Gesammelte Werke: Abenteuerromane, Krimis & Seegeschichten - Robert Louis Stevenson - E-Book

Gesammelte Werke: Abenteuerromane, Krimis & Seegeschichten E-Book

Robert Louis Stevenson

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Beschreibung

In "Gesammelte Werke: Abenteuerromane, Krimis & Seegeschichten" präsentiert Robert Louis Stevenson eine faszinierende Sammlung literarischer Kunstwerke, die Spannung und Abenteuerlust miteinander verweben. Die abwechslungsreiche Palette von Erzählungen, die von geheimnisvollen Kriminalfällen bis hin zu aufregenden maritimen Abenteuern reicht, zeugt von Stevensons meisterhaftem Gespür für die menschliche Psyche und seine Fähigkeit, außergewöhnliche Charaktere in fesselnden Szenarien lebendig werden zu lassen. Der fesselnde Stil des Autors, geprägt von lebhaften Beschreibungen und intensiven Dialogen, schafft eine atmosphärische Dichte, die den Leser unweigerlich in die Handlung hineinzieht und ihn zum Mitfiebern einlädt. Robert Louis Stevenson, ein schottischer Schriftsteller des 19. Jahrhunderts, ist bekannt für seine Fähigkeit, komplexe Themen wie Gut und Böse sowie den inneren Konflikt des Menschen tiefgründig zu beleuchten. Sein eigenes Leben, geprägt von Reisen und gesundheitlichen Herausforderungen, hat ihn zu zahlreichen Abenteuern inspiriert, die in dieser Sammlung ihren Niederschlag finden. Die Vielfalt seiner Erfahrungen und sein Interesse an der maritimen Kultur sowie an psychologischen Spannungsfeldern spiegeln sich in seinen Erzählungen wider und machen sie zeitlos relevant. Lesern, die sich nach spannenden und abenteuerlichen Erlebnissen sehnen, sei diese Sammlung ans Herz gelegt. Stevensons Werke sind nicht nur unterhaltsam, sondern laden auch zur Reflexion über die eigene Natur und die moralischen Dilemmata des Lebens ein. Tauchen Sie ein in diese fesselnden Geschichten und lassen Sie sich von den Abenteuern und Intrigen verzaubern, die auf jeder Seite auf Sie warten. In dieser bereicherten Ausgabe haben wir mit großer Sorgfalt zusätzlichen Mehrwert für Ihr Leseerlebnis geschaffen: - Eine umfassende Einführung skizziert die verbindenden Merkmale, Themen oder stilistischen Entwicklungen dieser ausgewählten Werke. - Die Autorenbiografie hebt persönliche Meilensteine und literarische Einflüsse hervor, die das gesamte Schaffen prägen. - Ein Abschnitt zum historischen Kontext verortet die Werke in ihrer Epoche – soziale Strömungen, kulturelle Trends und Schlüsselerlebnisse, die ihrer Entstehung zugrunde liegen. - Eine knappe Synopsis (Auswahl) gibt einen zugänglichen Überblick über die enthaltenen Texte und hilft dabei, Handlungsverläufe und Hauptideen zu erfassen, ohne wichtige Wendepunkte zu verraten. - Eine vereinheitlichende Analyse untersucht wiederkehrende Motive und charakteristische Stilmittel in der Sammlung, verbindet die Erzählungen miteinander und beleuchtet zugleich die individuellen Stärken der einzelnen Werke. - Reflexionsfragen regen zu einer tieferen Auseinandersetzung mit der übergreifenden Botschaft des Autors an und laden dazu ein, Bezüge zwischen den verschiedenen Texten herzustellen sowie sie in einen modernen Kontext zu setzen. - Abschließend fassen unsere handverlesenen unvergesslichen Zitate zentrale Aussagen und Wendepunkte zusammen und verdeutlichen so die Kernthemen der gesamten Sammlung.

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Veröffentlichungsjahr: 2024

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Robert Louis Stevenson

Gesammelte Werke: Abenteuerromane, Krimis & Seegeschichten

Bereicherte Ausgabe. Spannende Abenteuer und geheimnisvolle Seegeschichten: Ein literarischer Schatz von einem Meistererzähler
In dieser bereicherten Ausgabe haben wir mit großer Sorgfalt zusätzlichen Mehrwert für Ihr Leseerlebnis geschaffen
Bearbeitet und veröffentlicht von Good Press, 2023
EAN 8596547813446

Inhaltsverzeichnis

Einführung
Autorenbiografie
Historischer Kontext
Synopsis (Auswahl)
Gesammelte Werke: Abenteuerromane, Krimis & Seegeschichten
Analyse
Reflexion
Unvergessliche Zitate

Einführung

Inhaltsverzeichnis

Diese Ausgabe, Gesammelte Werke: Abenteuerromane, Krimis & Seegeschichten, versammelt zentrale Prosatexte von Robert Louis Stevenson in einer kompakten, thematisch geordneten Auswahl. Sie bietet vollständige Romane, abgeschlossene Novellen und Erzählzyklen sowie mit In der Südsee einen autobiografisch geprägten Reisebericht. Der Band führt von klassischen Abenteuerstoffen über urbane Kriminalerzählungen bis hin zu unheimlichen und maritimen Geschichten. Ziel ist es, die Spannweite eines Autors sichtbar zu machen, der das 19. Jahrhundert literarisch mitgeprägt hat und dessen Einbildungskraft, stilistische Präzision und erzählerische Ökonomie bis heute Maßstäbe setzen.

Die Abenteuerromane dieser Sammlung führen exemplarisch vor, wie Stevenson Spannung, Charakterzeichnung und Landschaft zu einer geschlossenen Form verbindet. Die Schatzinsel eröffnet mit einer entdeckten Karte die Aussicht auf eine gefährliche Seefahrt, Loyalitäten auf die Probe und einen jugendlichen Helden im Übergang zum Erwachsensein. Der Junker von Ballantrae entfaltet historische Abenteuer und familiäre Rivalitäten mit psychologischer Schärfe. Die Herren von Hermiston, ein unvollendet gebliebener Spätroman, kreist um Fragen von Recht, Autorität und persönlicher Freiheit in einem markant gezeichneten schottischen Umfeld, dessen Atmosphäre die Handlung prägt, ohne sie zu überfrachten.

Ein zweiter Schwerpunkt liegt auf frühen Kriminal- und Großstadterzählungen, die Stevenson in serieller Form meisterhaft beherrscht. Der Selbstmordklub verbindet drei Episoden – Der Selbstmordklub, Der Arzt und der Reisekoffer und Das öde Haus – zu einem Netz aus geheimen Gesellschaften, riskanten Spielen und moralischen Prüfungen. Der Zyklus Des Rajahs Diamant – mit Stücken wie Frau von Vandeleurs Privatsekretär, Die Geschichte des Gottesmannes und Das Haus mit den grünen Jalousien – verknüpft einen kostbaren Stein mit wechselnden Besitzern und Schauplätzen. Statt bloßer Rätsel liefert Stevenson urbane Spannung, elegante Täuschungen und feine Beobachtungen sozialer Masken.

Stevenson ist ein genauer Beobachter des Meeres, seiner Küsten und der Menschen, die von ihm leben. Der Strand von Falesa führt in die Handelsstationen der Südsee, wo Sprache, Aberglaube und Geschäftssinn aufeinanderprallen. Das Flaschenteufelchen und Die Stimmeninsel überblenden Reise- und Märchenelemente mit ökonomischen Verlockungen und metaphysischen Schatten. Die tollen Männer zeigt, wie Meer, Witterung und Legenden eine abgeschiedene Insel formen. In diesen Texten werden Fahrt, Handel und Mythen zu Projektionsflächen für Hoffnungen und Ängste – stets mit jener Mischung aus Realismus und Wunderbarem, die Stevensons Seestücke auszeichnet.

Die unheimlich-psychologische Ader gehört untrennbar zu Stevensons Werk. Der seltsame Fall des Dr. Jekyll und Mr. Hyde setzt in einem London ein, das von rätselhaften Vorfällen, einem geachteten Arzt und einer düsteren Gestalt geprägt ist, und öffnet den Raum für Fragen nach Identität, Verantwortung und gesellschaftlicher Fassade. Markheim beleuchtet Gewissensnöte in einer Ausnahmesituation, während Die krumme Janet mit dialektaler Färbung das Unheimliche ins Dorf holt. Diese Texte verbinden Spannung mit moralischer Tiefenschärfe und leben von Andeutungen, Atmosphären und der Kunst, das Entscheidende zwischen den Zeilen zu erzählen.

Mit Will von der Mühle und Der Schatz von Franchard zeigt die Sammlung jene ruhigeren, lebensklugen Töne, die Stevensons kürzere Prosa so unverwechselbar machen. Will von der Mühle entfaltet eine Entwicklungsgeschichte, die in Landschaft und Begegnungen ihren Rhythmus findet. Der Schatz von Franchard nutzt das Motiv eines unverhofften Fundes, um Besitz und Entsagung, Versuchung und Charakter zu spiegeln. In beiden Fällen verzichtet Stevenson auf äußerlichen Effekt und gewinnt Intensität aus Haltung, Stimme und präzisem Detail – kleine Meisterstücke über Maß, Glück und die unscheinbaren Wendepunkte einer Biografie.

In der Südsee versammelt Beobachtungen, Erinnerungen und Reiseeindrücke aus Inselwelten, die Stevenson aus nächster Nähe kennenlernte. Der Text ist weder reine Ethnografie noch bloßes Abenteuerjournal, sondern ein reflektierter Bericht über Orte, Bräuche und Begegnungen, der persönliche Perspektive und historische Konstellationen zusammenführt. Die Memoiren zeigen, wie der Autor Blick und Sprache schärft: neugierig, oft empathisch, zugleich geprägt von den Rahmenbedingungen seiner Zeit. Damit ergänzt dieser Band die fiktionalen Südseestücke um einen dokumentarischen Gegenpart, der Schauplätze, Stimmen und Konflikte in sachkundiger Prosa festhält.

Die hier versammelten Genres – Roman, Novelle, Erzählzyklus und Memoir – sind durch wiederkehrende Themen miteinander verbunden. Initiation und Bewährung leiten die Jugendfiguren der Abenteuerromane. Loyalität und Verrat strukturieren historische Stoffe wie Der Junker von Ballantrae. Gier, Versuchung und das Verhängnis des Zufalls treiben die Kriminalgeschichten um Des Rajahs Diamant. Das Flaschenteufelchen und Markheim kreisen um Preis und Wert einer Entscheidung. Und über allem stehen Fragen nach Recht und Gerechtigkeit, persönlichem Gewissen und gesellschaftlichem Urteil, wie sie Die Herren von Hermiston programmatisch zuspitzt.

