Geröllhalden Geschichten - Mario Egloff - E-Book

Geröllhalden Geschichten E-Book

Mario Egloff

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Beschreibung

GeröllhaldenGeschichten voller Dramatik, ergreifendem Liebeskummer, Herz und Schmerz, Mord und Totschlag, Blutschande, Sektenwesen und andere Schauderhaftigkeiten. Alle Geschichten basieren auf wahrlich und wahrhaftig, ja gar hemmungslos an den Haaren herbeigezogenen, tatsächlich frei erfundenen Tatsachen. Diese GeröllhaldenGeschichten zeigen, dass das Leben in der abgeschiedenen Abgeschiedenheit manchmal eben nicht gar so hübsch und artig sein kann, wie es in der ach so heilen Alpenlandmusik besungen wird. Auch im Gebirge gibt es nebst wirklicher Glückseligkeit oft auch Boshaftigkeit, Intrigen, Betrug und grausame Schandtaten. Lesen Sie warum Vroni unter unsäglichem Liebeskummer leiden musste, warum Vroni nicht heiraten durfte, warum Vroni aus heiterem Himmel kotzen musste, oder wie die üble Holzmaserungssekte „Brett sei mit dir“ die Leute schindete. Kein Buch für Kinder oder sanfte Gemüter!

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Seitenzahl: 198

Veröffentlichungsjahr: 2014

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Foto Buchumschlag Vorderseite: Nicole Bussmann, Zürich Die auf den Fotos abgebildeten Örtlichkeiten stehen in keinem Zusammenhang mit dem Inhalt dieses Buches. Alle Geschichten sind frei erfunden. Allfällige Ähnlichkeiten mit realen Personen oder tatsächlichen Geschehnissen sind rein zufällig.

Nachdruck auch auszugsweise nur mit schriftlicher Genehmigung des Autors.

Inhalt

Vorwort

01

Vroni auf dem Miststock

02

Es schneit draussen!

03

Liebeskummer in Gröllmatt

04

Der Untergang von Obergebirgen

05

Verwandtschaftschaos

06

Ueli und seine Freunde

07

Brett sei mit dir

08

Alpentoni Superstar

09

Edeltraut, die lustige Wirtin

Vorwort

Es regnet schon den ganzen Morgen Bindfäden draussen. Hier, in meinen Gebirgsferien. Da, wo die Geröllhalden Geschichten erzählen können. Wolkenfetzen hängen über dem Tal so tief, dass das Geld feucht wird im Geldbeutel. Ich sitze in gleichgültiger Stimmung im klammen Hotelzimmer und schaue zum Fenster hinaus auf die verregnete Gebirgslandschaft. Dabei überlege ich träge, was ich machen würde, wenn ich Lust hätte, etwas zu machen.

Mein Blick schweift gelangweilt über die Geröllhalden, auf denen allerlei Gebüsch und vereinzelt Gebirgsföhren wachsen, und über die darüber in den Himmel ragenden, mächtigen, schroffen Felswände auf der gegenüberliegenden Talseite.

Ich bin schon eine längere Weile in Gedanken versunken, als ich plötzlich nicht wenig irritiert bemerke, dass die Geröllhaldensteine und die Geröllhaldenfelsbrocken vis-à-vis erst murmelnd und dann laut und deutlich mit mir zu sprechen beginnen. Ich höre sie reden, als ob sie bei mir im Zimmer wären. Sie erzählen mir Geschichten. Es sind Geschichten von unbeschreiblich ergreifendem Liebeskummer mit Herz- und Seelenschmerz, Geschichten voller Gebirgsdramatik, Mord und Totschlag, Boshaftigkeiten und Intrigen, aber auch Geschichten von Aberglaube und Sektenwesen, ja gar von Blutschande. Inzucht war ja in früheren Zeiten in königlichen Königshäusern an der Tagesordnung, bis das Blut blau wurde. Diese Geschichten aber stammen nicht aus Königshäusern, sondern aus der abgeschiedenen Abgeschiedenheit des Gebirgslebens, und sie sind nicht ganz so hübsch und artig wie das ach so heile Alpenland, das in der Musik besungen wird.

