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In "Gesammelte Werke: Abenteuerromane + Erzählungen" versammelt Robert Louis Stevenson ein eindrucksvolles Spektrum seiner Erzählkunst, das den Leser in die faszinierende Welt von Abenteuer und Entdeckungen entführt. Mit einem unverwechselbaren, lebendigen Stil gelingt es Stevenson, komplexe Charaktere und fesselnde Handlungsstränge zu entwickeln, die tiefgreifende menschliche Emotionen erforschen. Die Sammlung umfasst Klassiker wie "Die Schatzinsel" und "Der seltsame Fall des Dr. Jekyll und Mr. Hyde", die nicht nur durch spannende Plots bestechen, sondern auch zeitlose Fragen der Moral und Identität aufwerfen, eingebettet in das literarische Umfeld des viktorianischen Zeitalters und dessen Novellistik. Robert Louis Stevenson, ein schottischer Schriftsteller des 19. Jahrhunderts, war ein Meister der Erzählkunst, dessen eigene Reisen und Lebensumstände seine Werke maßgeblich prägten. Durch die Konfrontation mit Krankheit und einem nomadischen Lebensstil fand er Inspiration in den abenteuerlichen Geschichten, die er las und erzählte. Sein einzigartiger Blick auf Abenteuer und das Spiel mit dem Unbekannten bieten dem Leser einen tiefen Einblick in den menschlichen Geist und die fließenden Grenzen zwischen Gut und Böse. Diese umfassende Sammlung von Stevensons Meisterwerken ist ein Muss für jeden Bücherliebhaber und Historiker der Literatur. Sie lädt dazu ein, in die aufregenden und manchmal düsteren Welten einzutauchen, die Stevenson mit seiner unverwechselbaren Prosa geschaffen hat. Durch seine Erzählungen erkennen wir sowohl die Faszination als auch die Gefahr des Abenteuers, was das Buch zu einem zeitlosen Genuss macht. In dieser bereicherten Ausgabe haben wir mit großer Sorgfalt zusätzlichen Mehrwert für Ihr Leseerlebnis geschaffen: - Eine umfassende Einführung skizziert die verbindenden Merkmale, Themen oder stilistischen Entwicklungen dieser ausgewählten Werke. - Die Autorenbiografie hebt persönliche Meilensteine und literarische Einflüsse hervor, die das gesamte Schaffen prägen. - Ein Abschnitt zum historischen Kontext verortet die Werke in ihrer Epoche – soziale Strömungen, kulturelle Trends und Schlüsselerlebnisse, die ihrer Entstehung zugrunde liegen. - Eine knappe Synopsis (Auswahl) gibt einen zugänglichen Überblick über die enthaltenen Texte und hilft dabei, Handlungsverläufe und Hauptideen zu erfassen, ohne wichtige Wendepunkte zu verraten. - Eine vereinheitlichende Analyse untersucht wiederkehrende Motive und charakteristische Stilmittel in der Sammlung, verbindet die Erzählungen miteinander und beleuchtet zugleich die individuellen Stärken der einzelnen Werke. - Reflexionsfragen regen zu einer tieferen Auseinandersetzung mit der übergreifenden Botschaft des Autors an und laden dazu ein, Bezüge zwischen den verschiedenen Texten herzustellen sowie sie in einen modernen Kontext zu setzen. - Abschließend fassen unsere handverlesenen unvergesslichen Zitate zentrale Aussagen und Wendepunkte zusammen und verdeutlichen so die Kernthemen der gesamten Sammlung.
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Veröffentlichungsjahr: 2024
Diese Ausgabe versammelt einundzwanzig Texte von Robert Louis Stevenson in einem Band und verfolgt eine klare Zielsetzung: Sie bietet einen konzentrierten Überblick über sein erzählerisches Schaffen zwischen Abenteuerroman, Novelle und Erzählzyklus. Von weithin bekannten Werken bis zu kompakteren Meisterstücken ermöglicht die Sammlung eine Lektüre, die Spannungsdramaturgie, Einbildungskraft und moralische Fragestellungen im Zusammenhang erlebt. Der Schwerpunkt liegt auf Prosadichtung mit erzählerischer Dynamik; die Auswahl lädt dazu ein, Meere, Städte, Moore und Inseln als Bühnen eines vielseitigen Oeuvres zu durchqueren und Stevensons unverwechselbare Stimme in unterschiedlichen Längen und Tonlagen zu hören.
Der Umfang reicht von gesamten Romanen über miteinander verknüpfte Zyklen bis zu eigenständigen Erzählungen und einem Band mit Reise- und Erinnerungsprosa. Die großen Romane stehen neben erzählerischen Reihen, deren Episoden ein gemeinsames Motiv zusammenhält, sowie prägnanten Novellen, die in knapper Form psychologische und ethische Konflikte verdichten. Mit In der Südsee tritt eine nichtfiktionale Perspektive hinzu, die Lebenserfahrung und Beobachtung bündelt. So entsteht ein Panorama erzählender Prosa, das sowohl die Langstrecke des Romans als auch die pointierte Kürze der Novelle abbildet und die Spannweite von Stevensons Werk sichtbar macht.
Die Sammlung führt durch mehrere Genres und Textsorten: Abenteuerromane mit maritimer und historischer Kulisse; psychologisch-gotische Novellen, die innere Zwiespalte sichtbar machen; historische und schottische Erzählungen, die Landschaften und Sitten in dramatische Konstellationen übersetzen; urbane Intrigen- und Detektivgeschichten, in denen Zufall, Verbrechen und Maskerade ein dichtes Netz knüpfen; Südsee-Erzählungen, die Begegnungen, Handel, Aberglauben und Moral an entlegenen Schauplätzen entfalten; sowie Memoiren und Reisebilder, die den realen Hintergrund für Motive liefern, die in der Fiktion wiederkehren. Diese Vielfalt bleibt dennoch geschlossen durch Ton, Haltung und erzählerische Konsequenz.
Mehrere Texte sind als Zyklen angelegt, in denen ein verbindendes Objekt oder eine geheimnisvolle Institution die Episoden strukturiert. Ein Edelstein führt Figuren unterschiedlicher Herkunft in wechselnde Verführungen und Gefahren; eine obskure Gesellschaft mit fatalen Spielregeln macht Großstadt und Nachtleben zum Schauplatz existenzieller Entscheidungen. In den Romanen entfalten sich zugleich weitgespannte Konflikte um Erbe, Loyalität und Ehre. Die kürzeren Stücke bündeln ästhetische Präzision und moralische Schärfe: Versuchung, Schuld, Zufall und Gewissen treten in engen Räumen auf und erzeugen eine Spannung, die aus Situationen und Charakteren, nicht aus bloßen Effekten, entsteht.
Verbindende Themen ziehen sich durch das gesamte Konvolut: Identität und Doppelheit; der Konflikt zwischen gesellschaftlicher Fassade und innerem Drang; die Frage, ob Recht und Gerechtigkeit deckungsgleich sind; die Verlockung des Reichtums und die Kosten der Gier; Aberglaube und Rationalität; Tradition, Wandel und die Preisgabe von Heimat. Die maritime Welt steht für Offenheit und Gefahr, Inseln werden zu Laboratorien der Moral, Städte zu Labyrinthen der Masken. In allen Formen bleibt die Entscheidung des Einzelnen zentral: Figuren geraten in Grenzsituationen, in denen Charakter, Zufall und Umweltkräfte eine fragile Balance eingehen.
Stilistisch verbindet Stevenson Klarheit und Rhythmus mit ökonomischer Erzählweise. Präzise Szenenführung, stimmige Dialoge und eine Aufmerksamkeit für Topografie erzeugen plastische Räume. Häufig nutzt er Rahmungen, Berichte und verschachtelte Erzählperspektiven, um die Wahrnehmung zu prüfen und Gewissheiten zu unterlaufen. Innere Monologe und Bekenntnisse stehen neben beobachtender Distanz; die Perspektiven wechseln zwischen Mitwissen und Geheimhaltung. Das Ergebnis ist eine Spannung, die nicht allein im Geschehen liegt, sondern in der Art, wie Information gesteuert, verschwiegen oder offenbart wird. Musikalität der Prosa und sorgfältige Komposition tragen die Wirkung über die letzten Seiten hinaus.
Die Figuren sind von Bewegung und Unruhe geprägt: Abenteurer und Außenseiter, Suchende und Verbannte, pflichtbewusste Diener des Gesetzes und verführerische Gegenspieler. Stevenson meidet starre Einteilungen in Helden und Schurken; vielmehr rückt er Charaktere in den Fokus, die durch Entscheidung, Zufall oder Notwendigkeit verschoben werden. Mentoren erweisen sich als ambivalent, junge Protagonisten lernen unter Druck, und moralische Autorität wird immer wieder befragt. In den kürzeren Erzählungen verschärft sich diese Konstellation zu pointierten Momenten der Erkenntnis, während die Romane den Raum für langsame Verwicklungen und vielstimmige Konflikte öffnen.
Ort und Atmosphäre tragen die Erzählungen: schottische Landschaften mit ihren Nebeln, Klippen und Dörfern; Großstadtpassagen, in denen Licht, Schatten und Lärm moralische Lagen spiegeln; Küsten, Häfen und Schiffe als Korridore des Übergangs; Südseeinseln, deren Natur, Handel und Begegnungen neue Formen des Zusammenlebens erzwingen. Diese Räume sind nie bloße Kulisse, sondern formgebend für Handlung und Entscheidung. Die Materialität von Wegen, Wetter, Geräuschen und Objekten strukturiert das Erleben. So entsteht ein Sinn für Ortstreue, der Stimmung in Handlung übersetzt und der das Spezifische jeder Landschaft in eine universelle Erfahrung verwandelt.
