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In "Gesammelte Erzählungen von Rudyard Kipling" vereint der Autor eine beeindruckende Sammlung von 116 Erzählungen, die die Vielseitigkeit seines literarischen Schaffens demonstrieren. Kipling, der als Meister des Erzählens gilt, entfaltet in dieser Anthologie die Facetten von imperialistischem Denken, Kolonialerfahrungen und der menschlichen Natur. Sein unverwechselbarer Stil, geprägt von anschaulicher Prosa und einem tiefen Verständnis für kulturelle Unterschiede, vermittelt eine eindringliche Leseerfahrung und spiegelt die sozialen und politischen Spannungen seiner Zeit wider. Die kurzen Erzählungen bieten einen Einblick in das Leben in Britisch-Indien sowie in die Abenteuer und Herausforderungen, die Menschen in einer sich verändernden Welt begegnen. Rudyard Kipling, geboren 1865 in Indien, wuchs in einem britischen Kolonialkontext auf, was seine Perspektive und Themen stark beeinflusste. Seine Erfahrungen als Journalist und Reiseschriftsteller erweiterten seinen Horizont und führten dazu, dass er die Komplexität der Kulturen, die er bereiste, in seinen Geschichten meisterhaft einfing. Kiplings Werk ist nicht nur ein Spiegel seiner Zeit, sondern auch ein tiefgreifendes Kommentar zur menschlichen Natur und den Beziehungen zwischen verschiedenen Völkern. Diese Sammlung ist ein Muss für jeden Literaturliebhaber und historischen Enthusiasten, die das koloniale Erbe und die künstlerische Ausdruckskraft Kiplings erkunden möchten. Sie bietet nicht nur scharfsinnige Beobachtungen über die Gesellschaft, sondern lädt den Leser auch ein, sich mit den zeitlosen Fragen der Identität und des Anderen auseinanderzusetzen. In dieser bereicherten Ausgabe haben wir mit großer Sorgfalt zusätzlichen Mehrwert für Ihr Leseerlebnis geschaffen: - Eine umfassende Einführung skizziert die verbindenden Merkmale, Themen oder stilistischen Entwicklungen dieser ausgewählten Werke. - Die Autorenbiografie hebt persönliche Meilensteine und literarische Einflüsse hervor, die das gesamte Schaffen prägen. - Ein Abschnitt zum historischen Kontext verortet die Werke in ihrer Epoche – soziale Strömungen, kulturelle Trends und Schlüsselerlebnisse, die ihrer Entstehung zugrunde liegen. - Eine knappe Synopsis (Auswahl) gibt einen zugänglichen Überblick über die enthaltenen Texte und hilft dabei, Handlungsverläufe und Hauptideen zu erfassen, ohne wichtige Wendepunkte zu verraten. - Eine vereinheitlichende Analyse untersucht wiederkehrende Motive und charakteristische Stilmittel in der Sammlung, verbindet die Erzählungen miteinander und beleuchtet zugleich die individuellen Stärken der einzelnen Werke. - Reflexionsfragen regen zu einer tieferen Auseinandersetzung mit der übergreifenden Botschaft des Autors an und laden dazu ein, Bezüge zwischen den verschiedenen Texten herzustellen sowie sie in einen modernen Kontext zu setzen. - Abschließend fassen unsere handverlesenen unvergesslichen Zitate zentrale Aussagen und Wendepunkte zusammen und verdeutlichen so die Kernthemen der gesamten Sammlung.
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Veröffentlichungsjahr: 2023
Diese Ausgabe versammelt unter dem Titel Gesammelte Erzählungen von Rudyard Kipling (116 Titel in einem Band) zentrale Prosastücke eines der prägendsten englischsprachigen Erzähler des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts. Ziel der Sammlung ist es, die Spannweite von Kiplings erzählerischem Werk in deutscher Sprache zusammenzuführen und in seiner Vielfalt erfahrbar zu machen. Im Mittelpunkt stehen Erzählungen und Zyklen, die ihn bekannt gemacht und seine literarische Prägung geformt haben. Der Band lädt dazu ein, Wiedererkennbares neu zu lesen und weniger Bekanntes zu entdecken, indem er thematisch und stilistisch unterschiedliche Werkgruppen in einem Lesekontext bündelt.
Die Sammlung umfasst markante Erzählzyklen und Bände, darunter Das Dschungelbuch, Das neue Dschungelbuch, Aus Indiens Glut, Dunkeles Indien – Phantastische Erzählungen, Schlichte Geschichten aus den indischen Bergen, Soldatengeschichten, Nur so Geschichten und Die Taten des Tauchboots. Diese Auswahl vereint Tier- und Kindergeschichten, koloniale Alltagsbeobachtungen, phantastische Stoffe, militärische Milieustudien sowie Erzählungen über Technik und Meer. Damit zeigt der Band Kiplings Fähigkeit, zwischen Fabel, Anekdote, Abenteuerbericht und realistisch gefärbter Skizze zu wechseln. Die Werke sind so zusammengestellt, dass größere Zyklen als geschlossene Einheiten lesbar bleiben.
Im Umfang versteht sich die Edition als weiträumige, repräsentative Zusammenführung erzählerischer Arbeiten. Sie beansprucht nicht, ein kritisches Gesamtwerk zu bieten, sondern präsentiert in einem Band jene Erzählwelten, die Kipling dauerhaft geprägt haben. Die Zielsetzung ist doppelt: Einerseits soll ein breites Panorama seiner Themen und Tonlagen eröffnet werden; andererseits unterstützt die Bündelung das serielle Lesen innerhalb zusammengehöriger Zyklen. Die Leserinnen und Leser erhalten so eine Grundlage, um Motivlinien zu verfolgen, Figurenkonstellationen zu vergleichen und stilistische Entwicklungen über verschiedene Werkphasen hinweg wahrzunehmen, ohne die grundlegende Eigenständigkeit der einzelnen Erzählungen zu nivellieren.
In der Textsorte dominiert die kurze Form: Erzählungen, Novellen, Zyklen und lose verbundene Reihen stehen im Zentrum. Das Dschungelbuch und Das neue Dschungelbuch werden häufig als Tier- und Kindergeschichten wahrgenommen, doch sie entfalten eine dichte Parabelstruktur. Nur so Geschichten arbeiten mit spielerischen Ursprungsfabeln. Schlichte Geschichten aus den indischen Bergen liefern Momentaufnahmen kolonialer Lebenswelten. Soldatengeschichten bündeln Episoden aus dem Militärmilieu. Aus Indiens Glut und Dunkeles Indien – Phantastische Erzählungen öffnen den Blick zu phantastischen und unheimlichen Stoffen. Die Taten des Tauchboots verweist auf Erzählungen, in denen Technik, Meer und Modernität eine hervorgehobene Rolle spielen.
Die Edition konzentriert sich bewusst auf erzählerische Prosa. Sie versammelt keine Dramen, keine Briefwechsel und keine Tagebücher, und sie ist auch nicht als Gedichtausgabe angelegt. Stattdessen rückt sie erzählerische Variationskraft in den Vordergrund: von der knappen Skizze über die zusammenhängende Folge bis zur facettenreichen Rahmenkonstruktion. Manche Stücke sind anekdotisch gebaut, andere entwickeln symbolische Schichten oder greifen Züge der Parabel auf. Wiederkehrende Erzählräume – Dschungel, Garnison, Hafen, Grenzgebiet – fungieren als Gattungsmarker: Sie verbinden Milieustudie, Abenteuer und fabelhafte Überhöhung, ohne den dokumentarischen Impuls ganz aufzugeben. In dieser Mischung liegt die besondere Formenspannung der Sammlung.
Thematisch durchzieht der Blick auf das Imperium und seine Peripherien weite Teile der Erzählungen. Verwaltung, Handel, Verkehr, Gesetz und Gewohnheitsrecht bilden den Hintergrund für Begegnungen, Missverständnisse und Kooperationen. Kipling beobachtet die Mechanik institutioneller Ordnungen ebenso wie das improvisierte Handeln Einzelner in Grenzsituationen. Dabei treten Spannungen zwischen Pflicht und persönlicher Loyalität hervor, ebenso Fragen der Zugehörigkeit und der gesellschaftlichen Rolle. Die Sammlung macht sichtbar, wie sich die scheinbar sachliche Oberfläche des Alltags mit mythischen, psychologischen und kulturellen Deutungen überlagert – und wie Literatur solche Schichten gleichzeitig ausstellt und befragt.
Ein zweiter thematischer Strang ist die Natur- und Tierwelt. Tiergesellschaften dienen als Spiegel menschlicher Normen, mit eigenen Regeln, Gewohnheiten und Grenzen. Initiation, Zugehörigkeit, Sprache und Erinnerung werden im Medium der Fabel verhandelt, ohne den Reiz von Abenteuer und Landschaftsbeschreibung zu mindern. Der Blick von Kindern oder kindlichen Erzählinstanzen ermöglicht dabei einen anderen Zugang zu Autorität, Zugehörigkeit und Regelwerk als der Blick Erwachsener. So entstehen Erzählräume, in denen Spiel und Ernst, Märchenstruktur und genaue Beobachtung ineinandergreifen. Die Natur erscheint nicht als bloße Kulisse, sondern als ordnende Größe, an der Moral und Gemeinschaft erprobt werden.
Militär und Kameradschaft bilden einen weiteren Kern. Die Soldatengeschichten und verwandte Stücke zeigen Alltag, Sprachwitz, Disziplin und Improvisation im Gefüge von Truppe, Lager und Einsatz. Nicht heroische Höhepunkte, sondern das Nebeneinander von Routine, Gefahr, Loyalität und Humor prägt den Ton. Erzähltechnisch ist der mündliche Gestus wichtig: Anekdotische Zuspitzungen, Dialognähe und ein Gespür für idiomatische Rede schaffen Unmittelbarkeit. Zugleich werden Rangordnungen, Verantwortung und moralische Grauzonen sichtbar. Die Sammlung verdeutlicht, wie erzählerische Kürze hier als Präzisionsinstrument funktioniert, um Milieu, Atmosphäre und soziale Dynamik mit wenigen Strichen zu fassen.
