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Eine Wiederentdeckung: beklemmende Anti-Heimatliteratur von Gerold Foidl Gerold Foidl wurde 1938 in Lienz/Osttirol geboren, wo er aufwuchs. Der spätere Schriftsteller durchlebte eine schwierige Kindheit, litt an epileptischen Anfällen, wurde deshalb psychiatrisch behandelt. Er arbeitete lange Zeit in Zollämtern in ganz Österreich, lebte danach als freier Autor in Salzburg. Sein bewegtes Leben verarbeitete Foidl in seinen Büchern - jedoch sind bis heute Teile seiner Biographie, beispielsweise ein angeblicher Selbstmordversuch 1962, nicht eindeutig belegt. So verschwimmt die Grenze zwischen den tatsächlichen Begebenheiten, der Rekonstruktion aus seinen Texten und der Legendenbildung rund um seine Person. 1980 erhielt Foidl die Diagnose Lungenkrebs, er verstarb 1982 in Salzburg. Posthume Veröffentlichung durch Peter Handke Zwei Romane hat Foidl verfasst, sie erzählen von Schwermut, Zwiespältigkeit und Gefangensein. "Der Richtsaal", sein erster Roman, der zu seinen Lebzeiten erschien, ist die gnadenlose Abrechnung eines jungen Mannes mit einer freudlosen Kindheit. "Scheinbare Nähe" hingegen wurde posthum veröffentlicht. Kein Geringerer als Peter Handke verarbeitete die vier erhaltenen unabgeschlossenen Fassungen zu jener Ausgabe, die 1985 bei Suhrkamp publiziert wurde. Ein Roman über die aussichtslose Lage angesichts der unheilbaren Krankheit des Protagonisten. Darüber hinaus schrieb Gerold Foidl mehrere kürzere Prosatexte, die vormals unter dem Titel "Standhalten" erschienen sind. Foidls gesammelte Werke erstmals in einem Band Mit dieser Ausgabe erscheint erstmalig ein Band, der alle Werke Foidls vereint und wieder greifbar macht. Der Publizist, Schriftsteller und Essayist Karl-Markus Gauß steuert als Kenner von Foidls Werk ein Vorwort bei. Die Nachworte zu den einzelnen Werken stammen von der Autorin und Herausgeberin Dorothea Macheiner, Wegbegleiterin und Nachlassverwalterin Foidls.
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Seitenzahl: 738
Veröffentlichungsjahr: 2018
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Gerold Foidl
Gesammelte Werke
Der Richtsaal. Scheinbare Nähe. Standhalten
Herausgegeben und mit Nachworten
Den um 16 Jahre älteren Gerold Foidl, der mir wie aus einer anderen Welt zu kommen schien, habe ich in den siebziger Jahren häufig getroffen, aber wir haben höchstens drei, vier Mal miteinander gesprochen. Alle kannten ihn vom Sehen – die frechsten unter den Gymnasiasten, die sich bereits in die von ihm frequentierten Lokale wagten, wir Studenten, die wir dort nächtelang rauchten, tranken, debattierten, die ganze kleine Bohème hochgemuter oder bereits verkrachter Leute. Es gab damals drei, vier Lokale, die bis in die Morgenstunden geöffnet hatten und in denen es nicht so gesittet zugehen musste, wie das sonst in Salzburg üblich war; im Abstand der Jahre kommt mir vor, dass ich, gleich welches ich betrat, immer diesen Mann mit dem Bart und dem krausen Haarschopf am Tresen stehen sah. Er grüßte, indem er mit dem Kopf nickte, trank in einer Umgebung, in der Unmengen von Alkohol getrunken wurden, einen Espresso nach dem anderen und trug, unablässig rauchend, kräftig dazu bei, dass dicke Rauchschwaden durch den Gastraum zogen.
Aus seinen hinterlassenen Texten habe ich erfahren, wie sehr er daran litt, dass er sich selbst in dieser kleinen Welt, in der heroische Pläne gewälzt wurden und deren Scheitern verächtlich abgetan zu werden pflegte, als „arbeitsloser Niemand“ fühlte. Dieser Niemand war er jedoch keineswegs, selbst wenn ihm kaum einer den Schriftsteller abnahm, der er tatsächlich längst war, auch ohne einen einzigen Text veröffentlicht zu haben. Dennoch wurde er reihum respektiert, eine scheu gemusterte Gestalt, die für uns Jüngere etwas Unnahbares hatte, ein Mann, von dem eine geradezu leuchtende Düsternis ausging, das Inbild des Außenseiters – freilich in einer aufgeregten Zeit, in der das Außenseitertum im Ansehen rebellischer Widersetzlichkeit stand. Näher zu tun bekamen meine Gefährten und ich es mit ihm freilich nicht, denn im Gespräch verlor er sich bald in mäandernden Sätzen, als wollte er seinen Gesprächspartnern gar nichts mitteilen, sondern sprechend seinen eigenen versponnenen Gedanken folgen und sich mehr mit diesen als seinen Zuhörern beschäftigen. Wir betrachteten ihn also aus der Nähe und hielten uns dennoch von ihm fern. Oder es war umgekehrt und er wusste, wie er sich die Zudringlichkeiten der Kumpanei vom Leibe halten konnte.