Die Texte sind in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts entstanden und spiegeln Debatten ihrer Zeit: den Aufschwung der Städte, das Gewicht von Respektabilität, das Selbstverständnis des Empires, die Faszination und Skepsis gegenüber Wissenschaft. In der Südsee erweitert diese Sammlung die Perspektive um Reiseerfahrung und Beobachtung, die die fiktionalen Szenarien erdet und nuanciert. Fiktion und Erinnerung kommentieren einander: Motive der Verlockung, des Tauschens, der Übersetzung zwischen Kulturen und Sprachen erhalten eine konkrete Grundlage. Dabei wahrt der Band den Abstand zur historischen Detaildebatte und konzentriert sich auf erzählerische Evidenz.
Als Gesamtheit zeigt sich ein Werk, das zugleich zugänglich und vielschichtig ist. Abenteuer und Suspense gehen mit psychologischer Genauigkeit eine Verbindung ein, die Generationen von Leserinnen und Lesern anspricht. Einzelne Stücke haben die Fantasie weit über die Literatur hinaus geprägt; zugleich gewinnen weniger bekannte Erzählungen in der Nachbarschaft der berühmten Romane neues Gewicht. Die Sammlung gibt den Blick frei auf eine Kunst der Verdichtung, in der Motive wiederkehren, variieren und sich gegenseitig beleuchten. Dies erklärt die anhaltende Wirkung: Die Texte sind unterhaltend, aber ihr Nachhall liegt in der ethischen und ästhetischen Prägnanz.
Die Anordnung erlaubt unterschiedliche Lektürepfade: Wer große Spannbögen schätzt, beginnt mit den Romanen; wer Nuancen und Verdichtung sucht, kann in die Zyklen und Novellen eintreten; wer Kontext mag, findet in der Südsee-Prosa Anschlüsse an Biografie und Zeit. Thematisch lässt sich von Meer zu Stadt, von Schottland zur Südsee und von offener Gefahr zu innerem Konflikt wandern. Die Nachbarschaften eröffnen stille Dialoge zwischen Texten, in denen Motive aufscheinen und sich verlagern. So entsteht ein Leseraum, der Wiederentdeckung und Erstbegegnung gleichermaßen begünstigt und den Reichtum der Formen sichtbar macht.
Diese Einführung versteht den Band als Einladung, Stevenson als einen Autor der Bewegung, der Balance und der moralischen Vorstellungskraft zu lesen. Die Entscheidung, Romane, Zyklen, Novellen und Memoiren zusammenzuführen, folgt der Überzeugung, dass sein Werk im Ensemble besonders eindringlich wirkt: als Wechselspiel von Weite und Konzentration, von Schauplatz und Gewissen, von Abenteuer und Einsicht. Die Texte sprechen in ihrer Klarheit unmittelbar, doch ihre Tiefenschichten entfalten sich im Vergleich. Wer sich auf diese Reise einlässt, entdeckt einen Kanon, der seine eigene Geschichte erzählt – und zugleich die unsere befragt.
Robert Louis Stevenson (1850–1894) war ein schottischer Romancier, Essayist und Reiseschriftsteller der späten viktorianischen Epoche. Mit einer stilistisch geschliffenen Prosa verband er Abenteuerdramaturgie, psychologische Spannung und moralische Fragestellungen, wodurch seine Bücher ein breites Publikum erreichten und zugleich literarische Anerkennung fanden. Bekannt wurde er vor allem durch eine Reihe von Erzählwerken, die das Bild des modernen Abenteuerromans prägten und in der populären Kultur nachwirken. Neben Romanen verfasste er Essays, Gedichte und Reiseberichte, die sein Interesse an Erzähltechniken, Landschaften und Sitten zeigen. Sein Werk gilt als Brücke zwischen romantischer Tradition und einer bewusst komponierten, ökonomischen Erzählkunst der Moderne.
Stevenson wuchs in Edinburgh auf und studierte an der University of Edinburgh zunächst Ingenieurwesen und anschließend Jura, ohne diese Berufe dauerhaft auszuüben. Entscheidender war sein frühes, konsequentes Schreiben, das er in Zeitschriftenkreisen und literarischen Salons erprobte. Zu seinen anerkannten Einflüssen zählen die Erzähltradition von Daniel Defoe und Sir Walter Scott, die düstere Imagination Edgar Allan Poes sowie französische Essayisten und Stilisten, die sein Bewusstsein für Form und Rhythmus schärften. Redaktionelle Freundschaften, besonders mit dem Dichter und Herausgeber W. E. Henley, unterstützten ihn. Aus dieser Mischung erwuchs ein Erzähler, der Erfindungslust mit strenger Komposition und einem Sinn für mündliche Erzähltradition verband.
In den späten 1870er-Jahren etablierte sich Stevenson zunächst mit Reiseschriften und Essays. An Inland Voyage und Travels with a Donkey in the Cévennes verbinden Beobachtungsgabe mit einer leichten, oft ironischen Tonlage und zeigen seine Fähigkeit, Landschaft zur Bühne innerer Bewegung zu machen. Essaybände wie Virginibus Puerisque und Familiar Studies of Men and Books erproben literarische Porträts und Poetik, während er zugleich an erzählerischen Projekten arbeitete. Diese frühe Phase festigte seine Reputation als Stilkünstler und wandelbarer Autor, der zwischen Genres oszillierte. Sie bereitete den Boden für die erzählerischen Durchbrüche, die ihn im folgenden Jahrzehnt zu internationaler Bekanntheit führten.
Seinen großen Durchbruch erzielte Stevenson in den frühen bis mittleren 1880er-Jahren. Die Abenteuererzählung Treasure Island definierte Topoi des Piratenromans neu und machte ihn schlagartig populär. A Child’s Garden of Verses zeigte nahezu gleichzeitig seine lyrische Seite und beeinflusste spätere Kinderlyrik. Mit Strange Case of Dr Jekyll and Mr Hyde schuf er eine konzentrierte Studie über Doppelgänger, Verdrängung und gesellschaftliche Rollen, die weit über die Genreliteratur hinauswirkte. Diese Werke demonstrierten seine Spannweite: vom packenden Abenteuer über intimes Gedicht bis zur moralischen Parabel, stets getragen von klarer Struktur, ökonomischer Szenenführung und einem präzisen Gespür für Atmosphäre.
Parallel dazu vertiefte Stevenson die Auseinandersetzung mit schottischer Geschichte und Identität. Kidnapped und die spätere Fortsetzung Catriona beleuchten Loyalitäten und politische Spannungen des 18. Jahrhunderts aus der Perspektive eines jungen Protagonisten. The Black Arrow greift Motive des historischen Abenteuerromans auf, während The Master of Ballantrae das Spiel zwischen Rivalität, Ehre und Selbsttäuschung ins Tragische steigert. Diese Romane zeigen seine Kunst, Landschaft, Dialekt und Balladenklang in strenge Dramaturgie zu fassen. Zeitgenössische Leserschaften schätzten sie als fesselnde Lektüre; die Kritik hob zunehmend die psychologische Feinzeichnung und die elegante, rhythmische Prosa hervor, die seinen Stil kennzeichnet.
In den späten 1880er- und frühen 1890er-Jahren führten ihn Reisen aus Gesundheitsgründen in den Pazifik, wo er schließlich auf Samoa lebte und produktiv schrieb. Die Südsee-Erzählungen The Beach of Falesá, The Bottle Imp und The Ebb-Tide untersuchen koloniale Grenzerfahrungen, Tauschbeziehungen und moralische Versuchungen in neuen sozialen Räumen. Mit A Footnote to History setzte er sich publizistisch mit den politischen Konflikten in Samoa auseinander. Zugleich entstanden Romane und Novellen in Zusammenarbeit mit Lloyd Osbourne, darunter The Wrong Box und The Wrecker. Diese Phase erweiterte sein thematisches Spektrum und verdichtete seine Reflexion über Macht, Verantwortung und Erzählperspektive.
Stevenson starb 1894 auf Samoa. Sein Nachlass umfasst Romane, Novellen, Gedichte, Essays und Reisebücher, die Generationen von Leserinnen und Lesern geprägt haben. In der literarischen Tradition gilt er als Meister des erzählerischen Tempos, der anschaulichen Szenen und der klaren, musikalischen Prosa. Abenteuer- und Schauerliteratur, psychologische Kurzprosa sowie Jugend- und Populärkultur verdanken ihm zentrale Motive und Figurenbilder. Zugleich bleibt sein Werk Gegenstand intensiver Forschung zur Poetik des Erzählens und zur Kulturgeschichte des Empire. Die anhaltende Rezeption stützt sich auf die Verbindung von erzählerischer Energie und formaler Disziplin, die seine Texte dauerhaft lebendig hält.
Das Gesamtwerk Robert Louis Stevensons entstand in der Hoch- und Spätphase des viktorianischen Zeitalters, zwischen industrieller Revolution, globaler Expansion des Britischen Empire und einer beispiellosen Ausweitung der Leserschaft. Geboren 1850 in Edinburgh und gestorben 1894 in Vailima, Samoa, schrieb er in einer Epoche, die von neuen Technologien – Dampfschiff, Eisenbahn, Telegraf (Transatlantikkabel 1866) – und einer boomenden Presse geprägt war. Diese Rahmenbedingungen förderten Abenteuerromane, Kriminalgeschichten und Reiseerzählungen ebenso wie psychologisch-ethische Parabeln. Stevensons Werke verbinden eine aufklärerische Lust am Erzählen mit fin de siècle-Angstbildern, wodurch sich ihre Themen von der schottischen Heimat bis in die Südsee erstrecken.