Stilistisch vereint Stevenson Klarheit und Musikalität der Prosa mit ökonomischer Komposition. Seine Schauplätze – Tavernen, Küsten, Hinterzimmer, Wildnisse – entstehen aus wenigen, einprägenden Zügen. Er nutzt serielle Formen, Rahmungen und Perspektivwechsel, um Spannung zu modulieren und Motive zu spiegeln. Dialekt und lokale Rede, besonders in schottischen Texten wie Die krumme Janet, verleihen Stimmen Eigenfarbe; die Übersetzung wahrt diesen Eindruck, ohne die Lesbarkeit zu verlieren. So verbindet Stevenson populäre Erzähltraditionen mit literarischer Ambition, was die Texte gleichermaßen zugänglich und vielschichtig macht.

Die Topografie des Gesamtwerks reicht von schottischen Hochebenen über Londoner Straßen bis zu pazifischen Archipelen. Orte sind nie bloße Kulisse, sondern Handlungsträger: Inseln isolieren und erproben, Städte verbergen und enthüllen, Küsten lenken Handel und Schicksal. Das Meer öffnet Wege und Gefahren zugleich; seine Präsenz strukturiert Die Schatzinsel ebenso wie die Südseegeschichten. Diese räumliche Imagination bildet den Resonanzraum für Stevensons Figuren, die zwischen Herkunft und Aufbruch, Pflicht und Neigung, Gemeinschaft und Einsamkeit ihren Kurs bestimmen.

Die anhaltende Bedeutung von Stevensons Werk erklärt sich aus der Balance von erzählerischer Eleganz und moralischer Ernsthaftigkeit. Seine Romane und Erzählungen sind spannend, ohne bloß sensationsheischend zu sein, und reflektiert, ohne belehrend zu wirken. Sie haben Generationen von Leserinnen und Lesern geprägt und zahlreiche Bearbeitungen angeregt, weil sie archetypische Situationen in prägnante Bilder fassen. In Krimi, Abenteuerroman und psychologischer Novelle hat Stevenson Formen erprobt, die bis heute fortwirken – gerade durch ihre formale Klarheit, ihre starke Bildhaftigkeit und ihr Gespür für Ambivalenzen.

Diese Sammlung lädt dazu ein, Stevenson in der Vielfalt seiner Töne zu lesen: vom weltzugewandten Reisebericht über urbane Intrigen bis hin zur sturmumtosten Küste. Sie ist nicht als lückenlose Gesamtausgabe gedacht, sondern als konzentrierter Überblick, der zentrale Texte in verlässlicher Ordnung präsentiert. Wer chronologisch liest, erkennt die Wandlungen eines Autors; wer thematisch vorgeht, entdeckt Dialoge zwischen Meer, Stadt und Hochland. In jedem Fall zeigt sich ein Werk, das Unterhaltung und Einsicht vereint – eine Literatur der Wege, in der jeder Aufbruch zugleich ein Blick nach innen ist.

Autorenbiografie

Inhaltsverzeichnis

Robert Louis Stevenson (1850–1894) war ein schottischer Autor der viktorianischen Epoche, dessen Werk Abenteuererzählung, psychologische Novelle und Reiseliteratur geprägt hat. Mit Die Schatzinsel und Der seltsame Fall des Dr. Jekyll und Mr. Hyde schuf er zwei der einflussreichsten Prosatexte des späten 19. Jahrhunderts. Seine Prosastücke, Erzählzyklen und späten Südsee-Schriften verbanden Spannung, moralische Reflexion und stilistische Klarheit. Er schrieb zunächst in Großbritannien, lebte später im Pazifik und erreichte bereits zu Lebzeiten ein internationales Publikum. Bis heute gelten seine Figuren, Schauplätze und erzählerischen Verfahren als prägend für populäre und literarische Traditionen. Sein Rang beruht auf Breite und erzählerischer Disziplin.

Aufgewachsen in Edinburgh, stammte Stevenson aus einem Milieu technischer Präzision; er studierte zunächst Ingenieurwesen, wechselte dann zum Jurastudium an der Universität Edinburgh, ohne den Beruf auszuüben. Stattdessen formte er seinen Stil in Essays und Reiseprosa, geschult an klarer Beobachtung, ökonomischer Syntax und ironischer Pointierung. Beeinflusst von schottischer Erzähltradition, europäischen Romantikern und dem realistischen Zeitgeist, wandte er sich Fragen von Moral, Glauben und gesellschaftlicher Ordnung zu. Theater, Balladen und die urbane Moderne boten ihm Formen und Stoffe, die er später in erzählerische Experimente überführte. Diese Ausbildung prägte seine spätere Arbeit ebenso wie sein anhaltender Drang zu Reisen.

Seine erzählerische Reife zeigte sich früh in kürzeren Prosastücken, die moralische Entscheidung, Aberglauben und Wahrnehmung verhandelten. Markheim konzentriert Schuld und Selbsterkenntnis in eine urbane Begegnung; Will von der Mühle entwirft eine lebensphilosophische Parabel im bergigen Hinterland. Die krumme Janet bindet schottische Folklore an das Gespenstische, während Die tollen Männer die raue See und menschliche Hybris zusammenführt. In diesen Texten arbeitet Stevenson mit Perspektivwechseln, präziser Symbolik und rhythmischer Prosa. Sie bilden ein Labor für spätere Experimente, in denen psychische Doppelungen, soziale Masken und die Macht des Zufalls zu strukturierenden Motiven seiner Dichtung werden.

Den Durchbruch als Romancier brachte Die Schatzinsel, ein meisterhaft gebauter Abenteuerroman, der Navigation, Inselwelt, Kartographie und eine prägnante Erzählstimme verbindet. Ohne auf Effekte zu verzichten, hält Stevenson die moralische Ambivalenz seiner Figuren offen und prägt damit das Bild des modernen Piraten. Der Junker von Ballantrae verlegt den Konflikt ins historische Schottland und erkundet Loyalität, Täuschung und Schicksal. Der Schatz von Franchard variiert das Motiv des Findens und Bewahrens, legt den Fokus aber auf Charakter und Versuchung. Gemeinsam zeigen diese Werke, wie geschickt Stevenson Bewegung, Atmosphäre und psychologische Nuance zu tragfähigen Spannungsbögen bündelte.

Parallel dazu entwickelte er urbane Intrigen- und Detektivstoffe. Der Zyklus Des Rajahs Diamant, mit Episoden wie Frau von Vandeleurs Privatsekretär, Die Geschichte des Gottesmannes und Das Haus mit den grünen Jalousien, verzahnt Zufall, Täuschung und soziale Maskerade. Im Erzählkomplex Der Selbstmordklub – darunter Der Selbstmordklub, Der Arzt und der Reisekoffer und Das öde Haus – untersucht er Gefahrengemeinschaften und die Logik geheimer Gesellschaften. Diese Texte spielen mit serieller Form, Motivrefrains und der Topografie moderner Städte. Sie erweitern sein Themenfeld um Kriminalität, Spekulation und das stilisierte Spiel mit Identitäten und Rollenbildern.

In seinen späten Jahren verlegte Stevenson seinen Lebensmittelpunkt in die Südsee. Er beobachtete Kolonialgesellschaften, Handelsnetze und Glaubenswelten und verarbeitete diese Erfahrungen literarisch. Der Strand von Falesa beleuchtet ökonomische und kulturelle Verflechtungen; Das Flaschenteufelchen und Die Stimmeninsel verbinden Märchenlogik mit polynesischen Schauplätzen und fragen nach Vertrag, Schuld und Gegenleistung. In der Südsee (Memoiren) reflektiert Erlebnisse, Landschaften und politische Spannungen in essayistischer Form. Parallel entstand mit Die Herren von Hermiston ein spätes, unvollendetes Prosawerk, das eine neue Nüchternheit mit dichter lokaler Farbe kombiniert und als bedeutender Ansatz seiner letzten Schaffensphase gilt. Auch kürzere Erzählungen behaupteten ihre formale Strenge.

Der seltsame Fall des Dr. Jekyll und Mr. Hyde gilt bis heute als Schlüsseltext zur Darstellung gespaltenen Selbst und gesellschaftlicher Doppelmoral; Die Schatzinsel hat Motive, Sprache und Ikonografie des Piratenromans dauerhaft geprägt. Stevensons Erzählkunst – klare Szenenführung, ökonomischer Dialog, präzise Symbolik – bleibt ein Modell für populäre und anspruchsvolle Prosa. Seine späten Südsee-Texte erweiterten den Blick auf Kontaktzonen und koloniale Spannungen. Nach seinem frühen Tod 1894 setzte die Rezeption nie aus; Neuübersetzungen, Adaptionen und editorische Ausgaben halten sein Werk präsent und bekräftigen seinen Rang als internationaler Klassiker an der Schwelle zur Moderne.

Historischer Kontext

Inhaltsverzeichnis

Robert Louis Stevenson (1850–1894) schrieb in der Hochphase des viktorianischen Zeitalters, geprägt von Industrialisierung, Urbanisierung und expansiver Seemacht. Seine Lebenszeit umfasste die Konsolidierung des Britischen Empire, die Etablierung moderner Technologien wie Eisenbahn und Dampfschiff sowie eine lebhafte Presse- und Lesekultur. Die in dieser Sammlung versammelten Abenteuerromane, Krimis und Seegeschichten reichen historisch von schottischen Vergangenheiten des 18. Jahrhunderts bis zu zeitgenössischen Metropolen- und Südseeerfahrungen des späten 19. Jahrhunderts. Sie spiegeln, jeweils auf unterschiedliche Weise, die politischen, sozialen und kulturellen Spannungen eines Imperiums wider, das sich zwischen moralischem Selbstverständnis und globaler Mobilität neu definierte.

Stevenson stammte aus Edinburgh, einer Stadt, deren intellektuelles Klima von Aufklärung, Jurisprudenz und presbyterianischer Tradition geprägt war. Diese Konstellation bildete den Nährboden für Werke, die Recht, Gewissen und Gemeinschaftsordnung wiederholt reflektieren. Schottische Erinnerungslandschaften, von der Nachwirkung der Jakobitenaufstände bis zu Inseldörfern im Nordatlantik, sind wesentlich für Prosastücke wie Der Junker von Ballantrae und Die tollen Männer. Zugleich zeigt die Verwendung von Scots in Die krumme Janet, wie Sprachpolitik und regionale Identität in der Literatur des 19. Jahrhunderts verhandelt wurden. Stevenson verband damit lokale Milieus mit einer überregionalen Debatte um Nation, Regionalkultur und Moderne.