Als 1978 sein erster Roman, „Der Richtsaal“, erschien, hatte ich mich aus diesen Lokalen und auch von der Lebensform, der man dort rasch zu verfallen drohte, bereits verabschiedet, und wiewohl ich damals ein literarischer Allesfresser war und meine Tage mit wenig anderem als dem Lesen zubrachte, ist mir ausgerechnet seine Veröffentlichung entgangen. Ich habe den Mann an der Theke erst als Schriftsteller entdeckt, als er gestorben war. Und als ich seinen ersten Roman endlich las, ergriff mich bald ein Gefühl des eigenen Versagens, hatte ich ihm dieses Buch doch nicht zugetraut. Eines war mir jetzt aber sogleich klar: Dieser Roman, der in der imaginären Bibliothek der Bitternis, die gerade mit österreichischen Werken so reichlich bestückt ist, einen Ehrenplatz verdient, ist nicht nur das Zeugnis eines gequälten Menschen, der sich in der Literatur über seine Bedrücker zu erheben wusste. Das einzige Buch, das zu seinen Lebzeiten von ihm erschien, erschüttert zwar auch deswegen, weil der Verfasser darin unverkennbar von selbst erlittenen Demütigungen erzählt, aber der Roman benötigt die autobiographische Lesart nicht und besteht auch ohne sie. „Der Richtsaal“ ist mehr als ein Dokument existentieller Not, er ist ein Roman, der sich gewissermaßen von seinem Verfasser emanzipiert, so dicht dieser darin auch an seiner eigenen verheerenden Lebensgeschichte bleibt. Im übrigen legen germanistische Studien, namentlich von Sandra Unterweger, die Vermutung nahe, dass sich Foidl, der sich selbst als „Wahrheitsfanatiker“ bezeichnete, manches, was er erzählte, gar nicht selbst erlebt und erlitten, sondern in seiner Not und aus dieser heraus halluziniert, erfunden hat. Das würde den Wert seines Buches mindern, wenn es als biographisches und historisches Dokument angelegt wäre, ficht die innere Wahrhaftigkeit seines aus dem Leben geschöpften Romans jedoch keineswegs an.
Tatsächlich führte der abschüssige Lebensweg Gerold Foidls durch existentielle Katastrophen in den vorzeitigen Tod. Wie traurig, dass er die Diagnose seiner tödlichen Erkrankung just erhält, als er auch gemäß seinen eigenen Maßstäben kein „arbeitsloser Niemand“ mehr ist, sondern ein Schriftsteller, dessen Roman im Feuilleton rezensiert und auch als Taschenbuch aufgelegt wird, der mit Gleichgesinnten die Salzburger Autorenvereinigung gründet, bei Kongressen als deren Repräsentant auftritt und, ein Mindestrentner, endlich mit Stipendien, Zuschüssen, den kleinen Benefizien des Literaturbetriebs rechnen kann.
Er hat bis zuletzt geschrieben. Ohne Dorothea Macheiner, die ihrem schwierigen Kollegen einen Menschen- und Freundschaftsdienst erwiesen hat, der größte Hochachtung verdient, würde sich davon vermutlich kaum etwas erhalten haben. Ihr ist es sogar gelungen, Peter Handke das keineswegs Selbstverständliche abzuverlangen, nämlich aus verschiedenen Romanfassungen des ihm persönlich gar nicht bekannten Foidl ein Manuskript zu erstellen, das ein Jahr nach dem Tod des Autors tatsächlich im Suhrkamp-Verlag unter dem Titel „Scheinbare Nähe“ erschien. Und Macheiner war es, die acht verstreut publizierte Texte Foidls aus seinen letzten drei Lebensjahren sammelte und in dem Band „Standhalten“ 1999 erstmals herausgab.
Einige der Texte dieses Bandes zähle ich zum Besten, das Foidl geschrieben hat. „Die Notizen aus einem fernen Land“, verfasst in Mexiko, zeigen mit ihren luziden Beobachtungen und dem selbstreflexiven Erlebnis der Fremde vielleicht den Weg, auf dem der bittere, wie in sein Unglück verbissene Gerold Foidl zu einer anderen Wahrnehmung der Welt hätte gelangen können, wenn er nicht, heimgekehrt, mit der furchtbaren Diagnose konfrontiert worden wäre. Die titelgebende Erzählung „Standhalten“, der Gedankenstrom eines Todkranken, der sich, topographisch exakt beschrieben, auf den Weg vom Salzburger Landeskrankenhaus nach Hause in seine winzige Wohnung auf der anderen Seite der Salzach macht, ist glasklar und in seiner Konzentration auf das eigene Schicksal zugleich von universaler Gültigkeit. Die literarische Abschiedserklärung Gerold Foidls endet mit der Einsicht des sterbenskranken Einzelgängers: „Es konnte eben niemand ohne den anderen leben; das war nicht in Frage zu stellen. Auch von mir nicht.“
Es gibt Autoren, die der österreichischen Literatur immer wieder verloren zu gehen drohen und deren Bücher daher alle paar Jahre neu entdeckt werden müssen. Es ist gut, dass Gerold Foidl mit dieser Gesamtausgabe gewürdigt und sein Werk neuerlich zugänglich gemacht wird.