Stevensons edinburghische Herkunft prägte sein Formempfinden. Die gespaltene Topographie der Stadt – die mittelalterliche, schmale, düstere Altstadt und die rational geplante New Town aus dem 18. Jahrhundert – bot ein konkretes Stadtmodell für moralische und soziale Dualismen. Die intellektuelle Nachwirkung der Scottish Enlightenment (David Hume, Adam Smith) traf hier auf den strengen Presbyterianismus. In dieser Spannung zwischen Skepsis und religiöser Disziplin verankerte Stevenson psychologische Motive von Versuchung, Schuld und Gewissensprüfung. Die urbane Erfahrung von Nebel, Gaslicht und engen Gassen der 1870er und 1880er Jahre bildete einen atmosphärischen Hintergrund, vor dem sowohl Abenteuer- als auch Großstadtgeschichten plausibel werden.
Aus einer Ingenieursfamilie stammend – sein Vater Thomas Stevenson war ein bedeutender Leuchtturmbauer – wuchs der Autor in einer Welt von Karten, Kaps und Küsten auf. Die sichere Navigation als Bedingung imperialer Reichweite und der Übergang von Segel zu Dampfkraft verliehen dem Meer die doppelte Rolle als Handelsweg und Schauplatz existenzieller Bewährung. Kartographie, Seekarten und technische Präzision prägten die Vorstellungskraft des Schriftstellers. Die maritime Logistik des 19. Jahrhunderts – Häfen wie Leith, London, San Francisco oder Apia – stellte reale Knotenpunkte dar, an denen Händler, Abenteurer, Matrosen, Missionare und Kolonialbeamte ihre Geschichten verknüpften.
Stevenson studierte in Edinburgh zunächst Ingenieurwissenschaften, wandte sich jedoch dem Recht zu und schloss 1875 als Advocate ab; praktizierte hat er nie. Früh zog es ihn in literarische Kreise zwischen Edinburgh, London und Paris. Freundschaften mit William Ernest Henley und Sidney Colvin, der später sein literarischer Testamentsvollstrecker wurde, förderten seine Karriere. In Essays wie A Gossip on Romance (1882) verteidigte er die Kunst des spannenden Erzählens gegen einen engen Realismusbegriff. Diese Haltung erklärt die Verbindung von präziser Beobachtung, poetischer Ökonomie und klassischer Narrativität, die Abenteuer, Kriminalhandlungen und moralische Gleichnisse gleichermaßen trägt.
Der Markt der Periodika war zentral: Magazine wie Cornhill Magazine und Longman’s Magazine sowie die Londoner Wochenzeitschrift London (Publikationen 1878) eröffneten seriellen Formaten den Weg. Zahlreiche Geschichten erschienen zuerst in Heften, wurden umgearbeitet und später als Bände veröffentlicht, etwa in den 1880er Jahren bei Verlagen wie Cassell and Company oder Longmans, Green & Co. Weihnachtsnummern und illustrierte Ausgaben erweiterten Reichweite und Wirkung. Diese Infrastruktur begünstigte Zyklen, Rahmenerzählungen und verflochtene Novellen, in denen Figuren und Motive wiederkehren konnten. So etablierten sich formale Muster, die sowohl Kriminal- als auch Abenteuerstoffe flexibel integrierten.
Die rasche Urbanisierung Londons und anderer Metropolen brachte neue soziale Räume hervor: Gentlemen-Klubs, Rookeries, Kaufhäuser, Prachtboulevards und Dockviertel. Parallel gewann die Detektivgeschichte an Profil, im Gefolge von Edgar Allan Poe und vor Arthur Conan Doyles A Study in Scarlet (1887). Polizeireformen seit 1829 (Metropolitan Police) und ein wachsender Zeitungsmarkt formten Wahrnehmungen von Verbrechen, Geheimnissen und Sensationen. Diese Kulissen erlaubten das Spiel mit Maskeraden, Doppelleben, Täternetzwerken und diskreten Helfern, ohne auf die großen moralischen Konflikte zu verzichten. In dieser Gemengelage entfalten Stevensons urbane Erzählungen eine moderne Sozialpsychologie der Großstadt.
Wissenschaftliche Debatten beeinflussten die literarische Vorstellungskraft. Darwins Origin of Species (1859) und spätere Diskurse über Vererbung und Atavismus nährten Ängste vor Degeneration, die Max Nordau 1892 theoretisierte. Gleichzeitig rückten Neurologie, Psychiatrie und Hypnose (Paris, Jean-Martin Charcot) Fragen der Persönlichkeitsspaltung ins Zentrum. Edinburghs medizinische Schulen galten als führend. Der viktorianische Okkultboom, institutionalisiert in der Society for Psychical Research (gegründet 1882), verschränkte Wissenschaft, Skepsis und Aberglauben. Diese Konstellation schuf eine intellektuelle Bühne, auf der moralische Versuchung, Bewusstseinsdämmerung und monströse Transformationen als literarisch glaubhafte Ereignisse erscheinen konnten.
Die schottische Religionskultur, geprägt von Calvinismus und presbyterialen Strukturen, bildete einen ernsthaften Resonanzraum. Die Disruption von 1843, als sich die Free Church of Scotland abspaltete, verdeutlichte institutionelle Spannungen zwischen Gewissensfreiheit und kirchlicher Ordnung. Katechismus, Sabbatdisziplin und die Aufmerksamkeit für Sünde und Gnade prägten Erziehung und literarische Codes. In dieser Atmosphäre wirken kirchliche Autorität und Volksglaube, Kanzelrhetorik und Spuklegenden nebeneinander. Stevenson, der den Schauplatz ländlicher Pfarreien ebenso kannte wie die urbane Skepsis, übersetzt diese Gemenge in Geschichten, in denen die Sprache des Glaubens mit den Zweifeln der Moderne ringt.
Schottlands Vergangenheit lieferte historische Energien für Romane des 18. Jahrhunderts: die Jakobitenaufstände (vor allem 1745 unter Charles Edward Stuart), Clanbindungen, Treueschwüre, Duellkultur, Schmuggel, Grenzjustiz. Der Übergang von feudalen Loyalitäten zu modernem Rechtssystem und britischer Staatlichkeit erzeugte Konflikte von Ehre, Erbe und Gewalt. Die Highlands als geographisch-sozialer Sonderraum, die Lowlands als administratives Zentrum und die Seewege als Flucht- und Handelsrouten ergeben eine bewegte Geografie. Dieses Panorama, das bereits bei Walter Scott kanonisch wurde, bietet Stevenson räumliche und rechtshistorische Bühnen für Verrat, Loyalität, Familienfehden und moralische Bewährung.
Reisen wurden in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts durch neue Verkehrsmittel kalkulierbar. Stevenson unternahm 1878 eine Tour durch die Cevennen (Travels with a Donkey in the Cevennes), reiste 1879–1880 in die USA, heiratete 1880 in San Francisco Fanny Osbourne und pflegte danach einen transatlantischen Lebensstil zwischen Schottland, England, Frankreich und Kalifornien. Solche Bewegungen brachten unterschiedliche Rechtssysteme, Sprachen und Medienkulturen in Kontakt. Daraus speist sich eine Literatur, die mit Grenzüberschreitungen – geographisch wie sozial – experimentiert und Figuren zwischen Hafenstädten, Grenzländern, Metropolen und einsamen Landschaften situieren kann.
Die Südseephase (1888–1894) verschmolz Abenteuer und Zeitdiagnostik. Stevenson segelte 1888 auf der Casco von San Francisco zu den Marquesas, 1889 auf der Equator nach Hawaii und Micronesien, 1890 auf der Janet Nicoll durch den Südpazifik. 1890 ließ er sich in Vailima auf Upolu (Samoa) nieder. Die Samoakriese führte 1889 zur Berliner Konvention, die Großbritannien, Deutschland und die USA in ein fragiles Gleichgewicht brachte. Stevenson stand in Kontakt mit lokalen Führern wie Malietoa Laupepa und Mataʻafa Iosefo. Diese politische, ethnografische und wirtschaftliche Erfahrungswelt prägt seine Inselerzählungen ebenso wie seine Memoiristik.
Missionarische und kommerzielle Netzwerke formten die Kultur der Inselwelten: die London Missionary Society, regionaler Handel mit Kopra, die Präsenz deutscher, britischer und amerikanischer Händler sowie Kreolsprachen und Pidgins. Anthropologie und Völkerkundemuseen in Europa verlangten nach Beschreibungen, während auf den Inseln Kolonialrecht, indigene Normen und Handelsinteressen kollidierten. In diesem Feld thematisiert Stevenson Ressourcenkonflikte, Schamane versus Missionar, Vertragszwang, Tauschlogiken und symbolische Ökonomien. Seine Texte oszillieren zwischen Empathie, Beobachtung und Kritik, ohne exotistische Stereotypen kritiklos zu wiederholen, und lesen sich als Kommentare zur moralischen Ambivalenz imperialer Begegnungen.
Ökonomien des Buchmarkts beeinflussten Entstehung und Verbreitung der Werke. Vor 1891 waren US-Piratausgaben verbreitet; der International Copyright Act (Chace Act) von 1891 verbesserte sodann britischen Autoren die Lage. In Großbritannien prägte Mudie’s Select Library lange die Dreideckerform des Romans, deren Niedergang um 1894 den Übergang zu günstigeren Einbänden begünstigte. Cassell and Company veröffentlichte 1883 den Roman Die Schatzinsel, während Longmans, Green & Co. 1886 den seltsamen Fall von Dr. Jekyll und Mr. Hyde herausbrachte. Solche Verlagspolitiken und Preisstrategien förderten die breite Rezeption sowohl kurzer Erzählungen als auch längerer Abenteuerromane.
