Gesammelte Erzählungen (116 Titel in einem Buch): Das Dschungelbuch + Dunkeles Indien - Phantastische Erzählungen + Aus Indiens Glut + Soldatengeschichten + und mehr - Rudyard Kipling - E-Book

Gesammelte Erzählungen (116 Titel in einem Buch): Das Dschungelbuch + Dunkeles Indien - Phantastische Erzählungen + Aus Indiens Glut + Soldatengeschichten + und mehr E-Book

Rudyard Kipling

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Beschreibung

Rudyard Kiplings "Gesammelte Erzählungen" vereint eine Vielzahl von Erzählungen, die in ihrer Themenvielfalt und ihrem literarischen Stil unvergleichlich sind. Vom bekannten "Dschungelbuch" über fantastischen Geschichten aus Indien bis hin zu Soldatengeschichten schafft Kipling eine poetische und zugleich tiefgründige Erzählweise, die die Leser in exotische Szenerien und psychologische Konflikte entführt. Sein Stil kombiniert lyrische Prosa mit einem scharfen sozio-kulturellen Bewusstsein, das das britische Kolonialzeitalter kritisch reflektiert, während er gleichzeitig die Macht des Geschichtenerzählens zelebriert, um universelle Menschheitsthemen zu erkunden. Rudyard Kipling, geboren 1865 in Indien, wuchs in der britischen Kolonie auf, was seinen literarischen Einfluss maßgeblich prägte. Kiplings Erfahrung in der Kolonialadministration, gepaart mit seiner tiefen Verbundenheit zur indischen Kultur, verleiht seinen Erzählungen Authentizität und Autorität. Seine vielfach ausgezeichneten Werke spiegeln sowohl die Faszination als auch die Komplexität der britisch-indischen Beziehungen wider und zeugen von einem unverwechslbaren Gespür für das Menschliche in all seinen Facetten. Dieses Buch ist ein unverzichtbares Werk für Literaturbegeisterte und Geschichtsliebhaber. Kiplings meisterhafte Erzählkunst und sein eindringlicher Blick auf Menschlichkeit und Kultur bieten nicht nur Unterhaltung, sondern auch tiefgehende Einsichten in die Vergangenheit. Leser werden eingeladen, sich auf diese literarische Reise zu begeben und die verschiedenen Welten zu entdecken, die Kipling mit solch feinem Gespür und einer bemerkenswerten Fantasie erschafft. In dieser bereicherten Ausgabe haben wir mit großer Sorgfalt zusätzlichen Mehrwert für Ihr Leseerlebnis geschaffen: - Eine umfassende Einführung skizziert die verbindenden Merkmale, Themen oder stilistischen Entwicklungen dieser ausgewählten Werke. - Die Autorenbiografie hebt persönliche Meilensteine und literarische Einflüsse hervor, die das gesamte Schaffen prägen. - Ein Abschnitt zum historischen Kontext verortet die Werke in ihrer Epoche – soziale Strömungen, kulturelle Trends und Schlüsselerlebnisse, die ihrer Entstehung zugrunde liegen. - Eine knappe Synopsis (Auswahl) gibt einen zugänglichen Überblick über die enthaltenen Texte und hilft dabei, Handlungsverläufe und Hauptideen zu erfassen, ohne wichtige Wendepunkte zu verraten. - Eine vereinheitlichende Analyse untersucht wiederkehrende Motive und charakteristische Stilmittel in der Sammlung, verbindet die Erzählungen miteinander und beleuchtet zugleich die individuellen Stärken der einzelnen Werke. - Reflexionsfragen regen zu einer tieferen Auseinandersetzung mit der übergreifenden Botschaft des Autors an und laden dazu ein, Bezüge zwischen den verschiedenen Texten herzustellen sowie sie in einen modernen Kontext zu setzen. - Abschließend fassen unsere handverlesenen unvergesslichen Zitate zentrale Aussagen und Wendepunkte zusammen und verdeutlichen so die Kernthemen der gesamten Sammlung.

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Veröffentlichungsjahr: 2024

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Rudyard Kipling

Gesammelte Erzählungen (116 Titel in einem Buch): Das Dschungelbuch + Dunkeles Indien - Phantastische Erzählungen + Aus Indiens Glut + Soldatengeschichten + und mehr

Bereicherte Ausgabe.
In dieser bereicherten Ausgabe haben wir mit großer Sorgfalt zusätzlichen Mehrwert für Ihr Leseerlebnis geschaffen
Einführung, Studien und Kommentare von Lachlan Bell
Bearbeitet und veröffentlicht von Good Press, 2023
EAN 8596547798644

Inhaltsverzeichnis

Einführung
Autorenbiografie
Historischer Kontext
Synopsis (Auswahl)
Gesammelte Erzählungen (116 Titel in einem Buch): Das Dschungelbuch + Dunkeles Indien - Phantastische Erzählungen + Aus Indiens Glut + Soldatengeschichten + und mehr
Analyse
Reflexion
Unvergessliche Zitate

Einführung

Inhaltsverzeichnis

Dieser Band vereint 116 Erzählungen und Zyklen Rudyard Kiplings in einem einzigen, weit gespannten Panorama. Er ist als groß angelegte Sammlung angelegt, die die Erzählkunst eines Autors bündelt, dessen Werk von der indischen Kolonialgesellschaft bis zu Tierfabeln, von Soldatenmilieus bis zu phantastischen Stoffen reicht. Ziel ist nicht eine enge, philologische Gesamtausgabe, sondern eine umfassende Lesesammlung zentraler Prosastücke. Sie bringt bekannte Zyklen wie Das Dschungelbuch und Das neue Dschungelbuch neben Bänden wie Aus Indiens Glut, Dunkeles Indien – Phantastische Erzählungen, Schlichte Geschichten aus den indischen Bergen, Soldatengeschichten, Nur so Geschichten und Die Taten des Tauchboots zusammen.

Die Zielsetzung dieser Edition ist zweifach: Einerseits bietet sie einen zugänglichen Überblick über Kiplings erzählerische Spannweite, andererseits macht sie die inneren Bezüge seines Œuvres erfahrbar. Indem die Texte in einem Band versammelt sind, lassen sich wiederkehrende Motive, Gestalten und Erzählverfahren in unterschiedlichen Kontexten verfolgen. Die Sammlung ist so geordnet, dass sie sowohl Einstieg als auch Vertiefung erlaubt. Sie soll gleichermaßen zur fortlaufenden Lektüre wie zum punktuellen Nachschlagen und Vergleichen einladen. Wer Kipling neu entdeckt, erhält Orientierung; Kennerinnen und Kenner gewinnen an Überblick, Resonanzräumen und überraschenden Querbezügen zwischen bekannten und weniger bekannten Stücken.

Die Auswahl deckt verschiedene Schaffensphasen und Tonlagen ab, wie sie in den gelisteten Büchern exemplarisch sichtbar werden. Tier- und Kindergeschichten stehen neben Skizzen aus dem kolonialen Indien, lakonische Militärerzählungen neben phantastischen Begebenheiten. Aufeinanderfolgende Zyklen wie Das Dschungelbuch und Das neue Dschungelbuch zeigen, wie Kipling Ensemble-Erzählen beherrscht, während Sammlungen wie Schlichte Geschichten aus den indischen Bergen und Aus Indiens Glut Alltagswelten und soziale Mikrodramen fokussieren. Soldatengeschichten erschließen die Perspektive einfacher Dienstgrade, Nur so Geschichten wenden sich mit verspielter Ernsthaftigkeit an junge Leserinnen und Leser, und Die Taten des Tauchboots erweitert den Blick auf technische und maritime Stoffe.

Konzipiert als verlässlicher Begleiter durch Kiplings Prosa, versteht sich der Band als Lesebuch mit hohem Orientierungswert. Er verzichtet auf Interpretationsvorgaben und lässt die Texte sprechen, ordnet sie jedoch so, dass Bewegungen sichtbar werden: von Natur zu Gesellschaft, von Heimat zu Fremde, von Regelwerk zu Grenzüberschreitung. Dadurch kann der Band linear gelesen oder als thematischer Fundus genutzt werden. Die Zusammenstellung betont zugleich, dass Kipling Erzählungen bevorzugte, die in Serien, Paarungen und Spiegelungen wirken. In der Gesamtheit entsteht ein Geflecht, das Einzelstücke trägt, Kontraste schärft und Übergänge erkennbar macht, ohne die Eigenständigkeit der Titel zu schmälern.

Ein Schwerpunkt liegt auf erzählerischen Formen, die an Fabel, Sage und Initiationsgeschichte anschließen. Das Dschungelbuch und Das neue Dschungelbuch verbinden Tierbeobachtung, Legendenbildung und das Erwachsenwerden in einer Ordnung, die Naturgesetz und Gemeinschaft zusammenbindet. Nur so Geschichten arbeitet mit spielerischen, erklärenden Erzählungen, die Herkunft und Besonderheiten von Tieren und Dingen imaginativ begründen. In all diesen Textsorten verbindet sich plastische Anschaulichkeit mit einer klaren, rhythmischen Prosa und markanten Figuren. Die Geschichten sind in sich geschlossen, bilden zugleich größere Bögen und laden zu einem Lesen ein, das Wiederholung, Variation und Erinnerung produktiv macht.

Neben den Tier- und Kindererzählungen umfasst die Sammlung Prosastücke über das Leben in Indien. Schlichte Geschichten aus den indischen Bergen und Aus Indiens Glut führen in Amtszimmer, Bungalow und Bergstation, in Gärten, Bazare und Grenzräume. Der Blick richtet sich auf alltägliche Spannungen, Freundschaften, Missverständnisse und Bewährungsproben. Der Ton reicht von leiser Ironie bis zu ernster Anteilnahme. Charakteristisch sind präzise Milieuschilderungen, differenzierte soziale Dynamiken und ein Gespür für die Zwischentöne, in denen Entscheidungen fallen. Die Geschichten sind kurz, pointiert und dennoch offen genug, um die Ambivalenzen einer vielschichtigen Gesellschaft aufscheinen zu lassen.

Dunkeles Indien – Phantastische Erzählungen öffnet einen anderen Zugang: das Unheimliche, Visionäre, Übernatürliche. Hier werden Grenzen zwischen Rationalität und Aberglauben, zwischen Traum und Wachen verschoben. Das Phantastische dient nicht nur der Sensation, sondern wird als Erzählform genutzt, um verborgene Schuld, Angst, Erinnerung und Zufall zu gestalten. Atmosphären entstehen durch genaue Sinneseindrücke, sparsame Andeutungen und das Spiel mit Erwartung. Die Geschichten bewahren ihr Geheimnis und arbeiten mit Schweigen, Verknappung und Schattenräumen. So ergänzt diese Textsorte die realistische Beobachtung um die Dimension einer inneren, schwer greifbaren Wahrheit, die sich nur indirekt zeigen lässt.