Karl-Markus Gauß
Der Provinzbahnhof lag verschlafen in der aufziehenden Morgendämmerung, als ich mich auf den Weg durch die winkligen Straßen der Kleinstadt machte. Ich wollte Großvater noch einmal sehen, der die Erinnerung an die wenigen Jahre Kindheitsglück verkörperte, bevor ich als Siebenjähriger Augenzeuge des grauenhaften Kosakenmassakers geworden war. Seit dieser Zeit haßte ich diese Stadt mit ihren Menschen, weil hier meine Kindheit im Lauf der Jahre so restlos zerstört worden ist, daß ich später nie mehr die Ausgelassenheit der Jugend zu erleben vermochte.
Als mir meine Verwandten unerwartet den Beweis lieferten, daß sie es waren, die mich als Vierzehnjährigen in die Psychiatrie zwangseingewiesen hatten, verließ ich diese Stadt, die ich nicht als Heimatstadt empfand, mit dem festen Entschluß, auf keinen Fall jemals wieder zurückzukehren. Es waren dieselben Verwandten, die schon Mama zur Abtreibung gezwungen hatten, als Vater nach Kriegsende als verschollen galt und sie von einem anderen Mann schwanger war. Großmutter und Onkel Elmar, der Arzt. Denen nichts wichtiger war, als die Familienehre wie eine Reliquie zu bewahren. Ohne danach zu fragen, mit welchen Mitteln sie das bewerkstelligten.
Der Hohn und Spott meines Vaters, der Mitschüler und meiner Umgebung verhinderten im Gewitter meiner epileptischen Anfälle von vornherein jeden Gedanken, der Stadt und ihren Bewohnern jemals die Schuld am zerstörerischen Verlauf meines Lebens nachzusehen. Bei meiner Rückkehr spielte das alles keine Rolle mehr, da ich nur gekommen war, um meinen Großvater noch ein letztes Mal zu sehen und mich anschließend umzubringen.
Ich spürte die aufkommende Morgenkälte, schlug den Kragen der speckigen Duvetinejacke hoch, zog den grauen Schlapphut tiefer in die Stirn und ging den Hauptplatz hinauf. Mit wirr in das Gesicht hängenden Haarsträhnen, dreifärbigem Stoppelbart und verschlampter Kleidung, die jedem Landstreicher zur Ehre gereicht hätte.
Ich langte unterwegs mehrmals in die Herzgegend und betastete die Auswölbung unter der Achselhöhle, wo sich die in der Jackentasche verborgene Pistole befand. Die Hausfassaden zu beiden Seiten würdigte ich keines Blicks, ich grinste nur verächtlich hinüber zu jener Häuserfront, hinter der die Reichen und Alteingesessenen wohnten. Einer, dem man ansieht, daß er mit dieser Stadt nichts zu tun hat und auch nichts mit ihr zu tun haben will. Der es verwünscht, daß sich seine Mutter zum Zeitpunkt der Geburt gerade hier aufgehalten hat. Mein Bekenntnis zu dieser Stadt erschöpfte sich mit dem Taufschein, und fragte mich einer nach meiner Herkunft, antwortete ich: „Ich bin laut Taufschein in Lienz geboren und deshalb Tiroler, aber nur, weil ich meinen Geburtsort nicht selber bestimmen konnte.“
Tante Gaby lieferte während meines vorjährigen Urlaubs durch eine unbedachte Äußerung den Beweis über die wirklichen Umstände meiner Zwangseinweisung in die Psychiatrie. Das löste eine Lawine von chaotischen Reaktionen aus, die meine gesamte Vorstellungswelt umstürzten und die Widerstandskraft so lange lähmten, bis ich mich selbst in eine Lage manövrierte, in der ich mich zum Selbstmord entschloß, um dem ständigen Angstgefühl zu entkommen. Äußerst sorgsam und unbewußt ging das vor sich. Zuerst mein Inneres mit lähmenden Schatten verdeckend, bis es unbemerkt zu schrumpfen begann, sich zunehmend einengte und sich von allem, was um mich herum vorging, abgrenzte. Eines Tages war es dann soweit, ich konnte keinen Ausweg aus dieser verfahrenen Situation finden. Damals entschied ich mich zum Kauf einer Pistole. Anschließend empfand ich die weitere Zeit als problemlos, ich hatte wieder Distanz zwischen mich und meine Erlebnisse gelegt, die mich jedoch zunehmend in meiner Handlungsfreiheit einengten.