Modernität, Technik und Seewege treten in Erzählungen über Schiffe, Maschinen und Kommunikationstechnik hervor. Sie stehen für Beschleunigung, Reichweite und neue Abhängigkeiten. Ingenieurkunst, Routinearbeiten und Störfälle erzeugen Spannung, ohne in reine Technikschau zu kippen. Vielmehr diskutiert die Prosa das Verhältnis von menschlicher Entscheidung und technischer Logik: Wie verlässlich sind Verfahren, wie widerständig sind Materialien, was bedeutet Verantwortung unter Zeitdruck? Das Meer erscheint als Raum des Transits und der Bewährung, die Maschine als Prüfstein für Urteilskraft. Dadurch verknüpfen sich Abenteuer- und Arbeitsnarrative zu einer Poetik der Praxis, die Faszination und Skepsis ausbalanciert.
Stilistisch verbindet Kipling knappe Ökonomie mit nuancierter Detailfreude. Schauplätze werden mit wenigen Merkmalen präzise konturiert; Dialoge tragen Milieus, ohne Typisierung zur Karikatur zu verflachen. Der Wechsel der Register – vom parabelhaften Ton der Tiergeschichten über den lakonischen Bericht bis zum unheimlichen Flackern phantastischer Texte – erzeugt eine charakteristische Atembewegung. Wiederkehrende Rahmen, erzählende Figuren und zyklische Kompositionen stiften Zusammenhalt jenseits einzelner Plots. Die Sammlung macht diese Verfahren sichtbar, indem sie benachbarte Erzählhaltungen nebeneinanderstellt. So entsteht ein Panorama, in dem Variation als Form der Genauigkeit und des Erinnerns erkennbar wird.
Als Gesamtheit bleibt diese Auswahl bedeutsam, weil sie Reichweite und Reibung zugleich zeigt. Sie dokumentiert literarische Virtuosität und erzählerische Erfindungskraft, macht aber auch die historischen Bedingungen sichtbar, in denen die Texte entstanden sind. Die Lektüre eröffnet Gelegenheit zur kritischen Reflexion über Kolonialismus, Perspektivführung und kulturelle Zuschreibungen, ohne die ästhetische Leistung aus dem Blick zu verlieren. Indem zentrale Zyklen gebündelt werden, treten Motivlinien, Kontraste und Selbstkorrekturen deutlicher hervor. Das erlaubt eine informierte, historisch sensible Annäherung, die sowohl den anhaltenden Reiz der Erzählungen als auch ihre Ambivalenzen ernst nimmt.
Die vorliegende Sammlung richtet sich an Erstlesende wie an Kennerinnen und Kenner. Sie bietet einen Zugang, der serielle Lektüre innerhalb einzelner Zyklen ermöglicht, zugleich aber Querbezüge zwischen Militär-, Tier-, Technik- und Indienerzählungen begünstigt. Wer Erzählökonomie, Motivwiederkehr und Tonlagen vergleichen möchte, findet dafür konzentriertes Material. Wer schlicht eintauchen will, kann je nach Interesse entlang von Schauplätzen, Figurenmilieus oder Erzählformen lesen. So wird der Band zur Werkstatt des Vergleichens: Er lädt ein, Bekanntes neu zu kontextualisieren, Unbekanntes zu entdecken und Kiplings Prosa im Spannungsfeld von Tradition, Erfahrung und Moderne zu verorten.
Rudyard Kipling (1865–1936) war ein britischer Schriftsteller und Dichter der späten viktorianischen und edwardianischen Epoche, bekannt für prägnante Prosa, erzählerische Balladen und präzise Beobachtungen imperialer Lebenswelten. In British India geboren, verband er koloniale Erfahrung mit literarischer Formkraft und wurde zu einer der international meistgelesenen Stimmen seiner Zeit. Seine Werke reichen von Kinder- und Abenteuergeschichten bis zu Gedichten und Reportagen. 1907 erhielt er den Nobelpreis für Literatur, als erster englischsprachiger Preisträger. Bis heute wird sein Werk zugleich wegen erzählerischer Virtuosität bewundert und wegen seiner Einstellungen zum Empire kritisch diskutiert und neu kontextualisiert.
Aufgewachsen zwischen Indien und Großbritannien, erhielt Kipling seine Schulbildung am United Services College in Devon, einer Institution, die künftige Offiziere und Kolonialbeamte prägte. Die strenge Internatskultur, das Heimweh nach Indien und die Reibungen zwischen Klassen und Kulturen formten sein Wahrnehmungsvermögen und seine Themen. Früh entwickelte er ein Gespür für Rhythmus, Hörbarkeit und die balladische Tradition, ebenso für journalistische Prägnanz. In den frühen 1880er-Jahren kehrte er nach Indien zurück und begann als Reporter zu arbeiten. Diese Jahre vermittelten ihm unmittelbaren Zugang zum Alltag der Garnisonen, Verwaltungsstädte und Bahnlinien – Schauplätze, die seine frühen Geschichten entscheidend beeinflussten.
Kipling arbeitete in Lahore beim Civil and Military Gazette und später beim Pioneer in Allahabad. Neben der täglichen Berichterstattung veröffentlichte er erste Erzählzyklen und Gedichte, die rasch Beachtung fanden. Mit Plain Tales from the Hills (1888) etablierte er das kurze Prosastück als scharf umrissene Studie kolonialer Milieus; Departmental Ditties (1886) präsentierte pointierte Verwaltungs- und Gesellschaftssatiren. Geschichten wie The Man Who Would Be King (1888) zeigten sein Talent für Spannung und Ambivalenz. Seine Texte gelangten nach London, wo einflussreiche Redakteure – darunter W. E. Henley – ihn förderten. Der Ton war knapp, dialogreich, oft ironisch, zugleich von genauer Kenntnis des indischen Amts- und Militärlebens getragen.
Ende der 1880er-Jahre übersiedelte Kipling nach London und wurde rasch zu einer literarischen Größe. Mit Barrack-Room Ballads (1892) prägte er populäre Gedichte über Soldatenalltag, darunter Stücke wie Gunga Din und Mandalay. In den 1890er-Jahren reiste er weit, lebte zeitweise in den Vereinigten Staaten und schrieb dort zentrale Werke. The Jungle Book (1894) und The Second Jungle Book (1895) verbanden Naturbeobachtung, Mythos und erzählerische Ökonomie zu internationalem Erfolg. Captains Courageous (1897) erweiterte sein Spektrum Richtung Seegeschichten. Seine Produktivität, stilistische Sicherheit und Themenbreite festigten den Ruf, den der Nobelpreis wenige Jahre später offiziell bestätigte.
Um 1900 entstanden weitere Schlüsseltexte. Kim (1901) verknüpfte Abenteuer, Spionage und eine detailreiche Kartographie des indischen Subkontinents, ohne auf formale Eleganz zu verzichten. Just So Stories (1902) prägten den Kanon der modernen Kinderliteratur mit spielerischer Logik und mündlicher Tonlage. In Puck of Pook’s Hill (1906) und Rewards and Fairies (1910) experimentierte er mit Geschichtsbildern und dem Dialog zwischen Vergangenheit und Gegenwart; aus letzterem stammt das Gedicht If—, dessen sprichwortartige Sentenzen weit über das literarische Feld hinaus wirkten. Kiplings Prosa und Lyrik zeigen eine auffällige Sensibilität für Handwerk, Disziplin, Sprachrhythmus und die Zwischentöne sozialer Hierarchien.
Kipling war ein prominenter Kommentator der Politik seiner Zeit, mit deutlich bezeugter Nähe zu imperialen Positionen. Während des Burenkriegs berichtete er aus Südafrika und wirkte an einer Truppenzeitung mit; The Absent-Minded Beggar (1899) wurde als patriotisches Gedicht breit rezipiert. Im Ersten Weltkrieg schrieb er Texte, die Rekrutierung, Verlust und Erinnerung thematisierten. Eine persönliche Kriegsbereisterfahrung vertiefte den ernsten Ton seiner späten Lyrik. Er arbeitete mit der Imperial War Graves Commission zusammen und prägte Inschriften wie Known unto God für unbekannte Gefallene. Diese Tätigkeit zeigt, wie stark sich sein öffentliches Engagement mit seiner Auffassung von Pflicht, Ritual und Sprache verband.
In den späteren Jahren lebte Kipling überwiegend in Südengland, veröffentlichte Essays, Erzählungen und Gedichte, darunter A Diversity of Creatures (1917), Debits and Credits (1926) und Limits and Renewals (1932). Stilistisch blieb er der verdichteten Form, dem Balladenton und einer handwerklichen Ethik treu, auch wenn sich die kulturelle Stimmung gegenüber imperialen Gewissheiten veränderte. Er starb 1936. Sein Nachruhm ist vielschichtig: Kinder- und Abenteuerliteratur verdankt ihm Muster an Klarheit, Ökonomie und Atmosphäre; zugleich wird sein Werk kritisch im Licht kolonialer Ideologie gelesen. Die anhaltende Präsenz in Schulkanons, Adaptionen und Debatten zeugt von dauerhafter, kontroverser Wirkung.
Rudyard Kipling (1865–1936) wuchs in einer Epoche auf, in der das Britische Weltreich seinen machtpolitischen Höhepunkt erreichte. Geboren am 30. Dezember 1865 in Bombay (heute Mumbai) als Sohn des Kunsthandwerkers John Lockwood Kipling und Alice Kipling, verband er bereits früh koloniale Erfahrung und britische Erziehung. Seine Erzählungen stehen im Spannungsfeld zwischen imperialem Selbstverständnis und globaler Vernetzung. Die Herrschaftsordnung, die Königin Victoria 1876 mit dem Titel „Kaiserin von Indien“ symbolisch überhöhte, bildete den realpolitischen Hintergrund. Kiplings Werk reflektiert die Reibungen dieses Systems: administrative Routinen, militärische Einsätze, technische Modernisierung und die sozialen Räume, in denen koloniale Begegnungen tatsächlich stattfanden.
Die Formung seines Blicks erfolgte im Wechsel zwischen Indien und England. Nach einer Kindheit in Bombay wurde er 1871 nach Southsea geschickt, erlebte dort die Härten viktorianischer Erziehung und kehrte 1882 nach Indien zurück. In Lahore arbeitete er für die Civil and Military Gazette, später für The Pioneer in Allahabad. Die journalistische Praxis – nächtliche Redaktionsarbeit, Reisen entlang der Bahnlinien, Kontakte mit Offizieren, Beamten und lokalen Informanten – schärfte seine Beobachtungsgabe. Zugleich entstand 1885 in Bombay der Indian National Congress, was die politisierte Öffentlichkeit prägte, in der Kiplings frühe Erzählungen zirkulierten und widersprüchliche Loyalitäten sichtbar wurden.
