kannte seine eigene Medizin. Auf der Suche nach Straftätern und ihren Motiven musste zuweilen an das Unmögliche gedacht werden, um an das Mögliche heranzukommen. Was konnte er zur Wahrheitsfindung beitragen? Er fühlte damals eine tiefe Trauer in sich. Über einige Wochen war mit ihm nicht viel anzufangen. Die restlichen Emotionen fraßen die Beziehung von Angela und Lars auf. Ihre Schwangerschaft gab ihm den Rest. Er konnte den Freund nicht zum Leben erwecken oder an alte Zeiten anknüpfen. Zwischen den damaligen Geschehnissen und dem heutigen Treffen lagen nunmehr gut zwanzig Jahre. Sie waren für ihn mehr oder minder Geschichte.
Sie begrüßten einander mit lautem Hallo und den unausweichlichen Umarmungen. Es waren mehr Mitschüler gekommen als erwartet, da sich einige Ehemalige aus ihren Parallelklassen dazugesellt hatten. Angela strahlte nicht mehr die Sinnlichkeit aus, die ihn vor Jahren gefangen hielt. Mit ungeheurer Konsequenz hatte sie gegen Fettansammlungen in ihrem Körper erfolgreich gekämpft. Damit war ihr Größe 36 erhalten geblieben. Auf der Strecke blieben die Rundungen, die ihn faszinierten. Zwar waren ihre Beine schlank, gleichzeitig jedoch muskulös wie bei einem Leistungssportler. Jetzt fiel es ihm wieder ein. Sie galt als talentierte Siebenkämpferin.
Den Tod des Freundes glaubte er, mehr oder minder verarbeitet zu haben. Nun begann diese Wunde stetig aufzubrechen. Die Gespräche, die er führte, verstärkten diese Gefühle. Selbstredend kam jeder auf dieses Thema zu sprechen. Niemand äußerte hingegen den Verdacht, Jens könnte ermordet worden sein. Ihm war klar, er würde die Umstände aufklären und den Täter zu fassen bekommen, sollte Jens Opfer eines Mordes gewesen sein. Er bewegte sich in Buchholz auf fremdem Territorium. Es war ihm untersagt, eigene Ermittlungen anzustrengen. Darüber machte er sich keinen Kopf. Seine Entscheidung war unabänderlich, egal, ob er offizielle Wege beschreiten konnte oder verdeckt operieren musste.
Während des Abends schien ihm, als machte Angela ihm schöne Augen. Er hatte den Eindruck, als suchte sie mehrfach den Blickkontakt zu ihm. Nach einigen Gläsern Wein traute sie sich, sich zu ihm zu setzen. Ihr Thema hatte nichts mit ihm als Mensch zu tun. Sie kam auf das Angebot ihres Mannes zu sprechen. Die Enttäuschung über seine zurückhaltende Antwort zu dem Thema war ihr deutlich anzumerken. Somit war es für die nächsten Stunden mit seiner neu entfachten animalischen Wirkung auf sie vorerst vorüber. Er konnte damit leben. Bei ihm war nichts mehr von der früheren Zuneigung, die er für sie empfunden hatte, übrig geblieben.
Später setzte sich Freddy Weinschenk zu ihm. »Na, Alter, du siehst nicht so aus, als würdest du dich groß amüsieren«, sprach er ihn in seiner bekannten schnodderigen Art an. Da hatte er sich nicht geändert.
Hilpert drehte an seinem Weinglas, bevor er ihm antwortete: »Es gehen einem an diesem Ort die krudesten Gedanken durch den Kopf.«
»Du denkst an Jens?!«, traf Weinschenk den Punkt.
