German Tourist - Carsten Schiller - E-Book

German Tourist E-Book

Carsten Schiller

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Beschreibung

Sommer 1992. Wir fahren nach Lloret de Mar. Mit dem Bus! Für volle 14 Tage! Wir sind sechs Jungs Anfang zwanzig. An der Costa Brava erwarten uns Sonne, Partys, Bier und Mädchen. Aber auch ein Plastikpferd, Hippie-Satan, der Ramschkönig und ein Rock-Schuppen in dem die schönste Frau der Welt arbeitet! Das volle Programm eben! Witzig, temporeich und unterhaltsam schildert der Autor die wahre Geschichte über eine irre Reise, gute Freunde, laute Musik, Dosenbier und mehr oder weniger erfolgreiche Flirts.

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Seitenzahl: 220

Veröffentlichungsjahr: 2014

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Carsten Schiller

German Tourist

14 Tage Lloret de Mar

Ein Reisebericht

Imprint

German Tourist - 14 Tage Lloret de Mar

Carsten Schiller

published by: epubli GmbH, Berlin, www.epubli.de

Titelbild: Carsten Schiller & Tobias Keil

Copyright: © 2014 Carsten Schiller

ISBN 978-3-8442-9932-8

Für den »Highwayman«

Irgendwann im Frühjahr 1992

Als ich am Abend die Tür zum Jugendclub öffne, schallt mir großes Gelächter entgegen. Die Jungs stehen an der Theke und lauschen, wie so oft, einer von Puddings lautstarken Erzählungen.

Ich bekomme nur den letzten Satz mit:

»Da wird auf’m Tisch gefickt!«

Es geht um die Planung unseres gemeinsamen Sommerurlaubes. Pudding, Jochen und Olli haben letztes Jahr einen Campingplatz in Holland unsicher gemacht, während Himo und ich mit dem Motorrad in Österreich unterwegs waren. Dieses Jahr wollen wir alle zusammen ins Warme fahren.

Auf der Suche nach einem geeigneten Ziel haben wir Freunde und Bekannte gefragt, ob sie uns etwas empfehlen können. Anscheinend ist Pudding fündig geworden.

Einer seiner Kollegen war letztes Jahr in Lloret de Mar und hatte einiges zu erzählen. Geschichten von Sonne, Mädchen, Strand, Mädchen, Partys und noch mehr Mädchen. Pudding trägt die Infos seines Kollegen so bildhaft vor, als ob er selbst dabei gewesen wäre. Jochen, Olli und Himo hängen gebannt an seinen Lippen. Das scheint genau das Richtige für ein paar Jungs Anfang zwanzig zu sein.

»Wo ist denn dieses Lloret?«, frage ich.

»Keine Ahnung.«, erwidert Pudding. Dann packt er mich am Arm und schüttelt mich laut lachend durch. »Aber da wird auf’m Tisch gefickt!«

In den nächsten Wochen sammeln wir weitere Infos und stellen fest, dass schon einige Leute aus unserem Bekanntenkreis Urlaub in Lloret gemacht haben. Unter anderem der große Bruder unseres Kumpels Oesti. Er erzählt uns von einem Club namens »Fame«. Die Kurzversion: Zwanzig Mark Eintritt und dafür freie Getränke solange man die Bestellung halbwegs artikulieren kann.

Spätestens nach dieser Story steht unser Entschluss fest:

Wir fahren nach Lloret!

Ende Mai 1992

Unsere Urlaube sind eingereicht. Da ich mich noch in der Ausbildung befinde, muss ich die Berufsschulpause in den Sommerferien nutzen. Wir setzen als Termin Mitte Juli fest und verabreden uns für eine erste, ernsthafte Vorbesprechung im Partykeller von Heikos Eltern. Heiko gehört ebenfalls zum Jugendklub-Dunstkreis und ist ein Sandkastenkumpel von Pudding. Auch ihm haben die Erzählungen gefallen und er will unbedingt mit nach Lloret.

An einem Samstagabend sitzen wir zu sechst auf einer rustikalen Partykeller-Eckbank. Auf dem Tisch liegen Kataloge aus den umliegenden Reisebüros, außerdem stehen zwei Kisten Römerpils bereit. Wir blättern ohne Plan die Kataloge durch und schon nach kurzer Zeit sucht niemand mehr ernsthaft nach einem Hotel. Wir tauschen nur noch unsere wirren Phantasien aus, die meist davon handeln, was sich in den abgebildeten Hotelbetten alles abspielen könnte.