Die Erinnerung an den Aufstand von 1857 und seine blutigen Repressionen strukturierte über Jahrzehnte Verwaltungsdenken und Sicherheitslogiken im Raj. Kodifizierte Normen – etwa das seit 1862 geltende Indian Penal Code – und bürokratische Routinen erzeugten eine spezifische Kultur von Ordnung, Akten und Hierarchien. Hill Stations wie Simla (heute Shimla) bildeten saisonale Machtzentren, in denen Gerüchte, Anweisungen und Intrigen politische Dynamik entfalteten. Kiplings Erzählwelt spiegelt diese Ordnung und ihre Ambivalenzen: die scheinbar reibungslose Maschinerie imperialer Herrschaft und die Fragilität, die sich in Zwischenräumen, Grenzgebieten und informellen Netzwerken zeigt.
Die Nordwestgrenze prägte die militärische Imagination des späten 19. Jahrhunderts. Der Zweite Anglo-Afghanische Krieg (1878–1880) und die Logistik entlang Khyber-Pass, Peshawar und Quetta ließen die „Great Game“-Rivalität mit Russland konkret werden. Die Aufstände von 1897 und die Tirah-Expedition (1897–1898) verankerten das Motiv des unübersichtlichen Grenzraums. Hier verdichten sich Themen, die sich durch Kiplings Erzählungen ziehen: Patrouillenalltag, improvisierte Bündnisse, interkulturelle Verständigung und Missverständnis, soldatische Kameradschaft unter Druck sowie die Frage, ob Pflicht und Ehre tragfähige Antworten auf asymmetrische Konflikte liefern können.
Die koloniale Moderne manifestierte sich in Infrastruktur. Die indische Eisenbahn expandierte von wenigen tausend Meilen um 1870 auf über 28.000 Meilen um 1900; Telegrafenlinien und Unterseekabel verdichteten den Informationsraum. Der Suezkanal (eröffnet 1869) verkürzte Reisezeiten, beschleunigte Warenströme und befeuerte das Periodikumswesen, das Kiplings Kurzprosa verbreitete. Zeitungen in Calcutta, Bombay und Lahore fungierten als Knoten, an denen lokale Nachrichten, imperiale Direktiven und literarische Skizzen zusammenliefen. Solche Medien verdoppelten die Wirklichkeit: Sie schufen Diskursräume, in denen koloniale Herrschaft legitimiert, aber auch ironisch gebrochen und alltäglich verhandelt wurde.
Kiplings Werk schöpft aus mündlichen Traditionen, Fabelmotiven und Naturbeobachtungen, die in der späten Viktorianik Kinder- und Erwachsenenlektüre verschränkten. Darwins Evolutionstheorie (1859) und die Popularisierung von Zoologie und Ethnographie beförderten didaktische und zugleich poetische Formen. Erzähltes Wissen über Tiere, Handwerk und Handlungen trifft auf anthropologische Neugier – oft vermittelt über Stimmen, die zwischen Autorität und Anekdote changieren. Diese Synthese erlaubt es, gesellschaftliche Ordnungen in scheinbar zeitlosen Gesetzen der Natur zu spiegeln, ohne die historisch konkreten Bedingungen von Labor, Lager, Kaserne und Plantage unsichtbar zu machen.
Die 1880er und 1890er Jahre markierten das Selbstbewusstsein einer „Hochimperialen“ Ideologie, zugleich aber auch ihre Gewissensprüfungen. Die Diamantene Jubiläumsfeier Victoria 1897, koloniale Ausstellungen und die Sprache des „Fortschritts“ wurden mit Missions- und Verwaltungspraktiken verbunden. Die 1899 adressierte Dichtung „The White Man’s Burden“ – in Richtung der USA nach der Eroberung der Philippinen – verrät den globalen Resonanzraum solcher Ideen. Kiplings Erzählungen oszillieren zwischen Pflichtethos, paternalistischer Sorge und ironischer Selbstdistanz. Sie vermitteln die Attraktivität eines Systems, das zugleich seine moralischen Kosten und kognitiven Blindstellen offenbart.
See- und Kriegstechnik prägten das Zeitalter. Alfred T. Mahans Sea Power (1890) legitimierte Flottenpolitik; die Royal Navy stützte britische Handels- und Nachrichtenwege. Vor- und Nachrüstung: Von Vorkreuzern zur HMS Dreadnought (1906), parallel der Aufbau des Submarinedienstes (ab 1901, Holland-Klasse). Manöver der Kanalflotte, weltweite Kohlenstationen und Unsichtbarkeit unter Wasser schufen neue Erzählräume: Geräusche, Routinen, Disziplin, Fehlfunktionen. In diesen technischen Mikrokosmen spiegeln sich politische Makroentscheidungen, während die anonyme Kooperation vieler Hände – Ingenieure, Heizer, Funker – das Ethos einer industriell organisierten Moderne prägt.
Der Südafrikanische Krieg (1899–1902) war einer der ersten medial gesättigten Konflikte. Kipling reiste 1900 nach Bloemfontein und arbeitete an der Zeitung The Friend mit (u. a. mit Perceval Landon, H. A. Gwynne und Julian Ralph). Der Krieg verband Guerilla, Konzentrationslagerpolitik und moderne Propaganda. Für Kiplings Werk bedeutete er eine Zuspitzung von Fragen nach Loyalität, Kameradschaft und dem Preis militärischer Effizienz. Zugleich zeigte sich, wie Logistik – Schienen, Telegrafie, Versorgung – den Verlauf von Feldzügen formt und wie journalistische Nähe zum Truppenalltag literarische Präzision, aber auch ideologische Blindzonen erzeugt.
Die amerikanische Episode (1892–1896) in Brattleboro, Vermont, fällt in eine Phase transatlantischer Literaturmärkte. Kipling heiratete 1892 Caroline Balestier; in den USA arbeitete er mit Zeitschriften wie St. Nicholas und The Century Magazine. Internationale Copyrightregime und Syndizierung formten Produktionsrhythmen und stilistische Verdichtungen, die seiner Kurzprosa entgegenkamen. Der Streit mit Verwandten, wirtschaftliche Unsicherheit und schließlich die Rückkehr nach England 1896 dokumentieren, wie ökonomische und juristische Rahmenbedingungen ästhetische Entscheidungen beeinflussen. Kiplings Texte gelangten so zugleich in Kinderzimmer, Offiziersmessen und Salons – und prägten eine globalisierte Leseröffentlichkeit.
Nach 1900 veränderten sich Indiens politische Konstellationen. Der Tod Königin Victorias (1901) leitete die edwardianische Gegenwart ein; Vizekönig Lord Curzon (1899–1905) trieb Verwaltungsreformen voran. Die Teilung Bengals (1905) provozierte Boykott, Swadeshi-Bewegung und neue Protestformen. Der Delhi Durbar von 1911, mit dem Georg V. die Hauptstadt nach Delhi verlegte, symbolisierte Ausgleichsversuche. Erzählungen dieser Zeit reagieren indirekt: Sie registrieren, wie ethnische, konfessionelle und soziale Linien Konflikte strukturieren, und wie koloniale Bürokratien Kultur übersetzen, missverstehen und verregeln. So entsteht eine Prosa, die Herrschaftspraxis als fortlaufende Aushandlung sichtbar macht.
Kiplings besondere Sensibilität für Registern und Dialekte machte ihn zu einem Innovator der englischen Kurzgeschichte. Die Barrack-Room-Ballads (1892) etablierten die Stimme des „Tommy Atkins“ im literarischen Raum; ähnliche Verfahren öffneten auch die Prosa für Umgangssprache, Slang und Code-Switching. Anglo-Indisches Idiom, Hindustani-Wörter und Militärjargon erzeugen Authentizität und Ambivalenz: Nähe zu Figuren, aber auch die Gefahr der Stereotypisierung. Diese Stimmführung erlaubt, Wissensbestände – von Kartographie bis Küche, von Ritual bis Reparatur – einzubauen und soziale Hierarchien zu zeigen, ohne ganz auf die ironische Distanz des allwissenden Erzählers zu verzichten.
Die Faszination für Technik, Handwerk und Systeme durchzieht Kiplings Prosa. Dampfschiffe, Lokomotiven, Telegraphie, später Motorwagen und frühe Luftfahrt bilden nicht nur Kulisse, sondern Handlungsmotoren. Die imperialen Netze – Post, Zoll, Bahn, Signale – sind mehr als Infrastruktur: Sie definieren Zeit, Raum und Verantwortung. In dieser Welt sind Fehlerketten sichtbar und Lernprozesse erzählerisch organisierbar: Vorschriften treffen auf Improvisation, Routine auf Ausnahmezustand. Dadurch gewinnen Erzählungen eine fast dokumentarische Präzision, in der das Ethos des „richtigen Tuns“ unter unsicheren Bedingungen verhandelt wird – jenseits naiver Technikbegeisterung und kulturpessimistischer Ablehnung.
Der Erste Weltkrieg (1914–1918) veränderte Tonfall und Themen. Kiplings Sohn John fiel 1915 bei Loos; der Vater engagierte sich für Veteranen und die 1917 gegründete Imperial War Graves Commission. Die Formeln „Their Name Liveth For Evermore“ und „Known unto God“ tragen seine Handschrift. See- und U-Boot-Krieg, Konvois, Minengefahr und Funkdisziplin machten Krieg zur industriellen Kooperationsaufgabe – ein Szenario, in dem Kiplings Interesse an Technik und Moral neue Schärfe gewann. Der Krieg schuf zugleich Distanz zur triumphalistischen Rhetorik des 19. Jahrhunderts und öffnete den Blick für Verlust, Zufall und die Zerbrechlichkeit institutioneller Gewissheiten.