Die Soldatengeschichten führen in Kasernenhöfe, Marschrouten und Kameradschaften. Sie geben Stimmen wieder, die im offiziellen Ton oft überhört werden, und zeigen Alltag, Taktik und Improvisation in knappen, oft humorvoll gebrochenen Szenen. Die Taten des Tauchboots erweitert das Spektrum um maritime und techniknahe Stoffe, in denen Bewegung, Gefahr und Handwerk eine Rolle spielen. In beiden Feldern ist die Erzählweise knapp, situationsbezogen und sensibel für die Sprache derjenigen, die handeln. Der Fokus liegt auf Erfahrung, Regelbewusstsein und Improvisationsgabe. Der militärische Rahmen dient als Bühne für Loyalität, Verantwortung und die Auseinandersetzung mit Zufall und Notwendigkeit.

Über die Gattungsgrenzen hinweg verbinden zentrale Themen diese Sammlung: Zugehörigkeit und Ausgrenzung, Gesetz und Freiheit, Lernen und Bewährung, Nähe und Fremdheit. Figuren bewegen sich an Schwellen – zwischen Kindheit und Erwachsensein, Tradition und Moderne, Naturraum und Gesellschaft. Wiederkehrend sind Motive von Treue, Verantwortung und der Spannung zwischen persönlichem Wunsch und kollektivem Anspruch. Auch die Erfahrung des Reisens, des Postens an Rändern und des Arbeitens unter Druck prägt viele Geschichten. Diese Konstellationen werden nicht als abstrakte Ideen verhandelt, sondern im Konkreten: in Handgriffen, Blicken, Begegnungen, in kleinen Entscheidungen, die größere Folgen haben.

Stilistisch zeichnet sich Kipling durch ökonomische, dichte Prosa aus, die Schauplätze und Arbeitsweisen mit wenigen Strichen erfasst. Dialoge tragen oft die Handlung; sie sind idiomatisch, rhythmisch und wechseln Register, ohne Effekte auszuspielen. Erzählerstimmen können autoritativ, teilnehmend oder lakonisch sein; häufig entstehen Spannungen zwischen Sagen und Verschweigen. Wiederkehrende Verfahren sind Reihungen, Rahmungen und das Variieren vertrauter Muster. Präzise Beobachtung verbindet sich mit einem Sinn für erzählerische Struktur, die den Schluss vorbereitet, ohne ihn vorwegzunehmen. Die Texte nutzen Details nicht als Dekoration, sondern als Träger von Handlung, Charakter und Atmosphäre, wodurch kurze Formen große Wirkung entfalten.

Die Sammlung macht zugleich die historische Situiertheit dieser Prosa sichtbar. Viele Geschichten entstehen im Spannungsfeld kolonialer Ordnungsvorstellungen und lokaler Lebenswelten. Dabei treten Haltungen zutage, die heute kritisch gelesen werden müssen, etwa Stereotypisierungen oder Machtasymmetrien. Die Texte liefern jedoch nicht nur Perspektiven der Verwaltung oder des Militärs, sondern zeigen Alltag, Konflikte und Kooperationen in einer komplexen sozialen Landschaft. Eine informierte Lektüre nimmt beides zur Kenntnis: die zeitgebundenen Grenzen und die literarischen Stärken, die Empathie, Genauigkeit und formale Erfindungskraft. In diesem Doppelblick liegt ein wesentlicher Reiz und eine Verantwortung, die diese Ausgabe bewusst macht.

Als Gesamtheit ist dieser Band mehr als die Summe einzelner Erzählungen. Er zeigt, wie Kipling das kurze Formenrepertoire ausreizt: Zyklus, Skizze, Parabel, phantastische Episode, Militäranekdote. Er lässt erkennen, wie Naturbeobachtung, soziale Analyse und erzählerische Verdichtung einander befruchten. So entsteht ein Mosaik, das die Vorstellung von Ordnung, Risiko und Gemeinschaft in wechselnden Szenen prüft. Für die Kinder- wie für die Erwachsenenliteratur bleibt dieses Werk bedeutsam, weil es Erinnerbarkeit mit erzählerischer Strenge verbindet. Die vorliegende Zusammenstellung lädt dazu ein, bekannte Texte neu zu hören, unbekannte zu entdecken und die inneren Wege zwischen ihnen nachzuverfolgen.

Autorenbiografie

Inhaltsverzeichnis

Rudyard Kipling (1865–1936) war einer der prägenden englischsprachigen Schriftsteller des späten Viktorianismus und der frühen Edwardianischen Epoche. Bekannt für Kurzgeschichten, Gedichte und Kinderliteratur, verband er journalistische Präzision mit balladenhafter Musikalität und erzählerischer Ökonomie. Seine Werke erreichten früh ein Massenpublikum, wurden vielfach übersetzt und prägten Vorstellungen von Empire, Technik und Jugendabenteuer. 1907 erhielt er den Nobelpreis für Literatur und wurde damit zu einem Symbol internationaler Popularität wie auch literarischer Debatte. Seine Texte gelten zugleich als stilbildend und als umstritten, weil sie die Logik imperialer Herrschaft teils bestätigen, teils warnend reflektieren. Diese Spannweite bestimmt seine Rezeption bis heute.

Geboren in Bombay im damaligen Britisch-Indien, verbrachte Kipling seine frühe Kindheit in einem kolonial geprägten, mehrsprachigen Umfeld. Seine Schulausbildung erhielt er in England, unter anderem am United Services College in Devon, einer Institution, die Offizierssöhnen und künftigen Kolonialbeamten Disziplin und Pragmatismus vermittelte. Diese Ausbildung, kombiniert mit intensiver Lektüre klassischer und zeitgenössischer englischer Literatur, schärfte sein Gefühl für straffe Form und pointierten Dialog. Früh erlernte er die Techniken des Reportierens, die später seine Prosa prägten: Genauigkeit, Tempo und ein Ohr für Umgangssprache. Literarisch stand er im Kontext des späten Viktorianismus, mit Nähe zur Balladentradition und zur realistischen Kurzgeschichte.

In den 1880er-Jahren kehrte Kipling nach Indien zurück und arbeitete als Reporter und Redakteur, zunächst bei der Civil and Military Gazette in Lahore, später bei The Pioneer in Allahabad. Die tägliche Zeitungsarbeit, Reisen im Subkontinent und Kontakte zum Militär- und Verwaltungsapparat lieferten Stoff für seine ersten erfolgreichen Erzählungen. Mit Plain Tales from the Hills (1888) etablierte er eine prägnante Form der anglo-indischen Kurzgeschichte, oft ironisch, stets genau beobachtend. Sammlungen wie Soldiers Three und Geschichten wie The Man Who Would Be King vertieften seinen Ruf als meisterhafter Erzähler. Diese Phase definierte sein thematisches Feld: Pflicht, Kameradschaft, Technik, Grenzerfahrungen und Macht.

Ende der 1880er-Jahre verlegte Kipling seinen Schwerpunkt nach London, dem Zentrum des englischen Buchmarkts. Er veröffentlichte den Roman The Light That Failed (1890) und wurde mit den Barrack-Room Ballads (ab 1892) als Dichter bekannt, deren sprechnahe Rhythmen und Soldatenstimmen breite Leserschichten erreichten. Gedichte wie Danny Deever, Gunga Din und Mandalay verknüpften Metrik mit Umgangston und trugen zu seinem Ruf als Volksdichter bei. Zugleich festigte er transatlantische Beziehungen und reiste viel. Die maritime Welt Nordamerikas prägte den Roman Captains Courageous (1897), während Erzählbände wie The Day’s Work die moderne Arbeitswelt – von Maschinen bis Schifffahrt – literarisch erschlossen.

Sein Rang als Erzähler gründet maßgeblich auf Werken, die Abenteuer mit präzisem Milieubild verbinden. The Jungle Book (1894) und The Second Jungle Book (1895) wurden zu Klassikern der Kinder- und Jugendliteratur, getragen von klaren moralischen Konstellationen und lebendigen Tierfiguren. Kim (1901) bündelte Erfahrung und Imagination zu einem vielschichtigen Spionageroman des indischen „Great Game“. Stalky & Co. (1899) transformierte Schulerfahrungen in herbe Komik. Mit den Just So Stories (1902) perfektionierte er den Ton des erzählenden Belehrers. Zyklen wie Puck of Pook’s Hill (1906) und Rewards and Fairies (1910) verbanden Lokalgeschichte, Ballade und das weithin zitierte Gedicht If—.

Seine öffentliche Rolle war von der Debatte um Empire, Loyalität und Verantwortung geprägt. The White Man’s Burden (1899) formulierte eine imperial gedachte Pflichtethik, die bis heute kontrovers diskutiert wird. Zugleich warnte Recessional (1897) vor Hybris und Vergesslichkeit der Macht. Im Ersten Weltkrieg unterstützte Kipling die Kriegsanstrengungen publizistisch und engagierte sich anschließend in der Arbeit der Imperial (später Commonwealth) War Graves Commission, wo er an Formulierungen und Gedenkpraktiken mitwirkte. Der Verlust eines nahen Angehörigen im Krieg schärfte seinen Sinn für Erinnerung. Mit The Irish Guards in the Great War verfasste er eine umfangreiche Regimentsgeschichte und würdigte kollektive Opfer.

In den späten Jahren veröffentlichte Kipling Sammlungen wie Debits and Credits (1926) und Limits and Renewals (1932), deren lakonische, oft düstere Geschichten und Gedichte seine formale Meisterschaft noch einmal bündelten. Sein Stil blieb unverwechselbar: ökonomisch, bildkräftig, mit technischem Vokabular und Sinn für Refrain und Rhythmus. 1936 starb er in London; seine Beisetzung in der Poets’ Corner der Westminster Abbey unterstrich seinen kanonischen Rang. Sein Nachruhm ist ambivalent: unbestrittene Virtuosität des Erzählens und der Ballade, anhaltende Wirkung in Kinderliteratur und Kurzgeschichte, zugleich fortdauernde Auseinandersetzung mit imperialen Perspektiven. Diese Spannung hält seine Texte im heutigen Lesen produktiv offen.

