Gerdbische - Reza Makvandi - E-Book

Gerdbische E-Book

Reza Makvandi

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Beschreibung

Gerdbische nahm seinen Anfang mit einer Entscheidung, die etablierte und stabile Strukturen in Frage stellte und erschütterte. Der im Paradies beheimatete Übermensch gelangt plötzlich zur Selbstbewusstheit und wird infolgedessen von Ängsten heimgesucht. Erst nach dem Erlebnis dieser Ängste beginnt sein Leben. Kamran, in Begleitung der unsterblichen und süßen Schirin begibt sich auf eine Reise, um seine Selbstbestimmung zu erlangen. Diese Reise befreit den von Logik und Rationalismus besessenen modernen menschlichen Geist auf beeindruckende Art und Weise, wenigstens für einige Tage vom engen Denkrahmen und der Krankheit der Klischeehaftigkeit. Der verbitterte und unglückliche Mensch erlebt sich nach dieser Reiseunternehmung von den Krallen des Sollens und Nichtsollens, Strukturen, Rahmen, definierten Normen, sowie unleugbaren Naturgesetze als befreit. Er entfaltet sich innerlich, breitet seine geistigen Flügel aus, verlässt die morschen Mauern, gibt verkrustete Gewohnheiten auf und taucht tief in seine Innenwelt ab. Er beobachtet voller Neugier die Unmöglichkeiten, die nun möglich geworden sind. Auf den ersten Blick erscheint uns Gerdbische wie eine unterhaltsame Geschichte. Eine Märchenerzählung, die einzig und allein einer unermesslichen und kindlichen Phantasie entspringen kann. Jemand, der immer noch der absoluten Grenzenlosigkeit der Welt gewahr ist und seine Bewusstheit und Ehrfurcht vor dem zauberhaften Leben nicht verloren hat. Indem man fortschreitet, kommen die tieferen Schichten der Erzählung zum Vorschein. Eine Weltanschauung, die von Naturzentriertheit, Friedfertigkeit und Bewusstsein geprägt ist. Zhila Allahmoradi

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Seitenzahl: 165

Veröffentlichungsjahr: 2020

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Reza Makvandi

Gerdbische

Erzählungen eines Taugenichts

© 2020 Autor: Reza Makvandi

Verlag & Druck: tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg

ISBN:

978-3-347-18762-7 (Paperback)

 

978-3-347-15600-5 (Hardcover)

 

978-3-347-18763-4 (e-Book)

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Der Autor ist nach einer schweren Flucht seit 2009 in Deutschland beheimatet. Die Erkenntnisse dieser Reise und die Wiederentdeckung des wahren Lebens motivierten ihn zu publizieren.

Inhalt

Gerdbische

der Flug

„Gott vergibt mir!“

Todeszelle

Vorwort

Gerdbische nahm seinen Anfang mit einer Entscheidung, die etablierte und stabile Strukturen in Frage stellte und erschütterte. Der im Paradies beheimatete Übermensch gelingt plötzlich zur Selbstbewusstheit und wird infolgedessen von Ängsten heimgesucht. Erst nach dem Erlebnis dieser Ängste beginnt sein Leben.

Kamran, in Begleitung der unsterblichen und süßen Schirin begibt sich auf eine Reise, um seine Selbstbestimmung zu erlangen.

Diese Reise befreit den von Logik und Rationalismus besessenen, modernen, menschlichen Geist auf beeindruckende Art und Weise, wenigstens für einige Tage vom engen Denkrahmen und der Krankheit der Klischeehaftigkeit.