Sicher will mir partout niemand glauben, dass mir diese haarsträubenden Geschichten von den vermeintlich leblosen Geröllhaldensteinen und Geröllhaldenfelsbrocken erzählt worden sind. Obwohl dies klipp und klar der vollen, der ganzen Wahrheit entspricht. Zur Beruhigung der Zweifler und um weitläufigen Diskussionen zur Frage «Können Steine sprechen?» von Beginn weg aus dem Weg zu gehen, sage ich hier einfach kurz und bündig: Alle Geschichten beruhen auf wahrlich und wahrhaftig gänzlich frei erfundenen Tatsachen.

Allfällige Ähnlichkeiten mit realen Personen oder Geschehnissen sind rein zufällig. Warum die Hauptpersonen mehrerer Geschichten Vroni und Toni heissen, weiss ich auch nicht. Das muss wohl einfach ein zufälliger Zufall sein.

Ich bezeuge hiermit mit meinem Ehrenwort, dass ich beim Notieren dieser Geröllhaldengeschichten keine getrockneten Gebirgsrauschpilze geraucht habe. Allerhöchstens habe ich ab und zu ein aus Enzianwurzeln gebranntes Gebirgswasser die Kehle hinuntergeschüttet. Aber wirklich nur ab und zu. Ansonsten wiederhole ich: Ich habe bloss die Geschichten notiert, die mir die Geröllhalden erzählt haben.

Und überhaupt, denken Sie, was Sie wollen.

01

Vroni auf dem Miststock

Es war an einem schönen Frühlingstag auf der Alpenweide Obermatten. Die Vöglein hatten die Winterruhe hinter sich gelassen und sangen frisch und munter vor sich hin. Das quirlige Gebirgsbächlein, das sich durch die Alpenwiese schlängelte, säuselte und gurgelte. Ein wirbliges Weidewindlein blies droben auf dem Obermattenberge und verbreitete den Duft von reiner Frühlingsfrische.

Vor der Obermatter-Alphütte stand die hübsche Vroni auf dem Miststock, hielt sich an der im frischen Kuhmist steckenden Mistgabel fest und krähte dem gerade mit seinem Motorfahrrad im Karacho davonrasenden Briefträger Toni hintennach:

«Toooni, ich liebe dich!»

«… dididididi …», hallte das Echo von den Berghängen.

Toni, sich auf dem dröhnenden Motorfahrrad umdrehend, brüllte zu Vroni hinauf:

«Vroooni, ich liebe dich auch!»

«… auauauau …»

Vor lauter Verzauberung vergass der liebe Toni total, den Kopf wieder in Fahrtrichtung zu drehen. Und so sah er die Rechtskurve auf dem steinigen Gebirgsweg nicht kommen, raste darüber hinaus und segelte in hohem Bogen über das sich mehrmals überschlagende Töffli hinweg ins gerade spriessende Gebüsch.

Seine Posttasche flog ebenfalls durch die Luft, öffnete und entleerte sich dabei, und der böige Gebirgsweidewind verwehte all die Zeitungen, heissen Schatz- und anderen Liebesbriefe, Feriengrüsse, Rechnungen, Mahnungen aller Art, Gerichtsvorladungen, Versandhauskataloge sowie eine Unmenge von unnützen Prospekten, die Toni den jeweiligen Empfängern noch hätte zustellen sollen, in alle Himmelsrichtungen. Ein beträchtlicher Teil flatterte flugs in die glattweg unzugängliche, überaus stotzige Sonnenuntergangsschlucht hinunter. Nur gerade eine Buchsendung, ein paar Versandhauskataloge und einige Briefe blieben präzis vor Tonis Nase und im näheren Umfeld liegen. Er kramte zusammen, was es an Sendungen noch zu finden gab, um wenigstens diese ihren Adressaten zuzustellen. Aber sonst? Oh weh! Ein grosser Teil der Postsendungen war verloren.

Postmeister Haldermatten ärgerte sich mächtig, als er von Tonis Ungeschick hörte. Toni hatte ihm von seinem Malheur erzählt, war aber dabei nur mit der halben Wahrheit rausgerückt. Es sei ihm ein trächtiges Murmeltier vor das Töffli gesprungen, sagte er, und beim Ausweichen habe es ihm den Lenker verschlagen, worauf er hochkant über die Wiese ins Gebüsch geflogen sei.

«Du bist aber auch ein unglaublicher Nussensammler!», tobte Haldermatten. «Was machen wir jetzt mit den unzähligen Sendungen, die der Gebirgsweidewind auf Nimmerwiedersehen in die Sonnenuntergangsschlucht hinuntergeblasen hat? Nichts können wir machen, du unverbesserlicher Nichtsnutz, du Ausbund von Einfältigkeit. Die bleiben für immer da unten, vergammeln und verrotten!»