Historischer Kontext

Inhaltsverzeichnis

Die Erzählungen stehen im Spannungsfeld des Britischen Empire in seiner Hochphase und beginnenden Krise. Nach dem Government of India Act von 1858 ging die Herrschaft von der East India Company auf die Krone über; 1876 wurde Königin Victoria zur Kaiserin von Indien ausgerufen. Der Suezkanal (1869) und das weltumspannende Telegraphennetz verdichteten Verkehrs- und Nachrichtenwege, wodurch koloniale Peripherien enger an London rückten. Diese Verdichtung prägte Alltagswelten von Verwaltung, Militär und Handel, schuf jedoch zugleich Reibungsflächen zwischen imperialen Ansprüchen und lokalen Ordnungen. Die Erzähltraditionen jener Zeit verarbeiteten damit eine beschleunigte, hierarchisch organisierte Globalisierung und ihre Ambivalenzen.

Rudyard Kipling wurde 1865 in Bombay (heute Mumbai) geboren, in eine Familie, deren Arbeit Indien kulturell und institutionell verband: Sein Vater John Lockwood Kipling wirkte ab 1865 an der Sir Jamsetjee Jeejeebhoy School of Art in Bombay, später in Lahore. Rudyard verbrachte ab 1871 die Schuljahre in England, besuchte das United Services College in Westward Ho!, und kehrte 1882 nach Indien zurück. Diese Pendelbewegung zwischen Metropole und Kolonie prägte Perspektive und Tonfall seiner Prosa: ein Blick, der Insiderwissen über Verwaltungs- und Militärmilieus mit Distanz der britischen Öffentlichkeit verband und daraus literarische Spannung generierte.

Die indische Presse bot ihm Labor und Bühne. Ab 1882 arbeitete er in Lahore für die Civil and Military Gazette und ab 1887 für The Pioneer in Allahabad. Die Sommermonate in Simla, der saisonalen Hauptstadt der Regierung, führten ihn in die Kommunikationsknoten der kolonialen Elite. 1888 erschienen Erzählhefte in der Indian Railway Library des Buchhändlers A. H. Wheeler, über Bahnhofsbuchstände im Subkontinent vertrieben. Diese Vertriebswege erschlossen ein mobiles Lesepublikum aus Offizieren, Beamten und Reisenden. Inhaltlich spiegeln die Texte die Rhythmen von Cantonments, Bungalow-Gesellschaft und Verwaltungsakten – eine Mikroskopie des Raj, registriert im Takt der Druckerpresse.

1889 verließ Kipling Indien, reiste ostwärts über Rangun, Singapur, Hongkong und Yokohama nach San Francisco und gelangte nach London. 1892 heiratete er Caroline Balestier; von 1892 bis 1896 lebte das Paar in Naulakha bei Brattleboro, Vermont, bevor es 1902 das Haus Bateman’s in Burwash, Sussex, bezog. Diese transatlantische Biografie vernetzte seine Stoffe mit den Literaturszenen Londons und der USA, ohne die indischen Erfahrungsräume zu verlieren. Reisewege, Hafenstädte und Kabelnetze wurden nicht nur Themen, sondern auch Produktionsbedingungen: Manuskripte wanderten zugleich mit Dampfschiffen und Zeitungsfahnen durch ein weltweites, kommerziell organisiertes Printsystem.

Viele Erzählungen sind von Militärmilieus des Britisch-Indischen Heeres durchdrungen, das die Nordwestgrenze gegen russischen Einfluss (Great Game) zu sichern suchte. Der Zweite Anglo-Afghanische Krieg (1878–1880) hinterließ Erfahrungsregimes in Peshawar, Rawalpindi und entlang des Khyber-Passes. Spätere Grenzkonflikte – Malakand (1897), die Tirah-Kampagne (1897–1898) – stärkten das Bild einer dauernden, oft kleinteiligen Kriegführung. Regimente aus Punjab, Gurkha-Bataillone und die „Guides“ standen für ein hybrides Militär, in dem Sprachen, Religionen und regionale Identitäten unter britischem Kommando kooperierten. Diese Konstellation erzeugte Nähe und Distanz, Kameradschaft und Ungleichheit, aus denen die Erzählpoetik vielfach ihren Realismus bezieht.

Gleichzeitig verschoben politische Bewegungen die koloniale Öffentlichkeit. Der Indian National Congress (gegründet 1885 in Bombay) erweiterte Debatten über Repräsentation; der Indian Councils Act (1892) und spätere Reformen setzten begrenzte Partizipation durch. Die Verwaltung Lord Curzons (1899–1905) kulminierte im Streit um die Teilung Bengals (1905), die 1911 revidiert wurde und das Swadeshi-Movement befeuerte. Petitionen, Pressearbeit und Boykott mobilisierten zunehmend gebildete Mittelschichten. Diese Dynamik bildet den Resonanzraum, in dem Erzählungen Loyalitäten, Opportunitäten und Bruchlinien verhandeln: zwischen Dienstethos und Kritik, zwischen Pragmatismus der Verwaltung und wachsendem Selbstbewusstsein indischer Eliten.

Die Erinnerung an den Aufstand von 1857 – in britischen Quellen oft „Mutiny“ genannt – blieb bis weit ins 20. Jahrhundert prägend. Schauplätze wie Delhi, Cawnpore (Kanpur) und Lucknow wurden zu Topoi einer Kultur des Gedenkens, die Garnisonsalltag, Sicherheitsdenken und Vorstellungen von Loyalität formte. 1907, zum fünfzigsten Jahrestag, intensivierten Publikationen und Zeremonien diese Deutungsmacht. In ihr verschränkten sich heroische, traumatische und administrativ-bürokratische Narrative. Die Erzählkunst reflektiert diese Gedächtnispolitik nicht durch Rekonstruktion einzelner Schlachten, sondern indem sie Charaktere zeigt, deren Selbstverständnis aus den sedimentierten Mythen und Mahnungen von 1857 gespeist wird.

Technik und Verkehr veränderten Wahrnehmung und Raumgefühl. Die erste indische Eisenbahn fuhr 1853 zwischen Bombay und Thane; um 1900 durchzogen mehr als 39.000 Kilometer Schienen den Subkontinent. Telegraphenleitungen und ein modernisiertes Postwesen ermöglichten rasche Meldungen, während das Public Works Department Kanäle, Straßen und Brücken errichtete. Diese Netzwerke verbanden Bergstationen, Distrikthauptstädte und Häfen in einen Takt von Dienstanweisungen, Lieferscheinen und Transfers. Die literarische Imagination gewann daraus Motive von Reise, Verzögerung, Panne und Improvisation. Die Verfügbarkeit von Büchern an Bahnhofskiosken und in Offiziersmessen verknüpfte Werkstoff und Lesepraktik in einem stetigen Zirkulationsprozess.

Wissenschaftliche Diskurse des 19. Jahrhunderts – von Darwins Evolutionstheorie (1859) bis zu Kolonialmedizin und Forstpolitik – bildeten einen ideellen Hintergrund. Die indische Forstverwaltung wurde 1864 institutionalisiert; Jagd, Vermessung und Pflanzenkunde prägten Elitenhabitus wie populäre Unterhaltung. Klimadoktrinen empfahlen Hill Stations wie Simla oder Naini Tal für europäische Gesundheit; zugleich brachten Cholera, Malaria und die Pest von 1896 in Bombay Krisenroutinen hervor. Die großen Hungersnöte von 1876–1878 und 1899–1900 entfalteten bürokratische, moralische und politische Debatten. Die Erzählwelt spiegelt solche Wissensordnungen, indem sie Natur als zugleich vermessenen, bewirtschafteten und mythisch aufgeladenen Schauplatz gestaltet.

Sprachkontakt und kulturelle Vermittlung sind zentral. Hindustani/Urdu diente als Verkehrssprache zwischen Soldaten, Dienerschaft und Beamten; Code-Switching markierte soziale Grenzen wie Intimitäten. Lockwood Kipling wirkte ab 1875 in Lahore als Leiter der Mayo School of Industrial Arts und als Kurator des Lahore Museum, einem Knoten kolonialer Kunst- und Handwerkspolitik. Volksüberlieferungen, Märchen und Tiermythen zirkulierten zwischen Dorf, Bazar, Missionsschule und Museumsvitrine. Diese Konstellation beförderte literarische Register, in denen Dialoge, Redewendungen und Alltagsrituale die Schichtung einer pluralen Gesellschaft hörbar machen – ohne die Asymmetrien der Beobachterposition zu verhehlen.

Die juristisch-administrative Architektur des Raj schuf Stoff und Struktur. Der Indian Penal Code (1860), die Criminal Procedure Codes, das Frontier Crimes Regulation (ab 1872, später 1901 in der North-West Frontier Province kodifiziert), der Criminal Tribes Act (1871) und Zensurmaßnahmen wie der Press Act (1910) rahmten Ermittlungen, Gerichtsverfahren und Informationsflüsse. Der Alltag der Indian Civil Service und der Provinzverwaltungen – Akten, Inspektionen, Transferlisten – bildete ein Narrativ der Regelhaftigkeit, in dem Abweichungen dramatische Energie entfalten. Dieses Gefüge prägte Erzählformen, die Spannung aus der Reibung zwischen Vorschrift, Ermessensspielraum und lokaler Moral beziehen.

Seemacht und Handel trugen das Imperium. Der Suezkanal (1869) verkürzte die Route nach Indien; P&O-Dampfer verbanden Southampton mit Bombay und Calcutta. Kohlenstationen in Aden, Port Said und Colombo bildeten einen Takt für Reisende, Waren und Post. Untersee-Telegrafenkabel erreichten 1870 Bombay und banden den Subkontinent an Londoner Finanz- und Nachrichtenmärkte. Die Royal Navy fungierte als Garant globaler Ordnungsvorstellungen, doch auch als Bühne technologischer Umbrüche. In dieser maritimen Moderne wurde der Ozean zugleich Korridor und Grenze, die Bewegungen von Beamten, Soldaten, Ingenieuren und Missionaren strukturierte und Handlungsspielräume eröffnete, in denen koloniale und kommerzielle Interessen sich mischten.

Der Südafrikanische Krieg (1899–1902) markierte eine Zäsur imperialer Selbstbilder. Kipling reiste 1899/1900 nach Südafrika, arbeitete in Bloemfontein an der Zeitung The Friend und unterstützte mit dem Gedicht „The Absent-Minded Beggar“ (1899) Hilfsfonds für Soldatenfamilien. Der Konflikt offenbarte die Logistik moderner Kriegsführung, Zensurpraktiken und die Macht der Presse. Begegnungen mit Feldlazaretten, Etappenlinien und kolonialer Loyalität veränderten den Ton öffentlicher Debatten. Die Erfahrungen wirkten auf spätere Texte zurück, in denen Kriegsberuf, Kameradschaft und staatliches Interesse in einer Welt verhandelt werden, die sich rasend mechanisiert und zugleich moralische Gewissheiten brüchig werden lässt.