Da ich von der Zukunft nichts mehr zu erwarten hatte, besann ich mich stärker auf die wenigen glücklichen Erlebnisse der Vergangenheit. Auf Mama, die vor mehr als zwei Jahren bei einem Autounfall ums Leben gekommen ist, und auf Großvater. Ich spürte, daß es mir ungemein leichtfallen würde, mich umzubringen, weil ich mich zumindest an diese kurze Zeit des Glücks erinnern konnte.
Ungeduldig in der Straßenmitte stehend, rief ich zum Küchenfenster hinauf: „Großvater! Hallo, Großvater! Wach auf!“ Das vertraute Gesicht beugte sich aus dem Fenster und sagte über seine mageren Schultern hinweg zu dem im Fensterrahmen auftauchenden Körper meiner Großmutter: „Wer soll denn der da unten sein, Nora?“
Er sah voll Verachtung kurz herunter und wandte sich dann ruckartig ab.
„Mein Gott, weit ist es mit dem Buben gekommen“, sagte Großmutter. Die Verachtung in Großvaters Gesicht ärgerte mich ungemein, sie nahm mich plötzlich gegen ihn ein, denn ich war doch nur seinetwegen gekommen.
„Ich hab mir keinen Rosenstrauß erwartet“, sagte ich ungehalten zur Haustür hin, weil es mir zu lange dauerte, bis endlich einer aufsperren kam.
Ich glaubte zu wissen, was nun folgen würde, merkte aber gleich, daß es sich in keiner Weise mit meinen Vorstellungen deckte. Bevor ich noch Großvater zu Gesicht bekam, wurde mir klar, daß ich es genauso gut in Wien hätte bereinigen können. Aber nun war ich einmal da, und es war mir gleichgültig, was sich in den nächsten Stunden abspielen würde.
„Wie schaust denn du aus?“ sagte Großmutter vorwurfsvoll.
Sie öffnete langsam die Tür, als müsse sie es sich erst überlegen, ob sie mich in die Wohnung lassen sollte. Mit einem Blick an ihr vorbei sah ich in den Hausgang und überhörte geflissentlich ihre Worte, da sie mich in keiner Weise berührten. Trotz der Tatsache, daß sie die Urheberin meines Irrenhausverschubs gewesen war, empfand ich ihr gegenüber jetzt nicht mehr als Gleichgültigkeit. Tiefe, öde Gleichgültigkeit, als würde es sie längst nicht mehr geben.
Ich sah in ihre unsteten, forschen Augen, streifte die Falten des geblümten blauen Schlafrocks und dachte dabei: Sieh her, mich stört nicht einmal deine Anwesenheit. So ändern sich die Zeiten!
Großvater lag auf der breiten Couch in der Küche. Ein alter, todkranker Mann, der sich gegen die Schmerzen seiner Metastasen auflehnte. Er sagte bei meinem Eintreten kein Wort. Sah mich nur mit dem unbeschreiblichen Ausdruck seiner blaugrünen Augen aus schmerzverzerrtem Gesicht an. Ausgezehrt lag der magere Körper, der einst ein Fixpunkt meines Lebens war, vor mir. Ich sah auf ihn nieder, unfähig, Mitleid für den Alten aufzubringen.
Ich war gekommen, um etwas zu erledigen, das mir noch während der Zugfahrt ungemein bedeutungsvoll erschienen war und von dem ich nun wußte, daß meine Reise nichts als unnützer Zeitaufwand war.
Als ich so vor ihm stand, wollte mir Großmutter den Filzhut vom Kopf nehmen, worauf ich mich herumwarf, ihn ihr entriß und aus Trotz wieder aufsetzte. Unsere Blicke trafen sich zwar nur einen Sekundenbruchteil, der jedoch ausreichte, um sie verängstigt zusammenfahren zu lassen.
Um sie besser im Auge behalten zu können, drehte ich mich um und beobachtete sie. Schweißperlen sammelten sich auf ihrer Stirn, nervös zuckten ihre faltigen Mundwinkel. Sie zog die Schultern nach vorn, als würden sich ihren Rücken hinab die Hautrupfen aufstellen, doch ich hatte sie schon vergessen. Ich sah wieder auf Großvater nieder.
Du bist in dieser kurzen Zeit ziemlich verfallen. Ein gut Teil deines Weges liegt hinter dir, und irgendwann in nächster Zeit wirst du draufgehen, sagte der Beobachter in mir. Gefühllos. Nur registrierend. Ich streifte seine Gestalt mit den Augen und sah, wie sich die Hände, gegen die Schmerzen ankämpfend, gegen die Bauchdecke preßten und wie der stotternde Atem die eingefallenen Wangen aufbauschte. Tuckernd wie ein mit Standgas laufender Dieselmotor. Dann sah ich die Verachtung in seinen alten Augen und zog die Pistole aus der Jackentasche, legte sie in die Rechte und sagte zum Alten auf der Couch: „Ich bin gekommen, um dir zu sagen, daß ich mich heute erschießen werde.“
Als ich mit dem Kopf auf die Waffe deutete, sah ich die Todesangst im Gesicht meiner Großmutter, minutenlang brachte sie keine Silbe heraus. Er ist wirklich zu allem fähig! Der Gedanke würgte sie in der Kehle, aber ich beachtete sie nicht.