Dazu fluchte der fette, im Unterhemd und blauen Latzhosen breit auf seinem Stuhl sitzende Haldermatten wie ein Berserker. Durch seinen Tobsuchtsanfall erhitzt, verstärkte sich seine ohnehin schon beträchtliche Schweissabsonderung. Im Postbüro machte sich ein strenger Geruch breit, ähnlich dem, den man von Nashornkäfigen her kennt.

Genau genommen waren ihm die nicht mehr auffindbaren Postsendungen egal. Aber der Toni kam ihm gerade recht, um sich seine Wut zum Bauch rauskotzen zu können. Seine ihm vor vielen Jahren Angetraute hatte ihm nämlich am selben Morgen wieder einmal tüchtig die Leviten gelesen, als sie ihn in flagranti beim angeregten Studium eines abgegriffenen, lausigen Pornoheftchens erwischte. Einen schmierigen Schmutzfinken und einen lächerlichen Vizeschwanz hatte sie ihn keifend geschimpft.

Toni nützte allerdings die Erkenntnis wenig, dass sein Kopf einmal mehr als Blitzableiter für die üble Schelte, die der Haldermatten von seiner giftigen Gemahlin verpasst bekommen hatte, hinhalten musste. Und nicht nur das. Der bedauernswerte Toni wurde auch noch umgehend strafversetzt, weit weg von zuhause – nach Gündishausen am anderen Ende unseres schönen Landes.

Vroni machte das unbeschreiblich traurig. Jeden Morgen, wenn sie auf den Obermatten droben auf dem Miststock stand, schaute sie sehnsüchtig ins Tal hinunter. Mit nassen Augen sinnierte sie einsam und verlassen vor sich hin:

«Was macht jetzt wohl der Toni, mein armer Toni, bei all den fremden Leuten so weit weg?»

Ein heisser Sommer schritt durchs Tal, mit ihm auch viele holländische Touristen sowie ein paar aufgeweckte, immer überaus freundliche Wanderer aus dem voll geilen Kanton Aargau in der Schweiz. Der Sommer war beinahe vorbeigeschritten, als an einem prächtigen Gebirgswandertag – Vroni stand gerade wieder auf dem Miststock – ein edler Herr hoch zu Ross droben auf den Obermatten an der Alphütte vorüberritt. Der Reiter erblickte Vroni und war sogleich ergriffen von dem so heimatlichen Anblick: Vroni vor der Alphütte auf dem schön regelmässig geschichteten Miststock stehend, daneben ein kleines Ziegengehege mit drei putzigen, neugierig guckenden Gebirgsziegen, dahinter die imposante Gebirgsformation, alles untermalt vom Glockengebimmel der zwölf frisch gestriegelten Kühe auf der nahen Weide. Eine wahrlich wahrhaftig herrliche Alpenidylle.

«Brrrrr», bat der edle Herr, der einen grünen, filzigen Jägerhut mit einer schmucken Fasanenfeder aufhatte, seine prächtige Schimmelstute Lotti auf Stand-by zu gehen. Lotti tänzelte noch eine Weile geziert an Ort. Als sie dann, kurz noch zünftig schnaubend und ihre üppige, dunkelbraune Mähne schüttelnd, endlich stillstand, sprach der edle Herr zu Vroni:

«Ja schau an, oh hübsche Gebirgsfrau, hast du einen tollen, dicken Bauch. Hat man dir einen Kuchen ins Ofenrohr gesetzt?»

«Ja, oh fremder Herr, ich bin bereits im sechsten Monat schwanger, ganz alleinzig und verlassen. Der Briefträger Toni hat mich geschwängert. Wir sind Waisenkinder.»

«Ja schau an, holde Maid, tut dich der Briefträger Toni denn nicht heiraten?»

«Nein, oh fremder, hübscher Mann, Toni darf mich nicht heiraten. Toni ist mein Bruder! Und weil er eine Menge Postsachen über Weide, Wald und Wasser fliegen liess, als er mit seinem Motorfahrrad ins Gebüsch segelte, wurde er strafversetzt. Weit weg von zuhause, ganz zuäusserst ans andere Ende des schweizerischen Landes. Nach Gündishausen musste er ziehen», gab Vroni, immer mehr ins Stocken geratend, von sich.