Die Schatzinsel steht an der Schnittstelle zwischen realer Seefahrt im Zeitalter der Dampfer und der mythischen Piratenüberlieferung, die seit der Aufklärung populär war. Der späte 19. Jahrhundert-Markt für Jugend- und Familienzeitschriften begünstigte solche Erzählungen; die Geschichte erschien zuerst seriell in Young Folks. Der globale Seehandel, Kartenkunde und Navigationswissen, zugleich mit kolonialen Routen verflochten, bilden den historischen Resonanzraum dieser maritimen Abenteuerprosa. Stevenson aktualisierte die Tradition des Reise- und Abenteuerromans, indem er zeitgemäße Medien- und Bildungswelten einbezog, ohne die Spannung des archaischen Seeabenteuers preiszugeben. So verschränkte er gegenwärtige Mobilität mit nostalgischen Formen des Romantischen.

Das urbane London der 1870er und 1880er Jahre, mit Gaslicht, Nebel und rasant wachsender Bevölkerung, bot die Bühne für moderne Kriminal- und Rätselgeschichten. In Des Rajahs Diamant und dem Zyklus Der Selbstmordklub reagierte Stevenson auf die Popularität von Sensationsliteratur und auf die frühe Detektivtradition seit Poe und Wilkie Collins. Die episodische Form, teils verbunden durch die Figur des Prinzen Florizel, spiegelte das serielle Leseverhalten der Zeit. Solche Zyklen erschienen unter dem Gesamttitel New Arabian Nights (1882) und deuteten die Märchenform als urbanes Abenteuer um, das Geheimclubs, kostbare Objekte und soziale Maskenspiele verknüpfte.

Der seltsame Fall des Dr. Jekyll und Mr. Hyde wurde 1886 zu einem Schlüsseltext viktorianischer Ängste vor moralischer Spaltung und innerer Zerrissenheit. Der Diskurs um Evolution, Vererbung und Degeneration, der seit den 1860er Jahren an Fahrt gewann, lieferte dafür den zeitgenössischen Hintergrund. In einer Stadtkultur, die Anonymität, Professionalisierung und Respektabilität hochhielt, verhandelte die Novelle wissenschaftliche Neugier und ethische Grenzen. Ohne Einzelheiten zu verraten, lässt sich sagen, dass Stevenson die Diskussionen der Naturforschung, der Rechtsmedizin und der Psychologie literarisch aufnahm, ohne sich auf eine programmatische Position festzulegen.

Der britische Spätviktorianismus erlebte eine Renaissance des Schauerromans, die historische und volkstümliche Motive aktualisierte. Stevenson band schottische Aberglauben- und Predigttraditionen in Die krumme Janet ein und kombinierte in Markheim moralische Selbstprüfung mit gothischen Räumen. Die tollen Männer entfaltet auf einer nördlichen Inselwelt religiöse Strenge, Naturgewalt und Schuldfragen. Diese Texte reagieren auf Spannungen zwischen aufgeklärter Rationalität und persistierenden Vorstellungen des Übernatürlichen. Sie zeigen, wie das 19. Jahrhundert nicht nur vom Fortschritt, sondern auch vom Fortleben vormoderner Sinnhorizonte geprägt war.

Mit Der Junker von Ballantrae wandte sich Stevenson dem 18. Jahrhundert zu, in dem der Jakobitenaufstand von 1745 die britische und schottische Ordnung erschütterte. Der Roman reflektiert Loyalitäten, Handelsverflechtungen und Migration als Begleiterscheinungen des atlantischen Zeitalters. Die Herren von Hermiston, postum veröffentlicht und unvollendet, greift die schottische Rechtstradition auf; der Richter erinnert an den historischen Lord Braxfield, berüchtigt für Härte. In beiden Werken tritt Stevenson in den Dialog mit Walter Scotts historischer Romantik, doch mit einer nüchternen, bisweilen düsteren Sicht auf Gewalt, Besitz und gesellschaftliche Autorität.

Die Produktionsbedingungen des viktorianischen Buchmarkts prägten Stoffwahl und Form. Viele Erzählungen erschienen zunächst in Periodika, ehe sie als Buchausgaben herauskamen. Die Schatzinsel lief 1881–1882 als Fortsetzungsroman in Young Folks; Zyklen wie Des Rajahs Diamant und Der Selbstmordklub wurden in Magazinen präsentiert und später gesammelt. Leihbibliotheken und transatlantische Verlage förderten weite Verbreitung und sorgten für unterschiedliche Textfassungen. Übersetzungen ins Deutsche setzten im späten 19. Jahrhundert ein und machten Stevenson im deutschsprachigen Raum früh bekannt, wobei Titel- und Segmentvarianten, wie bei den Detektivgeschichten, üblich waren.

Ab 1888 reiste Stevenson in der Südsee, zunächst auf dem Schoner Casco, später auf anderen Schiffen, und ließ sich 1890 auf Samoa nieder. In der Südsee (postum 1896) dokumentiert Begegnungen mit polynesischen Gesellschaften, Missionen und Kolonialverwaltungen. Die Region war politisch umkämpft; in Samoa trafen deutsche, britische und US-amerikanische Interessen aufeinander. Stevenson, von den Samoanern Tusitala genannt, engagierte sich öffentlich, unterstützte einheimische Anliegen und kommentierte Verwaltungspraxis. Diese Erfahrungen prägten seine späten Erzählungen und lieferten einen empirischen Horizont, der koloniale Ideale, wirtschaftliche Ausbeutung und kulturellen Wandel sichtbar machte.

Die Südsee-Geschichten Der Strand von Falesa, Das Flaschenteufelchen und Die Stimmeninsel verbinden Handelspraktiken, Missionskontakte und lokale Glaubensvorstellungen. Sie thematisieren Vertragsbeziehungen, Sprach- und Kulturübersetzung sowie die Schattenseiten kolonialer Ökonomien. Während Der Strand von Falesa koloniale Geschäftsmodelle kritisch berührt, entfalten Das Flaschenteufelchen und Die Stimmeninsel moralische Versuchsanordnungen in polynesischen Kontexten. Die Texte reagierten auf ein Publikum, das exotische Schauplätze suchte, zugleich aber zunehmend Debatten über Verantwortlichkeit, Rassismus und Gewalt kannte. Stevenson vermied es, die Region nur als Kulisse zu behandeln, und bemühte sich um beobachtende Genauigkeit in Landschaft, Brauch und sozialen Codes.

Stevensons Frankreich-Aufenthalte in den 1870er Jahren, darunter Künstlerkolonien wie Grez-sur-Loing, verstärkten seine Sensibilität für europäische Erzähltraditionen und Formen. Der Schatz von Franchard, in Frankreich situiert, reflektiert Eigentum, Bildungsideal und bürgerliche Lebensführung als kontinentale Variationen viktorianischer Themen. Der Kontakt zu frankophonen Autoren und die Auseinandersetzung mit Stilfragen – sichtbar in seinen Essays – förderten eine Prosa, die zwischen ökonomischer Effizienz und psychologischer Genauigkeit vermittelt. So ist die Sammlung nicht nur britisch-imperial, sondern integriert Perspektiven eines mobilen Schriftstellers, der in europäischen Milieus erzählerische Möglichkeiten erprobte.

Die Zyklen Des Rajahs Diamant und Der Selbstmordklub zeigen, wie Stevenson mit serieller Struktur experimentierte. Wiederkehrende Figuren, episodische Bausteine und variierende Erzählhaltungen erzeugen ein Netz aus Stadtlegenden, in dem Titel wie Frau von Vandeleurs Privatsekretär, Die Geschichte des Gottesmannes und Das Haus mit den grünen Jalousien Motivfäden weiterspinnen. Der Arzt und der Reisekoffer und Das öde Haus setzen diese Verfahren fort. Diese modularen Kompositionen knüpfen an die Logik der Periodika an und antizipieren moderne Serienformate, in denen Schauplätze, Nebenfiguren und Motive zirkulieren, ohne die Eigenständigkeit einzelner Episoden preiszugeben.

Technische Innovationen beeinflussten Schauplätze und Handlungsmöglichkeiten. Die Ausweitung des Eisenbahnnetzes, regelmäßige Dampfschifffahrtslinien und eine engmaschige Telegrafie ließen Entfernungen schrumpfen und schufen neue Rhythmen von Reise, Lieferung und Nachricht. In den Londoner Erzählungen sind Mietkutschen, Gepäckstücke und Hotels Teil einer Infrastruktur der schnellen Bewegung; der Reisekoffer im Selbstmordklub-Zyklus verweist auf Mobilität und Verbergung. Auf See geleiten Dampfer Figuren zuverlässig in entfernte Räume, während Windjammerromantik fortlebt. Diese techniknahe Welt unterstützt Stevensons Interesse an Karte, Weg und Spur – von der Piratenkarte bis zu urbanen Orientierungszeichen.

Moralität, Recht und Gewissensbildung sind Leitmotive vieler Texte. Die Herren von Hermiston thematisiert die Autorität des Gerichts und die Sprache des Urteils, Markheim die innere Instanz des Richtens. Will von der Mühle verhandelt Lebenswege fern spektakulärer Taten, während Die krumme Janet ein Gemeinwesen zeigt, dessen religiöse Normen sich gegen Abweichendes formieren. Historisch spiegeln solche Konstellationen Debatten über Sünde, Verantwortung und Gemeinschaftskohäsion im 19. Jahrhundert, in denen kirchliche Disziplin, bürgerliche Sittlichkeit und staatliche Ordnung ein spannungsreiches Dreieck bilden.

Zeitgenössische Rezeption verband breite Popularität mit literarischer Anerkennung. Der seltsame Fall des Dr. Jekyll und Mr. Hyde war ein Verkaufserfolg und wurde bald für die Bühne adaptiert. Die Schatzinsel prägte nachhaltig die Populärkultur des Piratenbildes. Zeitgleich debattierten Kritiker über den Wert des „romance“ gegenüber dem „realism“, eine Diskussion, zu der Stevenson mit Essays und Praxis beitrug. Freundschaften und Korrespondenzen, unter anderem mit Henry James, verankerten ihn in einem transatlantischen Literaturnetz. Seine Texte passten in die Programme der Leihbibliotheken und erreichten damit ein heterogenes, generationenübergreifendes Publikum.