Nach einer Stunde ist die erste Kiste leer, aber wir haben immer noch kein vernünftiges Wort gewechselt. Jochen versucht dem Gespräch eine sinnvolle Richtung zu geben:

»Wollen wir überhaupt ins Hotel oder sollen wir mal nach Apartments schauen? Die Hotels gibt es immer nur mit Übernachtung und Frühstück. Frühstück können wir uns schenken. Verpassen wir sowieso jedes Mal.«

»Außerdem darf man in viele Hotels keinen Besuch mitbringen!«, meint Himo, wobei er natürlich auf Damenbesuch anspielt. Theoretisch haben wir in diesem Punkt natürlich ehrgeizige Pläne. Ich bin aber nicht besonders zuversichtlich, was die praktische Umsetzung angeht und weise deshalb auf ein ganz anderes Problem hin:

»Ein vernünftiger Kühlschrank wäre auch nicht schlecht! Nicht nur so ein Minibar-Teil. Ich will meine Schoppen nicht wieder ins Bidet oder eine versiffte Dusche legen!«

Vor einigen Jahren haben Jochen und ich auf einer Jugendfreizeit die Getränke so gekühlt. Bedenken hinsichtlich der Hygiene hatten wir nach ein paar Drinks zwar nicht mehr, aber rückblickend war die Aktion ziemlich eklig.

Nach diesem kurzen Dialog schnappen wir uns noch einmal sämtliche Kataloge und durchsuchen sie nach Apartments. Neckermann und TUI scheiden schnell aus, weil uns die angebotenen Wohnungen entweder durch den Preis oder die große Entfernung zum Strand abschrecken. Wir brauchen unser Geld zum Feiern und haben keine Lust weite Strecken zu laufen.

Schlussendlich bleibt nur ein Katalog übrig und schon der Name auf der Titelseite klingt nicht unbedingt nach Hochpreissegment: Massa Touristik. Der Anbieter hat ausschließlich Busreisen im Programm und gleich auf den ersten Seiten finden sich tatsächlich einige Angebote mit Wohnungen für Selbstversorger. Unter anderem ist dort die Wohnanlage Terrazaz al Mar in direkter Strandlage aufgeführt. Der zugehörigen Beschreibung entnehmen wir, dass es dort kein Frühstück gibt und vernünftige Kühlschränke vorhanden sind. Die Apartments sind jeweils für drei Personen ausgelegt und mit einer kleinen Küche ausgestattet. Passt perfekt!

Das Bildmaterial gibt nicht viel her, aber weiter unten auf der Seite ist ein Foto der Strandpromenade von Lloret de Mar abgedruckt. Ein schönes Bild mit Sonne, Palmen, Meer und einem alten Burgturm im Hintergrund. Weitere Überzeugungsarbeit ist nicht nötig. Wir sehen uns schon zwischen den gutgelaunten Menschen auf dem Bild über die Promenade laufen. Die Sonne auf der Haut und eine Dose Bier in der Hand.

Genau da wollen wir hin!

»Also,«, setzt Pudding an und führt seinen Zeigefinger die Preisliste entlang. »7 Tage kosten 380 Mark. 10 Tage kosten 470 und ...«, seine Stimme wird schrill »... 14 Tage kosten nur 60 mehr!« Ungläubig stecken wir die Köpfe über dem Katalog zusammen.

»Geil! Je länger desto günstiger!«, meint Heiko und öffnet sich gut gelaunt ein weiteres Bier.

»Auf Männer!«, sagt Olli und reckt seine Flasche zum Prosten über den Tisch. »Das ist es doch! Auf die Terrazaz!«

Nach anderthalb Kisten Römerpils erscheint uns dieses Angebot unschlagbar, und die Idee einer vierzehn Tage andauernden Kneipentour finden alle klasse. Wir beschließen, die Terrazaz für zwei Wochen zu buchen und ergehen uns den Rest des Abends wieder in ausschweifenden Spekulationen rund um die bevorstehenden Abenteuer.

Einige Tage später buchen wir unseren Urlaub im Reisebüro des Massa Marktes in Mainz Bretzenheim.

