Geryons Aszendenz - Tobias Fromme - E-Book

Geryons Aszendenz E-Book

Tobias Fromme

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Beschreibung

Die Aszendenz - digitale Sphäre des ewigen Lebens. Welche Karriere könnte verlockender sein, als die eines Administrators für die Rechnersysteme der alles beherrschenden, unsterblichen Aszendenten? Bis gestern war dies noch der Weg gewesen, den Kilian sicher vor sich wähnte. Solange, bis er Hals über Kopf in einen Aufstand gestolpert war, der den letzten Außenposten der Menschheit ins Chaos stürzen wird und der keine Unbeteiligten kennt. Bald schon muss sich Kilian entscheiden, auf welcher Seite er stehen wird: Sicherheit oder Freiheit, Freundschaft oder Loyalität, Diesseits oder Jenseits? Im Abgrund einer Schlacht ohne Sieger, erbittert geführt in verwinkelten Korridoren, der schwarzen Wüste und den Netzwerken der Aszendenz, liegt es an Kilian und seinem Mut, die drohende Apokalypse abzuwenden.

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 340

Veröffentlichungsjahr: 2016

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Tobias Fromme

Geryons Aszendenz

Science Fiction

© 2016 Tobias Fromme

Verlag: tredition GmbH, Hamburg

ISBN

Paperback:

978-3-7345-1439-5

Hardcover:

978-3-7345-1440-1

e-Book:

978-3-7345-1441-8

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

1 • KilianIm Wasserschloss

Die Durchführung meines Plans würde schwieriger werden, als ich gehofft hatte. Um das Blickfeld der Kamera im Gang war kein Herumkommen. Hier ging es für mich nicht weiter.

Alle Bereiche des Werks wurden selbstverständlich mit Kameras und Mikrofonen überwacht. Nicht in erster Linie aus Gründen der Sicherheit, sondern als eine Art Sinnesorgane Marks. Mark und seine Aszendenten mussten sich jederzeit, an jedem Standort des Werks, mit jedem Menschen unterhalten können. Ich hatte in der Vergangenheit nie darauf geachtet, wo genau die Kameras angebracht waren und welche Bereiche sie überblickten. Heute waren diese Details entscheidend für meine weitere Laufbahn, vielleicht für mein Leben.

Die Wahrscheinlichkeit, dass gerade jetzt ein Aszendent durch die Kamera im Gang vor mir schaute, war gleich Null. Das schlecht beleuchtete, tunnelartige Stück Flur verband den südlichen Wohnbereich mit der älteren der beiden Luftverflüssigungsanlagen und wurde nachts so gut wie nicht benutzt. Aber ich wollte nicht nur nicht gesehen werden, ich wollte auch keinerlei Spuren in den ständig laufenden Aufzeichnungen hinterlassen, mit deren Hilfe man meinen kleinen Ausflug nachträglich würde rekonstruieren können. Damit war der kürzeste Durchgang Richtung Turbinenhalle für mich tabu.

Auf Socken schlich ich lautlos zurück in den toten Winkel unter der Kamera, die das Treppenhaus vor der Containersiedlung überblickte. Hier konnte ich mich problemlos eine Weile aufhalten ohne aufzufallen. Trotz der späten Nachtstunde waren im Hauptwohnbereich ständig Menschen unterwegs, ob auf dem Weg zum Nachtdienst oder unterwegs zu Freunden.

Ich schloss die Augen und drehte im Geiste einen Plan des Werksgeländes hin und her. Es gab nur zwei mögliche Wege aus dem Wohnbereich in die Turbinenhalle. Der offensichtliche und kürzere lag genau vor mir, schied aber nun aus. Es musste wohl oder übel der andere Weg sein, so ungern ich es mir eingestand. Ich machte mich auf den Weg.

Es war eine ruhige Nacht und die einzigen Menschen, auf die ich unterwegs traf, waren ein verliebtes Pärchen, das zu beschäftigt mit sich selbst war, um zu grüßen. Derart unbehelligt erreichte ich den langen Zubringer, der den Nordflügel der Wohnanlage mit dem Gewächshausareal verband. Das hinterste Ende des Flurs wurde von einer Brücke über das darunter steil abfallende Gelände gebildet. Sie endete weit oben an einem tiefer stehenden Treibhaus. Innen führte eine Treppe zurück zum Boden. Sowohl Brücke als auch Treppe waren mit Kameras und Mikrofonen versehen und damit für mich nicht benutzbar. Aber direkt vor der Brücke zweigte ein altbekannter Schleichweg ab. Er war aufgrund seiner Konstruktion illegal und schon mehrfach von Technikern versiegelt worden. Es hatte nie länger als ein paar Tage gedauert, bis irgendjemand die Abkürzung wieder geöffnet hatte. Es handelte sich um ein lose aufliegendes Stück der Wandverkleidung, das man einen Spalt weit anheben und so nach draußen schlüpfen konnte. Die übliche Schleusenkammer fehlte hier und bei jeder unerlaubten Passage mischte sich ein wenig der guten Innenluft mit der fast sauerstofffreien Außenatmosphäre.

Ich atmete tief ein, schob mich durch den schmalen Spalt und stand mit angehaltenem Atem in der kühlen Nachtluft. Nur wenige Schritte über knirschenden Sand und ich erstastete die verkrustete Klinke einer Außentür des Nachbargebäudes. Ich trat ein und schnaufte erleichtert tief durch. Ich stellte mir vor, wie es sein würde, wenn die Tür einmal verschlossen oder verklemmt wäre. Wie ich mit schmerzenden Lungen im Dunkeln an meinem Notatemgerät herumtasten müsste. Wie der quälende Drang zu atmen immer größer werden würde. Ich durfte gar nicht daran denken. Die reale Situation war beängstigend genug.

Als ich das erste Treibhaus erreicht hatte, setzte ich mich zum Nachdenken auf die Einfassung eines Beets. Trockene Blätter raschelten unter mir und ich verharrte erschrocken. Waren die Mikrofone empfindlich genug, das zu hören? Wenn man meinen Weg anhand solcher kleiner Geräusche nachvollziehen konnte, dann bedeutete das unter Umständen das Ende meiner Karriere, bevor sie richtig begonnen hatte. Wie in Zeitlupe erhob ich mich wieder, trotz des schmerzenden Protests meiner angespannten Oberschenkel.

Direkt angrenzend an das System verbundener Treibhäuser befanden sich diverse Gerätelager. Dorthin musste ich unbemerkt gelangen. Das Werk war über die Jahrzehnte immer wieder aus- und umgebaut worden. Aus alten Zeiten gab es immer noch eine Verbindung dieser Lagerräume zum dahinterliegenden, ältesten Teil des Werks, der Turbinenhalle. Das Problem war, das diese Route durch den technischen Bereitschaftsraum der Gärtner führte. Hier war zwar keine alles überblickende Kamera installiert, aber es hielt sich dort rund um die Uhr jemand auf. Wenn dieser Gärtner nicht schlief, konnte ich nur hoffen, dass ich ihn bemerkte, bevor der umgekehrte Fall eintrat.