Im 20. Jahrhundert schwankte die Bewertung: Manche Kritiker ordneten Stevenson als Jugendschriftsteller ein, doch spätere Forschung hob Komplexität und formale Virtuosität hervor. Psychoanalytische Lesarten konzentrierten sich auf Jekyll und Hyde, während die Südseeprosa Gegenstand postkolonialer Analysen wurde. Die schottische Renaissance interessierte sich für die Sprachpolitik in Stücken wie Die krumme Janet. Schriftsteller wie G. K. Chesterton und Jorge Luis Borges würdigten Stevensons Erfindungsreichtum. Heute gelten seine Experimente mit Zyklusformen, Rahmen- und Dokumentenerzählungen als wegweisend für Genre-Hybride zwischen Abenteuer, Kriminalhandlung und psychologischem Kammerspiel.

Die Sammlung zeigt, wie Stevenson seine Gegenwart kommentierte, ohne sie pamphletistisch zu bebildern. Sie hält die Spannung zwischen Fortschrittsglauben und moralischer Ambivalenz, zwischen imperialer Mobilität und lokaler Bindung, zwischen wissenschaftlicher Neugier und religiöser Sprache. Londoner Intrigen, schottische Landschaften und polynesische Küsten werden so zu Prüfständen gesellschaftlicher Ordnungen. Indem die Texte politische und ökonomische Kräfte nur andeutungsweise, aber präzise inszenieren, laden sie spätere Deutungen ein – von Gender- und Rechtsgeschichte bis zur Medienanalyse des Seriendrucks. So bleiben diese Erzählungen historisch situiert und zugleich in neuen Lektürehorizonten produktiv.

Synopsis (Auswahl)

Inhaltsverzeichnis

Die Schatzinsel

Ein junger Wirtshaussohn gerät über eine gefundene Karte in die Jagd nach einem sagenhaften Piratenschatz. Auf See und auf der Insel bestimmen Täuschung, wechselnde Allianzen und die gefährliche Anziehungskraft eines charismatischen einbeinigen Schiffskochs das Geschehen. Rasanter Abenteuergeist verbindet sich mit einer nüchternen Beobachtung von Mut, Gier und Reife.

Schottische Romane: Der Junker von Ballantrae; Die Herren von Hermiston

Zwei Romane erkunden schottische Ehrbegriffe, Familienkonflikte und die Spannungen zwischen Gesetz und Gefühl. Der Junker von Ballantrae zeichnet eine erbitterte Brüderfehde über Krieg, Exil und Heimkehr hinweg und lässt durch wechselnde Erzähler moralische Grauzonen entstehen. Die Herren von Hermiston stellt den Sohn eines gefürchteten Richters der rauen Sittenordnung der Highlands gegenüber und macht aus der Kollision von Autorität und Mitgefühl ein stilles, tragisches Charakterdrama.

Des Rajahs Diamant (Detektivgeschichten): Frau von Vandeleurs Privatsekretär; Die Geschichte des Gottesmannes; Das Haus mit den grünen Jalousien

Ein kostbarer Edelstein zieht in drei miteinander verzahnten Episoden immer neue Besitzer an und entfesselt Zufall, Täuschung und moralische Bewährungsproben. London erscheint als Labyrinth, in dem gewöhnliche Menschen durch Gier und Gelegenheit zu Spielern werden. Der Ton ist elegant-ironisch; Spannung entsteht weniger aus Rätsellösung als aus dem Blick auf die Folgen einer Versuchung.

Der Selbstmordklub (Erzählungen): Der Selbstmordklub; Der Arzt und der Reisekoffer; Das öde Haus

Eine geheime Gesellschaft bietet Lebensmüden eine gefährliche Art der Entscheidung an, und drei verbundene Abenteuer führen in ihr Netzwerk. Weltgewandte Beobachter geraten dabei in eine Abfolge raffinierter Maskeraden, Zufallsbegegnungen und moralischer Prüfungen. Der makabre Witz der Szenen verbindet sich mit leiser Gesellschaftssatire und stetig steigender Spannung.

Seegeschichten & Südsee: Der Strand von Falesa; Das Flaschenteufelchen; Die Stimmeninsel; Die tollen Männer

Diese Erzählungen kreisen um Küsten, Inseln und das offene Meer als Schauplätze von Handel, Aberglauben und kulturellen Begegnungen. Der Strand von Falesa zeigt einen Händler, der zwischen lokalen Ordnungen und kolonialen Intrigen seinen Platz sucht, während Die tollen Männer die zerstörerische Anziehungskraft der Brandung und des Wrackraubs auf einer sturmumtosten Insel freilegen. Das Flaschenteufelchen und Die Stimmeninsel entfalten als moderne Sagen die Folgen eines verhängnisvollen Tauschgeschäfts und die Macht unsichtbarer Kräfte, in einem Ton zwischen Volksmärchen, Abenteuer und leiser Tragik.

Psychologische und moralische Erzählungen: Markheim; Will von der Mühle; Der Schatz von Franchard; Die krumme Janet

Markheim und Will von der Mühle richten den Blick nach innen: ein Mann wird nach einer Tat von einer rätselhaften Stimme zur Gewissenserforschung gezwungen, ein anderer wägt gelassen Lebensmöglichkeiten gegen die Pflicht ab. Der Schatz von Franchard prüft die Standhaftigkeit einer kleinen Gemeinschaft, als plötzlicher Reichtum Wünsche, Loyalitäten und Verantwortung durcheinanderbringt. Die krumme Janet verbindet Dorfrealismus mit düsterem Aberglauben und zeichnet in harter, volksnaher Sprache das Ringen zwischen Glaube, Furcht und sozialer Ächtung.

Der seltsame Fall des Dr. Jekyll und Mr. Hyde

Ein geachteter Arzt und ein unheimlicher nächtlicher Unhold ziehen in London eine Spur von Rätseln, die ein Freundeskreis mit juristischer und wissenschaftlicher Nüchternheit zu entwirren versucht. Die Geschichte untersucht die Spaltung des Selbst, die Anziehung des Verbotenen und die Grenzen respektabler Moral. Der Ton ist urban-gotisch, die Struktur ein raffiniertes Puzzle aus Berichten, das psychologischen Schrecken mit ethischer Fragestellung verbindet.

In der Südsee (Memoiren)

Stevensons Reise- und Inselaufenthalte werden in Beobachtungen über Landschaften, Rituale und Alltagsleben der Südseevölker festgehalten. Die Texte verbinden persönliche Erfahrung mit historischer und sozialer Aufmerksamkeit und scheuen weder Ambivalenzen des Kolonialkontakts noch Selbstbefragung. Der Ton wechselt zwischen anschaulicher Reportage, Essay und erzählender Skizze und öffnet ein Gegenbild zur europäischen Metropole.

Wiederkehrende Themen und Stil

Das Werk kreist um Doppelgänger, Gewissen und Versuchung ebenso wie um Risiko, Zufall und den Preis der Freiheit. Formal bevorzugt Stevenson klare, rhythmische Prosa, die durch wechselnde Perspektiven, Rahmenhandlungen und episodisches Erzählen Spannung aufbaut. Meer, Insel und Stadt fungieren als moralische Landschaften, in denen Abenteuerlust, Ironie und eine oft melancholische Nüchternheit zusammenfinden.

Gesammelte Werke: Abenteuerromane, Krimis & Seegeschichten

Hauptinhaltsverzeichnis

Romane:

Die Schatzinsel
Die Herren von Hermiston
Der Junker von Ballantrae

Erzählungen:

Des Rajahs Diamant (Detektivgeschichten):
Frau von Vandeleurs Privatsekretär
Die Geschichte des Gottesmannes
Das Haus mit den grünen Jalousien
Der Selbstmordklub (Erzählungen):
Der Selbstmordklub
Der Arzt und der Reisekoffer
Das öde Haus
Der Strand von Falesa
Der Schatz von Franchard
Das Flaschenteufelchen
Die Stimmeninsel
Markheim
Die tollen Männer
Will von der Mühle
Die krumme Janet
Der seltsame Fall des Dr. Jekyll und Mr. Hyde

Reiseberichte:

In der Südsee (Memoiren)

Die Schatzinsel

Inhaltsverzeichnis

Inhalt

I Der alte Freibeuter
Erstes Kapitel Der alte Seehund im »Admiral Benbow«
Zweites Kapitel Der Schwarze Hund erscheint und verschwindet wieder
Drittes Kapitel Der schwarze Fleck
Viertes Kapitel Die Schifferkiste
Fünftes Kapitel Der Tod des Blinden
Sechstes Kapitel Des Kapteins Papiere
II Der Schiffskoch
Siebentes Kapitel Ich gehe nach Bristol
Achtes Kapitel Die Wirtschaft ›Zum Fernrohr‹
Neuntes Kapitel Pulver und Waffen
Zehntes Kapitel Die Seefahrt
Elftes Kapitel Was ich in der Apfeltonne hörte
Zwölftes Kapitel Kriegsrat
III Mein Abenteuer an Land
Dreizehntes Kapitel Der Anfang meines Landabenteuers
Vierzehntes Kapitel Der erste Schlag
Fünfzehntes Kapitel Der Inselmann
Sechzehntes Kapitel Der Doktor setzt die Erzählung fort: Wie das Schiff aufgegeben wurde
Siebzehntes Kapitel Fortsetzung der Erzählung des Doktors: Die letzte Fahrt der Jolle
Achtzehntes Kapitel Fortsetzung der Erzählung des Doktors: Der Ausgang des Gefechtes am ersten Tage
Neunzehntes Kapitel Jim Hawkins nimmt die Erzählung wieder auf: Die Garnison im Pfahlwerk
Zwanzigstes Kapitel Silver als Parlamentär
Einundzwanzigstes Kapitel Der Angriff
Zweiundzwanzigstes Kapitel Der Beginn meines Seeabenteuers
Dreiundzwanzigstes Kapitel Die Ebbströmung
Vierundzwanzigstes Kapitel Die Irrfahrt des Korakels
Fünfundzwanzigstes Kapitel Ich hole den Jolly Roger herunter
Sechsundzwanzigstes Kapitel Israel Hands
Siebenundzwanzigstes Kapitel »Piaster!«
Achtundzwanzigstes Kapitel Im feindlichen Lager
Neunundzwanzigstes Kapitel Noch einmal der schwarze Fleck
Dreißigstes Kapitel Auf mein Ehrenwort
Einunddreißigstes Kapitel Die Schatzsuche; Flints Wegweiser
Zweiunddreißigstes Kapitel Die Schatzsuche; die Stimme in den Bäumen
Dreiunddreißigstes Kapitel Der Sturz eines Piratenhäuptlings
Vierunddreißigstes Kapitel Schluß

I Der alte Freibeuter

Inhaltsverzeichnis

Erstes Kapitel Der alte Seehund im »Admiral Benbow«

Inhaltsverzeichnis

Gutsherr Trelawney, Dr. Livesey und die übrigen Herren haben mich gebeten, unsere Fahrt nach der Schatzinsel vom Anfang bis zum Ende zu beschreiben, und dabei nichts zu verschweigen als die genaue Lage der Insel, und zwar auch dies nur deshalb, weil noch jetzt ungehobene Schätze dort vorhanden sind. So ergreife ich die Feder in diesem Jahre des Heils 17.. und versetze mich zurück in die Zeit, als mein Vater den Gasthof zum »Admiral Benbow« hielt, und als der braungebrannte alte Seemann mit der Säbelnarbe im Gesicht zuerst unter unserem Dache Wohnung nahm.