Kiplings internationale Reputation kulminierte im Literaturnobelpreis 1907 – als bis dahin jüngster Preisträger. Zeitgenössisch galt er als Meister der Kurzprosa und Ballade, Kritiker rügten seine Nähe zu imperialer Ideologie. Spätere Debatten – von T. S. Eliots Würdigung der handwerklichen Präzision bis zu postkolonialen Analysen seit den 1970er Jahren (u. a. Edward Said) – verschoben den Blick von Apologie zu Ambivalenz. Seine Texte stehen heute exemplarisch für die ästhetische Produktivität und die ethischen Probleme imperialer Moderne: stilistisch innovativ, dokumentarisch dicht, politisch umstritten. Dieser Spannungsbogen trägt zur anhaltenden Aktualität bei.
Die Rezeption in Europa spiegelt transnationale Kulturkreisläufe. Kiplings Erzählungen wurden früh ins Deutsche und andere Sprachen übertragen und fanden Eingang in Schul- und Jugendlektüren. Die Pfadfinderbewegung, gegründet 1907 von Robert Baden-Powell, übernahm Namen und Motive in die „Wolfskinder“ (ab 1916), was die pädagogische Reichweite der Stoffe zeigt. Verlage und Zeitschriften – von Macmillan bis The Strand Magazine – schufen Markenidentitäten, die Bilder, Illustrationen und Texte engführten. So lagerten sich an die Erzählungen Generationen von Leseerwartungen an: Abenteuerverlangen, moralische Lektionen, technikaffine Neugier und ein kritischer Blick auf Machtverhältnisse.
Im Ganzen bilden Kiplings Erzählungen ein Archiv der Übergänge: von viktorianischer Gewissheit zu edwardianischer Skepsis, von kolonialer Routine zu globalem Krieg, von handwerklicher Praxis zu industrieller Organisation. Orte wie Bombay, Lahore, Simla, Bloemfontein, London und Brattleboro markieren Stationen einer Biographie, die Weltverkehr zur Lebensform machte. Zwischen Verwaltungsakten, Feldzügen und Familiengeschichten verhandeln die Texte Ordnung und Risiko, Nähe und Fremdheit, Technik und Mythos. Damit liefern sie historischen Kontext für unterschiedliche Stoffe – ob Grenzraum, Garnison, Werkstatt, Kinderzimmer oder Schiff – und zeigen, wie Imperium zugleich Möglichkeitsbedingung und Problemhorizont erzählerischer Moderne war.
Sammlung von Tier- und Abenteuergeschichten, im Zentrum Mowgli, der bei Wölfen im indischen Dschungel aufwächst und zwischen Gesetz des Dschungels und Menschenwelt seinen Platz sucht. Dazu eigenständige Erzählungen wie Rikki-Tikki-Tavi oder Die weiße Robbe über Moral, List und Überleben.
Fortsetzung mit weiteren Mowgli-Episoden über Reifung, Loyalitäten und Grenzgänge zwischen Tier- und Menschenwelt. Ergänzt durch zusätzliche Tiergeschichten, die Gesetze, Mythen und Gefahren des Dschungels vertiefen.
Kurzgeschichten aus Ebene und Hügelstationen Britisch-Indiens, die amouröse Verwicklungen, Karrieren und soziale Zwänge des kolonialen Alltags beleuchten. Der Ton reicht von Satire bis ernster Studie über Machtgefälle, Pflicht und persönliche Entscheidungen.
Unheimliche und phantastische Geschichten aus dem Raj, in denen Flüche, Erscheinungen und psychische Ausnahmesituationen koloniale Gewissheiten ins Wanken bringen. Oft bleibt offen, ob das Übernatürliche real ist oder aus Schuld, Angst und Hitze erwächst.
Vignetten aus Simla und anderen Hügelstationen, die Beziehungen, Bürokratie und soziale Rituale der Anglo-Inder mit knapper Ironie zeichnen. Kleine Alltagskonflikte entfalten unter Klima, Gerüchten und Rang unerwartete Konsequenzen.
Erzählungen um einfache britische Soldaten (u. a. Mulvaney, Ortheris, Learoyd), die Lagerleben, Märsche und Gefechte an der indischen Grenze mit rauem Humor und Kameradschaft schildern. Im Mittelpunkt stehen Loyalität, Improvisation und der Preis von Pflichterfüllung.
Verspielte Ursprungserzählungen für Kinder, die mit Reim, Wiederholung und Wortwitz erklären, wie Tiere und Dinge zu ihren Eigenschaften kamen. Die Fabeln verbinden Neugier, Sprachlust und leise Moral.
Semidokumentarische Skizzen aus der U-Boot-Waffe des Ersten Weltkriegs, die Technik, Taktik und Nervenbelastung auf Patrouille greifbar machen. Stimmen von Offizieren und Mannschaften zeichnen ein Bild von Disziplin, Gefahr und stiller Professionalität zur See.
Nun bringt der Weih die dunkle Nacht, Und »Mang«, die Fledermaus, erwacht. Der Stall birgt alles Herdentier, Denn bis zum Morgen herrschen wir! Die Stunde stolzer Kraft hebt an Für Prankenhieb und scharfen Zahn. Jagdheil! und kühn gehetzt, gerafft: Das Dschungelrecht ist jetzt in Kraft.
Nachtgesang in der Dschungel
Gegen sieben Uhr an einem recht schwülen Sommerabend in den Sionibergen erwachte Vater Wolf, gähnte, reckte sich und streckte die Läufe, einen nach dem anderen, um das Schlafgefühl in den Pfoten loszuwerden. Neben ihm lag Mutter Wolf, die lange graue Nase quer über den vier winselnden und quarrenden Jungen, und von draußen her schien der Mond in die Höhle, in der sie alle hausten.
»A-ruff«, knurrte Vater Wolf, »schon wieder Zeit, auf Jagd zu gehen.« Gerade wollte er den Hang hinabsetzen, als am Eingang der Höhle ein kleiner Schatten mit buschiger Rute erschien und winselte: »Glück sei mit dir, Häuptling der Wölfe! Und viel Glück deinen edlen Kindern, weiße, scharfe Zähne sollen ihnen wachsen. Mögen sie nie die Hungernden und Darbenden vergessen in dieser Welt!«
Der Schakal war es – Tabaqui, der Schüssellecker. Die Wölfe in Indien verachten ihn, weil er Unheil stiftend umherschweift und böse Geschichten erzählt. Ja, er verschlingt sogar alte Lumpen und Lederstücke von den Abfallhaufen der Dörfer. Aber sie fürchten ihn auch, denn Tabaqui wird leicht von Tollwut befallen, viel leichter als irgendein anderes Tier in der Dschungel. Dann vergißt er, daß er je Angst gehabt hat, rennt blindwütend durch die Wälder und beißt und würgt alles, was ihm in den Weg kommt. Dann flüchtet selbst der Tiger vor dem kleinen Tabaqui und verbirgt sich im Dickicht; denn von der Tollwut befallen zu werden, ist die größte Schande für die Tiere der Wildnis. Wir Menschen nennen es Hydrophobie, aber die Bewohner der Dschungel sagen einfach Dewanii – Wahnsinn – und flüchten davon.
»Tritt ein und schau«, sagte Vater Wolf. »Fraß findest du hier nicht.«
»Für einen Wolf wohl kaum«, antwortete Tabaqui. »Aber für ein so niedriges Geschöpf wie ich ist ein trockener Knochen ein Festschmaus. Wer sind wir denn, wir Gidurlog, wir armes Schakalvolk, daß wir wählerisch sein könnten?« Er trat nach dem Hintergrund der Höhle und fand dort den Knochen eines gerissenen Bocks mit noch etwas Fleisch daran; bald saß er und knackte vergnügt an dem Knochen.
»Tiefen Dank für das prächtige Mahl«, sagte er, sich die Lippen leckend. »Ah, wie schön sind die edlen Kinder! Wie groß und klar sind ihre Augen. Und so jung sind sie noch, die lieben Kleinen! Freilich – freilich, es ist ja allbekannt, daß Kinder von Königen schon Männer sind von Geburt an.«
Nun wußte Tabaqui ebensogut wie jeder andere, daß man nichts Unschicklicheres tun kann, als Kinder ins Gesicht hinein zu loben – denn das ist von schlimmer Vorbedeutung. Und es freute ihn, als Vater und Mutter Wolf betreten schwiegen.
Noch eine Weile saß Tabaqui und weidete sich an dem Unheil, das er angerichtet hatte. Dann sagte er boshaft:
»Schir Khan, der Gewaltige, hat seine Jagdgründe verlegt. Hier in diesen Hügeln wird er jagen im nächsten Mond – so sagte er mir selbst.«
Schir Khan war der Tiger, der an den Ufern des Waingungaflusses lebte – ungefähr zwanzig Meilen entfernt.
»Dazu hat er kein Recht!« brauste Vater Wolf auf. »Nach dem Gesetz der Dschungel darf er seine Jagdgründe nicht wechseln ohne vorherige Ankündigung. Alles Wild wird er uns vergrämen auf zehn Meilen im Umkreis, und ich – ich muß jetzt jagen für zwei.«
»Seine Mutter nannte ihn nicht ohne Grund Langri, den Lahmen«, warf Mutter Wolf ein. »Lahm auf einem Fuß ist er von Geburt an. Darum auch reißt er nur Rindvieh. Nun sind die Dörfler am Waingunga zornig über ihn, und jetzt kommt er hierher und wird unsere Dörfler aufbringen. Um seinetwillen werden sie die Dschungel ausräuchern, wenn er schon wieder weit fort ist; wir aber und unsere Jungen müssen dann flüchten, wenn das Gras in Brand gesteckt ist. Wahrlich, sehr dankbar sind wir ihm, dem großen Schir Khan!«
»Soll ich ihm vielleicht euren Dank überbringen?« fragte Tabaqui.
»Pack dich!« jappte Vater Wolf. »Geh zu deinem Herrn und Meister! Unheil genug hast du gestiftet in einer Nacht!«
»Ich gehe!« sagte Tabaqui gelassen. »Da könnt ihr ihn schon hören, den Schir Khan, drunten im Dickicht. Die Botschaft konnte ich mir sparen.«
Lauschend spitzte Vater Wolf die Ohren. Dann vernahm er unten im Tal, das sich zu einem kleinen Bach hinabsenkt, das ärgerliche, schnarrende, näselnde Gewinsel eines Tigers, der nichts geschlagen hatte und den es nicht kümmert, daß alles Dschungelvolk sein Mißgeschick erfährt.