Als wir wieder im Auto sitzen schießt mir durch den Kopf, dass keiner von uns eine Ahnung hat, wie lange die Fahrt mit dem Bus dauern wird. Auch die mürrische Dame im Reisebüro hat dazu keine Angaben gemacht. Ich denke zurück an die Jugendfreizeit in Südfrankreich. Die Anreise erfolgte ebenfalls per Bus. Ich erinnere mich zwar, dass wir auf der langen Fahrt viel Spaß hatten, aber ich erinnere mich auch an die schlaflose Nacht auf dem unbequemen Sitz. Außerdem an das Nutzungsverbot der Toilette und die unzureichende Getränkeversorgung. Ich hoffe jetzt schon auf eine zügige Ankunft, eine nutzbare Toilette und einen Schlafplatz auf dem Boden des Mittelganges. Um die nötige Bettschwere zu erreichen werde ich mir ein paar Dosen Karlskrone besorgen. Außerdem muss ich unbedingt daran denken, ein Kissen einzupacken.

Juli 1992 – ca. 1 Woche vor der Abfahrt nach Lloret de Mar

Um vor Ort etwas Geld zu sparen haben wir uns überlegt, vor der Abreise einen Großeinkauf in Sachen Essen zu starten. Pudding und Heiko haben sich bereiterklärt, das zu übernehmen und starten ihre Tour beim örtlichen Aldi. Himo hat auf dem Dachboden seiner Eltern einen alten, kunstledernen Koffer gefunden, der uns als One-Way Vorratskammer dienen soll. Wenn wir das Ding leergegessen haben, wollen wir es in Spanien seinem Schicksal überlassen.

Um nicht noch mal Umpacken zu müssen, marschieren Pudding und Heiko gleich mit dem Koffer in die örtliche Filiale des Discounters. Dort werfen sie ihn, unter den irritierten Blicken der anderen Kunden, aufgeklappt in einen Einkaufswagen und starten ihre Runde durch den Laden. Da unsere kulinarischen Ansprüche nicht besonders hoch sind, laden die beiden das Gepäckstück mit Fertig-Gerichten der Aldi-Hausmarke voll. Aus Mangel an Auswahl allerdings ausschließlich mit ein und derselben Mahlzeit: Cevapcici mit Reis. Danach bleibt nur noch Platz für vier Packungen Aldi-Miracoli. Anschließend statten sie dem Groß-Gerauer Wertkauf einen Besuch ab, um für die Freizeitgestaltung ein Beach-Tennis-Set zu erwerben. Puddings Ansicht nach ein Muss für den gepflegten Strandurlaub. Außerdem kaufen sie sich zwei schrill gemusterte Neon-Bermudas zu je fünf Mark. Kurze Hosen kann man im Sommerurlaub nie genug haben.

Pudding und Heiko berichten am Abend im Jugendclub von ihrem erfolgreichen Einkaufstag. Um zu veranschaulichen, dass es nun bald los geht, tragen beide die neu erworbenen Hosen. Ich finde das Muster und die Farbgebung recht gewöhnungsbedürftig, aber wenigstens haben sie von ihrer ursprünglichen Idee Abstand genommen, für jeden von uns eine dieser Shorts zu kaufen.

Olli kommt etwas später und ist begeistert von den Neon-Hosen. Seine Mutter konnte dem Angebot ebenfalls nicht widerstehen und hat ihm für den anstehenden Urlaub auch ein Exemplar gekauft.

»Die sollten wir alle haben!«, schlägt er vor.

Himo, Jochen und ich lehnen dankend ab.

Als das Gelächter über den Parallelkauf abgeebbt ist möchte Himo wissen, was es denn zu essen geben wird.

»Cevapcici und Miracoli.«, erklärt Heiko.

»Und sonst noch?«, fragt Himo weiter.

»Das war’s.«, sagt Heiko mit einem Schulterzucken.

Himo hält das für einen Scherz und lässt nicht locker:

»Wie jetzt? Es gibt zwei Wochen lang Cevapcici und Miracoli?«

»Nee.«, meint Heiko gelassen. »Nur eine Woche. Für mehr hat die Kohle nicht gereicht.«

5. Juli 1992 ­– Ein Tag vor der Abfahrt nach Lloret

Ich stehe vor meinem Kleiderschrank und überlege, welche Klamotten den Weg in meinen Koffer finden sollen. Da ich überzeugter Heavy Metal Fan bin, besteht der größte Teil meiner Garderobe aus bedruckten Band-Shirts. Da fällt die Auswahl nicht leicht: Slayer oder Metallica? Oder doch lieber das Overkill-Shirt mit dem »We came to Shred« Aufdruck? Da ich mich nicht entscheiden kann, schnappe ich mir einfach die ersten sechs Shirts vom Metal-Stapel. Außerdem ein neutrales schwarzes und ein weißes T-Shirt. Nur für den Fall, dass ich doch mal einen Club besuche dessen Publikum meine Begeisterung für »Reign in blood« und »Master of Puppets« nicht teilen sollte. Acht Hemden müssen für 14 Tage reichen, Rei in der Tube habe ich ja auch dabei.