Illustrierte Ausgaben, Karten und Paratexte erweiterten die Wirkung. Die visuelle Kultur des 19. Jahrhunderts – Holzstich, Stahlstich, später Halbtöne – und die Tradition der Weihnachtsbände gaben Erzählungen ikonische Oberflächen. Stevenson entwarf Karten, die die Erzählung strukturierten und zugleich als Beilagen sammelwürdig wurden. Magazindruck bestimmte Satzspiegel, Kapitelrhythmus und Cliffhanger; Buchausgaben revidierten dies oft und versahen Texte mit Vignetten. So entstand eine Wechselwirkung zwischen Bild, Layout und Narrativ, die das Abenteuerhafte, das Rätselhafte und das Unheimliche verstärkte und die Lektüreerfahrung im Sinne eines populären, aber kunstvoll gestalteten Pakets definierte.
Gleichzeitig wuchs das Interesse an vergleichender Religionswissenschaft und Ethnografie. Werke wie James G. Frazer, The Golden Bough (ab 1890), spiegeln eine intellektuelle Stimmung, in der Mythen, Rituale und soziale Normen systematisch gesammelt und verglichen wurden. Stevensons Südsee-Schriften artikulieren eine besondere Aufmerksamkeit für lokale Rechtsprechung, Eigentumsformen und rituelle Praktiken, ohne die Asymmetrien kolonialer Macht zu verharmlosen. Die Spannung zwischen christlicher Moral, utilitaristischer Handelsethik und indigenen Ordnungen liefert einen Rahmen für ethische Prüfungen, die seine Figuren bestehen oder verfehlen. Dabei wird das Abenteuer zur Probe auf Zivilität, Würde und Verantwortung.
Stevenson starb am 3. Dezember 1894 in Vailima, Upolu, an den Folgen eines Schlaganfalls. Postum erschienen 1896 In der Südsee und der unvollendete Roman Die Herren von Hermiston, ediert von Sidney Colvin. Damit verschob sich seine Rezeption ins fin de siècle, wo psychologische Moderne, Dekadenzdiskurse und Imperiumskritik zusammenliefen. Sein Einfluss reicht von Joseph Conrad und G. K. Chesterton bis zu Jorge Luis Borges. Deutsche Übersetzungen verbreiteten seine Werke rasch im deutschsprachigen Raum. Die Nachwirkung erklärt sich aus der Balance zwischen erzählerischer Ökonomie, atmosphärischer Dichte und einer moralischen Neugier, die ihrer Zeit voraus war.
Im Überblick verbindet das Œuvre vielfältige Räume – Edinburgh, London, die schottischen Küsten und die Inselwelten des Pazifik – mit Gattungen, die Kriminalrätsel, Abenteuer, historisches Drama und unheimliche Parabeln mischen. Wiederkehrend sind Themen von Identität und Doppelung, Loyalität und Verrat, Recht und Gnade, Rationalität und Aberglauben. Daten wie 1882 (New Arabian Nights), 1883 (Die Schatzinsel), 1886 (Der seltsame Fall des Dr. Jekyll und Mr. Hyde), 1889 (Der Junker von Ballantrae), 1893 (Erzählungen aus der Südsee) und 1896 (postume Publikationen) markieren Entwicklungslinien. So entsteht ein Werkzusammenhang, dessen historische Tiefenschärfe seine dauernde Gegenwart erklärt.
Ein jugendlicher Erzähler gerät durch eine geheimnisvolle Karte in ein Abenteuer auf hoher See, in dem Loyalität, List und Piraten aufeinandertreffen. Ein klassischer Coming-of-Age- und Schatzsucheroman.
Zwei verfeindete Brüder aus einer schottischen Adelsfamilie treiben einander durch Krieg, Exil und Intrigen in eine zerstörerische Rivalität. Ein düsteres Spiel um Ehre, Selbsttäuschung und Schicksal.
Unvollendeter Roman über den Konflikt zwischen einem strengen Richter und seinem sensiblen Sohn, angesiedelt im rauen schottischen Grenzland. Pflicht, Leidenschaft und Moral prallen aufeinander.
Ein angesehener Arzt experimentiert mit der Trennung der menschlichen Natur und setzt damit eine Kette beunruhigender Ereignisse in Gang. Eine psychologische Schauererzählung über Identität und Verantwortung.
Eine geheime Gesellschaft macht Verzweiflung zum Spiel und zieht hochgestellte Ermittler in ein Netz aus Täuschung, Gefahr und Moralfallen. Drei verbundene Abenteuer mit spannender, urbane Atmosphäre.
Ein berüchtigter Edelstein stiftet eine Kette von Diebstählen, Betrug und Verfolgungen. Die verknüpften Detektivgeschichten zeigen, wie Besitzgier Schicksale verschränkt.
Erzählungen aus Ozeanien, in denen Handel, Aberglaube und verführerische Magie die Figuren auf die Probe stellen. Sie verbinden Abenteuer mit moralischen Entscheidungen und kulturellen Spannungen.
Düstere, teils schottisch geerdete Kurzprosa über Schuld, Versuchung und Aberglauben. In intensiven Szenen werden Gewissen, Furcht und mögliche Erlösung ausgelotet.
Zwei nachdenkliche Erzählungen über Wahlfreiheit, Zufall und Charakterfestigkeit. Äußeres Glück wird gegen innere Haltung und leise Ironie gespiegelt.
Reiseberichte und Beobachtungen aus der polynesischen und mikronesischen Inselwelt. Stevenson verbindet Landschaftsbilder mit Reflexionen über Kulturkontakt, Alltag und Kolonialpolitik.
Romane:
Erzählungen:
Reiseberichte:
Inhaltsverzeichnis
Inhalt
Inhaltsverzeichnis
Inhaltsverzeichnis
Gutsherr Trelawney, Dr. Livesey und die übrigen Herren haben mich gebeten, unsere Fahrt nach der Schatzinsel vom Anfang bis zum Ende zu beschreiben, und dabei nichts zu verschweigen als die genaue Lage der Insel, und zwar auch dies nur deshalb, weil noch jetzt ungehobene Schätze dort vorhanden sind. So ergreife ich die Feder in diesem Jahre des Heils 17.. und versetze mich zurück in die Zeit, als mein Vater den Gasthof zum »Admiral Benbow« hielt, und als der braungebrannte alte Seemann mit der Säbelnarbe im Gesicht zuerst unter unserem Dache Wohnung nahm.
Ich erinnere mich, wie wenn es gestern gewesen wäre, des Mannes: wie er in die Tür unseres Hauses hereinkam, während seine Schifferkiste ihm auf einem Schiebkarren nachgefahren wurde – ein großer, starker, schwerer, nußbrauner Mann; sein teeriger Zopf hing ihm im Nacken über seinen fleckigen blauen Rock herunter; seine Hände waren schwielig und rissig mit abgebrochenen, schwarzen Fingernägeln, und der Säbelschmiß, der sich über die eine Wange hinzog, war von schmutzig-weißer Farbe. Er sah sich im Schenkzimmer um und pfiff dabei vor sich hin, und dann stimmte er das alte Schifferlied an, das er später so oft sang:
Fünfzehn Mann bei des Toten Kist’ – Johoho, und ‘ne Buddel, Buddel Rum!
in der zitterigen, hohen Stimme, die so klang, wie wenn eine Ankerwinde gedreht würde. Dann schlug er mit einem Knüppel, so dick wie eine Handspeiche, gegen die Tür, und als mein Vater erschien, verlangte er barsch ein Glas Rum. Als dieses ihm gebracht worden war, trank er es langsam aus, wie ein Kenner, mit der Zunge den Geschmack nachprüfend, und dabei sah er sich durch das Fenster die Strandklippen und unser Wirtsschild an. Schließlich sagte er:
»Das ist ‘ne nette Bucht und ‘ne angenehm gelegene Grogkneipe. Viel Gesellschaft, Maat?«
Mein Vater sagte ihm, Gesellschaft käme leider nur sehr wenig.
»So? Na, dann ist das die richtige Stelle für mich. Heda, Ihr, mein Mann!« rief er dem Mann zu, der den Handkarren schob: »Ladet mal meine Kiste ab und bringt sie nach oben! Hier will ich ein bißchen bleiben! Ich bin ein einfacher Mann – Rum und Speck und Eier, weiter brauche ich nichts; und außerdem die Klippe da draußen, um die Schiffe zu beobachten. Wie Sie mich nennen könnten? Kaptein können Sie mich nennen. Ach so – ich sehe schon, worauf Sie hinauswollen – da!« und er warf drei oder vier Goldstücke auf den Tisch. »Wenn ich das verzehrt habe, können Sie mir Bescheid sagen!« rief er, und dabei sah er so stolz aus wie ein Admiral.
Und in der Tat – so schlecht seine Kleider waren und so gemein seine Sprechweise, er sah durchaus nicht wie ein Mann aus, der vor dem Mast fuhr, sondern war offenbar ein Steuermann oder ein Schiffer, der gewohnt war, daß man ihm gehorchte, oder sonst gab’s Prügel. Der Mann, der den Schiebkarren gefahren hatte, sagte uns, die Postkutsche hätte ihn am Tag vorher am Royal George abgesetzt; er hätte sich erkundigt, was für Gasthöfe an der Küste wären, und als er gehört hätte, daß man unser Haus lobte, – und besonders, so vermute ich wenigstens, als man es ihm als einsam gelegen beschrieb – hätte er beschlossen, bei uns Aufenthalt zu nehmen. Und das war alles, was wir über unseren Gast erfahren konnten.