»Der Narr, der!« knurrte Vater Wolf. »Die Nachtarbeit mit solchem Lärm zu beginnen! Glaubt er etwa, daß unsere Böcke ebenso dumm sind wie seine fetten Ochsen am Waingungafluß?«
»Still!« sagte Mutter Wolf. »Still, Alter. Hörst du denn nicht? Weder Ochse noch Bock hetzt er heute … den Menschen jagt er!«
Das Gewinsel des Tigers ging nun über in ein langgezogenes, summendes Schnurren – so laut und doch so unbestimmt, daß es schien, als käme es aus allen Himmelsrichtungen zugleich. Das war das Summen, das den Holzfällern und Zigeunern, die in den Lichtungen rasten, das Blut erstarren macht – kopflos fliehen sie dann, stürzen wie von Sinnen davon, oft gerade hinein in den flammenden Rachen des Tigers.
»Menschen!« wiederholte Vater Wolf und fletschte seine weißen Zähne. »Puh! Gibt es denn nicht genug Gewürm und Frösche in den Sümpfen, daß er Menschen fressen muß … und noch dazu in unserem Gebiete?«
Das Gesetz der Dschungel, das nichts ohne guten Grund vorschreibt, verbietet den Tieren, Menschen anzugreifen, mit der einzigen Ausnahme, wenn ein Tier seine Jungen das Jagen und Töten lehrt. Das aber darf nur abseits geschehen, niemals in den Jagdgründen des eigenen Rudels oder Stammes. Der wahre Grund dafür ist, daß früher oder später, wenn ein Mensch getötet ist, die Bleichgesichter anrücken auf Elefanten, mit Büchsen bewaffnet, begleitet von Hunderten von braunen Dienern, mit Gongs, Raketen und Fackeln. Dann haben alle in der Dschungel zu leiden. Die Tiere aber geben als Grund an, daß der Mensch das schwächlichste und wehrloseste aller Geschöpfe ist, daher sei es unsportlich, ihn anzugreifen. Sie sagen ferner – und das ist die Wahrheit –, vom Menschenfleisch würden sie räudig und verlören die Zähne.
Lauter wurde das Schnurren und endete plötzlich in einem scharfen, tiefkehligen »Aaaoh!« beim Aufsprung des Tigers.
Dann ertönte Geheul – untigerisches Geheul und Gemaunz von Schir Khan. »Er hat gefehlt«, sagte Mutter Wolf. »Was war es?«
Vater Wolf trabte ein paar Schritte vor die Höhle und vernahm das wütende Geheul Schir Khans, der in den Büschen im Talgrund herumfegte.
»So ein Dummkopf«, brummte Vater Wolf. »In das Feuer eines Holzfällers ist er gesprungen und hat sich dabei die Pfoten verbrannt! Tabaqui ist bei ihm.«
»Etwas kommt den Hügel herauf«, flüsterte Mutter Wolf und stellte einen Lauscher hoch. »Aufgepaßt!«
In dem Gebüsch raschelte es leise, und Vater Wolf duckte sich, zum Sprunge bereit. Dann aber geschah etwas höchst Seltsames. Der Wolf war gesprungen, bevor er noch das Ziel erkannt hatte, und suchte sich nun plötzlich mitten im Satze aufzuhalten. Die Folge war, daß er vier oder fünf Fuß kerzengerade in die Luft schoß und fast auf derselben Stelle landete, von der er abgesprungen war.
»Ein Mensch!« stieß er hervor. »Ein Menschenjunges! Sieh nur!«
Gerade vor ihm, an einen niedrigen Zweig geklammert, stand ein nackter, brauner Junge, der eben erst laufen gelernt hatte – ein ganz zartes, kleines, krauslockiges Wesen, das da in der Nacht zu einer Wolfshöhle gekommen war. Es sah dem Wolf ins Gesicht und lachte.
»Was?« fragte Mutter Wolf. »Ist das ein Menschenjunges? Ich habe noch nie eins gesehen. Bring es her!«
Wölfe, die ihre eigenen Jungen über Stock und Stein tragen, können, wenn nötig, ein Ei zwischen die Zähne nehmen, ohne es zu zerbrechen. Obgleich sich Vater Wolfs Rachen über dem Kinde schloß, so hatten seine spitzen Zähne doch nicht einmal die weiche Haut des strampelnden Kleinen geritzt, als er ihn zu seinen eigenen Jungen legte.
»Wie winzig! Wie nackt und – wie tapfer!« sagte Mutter Wolf sanft. Der Kleine drängte die Wolfsjungen beiseite, um dicht an das warme Fell der Mutter zu gelangen. »Ahai, er sucht seine Nahrung ganz wie die anderen. Das also ist ein Menschenjunges? Sag, hat sich je eine Wölfin rühmen können, ein Menschenjunges unter ihren Kindern zu haben?«
»Hier und dort hörte ich davon, doch niemals in unserem Rudel oder zu meiner Zeit«, antwortete Vater Wolf. »Wahrhaftig, ganz ohne Haar ist der Körper. Mit einem Prankenschlag könnte ich es zerquetschen. Aber sieh doch, wie es aufschaut zu uns, und nicht ein bißchen Angst hat es.«
Da plötzlich wurde es dunkel in der Höhle. Dem Mondlichte wurde der Eintritt versperrt, denn Schir Khans mächtiger, eckiger Kopf und breite Schulter schoben sich in den Eingang. Tabaqui rief hinter ihm her mit schriller Stimme:
»Hier, mein Gebieter – hier ist es hineingegangen.«
»Schir Khan erweist uns große Ehre!« sagte Vater Wolf, doch Zorn glomm in seinen Augen. »Was wünscht Schir Khan?«
»Meine Beute! Ein Menschenjunges ist hier hereingeflüchtet! Seine Eltern sind davongelaufen. Gib es heraus! Es gehört mir!«
Wie Vater Wolf gesagt hatte, war Schir Khan in das Feuer eines Holzfällers gesprungen, und der Schmerz in den verbrannten Pfoten machte ihn rasend. Aber Vater Wolf wußte, daß die Öffnung der Höhle zu klein sei, um dem Tiger Eingang zu gestatten. Schon in seiner jetzigen Stellung waren Schir Khans Schultern und Vordertatzen eingezwängt, und er glich einer wütenden Katze, die vergebens versucht, in ein Mauseloch zu dringen.
»Wir Wölfe sind ein freies Volk«, sagte der Wolf. »Unsere Befehle nehmen wir nur von dem Führer des Rudels, aber nicht von irgendeinem gestreiften Viehmörder. Das Menschenjunge gehört uns. Wir können es töten oder am Leben lassen, ganz nach unserem Belieben!«
»Belieben oder Nichtbelieben! Was schwatzt du für dummes Zeug? Bei dem Ochsen, den ich soeben schlug, soll ich hier stehen und mir die Nase wundstoßen am Eingang eurer Hundebehausung, um das zu verlangen, was mir gebührt? Schir Khan ist es, der mit dir spricht!«
Des Tigers Gebrüll erfüllte die Höhle mit rollendem Donner. Mutter Wolf schüttelte ihre Jungen von sich ab; sie sprang vor, und ihre Augen starrten wie zwei grüne Mondsicheln in der Dunkelheit auf die beiden lohenden Lichter im gewaltigen Kopfe Schir Khans.
»Und ich, Raschka, der Dämon, bin’s, der jetzt spricht und dir antwortet. Das Menschenjunge gehört mir, du lahmer Langri – und mein wird es bleiben. Es soll nicht getötet werden! Es soll leben, um mit dem Pack zu rennen und zu jagen, und zuletzt – sieh dich vor, du großer Jäger kleiner, nackter Jungen, du alter Paddenfresser, du Fischfänger! –, sieh dich vor, denn zuletzt, ganz zuletzt soll es dich hetzen, unser kleines Menschenjunges, ja, und soll dir das Fell über die Katzenohren ziehen. Und nun pack dich fort! Oder ich schwör’s bei dem letzten Sambar, den ich schlug (ich vergreife mich nicht am hungrigen Herdenvieh), ich schwör’s, du verbranntes Biest, lahmer sollst du zu deiner Mutter zurückkehren, als du zur Welt gekommen bist. Fort mit dir!«
Ganz verblüfft blickte Vater Wolf sie an. Fast vergessen hatte er die Zeit, da er Mutter Wolf sich errang im offenen, ehrlichen Kampf gegen fünf andere Wölfe – damals, als sie mit dem Pack lief und nicht umsonst der Dämon genannt wurde.
Schir Khan würde es wohl mit Vater Wolf aufgenommen haben, aber gegen Mutter Wolf anzugehen, das wagte er denn doch nicht, denn er wußte, daß sie alle Vorteile der Lage für sich hatte und es einen Kampf auf Tod und Leben geben würde. So zog er sich knurrend aus dem engen Eingang zurück und brüllte, als er frei war:
»Im eigenen Hof kläfft jeder Hund! Aber wir wollen doch erst einmal sehen, was das Rudel zu dieser Geschichte sagen wird. Mir allein gehört das Menschenjunge, und zwischen meine Zähne wird es doch noch kommen zuletzt, ihr buschschwänzigen Spitzbuben, ihr!«
Mutter Wolf warf sich keuchend zwischen ihre Jungen nieder, und Vater Wolf sagte jetzt mit besorgter Miene: »Schir Khan hat nicht ganz unrecht. Das Menschenjunge muß dem Rudel gezeigt werden. Willst du es wirklich behalten?«
»Wirklich behalten?« fragte sie entrüstet. »Nackt und ganz allein kam es zu uns in der Nacht und sehr hungrig und hatte doch nicht ein bißchen Furcht. Sieh doch nur, jetzt hat es schon wieder eins meiner Kinder beiseite gedrückt. Und dieser lahme Viehschlächter hätte es beinahe verschlungen und sich dann zum Waingungaflusse aus dem Staube gemacht, während die Dorfbewohner hier alle Schlupfwinkel durchsucht hätten, um Rache zu nehmen! Ihn behalten? Natürlich will ich das. Lieg still, kleiner Frosch. Oh, mein Mogli – denn Mogli, Frosch, werde ich dich nennen –, der Tag wird für dich kommen, diesen Schir Khan zu jagen und zu hetzen, wie er dich heute gehetzt hat!«
»Aber was wird unser Rudel dazu sagen?« meinte Vater Wolf.