Bereits auf dem Weg dorthin lauschte ich in regelmäßigen Abständen in die nur von kleinen Notlichtern durchbrochene Düsternis. Außer dem stetigen Tröpfeln der Bewässerungsanlagen war kein Geräusch zu hören. Nichts regte sich zwischen den Gemüsebeeten. Hinter der nächsten Ecke würde ich von außen auf ein großes Fenster schauen, durch das der Bereitschaftdienst einen guten Überblick über diesen Teil des Treibhauses genoss. Und damit auch über meinen weiteren Weg in seine Richtung.

Auf Knien rutschte ich durch eine Pfütze hinter ein Beet voller Kohlrabi, Radieschen und Mohrrüben und hob meinen Kopf langsam zwischen dem Blattwerk. Das Fenster war dunkel, im Raum dahinter nichts zu erkennen. Wenn dort jemand stand, würde er mich gleich sehen und ich ihn nicht. Es wurde Zeit für ein kalkuliertes Risiko. Im schlimmsten Fall würde ich den Eindruck eines Nahrungsdiebs erwecken und hoffentlich mit einer Verwarnung davonkommen. Das war gar nichts gegen die Gefahr, heute meinen eigentlichen Plan in den Sand zu setzen.

Ich erhob mich und schritt langsam auf die Tür zu, immer dem unsichtbaren, geschlängelten Pfad folgend, der mich um Kamerablickfelder herumführte. Angekommen legte ich mein Ohr an die leicht wellige Kunststoffoberfläche der Tür und lauschte. Stille. Nur mein eigener Herzschlag dröhnte immer lauter, je länger ich mich darauf vorbereitete, die Klinke zu drücken. Wenn der Gärtner aufwachte, stand ich völlig ohne Ausreden da. Was sollte ich hier schon suchen? Die Radieschen wuchsen ja nicht in seinem Bereitschaftsraum. Er durfte einfach nicht aufwachen!

Mit verkrampftem Magen und zitternder Hand öffnete ich Millimeter für Millimeter die Tür. Der Raum dahinter war schmucklos. Durch das schlierige Fenster fiel Licht auf den direkt davor stehenden Tisch und ein Protokollbuch voller handschriftlicher Eintragungen. Im hinteren Teil des Raums zeichnete sich im Schatten ein schmales Bett ab mit einem schemenhaft erkennbaren Schläfer darauf. Direkt daneben ein Kommunikationsterminal und der rückwärtige Ausgang, mein Ziel.

Ich öffnete die Tür vollständig. Ein Metalleimer dahinter klapperte und ich erstarrte mitten in meiner Vorwärtsbewegung. Laken raschelten, Metallfedern quietschen, ein Körper bewegte sich im Bett. Ich fasste nicht wirklich aktiv den Entschluss zu bleiben statt zu fliehen, die Angst ließ mich schlicht bewegungslos verharren.

Nach einigen Minuten angsterfüllter Stille hatten sich meine Augen an die Dunkelheit gewöhnt und nach und nach zeichneten sich mehr Details meiner Umgebung ab. Zu meinem wachsenden Horror fügten sich diese zum Bild einer im Bett sitzenden Person zusammen, die mich ansah. Kein Zweifel möglich, ich blickte in geöffnete Augen.

Der andere sprach nicht, ich sprach nicht. Er bewegte sich nicht, ich bewegte mich nicht. Ein surrealer Alptraum, aus dem ich nicht erwachen konnte. Für Flucht war es zu spät, da machte ich mir keine Illusionen. Trotz des schwachen Lichts, das durch das Fenster fiel, musste ich klar zu erkennen sein. Ausreden hatte ich nicht parat. Mein Geist schwamm in einer Unendlichkeit verschiedenster Handlungsmöglichkeiten, alle sinnlos, alle fatal.

Und dann sprach sie.

„Tausendmal davon geträumt und jetzt weiß man trotzdem nicht, was man sagen soll, oder? Geht mir genauso.“

Ohne sehen zu können, konnte ich ein Lächeln in ihrem Flüstern hören.

Meine Gedanken rasten. Ich kannte die Stimme. Das war Miriam. Wir waren in einem Schuljahrgang gewesen und begegneten uns fast täglich in der Kantine.

„Miri“, stammelte ich zusammenhanglos. „Miri, ich... also...“

„Psssst.“ Miriam erhob sich und legte einen Finger auf die Lippen. Langsam trat sie barfuß aus dem Schatten in das fahle Licht vor dem Fenster. Sie trug ein viel zu großes T-Shirt, das ihr fast bis an die Knie reichte und ihre kurzen, braunen Haare waren zerzaust.

„Die Dienstpläne anderer Abteilungen sind nicht öffentlich, auch nicht für Euch aus der IT. Ich glaube, Du hast Dich in Schwierigkeiten gebracht, um mich hier zu finden“, flüsterte sie in anerkennendem Tonfall, eine Hand leicht in meine Richtung ausgestreckt.

Vor Angst gelähmt brauchte es eine Weile, bis Verständnis einzusickern begann. Meine Verwirrung wurde dadurch nicht kleiner. Nicht, weil dieses Missverständnis schwierig zu deuten wäre, sondern weil ich Miriam nie auf diese Art wahrgenommen hatte. Sie war nie eines dieser Mädchen gewesen, die von sich selbst wussten, dass sie besonders gutaussehend waren und die mit dem ständigen Interesse ihrer männlichen Mitschüler spielten. Interessant war das Wort, mit dem ich ihre Gesichtszüge beschreiben würde. Außergewöhnlich auf eine sympathische, aber nicht auf eine offensichtliche, umwerfende Art. Ihr kleiner, kräftiger Körper, der sich so deutlich unter dem Shirt abzeichnete, schien eher für harte Arbeit geeignet als für spielerische Anbändelei. Wir waren immer freundlich miteinander umgegangen, aber viel mehr hatte ich weder selbst empfunden, noch von ihr erwartet. Diese Gedanken schienen mir immer weniger und weniger relevant zu werden, je näher mir ihre Hand kam.