Er war ein schweigsamer Mann. Den ganzen Tag lungerte er an der Bucht oder auf den Klippen herum und sah durch sein Messingfernrohr über See und Strand; den ganzen Abend aber saß er in einer Ecke der Schenkstube ganz dicht am Feuer und trank Rum und Wasser, und zwar eine sehr steife Mischung. Wenn jemand ihn anredete, antwortete er für gewöhnlich nicht, sondern sah nur plötzlich mit einem wütenden Blick auf und blies durch seine Nase wie durch ein Nebelhorn; und wir und unsere Besucher merkten bald, daß man ihn dann in Ruhe lassen mußte. Jeden Tag, wenn er von seinen Gängen zurückkam, fragte er, ob Seeleute auf der Landstraße vorübergekommen wären. Anfangs dachten wir, er fragte, weil er sich nach Gesellschaft von Kameraden sehnte; schließlich aber merkten wir, daß er im Gegenteil es zu vermeiden wünschte. Wenn ein Seemann im »Admiral Benbow« einkehrte – wie es ab und zu geschah, wenn Leute auf der Küstenstraße nach Bristol gingen – so sah er sich ihn durch das verhängte Fensterchen in der Tür an, bevor er die Schenkstube betrat; und wenn solch ein Seemann anwesend war, verhielt er sich immer mäuschenstille. Vor mir suchte er auch kein Geheimnis aus der Sache zu machen, sondern er beteiligte mich im Gegenteil gewissermaßen an seiner Unruhe. Er hatte mich nämlich eines Tages beiseite genommen und mir versprochen: er wollte mir am Ersten jeden Monats ein silbernes Vier-Penny-Stück geben, wenn ich bloß »mein Wetterauge offen halten wollte nach einem Seemann mit nur einem Bein«, und wenn ich ihm, sobald der auftauchte, augenblicklich Bescheid geben wollte. Wenn nun der Monatserste da war und ich meinen Lohn von ihm verlangte, dann kam es oft genug vor, daß er nur durch die Nase blies und mich mit einem wütenden Blick ansah; aber bevor die Woche zu Ende war, hatte er es sich jedesmal besser überlegt: er brachte mir das Vier-Penny-Stück und wiederholte seinen Befehl, »nach dem Seemann mit dem einen Bein Ausguck zu halten«.
Wie dieser Seemann mich in meinen Träumen verfolgte, brauche ich kaum zu sagen. In stürmischen Nächten, wenn der Wind die vier Ecken unseres Hauses schüttelte und die Brandung in der Bucht gegen die Klippen donnerte, sah ich ihn in tausend Gestalten und mit tausend teuflischen Gesichtern. Bald war das Bein am Knie abgenommen, bald dicht an der Hüfte; dann wieder war er ein ungeheuerliches Geschöpf, das immer nur ein einziges Bein gehabt hatte, und zwar mitten unter dem Rumpf. Ihn zu sehen, wie er sprang und lief und mich über Gräben und Hecken verfolgte, das war für mich der fürchterlichste Nachtmahr. So mußte ich eigentlich mein monatliches Vier-Penny-Stück recht teuer bezahlen, denn ich bekam dafür diese gräßlichen Traumgesichte in den Kauf.
Wenn ich vor dem einbeinigen Seemann eine schreckliche Angst hatte, so hatte ich dafür vor dem Kaptein selber weniger Furcht als andere, die ihn kannten. An manchen Abenden nahm er mehr Rum und Wasser zu sich, als sein Kopf vertragen konnte; dann saß er zuweilen, ohne sich um irgendeinen Menschen zu bekümmern, und sang seine ruchlosen alten wilden Schifferlieder; zuweilen aber bestellte er Runden und zwang die ganze zitternde Gesellschaft, seine Geschichten anzuhören oder als Chor in seine Lieder einzufallen. Oft zitterte das Haus von dem »Johoho, und ‘ne Buddel, Buddel Rum«; alle Nachbarn stimmten aus voller Kehle ein, mit einer Todesangst im Leibe, und einer sang noch lauter als der andere, damit nur der Kaptein keine Bemerkungen machte. Denn wenn er diese Anfälle hatte, war er der ungemütlichste Gesellschafter von der Welt; dann schlug er mit der Faust auf den Tisch und gebot Ruhe; wenn irgendeine Zwischenfrage gestellt wurde, regte er sich fürchterlich auf – manchmal aber noch mehr, wenn keine Frage gestellt wurde, weil er dann glaubte, die Gesellschaft hörte nicht auf seine Geschichte. An solchen Abenden durfte keiner die Schenkstube verlassen, bis er selber vom Trinken schläfrig geworden war und ins Bett taumelte.
Am meisten Angst machte er den Leuten mit seinen Geschichten. Und fürchterliche Geschichten waren es allerdings: von Hängen, über die Planke gehen lassen, von Stürmen auf hoher See, und von den Schildkröteninseln, und von wilden Gefechten und Taten, und von Häfen in den westindischen Gewässern. Nach seinen eigenen Berichten mußte er unter den größten Verbrechern gelebt haben, die Gott jemals zur See gehen ließ; und die Worte, in denen er diese Geschichten erzählte, entsetzten unsere guten Landleute beinahe ebensosehr wie die Verbrechen, von denen sie handelten. Mein Vater sagte fortwährend: unser Gasthof werde zugrunde gerichtet werden, denn die Leute würden bald nicht mehr kommen, um sich anschnauzen und niederducken zu lassen und dann mit zitternden Gebeinen zu Bett zu gehen. Aber ich glaube, daß in Wirklichkeit seine Anwesenheit uns Vorteil brachte. Die Leute grauelten sich allerdings, aber in der Rückerinnerung hatten sie die Geschichten eigentlich gern; es war eine angenehme Aufregung in ihrem stillen Landleben. Unter den jüngeren Leuten gab es sogar eine Partei, die voll Bewunderung von ihm sprach. Sie nannten ihn »einen echten Seehund« und »eine richtige alte Teerjacke« und so ähnlich und sagten, das wären gerade die Leute, die England so gefürchtet zur See machten. In einer Beziehung richtete allerdings der Kaptein uns zugrunde: er blieb eine Woche nach der anderen, so daß die Goldstücke, die er auf den Tisch geworfen hatte, längst verrechnet waren; aber mein Vater konnte sich niemals ein Herz fassen und mehr Geld von ihm verlangen. Sobald er eine leichte Anspielung machte, blies der Kaptein so laut durch die Nase, daß es beinahe ein Brüllen war, und sah meinen Vater so wütend an, daß dieser die Schenkstube verließ. Ich habe ihn nach solcher Abweisung die Hände ringen sehen, und ich bin überzeugt, daß der Verdruß über seinen Gast und die Angst, worin er lebte, seinen allzu frühen unglücklichen Tod sehr beschleunigt haben.
Während der ganzen Zeit, daß der Kaptein bei uns wohnte, trug er immer denselben Anzug; niemals änderte er etwas daran, nur einmal kaufte er Strümpfe von einem Hausierer. Als eine von den Krempen seines Hutes sich losgelöst hatte und herunterhing, ließ er ihn so, wie er war, obwohl diese Krempe ihn bei starkem Wind sehr belästigte. Ich sehe vor meinen Augen noch seinen Rock, auf den er selber oben in seinem Zimmer einen Flicken setzte, sooft er das für nötig hielt; schließlich bestand der ganze Rock nur aus Flicken. Niemals schrieb er einen Brief, niemals empfing er einen; er sprach mit keinem Menschen ein Wort außer mit den Nachbarn, die zu uns in die Wirtschaft kamen, auch mit diesen gewöhnlich nur, wenn er zuviel Rum getrunken hatte. Seine große Schifferkiste hatte keiner von uns jemals offen gesehen.
Nur ein einziges Mal wagte ein Mensch, ihm über den Mund zu fahren, und das geschah erst in der letzten Zeit, als mein armer Vater schon sehr krank und dem Tode nahe war. Doktor Livesey kam eines Nachmittags zu später Stunde, um noch nach dem Kranken zu sehen; meine Mutter setzte ihm ein bißchen zu essen vor, und dann ging er in die Schenkstube, um eine Pfeife zu rauchen, bis sein Pferd vom Dorf zurückgebracht würde; denn wir hatten im alten »Admiral Benbow« keine Stallung. Ich ging mit dem Doktor in die Schenkstube, und ich erinnere mich noch, daß mir der Unterschied zwischen dem sauberen, munteren Doktor mit seiner schneeweiß gepuderten Perücke, seinen hellen, schwarzen Augen und seinem liebenswürdigen Benehmen und den plumpen Landleuten auffiel, besonders aber der Gegensatz zu dem schmutzigen, zerlumpten alten Piraten, der stark angetrunken hinter seinem Tische saß und die Ellenbogen aufgestützt hatte. Plötzlich begann er, der Kaptein nämlich, sein ewiges Lied zu brüllen:
Fünfzehn Mann bei des Toten Kist’ – Johoho, und ‘ne Buddel, Buddel Rum! Suff und der Teufel holten den Rest – Johoho, und ‘ne Buddel, Buddel Rum!