Der verbitterte und unglückliche Mensch, erlebt sich nach dieser Reiseunternehmung von den Krallen des Sollens und Nichtsollens, Strukturen, Rahmen, definierten Normen, sowie unleugbaren Naturgesetzen als befreit. Er entfaltet sich innerlich, bereitet seine geistigen Flügel aus, verlässt die morschen Mauern, gibt verkrustete Gewohnheiten auf und taucht tief in seine Innenwelt ab. Er beobachtet voller Neugier die Unmöglichkeiten, die nun möglich geworden sind. Auf den ersten Blick erscheint uns Gerdbische wie eine unterhaltsame Geschichte. Eine Märchenerzählung, die einzig und allein einer unermesslichen und kindlichen Phantasie entspringen kann. Jemand, der immer noch der absoluten Grenzenlosigkeit der Welt gewahr ist und seine Bewusstheit und Ehrfurcht vor dem zauberhaften Leben nicht verloren hat. Indem man fortschreitet, kommen die tieferen Schichten der Erzählung zum Vorschein. Eine Weltanschauung, die von Naturzentriertheit, Friedfertigkeit und Bewusstsein geprägt ist. Eine kritische Sichtweise, die von Pluralismus und Vielfältigkeit getragen wird, begleitet uns in der Gerdbische-Erzählung, während unsere Reise f ortschreitet. Mit Feingefühl wird der Widerspruch zwischen zwei Welten in vielen Textstellen und Abschnitten ins Licht gehoben. Die innere und die äußere Welt, die natürliche Welt, die industrialisierte und von Menschen gemachte künstliche Welt. Die tatsächliche Welt und die wahre Welt, jenes gelobte Paradies, wo die Reise von Kamran begann. Die abstrakte, kreative und mathematisch logische Welt. Kamran ist die Verkörperung eines Menschen, der sich selbst überwunden hat. Auf seiner bewussten und dennoch ungewissen Reise bringt er unbekannte Phänomene wie Liebe und Tod in Erfahrung. Leid, Mühseligkeit und Heimweh sind Gefühle, die aufgrund unserer eingeschränkten Sicht in uns aufkommen. Gefühle, die die Welt sowohl tristtraurig als auch schön und verzaubernd machen. Unabhängig davon, ob diese Reise in der Außenwelt oder Innenwelt stattfindet, es ist eine Reise in die Tiefe unseres Seins. Diese Reise bahnt einen Weg an, auf dem der Mensch seiner Selbst- und Naturentfremdung gewahr wird. Der neugierige und herausforderungssuchende Mensch zahlt einen schwindelerregend hohen Preis, um seine verborgene und dunkele Seelenlandschaft ins Licht zu heben. Dieses Unterfangen ist teils süß wie die Liebe und seelenerweiternd, teils unbekannt und befremdlich wie der Tod. Gerdbische ist eine kameraähnliche Phantasie. Sie stellt originelle, sehenswerte und unglaubliche Bilder ohne Urteil vor die Augen der Beobachter. Kamran ist das Sinnbild einer modernen und erfahrungsorientierten Generation, die sich auf die Suche nach ungeahnten Erfahrungen begibt. Er verlässt das sichere Ufer der Vergangenheit und Tradition, nimmt Gefahren in Kauf, um zu speziellen Erkenntnissen zu gelangen.

Auf dieser Reise ist er manchmal nur ein erstaunter Beobachter, manchmal ein ängstlicher, aber selbstüberwindender und experimentierfreudiger Mensch und zuweilen ein bestimmendes Subjekt. Als er sich in Begleitung von Schirin, die die Verkörperung von innersten Hemmnissen der menschlichen Seele sein kann, in Marsch setzt, ist er sich dessen nicht bewusst, dass mit jedem Schritt vorwärts, etwas von seinem Lebenslicht verloren geht. (So wie es in einem Abschnitt der Erzählung in einer humorvollen Situation zum Ausdruck kommt)

Schirin kann das Symbol jenes Teils des menschlichen Geistes sein, obwohl er flugfähig ist, dennoch sich nicht von seiner Heimatverbundenheit zu befreien vermag. Aus diesem Grunde zieht er die Gefahr, den Erwerb neuer Erfahrungen und Freiheitserlangung der Unsterblichkeit in diesem ereignislosen Paradies vor. Das Recht eine Wahl zu treffen, entflammt zwar das Liebesglück, dennoch ist diese Wahl unvermeidlich todbringend. Kamran packt seinen Rucksack und begibt sich auf eine abenteuerliche Reise in die innere und äußere Welt.