Der Erste Weltkrieg (1914–1918) vertiefte diese Brüche. 1915 fiel Kiplings Sohn John bei Loos; der Verlust prägte den Autor ebenso wie seine Tätigkeit für das britische Informationswesen. Er besuchte die Dover Patrol, schrieb über Zerstörer, Minensucher und die Royal Navy Submarine Service. Der U-Boot-Krieg im Ärmelkanal und in der Nordsee, Angriffe aus Zeebrugge und Ostende, neue Technologien wie Hydrophone und Wasserbomben formten ein Narrativ technischer Präzision im Angesicht existenzieller Gefahr. Kriegsschilderungen dieser Zeit verbinden taktisches Detail mit propagandistischer Intention – eine Spannung, die die Wahrnehmung von Tapferkeit, Pflicht und Trauer dauerhaft verändert.

Das literarische Feld war transnational organisiert. Magazine in London und New York, Verlage wie Macmillan und Sammlungen für den Massenmarkt sorgten für stetige Präsenz. In Indien ermöglichten die Bahnhofsbuchstände von A. H. Wheeler seit den 1880er Jahren günstige Ausgaben; in Großbritannien bedienten periodische Veröffentlichungen eine breite Leserschaft. Deutsche Übersetzungen setzten um 1890/1900 ein und prägten die Rezeption im deutschsprachigen Raum. Illustrationen, Vorabdrucke und Lesungen schufen Mehrfachöffentlichkeiten. Diese Produktionsweisen erklären, warum militärische, administrative und maritim-technische Themen zugleich Unterhaltung und Zeitdiagnose werden konnten – zugänglich für Offiziere, Beamte, Jugendliche und bürgerliche Salons.

Ideologisch bewegte sich das Werk im Spannungsfeld von imperialer Loyalität und zeitgenössischen Theorien, darunter Sozialdarwinismus und „civilizing mission“. Das programmatische Gedicht „The White Man’s Burden“ (1899) symbolisiert diese Haltung, die bereits zu Lebzeiten Debatten auslöste. Parallel wuchsen antikoloniale Bewegungen: Mohandas K. Gandhi kehrte 1915 nach Indien zurück; nach dem Massaker von Amritsar (1919) radikalisierte sich der Protest, und in den 1920er Jahren gewann die Nichtkooperation an Kraft. Spätere postkoloniale Kritik las Kiplings Texte neu, suchte Grautöne, Stimmenvielfalt und Zwischentöne – und untersuchte, wie Erzählformen Herrschaft naturalisieren oder unterlaufen.

1907 erhielt Kipling den Nobelpreis für Literatur – der erste englischsprachige Preisträger. Ab 1902 lebte er in Bateman’s, Burwash, und starb am 18. Januar 1936 in London; er wurde in der Westminster Abbey beigesetzt. Sein Nachruhm blieb umstritten: gefeiert für Handwerk, Dialogkunst und Erzählökonomie, kritisiert für imperialen Ton. Gerade die indischen, militärischen und maritimen Kontexte bieten jedoch eine historische Tiefenschärfe, in der die Texte als Dokumente eines global vernetzten Zeitalters lesbar werden. Orte wie Lahore, Simla, Allahabad, London, Kapstadt und Dover markieren Knoten einer Biografie, die Erfahrungsräume verbindet und literarisch verdichtet.

Synopsis (Auswahl)

Inhaltsverzeichnis

Das Dschungelbuch

Erzählzyklus aus dem indischen Dschungel, dessen berühmteste Episoden Mowglis Aufwachsen unter Wölfen sowie Begegnungen mit Baloo, Bagheera und Shere Khan schildern; daneben Tierfabeln wie Rikki-Tikki-Tavi und Die weiße Robbe.

Das neue Dschungelbuch

Fortsetzung und Ergänzung der Dschungelerzählungen: weitere Stationen von Mowglis Weg zwischen Tier- und Menschenwelt sowie zusätzliche Tiergeschichten, die das Gesetz des Dschungels und Fragen von Zugehörigkeit vertiefen.

Aus Indiens Glut

Kurzgeschichten aus dem kolonialen Indien, die Alltag, Amt und gesellschaftliche Zwänge unter tropischer Hitze beleuchten und die Reibungen zwischen britischer Verwaltung und indischer Bevölkerung in pointierten Vignetten fassen.

Dunkeles Indien - Phantastische Erzählungen

Eine Auswahl unheimlicher und phantastischer Geschichten, in denen Spuk, Obsession und Aberglaube an kolonialen Schauplätzen auf psychologische Spannung und moralische Ambivalenzen treffen.

Schlichte Geschichten aus den indischen Bergen

Satirisch-ironische Momentaufnahmen aus den Hügelstationen (vor allem Simla), die Liebschaften, Karriere, Klatsch und Kodizes der Anglo-Inder in knappen, pointierten Szenen zeigen.

Soldatengeschichten

Episoden um einfache britische Soldaten (u. a. Mulvaney, Learoyd und Ortheris) im Dienst in Indien, die Kameradschaft, Drill, kleine Feldzüge und Alltagslist mit trockenem Humor und Milieutreue verbinden.

Nur so Geschichten

Spielerische Ursprungsgeschichten für Kinder – wie Tiere zu ihren besonderen Merkmalen kamen –, erzählt in repetitivem, lautmalerischem Stil mit augenzwinkernder Moral.

Die Taten des Tauchboots

Knappe Front- und Dienstberichte über den U-Boot-Dienst der Royal Navy im Ersten Weltkrieg („The Trade“), die Technik, Gefahren und nüchternen Mut der Besatzungen aus der Nähe skizzieren.

Gesammelte Erzählungen (116 Titel in einem Buch): Das Dschungelbuch + Dunkeles Indien - Phantastische Erzählungen + Aus Indiens Glut + Soldatengeschichten + und mehr

Hauptinhaltsverzeichnis
Das Dschungelbuch
Das neue Dschungelbuch
Aus Indiens Glut
Dunkeles Indien - Phantastische Erzählungen
Schlichte Geschichten aus den indischen Bergen
Soldatengeschichten
Nur so Geschichten
Die Taten des Tauchboots

Das Dschungelbuch

Inhaltsverzeichnis
Moglis Brüder
Jagdgesang des Sioni-Rudels
Kaas Jagdtanz
Wanderlied des Affenvolkes
»Tiger – Tiger!«
Moglis Siegeslied
Die weiße Robbe
Lukannon
Rikki-Tikki-Tavi
Darsies Siegesgesang
Toomai, der Liebling der Elefanten
Schiwa und die Heuschrecke

Moglis Brüder

Inhaltsverzeichnis

Nun bringt der Weih die dunkle Nacht, Und »Mang«, die Fledermaus, erwacht. Der Stall birgt alles Herdentier, Denn bis zum Morgen herrschen wir! Die Stunde stolzer Kraft hebt an Für Prankenhieb und scharfen Zahn. Jagdheil! und kühn gehetzt, gerafft: Das Dschungelrecht ist jetzt in Kraft[1q].

Nachtgesang in der Dschungel

Gegen sieben Uhr an einem recht schwülen Sommerabend in den Sionibergen erwachte Vater Wolf, gähnte, reckte sich und streckte die Läufe, einen nach dem anderen, um das Schlafgefühl in den Pfoten loszuwerden. Neben ihm lag Mutter Wolf, die lange graue Nase quer über den vier winselnden und quarrenden Jungen, und von draußen her schien der Mond in die Höhle, in der sie alle hausten.

»A-ruff«, knurrte Vater Wolf, »schon wieder Zeit, auf Jagd zu gehen.« Gerade wollte er den Hang hinabsetzen, als am Eingang der Höhle ein kleiner Schatten mit buschiger Rute erschien und winselte: »Glück sei mit dir, Häuptling der Wölfe! Und viel Glück deinen edlen Kindern, weiße, scharfe Zähne sollen ihnen wachsen. Mögen sie nie die Hungernden und Darbenden vergessen in dieser Welt!«

Der Schakal war es – Tabaqui, der Schüssellecker. Die Wölfe in Indien verachten ihn, weil er Unheil stiftend umherschweift und böse Geschichten erzählt. Ja, er verschlingt sogar alte Lumpen und Lederstücke von den Abfallhaufen der Dörfer. Aber sie fürchten ihn auch, denn Tabaqui wird leicht von Tollwut befallen, viel leichter als irgendein anderes Tier in der Dschungel. Dann vergißt er, daß er je Angst gehabt hat, rennt blindwütend durch die Wälder und beißt und würgt alles, was ihm in den Weg kommt. Dann flüchtet selbst der Tiger vor dem kleinen Tabaqui und verbirgt sich im Dickicht; denn von der Tollwut befallen zu werden, ist die größte Schande für die Tiere der Wildnis. Wir Menschen nennen es Hydrophobie, aber die Bewohner der Dschungel sagen einfach Dewanii – Wahnsinn – und flüchten davon.

»Tritt ein und schau«, sagte Vater Wolf. »Fraß findest du hier nicht.«

»Für einen Wolf wohl kaum«, antwortete Tabaqui. »Aber für ein so niedriges Geschöpf wie ich ist ein trockener Knochen ein Festschmaus. Wer sind wir denn, wir Gidurlog, wir armes Schakalvolk, daß wir wählerisch sein könnten?« Er trat nach dem Hintergrund der Höhle und fand dort den Knochen eines gerissenen Bocks mit noch etwas Fleisch daran; bald saß er und knackte vergnügt an dem Knochen.

»Tiefen Dank für das prächtige Mahl«, sagte er, sich die Lippen leckend. »Ah, wie schön sind die edlen Kinder! Wie groß und klar sind ihre Augen. Und so jung sind sie noch, die lieben Kleinen! Freilich – freilich, es ist ja allbekannt, daß Kinder von Königen schon Männer sind von Geburt an.«

Nun wußte Tabaqui ebensogut wie jeder andere, daß man nichts Unschicklicheres tun kann, als Kinder ins Gesicht hinein zu loben – denn das ist von schlimmer Vorbedeutung. Und es freute ihn, als Vater und Mutter Wolf betreten schwiegen.

Noch eine Weile saß Tabaqui und weidete sich an dem Unheil, das er angerichtet hatte. Dann sagte er boshaft:

»Schir Khan, der Gewaltige, hat seine Jagdgründe verlegt. Hier in diesen Hügeln wird er jagen im nächsten Mond – so sagte er mir selbst.«

Schir Khan war der Tiger, der an den Ufern des Waingungaflusses lebte – ungefähr zwanzig Meilen entfernt.