Anfangs hatte ich vermutet, »des Toten Kist’« sei die große Schifferkiste oben im Vorderzimmer, und ich hatte sie in meinen Träumen mit dem einbeinigen Schiffer in Verbindung gebracht. Inzwischen aber hatten wir alle schon längst aufgehört, auf sein Singen zu achten; an diesem Abend war das Lied nur dem Dr. Livesey neu, und ich bemerkte, daß es auf ihn keinen angenehmen Eindruck machte; denn er sah einen Augenblick ganz ärgerlich aus, bevor er in seinem Gespräch mit dem alten Gärtner Taylor fortfuhr, mit dem er sich über ein neues Mittel gegen das Gliederreißen unterhielt. Der Kapitän wurde bei seinem eigenen Lied lustig und schlug schließlich mit der Faust vor sich auf den Tisch; wir alle wußten, daß er damit den Anwesenden Schweigen befehlen wollte. Alle hörten sofort auf zu sprechen – mit Ausnahme des Dr. Livesey; der sprach ruhig weiter, indem er zwischen jedem zweiten oder dritten Wort einen kurzen Zug aus seiner Pfeife tat. Eine Weile starrte der Kaptein ihn an, schlug wieder mit der flachen Hand auf den Tisch, starrte ihn noch grimmiger an und schrie endlich mit einem gemeinen Fluch:
»Stille da unter Deck!«
»Sagten Sie etwas zu mir, Herr?« sagte der Doktor.
Und als der Kerl mit einem neuen Fluch ihm sagte, das wäre allerdings der Fall, antwortete der Arzt:
»Ich habe Ihnen nur eins zu sagen, Herr: wenn Sie mit dem Rumtrinken so weiter machen, wird die Welt bald von einem sehr dreckigen Schuft befreit sein!«
Die Wut des alten Burschen war schrecklich anzusehen. Er sprang auf, zog ein Matrosen-Klappmesser, öffnete es, schwang es auf der offenen Handfläche und drohte dem Doktor, er werde ihn an die Wand spießen.
Der aber rührte sich nicht einmal. Er sprach wie bisher über die Schulter weg zum Kaptein und sagte mit der gleichen ruhigen Stimme, ziemlich laut, so daß alle im Zimmer ihn hören konnten, aber ganz gelassen:
»Wenn Ihr nicht augenblicklich das Messer in die Tasche steckt, so gebe ich Euch mein Wort darauf: nach der nächsten Gerichtssitzung hängt Ihr am Galgen!«
Dann kreuzten ihre Blicke sich; aber der Kaptein gab bald klein bei, steckte seine Waffe ein und setzte sich wieder hin, wobei er wie ein geprügelter Hund knurrte. »Und nun noch eins, mein Mann!« fuhr der Doktor fort: »Da ich jetzt weiß, daß solch ein Bursche in meinem Bezirk ist, so könnt Ihr Euch darauf verlassen, daß ich Tag und Nacht ein Auge auf Euch haben werde. Ich bin nicht nur Arzt, ich bin auch Beamter; und wenn ich auch nur die leiseste Beschwerde über Euch höre – wär’s auch bloß wegen einer Unhöflichkeit wie heute abend –, so werde ich dafür zu sorgen wissen, daß man Euch an dem Kragen nimmt und abschiebt. Und damit genug!«
Bald darauf wurde Dr. Liveseys Pferd gebracht, und er ritt ab; der Kaptein aber war an diesem Abend still und tat noch viele Abende hinterher den Mund nicht auf.
Inhaltsverzeichnis
Nicht lange Zeit nach diesem Auftritt trat das erste von den geheimnisvollen Ereignissen ein, die uns schließlich den Kaptein vom Halse schafften, wenn auch nicht seine Angelegenheiten, wie der Leser sehen wird.
Es war ein bitterkalter Winter mit langandauernden, harten Frösten und schweren Stürmen, und es war von Anfang an klar, daß mein armer Vater wenig Aussicht hatte, den Frühling noch zu erleben. Er wurde mit jedem Tag schwächer, und meine Mutter und ich hatten den ganzen Betrieb der Wirtschaft zu besorgen; so hatten wir immer viel zu tun und konnten uns um unseren unangenehmen Gast wenig kümmern. Es war an einem Januarmorgen, zu sehr früher Stunde. Das Wetter war beißend kalt; die ganze Bucht war grau vom Rauhreif; die Sonne stand noch niedrig und berührte nur eben die Hügelspitzen und schien weit über das Meer hinaus. Der Kaptein war früher als gewöhnlich aufgestanden und nach dem Strand hinuntergegangen; sein Stutzsäbel schwang unter den breiten Schößen seines blauen Rockes hin und her, sein Messingfernrohr hatte er unter die Achsel geklemmt, den Hut in den Nacken zurückgeschoben. Sein Atem hing wie ein Rauchstreifen hinter ihm, wie er so mit langen Schritten dahinging, und der letzte Ton, den ich von ihm hörte, als er um den großen Felsen bog, war ein lautes, entrüstetes Schnauben, wie wenn er immer noch an den Dr. Livesey dächte. Mutter war oben bei Vater, und ich war dabei, den Frühstückstisch zu decken, damit er bei der Rückkehr alles fertig fände; da ging die Tür zur Schenkstube auf, und herein trat ein Mann, den ich nie in meinem Leben gesehen hatte. Er war ein Kerl mit blassem, käsigem Gesicht; an der linken Hand fehlten ihm zwei Finger, und obgleich er einen Stutzsäbel trug, sah er nicht gerade nach einem großen Fechter aus. Ich war immer auf dem Ausguck nach Seeleuten, einerlei ob mit einem Bein oder mit zweien, und ich erinnere mich noch heute, daß der Mann mir sofort verdächtig vorkam. Er sah nicht schiffermäßig aus, und trotzdem hatte er etwas von der See an sich.
Ich fragte ihn, was er wünschte, und er sagte, er wolle ein Glas Rum nehmen. Als ich aber hinausgehen wollte, um das Getränk zu holen, setzte er sich auf einen Tisch und winkte mir; ich möchte näher kommen. Ich blieb aber mit meinem Wischtuch in der Hand stehen, wo ich war. Da sagte er:
»Komm doch her, Jungchen! Komm doch mal näher!«
Ich trat einen Schritt näher an ihn heran.
»Ist der Tisch hier für meinen Maat Bill gedeckt?« fragte er und sah mich dabei lauernd an.
Ich sagte ihm, seinen Maat Bill kenne ich nicht, und der Tisch sei für jemand gedeckt, der in unserem Hause wohne und den wir den Kaptein nannten.
»Na,« sagte er, »mein Maat Bill wird sich wohl Kaptein nennen lassen; das sollte mich gar nicht wundern. Er hat einen Schmiß auf der einen Backe, und ein mächtig netter Kerl ist er, mein Maat Bill, besonders beim Trinken. Wir wollen mal annehmen, euer Kaptein hat einen Schmiß auf der Backe – und, was meinst du? – wir wollen mal annehmen, er hat ihn auf der rechten Backe. Aha, siehst du, ich sagte es dir ja. Na, ist also mein Maat Bill hier im Hause?«
Ich sagte ihm, er sei ausgegangen.
»Wohin denn, Jungchen? Welchen Weg ist er gegangen?«
Ich zeigte ihm den Felsen und sagte ihm, daß der Kaptein jedenfalls bald nach Hause kommen werde, und beantwortete ihm noch ein paar andere Fragen.
Schließlich sagte er:
»Na, da wird mein Maat Bill sich freuen wie über ein Glas Rum.« Der Gesichtsausdruck, mit dem er diese Worte sprach, war durchaus nicht angenehm, und ich hatte meine besonderen Gründe anzunehmen, daß der Fremde sich irrte, selbst wenn seine Worte aufrichtig gemeint wären. Aber ich dachte, das ginge ja mich nichts an; außerdem war es schwierig zu entscheiden, was da zu tun sei.
Der Fremde hielt sich fortwährend dicht bei der Haustür auf und guckte alle Augenblicke um die Ecke wie eine Katze, die auf eine Maus lauert. Einmal ging ich selber auf die Straße hinaus, aber er rief mich sofort zurück, und als ich nicht schnell genug folgte, verzerrte sich sein käsiges Gesicht auf eine ganz fürchterliche Weise, und mit einem Fluch, der mir Angst machte, befahl er mir, sofort ins Haus zu gehen. Als ich aber wieder drinnen war, benahm er sich wie vorher: halb spöttisch, halb schmeichlerisch; klopfte mir auf die Schulter und sagte mir, ich sei ein guter Junge und er möchte mich riesig gerne leiden.
»Ich habe selber einen Jungen,« sagte er, »der sieht dir so ähnlich wie ein Ei dem andern und ist so recht mein Stolz. Aber die Hauptsache für Jungens ist Gehorchen – Gehorsam, Jungchen! Na, wenn du mit Bill zusammen auf See gewesen wärest, dann hättest du nicht hier gestanden und dir was zweimal sagen lassen – glaub mir das! Das gab’s bei Bill nicht, und das gibt’s auch bei denen nicht, die mit ihm gefahren sind. Und sieh mal an, da kommt ja mein Maat Bill, mit einem Fernrohr unterm Arm, der gute alte Kerl! Da wollen wir beide mal man in die Schenkstube gehen, Jungchen, und uns hinter die Tür stellen, und wollen Bill ein bißchen überraschen – die gute alte Seele!«
Mit diesen Worten ging der Fremde mit mir in die Schenkstube zurück und ließ mich hinter ihm in die Ecke treten, so daß wir beide hinter der geöffneten Türe verborgen waren. Ich fühlte mich sehr unbehaglich und unruhig, wie man sich wohl denken kann, und meine Angst wurde dadurch noch größer, daß der Fremde offenbar selber Furcht hatte. Er machte den Griff seines Stutzsäbels frei und lockerte die Klinge in der Scheide; und während der ganzen Zeit, daß wir dastanden und warteten, schluckte er fortwährend, als ob er einen Kloß in der Kehle hätte, wie man zu sagen pflegt.