Zhila Allahmoradi

Gerdbische

Der Knall der Feuerwerkskörper erhalte in der Luft und das Geschrei, die Jubelrufe der Menschen brachten den Boden zum Beben. Kamran verspürte in sich keine Lust auf das Fest zu gehen. Er stand am Fenster und beobachtete den Freudentaumel in den Gassen. Seit einigen Tagen ging ein Thema ständig durch seinen Kopf. Er spielte mit dem Gedanken, das zauberhafte Dorf, das zwischen den in den Himmel ragenden Bergen lag, zu verlassen.

Schirin lag in einem Korb voller Watte. Urplötzlich wurde sie aus ihrem Schläfchen gerissen. Sie schlug ihre roten, schwarzen und dunkelblauen Federn zusammen und sagte mit einer verhaltener und roher Stimme: „Oh, wie schön! Das Fest geht los!“

Die einheimischen Leute hatten ihre langen Kleider an. In den acht Millionen Jahren ihres Dorflebens, hatten sie keinerlei Veränderungen an ihren Kleidern vorgenommen.

Sie webten ihre Kleider aus Seidenstoffen, die sie selbst auf ihren Boden herstellten. Baba Sohrab und Maman Rudabeh hatten mit Geschickt eine Art Seidenraupe gezüchtet, die von Zeit zu Zeit ihr Gedächtnis verlor. Zudem lebten die Seidenraupen außerhalb ihres Kokons. Nachdem sie ihre Kokons gesponnen hatten, fielen sie in eine Art Vergesslichkeit und wussten überhaupt nicht mehr, welchen Zweck ihre Kokons zu erfüllen hatten. Danach und mit voller Leibeskraft und Sehnsucht stellten sie neue Kokons her. Aus diesen Kleidungsstoffen wurden weite und dünne Hosen genäht, die mit leisestem Windstoß in der Luft flatterten.

Die Einwohner von Gerdbische bedeckten ihren Oberkörper mit einem Überwurf und zwar so, dass die rechte Schulter der Männer, die linke Schulter und etwas von der Brust der Frauen sichtbar war.

Ohne jede Hektik und vertieft in lebhafte Gespräche verhielten sie sich dermaßen ausgelassen, gleichmütig und seelenruhig, als ob der Lauf der Zeit für sie nicht die geringste Bedeutung hatte.

Erst einige Wochen zuvor wurde die Besuchs und Reiseerlaubnis seitens Baba Sohrab und Maman Rudabeh ausgestellt.

Täglich reisten zahlreiche aufgeregte Touristen, die jenseits der Berge wohnten, und denen der Ruf von Gerdbische zu Gehör gekommen war, zu Fuß und ausgestattet mit Kameras an.

Die Atmosphäre und die Luft waren für sie wie Meditation und sie genossen den Aufenthalt in Gerdbische ohne jede psychische Anspannung und Hast. Gerdbische zu besichtigen, gehörte auf den Wochenplan vieler Menschen.

Einige nahmen ihre Ausrüstung zum Wellenreiten mit und verbrachten ihre meiste Zeit am im Süden liegenden Dorf See. In dem See von Gerdbische ertrank niemand. Auch wenn jemand nicht schwimmen konnte, sobald er ins Wasser sprang, brachte ihm der See, während er schwamm, die richtige Schwimmmethode und Atmung bei. Obschon das Wetter sonnig und warm war, nahmen einige der Touristen warme Kleider und Skiausrüstung mit.

Einige Gruppe von jungen Mädchen und Männern gingen an dem Haus von Kamran vorbei. Sie hatten Höschen und Bikinis an und ihre nackten Füße brachten Meeressand mit sich. Einer der Jungen löste sich von der Gruppe. Er ging durch den Garten auf Kamran zu, der oben am Fenster stand und fragte ihn lächelnd nach der Anschrift der Speisegaststätte.

Die einzige Gaststätte von Gerdbische war am Fuße eines ergründen Berges gebaut, wobei man von dort aus einen herrlichen Panoramablick auf das gesamte Dorf hatte.