»Dazu hat er kein Recht!« brauste Vater Wolf auf. »Nach dem Gesetz der Dschungel darf er seine Jagdgründe nicht wechseln ohne vorherige Ankündigung. Alles Wild wird er uns vergrämen auf zehn Meilen im Umkreis, und ich – ich muß jetzt jagen für zwei.«

»Seine Mutter nannte ihn nicht ohne Grund Langri, den Lahmen«, warf Mutter Wolf ein. »Lahm auf einem Fuß ist er von Geburt an. Darum auch reißt er nur Rindvieh. Nun sind die Dörfler am Waingunga zornig über ihn, und jetzt kommt er hierher und wird unsere Dörfler aufbringen. Um seinetwillen werden sie die Dschungel ausräuchern, wenn er schon wieder weit fort ist; wir aber und unsere Jungen müssen dann flüchten, wenn das Gras in Brand gesteckt ist. Wahrlich, sehr dankbar sind wir ihm, dem großen Schir Khan!«

»Soll ich ihm vielleicht euren Dank überbringen?« fragte Tabaqui.

»Pack dich!« jappte Vater Wolf. »Geh zu deinem Herrn und Meister! Unheil genug hast du gestiftet in einer Nacht!«

»Ich gehe!« sagte Tabaqui gelassen. »Da könnt ihr ihn schon hören, den Schir Khan, drunten im Dickicht. Die Botschaft konnte ich mir sparen.«

Lauschend spitzte Vater Wolf die Ohren. Dann vernahm er unten im Tal, das sich zu einem kleinen Bach hinabsenkt, das ärgerliche, schnarrende, näselnde Gewinsel eines Tigers, der nichts geschlagen hatte und den es nicht kümmert, daß alles Dschungelvolk sein Mißgeschick erfährt.

»Der Narr, der!« knurrte Vater Wolf. »Die Nachtarbeit mit solchem Lärm zu beginnen! Glaubt er etwa, daß unsere Böcke ebenso dumm sind wie seine fetten Ochsen am Waingungafluß?«

»Still!« sagte Mutter Wolf. »Still, Alter. Hörst du denn nicht? Weder Ochse noch Bock hetzt er heute … den Menschen jagt er!«

Das Gewinsel des Tigers ging nun über in ein langgezogenes, summendes Schnurren – so laut und doch so unbestimmt, daß es schien, als käme es aus allen Himmelsrichtungen zugleich. Das war das Summen, das den Holzfällern und Zigeunern, die in den Lichtungen rasten, das Blut erstarren macht – kopflos fliehen sie dann, stürzen wie von Sinnen davon, oft gerade hinein in den flammenden Rachen des Tigers.

»Menschen!« wiederholte Vater Wolf und fletschte seine weißen Zähne. »Puh! Gibt es denn nicht genug Gewürm und Frösche in den Sümpfen, daß er Menschen fressen muß … und noch dazu in unserem Gebiete?«

Das Gesetz der Dschungel, das nichts ohne guten Grund vorschreibt, verbietet den Tieren, Menschen anzugreifen, mit der einzigen Ausnahme, wenn ein Tier seine Jungen das Jagen und Töten lehrt. Das aber darf nur abseits geschehen, niemals in den Jagdgründen des eigenen Rudels oder Stammes. Der wahre Grund dafür ist, daß früher oder später, wenn ein Mensch getötet ist, die Bleichgesichter anrücken auf Elefanten, mit Büchsen bewaffnet, begleitet von Hunderten von braunen Dienern, mit Gongs, Raketen und Fackeln. Dann haben alle in der Dschungel zu leiden. Die Tiere aber geben als Grund an, daß der Mensch das schwächlichste und wehrloseste aller Geschöpfe ist, daher sei es unsportlich, ihn anzugreifen. Sie sagen ferner – und das ist die Wahrheit –, vom Menschenfleisch würden sie räudig und verlören die Zähne.

Lauter wurde das Schnurren und endete plötzlich in einem scharfen, tiefkehligen »Aaaoh!« beim Aufsprung des Tigers.

Dann ertönte Geheul – untigerisches Geheul und Gemaunz von Schir Khan. »Er hat gefehlt«, sagte Mutter Wolf. »Was war es?«

Vater Wolf trabte ein paar Schritte vor die Höhle und vernahm das wütende Geheul Schir Khans, der in den Büschen im Talgrund herumfegte.

»So ein Dummkopf«, brummte Vater Wolf. »In das Feuer eines Holzfällers ist er gesprungen und hat sich dabei die Pfoten verbrannt! Tabaqui ist bei ihm.«

»Etwas kommt den Hügel herauf«, flüsterte Mutter Wolf und stellte einen Lauscher hoch. »Aufgepaßt!«

In dem Gebüsch raschelte es leise, und Vater Wolf duckte sich, zum Sprunge bereit. Dann aber geschah etwas höchst Seltsames. Der Wolf war gesprungen, bevor er noch das Ziel erkannt hatte, und suchte sich nun plötzlich mitten im Satze aufzuhalten. Die Folge war, daß er vier oder fünf Fuß kerzengerade in die Luft schoß und fast auf derselben Stelle landete, von der er abgesprungen war.

»Ein Mensch!« stieß er hervor. »Ein Menschenjunges! Sieh nur!«

Gerade vor ihm, an einen niedrigen Zweig geklammert, stand ein nackter, brauner Junge, der eben erst laufen gelernt hatte – ein ganz zartes, kleines, krauslockiges Wesen, das da in der Nacht zu einer Wolfshöhle gekommen war. Es sah dem Wolf ins Gesicht und lachte.

»Was?« fragte Mutter Wolf. »Ist das ein Menschenjunges? Ich habe noch nie eins gesehen. Bring es her!«

Wölfe, die ihre eigenen Jungen über Stock und Stein tragen, können, wenn nötig, ein Ei zwischen die Zähne nehmen, ohne es zu zerbrechen. Obgleich sich Vater Wolfs Rachen über dem Kinde schloß, so hatten seine spitzen Zähne doch nicht einmal die weiche Haut des strampelnden Kleinen geritzt, als er ihn zu seinen eigenen Jungen legte.

»Wie winzig! Wie nackt und – wie tapfer!« sagte Mutter Wolf sanft. Der Kleine drängte die Wolfsjungen beiseite, um dicht an das warme Fell der Mutter zu gelangen. »Ahai, er sucht seine Nahrung ganz wie die anderen. Das also ist ein Menschenjunges? Sag, hat sich je eine Wölfin rühmen können, ein Menschenjunges unter ihren Kindern zu haben?«

»Hier und dort hörte ich davon, doch niemals in unserem Rudel oder zu meiner Zeit«, antwortete Vater Wolf. »Wahrhaftig, ganz ohne Haar ist der Körper. Mit einem Prankenschlag könnte ich es zerquetschen. Aber sieh doch, wie es aufschaut zu uns, und nicht ein bißchen Angst hat es.«

Da plötzlich wurde es dunkel in der Höhle. Dem Mondlichte wurde der Eintritt versperrt, denn Schir Khans mächtiger, eckiger Kopf und breite Schulter schoben sich in den Eingang. Tabaqui rief hinter ihm her mit schriller Stimme:

»Hier, mein Gebieter – hier ist es hineingegangen.«

»Schir Khan erweist uns große Ehre!« sagte Vater Wolf, doch Zorn glomm in seinen Augen. »Was wünscht Schir Khan?«

»Meine Beute! Ein Menschenjunges ist hier hereingeflüchtet! Seine Eltern sind davongelaufen. Gib es heraus! Es gehört mir!«

Wie Vater Wolf gesagt hatte, war Schir Khan in das Feuer eines Holzfällers gesprungen, und der Schmerz in den verbrannten Pfoten machte ihn rasend. Aber Vater Wolf wußte, daß die Öffnung der Höhle zu klein sei, um dem Tiger Eingang zu gestatten. Schon in seiner jetzigen Stellung waren Schir Khans Schultern und Vordertatzen eingezwängt, und er glich einer wütenden Katze, die vergebens versucht, in ein Mauseloch zu dringen.

»Wir Wölfe sind ein freies Volk«, sagte der Wolf. »Unsere Befehle nehmen wir nur von dem Führer des Rudels, aber nicht von irgendeinem gestreiften Viehmörder. Das Menschenjunge gehört uns. Wir können es töten oder am Leben lassen, ganz nach unserem Belieben!«

»Belieben oder Nichtbelieben! Was schwatzt du für dummes Zeug? Bei dem Ochsen, den ich soeben schlug, soll ich hier stehen und mir die Nase wundstoßen am Eingang eurer Hundebehausung, um das zu verlangen, was mir gebührt? Schir Khan ist es, der mit dir spricht!«

Des Tigers Gebrüll erfüllte die Höhle mit rollendem Donner. Mutter Wolf schüttelte ihre Jungen von sich ab; sie sprang vor, und ihre Augen starrten wie zwei grüne Mondsicheln in der Dunkelheit auf die beiden lohenden Lichter im gewaltigen Kopfe Schir Khans.

»Und ich, Raschka, der Dämon, bin’s, der jetzt spricht und dir antwortet. Das Menschenjunge gehört mir, du lahmer Langri – und mein wird es bleiben. Es soll nicht getötet werden! Es soll leben, um mit dem Pack zu rennen und zu jagen, und zuletzt – sieh dich vor, du großer Jäger kleiner, nackter Jungen, du alter Paddenfresser, du Fischfänger! –, sieh dich vor, denn zuletzt, ganz zuletzt soll es dich hetzen, unser kleines Menschenjunges, ja, und soll dir das Fell über die Katzenohren ziehen. Und nun pack dich fort! Oder ich schwör’s bei dem letzten Sambar, den ich schlug (ich vergreife mich nicht am hungrigen Herdenvieh), ich schwör’s, du verbranntes Biest, lahmer sollst du zu deiner Mutter zurückkehren, als du zur Welt gekommen bist. Fort mit dir!«

Ganz verblüfft blickte Vater Wolf sie an. Fast vergessen hatte er die Zeit, da er Mutter Wolf sich errang im offenen, ehrlichen Kampf gegen fünf andere Wölfe – damals, als sie mit dem Pack lief und nicht umsonst der Dämon genannt wurde.