Ich erinnere mich, wie wenn es gestern gewesen wäre, des Mannes: wie er in die Tür unseres Hauses hereinkam, während seine Schifferkiste ihm auf einem Schiebkarren nachgefahren wurde – ein großer, starker, schwerer, nußbrauner Mann; sein teeriger Zopf hing ihm im Nacken über seinen fleckigen blauen Rock herunter; seine Hände waren schwielig und rissig mit abgebrochenen, schwarzen Fingernägeln, und der Säbelschmiß, der sich über die eine Wange hinzog, war von schmutzig-weißer Farbe. Er sah sich im Schenkzimmer um und pfiff dabei vor sich hin, und dann stimmte er das alte Schifferlied an, das er später so oft sang:

Fünfzehn Mann bei des Toten Kist’ – Johoho, und ‘ne Buddel, Buddel Rum!

in der zitterigen, hohen Stimme, die so klang, wie wenn eine Ankerwinde gedreht würde. Dann schlug er mit einem Knüppel, so dick wie eine Handspeiche, gegen die Tür, und als mein Vater erschien, verlangte er barsch ein Glas Rum. Als dieses ihm gebracht worden war, trank er es langsam aus, wie ein Kenner, mit der Zunge den Geschmack nachprüfend, und dabei sah er sich durch das Fenster die Strandklippen und unser Wirtsschild an. Schließlich sagte er:

»Das ist ‘ne nette Bucht und ‘ne angenehm gelegene Grogkneipe. Viel Gesellschaft, Maat?«

Mein Vater sagte ihm, Gesellschaft käme leider nur sehr wenig.

»So? Na, dann ist das die richtige Stelle für mich. Heda, Ihr, mein Mann!« rief er dem Mann zu, der den Handkarren schob: »Ladet mal meine Kiste ab und bringt sie nach oben! Hier will ich ein bißchen bleiben! Ich bin ein einfacher Mann – Rum und Speck und Eier, weiter brauche ich nichts; und außerdem die Klippe da draußen, um die Schiffe zu beobachten. Wie Sie mich nennen könnten? Kaptein können Sie mich nennen. Ach so – ich sehe schon, worauf Sie hinauswollen – da!« und er warf drei oder vier Goldstücke auf den Tisch. »Wenn ich das verzehrt habe, können Sie mir Bescheid sagen!« rief er, und dabei sah er so stolz aus wie ein Admiral.

Und in der Tat – so schlecht seine Kleider waren und so gemein seine Sprechweise, er sah durchaus nicht wie ein Mann aus, der vor dem Mast fuhr, sondern war offenbar ein Steuermann oder ein Schiffer, der gewohnt war, daß man ihm gehorchte, oder sonst gab’s Prügel. Der Mann, der den Schiebkarren gefahren hatte, sagte uns, die Postkutsche hätte ihn am Tag vorher am Royal George abgesetzt; er hätte sich erkundigt, was für Gasthöfe an der Küste wären, und als er gehört hätte, daß man unser Haus lobte, – und besonders, so vermute ich wenigstens, als man es ihm als einsam gelegen beschrieb – hätte er beschlossen, bei uns Aufenthalt zu nehmen. Und das war alles, was wir über unseren Gast erfahren konnten.

Er war ein schweigsamer Mann. Den ganzen Tag lungerte er an der Bucht oder auf den Klippen herum und sah durch sein Messingfernrohr über See und Strand; den ganzen Abend aber saß er in einer Ecke der Schenkstube ganz dicht am Feuer und trank Rum und Wasser, und zwar eine sehr steife Mischung. Wenn jemand ihn anredete, antwortete er für gewöhnlich nicht, sondern sah nur plötzlich mit einem wütenden Blick auf und blies durch seine Nase wie durch ein Nebelhorn; und wir und unsere Besucher merkten bald, daß man ihn dann in Ruhe lassen mußte. Jeden Tag, wenn er von seinen Gängen zurückkam, fragte er, ob Seeleute auf der Landstraße vorübergekommen wären. Anfangs dachten wir, er fragte, weil er sich nach Gesellschaft von Kameraden sehnte; schließlich aber merkten wir, daß er im Gegenteil es zu vermeiden wünschte. Wenn ein Seemann im »Admiral Benbow« einkehrte – wie es ab und zu geschah, wenn Leute auf der Küstenstraße nach Bristol gingen – so sah er sich ihn durch das verhängte Fensterchen in der Tür an, bevor er die Schenkstube betrat; und wenn solch ein Seemann anwesend war, verhielt er sich immer mäuschenstille. Vor mir suchte er auch kein Geheimnis aus der Sache zu machen, sondern er beteiligte mich im Gegenteil gewissermaßen an seiner Unruhe. Er hatte mich nämlich eines Tages beiseite genommen und mir versprochen: er wollte mir am Ersten jeden Monats ein silbernes Vier-Penny-Stück geben, wenn ich bloß »mein Wetterauge offen halten wollte nach einem Seemann mit nur einem Bein«, und wenn ich ihm, sobald der auftauchte, augenblicklich Bescheid geben wollte. Wenn nun der Monatserste da war und ich meinen Lohn von ihm verlangte, dann kam es oft genug vor, daß er nur durch die Nase blies und mich mit einem wütenden Blick ansah; aber bevor die Woche zu Ende war, hatte er es sich jedesmal besser überlegt: er brachte mir das Vier-Penny-Stück und wiederholte seinen Befehl, »nach dem Seemann mit dem einen Bein Ausguck zu halten«.

Wie dieser Seemann mich in meinen Träumen verfolgte, brauche ich kaum zu sagen. In stürmischen Nächten, wenn der Wind die vier Ecken unseres Hauses schüttelte und die Brandung in der Bucht gegen die Klippen donnerte, sah ich ihn in tausend Gestalten und mit tausend teuflischen Gesichtern. Bald war das Bein am Knie abgenommen, bald dicht an der Hüfte; dann wieder war er ein ungeheuerliches Geschöpf, das immer nur ein einziges Bein gehabt hatte, und zwar mitten unter dem Rumpf. Ihn zu sehen, wie er sprang und lief und mich über Gräben und Hecken verfolgte, das war für mich der fürchterlichste Nachtmahr. So mußte ich eigentlich mein monatliches Vier-Penny-Stück recht teuer bezahlen, denn ich bekam dafür diese gräßlichen Traumgesichte in den Kauf.

Wenn ich vor dem einbeinigen Seemann eine schreckliche Angst hatte, so hatte ich dafür vor dem Kaptein selber weniger Furcht als andere, die ihn kannten. An manchen Abenden nahm er mehr Rum und Wasser zu sich, als sein Kopf vertragen konnte; dann saß er zuweilen, ohne sich um irgendeinen Menschen zu bekümmern, und sang seine ruchlosen alten wilden Schifferlieder; zuweilen aber bestellte er Runden und zwang die ganze zitternde Gesellschaft, seine Geschichten anzuhören oder als Chor in seine Lieder einzufallen. Oft zitterte das Haus von dem »Johoho, und ‘ne Buddel, Buddel Rum«; alle Nachbarn stimmten aus voller Kehle ein, mit einer Todesangst im Leibe, und einer sang noch lauter als der andere, damit nur der Kaptein keine Bemerkungen machte. Denn wenn er diese Anfälle hatte, war er der ungemütlichste Gesellschafter von der Welt; dann schlug er mit der Faust auf den Tisch und gebot Ruhe; wenn irgendeine Zwischenfrage gestellt wurde, regte er sich fürchterlich auf – manchmal aber noch mehr, wenn keine Frage gestellt wurde, weil er dann glaubte, die Gesellschaft hörte nicht auf seine Geschichte. An solchen Abenden durfte keiner die Schenkstube verlassen, bis er selber vom Trinken schläfrig geworden war und ins Bett taumelte.

Am meisten Angst machte er den Leuten mit seinen Geschichten. Und fürchterliche Geschichten waren es allerdings: von Hängen, über die Planke gehen lassen, von Stürmen auf hoher See, und von den Schildkröteninseln, und von wilden Gefechten und Taten, und von Häfen in den westindischen Gewässern. Nach seinen eigenen Berichten mußte er unter den größten Verbrechern gelebt haben, die Gott jemals zur See gehen ließ; und die Worte, in denen er diese Geschichten erzählte, entsetzten unsere guten Landleute beinahe ebensosehr wie die Verbrechen, von denen sie handelten. Mein Vater sagte fortwährend: unser Gasthof werde zugrunde gerichtet werden, denn die Leute würden bald nicht mehr kommen, um sich anschnauzen und niederducken zu lassen und dann mit zitternden Gebeinen zu Bett zu gehen. Aber ich glaube, daß in Wirklichkeit seine Anwesenheit uns Vorteil brachte. Die Leute grauelten sich allerdings, aber in der Rückerinnerung hatten sie die Geschichten eigentlich gern; es war eine angenehme Aufregung in ihrem stillen Landleben. Unter den jüngeren Leuten gab es sogar eine Partei, die voll Bewunderung von ihm sprach. Sie nannten ihn »einen echten Seehund« und »eine richtige alte Teerjacke« und so ähnlich und sagten, das wären gerade die Leute, die England so gefürchtet zur See machten. In einer Beziehung richtete allerdings der Kaptein uns zugrunde: er blieb eine Woche nach der anderen, so daß die Goldstücke, die er auf den Tisch geworfen hatte, längst verrechnet waren; aber mein Vater konnte sich niemals ein Herz fassen und mehr Geld von ihm verlangen. Sobald er eine leichte Anspielung machte, blies der Kaptein so laut durch die Nase, daß es beinahe ein Brüllen war, und sah meinen Vater so wütend an, daß dieser die Schenkstube verließ. Ich habe ihn nach solcher Abweisung die Hände ringen sehen, und ich bin überzeugt, daß der Verdruß über seinen Gast und die Angst, worin er lebte, seinen allzu frühen unglücklichen Tod sehr beschleunigt haben.