Täglich versorgten hunderte von Gerdbische Einwohnern, die mit dem Begriff von „Arbeit“ nichts anfangen konnten, auf eigene Initiative, unterhaltungshalber und mit ihren magischen Händen alle Einheimischen und Touristen mit Speisen und Getränken.

Vor der Gaststätte waren einige Bäume aufgereiht. Sie versprühten durch ihren raschelnden Atmungsprozess einen wohlduftenden Geruch in die Luft, der für die Krebsheilung von Nutzen war. Die schmackhaften Speisen im Restaurant versetzten die Menschen in einem Rauschzustand und steigerten ihre erotischen Gelüste. Ohne die geringsten Anzeichen von Schwere oder Müdigkeit hervorzurufen, setzten die heruntergeschluckten Speisen eine enorme Energie frei. Dadurch wurde ihre Haut für einige Stunden zart erfrischt.

Durch das beschleunigte Herzklopfen und schnell zirkulierende Blut in den Adern kamen außergewöhnliche Gefühle bei den Touristen auf. Und dies war das beste Heilmittel gegen die Zerstreuung der Sinne. Alle diese Begebenheiten führten zur Verhexung sämtlicher Touristen.

Nachdem die Jungen vorbei waren, lehnte Kamran seinen wohlgebauten und großgewachsenen Körper wie einen Felsstein an eine Anhöhe und stieß einen tiefen Seufzer aus. Alle Dorfbewohner hatten eine ähnliche körperliche Erscheinung.

Er hielt seine schwarzen, zauberhaften Augen in die Ferne gerichtet. Der Gedanke durch diese Gebirgskette zu passieren, hatte ihn innerlich aufgewühlt, wie seine schwarzen Haare, die im Wind tanzten.

Schirin flog zum Fenster und setzte sich auf die Wandnische: „das Fest hat schon begonnen. Wieso stehst du da rum!? Wenn du nicht mitkommst, werde ich alleine hingehen“

„Nein, du gehst nirgendshin“ Kamran lächelte und fuhr fort: „Ich muss weg, heute werde ich meinen Plan verwirklichen“

„Bist du übergeschnappt!? Ich sage dir gleich, ich mache nicht mit! Die Touristen erzählen, dass es dort ein schreckenerregendes Ungeheuer namens Tod gibt, und wenn es dir begegnet, ganz egal, wie stark du bist, es wird dich niederwerfen. Wenn es uns angreift, was würdest du unternehmen? Ich komme nicht mit“

Ohne seinen Blick von den Bergen abzuwenden, sagte Kamran in einem provokanten Ton: „ Aber weißt du, welche großartigen Wunder wir zu Gesicht bekommen!? Man sagt, dass es jenseits der Berge andere Städte gibt, die im Vergleich zu unserem Dorf, größer und beschaulicher sind. Touristen reden von Maschinen, wobei manche von denen sogar fliegen können. Stelle es dir vor!“

Schirin machte die Federn ihres Kopfes spitz und sagte: „Aus welchen Grund dann möchten alle unser Dorf besichtigen? Warum, hmm? Wieso kommen alle hierher, Hmm? Weil unser Dorf, der beste Ort der Welt ist“

Kamran warf einen kurzen Blick auf Schirin und starrte erneut in die Ferne. „Hab keine Angst, ich lasse nicht zu, dass dir etwas zustößt. Wenn du auf diese Berge hochkletterst, kannst du die Wolken berühren. Jenseits unserer Berge gibt es andere Länder. Die Touristen erzählen, dass es dort alle Art Maschinen gibt! Man sagt, dass ihre Welt derart groß ist, dass sie zum Gespräch miteinander Telefongeräte konstruiert haben. Denk daran, was wir zu sehen bekommen!“

Schirin schrie nahezu: „Das sind alles Lügengeschichten, alles fauler Zauber!“

Nach einiger Zeit Hin-und-her-Gerede mit sich selbst und Schirin stand Kamran auf, füllte seinen Rucksack mit notwendigen Sachen und rief Schirin, ihm zu folgen, während er das Zimmer verließ.