Beim Check meiner Hosenauswahl stelle ich erschrocken fest, dass ich eigentlich keine urlaubstauglichen Shorts besitze. Der Sommer hat sich in Deutschland noch nicht wirklich blicken lassen, deshalb ist mir das bisher nicht aufgefallen. Ich habe nur ein paar Bermudas in grellem Türkis mit einem wirren Muster auf dem linken Hosenbein. Ehrlich gesagt sieht die kaum besser aus als die Shorts von Olli, Heiko und Pudding. Ich packe sie aus Mangel an Alternativen trotzdem ein und schneide kurzerhand eine meiner Jogginghosen knapp unter den Knien ab. Die Hose hat zwar den sinnfreien Aufdruck »Champ« auf einem Bein stehen, ist ansonsten aber in schlichtem schwarz gehalten und passt so hervorragend zu den Band-Shirts. Neben ausreichend Socken, Unterhosen und Badeklamotten komplettieren ein paar Jeans und ein Kulturbeutel mein Reisegepäck. Auf einen Pullover verzichte ich. Erstens fahren wir in den Sommerurlaub und zweitens habe ich ja meine Bomberjacke. Die hat mir bisher bei jeder Jahreszeit gute Dienste geleistet. Als Handgepäck nehme ich einen kleinen Rucksack mit in den Bus. Neben mehreren Dosen Karlskrone müssen zwei belegte Brötchen, eine Tüte Chips und eine Großpackung Banjo Keksriegel als Proviant ausreichen. Ansonsten ist nur noch Platz für meinen Walkman, einige Musikkassetten, eine kleine Kompakt-Kamera und die aktuelle Ausgabe des Metal-Hammer.

Einen kurzen Moment beschleicht mich das Gefühl, etwas vergessen zu haben. Ansonsten fühle ich mich gut gerüstet. Von mir aus kann es losgehen.

6. Juli – Nachmittag. Tag der Abfahrt

Wir haben uns samt Gepäck und dem Essens-Koffer in der Einfahrt von Ollis Elternhaus versammelt. Sein Vater und sein älterer Bruder Michael bringen uns zum Bus am Massa-Markt in Mainz-Bretzenheim. Es ist bewölkt und wir können es kaum erwarten in die südliche Sonne zu kommen.

Trotz Abfahrts-Euphorie wirkt Pudding etwas bedrückt:

»Die hat sich einfach nicht mehr gemeldet.«

Er erzählt uns, dass seine Freundin vor ein paar Tagen mit einer Bekannten in den Urlaub gefahren ist, ohne sich zu verabschieden. Dieses Verhalten wertet Pudding als endgültigen Schlusspunkt der kriselnden Beziehung. Etwas trotzig erklärt er abschließend:

»Die kann mir gestohlen bleiben. Mal gucken, was in Lloret so im Angebot ist.«

Jochen wirkt ebenfalls nachdenklich. Seit kurzem ist er mit Susan zusammen. Sie ist seine erste, richtige Freundin. Natürlich fällt es den beiden frisch Verliebten schwer, 14 Tage getrennt voneinander zu verbringen. Susan hat sogar angefragt, ob sie denn nicht mitkommen könnte. Sehr zu unserer Beruhigung hat Jochen ihr das aber ausgeredet.

Wir verteilen uns auf den Rekord von Ollis Vater und Michaels Ascona. Dann starten wir die erste Etappe. Jochen, Pudding und ich fahren bei Michael mit. Michael ist nur wenige Jahre älter als wir, aber musikalisch schon im Seniorenalter angekommen. Er hört gerne Volksmusik. Als Zugeständnis an unseren Rock- und Metal-Hintergrund lässt er sich immerhin dazu hinreißen, den »Zillertaler Hochzeitsblues« der Schürzenjäger einzulegen. Er findet das hart. Ich finde das unerträglich, bleibe aber entspannt.

Als wir den Ausgang unseres dreitausend Seelen Ortes passieren, drehe ich mich um und schaue zu, wie das Ortsschild »Wallerstädten« unter dem grauen Himmel kleiner und kleiner wird.

Mir wird bewusst, dass ich jetzt bald in der Sonne liege.