Dabei wurde sie sich ihres Elends wieder voll bewusst, und grosse Tränen rollten über ihre Backen.

«Ja schau mal so etwas, du erzählst Geschichten! Sag mir, apartes Gebirgsfräulein, tätest du vielleicht mich heiraten? Ich heisse Kudibert von und zu Stunzinger und bin ein verkleideter, österreichischer Grafenprinz mit einer Menge Moneten, drei Schlossgütern, grossen Wäldereien, sieben Mägden, zwölf Knechten, fünf stattlichen Miststöcken und viel gesundem Hornvieh im Stall. Sag, oh holdes Maderl, du ungemein bezauberndes und entzückendes Wesen, würdest du vielleicht mich heiraten?»

Perplex stand Vroni da, ungläubig und mit offenem Mund. Dann sank sie, mit den Händen an der im frischen Mist steckenden Gabel hinuntergleitend, in die Knie, sah mit aufgerissenen Augen zum holden Rittersmann hinauf und stammelte schluchzend und zitternd:

«Oh ja, Herr Prinz, oh ja, oh ja!»

So tat man im Dorf Obergämsen drunten schnurstracks eine opulente Hochzeitsfeier organisieren. Am Tag der Hochzeit tobten die Kirchglocken, bis der Kirchturm wackelte.

Vroni wurde mit einem langen, weissen Schleier vor den Altar geschleppt. Um die bereits erhebliche bäuchliche Wölbung unter ihrem Hochzeitskleid ein wenig zu verdecken, trug sie einen üppigen Strauss geschützter Alpenblumen mit sich, frühmorgens frisch gepflückt.

Bei der Trauung bedachte der Herr Pfarrer den Prinzen Kudibert mit strafendem Blick und sprach ihn dann, halb fragend, halb massregelnd, an:

«Schämen Sie sich denn überhaupt nicht, edler Prinz, Ihre zukünftige Gemahlin bereits vor der allmächtig gesegneten, kirchlichen Eheschliessung geschwängert zu haben und hier mit einem dicken Bauch den hämischen Blicken aller Leute auszusetzen? Und sowieso sehen wir nicht besonders gerne, wenn sich so ein Wildfremder, ein vom ausländischen Ausland hergelaufener Ausländer in unsere traditionelle Sippenzucht einheiratet!»

«Ja schauen’S, Herr Hochwürden, oh Grundgütiger, nicht ich habe der Vroni einen Braten in den Ofen gesetzt, nein, Hochwürden! Dahinter steckt der Erzengel Toni.»

Der Herr Pfarrer, sehr angetan von dieser überraschenden, aber einleuchtenden Erklärung, bekreuzigte sich, segnete die Brautleute und hauchte gegen den Himmel:

«Hört, hört, meine lieben, begnadeten Gebirgsschnucken, ja meine gesamte, gläubige und gottesfürchtige Schafsherde: Der Allmächtige hat ein grosses Wunder geschehen lassen! Unserem Vroni ist wahrlich der wahrhaftige Erzengel Toni erschienen.»

Nach der kirchlichen Trauung wurde in der örtlichen Speisewirtschaft ausgiebig gegessen und zünftig gesoffen. Der Tag verging, Hochzeitsgäste lallten, einige schnarchten an oder auch unter den Tischen, zwei kotzten auf dem Platz vor dem Wirtshaus in den Dorfbrunnen. Nur Prinz Kudibert und Vroni waren noch einigermassen nüchtern und schauten einander, gesittet und manierlich am Tisch sitzend, verträumt in die Augen und hielten Händchen. Dabei gelobten sie einander immer wieder:

«Oh mein Vroni, ich liebe dich für immer und ewig.»

«Oh mein Prinz Kudibert, ich liebe dich auch.»

Im Westen sank die Sonne am Horizont in eine Schlucht hinunter.

***

Toni durchlebte enorme Schwierigkeiten, bis er sich an seinem neuen Arbeitsplatz halbwegs heimisch fühlte. Man hatte ihn nach Gündishausen am Bodensee versetzt. Dort übertrug man ihm das Austragen von Postpaketen. Denn in seiner Mitarbeiterbewertung stand geschrieben, Toni sei für das Verteilen von Briefpost und Prospekten ganz und gar nicht geeignet.