Während der ganzen Zeit, daß der Kaptein bei uns wohnte, trug er immer denselben Anzug; niemals änderte er etwas daran, nur einmal kaufte er Strümpfe von einem Hausierer. Als eine von den Krempen seines Hutes sich losgelöst hatte und herunterhing, ließ er ihn so, wie er war, obwohl diese Krempe ihn bei starkem Wind sehr belästigte. Ich sehe vor meinen Augen noch seinen Rock, auf den er selber oben in seinem Zimmer einen Flicken setzte, sooft er das für nötig hielt; schließlich bestand der ganze Rock nur aus Flicken. Niemals schrieb er einen Brief, niemals empfing er einen; er sprach mit keinem Menschen ein Wort außer mit den Nachbarn, die zu uns in die Wirtschaft kamen, auch mit diesen gewöhnlich nur, wenn er zuviel Rum getrunken hatte. Seine große Schifferkiste hatte keiner von uns jemals offen gesehen.

Nur ein einziges Mal wagte ein Mensch, ihm über den Mund zu fahren, und das geschah erst in der letzten Zeit, als mein armer Vater schon sehr krank und dem Tode nahe war. Doktor Livesey kam eines Nachmittags zu später Stunde, um noch nach dem Kranken zu sehen; meine Mutter setzte ihm ein bißchen zu essen vor, und dann ging er in die Schenkstube, um eine Pfeife zu rauchen, bis sein Pferd vom Dorf zurückgebracht würde; denn wir hatten im alten »Admiral Benbow« keine Stallung. Ich ging mit dem Doktor in die Schenkstube, und ich erinnere mich noch, daß mir der Unterschied zwischen dem sauberen, munteren Doktor mit seiner schneeweiß gepuderten Perücke, seinen hellen, schwarzen Augen und seinem liebenswürdigen Benehmen und den plumpen Landleuten auffiel, besonders aber der Gegensatz zu dem schmutzigen, zerlumpten alten Piraten, der stark angetrunken hinter seinem Tische saß und die Ellenbogen aufgestützt hatte. Plötzlich begann er, der Kaptein nämlich, sein ewiges Lied zu brüllen:

Fünfzehn Mann bei des Toten Kist’ – Johoho, und ‘ne Buddel, Buddel Rum! Suff und der Teufel holten den Rest – Johoho, und ‘ne Buddel, Buddel Rum!

Anfangs hatte ich vermutet, »des Toten Kist’« sei die große Schifferkiste oben im Vorderzimmer, und ich hatte sie in meinen Träumen mit dem einbeinigen Schiffer in Verbindung gebracht. Inzwischen aber hatten wir alle schon längst aufgehört, auf sein Singen zu achten; an diesem Abend war das Lied nur dem Dr. Livesey neu, und ich bemerkte, daß es auf ihn keinen angenehmen Eindruck machte; denn er sah einen Augenblick ganz ärgerlich aus, bevor er in seinem Gespräch mit dem alten Gärtner Taylor fortfuhr, mit dem er sich über ein neues Mittel gegen das Gliederreißen unterhielt. Der Kapitän wurde bei seinem eigenen Lied lustig und schlug schließlich mit der Faust vor sich auf den Tisch; wir alle wußten, daß er damit den Anwesenden Schweigen befehlen wollte. Alle hörten sofort auf zu sprechen – mit Ausnahme des Dr. Livesey; der sprach ruhig weiter, indem er zwischen jedem zweiten oder dritten Wort einen kurzen Zug aus seiner Pfeife tat. Eine Weile starrte der Kaptein ihn an, schlug wieder mit der flachen Hand auf den Tisch, starrte ihn noch grimmiger an und schrie endlich mit einem gemeinen Fluch:

»Stille da unter Deck!«

»Sagten Sie etwas zu mir, Herr?« sagte der Doktor.

Und als der Kerl mit einem neuen Fluch ihm sagte, das wäre allerdings der Fall, antwortete der Arzt:

»Ich habe Ihnen nur eins zu sagen, Herr: wenn Sie mit dem Rumtrinken so weiter machen, wird die Welt bald von einem sehr dreckigen Schuft befreit sein!«

Die Wut des alten Burschen war schrecklich anzusehen. Er sprang auf, zog ein Matrosen-Klappmesser, öffnete es, schwang es auf der offenen Handfläche und drohte dem Doktor, er werde ihn an die Wand spießen.

Der aber rührte sich nicht einmal. Er sprach wie bisher über die Schulter weg zum Kaptein und sagte mit der gleichen ruhigen Stimme, ziemlich laut, so daß alle im Zimmer ihn hören konnten, aber ganz gelassen:

»Wenn Ihr nicht augenblicklich das Messer in die Tasche steckt, so gebe ich Euch mein Wort darauf: nach der nächsten Gerichtssitzung hängt Ihr am Galgen!«

Dann kreuzten ihre Blicke sich; aber der Kaptein gab bald klein bei, steckte seine Waffe ein und setzte sich wieder hin, wobei er wie ein geprügelter Hund knurrte. »Und nun noch eins, mein Mann!« fuhr der Doktor fort: »Da ich jetzt weiß, daß solch ein Bursche in meinem Bezirk ist, so könnt Ihr Euch darauf verlassen, daß ich Tag und Nacht ein Auge auf Euch haben werde. Ich bin nicht nur Arzt, ich bin auch Beamter; und wenn ich auch nur die leiseste Beschwerde über Euch höre – wär’s auch bloß wegen einer Unhöflichkeit wie heute abend –, so werde ich dafür zu sorgen wissen, daß man Euch an dem Kragen nimmt und abschiebt. Und damit genug!«

Bald darauf wurde Dr. Liveseys Pferd gebracht, und er ritt ab; der Kaptein aber war an diesem Abend still und tat noch viele Abende hinterher den Mund nicht auf.

Zweites Kapitel Der Schwarze Hund erscheint und verschwindet wieder

Inhaltsverzeichnis

Nicht lange Zeit nach diesem Auftritt trat das erste von den geheimnisvollen Ereignissen ein, die uns schließlich den Kaptein vom Halse schafften, wenn auch nicht seine Angelegenheiten, wie der Leser sehen wird.

Es war ein bitterkalter Winter mit langandauernden, harten Frösten und schweren Stürmen, und es war von Anfang an klar, daß mein armer Vater wenig Aussicht hatte, den Frühling noch zu erleben. Er wurde mit jedem Tag schwächer, und meine Mutter und ich hatten den ganzen Betrieb der Wirtschaft zu besorgen; so hatten wir immer viel zu tun und konnten uns um unseren unangenehmen Gast wenig kümmern. Es war an einem Januarmorgen, zu sehr früher Stunde. Das Wetter war beißend kalt; die ganze Bucht war grau vom Rauhreif; die Sonne stand noch niedrig und berührte nur eben die Hügelspitzen und schien weit über das Meer hinaus. Der Kaptein war früher als gewöhnlich aufgestanden und nach dem Strand hinuntergegangen; sein Stutzsäbel schwang unter den breiten Schößen seines blauen Rockes hin und her, sein Messingfernrohr hatte er unter die Achsel geklemmt, den Hut in den Nacken zurückgeschoben. Sein Atem hing wie ein Rauchstreifen hinter ihm, wie er so mit langen Schritten dahinging, und der letzte Ton, den ich von ihm hörte, als er um den großen Felsen bog, war ein lautes, entrüstetes Schnauben, wie wenn er immer noch an den Dr. Livesey dächte. Mutter war oben bei Vater, und ich war dabei, den Frühstückstisch zu decken, damit er bei der Rückkehr alles fertig fände; da ging die Tür zur Schenkstube auf, und herein trat ein Mann, den ich nie in meinem Leben gesehen hatte. Er war ein Kerl mit blassem, käsigem Gesicht; an der linken Hand fehlten ihm zwei Finger, und obgleich er einen Stutzsäbel trug, sah er nicht gerade nach einem großen Fechter aus. Ich war immer auf dem Ausguck nach Seeleuten, einerlei ob mit einem Bein oder mit zweien, und ich erinnere mich noch heute, daß der Mann mir sofort verdächtig vorkam. Er sah nicht schiffermäßig aus, und trotzdem hatte er etwas von der See an sich.

Ich fragte ihn, was er wünschte, und er sagte, er wolle ein Glas Rum nehmen. Als ich aber hinausgehen wollte, um das Getränk zu holen, setzte er sich auf einen Tisch und winkte mir; ich möchte näher kommen. Ich blieb aber mit meinem Wischtuch in der Hand stehen, wo ich war. Da sagte er:

»Komm doch her, Jungchen! Komm doch mal näher!«

Ich trat einen Schritt näher an ihn heran.

»Ist der Tisch hier für meinen Maat Bill gedeckt?« fragte er und sah mich dabei lauernd an.

Ich sagte ihm, seinen Maat Bill kenne ich nicht, und der Tisch sei für jemand gedeckt, der in unserem Hause wohne und den wir den Kaptein nannten.

»Na,« sagte er, »mein Maat Bill wird sich wohl Kaptein nennen lassen; das sollte mich gar nicht wundern. Er hat einen Schmiß auf der einen Backe, und ein mächtig netter Kerl ist er, mein Maat Bill, besonders beim Trinken. Wir wollen mal annehmen, euer Kaptein hat einen Schmiß auf der Backe – und, was meinst du? – wir wollen mal annehmen, er hat ihn auf der rechten Backe. Aha, siehst du, ich sagte es dir ja. Na, ist also mein Maat Bill hier im Hause?«

Ich sagte ihm, er sei ausgegangen.