Mir wird bewusst, dass ich jetzt zwei Wochen lang mit meinen Jungs unterwegs sein werde.

Mir wird bewusst, dass ich am Montag nicht zur Arbeit muss.

Ich habe Urlaub!

In Mainz regnet es und der Bus ist noch nicht da. Wir sind trotzdem gut gelaunt und suchen Schutz unter dem Vordach einer kleinen Schwarzwald-Hütte in der Garten-Ausstellung vor dem Massa Markt. Ollis Vater und Michael wünschen uns viel Spaß und fahren wieder ab. Wir öffnen die ersten Bierdosen. Karlskrone war anscheinend bei allen die erste Wahl. Himo hat sogar eine komplette Palette für die Fahrt dabei.

»Wo bleibt der scheiß Bus? Es wird frisch hier.«, beklagt sich Pudding nach ein paar Minuten. Er ist schon komplett im Urlaubs-Modus und nur mit Beach-Shorts und einem »Wallersteerer Kerweborsch« T-Shirt bekleidet.

Während Pudding friert, präsentiert uns Himo einen alten 10 Watt Kassettenrekorder, den er für fünf Mark auf dem Flohmarkt erstanden hat. Der soll am Strand für Unterhaltung sorgen und zum Abschluss des Urlaubs »freigegeben« werden. Als »freigegeben« bezeichnet man im Jugendclub vor allem alte Elektrogeräte und Möbelstücke, die zur allgemeinen Belustigung kurz und klein geschlagen werden.

Im Eingangsbereich des Massa Marktes entdecken wir unsere Mitreisenden. Zumindest steht dort eine Gruppe ebenfalls sommerlich gekleideter Menschen mit Koffern und Reisetaschen. Ein paar Jungs in unserem Alter, ein junges Pärchen und eine Familie mit zwei Teenagern. Die Familie tut mir jetzt schon ein wenig leid. Erst werden sie stundenlang mit einer Meute Feierwütiger in einen Bus gepfercht und landen dann in einem Urlaubsort, der meiner Meinung nach völlig ungeeignet für einen Familienurlaub ist.

Heiko hat andere Sorgen:

»Blöd, da fahren ja nur Kerle mit.«, meint er enttäuscht.

»Ist egal, Mann.«, sage ich aufmunternd und knuffe ihm mit meiner Karlskrone-Dose in die Rippen. »Geht ja gerade erst los!«

Kurz darauf kommt der Bus. Ein Doppeldecker. Im unteren ­Abteil gibt es zwei Sitzgruppen mit Tischen, wie Himo beim vorbeirollen des Busses sofort bemerkt. Das sollen unsere Plätze werden. Der Fahrer und eine junge, blonde Frau steigen aus und dirigieren uns in Richtung Kofferraum. Ich werde etwas nervös. Müssen wir blöde Fragen beantworten, wenn der Busfahrer unseren zentnerschweren Proviant-Koffer in das Gepäckabteil wuchtet? Ich wette, das Ding ist das schwerste Gepäckstück am Platz. Doch alles läuft glatt. Der kräftige Fahrer schaut zwar etwas irritiert, als er versucht, den Fress-Koffer locker anzuheben, bekommt ihn aber beim zweiten Versuch mühelos vom Boden hoch und sortiert ihn wortlos in den Kofferraum ein. Entspannt klettere ich in den Bus.

Die anderen haben die Plätze um die Tische schon besetzt und schießen lachend die ersten Urlaubsfotos. Olli, Heiko und Pudding belegen die eine – Jochen, Himo und ich die andere Sitzgruppe. Ich hoffe, dass wir niemanden mehr auf die freien Plätze lassen müssen, denn der mir gegenüberliegende Sitz ist leer und ich kann meine langen Beine ausstrecken. Die anderen Jungs aus dem Massa sind ins Oberdeck geklettert, das Pärchen und die ­Familie haben sich zu uns ins Untergeschoss gesetzt. Um die unmittelbar bevorstehende Abfahrt standesgemäß zu feiern, holt jeder von uns eine Dose Bier heraus und stellt sie vor sich auf den Tisch. Erstmal folgt natürlich die Ticketkontrolle durch die junge Frau und eine kurze Einleitung:

»Hallo, mein Name ist Alexandra und ich bin ihre Reisebegleitung auf der Fahrt nach Lloret de Mar.«

Bis auf die Eltern der Teenies quittieren alle Businsassen diesen Satz mit freudigem Gegröle. Sie fährt lächelnd fort:

»Die voraussichtliche Reisedauer beträgt 18 Stunden.«

Bis auf die Eltern der Teenager quittieren alle Businsassen diese Info mit unerfreutem Gegröle.