Bereits ab dem ersten Tag in der Fremde wurde er Stammgast im Speiserestaurant «Kreuz». Das «Kreuz» war weitherum bekannt für seine gutbürgerliche Küche und reellen Weine. Speziell das Cordon Bleu, so gross wie ein Töffsattel, serviert mit einer überreichlichen Portion Pommes frites, war ein Renner und lockte Leute von weit her ins «Kreuz».

Allein an einem Tisch sitzend füllte sich Toni allabendlich die Lampe mit allerlei alkoholischen Getränken. Beachtliche Mengen schüttete er Abend für Abend in seinen Kopf hinein. Er versuchte dabei voller Verzweiflung sein unsägliches Heimweh und seine unbeschreibliche Sehnsucht nach Vroni zu vergessen. Mehrmals hatte Toni versucht, seinem Vroni einen Brief zu schreiben. Aber weiter als «Oh geliebtes Vroni» war er nie gekommen. Es fehlten ihm die Worte. Nur einmal schrieb er ihr eine Karte:

Liebes Vroni

sitze hier

bei einem Bier

und denk’ nur an Dir

Dein Toni

Je später der Abend jeweils wurde, und je besoffener der Toni war, desto trauriger, ja verzweifelter wurde er. Nichts von Vergessen, im Gegenteil, bis zur Polizeistunde gereichte es ihm jeweils zu einem währschaften, volltrunkenen Elend.

Wenn ihm in diesen Momenten die Kellnerin Käthi auf die Schulter klopfte, um ihn auf die fortgeschrittene Stunde aufmerksam zu machen, verfiel Toni aufgelöst in ein lautes Wehklagen:

«Oohohohooo, Toni ha Heimweh, Toni ha soohohohooo Heimweh, nieman lieb Toni, oohohohooo, ich ill nach Haue, ohohohooo, ich ill nich meh leben oohohohooo …!»

Käthi ging das immer sehr ans Herz, und viele Male, besonders wenn sie sich ebenfalls gerade einsam fühlte, füllten sich ihre Augen unverhofft mit Tränen.

Morgens von neun Uhr bis am Mittag arbeitete Käthi jeweils am Kassenschalter der Sparkasse Bodensee in Gündishausen. Die magere Entlohnung für diese Teilzeitarbeit reichte trotz Bonus aber nicht weit, auch wenn Käthi ein bescheidenes Leben führte. Also verdiente sie sich abends im Speiserestaurant «Kreuz» als flinke Serviceaushilfe ein respektables Zubrot.

Schon als sie Toni zum ersten Mal bedient hatte, hatte sich Käthi zu ihm hingezogen gefühlt. Wenn sie ihn dann so heulen sah, hätte sie jeweils am liebsten selber lauthals losgeplärrt. Sie tat dies aber nur im Versteckten. Bis sie eines Tages endlich ihr Herz in die Hände nahm und sich zu Toni setzte. Sie streichelte ihm sanft über den Kopf:

«Aber Toni, ist doch alles nicht so schlimm. Ich bin auch einsam, alleinzig und verlassen, und ich mag dich, oh lieber Toni.»

Toni begann sogleich lauthals loszuheulen:

«Oohohohooo, is as wahr, Kähi, is as wahr? Oohohohooo, Kähi, ich liebe gich au, ich liebe gich, Kähi, grauenhaf liebe ich gich, oohohohooo.»

Das Eis war gebrochen. Käthi nahm den Toni mit zu sich nach Hause in ihre heimelige Einzimmerwohnung über dem Bahnhofskiosk bei der Station Gündishausen. Da rammelten sich die beiden hemmungslos ihre neu gewonnene Lebensfreude aus dem Leibe.

Nach dieser kräftezehrenden Nacht musste Toni kein Vergessen mehr suchen, er schüttete deshalb weit weniger Alkohol in sich hinein, und Käthi wurde schwanger.

Präzis am gleichen Samstag im Oktober wie in Obergämsen zu Vronis Hochzeit tobten auch in Gündishausen die Kirchglocken, bis der Kirchturm wackelte. Toni und Käthi gaben sich vor einer kleinen Festgemeinde von ein paar Postkollegen und einigen auserwählten Stammgästen des Speiserestaurants «Kreuz» überglücklich das Ja-Wort. Nach der Trauung standen alle Arbeitskollegen von Toni vor der Kirche Spalier und warfen eine gigantische Anzahl von gebrauchten Postwertzeichen in die Luft. Die vielen herumfliegenden Briefmarken erinnerten Toni insgeheim an die damals vom wirbligen Gebirgsweidewind in alle Himmelsrichtungen verwehten Postsendungen. Jetzt, im Nachhinein betrachtet, hatten sie ihm doch noch zu mächtigem Glück verholfen.