Die ungeheure Gefahr, in der ich mich befand, die kalte Angst, die adrenalingeschwängerte Aufregung, alles verschwamm und vermischte sich mit dem verschlafenen Duft, der von ihr herüberwehte, mit dem Bild ihres Körpers und dem Klang ihrer lächelnden Stimme. Jeder Winkel meines Geistes war ausgefüllt mit basalen Emotionen und kein klarer Gedanke konnte in diesem Wirbel Fuß fassen. Meine Zeitwahrnehmung verengte sich auf genau diesen Moment des Jetzt, alle Pläne vergessen, alle Konsequenzen egal. Haltlos und sprachlos fiel ich hinein in diesen seltsamen Traum.

Miriam atmete gleichmäßig neben mir. Ich selbst fühlte mich wie gerade erwacht, hatte aber nicht wirklich geschlafen. Die Erinnerung an das gerade Zurückliegende überstrahlte noch warm mein Denken, aber die Gründe meines Hierseins stahlen sich einer nach dem anderen wieder aus den Ecken, in die sie verdrängt worden waren. Die Ereignisse, die mich dazu zwangen, heute Nacht alles zu riskieren, das ich mir durch Begabung und Fleiß erarbeitet hatte.

Es war mir unbegreiflich, wie sich die Dinge soweit hatten entwickeln können. Wie jeder Schüler der IT-Abteilung wurde ich zum Ende meiner Ausbildung mit einer Reihe computergestützter Simulationen geprüft, die teilweise eine schnelle Reaktion, teilweise eine akribische Planung verlangten. Alle Simulationen erforderten die Anwendung und kreative Kombination des Lehrinhalts der vergangenen Jahre und das Abschneiden entschied über die anschließende Verwendung in der Abteilung.

In einem besonders gefürchteten Test musste ein digitales Bewusstsein sicher von einem Speicher in einen anderen transferiert werden. Auf halber Strecke fiel dann irgendeine technische Komponente aus und der Prüfling musste rettend eingreifen. Die zwei Kandidaten vor mir waren gescheitert. Sie hatten aus den verfügbaren Informationen nicht schlussfolgern können, welches Stück Hardware defekt war und hatten mit null Punkten abgebrochen. Die würden sicher niemals an einem Aszendenz-Server arbeiten.

Ich will mich nicht aufspielen, aber ich holte nicht nur in diesem Test alle Punkte. Ich war ohne Zweifel insgesamt der Beste meines Jahrgangs. Ich hatte nach sieben von zehn Simulationen bereits eine Gesamtpunktzahl erreicht, die von keinem meiner Mitschüler noch hätte eingeholt werden können. Um diese Leistung zu honorieren, hatte man mich von den letzten drei Simulationen freigestellt und mir stattdessen Freizeit gewährt. Das war letzte Woche gewesen und meine Welt eines aufstrebenden Nachwuchs-Admins war da noch einige Tage lang in Ordnung gewesen.

Vorgestern dann hatten alle Absolventen einen Haufen Papierkram ausgefüllt, um ihre jeweils während der Ausbildung belegten Kurse und Übungen zu dokumentieren. Unter anderem wurde danach gefragt, wie viele der zehn Simulationen bestanden worden waren. Aus der Überheblichkeit eines Gewinners heraus schrieb ich eine dicke 10 in das dafür vorgesehene Feld. Man konnte meine Freistellung von den letzten drei ja so verstehen, dass man mir diese als „bestanden“ geschenkt hatte. Eigentlich dachte ich mir überhaupt nicht sonderlich viel bei dieser Formalität, aber damit fing alles an.

Ich bemühte mich den Gedanken an die dann folgende Verkettung unglücklicher Zufälle zu verdrängen, genauso wie die frischen Erinnerungen an dieses völlig absurde Erlebnis mit Miri. Mein Erfolg heute Nacht entschied über mein weiteres Leben, so dramatisch die Wendung darin auch gerade gewesen war. Leise schlüpfte ich in meinen Overall, öffnete ohne weiteres Zögern die Tür in Richtung der Lagerräume und schlich voran.

Der Weg zur Turbinenhalle verlief ereignislos. Alle Räume, die ich passierte, waren bis unter das Dach mit Material vollgestopft und ich fand in jedem schon nach Sekunden einen nicht einsehbaren Pfad. Ich erreichte die Tür zur Turbinenhalle, öffnete sie einen Spalt weit und lugte herein. Ein Schwall warmer, ölig riechender Luft schlug mir entgegen, begleitet von einem Orchester aus Brummen, Schleifen und Klopfen. Ich befand mich am kurzen Ende der länglichen Halle und von hier bis zum anderen Ende standen hintereinander sechs riesige, wuchtige Turbinenblöcke. Die Halle selbst war von verschwenderischer Größe und Höhe. Entlang der rechten Längsseite blickten auf zwei Ebenen übereinander dunkle Fenster aus Kontrollräumen und Werkstätten. Die obere Ebene war verbunden über eine Galerie, die wie ein breiter Balkon die gesamte rechte Wand entlang verlief und über eine Reihe stählerner Treppen von unten erreichbar war. Oberhalb der zweiten Ebene sorgten hohe, ringsum in alle Wände eingelassene Fenster tagsüber für Helligkeit, jetzt waren es pechschwarze Flächen. Die Szenerie war in ein verwirrendes, buntes Licht getaucht, das von hunderten verschiedenfarbigen Kontrolllämpchen und der nur punktuell angebrachten Notbeleuchtung ausging.

Es blieb zu hoffen, dass der technische Bereitschaftsdienst hier genauso gut schlief wie Miriam drüben im Treibhaus. Erneut auf eine geheime, große Liebe zu treffen, war wohl keine Wette, die ich gewinnen konnte. Ich verkniff mir ein Lachen. Das Erlebnis mit Miriam hatte meine angstvolle Verzweiflungstat wundersam verwandelt in ein Abenteuer, das ich beinahe zu genießen begann. Ein Psychologe hätte eine wahre Freude an mir.

Die hoch angebrachten Kameras überblickten den gesamten Raum und die Flächen um die Turbinen herum boten keine Deckung. Das konnte mir glücklicherweise egal sein, denn ich hatte nicht vor, offen herumzuspazieren. In Wirklichkeit war die Halle um einiges höher als sie schien und zwar nicht nach oben, sondern nach unten. Die Turbinen waren nicht die halbrunden Erhebungen, für die man sie aus dieser Perspektive hielt. Tatsächlich waren sie rund und erstreckten sich zur Hälfte unter den ziegelfarben gefliesten Fußboden. Dort, in einem halbhohen Zwischenraum, lag der wahre Boden der Halle, auf dem die Blöcke montiert waren und hier verliefen die riesigen Rohrsysteme, die das Wasser an- und ableiteten, mit welchem hier Strom erzeugt wurde. Dieser dunkle Spalt war mein Ziel und obwohl ich mich dort bisher nie selbst hatte umschauen können, war ich sicher, dass mein Ausflug dort unten keine Spuren hinterlassen würde.