Auch Großvater hatte ich mit meiner Ankündigung schockiert.
Unter welch merkwürdigen Umständen wir uns das letzte Mal vor meinem Tod sehen! Wer nicht weiß, was uns verbindet, muß denken, daß wir einander grenzenlos hassen. Tatsächlich aber bist du der einzige, der mir bis zuletzt etwas bedeutete. Daran wird sich auch in diesen letzten Stunden nichts ändern. Was jahrelang in mir herumgearbeitet hat, ist seit dem Vorjahr aufgebrochen und hat mein Inneres vergiftet. Daher ist es heute ein anderer, der vor dir steht und sich davon etwas versprochen hat: dir noch einmal in die Augen zu sehen, bevor sich der Finger krümmt.
Sag nichts, Großvater. Dein Blick verrät mir, was du nun von mir denkst. Er sagt mir auch, was du jetzt tun wirst. Es ist dasselbe wie damals, als Großmutter auf dich Druck ausübte, Mama aus der „großen Familie“ zu verstoßen, um ihren Willen sanktioniert zu sehen. Es ist kein großer Unterschied, nur wird dich heute niemand dazu drängen müssen, da du es von dir aus tun wirst. Ohne Worte, mit nichts als deiner Ignoranz, die mir klarmachen wird, daß ich für dich nicht länger existiere. Doch zweifle ich daran, ob es mir dann noch wehtun wird. Meine Brust füllt jetzt ein fester Block, in den die Stille des Todes eingezogen ist. Und es ist ganz ruhig dort, wo sonst die Todesschreie sitzen.
Den Großeltern stockte der Atem, und ich kam mir wie ein Wegelagerer vor. Ich steckte die Pistole weg, da sie Großvater nicht dazu brachte, auch nur ein Wort zu sagen. Er ist noch immer der alte. Sagt kein Sterbenswörtchen, wenn er jemanden verachtet, seine Verachtung aber zeigt er sehr deutlich. Doch was habe ich eigentlich erwartet? Daß er mich bitten wird, es nicht zu tun, oder was sonst?
Er bleibt stumm, nur das Zucken seiner Mundwinkel verrät ihn. Gleichgültig ist es dir nicht, wenn ich mich heute umbringe. Vor einem Jahr bist du auch schon hier draußen gelegen. Damals hat die Horde unserer Verwandten im Wohnzimmer darüber diskutiert, wieviel nach deinem Tod für jeden Erbteil anfällt. Aber dir zu sagen, daß meine Mutter, die stets deine Lieblingstochter war, bereits ein Jahr zuvor kläglich auf der Autobahn verreckt ist, dazu waren sie zu feige. Dieses Geschäft haben sie wieder mir zugeschoben. Deine Töchter, dein Sohn, die Schwiegersöhne und Gaby, die ungeliebte Schwiegertochter, genau wie Vater und Dorli, meine Schwester.
Du weißt das vielleicht nicht.
Das hat mich damals ganz hergenommen. Heute ist es vorbei, nichts ist mehr geblieben wie vor einem Jahr. Was jetzt geschieht, läßt mich in jeder Hinsicht kalt.
Ich werde heute sterben in der Überzeugung, ehrlich geblieben zu sein, wie du es mir als Kind beigebracht hast. In den sechs Jahren, in denen du mir eine Behausung für das Glück erbautest, das die anderen stückweise zerstörten, ohne daß du jemals erfahren hättest, wie. Die anderen haben mich wegen des zerschlagenen Porzellans verurteilt, ohne danach zu fragen, warum ich es denn zu Boden warf.
Es war eine magere Weide, auf der ich in meiner Kindheit graste. Auch das ist ein Grund, warum ich ein letztes Mal noch hierher gekommen bin. Um noch einmal in deine Augen zu schauen, dein Gesicht zu sehen und die Erinnerung daran mit mir zu nehmen. Es schien ganz anders zu sein, als noch die Entfernung zwischen uns lag. Nun ist es mir gleichgültig geworden, was du jetzt tust, auch wenn dir das herzlos erscheinen mag. Denn Großmutter zählt für mich nicht.
Als lebende Morphiumleiche liegst du vor mir. Ich brauche es nicht auszusprechen, daß ich mit dir kein Mitleid empfinde. Das weißt du selbst, wenn du in meine Augen siehst. Warum sollte ich sagen, es würde mir leid tun oder ich hätte dies alles nicht gewollt, da es ohnehin erlogen wäre, wie du weißt. Es ist merkwürdig, daß ich die ganze Zeit über glaubte, es wäre für mich ungeheuer wichtig, dich noch einmal zu sehen, bevor ich aus dem Leben scheide.