»Wohin denn, Jungchen? Welchen Weg ist er gegangen?«

Ich zeigte ihm den Felsen und sagte ihm, daß der Kaptein jedenfalls bald nach Hause kommen werde, und beantwortete ihm noch ein paar andere Fragen.

Schließlich sagte er:

»Na, da wird mein Maat Bill sich freuen wie über ein Glas Rum.« Der Gesichtsausdruck, mit dem er diese Worte sprach, war durchaus nicht angenehm, und ich hatte meine besonderen Gründe anzunehmen, daß der Fremde sich irrte, selbst wenn seine Worte aufrichtig gemeint wären. Aber ich dachte, das ginge ja mich nichts an; außerdem war es schwierig zu entscheiden, was da zu tun sei.

Der Fremde hielt sich fortwährend dicht bei der Haustür auf und guckte alle Augenblicke um die Ecke wie eine Katze, die auf eine Maus lauert. Einmal ging ich selber auf die Straße hinaus, aber er rief mich sofort zurück, und als ich nicht schnell genug folgte, verzerrte sich sein käsiges Gesicht auf eine ganz fürchterliche Weise, und mit einem Fluch, der mir Angst machte, befahl er mir, sofort ins Haus zu gehen. Als ich aber wieder drinnen war, benahm er sich wie vorher: halb spöttisch, halb schmeichlerisch; klopfte mir auf die Schulter und sagte mir, ich sei ein guter Junge und er möchte mich riesig gerne leiden.

»Ich habe selber einen Jungen,« sagte er, »der sieht dir so ähnlich wie ein Ei dem andern und ist so recht mein Stolz. Aber die Hauptsache für Jungens ist Gehorchen – Gehorsam, Jungchen! Na, wenn du mit Bill zusammen auf See gewesen wärest, dann hättest du nicht hier gestanden und dir was zweimal sagen lassen – glaub mir das! Das gab’s bei Bill nicht, und das gibt’s auch bei denen nicht, die mit ihm gefahren sind. Und sieh mal an, da kommt ja mein Maat Bill, mit einem Fernrohr unterm Arm, der gute alte Kerl! Da wollen wir beide mal man in die Schenkstube gehen, Jungchen, und uns hinter die Tür stellen, und wollen Bill ein bißchen überraschen – die gute alte Seele!«

Mit diesen Worten ging der Fremde mit mir in die Schenkstube zurück und ließ mich hinter ihm in die Ecke treten, so daß wir beide hinter der geöffneten Türe verborgen waren. Ich fühlte mich sehr unbehaglich und unruhig, wie man sich wohl denken kann, und meine Angst wurde dadurch noch größer, daß der Fremde offenbar selber Furcht hatte. Er machte den Griff seines Stutzsäbels frei und lockerte die Klinge in der Scheide; und während der ganzen Zeit, daß wir dastanden und warteten, schluckte er fortwährend, als ob er einen Kloß in der Kehle hätte, wie man zu sagen pflegt.

Endlich trat der Kaptein ein, schlug die Tür hinter sich zu, ohne nach rechts oder nach links zu sehen, und ging quer durch das Zimmer an den Tisch, auf dem das Frühstück für ihn bereit stand.

»Bill!« sagte der Fremde mit einer Stimme, der ich deutlich anmerkte, daß er alle Kraft aufgeboten hatte, sie recht laut und kühn zu machen.

Der Kaptein drehte sich auf dem Absatz herum und sah uns an; alle braune Farbe war aus seinem Antlitz gewichen, und sogar seine Nase war blau; er sah aus wie ein Mensch, der ein Gespenst erblickt oder den Teufel oder sogar noch etwas Schlimmeres, wenn es das gibt, und auf mein Wort: es tat mir leid, wie ich ihn plötzlich so alt und krank aussehend fand.

»Nanu, Bill, du kennst mich doch; du kennst doch gewiß einen alten Schiffsmaat, Bill!« sagte der Fremde.

Der Kaptein riß den Mund auf, wie wenn er nach Luft schnappen müßte, und rief:

»Der Schwarze Hund!«

»Wer denn sonst?« antwortete der andere, der sich offenbar etwas behaglicher zu fühlen begann. »Der Schwarze Hund, immer noch der alte, ist nun hier, um seinen allen Schiffskumpan Bill im ›Admiral Benbow‹ zu besuchen. Oh, Bill, Bill! wir haben was durchgemacht, wir zwei, seitdem ich die beiden Greifer verlor!« Und dabei hält er die verstümmelte Hand in die Höhe.

»Na, denn hör mal zu!« sagte der Kaptein: »Du hast mich gestellt; hier bin ich. Also denn man los: was willst du?«

»Das sieht dir ähnlich, Bill!« antwortete der Schwarze Hund. »Bist immer noch der alte Billy. Ich will mir ein Glas Rum geben lassen von dem lieben Jungchen hier, der so nett ist; und dann wollen wir uns hinsetzen, wenn’s dir recht ist, und wollen ein vernünftiges Wort miteinander schnacken, als richtige alte Schiffskameraden.«

Als ich mit dem Rum wieder hereinkam, saßen sie schon an des Kapteins Frühstückstisch einander gegenüber – der Schwarze Hund nach der Tür zu und etwas seitlings auf seinem Stuhl, so daß er, wie mir vorkam, das eine Auge auf seinem alten Schiffskumpan und das andere auf seiner Rückzugslinie hatte.

Er befahl mir hinauszugehen und die Tür weit offen zu lassen.

»Durchs Schlüsselloch gucken gibt’s bei mir nicht, Jungchen!« sagte er.

Ich ließ die beiden miteinander sitzen und zog mich in den Zapfraum zurück.

Obgleich ich mir natürlich alle Mühe gab, etwas zu hören, konnte ich lange Zeit weiter nichts hören als ein leises Gemurmel; schließlich aber begannen die Stimmen lauter zu werden, und ich konnte ab und zu ein paar Worte vom Kaptein verstehen – meistens Flüche.

»Nein, nein, nein, nein! Und damit basta,« schrie er einmal. Und ein anderes Mal: »Wenn’s zum Baumeln kommt, sollen alle baumeln – das sage ich!«

Dann aber gab es ganz plötzlich einen furchtbaren Ausbruch von Flüchen und anderen Geräuschen – Stühle und Tisch fielen um, er folgte ein Klirren von Stahl und dann ein Schmerzensschrei. Und im nächsten Augenblick sah ich den Schwarzen Hund in voller Flucht und den Kaptein scharf hinter ihm her, beide mit gezogenen Stutzsäbeln; dem Schwarzen Hund aber strömte Blut von der linken Schulter herunter. Unmittelbar vor der Tür führte der Kaptein noch einen letzten furchtbaren Streich nach dem Fliehenden; sicherlich hätte der Hieb ihm den Garaus gemacht, wenn er nicht von dem großen Gasthofsschild des »Admiral Benbow« aufgefangen worden wäre. Man kann die Spur noch bis auf den heutigen Tag an der unteren Leiste des Rahmens sehen.

Mit diesem Hieb war das Gefecht aus. Kaum war der Schwarze Hund auf der Straße, so entwickelte er trotz seiner Wunde eine ungeheure Geschwindigkeit und war in einer halben Minute jenseits der Höhe verschwunden. Der Kaptein aber starrte wie geistesabwesend auf das Schild. Dann fuhr er sich ein paarmal mit der Hand über die Augen, und schließlich ging er in das Haus zurück und sagte zu mir:

»Jim, Rum!«

Und als er diese Worte sprach, taumelte er hin und her und mußte sich mit der einen Hand gegen die Wand stützen.

»Sind Sie verwundet?« schrie ich.

»Rum!« sagte er noch einmal. »Ich muß fort von hier. Rum! Rum!«

Ich lief schnell, welchen zu holen; aber ich war von allen diesen Vorgängen ganz verstört und zerbrach ein Glas und konnte den Zapfen nicht richtig aufdrehen. Und während ich mir noch damit zu tun machte, hörte ich im Schenkzimmer einen schweren Fall. Und als ich hineinrannte, sah ich den Kaptein, so lang er war, auf dem Fußboden liegen. In demselben Augenblick kam meine Mutter, die das Geschrei und der Lärm des Kampfes aufgeschreckt hatten, die Treppe heruntergelaufen, um mir zu helfen. Mit vereinten Kräften hoben wir ihm den Kopf hoch. Er atmete sehr schwer und laut; aber seine Augen waren geschlossen und sein Gesicht war so blaurot, daß es schrecklich anzusehen war.

»Herrje, Herrjemine!« schrie meine Mutter: »Was für eine Schande für unser Haus! Und auch dein armer Vater liegt krank zu Bett!«

Wir hatten keine Ahnung, auf welche Weise wir dem Kaptein helfen könnten; wir dachten, er wäre in dem Gefecht mit dem Fremden tödlich verwundet worden. Ich brachte allerdings den Rum und versuchte ihm etwas davon einzuflößen; aber seine Zähne waren dicht geschlossen, und seine Kinnbacken waren so hart wie Eisen. Wir fühlten uns ganz glücklich und erleichtert, als plötzlich die Tür aufging und Dr. Livesey eintrat, der seinen Besuch bei meinem Vater machen wollte.

»O Herr Doktor!« riefen wir: »Was sollen wir tun! Wo ist er verwundet?«

»Verwundet? Papperlapapp!« sagte der Doktor. »Der ist nicht mehr verwundet als ihr oder ich. Der Mann hat einen Schlaganfall gehabt, wie ich es ihm vorhergesagt hatte. Nun, Frau Hawkins, laufen Sie mal schnell nach oben zu Ihrem Mann, aber sagen Sie ihm, wenn irgend möglich, kein Wort von der Geschichte. Ich muß ja leider mein Bestes tun, dieses Kerls in jeder Beziehung wertloses Leben zu retten, und Jim wird so gut sein, mir eine Schüssel zu holen.«

Als ich mit der Schüssel zurückkam, hatte der Doktor schon dem Kaptein den Ärmel hochgestreift und seinen dicken, muskelkräftigen Arm entblößt, der an mehreren Stellen tätowiert war: »Gut Glück!« – »Schöner Wind!« – »Billy Bones sein Liebchen!« Diese Inschriften waren sauber und deutlich auf dem Unterarm angebracht; auf dem Oberarm aber in der Nähe der Schulter war ein Bild von einem Galgen, an dem ein Mensch hing – sehr hübsch und witzig ausgeführt, wie mir dünkte.