Schir Khan würde es wohl mit Vater Wolf aufgenommen haben, aber gegen Mutter Wolf anzugehen, das wagte er denn doch nicht, denn er wußte, daß sie alle Vorteile der Lage für sich hatte und es einen Kampf auf Tod und Leben geben würde. So zog er sich knurrend aus dem engen Eingang zurück und brüllte, als er frei war:

»Im eigenen Hof kläfft jeder Hund! Aber wir wollen doch erst einmal sehen, was das Rudel zu dieser Geschichte sagen wird. Mir allein gehört das Menschenjunge, und zwischen meine Zähne wird es doch noch kommen zuletzt, ihr buschschwänzigen Spitzbuben, ihr!«

Mutter Wolf warf sich keuchend zwischen ihre Jungen nieder, und Vater Wolf sagte jetzt mit besorgter Miene: »Schir Khan hat nicht ganz unrecht. Das Menschenjunge muß dem Rudel gezeigt werden. Willst du es wirklich behalten?«

»Wirklich behalten?« fragte sie entrüstet. »Nackt und ganz allein kam es zu uns in der Nacht und sehr hungrig und hatte doch nicht ein bißchen Furcht. Sieh doch nur, jetzt hat es schon wieder eins meiner Kinder beiseite gedrückt. Und dieser lahme Viehschlächter hätte es beinahe verschlungen und sich dann zum Waingungaflusse aus dem Staube gemacht, während die Dorfbewohner hier alle Schlupfwinkel durchsucht hätten, um Rache zu nehmen! Ihn behalten? Natürlich will ich das. Lieg still, kleiner Frosch. Oh, mein Mogli – denn Mogli, Frosch, werde ich dich nennen –, der Tag wird für dich kommen, diesen Schir Khan zu jagen und zu hetzen, wie er dich heute gehetzt hat!«

»Aber was wird unser Rudel dazu sagen?« meinte Vater Wolf.

Das Gesetz der Dschungel stellt es jedem Wolfe frei, sich von dem Rudel zu trennen, wenn er die Wölfin in sein Lager holt. Sobald aber seine Jungen groß genug sind, um auf eigenen Läufen zu stehen, muß er sie zur Ratsversammlung bringen, die einmal im Monat zur Zeit des Vollmonds tagt; und dort werden sie von allen Wölfen des Rats in Augenschein genommen und anerkannt. Nach dieser Musterung haben die Jungen das Recht, frei umherzustreifen; und bevor sie nicht ihren ersten Bock gerissen haben, darf unter keinen Umständen ein erwachsener Wolf sie angreifen oder töten. Das Gesetz der Dschungel ist streng, und wer gegen die Vorschrift fehlt, wird ohne Gnade mit dem Tode bestraft. Wenn man ein bißchen nachdenkt, muß man zugeben, daß es so sein muß.

Vater Wolf wartete, bis seine Kleinen laufen konnten, und dann nahm er sie alle mit Mutter Wolf und Mogli eines Nachts mit zum Ratsfelsen, einer Hügelkuppe, die mit Steinen und Geröll bedeckt war und die wohl hundert Wölfen und mehr ein sicheres Versteck bot. Akela, der große, graue Einsiedelwolf, war dank seiner Stärke und Schläue der Führer des Rudels. Er lag lang ausgestreckt auf einem ragenden Felsblock, und etwas tiefer unterhalb kauerten mehr als vierzig Wölfe von jeder Farbe und Gestalt. Da waren dachsgraue Veteranen, die es allein mit jedem Bock aufnahmen, bis herunter zu den schwarzen, drei Jahre alten Wölfen, die meinten, sie könnten es auch. Der große, graue Einzelgänger hatte das Rudel nun schon ein Jahr lang geführt. In seiner Jugend war er zweimal in Wolfsfallen geraten, und einmal hatte man ihn beinahe erschlagen; deshalb kannte er ein gut Teil von den Sitten und Gebräuchen der Menschen.

In der Versammlung wurde wenig gesprochen. Mitten im Kreise, um den die Eltern saßen, stolperten und purzelten die Kleinen umher; ab und zu kam ein Altwolf lautlos herbei, sah sich die Jungen genau an, beschnüffelte sie sorgfältig und schritt dann wieder gravitätisch auf seinen Platz zurück. Manchmal schob eine besorgte Mutter ihr Kleines recht weit hinaus in das helle Mondlicht, um ganz sicher zu sein, daß man es nicht übersehen habe. Von seinem Felsen rief Akela immer wieder: »Ihr kennt das Gesetz – ihr kennt das Gesetz wohl! Äuget genau, ihr Wölfe!« Und ängstliche Mütter nahmen den Ruf auf und wiederholten: »Äuget – äuget genau, o Wölfe!«

Und zuletzt – Mutter Wolfs Nackenhaare stellten sich hoch – zuletzt schob Vater Wolf »Mogli, den Frosch«, in den Kreis. Da saß er lachend und spielte mit kleinen Steinchen, die im Mondlicht glänzten. Akela hob seinen Kopf nicht von den Pranken, sondern wiederholte den eintönigen Ruf: »Äuget – äuget genau!«

Da kam ein dumpfes Gebrüll hinter den Felsen hervor. Es war Schir Khans Stimme: »Das Junge gehört mir! Gebt es mir! Was hat das freie Volk mit einem Menschenjungen zu schaffen?«

Akela rührte nicht einmal die Lauscher, er sagte nur: »Äuget wohl, ihr Wölfe! Was geht das freie Volk die Weisung eines Fremdlings an?«

Da erhob sich im Rate ein Grollen und Murren. Ein junger Wolf im vierten Jahr griff Schir Khans Frage auf und warf sie Akela zu: »Was hat das freie Volk mit einem Menschenjungen zu schaffen?«

Das Gesetz der Dschungel bestimmt, daß im Falle einer Meinungsverschiedenheit, ob ein Junges im Rudel aufgenommen werden soll oder nicht, mindestens zwei Mitglieder des Rates zugunsten des Kleinen sprechen müssen, doch haben die beiden Eltern keine Stimme.

»Wer spricht für das Junge?« fragte Akela. »Wer unter dem freien Volke spricht für ihn?«

Keiner meldete sich, und Mutter Wolf machte sich bereit zu ihrem letzten Kampf – denn sie wußte, daß es ihr letzter sein würde, wenn es zum Kampfe kam.

In diesem Augenblick stellte sich Balu auf die Hinterbeine und knurrte – Balu, der schläfrige, braune Bär, der die jungen Wölfe das Dschungelgesetz lehrt. Der einzige Fremdling ist er im Rate der Wölfe, er kann gehen und kommen, ganz wie er will, denn er lebt nur von Nüssen, Wurzeln und Honig.

»Das Menschenjunge, das Menschenjunge?« fragte er. »Ich spreche für das Menschenjunge. Warum denn nicht? Was kann ein Menschenjunges dem Packe schaden? Wie? Schöne Reden halten kann ich nicht, aber ich spreche die Wahrheit. Nehmt ihn auf und laßt ihn mit dem Rudel laufen. Ich selbst werde ihn unterrichten.«

»Noch einen Fürsprecher brauchen wir!« sagte Akela. »Balus Wort gilt, er ist der Lehrer der Jungen. Wer spricht noch außer Balu?«

Ein dunkler Schatten fiel in den Kreis. Es war Baghira, der schwarze Panther, tintenschwarz über und über, doch mit der Pantherzeichnung, die in der Seide des Felles zuweilen aufleuchtete. Jeder kannte Baghira, und niemand kreuzte gern seinen Pfad; denn schlau war er wie Tabaqui, stark wie der Büffel und tollkühn wie Hathi, der Elefant, wenn er verwundet ist. Aber seine Stimme war sanft wie wilder Honig, der vom Baume tröpfelt, und sein Fell weicher als Flaumfedern.

»Du, Akela, und ihr, das freie Volk!« schnurrte er. »Ich habe kein Recht in eurer Versammlung; doch nach dem Dschungelgesetze kann das Leben eines Jungen, dessen Aufnahme bestritten wird, für einen Preis erkauft werden. Und das Gesetz schreibt nicht vor, wer den Preis bezahlen soll und wer nicht. Spreche ich wahr?«

»Gut, sehr gut!« jaulten die immer hungrigen jungen Wölfe. »Hört, was Baghira sagt! Um einen Preis ist das Junge einzukaufen in das Rudel. So steht’s im Gesetz!«

»Ich habe kein Recht, hier zu sprechen, so bitte ich um eure Erlaubnis!«

»Sprich nur!« schrien zwanzig Stimmen.

»Ein nacktes Junges zu töten ist Schmach und Schande. Im übrigen taugt es besser dazu, euch an ihm zu erproben, wenn es erst groß und erwachsen ist. Balu hat gesprochen. Den Worten Balus füge ich nur einen Bullen hinzu – fett, sage ich euch, und eben erst getötet! Keine halbe Meile liegt er von hier, wenn ihr bereit seid, das Menschenjunge aufzunehmen nach dem Gesetz. Leuchtet euch das ein?«

Da tönte es bunt durcheinander: »Warum sollten wir nicht? Was kann es schaden? Es wird ja doch im Winterregen umkommen oder in der Sonne verdorren. Was kann uns denn so ein nackter Frosch antun? Laßt ihn mit dem Rudel laufen! Wo ist dein Bulle, Baghira! Wir stimmen für den Antrag!«

Und wieder erklang Akelas heiseres Bellen vom Felsen her: »Äuget, ihr Wölfe! Äuget genau!«

Mogli spielt versonnen mit den Steinchen; so wurde er es gar nicht gewahr, daß die Wölfe einer nach dem anderen herankamen, um ihn zu beäugen. Dann liefen sie alle den Hügel hinab zu dem toten Bullen, und nur Akela, Baghira, Balu und Moglis eigene Wölfe blieben zurück. Schir Khans Gebrüll erfüllte die Nacht, denn er war sehr zornig, daß man ihm Mogli nicht ausgeliefert hatte.

»Heule nur!« brummte Baghira in seinen Bart. »Heule nur! Die Zeit wird kommen, dann wird das nackte Ding dir in einer anderen Tonart aufspielen – oder ich weiß nichts vom Menschen.«

»Gut getan!« sagte Akela. »Menschen und ihre Jungen sind sehr klug. Wer weiß – er kann uns später eine Hilfe werden.«

»Wahrlich, Hilfe in der Not; denn keiner kann hoffen, das Rudel ewig zu führen«, sagte Baghira.

Akela antwortete nicht. Er gedachte der Zeit, die für jeden Leiter eines Rudels kommt, wenn seine Stärke von ihm weicht, wenn er schwach und immer schwächer wird, bis zuletzt die eigenen Wölfe über ihn herfallen und ihn reißen. Ein neuer Führer ersteht, bis auch er an die Reihe kommt, getötet zu werden.