Sie stiegen die Treppen hinunter und gingen geradeaus in die Küche. Kamran stopfte etwas Essen und eine Flasche Wasser in seinen Rucksack. Schirin saß auf dem Küchentisch und sagte: „Ja ja, jetzt wo wir uns auf den Weg machen, nimm Essen mit. Mag sein, dass unser Magen die Speisen jenseits der Berge nicht vertragen kann“

Der Himmel war wolkenlos. Die Sonnenstrahlen, die voller Fröhlichkeit und Großherzigkeit das Leben beschenkten, spiegelten sich auf den Bäumen und ließen dort einen goldfarbenen Lichtschimmer entstehen.

Die Vögel flogen unerschrocken, eroberten den Himmel und tauchten kopfüber wieder auf die Hausdächer und Baumzweige hinab.

Die Schwalben schlugen derart blitzschnell mit ihren Flügeln, dass sie wie eine schwarze Kugel vor den Augen vorbeiflogen. Und danach landeten sie mit einer wellenförmigen Flugbewegung auf ihren Nestern, die unter der Hausterrasse lagen.

Die Eichhörnchen kamen ohne jede Vorsicht die Bäume herunter. Sie fraßen gierig und mit schneller Kopf- und Handbewegung Walnüsse.

Die Kamrans Mutter hatte sich auf einem Holzsockel vor dem Haus in einen bequemen Stuhl gelehnt. Sie tauschte liebevolle Worte mit einem in den Himmel ragenden Weidenbaum vor dem Haus Hof aus.

Der Kamrans Vater lächelte im Garten die Blumen an und fragte sie nach ihrem Befinden. Aus dem zwischen den Gärten liegenden Brunnen floss das Wasser mit Tropfgeräuschen in die kleinen Rinnsale durch die Bäume und Blumen.

Das Brunnenwasser war derart klar, dass man darin die Bildreflexionen der Blumen, Bäume und des Himmels sehen konnte.

Die Mutter stand überrascht auf, wandte sich Kamran zu, der voller Hast die Treppen herunterstieg und konfus aussah. „Was ist vorgefallen, Kamran?“

Kamran ging den Rest der Treppen hinunter und sagte lächelnd zu seiner Mutter: „Oh, grüß dich! Ich bin dabei, mich auf den Weg zu machen. Ich will meine Vorhaben realisieren“

Die Mutter ging Kamran entgegen: „Wie bitte? Wo willst du hin?“ Anschließend wandte sie sich dem Vater von Kamran zu: „Hör mal zu, was unser Sohn sagt“

Schirin, die auf der Schulter von Kamran saß, brüllte laut: „Er hat vor, über die Berge zu gehen, er hat vor, über die Berge zu gehen“ Sie kratzte sich mit ihrem Schnabel und fuhr fort: „Oh, ja, ja!“

Der Vater näherte sich dem Steinpflasterweg, der durch den kleinen Garten in Richtung Tür weiterverlief. Er fragte: „Willst du jenseits der Berge gehen?“ Eine Weile betrachtete er genau das Gesicht von Kamran und fragte mit offensichtlicher Gelassenheit und Entschiedenheit: „Bist du sicher, dass deine Entscheidung richtig ist?“

Kamran, während er sich bückte, um seine Schnürsenkel festzubinden, stand ganz aufrecht vor seinem Vater und äußerte: „Mein Entschluss steht fest, ich will herausfinden, was es jenseits der Berge gibt“

Als die Eltern begriffen, dass ihr Sohn felsenfest zu seiner Entscheidung stand, beharrten sie nicht mehr darauf, ihn auf zuhalten.