Ich schob mich bäuchlings in der Deckung einer vollgehängten Garderobe voran und erreichte eine der Zugangsluken im Boden. Drei Stahlstufen erleichterten mir den Abstieg. Unten war es fast vollkommen dunkel und die Turbinen brüllten so laut, dass ich es mit dem ganzen Körper fühlte statt mit den Ohren. Der Betonboden vibrierte unter meinen Knien und heiße Ölschwaden füllten meine Nase. Die Rohre um mich herum verzweigten sich in ein undurchsichtiges System. Dennoch fiel mir die Orientierung nicht schwer. Ich suchte nach den größten, dicksten Rohren. Die sechs Rohre, in denen das Wasser vom Berg herabströmte und hier jeweils eine Turbine antrieb.

Diese Fallrohre mit ihrem übermannshohen Querschnitt waren ursprünglich offen den Berg hinauf verlegt worden bis zum sogenannten Wasserschloss oben am Hang. Dort wurden sie aus einem Tunnel mit dem Wasser des dahinterliegenden Bergsees gespeist. Damals war das sicher eine gute Idee gewesen, aber heute würden sich schnell dicke Schichten Magnetstaub auf ihnen absetzen, so dass die gesamte Konstruktion abrutschen könnte. Schon bei Gründung des Werks waren die sechs parallel laufenden Rohre mit dicht schließenden Holzkästen überbaut worden. Der Spalt zwischen Rohren und Einhausung war viel zu schmal, um darin bequem den Berg zu besteigen. Er war aber nicht zu schmal, um einem schlanken, verzweifelten Mann den Durchgang zu verwehren.

Der lange, dunkle Aufstieg zwischen den Rohren war monoton. Die immer gleichen Handgriffe und Tritte ermüdeten mich nicht nur körperlich. Bald begann mein Körper das Programm automatisch abzuspulen und meine Gedanken waren frei, sich vor Anflügen der Klaustrophobie in Erinnerungen zu retten. Doch so sehr ich es erzwingen wollte, es war nicht Miriam, zu der meine Gedanken fanden, sondern Marius, der Chef der Lehrgruppe IT.

Marius war der ranghöchste Administrator, der sich mit uns Schülern in unserer gesamten Laufbahn befasst hatte. Man munkelte, er sei unter seinesgleichen sehr beliebt und bei aller Kompetenz ein lockerer Kumpeltyp. Uns gegenüber war das nie zu bemerken gewesen. Er war eine absolute Respektsperson, immer streng formal gekleidet und bei allem Bemühen um unser Fortkommen niemals freundlich oder nahbar.

Er hatte mir gestern einen Besuch abgestattet und angekündigt, er wolle mich zur feierlichen Zeugnisverleihung besonders ehren. Meine Strategien in den Simulationen seien sicher nicht immer ideal, aber auch deshalb in ihrer Gesamtheit so lehrreich, dass er sie als Beispiele für nachfolgende Jahrgänge in den Lehrplan aufnehmen werde. Dazu soll ich sie im Rahmen der Feierstunde jeweils kurz dem Fachpublikum vorführen. Alle zehn.

Mir war es eiskalt den Rücken heruntergelaufen und es war eine Qual ausreichend Luft für eine Antwort zu sammeln. Diese konnte natürlich nur ein höfliches ‚Danke‘ sein. Damit brach meine schöne Welt zusammen und aus dem Jahrgangsbesten Kilian wurde innerhalb weniger Stunden der Kriminelle Kilian, der sich nachts illegal in gesperrte Werksbereiche schleicht, um seine weitere Karriere mit einem Betrug zu beginnen. Wegen drei kleiner Kreuzchen. Dieses Herumrutschen auf den Knien wie ein reuiger Sünder erschien da auf ironische Weise angemessen. Auch wenn die Konsequenz der Reue in meinem Fall nicht das Geständnis, sondern der noch größere Betrug war.

Das obere Ende der Einhausung stieß direkt auf eine offene Tür in der Außenmauer des Wasserschlosses. Sie diente im heutigen Aufbau gleichzeitig als Wartungszugang und als Luftschacht. Hier war ich erst einmal sicher. Die Kraftwerksarbeiter kamen nur tagsüber her und die Überwachungstechnik beschränkte sich auf die oberste Hauptebene. Dort befand sich ein gewaltiges Wasserbecken, um das herum das gesamte Bauwerk konstruiert war. Das Becken verteilte das aus einem Stollen anströmende Wasser auf die sechs Rohre Richtung Turbinenhaus. Mein Ziel lag tiefer, hier unten in den Technikräumen.

Beinahe eine Viertelstunde lang saß ich regungslos auf der Schwelle der Verbindungstür, bevor mein Atem wieder ruhig und regelmäßig wurde. Zweihundert Höhenmeter klangen nicht viel, bis man sie in gebückter Haltung und bei konstanten 30° Steigung absolvieren musste. Meine Muskeln hatten sich während der Rast völlig verhärtet und fühlten sich auf meinem weiteren Weg im Wasserschloss wie Fremdkörper an. Aber sie mussten auch nur noch wenige Schritte bis zum Ziel durchhalten.

Es gab hier einen Rechnerraum, der ursprünglich einmal einen Nowak beherbergt hatte, das heißt ein digitalisiertes, menschliches Bewusstsein, wie es Mark und die Aszendenten waren. In der Frühzeit der Technologie waren Kraftwerke die sichersten Orte gewesen, an denen man als Nowak leben konnte. Der Rechner, den ein Nowak-Bewusstsein als Hardware nutzte, musste ständig laufen. Ein Ausfall war tödlich. Man konnte zwar prinzipiell das Bewusstsein aus gespeicherten Daten wieder zu voller Leistungsfähigkeit hochfahren. Das konnte man aber auch gleichzeitig mit einer Kopie dieser Speicherinformationen machen und zwei identische Nowaks begrüßen, die sich beide für den echten hielten. Wer dieses Gedankenexperiment zu Ende dachte, sorgte lieber für eine unterbrechungsfreie Stromversorgung.

Das Rechenzentrum unten im Werk war groß genug, um allen Aszendenten Platz zu bieten und war bestens abgesichert. Die Rechnerbank hier oben war schon seit der Gründung verwaist und diente Schülern der IT als Übungsobjekt. Genau daher war mir die Anlage bis ins Kleinste vertraut. Oft waren wir mit einem Laster die Bergstraße heraufgefahren und hatten die Arbeit eines Außenteams simuliert, das hier aus dem Raum Ersatzteile bergen musste. Das waren große Abenteuer für uns Schüler gewesen und wir fühlten uns bereits wie die Helden aus den Geschichten unserer Kindheit: Außenteamler, die ihr Leben weit ab vom Werksgelände riskierten, hundert Gefahren trotzten und dann in letzter Minute mit dem dringend benötigten Material aus der todbringenden, schwarzen Wüste heimkehrten.