»Nimm das Menschenjunge fort mit dir«, sagte Akela zu Vater Wolf, »und erziehe es, wie es sich ziemt für einen vom freien Volk.«

… Und so geschah es, daß Mogli im Rudel der Sioniwölfe aufgenommen wurde um den Preis eines fetten Bullen und auf Balus Fürsprache.

Zehn oder zwölf Jahre müßt ihr nun überspringen und euch selbst das seltsame Leben ausmalen, das Mogli unter den Wölfen führte; denn alles im einzelnen zu erzählen, würde Bände füllen. Mit den Wolfsjungen wuchs er auf, aber diese waren natürlich schon groß und stark, ehe noch Mogli alle seine Milchzähne hatte. Vater Wolf lehrte ihn alles, was ein Wolf wissen mußte, und weihte ihn in das Leben der Dschungel ein, bis jedes Rascheln im Grase, jeder Hauch der warmen Nachtluft, jeder Ruf der Eule über seinem Kopf, jeder Kratzer von den Krallen der Fledermäuse, wenn sie eine Weile im Baum gerastet hatten, und jeder klatschende Sprung des kleinsten Silberfisches im Teiche – bis dies alles seine genaue Bedeutung für ihn hatte. Und wenn er nicht lernte, dann lag er in der Sonne und schlief und aß und legte sich wieder schlafen. War er durstig oder heiß, schwamm er in den Weihern des Waldes. Hatte er ein Gelüste nach Honig (Balu sagte ihm nämlich, daß Honig und Nüsse mindestens so gut schmeckten wie Fleisch), dann kletterte er in den Bäumen umher, und Baghira zeigte ihm, wie er das tun müsse. Der schwarze Panther war ein verständiger Lehrer. Er sprang zuerst selbst den Baum hinauf, als sei es gar kein Kunststück, streckte sich bequem auf einem Aste aus und rief: »Komm her zu mir, kleiner Bruder!« Anfänglich wollte Mogli sich anklammern wie das Faultier, aber später schwang er sich durch die Baumkronen fast so kühn wie der graue Affe.

Er hatte bald auch seinen Platz bei dem Ratsfelsen in der Versammlung. Und hier machte er eines Tages die seltsame Entdeckung, daß die Wölfe seinen Blick nicht aushalten konnten. Starrte er einem von ihnen gerade ins Gesicht, so senkte der Wolf die Augen. Und so gewöhnte er sich daran, rein aus Mutwillen, sie anzustarren.

Oft aber auch zog er mit seinem kleinen, flinken Händen die Dornen aus den Ballen seiner Freunde, denn Wölfe leiden schrecklich unter Dornen und Splittern in ihren Pfoten und ihrem Fell. Zuweilen schlich er sich des Nachts nahe an die Dörfer und betrachtete neugierig die braunen Bewohner der Hütten; aber er mißtraute den Menschen, denn Baghira hatte ihm eine Kastenfalle gezeigt, die mit schweren Fangeisen so geschickt im Grase verborgen war, daß Mogli beinahe hineingeraten wäre. Am liebsten ging Mogli mit dem Panther so recht in das dunkle, feuchtwarme Herz des Urwaldes, um dort den schwülen Tag über zu schlafen und des Nachts Baghira auf der Jagd zu begleiten. Wenn der Panther hungrig war, würgte er rechts und links alles, was ihm in den Weg kam, und so tat auch Mogli – mit einer einzigen Ausnahme. Sobald er alt und verständig genug geworden, sprach Baghira zu ihm: »Die ganze Dschungel gehört dir, und du darfst alles erlegen, was du zu töten vermagst – aber um des Bullen willen, für den du erkauft wurdest, darfst du niemals Rindvieh töten oder essen, es sei jung oder alt. So lautet das Gesetz der Dschungel.«

Und Mogli gehorchte gewissenhaft. Er wuchs und wurde so stark, wie ein Knabe werden muß, der nicht weiß, was lernen heißt, und an nichts zu denken hat, als was man essen kann.

Mutter Wolf erzählte ihm ein-oder zweimal, daß man Schir Khan nicht trauen dürfe und daß er die Pflicht habe, eines Tages den Tiger zu töten. Ein Jungwolf würde zu jeder Stunde dieser Mahnung gedacht haben; Mogli aber vergaß sie immer und immer wieder, denn er war nur ein Knabe. Er selbst würde sich allerdings einen Wolf genannt haben, hätte er die Sprache der Menschen reden können.

Häufig kreuzte Schir Khan herausfordernd Moglis Pfad in der Dschungel; denn Akela wurde älter und schwächer, und der lahme Tiger schloß Freundschaft mit den Jungwölfen des Rudels, die ihm folgten um des Beuteabfalls willen. Das aber wäre nie geschehen in den Tagen von Akelas Macht. Schir Khan schmeichelte den jungen Wölfen und fragte oft verwundert, warum sich so starke, junge Jäger von einem verreckenden alten Wolfe und einem nackten Menschenjungen leiten ließen.

»Man erzählt sich in der Dschungel«, näselte er dann wohl höhnisch, »daß ihr in der Ratsversammlung nicht wagt, dem Menschenkind in die Augen zu schauen!« Dann knurrten die jungen Wölfe und sträubten das Fell.

Baghira, der seine Augen und Ohren überall hatte, erfuhr davon; und er warnte Mogli, daß Schir Khan ihm eines schönen Tages auflauern und ihn erwürgen werde. Aber Mogli lachte nur und antwortete: »Ich habe doch das Rudel und habe dich und habe Balu, der zwar faul geworden ist, aber immer noch für mich ein paar Schläge austeilen würde. Warum also mich fürchten?«

An einem sehr heißen Tage war es, da überkam den schwarzen Panther ein neuer Gedanke – vielleicht hatte er etwas gehört, oder Ikki, das Stachelschwein, hatte ihm davon erzählt. Kurz und gut, zu Mogli sagte er plötzlich in der tiefsten Dschungel, als des Knaben Kopf auf Baghiras schwarzem, schimmerndem Fell ruhte:

»Kleiner Bruder, wie oft sagte ich dir schon, daß Schir Khan dein Feind ist?«

»So oft, als Nüsse an der Palme dort hängen«, antwortete Mogli, der natürlich nicht zählen konnte. »Doch, was soll’s? Schläfrig bin ich, Baghira, und Schir Khan ist nichts als ein langer Schwanz und ein großes Maul, wie Mao, der Pfau.«

»Aber jetzt ist nicht Zeit zum Schlafen. Balu weiß es; ich weiß es; das Rudel weiß es, und sogar die dummen, dummen Rehe wissen’s. Dir hat es auch Tabaqui erzählt.«

»Ho, ho«, höhnte Mogli. »Tabaqui kam vor kurzem zu mir, das Maul voll frecher Redensarten: ich sei ein nacktes Menschenjunges und tauge nicht einmal, um Erdnüsse auszugraben. Aber ich, ich packte ihn beim Schwanze und schwang ihn zweimal gegen eine Palme, um ihn Anstand zu lehren.«

»Dummheit war das! Tabaqui ist zwar ein Unheilstifter, dennoch hätte er dir von Dingen erzählen können, die dich nahe angehen. Sperr die Augen auf, kleiner Bruder. Schir Khan wird es nicht wagen, dich in der Dschungel zu würgen; aber bedenke, Akela ist sehr alt geworden, und bald wird der Tag kommen, an dem er nicht mehr den Bock zu reißen vermag, und dann – hört er auf, Führer des Rudels zu sein. Viele Wölfe, die dich damals im Rat musterten, sind nun schon ergraut; die Jungen aber hängen Schir Khan an, der ihnen vorschwatzt, daß für ein Menschenjunges kein Platz ist im Rudel. In kurzem wirst du ein Mann sein.«

»Und was ist denn ein Mann, daß er nicht mit seinen Brüdern laufen soll?« fragte Mogli erregt. »In der Dschungel bin ich geboren, nach dem Gesetz der Dschungel habe ich gelebt. Keiner ist im Rudel, dem ich nicht schon einen Dorn aus der Pfote zog. Es sind doch meine Brüder.«

Baghira streckte sich in seiner ganzen Länge aus und schloß halb die Augen. »Kleiner Bruder«, sagte er, »fühle mir einmal unter den Kiefer.«

Mogli hob seine starke braune Hand, und gerade unter Baghiras seidigem Kinn, dort, wo die gewaltigen Muskeln spielten unter dem glänzenden Fell, da fühlte er eine kleine, kahle Stelle.

»Keiner in der Dschungel weiß, daß ich, Baghira, dieses Zeichen trage – die Spur eines Halsringes; und doch, mein kleiner Bruder, ist es wahr, daß ich unter Menschen geboren bin, und unter Menschen siechte meine Mutter dahin und verendete – in den Käfigen des Königspalastes zu Udaipur. Das war der Grund, warum ich den Preis für dich zahlte, als du noch ein kleines, nacktes Junges warst. Ja, auch ich kam unter Menschen zur Welt. Ich hatte niemals die Dschungel gesehen. Sie fütterten mich hinter eisernem Gitter, bis ich eines Nachts fühlte, daß ich Baghira sei, der Panther! … und kein Spielzeug für Menschen. Da zerbrach ich mit einem Schlag meiner Tatze das Schloß, das dumme, und war frei … und wurde erst wirklich Baghira, der Panther. Und weil ich Menschenbrauch kannte, wurde ich furchtbarer in der Dschungel als Schir Khan. Ist es nicht so?«

»Ja, mein Bruder, alle in der Dschungel fürchten Baghira, alle, außer Mogli.«

»Oh, du bist ein Menschenkind!« sagte der schwarze Panther mit zärtlichem Knurren. »Und so wie ich zur Dschungel heimkehrte, so wirst du zuletzt zu den Menschen zurückfinden, den Menschen, deinen Brüdern – wenn man dich nicht vorher im Rate tötet.«

»Aber warum? Warum sollten sie mich töten?«

»Sieh mich an!« sagte Baghira, und Mogli blickte ihm fest in die Augen. Nach einer halben Minute wandte der große Panther den Kopf zur Seite. »Deshalb«, sagte er und verschob die Pranke auf dem raschelnden Laubwerk. »Sogar ich vermag dir nicht gerade in die Augen zu sehen, und doch wurde ich unter Menschen geboren und liebe dich, mein kleiner Bruder. Aber die anderen hassen dich, weil deine Augen ihnen wehe tun, weil du weise bist und ihnen Dornen aus den Tatzen gezogen hast … kurz, weil du ein Mensch bist!«

»Von alledem wußte ich nichts«, sagte Mogli, und finster runzelten sich seine schwarzen Brauen.