Innerhalb von nicht wenigen Monaten gab es Nachkommen zu feiern. Toni wurde zweimal Vater und zugleich einmal Onkel, seine Schwester Vroni einmal Mutter und einmal Tante. Es herrschten Friede und Freude in Gündishausen am Bodensee wie auch in Obergämsen im Gebirge droben.

Am Abend sank in Obergämsen am Horizont im Westen die Sonne in eine Schlucht hinunter und in Gündishausen in den Bodensee.

02

Es schneit draussen!

Einer sich windenden Schlange gleich verläuft entlang dem südlichen Gebirgshang des Vierspitzmassivs ein ganztägig besonnter, mehrere Kilometer langer, bequem begehbarer Höhenweg. Er verbindet den vorderen Kuhbachspitz mit dem Aussichtspunkt zum Sumpfberg. Mal geht es über Alpwiesen, mal durch Geröllhalden, an einigen Stellen aber auch entlang von mehr oder weniger stark abfallenden Felspartien, die vereinzelt mit allerlei hübschem Gebüsch, knorrigen Gebirgsföhren und Lärchen bewachsen sind.

Von der gegenüberliegenden Talseite her gesehen ist die Wegstrecke auf ihrer vollen Länge überblickbar – mit Ausnahme des kleinen Abschnittes, auf dem der Weg kurz scharfkurvig in die kühle, schattige Sonnenuntergangsschlucht hinein- und ein kleines Stück weiter wieder aus der Schlucht hinausschwenkt.

Im vorderen Bereich der Schlucht haben die Eingeborenen in mühsamer und abenteuerlicher Fronarbeit einen Pfad in die zum Teil enorm steilen Felswände hineingemeisselt. Aber auch in diesem Bereich ist der Weg bei einer Breite von nahezu eineinhalb Metern mit gutem Schuhwerk mühelos begehbar. Stellenweise hat es auch ein paar alte, angerostete Einrohrgeländer. Gleichwohl sind die frohen Wandersleute gut beraten, schön gesittet hintereinander zu marschieren und möglichst bergseitig voranzuschreiten. An heiklen Stellen hat es auf Sichtweite immer grosszügige Ausweichstellen für den Fall, dass einem aus der Gegenrichtung eine Wandergruppe entgegenkommt.

Nach ein paar Dutzend Metern auf diesem Schluchtweg steht man vor einem rustikalen Bogenbrücklein. Es wurde aus den rauen Felsbrocken gefertigt, die bei den Meisselarbeiten angefallen waren. Hier hört man das ferne Rauschen des Baches, das vom Grund der Schlucht heraufdringt. Senkrecht nach oben blickend, gewahrt man weit über sich einen schmalen Streifen Himmel. Nach hinten in die enge Schlucht schauend, erkennt man allein stotzige und zerklüftete Felsformationen, von schillernden Moosen in mancherlei Grüntönen überwachsen.

Die Felswände sind feucht beschlagen, und die Luft ist gefüllt mit Millionen winziger Wassertropfen, die den meist frohgemut vorbeiziehenden Wandervögeln eine willkommene Abkühlung bereiten.

Vom vorderen Kuhbachspitz her kommend bemerkt der aufmerksame Wanderer kurz vor dem Brücklein eine an die Felswand geschraubte kupferne Gedenktafel. Darauf sind die Namen der bedauernswerten, heldenhaften Männer eingeprägt, die bei der ausserordentlich beschwerlichen und waghalsigen Herrichtung der kleinen Brücke und des vergleichsweise kurzen Wegstückes auf tragische Weise verunfallt sind – sei es, dass sie in die Schlucht hinuntergestürzt oder aber durch Steinschlag zu Tode gekommen sind.

Wenn der muntere Gebirgswanderer auf dem Scheitelpunkt des gebogenen Schluchtübergangs stehend einen lauten, fröhlichen Alpjauchzer ausstösst, kommt er in den Genuss eines überwältigenden, lang anhaltenden, erst nach und nach leiser werdenden Echos. Danach ist allein wieder das von tief unten heraufdringende Gebirgsbachrauschen zu hören.