An langweiligeren Tagen kamen wir nur hierher um den Zusammenbau und die notwendigen Funktionstest der vorher „geborgenen“ Teile zu üben. Ich wusste, ich würde die Anlage völlig intakt und im bestmöglich überprüften Zustand vorfinden. Und was am wichtigsten war, unverbunden mit dem Hauptnetzwerk und damit heute Nacht meine Rettung.

Nach wenigen Handgriffen war der Raum erfüllt vom beruhigenden Summen vieler, kleiner Lüfter und ich steckte den Datenstick an seinen Platz, gefüllt mit den vollständigen drei Simulationen, die es zu lösen galt. Allein dieser Stick würde mich schon in größte Schwierigkeiten bringen, fiele er in die falschen Hände. Immerhin hatte ich die Zugriffszeitpunkte auf diese Daten im Hauptsystem so zurückdatiert, als habe ich sie direkt im Anschluss an die anderen sieben angefordert. Das zumindest würde niemand bemerken, da war ich sicher. Man hatte mich nicht umsonst so sorgfältig darin ausgebildet, Daten vor Manipulation zu schützen. Ich kannte die Detektionsverfahren für Zeitstempelmanipulationen und auch, wie man sie täuschte.

Mein Arbeitsplan für heute Nacht war ein wenig im Verzug, aber noch durchführbar. Zwei der Simulationen würde ich regelgerecht abarbeiten. Aus Gesprächen mit meinen Mitschülern wusste ich, dass hier in längeren Handlungssträngen nur Routinewissen abgefragt wurde. Die dritte war es, die ein wenig mehr Geschick erforderte.

Auch wenn es der Schwerpunkt aller Arbeiten unserer Forschungs- und Entwicklungsabteilung war, Rechnerkomponenten selbst herstellen zu können, waren nach wie vor 95% aller verwendeter Hardware aus dem Umland geborgenes Altmaterial. Dementsprechend betrieb die IT-Abteilung an die tausend verschiedene Rechnermodelle, einige davon dutzendfach, andere in genau einem Exemplar. Die Herausforderung der stärksten Rechner und der besten Programmierer war es, die anfallenden Aufgaben derart im riesigen Netzwerk zu verteilen, dass keine Komponente überfordert war und man dennoch eine möglichst hohe Auslastung erzielte. Mit der Zeit waren hunderte, kleinere Routineaufgaben speziell für einen besonders geeigneten Rechnertyp geschrieben worden und konnten nun modular zu größeren Programmen zusammengesetzt werden. Simulation Nummer 10 ließ einen bestimmten Rechnertyp ausfallen und verlangte, ein darauf typischerweise laufendes Modul auf einen anderen, verwandten Typ umzuschreiben. Die reine Programmierzeit lag da in der Größenordnung mehrerer Arbeitstage. Die hatte ich nicht.

Ich hatte zwar aus meiner Ausbildung noch ein umgeschriebenes Programmmodul bei meinen Unterlagen, aber bei tausend möglichen Rechnersystemen und hunderten Modulen gab es keine Hoffnung, dass die Simulation zufällig genau diese Kombination von mir verlangte. Es sei denn, ich startete sie ein paar hunderttausend Mal...

Im Hauptnetzwerk war das unmöglich, aber völlig abgekoppelt hier oben würde nichts das kleine, bösartige Programm aufhalten, dass ich zu diesem Zweck bereits am Nachmittag geschrieben hatte. Rein statistisch standen meine Chancen bereits nach zwei Stunden Rechenzeit fifty-fifty für einen Volltreffer und bei über 90% für eine Situation, die ähnlich genug war, um meine vorhandene Lösung schnell anpassen zu können. Es war eine Verschwendung, dieses eigentliche Meisterstück meiner Programmierkunst nicht vorführen zu können. Der unbändige Stolz, den ich empfand, als sich die Fühler meiner Schadsoftware wie geplant suchend in ihren Zielcode vortasteten, Halt fanden und Einfluss nahmen, wurde nur geringfügig von Schuldgefühlen beeinträchtigt. Ich hatte keine Zeit der Ergebnisliste beim Wachsen zuzuschauen. Zwei einfachere, aber real zu lösende Simulationen warteten noch. Ich machte mich an die Arbeit. Wie erwartet handelte es sich um reine Fleißarbeiten. Nach zwei Stunden stupider Arbeit ohne echte Herausforderung, im Halbdunkel sitzend und mitten in der Nacht, kämpfte ich dagegen, nicht einzudösen. Aber Bildschirmseite für Bildschirmseite sammelten sich die Ergebnisse, die ich morgen würde vorzeigen müssen. Alles sah danach aus, dass ich noch einmal davonkommen würde. Ich schwor mir, es nie wieder soweit kommen zu lassen.

Ein lautes Scheppern unterbrach meine Gedanken. Das war eindeutig eine der großen Außentüren, die schwungvoll aufgestoßen worden war. Es würde nur noch ein paar Sekunden Luftaustausch erfordern, bis die innere Schleusentür aufging und mich jemand hier ertappen würde. Alle Trägheit vergessen schoss ich aus meinem Stuhl hoch und in Richtung Tür. Wenn derjenige dort draußen nicht ausgerechnet in diesen Raum wollte, hatte ich noch eine Chance. Leise schob ich die Zimmertür ins Schloss.

Draußen auf dem Flur waren jetzt die Schritte mehrerer Personen zu hören. Mir war völlig schleierhaft, wer sich um diese Uhrzeit hierher begeben sollte. Mit Sicherheit handelte es sich nicht um IT-Auszubildende. Aber wer dann?

Die Schritte kamen näher, leise Stimmen wurden hörbar. Ich hörte mindestens einen Mann und eine Frau. Den Schrittgeräuschen nach waren es erheblich mehr. Sie kamen näher und näher und... gingen vorbei.

Ich seufzte vor Erleichterung und schlug mir die Hand vor den Mund, als ich wahrnahm, wie laut das in der Stille hallte. Was auch immer die überraschenden Besucher hier wollten, sie suchten es auf der anderen Gebäudeseite. Was für eine Ironie wäre es gewesen, nach dem unglaublichen Glücksfall im Treibhaus jetzt durch unglaubliches Pech doch noch zu Fall zu kommen.

Ich wandte mich wieder dem Rechner zu und fand zu meiner Freude die blinkende Benachrichtigung meines Programms vor: Volltreffer. Simulation Nummer Zehn war damit erledigt. Nummer Acht hatte ich bereits abgearbeitet, die Neun war noch eine Sache von Minuten.