»Wie lautet das Gesetz der Dschungel? Erst schlage und dann sprich! Gerade an deiner Sorglosigkeit sehen sie, daß du ein Mensch bist. Sei aber klug. Mir schwant, wenn Akela das nächste Mal seine Beute fehlt … und jedesmal wird es ihm schwerer, den Bock zu packen … dann wird das ganze Rudel über dich herfallen … über ihn und über dich. Einen Dschungelrat werden sie halten am Felsen, dann aber – dann – – – Ich hab’s!« rief Baghira erregt und sprang auf. »Höre, kleiner Bruder, laufe so schnell du kannst ins Tal zu den Hütten der Menschen und hole die rote Blume, die sie dort hegen. Dann wirst du in der Stunde der Not einen mächtigeren Freund haben als mich oder Balu oder die vom Rudel, die dich lieben. Lauf schnell und hole die rote Blume!«

Baghira meinte mit der roten Blume das Feuer; aber kein Tier der Dschungel wird das Feuer bei seinem Namen nennen. In großer Furcht leben alle vor dem glühenden Atem der Flamme und erfinden hundert Worte, sie zu umschreiben.

»Die rote Blume?« fragte Mogli, »die wächst vor den Hütten in der Dämmerung. Ich will sie holen!«

»So spricht ein Menschenjunges!« erwiderte Baghira mit Stolz. »Vergiß nicht, in kleinen Töpfen wächst sie. Und nun fort! Eile! Und bewahre sie wohl für die Zeit der Not!«

»Gut!« sagte Mogli. »Ich laufe. Aber bist du sicher, mein lieber Baghira«, er schlang seinen Arm um den glänzenden Hals seines Freundes und sah ihm tief in die großen Augen, »bist du auch ganz sicher, daß alles das Schir Khans Werk ist?«

»Bei dem gesprengten Schloß, das mich befreite, sicher bin ich, kleiner Bruder.«

»Dann, bei dem Bullen, der mein Kaufpreis war, dann will ich Schir Khan voll heimzahlen und vielleicht auch ein wenig mehr, als ich ihm schulde.« Und mit langen Sätzen sprang Mogli davon.

Ja, Mensch! Ganz und gar Mensch, dachte Baghira, sich wieder lagernd. »Oh, Schir Khan, niemals gab es schlimmere Jagd als deine Froschhetze vor zehn Jahren!«

Mogli rannte und rannte durch den Wald, und hoch schlug ihm das Herz. Als der Abendnebel stieg, gelangte er zu der Höhle, schöpfte Atem und blickte hinab ins Tal. Seine Brüder waren fort, aber Mutter Wolf lag hinten im Dämmer der Höhle. Sie hörte seinen keuchenden Atem und wußte sogleich, daß ihr kleiner Frosch Kummer hatte.

»Was hast du, Sohn?« fragte sie.

»Ach, nichts, nichts, nur dummes Geschwätz von Schir Khan!« rief er zurück. »Ich jage auf den gepflügten Feldern heute nacht!« und fort war er, seinen Weg durch das Dickicht bahnend, fort zum Flusse im Talgrunde. Da plötzlich stutzte er, denn er vernahm das Geheul des jagenden Rudels, hörte dumpfes Röhren gehetzter Sambarhirsche und das wilde Schnauben des Bockes, der sich den Verfolgern stellte. Dann ertönte das höhnische, böse Heulen der jungen Wölfe. »Akela, Akela! Der Einsiedelwolf zeige seine Stärke. Platz dem Führer des Rudels. Spring an, Akela!«

Und Akela sprang, mußte aber gefehlt haben, denn Mogli hörte das scharfe Zuklappen des Gebisses und gleich darauf ein Wehgeheul, als der wütende Hirsch mit seinen Vorderläufen den Wolf niederschlug.

Mogli verharrte nicht länger, sondern preschte weiter. Das Bellen und Heulen hinter ihm ward schwächer, als er durch die Äcker und Saatfelder lief zu den Wohnungen der Menschen.

»Baghira sprach wahr«, keuchte er und ließ sich auf einem Strohhaufen neben dem Fenster einer Hütte niederfallen, »morgen gilt’s uns beiden – Akela und mir!«

Dann erhob er sich geräuschlos, preßte das Gesicht gegen das kleine Fenster und beobachtete das Feuer auf dem Herd. Er sah, wie in der Nacht das Weib des Dörflers aufstand und dem Feuer kleine schwarze Stücke zur Nahrung gab. Als dann der Morgen anbrach und weiß und kalt die Nebel zogen, gewahrte er, wie der Knabe des Dörflers einen Weidenkorb nahm, der innen mit Lehm ausgelegt war, Stücke rotglühender Holzkohle hineintat, ihn zudeckte und hinaustrat, um nach den Kühen im Stall zu sehen.

»Ist das alles?« sagte Mogli zu sich. »Wenn das ein Menschenjunges tun kann, so ist keine Gefahr dabei.« Er bog rasch um die Ecke, trat auf den Knaben zu, entriß ihm den Topf und war im Nebel verschwunden, während der Junge in ein Angstgeheul ausbrach.

Sie sehen ganz aus wie ich – die Menschen, dachte Mogli und blies in den Topf, wie es die Frau gemacht hatte. Es wird sterben, wenn ich es nicht füttere. Und er legte kleine Zweige und Baumrinde auf die rote Blume. Er war schon wieder weit den Berg hinauf, als er Baghira traf, auf dessen Fell die Tautropfen des Morgens wie Mondsteine glänzten.

»Akela hat den Sprung verfehlt«, erzählte der Panther. »Sie hätten ihn schon diese Nacht getötet, aber auch dich wollten sie haben. Überall in der Dschungel suchten sie nach dir.«

»Bei den Hütten der Menschen war ich. Jetzt bin ich bereit. Sieh!« Er hielt den rauchenden Topf in die Höhe.

»Gut, aber höre. Ich sah, wie die Menschen einen trockenen Ast in die Masse bohrten, und dann blühte plötzlich die rote Blume an seinem Ende auf. Hast du keine Angst?«

»Nein! Warum sollte ich denn? Jetzt entsinne ich mich – wenn es kein Traum war –, wie ich einst, bevor ich ein Wolf wurde, neben der roten Blume lag; warm war sie und freundlich.«

Mogli saß den ganzen Tag in der Höhle bei seinem Feuertopfe und steckte trockene Zweige hinein, um zu sehen, wie die rote Blume aufzüngelte. Zuletzt fand er einen starken Ast, der ihm gefiel. Am Abend dann, als Tabaqui in die Höhle kam und ihm höhnisch zurief, er werde gewünscht auf dem Ratsfelsen, da lachte er und lachte, bis Tabaqui entsetzt davonlief. Und lachend noch ging Mogli zur Ratsversammlung der Wölfe.

Akela, der Einsiedelwolf, lagerte am Fuß seines felsigen Sitzes zum Zeichen, daß die Führerschaft des Rudels frei war. Schir Khan schritt stolz auf und ab, umschmeichelt von seinem Anhang, den abfallfressenden Wölfen. Baghira lag dicht bei Mogli, der den Feuertopf zwischen den Knien hielt. Als alle vollzählig versammelt waren, hob Schir Khan an zu sprechen, wie er’s zur Zeit von Akelas kraftvoller Führung nie gewagt haben würde.

»Er hat kein Recht zu reden«, flüsterte Baghira. »Sage ihm das! Ein Hundesohn ist er! Sag es ihm! Er wird dann Furcht haben!«

Mogli sprang auf. »Freies Volk!« rief er. »Ist Schir Khan des Rudels Führer? Was hat ein Tiger mit der Führerschaft zu tun?«

»In Anbetracht dessen, daß die Führerschaft frei ist – in Anbetracht, daß ich ersucht worden bin, zu sprechen…«, begann Schir Khan.

»Ersucht? Von wem?« rief Mogli. »Sind wir denn alle Schakale, daß wir vor diesem lahmen Viehschlächter kriechen? Die Führerschaft über das Rudel steht ganz allein dem Rudel zu.«

Wildes Geschrei erhob sich: »Schweige, du Menschenjunges!« Und andere riefen: »Er rede! Er hat das Gesetz gehalten!« Endlich übertönte die donnernde Stimme des Ältesten des Rudels das Gewirr: »Der tote Wolf soll sprechen. Akela hat das Wort.« Sobald nämlich der Führer des Rudels seine Beute verfehlt hat, wird er der »tote Wolf« genannt, solange er noch am Leben ist.

Akela hob müde sein graues Haupt und sagte:

»Freies Volk, und auch ihr, Schakale Schir Khans! Zwölf Jahre lang führte ich euch vom Lager zum Schlagen, vom Schlagen zum Lager, und während der ganzen Zeit geriet keiner in Fallen, kam keiner zu Schaden. Nun habe ich meine Beute gefehlt. Ihr alle wißt von der Verschwörung gegen mich. Ihr wißt, wie ihr mich zu dem Bock in der Brunft gebracht habt, um dem Rudel meine Schwäche zu zeigen. Die Falle war gut gestellt. Euer Recht ist nun, mich hier am Ratsfelsen zu töten. Ich frage daher, wer kommt an, um mit dem alten Führer ein Ende zu machen? Denn mein Recht ist nach Dschungelgesetz, daß ihr einzeln kommt, um mit dem alten Führer ein Ende zu machen. Denn mein Recht ist nach Dschungelgesetz, daß ihr einzeln kommt, um mich anzugehen, einer nach dem anderen.«

Tiefes Schweigen herrschte ringsum; niemand regte sich, denn keiner hatte den Mut, Akela zu Tode zu kämpfen. Da brüllte Schir Khan:

»Bah! Was haben wir denn mit diesem zahnlosen Narren zu schaffen? Er ist sowieso dem Tode verfallen! Aber das Menschenjunge ist’s, um das es sich handelt! Freies Volk, er war meine Beute von Anbeginn! Liefert ihn mir aus! Meine Geduld mit ihm ist zu Ende! Dieser Menschenwolf hat zehn Jahre lang in der Dschungel sein Unwesen getrieben! Gebt ihn heraus, oder … ich schwör’s … ich werde immerdar in euren Gründen jagen und keinen trockenen Knochen übriglassen. Mensch ist er, eines Menschen Kind – ich hasse ihn, bis in das Mark meiner Gebeine hasse ich ihn!« Mehr als die Hälfte des Rudels heulte:

»Ein Mensch ist er! Was haben wir mit einem Menschen zu schaffen? Zum Menschenpack gehe er, wo er hingehört!«

»Um alle Dörfler gegen uns aufzuhetzen?« fragte Schir Khan. »Nein, gebt ihn mir. Mensch ist er, und keiner von uns vermag ihm in die Augen zu blicken.«