Endlich trat der Kaptein ein, schlug die Tür hinter sich zu, ohne nach rechts oder nach links zu sehen, und ging quer durch das Zimmer an den Tisch, auf dem das Frühstück für ihn bereit stand.
»Bill!« sagte der Fremde mit einer Stimme, der ich deutlich anmerkte, daß er alle Kraft aufgeboten hatte, sie recht laut und kühn zu machen.
Der Kaptein drehte sich auf dem Absatz herum und sah uns an; alle braune Farbe war aus seinem Antlitz gewichen, und sogar seine Nase war blau; er sah aus wie ein Mensch, der ein Gespenst erblickt oder den Teufel oder sogar noch etwas Schlimmeres, wenn es das gibt, und auf mein Wort: es tat mir leid, wie ich ihn plötzlich so alt und krank aussehend fand.
»Nanu, Bill, du kennst mich doch; du kennst doch gewiß einen alten Schiffsmaat, Bill!« sagte der Fremde.
Der Kaptein riß den Mund auf, wie wenn er nach Luft schnappen müßte, und rief:
»Der Schwarze Hund!«
»Wer denn sonst?« antwortete der andere, der sich offenbar etwas behaglicher zu fühlen begann. »Der Schwarze Hund, immer noch der alte, ist nun hier, um seinen allen Schiffskumpan Bill im ›Admiral Benbow‹ zu besuchen. Oh, Bill, Bill! wir haben was durchgemacht, wir zwei, seitdem ich die beiden Greifer verlor!« Und dabei hält er die verstümmelte Hand in die Höhe.
»Na, denn hör mal zu!« sagte der Kaptein: »Du hast mich gestellt; hier bin ich. Also denn man los: was willst du?«
»Das sieht dir ähnlich, Bill!« antwortete der Schwarze Hund. »Bist immer noch der alte Billy. Ich will mir ein Glas Rum geben lassen von dem lieben Jungchen hier, der so nett ist; und dann wollen wir uns hinsetzen, wenn’s dir recht ist, und wollen ein vernünftiges Wort miteinander schnacken, als richtige alte Schiffskameraden.«
Als ich mit dem Rum wieder hereinkam, saßen sie schon an des Kapteins Frühstückstisch einander gegenüber – der Schwarze Hund nach der Tür zu und etwas seitlings auf seinem Stuhl, so daß er, wie mir vorkam, das eine Auge auf seinem alten Schiffskumpan und das andere auf seiner Rückzugslinie hatte.
Er befahl mir hinauszugehen und die Tür weit offen zu lassen.
»Durchs Schlüsselloch gucken gibt’s bei mir nicht, Jungchen!« sagte er.
Ich ließ die beiden miteinander sitzen und zog mich in den Zapfraum zurück.
Obgleich ich mir natürlich alle Mühe gab, etwas zu hören, konnte ich lange Zeit weiter nichts hören als ein leises Gemurmel; schließlich aber begannen die Stimmen lauter zu werden, und ich konnte ab und zu ein paar Worte vom Kaptein verstehen – meistens Flüche.
»Nein, nein, nein, nein! Und damit basta,« schrie er einmal. Und ein anderes Mal: »Wenn’s zum Baumeln kommt, sollen alle baumeln – das sage ich!«
Dann aber gab es ganz plötzlich einen furchtbaren Ausbruch von Flüchen und anderen Geräuschen – Stühle und Tisch fielen um, er folgte ein Klirren von Stahl und dann ein Schmerzensschrei. Und im nächsten Augenblick sah ich den Schwarzen Hund in voller Flucht und den Kaptein scharf hinter ihm her, beide mit gezogenen Stutzsäbeln; dem Schwarzen Hund aber strömte Blut von der linken Schulter herunter. Unmittelbar vor der Tür führte der Kaptein noch einen letzten furchtbaren Streich nach dem Fliehenden; sicherlich hätte der Hieb ihm den Garaus gemacht, wenn er nicht von dem großen Gasthofsschild des »Admiral Benbow« aufgefangen worden wäre. Man kann die Spur noch bis auf den heutigen Tag an der unteren Leiste des Rahmens sehen.
Mit diesem Hieb war das Gefecht aus. Kaum war der Schwarze Hund auf der Straße, so entwickelte er trotz seiner Wunde eine ungeheure Geschwindigkeit und war in einer halben Minute jenseits der Höhe verschwunden. Der Kaptein aber starrte wie geistesabwesend auf das Schild. Dann fuhr er sich ein paarmal mit der Hand über die Augen, und schließlich ging er in das Haus zurück und sagte zu mir:
»Jim, Rum!«
Und als er diese Worte sprach, taumelte er hin und her und mußte sich mit der einen Hand gegen die Wand stützen.
»Sind Sie verwundet?« schrie ich.
»Rum!« sagte er noch einmal. »Ich muß fort von hier. Rum! Rum!«
Ich lief schnell, welchen zu holen; aber ich war von allen diesen Vorgängen ganz verstört und zerbrach ein Glas und konnte den Zapfen nicht richtig aufdrehen. Und während ich mir noch damit zu tun machte, hörte ich im Schenkzimmer einen schweren Fall. Und als ich hineinrannte, sah ich den Kaptein, so lang er war, auf dem Fußboden liegen. In demselben Augenblick kam meine Mutter, die das Geschrei und der Lärm des Kampfes aufgeschreckt hatten, die Treppe heruntergelaufen, um mir zu helfen. Mit vereinten Kräften hoben wir ihm den Kopf hoch. Er atmete sehr schwer und laut; aber seine Augen waren geschlossen und sein Gesicht war so blaurot, daß es schrecklich anzusehen war.
»Herrje, Herrjemine!« schrie meine Mutter: »Was für eine Schande für unser Haus! Und auch dein armer Vater liegt krank zu Bett!«
Wir hatten keine Ahnung, auf welche Weise wir dem Kaptein helfen könnten; wir dachten, er wäre in dem Gefecht mit dem Fremden tödlich verwundet worden. Ich brachte allerdings den Rum und versuchte ihm etwas davon einzuflößen; aber seine Zähne waren dicht geschlossen, und seine Kinnbacken waren so hart wie Eisen. Wir fühlten uns ganz glücklich und erleichtert, als plötzlich die Tür aufging und Dr. Livesey eintrat, der seinen Besuch bei meinem Vater machen wollte.
»O Herr Doktor!« riefen wir: »Was sollen wir tun! Wo ist er verwundet?«
»Verwundet? Papperlapapp!« sagte der Doktor. »Der ist nicht mehr verwundet als ihr oder ich. Der Mann hat einen Schlaganfall gehabt, wie ich es ihm vorhergesagt hatte. Nun, Frau Hawkins, laufen Sie mal schnell nach oben zu Ihrem Mann, aber sagen Sie ihm, wenn irgend möglich, kein Wort von der Geschichte. Ich muß ja leider mein Bestes tun, dieses Kerls in jeder Beziehung wertloses Leben zu retten, und Jim wird so gut sein, mir eine Schüssel zu holen.«
Als ich mit der Schüssel zurückkam, hatte der Doktor schon dem Kaptein den Ärmel hochgestreift und seinen dicken, muskelkräftigen Arm entblößt, der an mehreren Stellen tätowiert war: »Gut Glück!« – »Schöner Wind!« – »Billy Bones sein Liebchen!« Diese Inschriften waren sauber und deutlich auf dem Unterarm angebracht; auf dem Oberarm aber in der Nähe der Schulter war ein Bild von einem Galgen, an dem ein Mensch hing – sehr hübsch und witzig ausgeführt, wie mir dünkte.
»Prophetisch!« sagte der Doktor und tippte auf das Bild. »Und nun, Meister Billy Bones – wenn das Euer Name ist – wollen wir uns mal die Farbe Eures Blutes ansehen. Jim,« sagte er, »hast du Angst vor Blut?«
»Nein, Herr Doktor.«
»Na, dann halte mal die Schüssel!«
Und mit diesen Worten nahm der Doktor seine Lanzette und öffnete eine Ader.
Eine große Menge Blut wurde abgezapft, bevor der Kaptein die Augen aufschlug und mit einem blöden Blick um sich sah. Zuerst erkannte er den Doktor und runzelte die Stirn; dann fiel sein Blick auf mich, und er sah erleichtert aus. Plötzlich aber wechselte er die Farbe, versuchte sich aufzurichten und rief:
»Wo ist der Schwarze Hund?«
»Hier ist kein schwarzer Hund,« sagte der Doktor, »außer dem, der Euch im Nacken sitzt. Ihr habt zuviel Rum getrunken; jetzt habt Ihr einen Schlaganfall gehabt, genau wie ich’s Euch vorausgesagt habe; ich habe Euch aber, sehr gegen meinen eigenen Willen, noch einmal mit dem Kopfe voran aus dem Grabe herausgezogen. Nun, Herr Bones –«
»So heiße ich nicht!« unterbrach der Kaptein den Doktor.
»Ist mir Wurscht!« antwortete der. »Ein alter Seeräuber, den ich kenne, heißt so; und ich nenne Euch so der Kürze wegen, und was ich Euch zu sagen habe, ist dies: Ein Glas Rum wird Euch nicht umschmeißen, aber wenn Ihr eins trinkt, so werdet Ihr noch eins nehmen und wieder eins, und ich setze meine Perücke zum Pfande: wenn Ihr das Rumtrinken nicht ganz und gar aufgebt, so sterbt Ihr – versteht Ihr dies? – sterbt und geht dahin, wo Ihr hingehört, wie der Mann in der Bibel. Na, nun versucht mal aufzustehen. Ich will Euch zu Bett bringen.«
Mit großer Mühe gelang es uns beiden, dem Doktor und mir, den Kaptein die Treppe hinaufzubringen und ihn auf sein Bett zu legen, wo ihm sofort der Kopf auf das Kissen sank, als ob er beinahe ohnmächtig wäre.