Hilpert schob das Glas von sich weg. »Klar. Es lässt sich halt an einem Tag wie diesem, mit Menschen, die ihn kannten, nicht vermeiden.«
»Das ist wohl unausweichlich. Mir geht es ebenso.« Freddy nahm einen mächtigen Schluck aus seinem Glas. »Das war damals seltsam mit seinem Tod.«
Angeregt horchte Hilpert auf. »Wie darf ich das verstehen?«
»Na ja, er war ein Jahr clean und wollte das mit uns gemeinsam feiern. Witzigerweise hier.«
Hilpert blickte ihn erstaunt an. »Warum wusste ich nichts davon? Mich hat er darauf nicht angesprochen.«
Mittlerweile hatte Weinschenk sein Glas geleert und der Kellnerin zugewinkt. Hilpert kam um ein weiteres Getränk nicht herum. »Ich schätze, er wollte dich überraschen, Fabian. Schließlich wusste er um deine Abneigung gegen Drogen jeglicher Art.«
»So richtig auf dem Zettel hatte ich seine Sucht nicht«, versuchte Hilpert sich zu erklären.
Freddy lachte bitter auf. »Wer machte daraus ‘ne Staatsaktion? Soweit es ging, hielten die Betroffenen damit hinterm Berg oder kochten es runter. Und zwar gegenüber jedermann.«
Hilpert verstand. »Besser man redete nicht darüber. Das verursachte bloß Ärger.«
Gedankenverloren wischte Freddy über den Tisch, um zwei Wasserränder zu beseitigen, die sich gebildet hatten. »Ich hab lange über seinen Tod nachgedacht. ‘ne Überdosis passte meines Erachtens so gar nicht. Die Bedingungen hatten sich bei ihm kolossal geändert. Er war auf dem Weg, ganz der Alte zu werden.«
»Hast du mit jemandem über deine Bedenken gesprochen?«, fasste Hilpert nach.
»Na klar, mit dem zuständigen Kriminalbeamten. Der hat meinen Hinweis damals nicht sonderlich ernst genommen. Von allen Seiten wurde über den Junkie geratscht, der alles an Drogen in sich reinstopfte was ihm zwischen die Finger geriet. Seinen Entzug behielt er lange Zeit für sich. Es war nicht auszuschließen, dass er seiner eigenen Standfestigkeit misstraute und kein Interesse zeigte, sich zu rechtfertigen, wäre er gescheitert. Er war eindeutig gebrandmarkt. Die Beamten mussten nicht näher hinschauen und komplizierten Konstrukten nachgehen. Vielmehr konnten sie den Fall ad acta legen und sich auf die wichtigen Dinge des Lebens stürzen, den HSV, die Familie.« Ruhig blickte er zu Hilpert hinüber. »Hat sich das mittlerweile geändert? Sind Vorurteile bei der Polizei kein Thema mehr? Seid ihr nicht mehr auf der Suche nach der leichtesten Verbindung zwischen zwei Punkten?«
Hilpert winkte ab. »Schön wär’s.«
»Ich hab dann einen vorsichtigen Anlauf bei dir unternommen, Fabian. Ich schätze, du weißt das nicht mehr. Mit dir war zu der Zeit kein vernünftiges Wort zu wechseln. Du warst völlig von der Rolle. Und das nicht nur wegen Jens‘ Tod. Irgendwann reichten mir die Reaktionen und ich beließ es bei der offiziellen Lesart. Ihr konntet mich alle mal.«
Hilpert verstand ihn nur zu gut. Zu dem Zeitpunkt wurde von keiner Seite der Verdacht laut, er könnte ermordet worden sein. Und in Trauer waren sie alle, der eine mehr, der andere weniger. In einer Schulklasse war nicht jeder Freund des anderen. Jens‘ Tod verlor zügig seine emotionale Dringlichkeit. Das galt für ihn wie für die anderen. Die Zukunft stand vor der Haustür. Jeder von ihnen wollte sie in seinem Sinne gestalten. Freddy war als Einziger von ihnen der Musik treu geblieben. Er betrieb in Maschen vor den Toren Hamburgs ein Musikstudio und wurde nach seinen Erzählungen zuweilen als Studiomusiker gebucht. Die Klasse dafür hatte er fraglos.