Hat man den Steg überquert, gelangt man auf der anderen Schluchtseite wieder an den offenen Hang. Bergseitig des Weges erfreut eine wunderschöne, saftige Alpwiesenterrasse das Herz des Naturfreundes. Dazu beglückt einen talseitig wieder der voll fette Genuss einer prächtigen Aussicht, weit, weitherum. Zugleich aber werden die Wandersleute, erneut an der Sonne stehend, mit brütender Hitze konfrontiert. Aus der kühlen Schlucht kommend, läuft man gegen eine unsichtbare Wand. Die Luft ist wahrlich wahrhaftig zum Abstechen. Viele nutzen die Gelegenheit, um auf der gleich nach der Kurve am Wegrand stehenden Sitzbank kurz zu rasten und den imposanten Blick über das vor ihnen liegende Tal zu geniessen. Auch der Sumpfberg ist in Sichtweite. Von weit her hört man das beruhigende Gebimmel von Kuhglocken.

Die Sumpfbergspitze am Ende des Höhenweges gehört als einer von vier nebeneinander liegenden Bergen zum sogenannten Vierspitzmassiv.

Ein gutes Stück unterhalb der Sumpfbergspitze endet unser Wanderweg vor einer Gebirgswandererschenke, umgeben von einer leicht abfallenden Weide. Darauf eine gehörige Anzahl Kühe friedlich am Grasen. Ein herrlicher Anblick. Ganz besonders freut den durstigen Wanderer aber auch das am Wirtshaus montierte Emailschild: «Hier 1A Gebirgsbachbier».

Wohlan all jene, die unterwegs nicht eine der mehreren Abstiegsrouten vom Höhenweg ins Tal hinunter gewählt und den abwechslungsreichen Weg bis zur «Wirtschaft zum Sumpfberg» geschafft haben. Sie können in eben diesem gemütlichen Spunten dem auf der schönen Wanderung angesammelten Mordsdurst mit einzigartigem, köstlichem Gebirgsbachbier den Garaus machen. Vor allem die Männer, aber nicht selten auch gestandene Frauen versuchen den Brand zu löschen, indem sie zusätzlich Enzianschnäpse die Kehle runter schütten. Präzise ausgedrückt wird daraus oftmals eher ein haltloses Gläserleersaufen als ein gesittetes Durstlöschen.

Die Eingeborenen umschreiben diese Art des unkontrollierten Trinkens mit dem Wort «sumpfen». Daher rührt auch der Name, nicht nur des Gebirgswirtshauses. Denn infolge der bald einmal sehr populären Bezeichnung «Sumpfhaus» bürgerte sich nach und nach auch für den vierten Bergspitz in der Reihe des Vierspitzmassivs flugs ein neuer Name ein. Sie nannten ihn neu «Sumpfberg», und so wurde aus dem «Sumpfhaus» das «Wirtshaus zum Sumpfberg».

Früher hiess dieser Bergspitz Burgener Horn, benannt nach seinem Erstbesteiger Luzius Burgener, der den Berg vor über hundert Jahren im Alleingang erklommen hatte, und zwar an einem ebenfalls überaus hitzigen Sommertag. Dummerweise hatte Luzius Burgener vergessen, genügend Getränke einzupacken. Erschöpft droben auf dem Spitz angelangt, bekam er darum einen Durstkollaps und starb auf der Stelle.

«Verdammt, hab ich einen Saudurst!», soll er als Letztes von sich gegeben haben, bevor er über dem vor ihm liegenden Rucksack zusammengesackt war.

Heute ist der vierte Spitz auch auf den Landeskarten ganz offiziell als «Sumpfberg» eingetragen. Nur auf den von der schweizerischen Landesverteidigung gebrauchten Karten steht hinter «Sumpfberg» noch in Klammern: «vormals Burgener Horn».

Zu Gebirgswanderzeiten, also von Mai bis Oktober, fahren ab dem Mittag täglich fünf Postautokurse vom Tal zum Sumpfhaus hinauf. Und die Postautos karren alle Wandersleute, die vom köstlichen Gebirgsbachbier aus dem «Wirtshaus zum Sumpfberg» und von den dazu gekippten Enzianschnäpsen meist ausnahmslos schwer betrunken sind, ins Tal zurück. Wenn der Bus nach kurvenreicher Fahrt bei der Talstation angelangt und von den Fahrgästen entleert ist, ist der Chauffeur jeweils gezwungen, das Postauto mit einem auf Hochdruck gestellten Wasserschlauch von der vielen Kotze sauber zu spritzen. Massenweise Kotze, welche die Saufköpfe auf der Talfahrt aus dem Hals gereihert haben.