»Prophetisch!« sagte der Doktor und tippte auf das Bild. »Und nun, Meister Billy Bones – wenn das Euer Name ist – wollen wir uns mal die Farbe Eures Blutes ansehen. Jim,« sagte er, »hast du Angst vor Blut?«

»Nein, Herr Doktor.«

»Na, dann halte mal die Schüssel!«

Und mit diesen Worten nahm der Doktor seine Lanzette und öffnete eine Ader.

Eine große Menge Blut wurde abgezapft, bevor der Kaptein die Augen aufschlug und mit einem blöden Blick um sich sah. Zuerst erkannte er den Doktor und runzelte die Stirn; dann fiel sein Blick auf mich, und er sah erleichtert aus. Plötzlich aber wechselte er die Farbe, versuchte sich aufzurichten und rief:

»Wo ist der Schwarze Hund?«

»Hier ist kein schwarzer Hund,« sagte der Doktor, »außer dem, der Euch im Nacken sitzt. Ihr habt zuviel Rum getrunken; jetzt habt Ihr einen Schlaganfall gehabt, genau wie ich’s Euch vorausgesagt habe; ich habe Euch aber, sehr gegen meinen eigenen Willen, noch einmal mit dem Kopfe voran aus dem Grabe herausgezogen. Nun, Herr Bones –«

»So heiße ich nicht!« unterbrach der Kaptein den Doktor.

»Ist mir Wurscht!« antwortete der. »Ein alter Seeräuber, den ich kenne, heißt so; und ich nenne Euch so der Kürze wegen, und was ich Euch zu sagen habe, ist dies: Ein Glas Rum wird Euch nicht umschmeißen, aber wenn Ihr eins trinkt, so werdet Ihr noch eins nehmen und wieder eins, und ich setze meine Perücke zum Pfande: wenn Ihr das Rumtrinken nicht ganz und gar aufgebt, so sterbt Ihr – versteht Ihr dies? – sterbt und geht dahin, wo Ihr hingehört, wie der Mann in der Bibel. Na, nun versucht mal aufzustehen. Ich will Euch zu Bett bringen.«

Mit großer Mühe gelang es uns beiden, dem Doktor und mir, den Kaptein die Treppe hinaufzubringen und ihn auf sein Bett zu legen, wo ihm sofort der Kopf auf das Kissen sank, als ob er beinahe ohnmächtig wäre.

»Also denkt daran!« sagte der Doktor; »ich wasche meine Hände in Unschuld – das Wort Rum bedeutet für Euch Tod.«

Und damit ging er hinaus, um nach meinem Vater zu sehen. Er faßte mich am Arm und nahm mich mit hinaus, und sobald er die Tür geschlossen hatte, sagte er zu mir:

»Das hat nichts zu bedeuten; ich habe ihm genug Blut abgezapft, um ihn für eine Weile ruhig zu halten; er sollte eine Woche im Bett liegenbleiben – das ist das beste für ihn und für euch; aber wenn er noch einen Schlaganfall kriegt, so ist’s aus mit ihm.«

Drittes Kapitel Der schwarze Fleck

Inhaltsverzeichnis

So gegen die Mittagsstunde stand ich vor des Kapteins Türe mit einigen kühlenden Getränken und Medizinflaschen. Er lag noch so ziemlich in derselben Stellung, in der wir ihn verlassen hatten; nur hatte er sich etwas höher hinaufgeschoben. Er schien schwach, zugleich aber auch aufgeregt zu sein.

»Jim,« sagte er zu mir, »du bist hier im Hause der einzige, der was taugt, und du weißt, ich bin immer gut zu dir gewesen. Kein Monat ist vergangen, ohne daß ich dir ein silbernes Vier-Penny-Stück gegeben habe. Und nun sieh mal, Maat, mir geht es verdammt schlecht und ich bin von allen verlassen; und, Jim, du wirst mir ein einziges Nöselchen Rum bringen, nicht wahr, das tust du doch, mein Jungchen?«

»Der Doktor,« fing ich an.

Aber da fluchte er auf den Doktor – mit schwacher Stimme, aber es kam ihm vom Herzen.

»Doktors sind alle Schwätzer,« sagte er; »und der Doktor da – poh, was versteht der von seebefahrenen Menschen? Ich bin an Stellen gewesen, da war’s so heiß wie in der Hölle, und die Kameraden fielen rund um mich herum wie die Fliegen vom Gelben Hans und das Land da schwankte von Erdbeben wie Meereswogen – was weiß so ein Doktor von solchen Ländern? Und ich blieb am Leben, sag’ ich dir, und das machte der Rum. Der war für mich Essen und Trinken, und wir waren wie Mann und Frau; und wenn ich nicht meinen Rum haben soll, dann bin ich ein armseliges altes Wrack an einer Leeküste – und mein Blut kommt über dich, Jim, und über den Schwätzer da, den Doktor!«

Jetzt kam wieder eine Reihe von Flüchen, und dann fing er noch einmal an zu betteln:

»Sieh doch mal, Jim, wie mir die Finger zittern. Ich kann sie nicht stillhalten – kann’s einfach nicht. Habe an diesem lieben Tag noch keinen Tropfen gehabt. Der Doktor da ist ein Schafskopf, sag’ ich dir. Wenn ich nicht einen Schluck Rum kriege, dann krieg’ ich das graue Elend; hab’s schon ein paarmal gehabt. Ich sah den alten Flint in der Ecke da; da hinter dir; sah ihn klar und deutlich; und wenn ich das graue Elend kriege – na, ich habe ein hartes Leben gehabt, und mir wird schlecht bei dem Gedanken. Der Doktor sagte mir ja selber: ein einziges Glas würde mir nichts schaden. Ich will dir eine goldene Guinee für ein Nöselchen geben!«

Er wurde immer aufgeregter, und das machte mich unruhig meines Vaters wegen, mit dem es an diesem Tage sehr schlecht stand und der Ruhe nötig hatte; außerdem hatte ja der Doktor wirklich die Worte gesagt, die der Kaptein mir anführte. Der Bestechungsversuch ärgerte mich allerdings; aber ich sagte:

»Ich brauche Ihr Geld nicht; bezahlen Sie nur, was Sie meinem Vater schuldig sind. Ich will Ihnen ein Glas holen, aber nicht mehr.«

Als ich ihm das Glas Rum brachte, griff er gierig danach und trank es aus; dann sagte er:

»Ah! ah! das tut wohl! mir ist ganz gewiß schon etwas besser. Und nun höre mal, mein Jungchen: sagte der Doktor, wie lange ich hier in dieser alten Klappe liegen müsse?«

»Wenigstens eine Woche.«

»Alle Donner!« schrie der Kaptein. »Eine Woche! Das geht nicht: inzwischen würden sie mir den schwarzen Fleck bringen. Die Schweinehunde sind schon dabei, mir den Wind abzufangen – die Schweinehunde, die nicht sparsam umgehen konnten mit dem, was sie kriegten, und jetzt klauen wollen, was einem andern gehört! Benimmt ein ordentlicher Seemann sich so? Das möchte ich mal hören! Ich bin ein sparsamer Mensch. Ich habe niemals gutes Geld vergeudet, was ich mir verdient hatte; ich habe auch noch nie welches verloren, und ich will auch jetzt wieder dafür sorgen, daß sie sich den Mund wischen können. Vor denen habe ich keine Angst! Ich werde noch ein Segel aufsetzen, mein Jungchen, und sie können mir nachflöten!«

Während er diese Reden hielt, war er mit großer Mühe von seinem Bett aufgestanden; er hielt sich mit einem Griff, daß ich beinahe laut herausgeschrien hätte, an meiner Schulter fest, und ich merkte, daß seine Beine so schwer wie Blei sein mußten, denn er konnte sie kaum bewegen. Seine Worte an sich waren zwar sehr mutig, aber die schwache Stimme, in der er sie aussprach, bildete einen traurigen Gegensatz dazu. Als es ihm gelungen war, sich auf den Bettrand zu setzen, schwieg er einen Augenblick. Dann flüsterte er:

»Der Doktor hat mich alle gemacht, es saust mir in den Ohren. Lege mich auf den Rücken.«

Ich konnte ihm nicht viel helfen; denn ehe ich noch zugriff, war er schon wieder in seine frühere Lage zurückgesunken. Eine Weile lag er still da; endlich sagte er:

»Jim, du sahst heute den Seemann?«

»Den Schwarzen Hund?«

»Jawohl, den Schwarzen Hund!Derist ein schlechter Kerl; aber die, die ihn angestiftet haben, sind noch schlimmer als er. Nun, wenn ich nicht auf irgendeine Weise von hier wegkommen kann und wenn sie mir den schwarzen Fleck in die Hand drücken, dann merke dir, was ich dir jetzt sage: Sie sind hinter meiner alten Schifferkiste her. Nun nimmst du dir ein Pferd – du kannst doch reiten, nicht wahr? Na also – du setzt dich auf ein Pferd und reitest zu – na, in Gottes Namen! – zu dem ewigen Schwätzer, dem Doktor, und sagst ihm, er solle alle Mann auf Deck pfeifen – Behörden und solches Zeug – und soll sich längsseits vom ›Admiral Benbow‹ legen, und er werde des alten Flint ganze Mannschaft fangen, groß und klein, alles, was noch davon übrig ist. Ich war erster Steuermann, ja, das war ich! Dem alten Flint sein erster Steuermann, und ich bin der einzige, der die Stelle kennt. Er gab es mir in Savannah, als er im Sterben lag, gerade wie ich jetzt, wie du siehst. Aber du mußt das nicht melden, bevor sie mir den schwarzen Fleck in die Hand geben, oder bevor du den Schwarzen Hund wiedersiehst, oder einen einbeinigen Seemann, Jim – diesen vor allen!«

»Aber, was ist der schwarze Fleck, Kaptein?« sagte ich.

»Das ist eine Aufforderung, Maat. Ich will dir’s erklären, wenn sie damit kommen. Aber die Hauptsache ist, daß du dein Wetterauge offen hältst, Jim, und verlaß dich drauf, ich will mit dir teilen, Jim, halb und halb, auf meine Ehre!«

Er phantasierte noch eine kleine Weile, und seine Stimme wurde immer schwächer. Dann gab ich ihm seine Medizin; er schluckte sie hinunter wie ein Kind und bemerkte dazu:

»Wenn jemals ein Seemann Medizin nötig hatte, dann bin ich das.«

Schließlich verfiel er in einen schweren, ohnmachtähnlichen Schlaf, und ich ließ ihn allein.