Der weitere Vortrag gestaltet sich folgendermaßen:

In Karlsruhe und Freiburg steigen weitere Passagiere zu.

Unerfreutes Gegröle.

Getränke können bei Alexandra ­erworben werden.

Freudiges Gegröle.

Die Toilette soll nicht ­benutzt werden.

Buhrufe.

Der Fahrer läßt den Motor an und der Diesel im Heck erwacht vibrierend zum Leben. Als der Bus den Massa-Parkplatz verlässt, öffnen wir unsere Bierdosen und prosten uns ausgelassen zu.

»So Männer!«, ruft Pudding, »Jetzt gibt’s kein zurück.«

Wir fahren in den Nachmittag, trinken Bier und ­albern herum. Außerdem blättern wir lachend und kopfschüttelnd Puddings sogenannte »Bildungslektüre« durch. Er hat mehrere Ausgaben der Sex- und Sensationspostille »Coupé« dabei. Kurz hinter Heidelberg probiert Pudding die Sitzverstellung aus und landet mit voller Wucht und der kompletten Rückenlehne auf dem Schoß des Familienvaters. Der nimmt ihm das zum Glück nicht übel, kommentiert den Vorfall aber mit einem lauten:

»Was ein Vieh!«.

Immerhin kommen wir auf diese Art ins Gespräch mit der ­Familie. Pudding möchte nach einer kurzen Entschuldigung wissen, ob die Familie »zur Erholung« nach Lloret fährt. Eine Frage, die bei Olli für Heiterkeit sorgt.

»Na selbstverständlich.«, meint der Vater überzeugt »Wir machen zwei Wochen gemütlich Strandurlaub.«

Olli hat Probleme ein lautes Lachen zu unterdrücken und ich denke bei mir, wir werden auf der Rückfahrt ja sehen, ob sich die Familie nach zwei Wochen Urlaub in der Partymetropole gut ­erholt hat.

Die Passagiere, die in Karlsruhe zusteigen, klettern direkt nach oben. Wieder fast nur junge Leute, aber kaum Mädels. Immerhin ist der Sitz mir gegenüber frei geblieben. Beruhigt strecke ich mich wieder aus und öffne mein drittes Bier.

Himo hat schon ein paar Dosen mehr geleert und der Inhalt seiner Palette ist merklich geschrumpft. Als Olli seinen Rucksack auf der Suche nach seinem Walkman durchwühlt und eine Packung Milchschnitten auf den Tisch legt, regt sich bei Himo anscheinend der Hunger und er fordert mit glasigem Blick:

»Jürgen, gib mal ’ne Michschnitte!«

Olli schaut verwirrt und wir prusten los.

Wer ist Jürgen?

Und wie zur Hölle kommt Himo auf diesen Namen?

Das hastig nachgeschobene: »Olli, gib mal ne Milchschnitte, bitte!« hilft auch nicht mehr. Noch lacht Olli mit, aber wir machen ihm mit lauten »Jürgen«-Sprechchören klar, dass er für die nächsten zwei Wochen einen neuen Namen trägt.

Es wird dunkel, als wir Freiburg erreichen und vor dem Bahnhof stehen eine Menge Leute mit Koffern und Reisetaschen. Jetzt füllt sich der Bus bis auf den letzten Platz und ich muss die Beine einziehen. Himo setzt sich rüber zu den anderen Jungs und Jochen und ich bekommen Gesellschaft von Dieter und Heinz.

Dieter ist ein schlaksiger, blasser Typ mit Seitenscheitel und Nickelbrille. Heinz ist füllig und sonnengegerbt. Seine wasserstoffblonden Haare sind zu einem Vokuhila frisiert und sein Gesicht ziert ein ebenso wasserstoffblonder Schnauzer. Ein Anker-Tattoo auf seinem Unterarm rundet das Gesamtbild ab. Beide sind vielleicht Ende vierzig und riechen nach Kneipe. Sie begrüßen Alexandra wie eine alte Bekannte und bestellen bei ihr zwei Piccolos. Den Sekt trinken sie direkt aus der Flasche und verfallen für die nächste Stunde, bis auf weitere Piccolo-Bestellungen, in Schweigen. Irgendwann regt sich Dieter:

»Diesmal gehen wir aber mal ins Möff. Ich setz mich nicht wieder jeden Abend ins Bayrische Haus.«

»Dann geh doch!«, murrt der Anker-Mann, »Du immer mit ­deinen Discos!«.