Nach getaner Arbeit sicherte ich alle Ergebnisse auf dem Datenstick und versuchte mich ein letztes Mal zu konzentrieren, um jetzt nicht durch irgendeine kleine Nachlässigkeit Spuren zu hinterlassen. Alles sah in Ordnung aus. Zeitangaben, verwendetes Rechnersystem, Benutzerkennungen, alles hatte ich plausibel gefälscht. Ich schlug mir selbst auf die Schulter, lächelte müde und stand ächzend auf.

Die geheimnisvollen Anderen waren noch hier oben, aber ich konnte schlecht auf ihre Abreise warten. Am Ende blieben die bis morgen und ich hatte keine Chance, das einzuschätzen. Ich verstand ja nicht einmal, was sie hier suchten. Ich schaltete die Technik ab, öffnete leise die Tür und schlich über den Flur in die Richtung, aus der ich vor einigen Stunden gekommen war. Die Stimmen wurden auf meinem Weg immer lauter und nach und nach konnte ich einzelne Satzfragmente verstehen, die aber wenig Sinn ergaben.

Gegen jede Vernunft bewegte ich mich an meiner Abzweigung vorbei weiter in Richtung des Lichtspalts, der aus einer angelehnten Tür keilförmig den staubigen Fußboden erhellte. Fluchtbereit verharrte ich und lauschte.

Eine kräftige Männerstimme setzte sich gerade ruhig, aber bestimmt gegen allgemeines Gemurmel durch: „Freunde! Freunde! Genug diskutiert, stimmen wir ab. Es handelt sich nun wirklich um einen Minimalkonsens. Viele, viele Bedingungen haben wir gemeinsam festgelegt und die werden wir erst einmal alle prüfen, bevor wir loslegen. Aber irgendeine Art von Aktionsplan brauchen wir nach all den Jahren des Diskutierens. Also bitte, Abstimmung! Meine Position ist klar. Astrid, was sagen die Reformer?“

Astrid antwortete mit einer leicht arrogant klingenden Stimme: „Wir haben den Plan gemeinsam ausgearbeitet, gemeinsam Sicherungen und Auslöser eingebaut, wir stehen zum Resultat. Lasst uns mit den Vorbereitungen beginnen!“ Mehrere andere Personen gaben Laute der Anerkennung von sich.

Es befanden sich fünf bis zehn Leute hinter der Tür.

Die erste Stimme wieder: „Ede, Deine Meinung!“

Ede war offenbar ein älterer Mann und rumpelte: „Ihr kennt meinen Preis. Im Fall des Falles wollt ihr ihn zahlen, sagt ihr. Also dann, meine Leute sind dabei!“

Wieder erklang Beifall.

„Iuri, Du hast sie gehört. Schließ Dich uns an!“

Die sanfte Stimme, die antwortete, war nicht zu verstehen.

Aber die Reaktion der anderen zeigte, dass Iuri offenbar weniger begeistert reagiert hatte als seine Vorredner.

Der erste Sprecher unterbrach das empörte Geraune: „Ich denke, damit werden wir leben müssen. Ich bin“, er zögerte und suchte nach einem passenden Wort, „ein wenig enttäuscht. Wir alle sind enttäuscht. Aber wir machen das Fass jetzt sicherlich nicht wieder auf und fangen von vorne an.“

Iuri schien hier noch einmal eine längere Antwort zu geben, ebenfalls unverständlich. Erst die Worte seines Gegenübers hallten wieder auf den Gang heraus:

„Dann lass mich formal feststellen: Im Namen des Bundes nehme ich deine Haltung zu Kenntnis und akzeptiere sie. Richte Deinen Leuten unseren Dank aus für alles, was sie in der Vergangenheit für uns getan haben. Es wird Euch kein Nachteil entstehen. Wir werden euch nicht vergessen.“

Erneut eine leise Antwort. Kleidung raschelte, Schuhsohlen knirschten auf Staub. Ich hechtete zurück um eine Ecke und drückte mich tief in eine Nische voller Rohrleitungen. In der Finsternis hatte ich hier eine bessere Chance unentdeckt zu bleiben, als wenn ich den langen Flur entlang flüchtete. Zwei Männer traten aus dem Raum, vor dem hellgelben Viereck der Türöffnung nur als schwarze Umrisse erkennbar.

„Ich bring dich noch zur Schleuse.“

„Sehr freundlich, ich danke Dir.“

Leise Höflichkeiten austauschend schlenderten die zwei an mit vorbei und außer Sicht. Kurz darauf kam eine Person allein zurück. Meine inzwischen an die Dunkelheit gewöhnten Augen erkannten einen kräftig gebauten, bärtigen Mann, im schwarz gegürteten Overall eines IT-Außenteamlers. Sein Gesicht kam mir nicht vertraut vor, aber bei dieser Beleuchtung hätte ich mich schwergetan, meinen eigenen Vater zu erkennen. Er ging zügig an mir vorbei. Ich seufzte erleichtert.

Der Bärtige blieb wie angewurzelt stehen. Ich fluchte still in mich hinein. Ohne sich umzudrehen flüsterte er mit kaum hörbarer Stimme in die hallende Stille des Flurs: „Du bist uns nicht hierher gefolgt. Du warst vor uns hier. Keiner von Marks Spitzeln, denke ich.“

Es war klar, dass er nur mich meinen konnte, aber ich war zu überrumpelt, um eine sinnvolle Antwort geben zu können.

„Ich habe keine Ahnung, was Du hier suchst, aber Deine Anwesenheit hier ist ein Ausdruck von Rebellion.“

Da irrte mein Gegenüber. Meine Anwesenheit war eher Ausdruck von Verzweiflung. Oder von Abenteuerlust. Er fuhr fort, bevor ich mich festgelegt hatte.

„Es kommt bald die Zeit, da werden wir Abenteurer wie Dich brauchen.“

Er schien meine Gedanken zu lesen.

„Wenn Du den Mut hast, für eine bessere Welt zu kämpfen und die Neugier, zu erfahren, wie, dann komm in genau einer Woche wieder hierher. Wir sind der Wasserschlossbund. Wir warten auf Dich.“

Er ging ein paar Schritte weiter, fügte noch hinzu: „Sprich mit niemandem über heute Nacht“, und zog die Tür hinter sich zu.

Daran würde ich mich sicher halten, dazu brauchte ich nicht den Rat eines geheimnisvollen Verschwörers. Der Rest seiner kleinen Rede wollte sich zu keinem sinnvollen Gesamtbild zusammenfügen. Der Wasserschlossbund. Mein müder Geist ächzte unter der Last all der neuen, verstörenden, wunderbaren, beängstigenden, verwirrenden Sinneseindrücke dieser Nacht.