Hilpert blickte über die Tische. Unterm Strich hatten sich die Mädchen besser gehalten als ihre männlichen Mitschüler. Bei einigen war die Haarpracht auf dem Rückzug. Die anderen hätten mehr Sport treiben und nicht so viel Bier trinken sollen. Ihre Hosen hätten somit nicht so sehr gespannt. Je länger der Abend dauerte, desto bedeutungsloser wurden die Gespräche. Alle Geschichten waren erzählt. Das »Weißt du noch wie ...« begann zu nerven. Manches vergangene Ereignis, das auf den Tisch kam, hatte sich in Wirklichkeit anders zugetragen. Jemand wurde zum Helden erkoren, stattdessen hatte er einfach nur Glück gehabt. Oder er wurde schlichtweg verwechselt. Und wen interessierte das Hotel ihrer ehemaligen Klassensprecherin in Tirol? Wer wollte die Bilder ihrer Kinder sehen? Hilpert spürte, die Luft drohte aus ihrem Klassentreffen zu entweichen. Irgendwann nach Mitternacht saß Angela neben ihm. Mittlerweile musste sie dem Wein stärker zugesprochen haben, als ihr gutgetan hätte. Ihre Sprache und ihre Bewegungen waren fahrig geworden. Sie drückte mit der Hand seinen Oberschenkel und rückte dicht an ihn heran.
»Ich hab damals einen Fehler gemacht, als ich mich für Lars entschied. Und plötzlich war es zu spät. Ich war schwanger und Lars der Vater des Kindes. Damit warst du aus dem Rennen.«
Hilpert klopfte ihr sanft auf den Oberarm. »Die Geschichte liegt über zwanzig Jahre zurück. Diese Zeit können wir nicht mehr zurückholen. Es ist seitdem so viel passiert. Es ist sinnlos, dem Vergangenen hinterherzutrauern.«
Ihre Augenlider wurden sichtlich schwerer. Sie würde es mit Sicherheit nicht mehr lange durchhalten. Endlich erwischte er Augenkontakt zu ihrem Mann, der sich daraufhin zu ihnen gesellte. »Du musst es bloß noch ein paar Minuten mit Angela aushalten. Unsere Tochter wird uns abholen.« Er grinste Hilpert herausfordernd an. »Früher hättest du es genossen, wenn sie die Hand auf deinen Schenkel gelegt hätte.«
»Früher hatten wir auch einen Kaiser«, erwiderte Hilpert gelassen. Da gab es keine Emotionen mehr, die er mit ihr verbunden hätte. Die waren durch die Zeit erbarmungslos zerlegt worden. Und es war gut so. Es grauste ihn, hätte er darüber sinniert, zwei Jahrzehnte sein Schicksal wegen einer Frau zu beklagen, die ihn nicht wollte. Zehn Minuten später übernahm Kristin Meinhard ihre Mutter. Sie wäre beinahe als deren Plagiat durchgegangen. Die Ähnlichkeit mit Angela in jungen Jahren ließ sich nicht verleugnen. Eine herausfordernde Figur, ein fein geschnittenes Gesicht, lange schlanke Beine. Unter anderen Umständen hätte er genauer hingeschaut. Der Altersunterschied von beinahe zwanzig Jahren wäre ihm gleichgültig gewesen. Die Tochter von Klassenkameraden war allemal tabu. Und eine weitere Abfuhr wollte er sich in der Familie nicht holen. Eine langte.
»Sie ist ihrer Mutter wie aus dem Gesicht geschnitten«, stellte Meinhard voller Stolz fest. »Wie siehst du das?«
»Du sagst es. Was macht sie so?«, fragte Hilpert interessiert nach.
»Sie studiert Informatik und arbeitet ansonsten mit uns zusammen. Schon als Kind hat sie alles interessiert, was mit Computern oder dem sich entwickelnden Internet zusammenhing. Angela kann sie gerade so in Schach halten. Dies indes ausschließlich an guten Tagen. Bald steckt sie ihre Mutter vollends in die Tasche. Mich hat sie längst eingesackt.«
Fast schien es, als habe Kristin Teile ihres Gesprächs mitbekommen. In ihrer frischen Art setzte sie sich neben Hilpert. »Ich hab gehört, du bist Bulle geworden?«