Das Gesetz der Dschungel stellt es jedem Wolfe frei, sich von dem Rudel zu trennen, wenn er die Wölfin in sein Lager holt. Sobald aber seine Jungen groß genug sind, um auf eigenen Läufen zu stehen, muß er sie zur Ratsversammlung bringen, die einmal im Monat zur Zeit des Vollmonds tagt; und dort werden sie von allen Wölfen des Rats in Augenschein genommen und anerkannt. Nach dieser Musterung haben die Jungen das Recht, frei umherzustreifen; und bevor sie nicht ihren ersten Bock gerissen haben, darf unter keinen Umständen ein erwachsener Wolf sie angreifen oder töten. Das Gesetz der Dschungel ist streng, und wer gegen die Vorschrift fehlt, wird ohne Gnade mit dem Tode bestraft[1q]. Wenn man ein bißchen nachdenkt, muß man zugeben, daß es so sein muß.
Vater Wolf wartete, bis seine Kleinen laufen konnten, und dann nahm er sie alle mit Mutter Wolf und Mogli eines Nachts mit zum Ratsfelsen, einer Hügelkuppe, die mit Steinen und Geröll bedeckt war und die wohl hundert Wölfen und mehr ein sicheres Versteck bot. Akela, der große, graue Einsiedelwolf, war dank seiner Stärke und Schläue der Führer des Rudels. Er lag lang ausgestreckt auf einem ragenden Felsblock, und etwas tiefer unterhalb kauerten mehr als vierzig Wölfe von jeder Farbe und Gestalt. Da waren dachsgraue Veteranen, die es allein mit jedem Bock aufnahmen, bis herunter zu den schwarzen, drei Jahre alten Wölfen, die meinten, sie könnten es auch. Der große, graue Einzelgänger hatte das Rudel nun schon ein Jahr lang geführt. In seiner Jugend war er zweimal in Wolfsfallen geraten, und einmal hatte man ihn beinahe erschlagen; deshalb kannte er ein gut Teil von den Sitten und Gebräuchen der Menschen.
In der Versammlung wurde wenig gesprochen. Mitten im Kreise, um den die Eltern saßen, stolperten und purzelten die Kleinen umher; ab und zu kam ein Altwolf lautlos herbei, sah sich die Jungen genau an, beschnüffelte sie sorgfältig und schritt dann wieder gravitätisch auf seinen Platz zurück. Manchmal schob eine besorgte Mutter ihr Kleines recht weit hinaus in das helle Mondlicht, um ganz sicher zu sein, daß man es nicht übersehen habe. Von seinem Felsen rief Akela immer wieder: »Ihr kennt das Gesetz – ihr kennt das Gesetz wohl! Äuget genau, ihr Wölfe!« Und ängstliche Mütter nahmen den Ruf auf und wiederholten: »Äuget – äuget genau, o Wölfe!«
Und zuletzt – Mutter Wolfs Nackenhaare stellten sich hoch – zuletzt schob Vater Wolf »Mogli, den Frosch«, in den Kreis. Da saß er lachend und spielte mit kleinen Steinchen, die im Mondlicht glänzten. Akela hob seinen Kopf nicht von den Pranken, sondern wiederholte den eintönigen Ruf: »Äuget – äuget genau!«
Da kam ein dumpfes Gebrüll hinter den Felsen hervor. Es war Schir Khans Stimme: »Das Junge gehört mir! Gebt es mir! Was hat das freie Volk mit einem Menschenjungen zu schaffen?«
Akela rührte nicht einmal die Lauscher, er sagte nur: »Äuget wohl, ihr Wölfe! Was geht das freie Volk die Weisung eines Fremdlings an?«
Da erhob sich im Rate ein Grollen und Murren. Ein junger Wolf im vierten Jahr griff Schir Khans Frage auf und warf sie Akela zu: »Was hat das freie Volk mit einem Menschenjungen zu schaffen?«
Das Gesetz der Dschungel bestimmt, daß im Falle einer Meinungsverschiedenheit, ob ein Junges im Rudel aufgenommen werden soll oder nicht, mindestens zwei Mitglieder des Rates zugunsten des Kleinen sprechen müssen, doch haben die beiden Eltern keine Stimme.
»Wer spricht für das Junge?« fragte Akela. »Wer unter dem freien Volke spricht für ihn?«
Keiner meldete sich, und Mutter Wolf machte sich bereit zu ihrem letzten Kampf – denn sie wußte, daß es ihr letzter sein würde, wenn es zum Kampfe kam.
In diesem Augenblick stellte sich Balu auf die Hinterbeine und knurrte – Balu, der schläfrige, braune Bär, der die jungen Wölfe das Dschungelgesetz lehrt. Der einzige Fremdling ist er im Rate der Wölfe, er kann gehen und kommen, ganz wie er will, denn er lebt nur von Nüssen, Wurzeln und Honig.
»Das Menschenjunge, das Menschenjunge?« fragte er. »Ich spreche für das Menschenjunge. Warum denn nicht? Was kann ein Menschenjunges dem Packe schaden? Wie? Schöne Reden halten kann ich nicht, aber ich spreche die Wahrheit. Nehmt ihn auf und laßt ihn mit dem Rudel laufen. Ich selbst werde ihn unterrichten.«
»Noch einen Fürsprecher brauchen wir!« sagte Akela. »Balus Wort gilt, er ist der Lehrer der Jungen. Wer spricht noch außer Balu?«
Ein dunkler Schatten fiel in den Kreis. Es war Baghira, der schwarze Panther, tintenschwarz über und über, doch mit der Pantherzeichnung, die in der Seide des Felles zuweilen aufleuchtete. Jeder kannte Baghira, und niemand kreuzte gern seinen Pfad; denn schlau war er wie Tabaqui, stark wie der Büffel und tollkühn wie Hathi, der Elefant, wenn er verwundet ist. Aber seine Stimme war sanft wie wilder Honig, der vom Baume tröpfelt, und sein Fell weicher als Flaumfedern.
»Du, Akela, und ihr, das freie Volk!« schnurrte er. »Ich habe kein Recht in eurer Versammlung; doch nach dem Dschungelgesetze kann das Leben eines Jungen, dessen Aufnahme bestritten wird, für einen Preis erkauft werden. Und das Gesetz schreibt nicht vor, wer den Preis bezahlen soll und wer nicht. Spreche ich wahr?«
»Gut, sehr gut!« jaulten die immer hungrigen jungen Wölfe. »Hört, was Baghira sagt! Um einen Preis ist das Junge einzukaufen in das Rudel. So steht’s im Gesetz!«
»Ich habe kein Recht, hier zu sprechen, so bitte ich um eure Erlaubnis!«
»Sprich nur!« schrien zwanzig Stimmen.
»Ein nacktes Junges zu töten ist Schmach und Schande. Im übrigen taugt es besser dazu, euch an ihm zu erproben, wenn es erst groß und erwachsen ist. Balu hat gesprochen. Den Worten Balus füge ich nur einen Bullen hinzu – fett, sage ich euch, und eben erst getötet! Keine halbe Meile liegt er von hier, wenn ihr bereit seid, das Menschenjunge aufzunehmen nach dem Gesetz. Leuchtet euch das ein?«
Da tönte es bunt durcheinander: »Warum sollten wir nicht? Was kann es schaden? Es wird ja doch im Winterregen umkommen oder in der Sonne verdorren. Was kann uns denn so ein nackter Frosch antun? Laßt ihn mit dem Rudel laufen! Wo ist dein Bulle, Baghira! Wir stimmen für den Antrag!«
Und wieder erklang Akelas heiseres Bellen vom Felsen her: »Äuget, ihr Wölfe! Äuget genau!«
Mogli spielt versonnen mit den Steinchen; so wurde er es gar nicht gewahr, daß die Wölfe einer nach dem anderen herankamen, um ihn zu beäugen. Dann liefen sie alle den Hügel hinab zu dem toten Bullen, und nur Akela, Baghira, Balu und Moglis eigene Wölfe blieben zurück. Schir Khans Gebrüll erfüllte die Nacht, denn er war sehr zornig, daß man ihm Mogli nicht ausgeliefert hatte.
»Heule nur!« brummte Baghira in seinen Bart. »Heule nur! Die Zeit wird kommen, dann wird das nackte Ding dir in einer anderen Tonart aufspielen – oder ich weiß nichts vom Menschen.«
»Gut getan!« sagte Akela. »Menschen und ihre Jungen sind sehr klug. Wer weiß – er kann uns später eine Hilfe werden.«
»Wahrlich, Hilfe in der Not; denn keiner kann hoffen, das Rudel ewig zu führen«, sagte Baghira.
Akela antwortete nicht. Er gedachte der Zeit, die für jeden Leiter eines Rudels kommt, wenn seine Stärke von ihm weicht, wenn er schwach und immer schwächer wird, bis zuletzt die eigenen Wölfe über ihn herfallen und ihn reißen. Ein neuer Führer ersteht, bis auch er an die Reihe kommt, getötet zu werden.
»Nimm das Menschenjunge fort mit dir«, sagte Akela zu Vater Wolf, »und erziehe es, wie es sich ziemt für einen vom freien Volk.«
… Und so geschah es, daß Mogli im Rudel der Sioniwölfe aufgenommen wurde um den Preis eines fetten Bullen und auf Balus Fürsprache.
Zehn oder zwölf Jahre müßt ihr nun überspringen und euch selbst das seltsame Leben ausmalen, das Mogli unter den Wölfen führte; denn alles im einzelnen zu erzählen, würde Bände füllen. Mit den Wolfsjungen wuchs er auf, aber diese waren natürlich schon groß und stark, ehe noch Mogli alle seine Milchzähne hatte. Vater Wolf lehrte ihn alles, was ein Wolf wissen mußte, und weihte ihn in das Leben der Dschungel ein, bis jedes Rascheln im Grase, jeder Hauch der warmen Nachtluft, jeder Ruf der Eule über seinem Kopf, jeder Kratzer von den Krallen der Fledermäuse, wenn sie eine Weile im Baum gerastet hatten, und jeder klatschende Sprung des kleinsten Silberfisches im Teiche – bis dies alles seine genaue Bedeutung für ihn hatte. Und wenn er nicht lernte, dann lag er in der Sonne und schlief und aß und legte sich wieder schlafen. War er durstig oder heiß, schwamm er in den Weihern des Waldes. Hatte er ein Gelüste nach Honig (Balu sagte ihm nämlich, daß Honig und Nüsse mindestens so gut schmeckten wie Fleisch), dann kletterte er in den Bäumen umher, und Baghira zeigte ihm, wie er das tun müsse. Der schwarze Panther war ein verständiger Lehrer. Er sprang zuerst selbst den Baum hinauf, als sei es gar kein Kunststück, streckte sich bequem auf einem Aste aus und rief: »Komm her zu mir, kleiner Bruder!« Anfänglich wollte Mogli sich anklammern wie das Faultier, aber später schwang er sich durch die Baumkronen fast so kühn wie der graue Affe.