Der Vater nahm seinen Arm in die Hand und sagte: „ Ich möchte dir nur eines mit auf den Weg geben. Sieh mal mein Sohn, jenseits der Berge ist die Luft mit dem Todesvirus verseucht. Jeder, der mit diesem Virus infiziert wird, stirbt früher oder später. Dort wirst du vom Tod heimgesucht. Wir haben keinerlei Erfahrung über den Tod. Wir haben aber von Baba Sohrab und Mama Rudabeh zu hören bekommen, dass der Tod eine schreckliche Krankheit ist“

„Das weiß ich Vater, ich habe meine Entscheidung im Bewusstsein dieser Tatsache getroffen. Es ist für mich überhaupt nicht von Bedeutung, was Baba Sohrab und Maman Rudabeh dazu gemeint haben“

Als Kamran sah, dass sich das Gesicht seiner Mutter verfinsterte, küsste er sie und sprach weiter: „Mutter, mach dir keine Sorgen, ich verspreche es dir, bald heimzukehren. Ich muss unbedingt wissen, was jenseits der Berge vor sich geht“

Danach nahm er seine Eltern ganz fest in die Arme und verabschiedete sich von ihnen. Die Frau legte den Kopf auf die Brust ihres Ehemannes und der Mann legte seinen Arm um ihre Taille. Mit Fassungslosigkeit über dieses seltene Phänomen, das sich gerade zutrug, betrachteten die beiden ihren Sohn, der sich von ihnen entfernte.

In den Straßen und verwinkelten Gassen und Hintergassen von Gerdbische wimmelte es von Menschen, die wohlgelaunt, lebendig und zugleich voller Staunen durch die Stadt bummelten. Jede ortsfremde Person, die sich mehr als 48 Stunden in Gerdbische aufhielt, verlor ihr Gedächtnis und wurde verrückt. Aus diesem Grunde bekam jeder Urlaubsreisende ein zweitägiges Visum erteilt. In Gerdbische gab es keinen Autoverkehr, keine Straßenverkehrsordnung und sogar kein Schild für Arztpraxis. Es waren lediglich für Urlauber, die vorhatten, während dieser zwei Tage mehr Sehenswürdigkeiten in Gerdbische zu besichtigen, fliegende Teppiche vorgesehen.

Die Bewohner von Gerdbische erzählten, dass vor einigen Millionen Jahren in einer stürmischen Nacht zwei Blitze in der Dunkelheit aufeinander trafen. Aus dem großen Blitzlicht, das den Himmel erhellte, kamen eine wunderschöne und gutgebaute Frau und ein ebensolcher Mann heraus. Am darauffolgenden Tag wachten sie splitternackt aus dem Schlaf auf. Mitsamt einem Elixier in einem kleinen Beutel, der mittels eines Bandes aus Gold um die Körpermitte befestigt war, bereisten sie die ganze Welt. Sie konnten, indem sie das Elixier auf den Boden streuten, das Todesvirus in einem Umkreis von 1500 Kilometern ausrotten. Nachdem sie die ganze Welt besucht hatten, wählten sie eine von hohen Bergen umgrenzte Ortschaft mit einem Umfang von 3000 Kilometern aus.

Sie begossen den inselähnlichen Ort mit den Elixieren. Der Erdboden bebte, an der erdfarbenen Vegetation traten schnell Veränderungen auf. Infolgedessen wurde dieser dreitausend Kilometer lange, von Bergen umgebende Ort vor einem Virus namens Tod geschützt. Die Frau und der Mann, die nunmehr unsterblich wurden, benannten sich Sohrab und Rudabeh. Sie erbauten für sich ein traumhaft schönes Haus. Sie schmückten die Stadt geschmackvoll aus und begannen Nachkommen zu zeugen. Obwohl Achtmillionen Jahre vergangen waren, sahen sie wie die 35 Jahre jungen Menschen aus. Sie lebten glücklich und vergnügt unter den Einwohnern von Gerdbische, wo alle ihre Kinder, Enkelkinder und deren Kinder waren.

Wurde ein Einwohner von Gerdbische vom Osten nach Westen zu einem Fest eingeladen, dann bräuchte diese Person einige Tage und Nächte, um dort anzukommen. Völlig sorgenfrei klopften die Bewohner von Gerdbische bei Einbruch der Nacht an das Haus ihrer nahe Verwandten, die sie nie zuvor gesehen hatten, und ließen sich dort als Gast nieder. Die Verwandten freuten sich auch über diesen Besuch, und verbrachten einige Stunden mit dem Spielen von lauter Musik, mit dem Aufsagen von Sonetten und Weintrinken. Sie kannten alle persischen Gedichte auswendig und fühlten sich verpflichtet, diese Gedichte auf allen ihren Festen aufzusagen.