Ohne jeden bewussten Gedanken, einem Schlafwandler gleich, fand ich den langen Weg zurück nach Hause und fiel sofort in unruhigen Schlaf.

2 • KilianAußeneinsatz

Für meine Ausbildung auf dieser Außenmission war Ernst zuständig und um seinem Namen alle Ehre zu machen nahm er seinen Auftrag ungemein... ernst. Während der ersten drei Stunden Fahrt in einem schwankenden Lastwagen hatte er so gut wie nie geschwiegen und sei es nur, um mich eine Frage stellen zu lassen. Fragen schienen Ernst überhaupt nur unnötig abzulenken, sein Ausbildungsprogramm für Neulinge hatte er offensichtlich schon unzählige Male wortgleich abgespult. Ich vermutete stark, dass seine Witze bereits von Generationen anderer Anfänger gequält belächelt worden waren. Aber nach über 30 Jahren Dienst war das kein Wunder.

Ernst genoss den zweifelhalten Ruf vollkommen übergeschnappt zu sein, sein Leben hier draußen seit so vielen Jahren zu riskieren. Das typische Mitglied eines IT-Außenteams übernahm nach wenigen Jahren einen bequemen Dienstposten in der IT-Abteilung, nahe an der lebensrettenden Nowakapparatur und der Aszendenz. Nicht aber Ernst. Er war für die Welt hier draußen geboren worden, sagte er oft, und beschwerte sich lautstark über den Mief im Werk und den Unterkünften. Geradezu ironisch angesichts des Gestanks, der wie eine feuchte Decke über der schwarzen Landschaft lag und unter die Maske drang, obwohl ich sie immer wieder besorgt zurechtrückte. Nur drei, vier ungeschützte Atemzüge und ich würde bewusstlos werden, nach zehn weiteren Minuten ohne fremde Hilfe tot. Der Gedanke an ein tatsächliches, unwiderrufliches Ende verursachte mir körperliche Schmerzen. Mein kurzes Leben lang war mir immer klar gewesen, dass ich im Werk absolut sicher war. Selbst bei einem schweren Unfall oder Krankheit gelang es in der Regel, das Opfer noch rechtzeitig bis in die Nowak-Apparatur zu retten und in die Aszendenz zu digitalisieren. Nicht hier draußen. Daran hatte ich schon während der Vorbereitung immer wieder denken müssen und war doch jedes Mal wieder vor der bloßen Vorstellung zurückgeschreckt. Aber hier, kilometerweit vom sicheren Werk entfernt, fanden meine Gedanken keinen Ort, an den sie fliehen konnten. Ich bekam kaum noch Luft, die Maske war viel zu klein für meine pumpenden Lungen.

„Hör zu, Junge, ich erzähl das hier nicht zu meinem eigenen Vergnügen, klar?“, fuhr Ernst mich an und ließ dabei seine knorrige Hand auf meine Schulter fallen. Zu meiner unbegründeten Todesangst gesellte sich die wohlbegründete Angst vor dem Missfallen des Teamleiters. Und gewann die Oberhand. Das hier war nicht nur lebensgefährlich, sondern auch die Chance meines Lebens. Die Chance auf einen dauerhaften Platz in der ehrwürdigen IT, ein Leben in Komfort. Wirklich keine gute Idee, das zu riskieren und sich als Feigling zu blamieren. Ich riss mich zusammen und strengte mich an, meine Stimme nicht zittrig klingen zu lassen. So klang sie aber dann doch.

„Ich hatte nur kurz nachgedacht über Deine letzte Erklärung, Admin. Entschuldige bitte, könntest Du den letzten Teil noch einmal wiederholen?“, rettete ich mich in eine Notlüge.

„Nenn mich nicht Admin, wenn wir hier draußen sind!“ Ich Trottel. Das hatte er in der Tat bereits zuvor sehr deutlich gemacht.

„Für die Langsamen unter uns gerne noch einmal: Hier bin ich Ernst, Du bist Kilian. Wir sind drinnen von genug Bucklern und Duckmäusern umgeben und ihrem ständigen Admin hier und Admin dort und Admin lalala. Wir sind unter uns hier draußen und wenn Du klug bist, respektierst Du mich auch einfach so, ohne leeres Getue. Jedenfalls lebst Du länger, wenn Du das tust.“

Er sah furchteinflößend aus bei seiner Tirade. Wenn Ernst zu schimpfen begann, drängte sich mir das Bild eines griesgrämigen Zwergs aus den Geschichten meiner Mutter auf. Das wiederum milderte den Terror beträchtlich, den er eigentlich wohl verbreiten wollte. Er war nicht übermäßig klein, aber mit seinen wirren, grauen Haaren, dem unrasierten Kinn und diesem leicht vorstehenden, meist etwas schräg aus der Mittellinie versetzten Unterkiefer bot er doch eine wenig ehrfurchtheischende Erscheinung.

„Staub ist das Thema, Staub! Also jetzt erst einmal als Oberbegriff. Wir Außenteamler haben hundert verschiedene Namen für das Zeug, je nachdem, welche Farbe es genau hat, welche Korngröße, wie magnetisch es ist, und und und. Hundert Namen, tausend Eigenschaften. Für dich sieht da draußen alles schwarz und braun aus, aber du wirst lernen.“ Er hob dozierend den Zeigefinger. „Lernen müssen! Ich zeig Dir gleich in der Pause mal, wieviel Magnetit uns schon draußen an allen Teilen klebt. Wenn Du in eine Anwehung davon direkt reinfährst, sag gute Nacht. Das klebt Dich glatt am Boden fest, alles schon erlebt.“

Er schien einen Moment nachzudenken, ob er das noch mit einer passenden Anekdote ausmalen sollte, entschied sich aber dagegen. Er machte eine vage Geste mit der Hand und bedeutete mir, aus dem Fenster zu schauen. Draußen zogen die niedrigen Dünen der schwarzen Wüste vorbei. Das Gebirge war von meinem Platz aus nicht zu sehen und auch die Seen der direkten Werksumgebung hatten wir zurückgelassen. Alles was blieb, war eine ununterbrochen kahle Fläche bis zum Horizont, nur hier und da unterbrochen von verstreuten Ansammlungen verfallener Gebäude, die leer und tot an andere Zeiten erinnerten.