Die Erbschaftshaie dachten schon vor einem Jahr, du würdest es nicht mehr lange machen, doch du lebst immer noch. Ich kann dir nur das eine wünschen: daß es mit dir zu einem raschen Ende kommt! So wie du da vor mir liegst, wird es von Tag zu Tag schmerzlicher für dich, und täglich rinnst du mehr aus, bis nichts mehr von dir übrigbleiben wird als ein aufgeschlitzter Mehlsack.
Mein Alter, glaube mir, daß ich froh bin, ein Schießeisen in meiner Tasche zu tragen, mit dem ich mir in einigen Stunden das Hirn hinauspusten werde. Wenn du darüber nachdenkst, wirst du begreifen, daß keiner von uns beiden die geringste Chance hat. Nur deshalb werde ich abdrücken. Damit es endlich vorbei ist, denn wir zwei sind die Verlierer. Mir kann das Weitere gleich sein, meine Rechnung ist gemacht. Was aber machst du dann? Glaubst du, mit einem Körper voller Krebsfilialen eine Chance zu haben? Rede dir doch nicht solchen Unsinn ein. Du stirbst dahin, langsamer als ich. Mit Morphium vollgespritzt, da deine Schreie sonst bei Tag und Nacht durch alle Zimmer gellen würden.
Ich ging einige Schritte ans Fenster zum Kopfende der Couch, um Großmutter besser im Auge behalten zu können. Durch die verminderte räumliche Distanz und meine unmittelbare körperliche Nähe provozierte ich den Alten derart, daß ich genau merkte, wie er an der Grenze seiner Beherrschung stand. Der magere, ausgelaugte Körper lag bebend auf der Couch. Er atmete kurz und stoßartig, auf seinen violetten Lippen ein verräterisches Zucken. Ich wollte schon aus dem Zimmer gehen, um nicht länger auf den Todkranken niedersehen zu müssen und ihn dadurch unnötig aufzuregen. Dieser karge Rest von Anteilnahme war in mir als Gegenleistung für die Erinnerung an früher noch geblieben. Großvater war immerhin der Mensch, den ich in gewisser Beziehung sogar mehr als Mama liebte. Weil er nie etwas von mir verlangte, wenn er selbst etwas gab.
„Nora, schaff den Landstreicher aus der Wohnung. Bei uns haben immer anständige Leut verkehrt. Da hat der dreckige Typ nichts zu suchen. Außerdem will ich jetzt meine Ruh haben!“
Großmutter reckte den Kopf aus ihrer zusammengeschundenen Gestalt und sah zu dem Alten hinüber.
„Vater, wie kannst du nur so etwas sagen? Als ob er ein Gauner wär!“ schalt sie ihn.
„Ich hab’s dir schon gesagt. Verschwinden soll er, aber gleich. Ich mag kein Ungeziefer in der Wohnung. Mit dem da hab ich nichts zu schaffen. Sag’s ihm nur!“
Er war höchst erregt und sprach mit einem rauhen Kratzen in der Stimme. An den Schläfen traten dunkelblaue Adern hervor, die Wangen röteten sich unter den vorstehenden Backenknochen, kalter Schweiß überzog das Gesicht. Ich warf einen flüchtigen Seitenblick auf ihn.
Es hat ihn furchtbar hergenommen. Früher hätte ich es nicht ertragen, das mitanzusehen, geschweige denn, es selbst zu verursachen. Mein lieber Alter! Ich kann dich gut verstehen und bin dir auch nicht bös, wenn du mich verachtest, da ich ja wahrlich keine imponierende Gestalt bin, so wie ich da vor dir stehe, unrasiert, mit Schlapphut, verdrecktem Gewand und einer Pistole in der Tasche. Ich sah, wie Großmutter unerwartet die eisige Kälte von Großvaters Augen traf, die ihr neben der Angst das Gefühl einer Magenverstimmung bescherte, das sich unversehens in heftige Wut verwandelte. Gegen alles. Gegen ihre Hilflosigkeit. Gegen mich. Am nachhaltigsten jedoch gegen den Alten, dessen Augen sich abweisend und kalt auf sie richteten.
„Sag endlich etwas, Vater! Er ist trotz allem einer von uns und gehört zur Familie.“
„Hat er vielleicht. Aber solange ich leb, geben wir uns nicht mit Gesindel ab.“
„Bei dir habe ich oft das Gefühl, als hätt ich einen Eisberg geheiratet. Du hast ja überhaupt kein Herz.“
„Nora, sag ihm endlich, daß er sich davonmachen soll, sonst steh ich auf und werf ihn aus der Wohnung!“
„Du kannst stolz auf dich sein. Aber denk daran, solange du noch Zeit zum Leben hast, daß du den Buben damit auf dem Gewissen hast. Du treibst ihn ja geradezu in den Selbstmord, als könntest du es gar nicht erwarten, bis er tot ist!“
Wütend biß sie sich auf die Lippen, als ihr bewußt wurde, daß ihr im Zorn das herausgerutscht war, was sie bisher vor ihm verborgen gehalten hatte. Was sie zwar dachte, aber nie aussprach: daß Großvaters Tage gezählt waren.