Die Bewohner von Gerdbische nahmen mit offenen Armen alles und jeden auf, was für Unterhaltung sorgte. Sie begegneten täglich vielen Touristen, die daran interessiert waren, Einiges über ihr gemächliches und geruhsames Leben in Erfahrung zu bringen. Ohne zu wissen, wie und woher sie über so viel Wissen verfügten, sprachen die Einheimischen von Gerdbische mit jedem Touristen in seiner eigenen Sprache.

Als die Touristen erfuhren, dass die Einheimischen keine Vorstellung von den Begriffen „Trauer“ und „Tod“ hatten, bemühten sie sich dann umso mehr sowie klarer und mit erstauntem Gesicht dem Einheimischen zu erklären, was „Trauer“ und „Tod“ bedeuten.

In Gerdbische fand jeden Tag eine große Festveranstaltung statt, die Tanz, Gesang, Theater und andere Vorführungen zum Inhalt hatte.

Arbeitslohn und andere Prämien waren für die Einheimischen bedeutungslos. Sie übten alle ihre Tätigkeiten mit Liebe und unterhaltungshalber aus. Jeden Tag übernahm freiwillig eine Gruppe von Bewohnern die Aufgabe, die Touristen anzuleiten und durch die Stadt zu führen.

In einer der Straßen bekam Kamran etliche Touristen zu Gesicht, die gerade von ihren fliegenden Teppichen herunterstiegen. Um einen Ausflug zu machen, gingen sie zu einem kleinen Fluss, der rückwärts floss und einen in der Nähe liegenden Wasserfall hochstieg.

Die Einheimischen erzählten, dass vor 3 Millionen Jahren ein Mann durch Gerdbische ging. Er entstammte einem Land, wo alles rückwärts in Bewegung war. Seit er sich in dem Fluss gewaschen hatte, floss das Flusswasser in die Gegenrichtung. Er kam rückwärts nach Gerdbiche und nachdem er den Fluss passiert hatte, verließ er rückwärts das Dorf und zwar von der anderen Seite.

Die Augen von Kamran blickten eine junge Frau an, die ihre blonden Haare zu einem Pferdeschwanz gebunden hatte. Er blieb stehen und starrte sie an. Das Verhalten und die Bewegungen der jungen Frau waren äußerst verführerisch.

Sie drückte ohne jede Furcht ihre Aufregung und Verwunderung aus. Es schien, als ob ihr sehnlichster Wunsch erfüllt worden war. Ihre Augen leuchteten voller Energie wie ein Spiegel, der das Bild der Sonne reflektierte. Ihre zarten Lippen formten immerfort ein Lächeln, das voller Sehnsucht war. Ihre schmalen und langen Finger zeigten unablässig auf die Umgebung und sie sprach mit ihren Begleitern über das Wunder von Gerdbische. Die junge Frau filmte mit brennendem Interesse alle Tier- und Vogelarten, die in den Parks, Gassen und auf den Hausdächern spielten oder im Schatten Schläfchen hielten.

Kamran ging auf das Mädchen zu, lächelte und sagte auf Deutsch: „Grüß dich! Ich bin Kamran“ Er tänzelt auf seinen Füssen hin und her sagte: „Ehrlich gesagt, wollte ich dich etwas fragen“

Für dieses Mädchen waren wie für alle, die Gerdbische kannten, gemeinsame Gespräche mit den Einheimischen freudebringend und sie erfüllten sie mit Stolz. Sehnsuchtsvoll lächelte sie und sagte zu Kamran: „Ich bin Anne, bitte frag mich“

Kamran fragte mit Verlegenheit: „Wo du herkommst, gibt es viele solcher Dinge, nicht wahr?“

Anne streckte lächelnd ihre Hand aus, übergab Kamran die Kamera und sagte: „Ja, möchtest du einen Blick darauf werfen?“