Ich vermute, die zwei haben vorhin in der Bahnhofskaschemme bereits hitzig hinsichtlich der Abendgestaltung am Zielort diskutiert.

Pudding hat mitgehört und klinkt sich in die Unerhaltung ein.

»Kennt ihr Euch in Lloret aus?«

Beide nicken nur, weil sie gerade wieder einen Schluck aus ihren Piccolos genommen haben.

»Wart ihr schon öfter da?«, fragt Jochen nach.

Heinz lehnt sich zurück und winkt lässig ab:

»Ja klar! Wir fahren da schon seit 16 Jahren hin. Dieses Jahr sogar zweimal. Oktober ist auch schon gebucht.«

Wir starren die beiden mit einer Mischung aus Respekt und Erstaunen an. Lloret muss entweder die geilste Stadt der Welt sein oder Dieter und Anker-Mann haben einfach einen veritablen Dachschaden. Wer fährt denn bitte sechzehn Jahre lang in ein und denselben Ort, um Urlaub zu machen?

Pudding möchte noch ein paar Insider-Tipps von dem schrägen Pärchen haben:

»Welche Läden könnt ihr empfehlen?«

Heinz: »Das Bayrische Haus.«

Dieter: »Moef Gaga. Ist ’ne Disco.«

Mitten in der Nacht. Nach einer Pause irgendwo in der Schweiz ist es still geworden im Bus. Meinen Metal Hammer habe ich trotz der dürftigen Beleuchtung von vorne bis hinten durchgelesen und dabei drei Musikkassetten gehört. Um mich herum schlafen alle und ich habe mittlerweile bemerkt, was ich Zuhause vergessen habe: Mein Kissen. Die Dosenbiere machen zwar müde, aber um auf dem unbequemen Sitz tatsächlich einzuschlafen reicht es nicht. Da müsste mich schon jemand KO schlagen. Außerdem bläst mir die Klimaanlage eisig ins Gesicht. Um mich im Mittelgang hinlegen zu können, müsste ich umständlich über Jochen drüberklettern. Aber der schläft, den Kopf auf ein mitgebrachtes, kleines Kissen mit »Biene Maja« Aufdruck gebettet und ich möchte ihn nicht wecken. Vielleicht sollte ich bei Alex einen Piccolo bestellen? ­Dieter und Heinz schnarchen jedenfalls entspannt vor sich hin. Kann allerdings auch an der Tatsache liegen, dass das schräge Pärchen dieses Programm schon seit 16 Jahren durchzieht.

Ich öffne mir eine weitere Dose Karlskrone, decke mich mit meiner Bomberjacke zu und lese den Bericht »Swinger-Alarm! So wild treibt es Bielefeld« in einem von Puddings Tittenheftchen.

7. Juli, morgens

Als ich mit schmerzenden Gliedern und eingeschlafenen Beinen zu mir komme, ist es draußen taghell und der Bus biegt in einen Rastplatz ein. Das Wetter ist nicht besonders schön und aus den Schildern, die ich im Vorbeifahren erkennen kann schließe ich, dass wir uns irgendwo in Frankreich befinden. Nach der Morgentoilette auf dem Herrenklo des Parkplatzes und ein paar Banjo-Riegeln zum Frühstück, rauche ich erstmal eine Zigarette und schaue den Jungs dabei zu, wie sie ein wenig mit Heikos Fußball kicken. Ihre Einladung mitzumachen, schlage ich aus. Ich bin am Ball ungefähr so talentiert wie beim Flirten – nämlich überhaupt nicht – und stecke mir deshalb lieber eine weitere Zigarette an.

Auf dem Weg zurück zum Bus beobachte ich, wie sich Alexandra und der Busfahrer mit ernsten Mienen unterhalten.

Kein gutes Zeichen.

Als alle Passagiere wieder im Bus sitzen, greift Alexandra zu Mikrofon. Die französischen LKW-Fahrer streiken seit gestern Abend und blockieren sämtliche Autobahnzufahrten. Es wird also etwas länger dauern, bis wir Lloret erreichen.

Ein Stöhnen geht durch die Reihen und wir stöhnen mit. Anscheinend bin ich nicht der einzige in unserer Runde, der schlecht geschlafen hat und schnellstmöglich von den unbequemen Sitzen runterkommen möchte. Laut Alex plant unser Fahrer nun, über Landstraßen nach Spanien zu gelangen. Die von mir erhoffte zügige Ankunft hat sich damit höchstwahrscheinlich erledigt.