Er hatte bald auch seinen Platz bei dem Ratsfelsen in der Versammlung. Und hier machte er eines Tages die seltsame Entdeckung, daß die Wölfe seinen Blick nicht aushalten konnten. Starrte er einem von ihnen gerade ins Gesicht, so senkte der Wolf die Augen. Und so gewöhnte er sich daran, rein aus Mutwillen, sie anzustarren.
Oft aber auch zog er mit seinem kleinen, flinken Händen die Dornen aus den Ballen seiner Freunde, denn Wölfe leiden schrecklich unter Dornen und Splittern in ihren Pfoten und ihrem Fell. Zuweilen schlich er sich des Nachts nahe an die Dörfer und betrachtete neugierig die braunen Bewohner der Hütten; aber er mißtraute den Menschen, denn Baghira hatte ihm eine Kastenfalle gezeigt, die mit schweren Fangeisen so geschickt im Grase verborgen war, daß Mogli beinahe hineingeraten wäre. Am liebsten ging Mogli mit dem Panther so recht in das dunkle, feuchtwarme Herz des Urwaldes, um dort den schwülen Tag über zu schlafen und des Nachts Baghira auf der Jagd zu begleiten. Wenn der Panther hungrig war, würgte er rechts und links alles, was ihm in den Weg kam, und so tat auch Mogli – mit einer einzigen Ausnahme. Sobald er alt und verständig genug geworden, sprach Baghira zu ihm: »Die ganze Dschungel gehört dir, und du darfst alles erlegen, was du zu töten vermagst – aber um des Bullen willen, für den du erkauft wurdest, darfst du niemals Rindvieh töten oder essen, es sei jung oder alt. So lautet das Gesetz der Dschungel.«
Und Mogli gehorchte gewissenhaft. Er wuchs und wurde so stark, wie ein Knabe werden muß, der nicht weiß, was lernen heißt, und an nichts zu denken hat, als was man essen kann.
Mutter Wolf erzählte ihm ein-oder zweimal, daß man Schir Khan nicht trauen dürfe und daß er die Pflicht habe, eines Tages den Tiger zu töten. Ein Jungwolf würde zu jeder Stunde dieser Mahnung gedacht haben; Mogli aber vergaß sie immer und immer wieder, denn er war nur ein Knabe. Er selbst würde sich allerdings einen Wolf genannt haben, hätte er die Sprache der Menschen reden können.
Häufig kreuzte Schir Khan herausfordernd Moglis Pfad in der Dschungel; denn Akela wurde älter und schwächer, und der lahme Tiger schloß Freundschaft mit den Jungwölfen des Rudels, die ihm folgten um des Beuteabfalls willen. Das aber wäre nie geschehen in den Tagen von Akelas Macht. Schir Khan schmeichelte den jungen Wölfen und fragte oft verwundert, warum sich so starke, junge Jäger von einem verreckenden alten Wolfe und einem nackten Menschenjungen leiten ließen.
»Man erzählt sich in der Dschungel«, näselte er dann wohl höhnisch, »daß ihr in der Ratsversammlung nicht wagt, dem Menschenkind in die Augen zu schauen!« Dann knurrten die jungen Wölfe und sträubten das Fell.
Baghira, der seine Augen und Ohren überall hatte, erfuhr davon; und er warnte Mogli, daß Schir Khan ihm eines schönen Tages auflauern und ihn erwürgen werde. Aber Mogli lachte nur und antwortete: »Ich habe doch das Rudel und habe dich und habe Balu, der zwar faul geworden ist, aber immer noch für mich ein paar Schläge austeilen würde. Warum also mich fürchten?«
An einem sehr heißen Tage war es, da überkam den schwarzen Panther ein neuer Gedanke – vielleicht hatte er etwas gehört, oder Ikki, das Stachelschwein, hatte ihm davon erzählt. Kurz und gut, zu Mogli sagte er plötzlich in der tiefsten Dschungel, als des Knaben Kopf auf Baghiras schwarzem, schimmerndem Fell ruhte:
»Kleiner Bruder, wie oft sagte ich dir schon, daß Schir Khan dein Feind ist?«
»So oft, als Nüsse an der Palme dort hängen«, antwortete Mogli, der natürlich nicht zählen konnte. »Doch, was soll’s? Schläfrig bin ich, Baghira, und Schir Khan ist nichts als ein langer Schwanz und ein großes Maul, wie Mao, der Pfau.«
»Aber jetzt ist nicht Zeit zum Schlafen. Balu weiß es; ich weiß es; das Rudel weiß es, und sogar die dummen, dummen Rehe wissen’s. Dir hat es auch Tabaqui erzählt.«
»Ho, ho«, höhnte Mogli. »Tabaqui kam vor kurzem zu mir, das Maul voll frecher Redensarten: ich sei ein nacktes Menschenjunges und tauge nicht einmal, um Erdnüsse auszugraben. Aber ich, ich packte ihn beim Schwanze und schwang ihn zweimal gegen eine Palme, um ihn Anstand zu lehren.«
»Dummheit war das! Tabaqui ist zwar ein Unheilstifter, dennoch hätte er dir von Dingen erzählen können, die dich nahe angehen. Sperr die Augen auf, kleiner Bruder. Schir Khan wird es nicht wagen, dich in der Dschungel zu würgen; aber bedenke, Akela ist sehr alt geworden, und bald wird der Tag kommen, an dem er nicht mehr den Bock zu reißen vermag, und dann – hört er auf, Führer des Rudels zu sein. Viele Wölfe, die dich damals im Rat musterten, sind nun schon ergraut; die Jungen aber hängen Schir Khan an, der ihnen vorschwatzt, daß für ein Menschenjunges kein Platz ist im Rudel. In kurzem wirst du ein Mann sein.«
»Und was ist denn ein Mann, daß er nicht mit seinen Brüdern laufen soll?« fragte Mogli erregt. »In der Dschungel bin ich geboren, nach dem Gesetz der Dschungel habe ich gelebt. Keiner ist im Rudel, dem ich nicht schon einen Dorn aus der Pfote zog. Es sind doch meine Brüder.«
Baghira streckte sich in seiner ganzen Länge aus und schloß halb die Augen. »Kleiner Bruder«, sagte er, »fühle mir einmal unter den Kiefer.«
Mogli hob seine starke braune Hand, und gerade unter Baghiras seidigem Kinn, dort, wo die gewaltigen Muskeln spielten unter dem glänzenden Fell, da fühlte er eine kleine, kahle Stelle.
»Keiner in der Dschungel weiß, daß ich, Baghira, dieses Zeichen trage – die Spur eines Halsringes; und doch, mein kleiner Bruder, ist es wahr, daß ich unter Menschen geboren bin, und unter Menschen siechte meine Mutter dahin und verendete – in den Käfigen des Königspalastes zu Udaipur. Das war der Grund, warum ich den Preis für dich zahlte, als du noch ein kleines, nacktes Junges warst. Ja, auch ich kam unter Menschen zur Welt. Ich hatte niemals die Dschungel gesehen. Sie fütterten mich hinter eisernem Gitter, bis ich eines Nachts fühlte, daß ich Baghira sei, der Panther! … und kein Spielzeug für Menschen. Da zerbrach ich mit einem Schlag meiner Tatze das Schloß, das dumme, und war frei … und wurde erst wirklich Baghira, der Panther. Und weil ich Menschenbrauch kannte, wurde ich furchtbarer in der Dschungel als Schir Khan. Ist es nicht so?«
»Ja, mein Bruder, alle in der Dschungel fürchten Baghira, alle, außer Mogli.«
»Oh, du bist ein Menschenkind!« sagte der schwarze Panther mit zärtlichem Knurren. »Und so wie ich zur Dschungel heimkehrte, so wirst du zuletzt zu den Menschen zurückfinden, den Menschen, deinen Brüdern – wenn man dich nicht vorher im Rate tötet.«
»Aber warum? Warum sollten sie mich töten?«
»Sieh mich an!« sagte Baghira, und Mogli blickte ihm fest in die Augen. Nach einer halben Minute wandte der große Panther den Kopf zur Seite. »Deshalb«, sagte er und verschob die Pranke auf dem raschelnden Laubwerk. »Sogar ich vermag dir nicht gerade in die Augen zu sehen, und doch wurde ich unter Menschen geboren und liebe dich, mein kleiner Bruder. Aber die anderen hassen dich, weil deine Augen ihnen wehe tun, weil du weise bist und ihnen Dornen aus den Tatzen gezogen hast … kurz, weil du ein Mensch bist!«
»Von alledem wußte ich nichts«, sagte Mogli, und finster runzelten sich seine schwarzen Brauen.
»Wie lautet das Gesetz der Dschungel? Erst schlage und dann sprich! Gerade an deiner Sorglosigkeit sehen sie, daß du ein Mensch bist. Sei aber klug. Mir schwant, wenn Akela das nächste Mal seine Beute fehlt … und jedesmal wird es ihm schwerer, den Bock zu packen … dann wird das ganze Rudel über dich herfallen … über ihn und über dich. Einen Dschungelrat werden sie halten am Felsen, dann aber – dann – – – Ich hab’s!« rief Baghira erregt und sprang auf. »Höre, kleiner Bruder, laufe so schnell du kannst ins Tal zu den Hütten der Menschen und hole die rote Blume, die sie dort hegen. Dann wirst du in der Stunde der Not einen mächtigeren Freund haben als mich oder Balu oder die vom Rudel, die dich lieben. Lauf schnell und hole die rote Blume!«
Baghira meinte mit der roten Blume das Feuer; aber kein Tier der Dschungel wird das Feuer bei seinem Namen nennen. In großer Furcht leben alle vor dem glühenden Atem der Flamme und erfinden hundert Worte, sie zu umschreiben.