Ich konnte mir ein grimmiges Grinsen nicht verkneifen, wenn ich daran dachte, wie makaber die Szene war. Erstmals machte sie sich um mein Leben Sorgen und einem anderen meinetwegen Vorwürfe. Sie, die mich vor zehn Jahren durch ihren Sohn, den Arzt, in die Psychiatrie stecken ließ. Um mich loszuwerden, weil ihnen meine aggressive Art zu gefährlich geworden war und ihre gescheiterten Erziehungsversuche nur dazu führten, daß sich meine Aggressivität unter Zwang steigerte und außer Kontrolle zu geraten drohte. Sie, die mich hinter Irrenhausmauern hatte verrotten lassen wollen, um den ständigen Unruhestifter der Familie auszuschalten, setzte sich plötzlich vehement für mich ein. Wie lachhaft das alles ist, wenn ich mir vorstelle, daß nur die Angst um den beschädigten Familienruf der Grund ihres verzweifelten Bemühens ist, nur die Angst vor der Schande, das Blut eines Selbstmörders könnte den Ruf ihres Familiennamens in dieser heuchlerischen Kleinstadt besudeln. Es hatte nur das eine Gute, daß sich in ihrer Erregtheit ihre wahren Gedanken auftaten und Großvater nun wußte, wie sie über ihn dachte. Ihm war es ohnehin klar, daß ärztliche Hilfe sein Leben nur verlängern, doch nicht mehr retten konnte. Um so mehr wütete es in ihr. Weil sie aus Überstürztheit die Übersicht verloren und das ausgesprochen hatte, was jeder von uns wußte. Ich spürte dieses Gefühl der Niederlage, das sie mit Großvater so verbissen keilen ließ. Nur um sich nicht eingestehen zu müssen, daß es ihre Schuld war, den Fehler begangen zu haben.
Mit dem Rücken zum Fenster stehend sah ich auf den Plafond. Das alles war mir unsäglich zuwider. Ich wollte nun wirklich weg, da sich mein Heimkommen als unnützes Unternehmen herausstellte. Geboren aus einem Rest sentimentaler, falsch verstandener Anhänglichkeit an eine längst vergangene Zeit. Weil ich mit der Erinnerung an diese Zeit des Glücks nun nichts mehr anfangen konnte.
Es könnte einem übel werden, wenn man sie da kämpfen sieht und weiß, wie sie in Wirklichkeit denken. Ich habe früher schon öfter zu Mama gesagt, daß Großmutter jedes Taktgefühl verliert und nur noch rücksichtslos ist, wenn es ihre Interessen erfordern. Da war sie in der Wahl ihrer Mittel nie zimperlich.
Was ist in dieser Wohnung schon gestritten worden. In unserer Verwandtschaft gibt es keinen, der hier nicht irgendwann von den anderen niedergemacht worden wäre. In dem Zusammenhang sprechen sie dann stets von der Notwendigkeit, den Familienfrieden zu wahren, der Vorzug vor allem anderen habe, dem sich der einzelne stets unterordnen müsse. Es ist eine seltsame Art, den Frieden zu bewahren, wenn man sich dazu gegenseitig erst zerstreiten muß, um für die Mehrheit Ruhe zu schaffen. Diese Ruhe vor dem nächsten Sturm, den nächsten Keifereien. Irgendwann verhärten sich dabei dann die Fronten, keiner will von seinem Justamentsstandpunkt abrücken. Dann kommt es zu diesen Knalleffekten, wie es im vorigen Jahr während meines Urlaubs der Fall war. Und nun wundert sie sich, daß ich mich heute erschießen werde! Ich sah sie kurz an, ließ den Blick in den dunklen Vorgang weiterlaufen und dachte wieder, es wäre besser, gleich zu gehen. Denn, so wie hier die Dinge standen, könnte ich mir eine Verabschiedung ruhigen Gewissens ersparen.
Großvater war aufgebracht. Mit letzter Anstrengung bellte er: „Nora, verschwind mir mit dem. Von mir aus ins Wohnzimmer. Aber schau, daß er mir nicht mehr unter die Augen kommt!“
„Gid, warte drinnen auf mich. Wir werden vernünftig über alles reden. Du wirst sehen, daß sich ein Ausweg finden wird, bevor du eine Dummheit begehst. Dazu hat man ja seine Leute, denen man sich anvertrauen kann, wenn man einmal nicht weiter weiß. Deshalb bringt man sich doch nicht gleich um.“
Ich grinste hämisch und stieß die Luft schnaubend durch die Nasenlöcher, um ihr meine Abscheu zu zeigen. Wären all die Jahre nicht so verdammt traurig gewesen, müßte ich jetzt schallend lachen. Sie lügt so schlecht, daß es sogar ein Idiot mit Fingern greifen könnte.