Der Bus quält sich seit zwei Stunden durch das französische Hinterland. Wir vertreiben uns die Zeit wieder mit Dosenbier und Albernheiten. In einer kleinen Ortschaft ist allerdings Schluss mit lustig. Sattelzüge und Traktoren stehen kreuz und quer auf der Straße. Nichts geht mehr und der Bus stoppt. Die verdammten Franzosen wollen uns tatsächlich den Urlaub versauen!

Alex steigt aus und läuft, von sämtlichen Augenpaaren im Bus beobachtet, zu einem Gendarm, der mit seinem Motorrad bei einem der Traktoren steht. Sie unterhalten sich und Alex’ Körpersprache lässt unseren Mut sinken. Der Polizist zuckt beim Reden oft mit den Schultern und deutet mehrmals auf die umstehenden Fahrzeuge. Alex fragt anscheinend etwas, woraufhin der Gendarm in sein Funkgerät spricht. Nachdem er sich wieder an Alex gewendet hat, schlägt sie die Hände über dem Kopf zusammen.

»Das sieht schlecht aus.«, kommentiert Heiko.

Und wie.

Nach kurzer Rücksprache mit dem Busfahrer erzählt Alexandra via Mikrofon, dass die Polizei heute nicht gegen die Blockaden vorgehen wird. Außerdem sind nun auch einige Landstraßen auf unserem Weg versperrt.

»Wir starten jetzt noch einen Versuch, weiter im Süden auf die Autobahn zu kommen.«

Gespannte Stille.

»Sollte das nicht funktionieren, müssen wir leider umkehren und nach Deutschland zurückfahren. Tut mir wirklich leid, aber in diesem Fall haben wir keine andere Möglichkeit.«

Eine Flut von lauten Unmutsbekundungen, Fragen und Pfiffen setzt ein. Wir sitzen erstarrt auf unseren Plätzen. Das darf nicht wahr sein!

Die Terrazaz!

Die Strandpromenade!

Saufen im »Fame«!

Alles dahin?

Meinetwegen gehe ich auch mit Dieter und Heinz ins Bayrische Haus, Hauptsache wir kommen überhaupt irgendwie in Lloret an!

Unser Fahrer ist jetzt richtig gefordert. Teilweise geht es nur noch über Feldwege weiter. Einmal muss er das riesige Gefährt in einem Weinberg wenden, weil wir uns verfahren haben. Im Bus ist es sehr still geworden. Ich höre über meine Kopfhörer Musik und starre aus dem Fenster.

Nach einer gefühlten Ewigkeit gelangen wir an eine Polizeisperre. Der Gendarm bedeutet dem Busfahrer nach links in einen Feldweg abzubiegen und diesem zu folgen. Ich denke mir nur: Na toll! Hier geht’s schon wieder nicht weiter. Nach ein paar hundert Metern sehe ich aber, dass wir uns der leeren Autobahn nähern. Ein weiterer Polizist winkt uns heran und zeigt auf einen Abschnitt, an welchem die Leitplanken entfernt wurden. Dann geht alles ganz schnell, der Bus rumpelt über eine Grasnarbe und plötzlich befinden wir uns tatsächlich auf der Autobahn!

Die Passagiere brechen in kollektiven Jubel aus, wir klatschen uns lachend ab und die Beamten bekommen von uns durchs Fenster ein paar »Daumen hoch«. Die Tachonadel und das Stimmungsbarometer im Bus klettern rasant auf Höchstwerte.

Auf der Autobahn ist so gut wie nichts los. Nur ein paar Autos und andere Reisebusse sind unterwegs. Wir kommen gut voran und das Wetter wird immer besser. Irgendwann springt Pudding hektisch auf:

»Ich seh’ das Meer, Männer! Da ist das Meer!«

Er zerrt an »Jürgens« Arm, als wolle er ihn vor Freude abreißen. Zwischen einigen Felsen, die wir passieren, kann man tatsächlich das glitzernde Wasser und ein wenig Brandung erkennen.

Auch ich bin bei diesem Anblick ein bisschen ergriffen. Es ist für mich die endgültige Bestätigung, dass ich mich im Urlaub befinde. Bisher hätte es auch ein einfacher Busausflug sein können, aber jetzt ist klar, dass wir ziemlich weit weg von Zuhause sind.