»Die rote Blume?« fragte Mogli, »die wächst vor den Hütten in der Dämmerung. Ich will sie holen!«
»So spricht ein Menschenjunges!« erwiderte Baghira mit Stolz. »Vergiß nicht, in kleinen Töpfen wächst sie. Und nun fort! Eile! Und bewahre sie wohl für die Zeit der Not!«
»Gut!« sagte Mogli. »Ich laufe. Aber bist du sicher, mein lieber Baghira«, er schlang seinen Arm um den glänzenden Hals seines Freundes und sah ihm tief in die großen Augen, »bist du auch ganz sicher, daß alles das Schir Khans Werk ist?«
»Bei dem gesprengten Schloß, das mich befreite, sicher bin ich, kleiner Bruder.«
»Dann, bei dem Bullen, der mein Kaufpreis war, dann will ich Schir Khan voll heimzahlen und vielleicht auch ein wenig mehr, als ich ihm schulde.« Und mit langen Sätzen sprang Mogli davon.
Ja, Mensch! Ganz und gar Mensch, dachte Baghira, sich wieder lagernd. »Oh, Schir Khan, niemals gab es schlimmere Jagd als deine Froschhetze vor zehn Jahren!«
Mogli rannte und rannte durch den Wald, und hoch schlug ihm das Herz. Als der Abendnebel stieg, gelangte er zu der Höhle, schöpfte Atem und blickte hinab ins Tal. Seine Brüder waren fort, aber Mutter Wolf lag hinten im Dämmer der Höhle. Sie hörte seinen keuchenden Atem und wußte sogleich, daß ihr kleiner Frosch Kummer hatte.
»Was hast du, Sohn?« fragte sie.
»Ach, nichts, nichts, nur dummes Geschwätz von Schir Khan!« rief er zurück. »Ich jage auf den gepflügten Feldern heute nacht!« und fort war er, seinen Weg durch das Dickicht bahnend, fort zum Flusse im Talgrunde. Da plötzlich stutzte er, denn er vernahm das Geheul des jagenden Rudels, hörte dumpfes Röhren gehetzter Sambarhirsche und das wilde Schnauben des Bockes, der sich den Verfolgern stellte. Dann ertönte das höhnische, böse Heulen der jungen Wölfe. »Akela, Akela! Der Einsiedelwolf zeige seine Stärke. Platz dem Führer des Rudels. Spring an, Akela!«
Und Akela sprang, mußte aber gefehlt haben, denn Mogli hörte das scharfe Zuklappen des Gebisses und gleich darauf ein Wehgeheul, als der wütende Hirsch mit seinen Vorderläufen den Wolf niederschlug.
Mogli verharrte nicht länger, sondern preschte weiter. Das Bellen und Heulen hinter ihm ward schwächer, als er durch die Äcker und Saatfelder lief zu den Wohnungen der Menschen.
»Baghira sprach wahr«, keuchte er und ließ sich auf einem Strohhaufen neben dem Fenster einer Hütte niederfallen, »morgen gilt’s uns beiden – Akela und mir!«
Dann erhob er sich geräuschlos, preßte das Gesicht gegen das kleine Fenster und beobachtete das Feuer auf dem Herd. Er sah, wie in der Nacht das Weib des Dörflers aufstand und dem Feuer kleine schwarze Stücke zur Nahrung gab. Als dann der Morgen anbrach und weiß und kalt die Nebel zogen, gewahrte er, wie der Knabe des Dörflers einen Weidenkorb nahm, der innen mit Lehm ausgelegt war, Stücke rotglühender Holzkohle hineintat, ihn zudeckte und hinaustrat, um nach den Kühen im Stall zu sehen.
»Ist das alles?« sagte Mogli zu sich. »Wenn das ein Menschenjunges tun kann, so ist keine Gefahr dabei.« Er bog rasch um die Ecke, trat auf den Knaben zu, entriß ihm den Topf und war im Nebel verschwunden, während der Junge in ein Angstgeheul ausbrach.
Sie sehen ganz aus wie ich – die Menschen, dachte Mogli und blies in den Topf, wie es die Frau gemacht hatte. Es wird sterben, wenn ich es nicht füttere. Und er legte kleine Zweige und Baumrinde auf die rote Blume. Er war schon wieder weit den Berg hinauf, als er Baghira traf, auf dessen Fell die Tautropfen des Morgens wie Mondsteine glänzten.
»Akela hat den Sprung verfehlt«, erzählte der Panther. »Sie hätten ihn schon diese Nacht getötet, aber auch dich wollten sie haben. Überall in der Dschungel suchten sie nach dir.«
»Bei den Hütten der Menschen war ich. Jetzt bin ich bereit. Sieh!« Er hielt den rauchenden Topf in die Höhe.
»Gut, aber höre. Ich sah, wie die Menschen einen trockenen Ast in die Masse bohrten, und dann blühte plötzlich die rote Blume an seinem Ende auf. Hast du keine Angst?«
»Nein! Warum sollte ich denn? Jetzt entsinne ich mich – wenn es kein Traum war –, wie ich einst, bevor ich ein Wolf wurde, neben der roten Blume lag; warm war sie und freundlich.«
Mogli saß den ganzen Tag in der Höhle bei seinem Feuertopfe und steckte trockene Zweige hinein, um zu sehen, wie die rote Blume aufzüngelte. Zuletzt fand er einen starken Ast, der ihm gefiel. Am Abend dann, als Tabaqui in die Höhle kam und ihm höhnisch zurief, er werde gewünscht auf dem Ratsfelsen, da lachte er und lachte, bis Tabaqui entsetzt davonlief. Und lachend noch ging Mogli zur Ratsversammlung der Wölfe.
Akela, der Einsiedelwolf, lagerte am Fuß seines felsigen Sitzes zum Zeichen, daß die Führerschaft des Rudels frei war. Schir Khan schritt stolz auf und ab, umschmeichelt von seinem Anhang, den abfallfressenden Wölfen. Baghira lag dicht bei Mogli, der den Feuertopf zwischen den Knien hielt. Als alle vollzählig versammelt waren, hob Schir Khan an zu sprechen, wie er’s zur Zeit von Akelas kraftvoller Führung nie gewagt haben würde.
»Er hat kein Recht zu reden«, flüsterte Baghira. »Sage ihm das! Ein Hundesohn ist er! Sag es ihm! Er wird dann Furcht haben!«
Mogli sprang auf. »Freies Volk!« rief er. »Ist Schir Khan des Rudels Führer? Was hat ein Tiger mit der Führerschaft zu tun?«
»In Anbetracht dessen, daß die Führerschaft frei ist – in Anbetracht, daß ich ersucht worden bin, zu sprechen…«, begann Schir Khan.
»Ersucht? Von wem?« rief Mogli. »Sind wir denn alle Schakale, daß wir vor diesem lahmen Viehschlächter kriechen? Die Führerschaft über das Rudel steht ganz allein dem Rudel zu.«
Wildes Geschrei erhob sich: »Schweige, du Menschenjunges!« Und andere riefen: »Er rede! Er hat das Gesetz gehalten!« Endlich übertönte die donnernde Stimme des Ältesten des Rudels das Gewirr: »Der tote Wolf soll sprechen. Akela hat das Wort.« Sobald nämlich der Führer des Rudels seine Beute verfehlt hat, wird er der »tote Wolf« genannt, solange er noch am Leben ist.
Akela hob müde sein graues Haupt und sagte:
»Freies Volk, und auch ihr, Schakale Schir Khans! Zwölf Jahre lang führte ich euch vom Lager zum Schlagen, vom Schlagen zum Lager, und während der ganzen Zeit geriet keiner in Fallen, kam keiner zu Schaden. Nun habe ich meine Beute gefehlt. Ihr alle wißt von der Verschwörung gegen mich. Ihr wißt, wie ihr mich zu dem Bock in der Brunft gebracht habt, um dem Rudel meine Schwäche zu zeigen. Die Falle war gut gestellt. Euer Recht ist nun, mich hier am Ratsfelsen zu töten. Ich frage daher, wer kommt an, um mit dem alten Führer ein Ende zu machen? Denn mein Recht ist nach Dschungelgesetz, daß ihr einzeln kommt, um mit dem alten Führer ein Ende zu machen. Denn mein Recht ist nach Dschungelgesetz, daß ihr einzeln kommt, um mich anzugehen, einer nach dem anderen.«
Tiefes Schweigen herrschte ringsum; niemand regte sich, denn keiner hatte den Mut, Akela zu Tode zu kämpfen. Da brüllte Schir Khan:
»Bah! Was haben wir denn mit diesem zahnlosen Narren zu schaffen? Er ist sowieso dem Tode verfallen! Aber das Menschenjunge ist’s, um das es sich handelt! Freies Volk, er war meine Beute von Anbeginn! Liefert ihn mir aus! Meine Geduld mit ihm ist zu Ende! Dieser Menschenwolf hat zehn Jahre lang in der Dschungel sein Unwesen getrieben! Gebt ihn heraus, oder … ich schwör’s … ich werde immerdar in euren Gründen jagen und keinen trockenen Knochen übriglassen. Mensch ist er, eines Menschen Kind – ich hasse ihn, bis in das Mark meiner Gebeine hasse ich ihn!« Mehr als die Hälfte des Rudels heulte:
»Ein Mensch ist er! Was haben wir mit einem Menschen zu schaffen? Zum Menschenpack gehe er, wo er hingehört!«
»Um alle Dörfler gegen uns aufzuhetzen?« fragte Schir Khan. »Nein, gebt ihn mir. Mensch ist er, und keiner von uns vermag ihm in die Augen zu blicken.«
Wieder erhob Akela den grauen Kopf. »Er hat mit uns sich gesättigt. Er hat mit uns geschlafen. Er hat uns das Wild zugejagt. Er hat niemals ein Gesetz der Dschungel gebrochen.«
»Ich zahlte einen Bullen für ihn als Preis für seine Aufnahme. Gewiß, der Wert eines Bullen ist gering, aber für seine Ehre wird Baghira möglicherweise zu kämpfen wissen«, sagte der Panther mit sanfter Stimme.
»Ein Bulle, vor zehn Jahren bezahlt«, knurrte das Rudel. »Was kümmern uns alte gebleichte Knochen?«