»Also denkt daran!« sagte der Doktor; »ich wasche meine Hände in Unschuld – das Wort Rum bedeutet für Euch Tod.«
Und damit ging er hinaus, um nach meinem Vater zu sehen. Er faßte mich am Arm und nahm mich mit hinaus, und sobald er die Tür geschlossen hatte, sagte er zu mir:
»Das hat nichts zu bedeuten; ich habe ihm genug Blut abgezapft, um ihn für eine Weile ruhig zu halten; er sollte eine Woche im Bett liegenbleiben – das ist das beste für ihn und für euch; aber wenn er noch einen Schlaganfall kriegt, so ist’s aus mit ihm.«
Inhaltsverzeichnis
So gegen die Mittagsstunde stand ich vor des Kapteins Türe mit einigen kühlenden Getränken und Medizinflaschen. Er lag noch so ziemlich in derselben Stellung, in der wir ihn verlassen hatten; nur hatte er sich etwas höher hinaufgeschoben. Er schien schwach, zugleich aber auch aufgeregt zu sein.
»Jim,« sagte er zu mir, »du bist hier im Hause der einzige, der was taugt, und du weißt, ich bin immer gut zu dir gewesen. Kein Monat ist vergangen, ohne daß ich dir ein silbernes Vier-Penny-Stück gegeben habe. Und nun sieh mal, Maat, mir geht es verdammt schlecht und ich bin von allen verlassen; und, Jim, du wirst mir ein einziges Nöselchen Rum bringen, nicht wahr, das tust du doch, mein Jungchen?«
»Der Doktor,« fing ich an.
Aber da fluchte er auf den Doktor – mit schwacher Stimme, aber es kam ihm vom Herzen.
»Doktors sind alle Schwätzer,« sagte er; »und der Doktor da – poh, was versteht der von seebefahrenen Menschen? Ich bin an Stellen gewesen, da war’s so heiß wie in der Hölle, und die Kameraden fielen rund um mich herum wie die Fliegen vom Gelben Hans und das Land da schwankte von Erdbeben wie Meereswogen – was weiß so ein Doktor von solchen Ländern? Und ich blieb am Leben, sag’ ich dir, und das machte der Rum. Der war für mich Essen und Trinken, und wir waren wie Mann und Frau; und wenn ich nicht meinen Rum haben soll, dann bin ich ein armseliges altes Wrack an einer Leeküste – und mein Blut kommt über dich, Jim, und über den Schwätzer da, den Doktor!«
Jetzt kam wieder eine Reihe von Flüchen, und dann fing er noch einmal an zu betteln:
»Sieh doch mal, Jim, wie mir die Finger zittern. Ich kann sie nicht stillhalten – kann’s einfach nicht. Habe an diesem lieben Tag noch keinen Tropfen gehabt. Der Doktor da ist ein Schafskopf, sag’ ich dir. Wenn ich nicht einen Schluck Rum kriege, dann krieg’ ich das graue Elend; hab’s schon ein paarmal gehabt. Ich sah den alten Flint in der Ecke da; da hinter dir; sah ihn klar und deutlich; und wenn ich das graue Elend kriege – na, ich habe ein hartes Leben gehabt, und mir wird schlecht bei dem Gedanken. Der Doktor sagte mir ja selber: ein einziges Glas würde mir nichts schaden. Ich will dir eine goldene Guinee für ein Nöselchen geben!«
Er wurde immer aufgeregter, und das machte mich unruhig meines Vaters wegen, mit dem es an diesem Tage sehr schlecht stand und der Ruhe nötig hatte; außerdem hatte ja der Doktor wirklich die Worte gesagt, die der Kaptein mir anführte. Der Bestechungsversuch ärgerte mich allerdings; aber ich sagte:
»Ich brauche Ihr Geld nicht; bezahlen Sie nur, was Sie meinem Vater schuldig sind. Ich will Ihnen ein Glas holen, aber nicht mehr.«
Als ich ihm das Glas Rum brachte, griff er gierig danach und trank es aus; dann sagte er:
»Ah! ah! das tut wohl! mir ist ganz gewiß schon etwas besser. Und nun höre mal, mein Jungchen: sagte der Doktor, wie lange ich hier in dieser alten Klappe liegen müsse?«
»Wenigstens eine Woche.«
»Alle Donner!« schrie der Kaptein. »Eine Woche! Das geht nicht: inzwischen würden sie mir den schwarzen Fleck bringen. Die Schweinehunde sind schon dabei, mir den Wind abzufangen – die Schweinehunde, die nicht sparsam umgehen konnten mit dem, was sie kriegten, und jetzt klauen wollen, was einem andern gehört! Benimmt ein ordentlicher Seemann sich so? Das möchte ich mal hören! Ich bin ein sparsamer Mensch. Ich habe niemals gutes Geld vergeudet, was ich mir verdient hatte; ich habe auch noch nie welches verloren, und ich will auch jetzt wieder dafür sorgen, daß sie sich den Mund wischen können. Vor denen habe ich keine Angst! Ich werde noch ein Segel aufsetzen, mein Jungchen, und sie können mir nachflöten!«
Während er diese Reden hielt, war er mit großer Mühe von seinem Bett aufgestanden; er hielt sich mit einem Griff, daß ich beinahe laut herausgeschrien hätte, an meiner Schulter fest, und ich merkte, daß seine Beine so schwer wie Blei sein mußten, denn er konnte sie kaum bewegen. Seine Worte an sich waren zwar sehr mutig, aber die schwache Stimme, in der er sie aussprach, bildete einen traurigen Gegensatz dazu. Als es ihm gelungen war, sich auf den Bettrand zu setzen, schwieg er einen Augenblick. Dann flüsterte er:
»Der Doktor hat mich alle gemacht, es saust mir in den Ohren. Lege mich auf den Rücken.«
Ich konnte ihm nicht viel helfen; denn ehe ich noch zugriff, war er schon wieder in seine frühere Lage zurückgesunken. Eine Weile lag er still da; endlich sagte er:
»Jim, du sahst heute den Seemann?«
»Den Schwarzen Hund?«
»Jawohl, den Schwarzen Hund!Derist ein schlechter Kerl; aber die, die ihn angestiftet haben, sind noch schlimmer als er. Nun, wenn ich nicht auf irgendeine Weise von hier wegkommen kann und wenn sie mir den schwarzen Fleck in die Hand drücken, dann merke dir, was ich dir jetzt sage: Sie sind hinter meiner alten Schifferkiste her. Nun nimmst du dir ein Pferd – du kannst doch reiten, nicht wahr? Na also – du setzt dich auf ein Pferd und reitest zu – na, in Gottes Namen! – zu dem ewigen Schwätzer, dem Doktor, und sagst ihm, er solle alle Mann auf Deck pfeifen – Behörden und solches Zeug – und soll sich längsseits vom ›Admiral Benbow‹ legen, und er werde des alten Flint ganze Mannschaft fangen, groß und klein, alles, was noch davon übrig ist. Ich war erster Steuermann, ja, das war ich! Dem alten Flint sein erster Steuermann, und ich bin der einzige, der die Stelle kennt. Er gab es mir in Savannah, als er im Sterben lag, gerade wie ich jetzt, wie du siehst. Aber du mußt das nicht melden, bevor sie mir den schwarzen Fleck in die Hand geben, oder bevor du den Schwarzen Hund wiedersiehst, oder einen einbeinigen Seemann, Jim – diesen vor allen!«
»Aber, was ist der schwarze Fleck, Kaptein?« sagte ich.
»Das ist eine Aufforderung, Maat. Ich will dir’s erklären, wenn sie damit kommen. Aber die Hauptsache ist, daß du dein Wetterauge offen hältst, Jim, und verlaß dich drauf, ich will mit dir teilen, Jim, halb und halb, auf meine Ehre!«
Er phantasierte noch eine kleine Weile, und seine Stimme wurde immer schwächer. Dann gab ich ihm seine Medizin; er schluckte sie hinunter wie ein Kind und bemerkte dazu:
»Wenn jemals ein Seemann Medizin nötig hatte, dann bin ich das.«
Schließlich verfiel er in einen schweren, ohnmachtähnlichen Schlaf, und ich ließ ihn allein.
Was ich getan haben würde, wenn alles gut gegangen wäre, das weiß ich nicht. Wahrscheinlich würde ich die ganze Geschichte dem Doktor erzählt haben; denn ich hatte eine Todesangst, es könnte dem Kaptein leid tun, mir seine vertraulichen Eröffnungen gemacht zu haben, und er würde mich totschlagen. Es kam aber so, daß mein armer Vater an diesem selben Abend ganz plötzlich starb, und da hatte ich keine Gedanken für etwas anderes. Unsere natürliche Trauer, die Beileidsbesuche der Nachbarn, die Anordnungen für das Begräbnis und dabei die ganze Arbeit in der Wirtschaft, die nebenbei besorgt werden mußte – dies alles gab mir so viel zu tun, daß ich kaum Zeit hatte, an den Kaptein zu denken, geschweige denn Angst vor ihm zu haben.
Am nächsten Morgen kam er die Treppen herunter und nahm seine Mahlzeiten wie gewöhnlich ein; er aß allerdings wenig, und ich fürchte, er trank noch mehr Rum als für gewöhnlich; denn er ging einfach selber in den Zapfraum und bediente sich da, und knurrte dabei und blies durch die Nase, und keiner von uns wagte ihm in den Weg zu kommen.