Zu deren Entschuldigung muss allerdings gesagt sein: Wer diesen Höhenweg schon einmal abgewandert hat, weiss, von welch einem mächtigen Saubrand man geplagt wird, wenn man endlich beim «Sumpfhaus» angelangt ist. Auf der ganzen Strecke ist man, mit Ausnahme des kurzen Abstechers in die Sonnenuntergangsschlucht, der brütenden Hitze so schutzlos ausgesetzt, dass man dabei literweise Wasser verschwitzen muss, ob man will oder nicht.

So auch heute wieder. Es ist ein überaus heisser Tag im August, die Gebirgsgrillen zirpen um die Wette, unzählige Schmetterlinge tanzen über den Wiesen, über dem Tal flimmert die Luft, und einige Wandervögel sind auf dem Höhenweg unterwegs. Kurz bevor der Weg die Kurve in die Sonnenuntergangsschlucht hinein macht, schreiten ein Mann und eine Frau. Etwa hundert Meter dahinter spazieren ebenfalls in Richtung Sumpfberg ein Vater und seine zwei halbwüchsigen Kinder. Ein putzmunteres Trio, das dem aufmerksamen Beobachter einen friedlichen Eindruck vermittelt. Anders das Paar vor ihnen auf dem Weg. Dieses sieht man wild gestikulieren, hört es keifen und schreien.

«… Hör doch auf, verdammt nochmal, das ganze Dorf weiss, dass du es mit dem Messdiener Kudi …»

«… Und du, einfältiger Blödkopf, glaubst diese irren schwachsinnigen Schwätzereien. Und überhaupt …»

«Was heisst da schwachsinnige Schwätzereien, du scheinheilige Schlampe, der Toni hat euch gesehen, wie ihr es einander in den Reben besorgt habt. Er hat auch …»

«Soso, gerade der Toni, dieser verlogene Spanner muss anderen Leuten nachspionieren.»

«Halt doch deine doofe Gosche! Da brauchte euch niemand nachzuspionieren, wenn ihr halböffentlich, von überall her sichtbar, ungehemmt die Sau rauslässt, du Sauschlampe. Und überhaupt …»

«Was weisst du denn schon, du dämlicher Blödian? Und wenn schon, ich habe beim Kudi erst Trost gesucht, als ich hörte, dass du es mit der Serviererin Leni, dieser zügellosen Dreckschnepfe, treibst. Und zudem hurst du auch noch mit der Wahrsagerin Ilona bei jeder Gelegenheit, du primitiver Saubock! Glaubst du …»

«Wenn hier jemand herumhurt, bist du es, denn du …»

«Hahaha, herumhuren soll ich. Deine Wahrsagerin Ilona ist wohl die grösste Hure, Ilona nennt sie sich, diese schmierige Dorfmatratze. Dabei heisst sie ganz gewöhnlich Frieda, diese Sauschlampe, die es mit jedem Schwanz treibt, der ihr vor die Wäsche kommt. Fast jeder im Dorf soll …»

«Frieda ist keine Hure. Und im Gegensatz zu dir hat sie Rasse, wenn du weisst …»

«Rasse, Rasse, Rasse! Da kommst du mir gerade recht. Gerade du! Schau mal deinen Bierranzen an. Dass ich nicht lache. Rasse, Rasse …»

«Schau du zuerst deinen Arsch an, wie ein Schiffsbug kommt er daher. Noch grösser als der von deiner Mutter, auch so ein rechthaberischer Gifthafen. Und der Arsch deiner Mutter ist ja schon so gross wie ein Traktor.»

«Da ist Kudi aber anderer Meinung als du, du dämlicher Schlabberschwanz. Du hast überhaupt keine Ahnung von Rundungen. Keine Ahnung hast …»

«Halt doch deine dumme Fresse, du Scheissmetze, du schlampiger Sauhaufen. Morgen reiche ich die Scheidung ein. Deine verlogene Blödheit habe ich endgültig …»