Während der breitschultrige Fahrer Jürgen stets schweigend unseren Laster voran steuerte, wies Ernst auf alle möglichen Varianten des allgegenwärtigen Staubs hin. Schwarzes Pulver bot feucht hervorragenden Reiseuntergrund und bildete trocken eine ebenso befahrbare harte Kruste aus. Darunter allerdings konnten Taschen von Flaum, sehr weichem und nachgiebigen Staub, darauf lauern, dass ein Reifen durch die Oberfläche brach. Roter Rost war im Grunde problemlos, wurde feucht aber zu einer Rutschbahn, von größeren Feldern hielt man sich besser fern. Magnetit war überall. Beigemengt in beinahe jede andere Art von Staub sammelte man das Zeug ungewollt Gramm für Gramm an jeder eisernen Oberfläche des Fahrzeugs ein. Zweimal täglich mindestens musste man unter den Laster kriechen und es in großen Schollen abschlagen, sonst riskierte man ersthafte Schäden an der Mechanik. Die Liste setzt sich immer weiter fort und ganz langsam begann ich die Landschaft mit anderen Augen zu sehen. War ich bis jetzt ohne Bezugspunkte vollkommen orientierungslos, konnte ich nun farbige Strukturen in der Oberfläche ausmachen. Die Palette war nicht besonders breit von dunklen Rottönen über Braun bis hin zu schwarz, aber mit Ernsts Hilfe gelang es mir, ihr Bedeutung abzuringen. Ein tiefschwarz schimmernder See links von uns war in Wahrheit scharfkantiger Glasstaub, die roten Streifen rechts an einem Hügel einfache Rostverwehungen. Die größte Fläche aber wurde bis zum Horizont von einer schmutzigbraunen Fläche toten, unbewachsenen Lehms eingenommen, immer wieder durchbrochen von schwarzen und roten Staubflächen. Kahl, lebensfeindlich, im Sommer glühend heiß und hart gebacken, im Winter eine gigantische Masse unpassierbaren Schlamms. Leben gab es hier draußen abgesehen von uns selbst keines. Nur tote, blattlose Baumgerippe markierten hier und da längst vergangene, schattige Wälder.

Besser erhalten hatten sich die Werke der Menschen von damals. Ihre Häuser, ihre Straßen, ihre Zäune, alle verfallen und dick mit schwarzem Staub bedeckt, aber noch vorhanden, leer und unheimlich. Wir passierten eine lange Reihe hoher Masten, an denen der Wind unglaubliche Strukturen aus verklebtem Magnetitstaub geformt hatte. Wie tausende, waagereche Eiszapfen wiesen die Gebilde in alle Richtungen. Ich kannte den Effekt nur zu gut von daheim. Es war die ungeliebte Aufgabe der Kinder, in Trupps organisiert diese gefährlichen Krusten von den Metallstrukturen des Werks abzuschlagen, bis sie sich nur Wochen später neu gebildet hatten.

Bis zum Mittag hatte ich die einhundert wichtigsten Erscheinungsformen von Staub gelernt, vergessen, wieder gelernt und nur noch zur Hälfte vergessen. Eine gab es sogar praktisch zu erleben. Beide Vorderräder hatten sich tief in eine Verwehung eingegraben. Alle Versuche sie freizubekommen, wirbelten nur große Wolken auf und ließen die Achse noch ein Stück tiefer einsinken.

„Kompaktstaub, fiese Angelegenheit, hättest Du sehen müssen“, beschwerte sich Ernst bei dem wenig beeindruckten Jürgen. Der kräftige Fahrer machte sich bereits am hinteren Fahrzeugende daran, große Kunststoffgitter abzuschnallen.

„Soweit das Auge reicht nur verkrustete Erde und Du findest das einzige verdammte Staubloch. Wie oft bist Du hier draußen gewesen? Wie kann man das übersehen?“

Jürgen würdigte die Vorwürfe keiner Antwort und Ernst schien keine zu erwarten. Ich hütete mich auszusprechen, was mir auf der Zunge lag. Allein auf den letzten paar Kilometern waren wir über bestimmt zehn weitere Staubfelder gefahren ohne uns festzufahren und ohne ein Zeichen von Besorgnis. Durch welche Wunderkraft Jürgen dieses hier als gefährlich hätte erkennen sollen, wusste ich nicht. Meine Begleiter waren beide erfahrene Männer mit einer ganzen Reihe Touren auf dem Buckel, auch wenn Jürgen es weder zu dem legendären Ruf des Älteren gebracht hatte, noch es darauf anzulegen schien.

„Da, siehst Du das?“ sagte Ernst und zeigte fuchtelnd auf die Schaufel voll Staub, die ich gerade zur Seite geworfen hatte. Natürlich hatte ich es gesehen, sogar sehr deutlich, und noch mehr ihr Gewicht gespürt. Was der Teamleiter meinte, war mir schleierhaft.

„Nochmal! Wirf nochmal!“

Ich machte ihm die Freude und warf die nächste Schaufel Staub schwungvoll auf die Seite.

„Da! Ganz, ganz feines Pülverchen fliegt in einer schwarzen Wolke davon. Hat sich immer noch nicht gelegt, schau. Und unten heraus fallen schwer wie Blei die dicken Griesel. Da liegen sie, direkt neben dir. Zwei Phasen ineinander, Pulver und Griesel, fertig ist Kompaktstaub. Teuflisch.“

Kompakt klang gar nicht so schlecht für mich. Ich fragte: „Wie kommt das hierher?“, und hielt die Luft an. Wenn er mir das heute bereits erklärt hatte, dann würde ich einen ordentlichen Rüffel kassieren.

„Im Prinzip so wie alles. Angeschwemmt oder angeflogen. Die Kurve hier windet sich an der Hügelflanke entlang, da fängt sich schnell mal eine Verwehung. Aber die Hälfte von diesem Zeug hier sind Griesel! Die fliegen nicht, zu schwer. Im Winter muss dieser Straßenabschnitt ein Bachbett sein. Jeden Winter lagert das Wasser Griesel ab, jeden Sommer der Wind das Pulver. Griesel, Pulver, Griesel, Pulver, Kompaktstaub. Jedes Jahr ein bißchen mehr. Faszinierend, was?“

Er zumindest schien das zu finden. Meine eigene Begeisterung war durch die schwere Arbeit gedämpft, die nötig war um Pulver, Griesel, Pulver, Griesel zur Seite zu schaufeln. Ich nickte vorsichtshalber.

„Hier, leg mal Deine Hand flach darauf und drück ein wenig“, forderte er mich auf und ich tat wie geheißen. Ruckartig verschoben sich unter meiner Hand die lose aufeinanderliegenden Staubschichten und Ernst nickte befriedigt. „Ist hier unten noch harmlos. Wenn das oben in einem der Bergtäler passiert, kann der ganze Kladderadatsch abrutschen und da drunter willst Du nicht stehen.“

Nein, wollte ich nicht.

Mit Hilfe der Unterlegplatten aus geriffeltem Kunststoff bekamen wir den Wagen nach endloser Graberei frei und umrundeten das Kompaktstaubfeld mit einigem Sicherheitsabstand. Auf der anderen Seite machten wir im Schatten des Hügels Rast.