Ich sah sie abschätzig an, beäugte ihr lauernd abwartendes Gesicht und sagte mir dann: Oh ja, ich bleibe! Nicht, um mich von etwas überzeugen zu lassen oder meinen Entschluß rückgängig zu machen, nein. Ich bleibe hier aus Grausamkeit. Mein ganzes Leben hatte ich nie die Gelegenheit, mit dir abzurechnen. Nun werde ich dich zumindest an einiges erinnern, das dir viele schlaflose Nächte bereiten wird. Wenn mich schon längst die Würmer blankgenagt haben werden, wird euch noch euer schlechtes Gewissen plagen und die verhaßte Erinnerung an mich unvermindert in euch weiterleben. Diesen Tag sollst du nicht so schnell vergessen. Der soll sich in dein Gedächtnis einbrennen, daß du die Erinnerung an mich nicht mehr los wirst. Und deshalb bleibe ich.
„Nora, gib mir die Tabletten. Ich hab weh.“
„Gleich, Vater. Brauchst sonst noch etwas? Soll ich dir einen Tee machen oder magst lieber Kaffee?“ fragte sie mit sanfter Stimme, einlenkend und voll ausgleichender Ergebenheit.
„Mach mir Tee“, sagte der Alte kurz, beinahe schroff. Sie beeilte sich außerordentlich damit. Nicht so sehr, um möglichst bald die Wogen zu glätten, sondern aus Angst, ich könne mich trotz meines Versprechens heimlich aus der Wohnung wegschleichen. Wie schlecht sie mich doch kannte.
Glaube ja nicht, daß das noch länger nur eine Angelegenheit ist, um mit allen Mitteln die Familienehre zu retten. Ich habe dein Verhalten gründlich studiert. Ich weiß, daß dir die Pistole sehr schnell klargemacht hat, daß ich es blutig ernst meine, daß ich nicht hergekommen bin, um dir nur zu drohen und die Verwandtschaft in Panik zu versetzen. Du weißt ganz genau, daß ich gekommen bin, um es zu tun. Du wirst mich nicht daran hindern, mich heute umzubringen. Mit gar nichts wirst du das erreichen. Du wirst es schon noch begreifen.
Sie versuchte weiter die Nerven zu behalten. In der plötzlichen Leere ihres Gesichts konnte man erkennen, wie sich das Gefühl der Beklemmung bleischwer auf ihr Denken legte. Schlaff ließ sie die Hände an den Seiten abwärtsbaumeln. Willenlos, ratlos. Doch ihr Blick verriet, daß sie nicht daran dachte, vorzeitig aufzugeben. Daß es nur eine vorübergehende Schwäche war. Sie wird alles versuchen, um es nicht soweit kommen zu lassen. Sie mußte versuchen, die Pistole zu bekommen, um zu verhindern, daß es für sie einen Ballen ungelöster Probleme geben würde. Ich muß trotz allem vor ihr gehörig auf der Hut sein, denn trauen darf man ihr niemals. Sie stellte dem alten, kranken Mann eilig den dampfenden Häfen Tee an die Couch und sagte: „Ich hab ihn schon gezuckert und einen Schuß Ribiselsaft hineingetan. Das wird dir guttun, Vater.“
Ich wartete auf sie im Wohnzimmer, als ich das Knacken im Türschloß hörte. Sie war komplett überrascht von meinem Anblick. Ich zeigte spöttisch zur Tür und sagte: „Sperr auf, ich lauf dir nicht davon. Im Gegensatz zu euch gilt bei mir noch mein Wort. Niemand wird mich mehr einsperren, nirgendwo und nie mehr!“
Ihr Gesicht glich dem eines Kindes, das beim Apfelstehlen ertappt worden ist. Verängstigt stand sie im Vorhaus. Die Kehle abgewürgt vom Haß, den sie die nächsten Stunden würde verbergen müssen, um nicht von vornherein erfolglos zu beginnen. Die Wohnungsschlüssel klimperten in ihrer zittrigen Hand. Amüsiert sah ich auf sie herab; bei ihrem Anblick war mir einfach wohl.
„Gratuliere! Du schaffst gleich zu Beginn die denkbar besten Voraussetzungen für eine Aussprache. Bringst mir, wie gewohnt, ausreichend Vertrauen entgegen, um alles einfacher, leichter und vor allem sicherer zu machen.“ Meine Stimme klang zynisch, ich wollte sie verletzen.
„Du spionierst mir dafür nach. Wer gibt dir eigentlich das Recht, so etwas zu tun? Von Jahr zu Jahr wirst du mißtrauischer und schlechter“, versuchte sie lahm abzuwehren.
„Das ist mein gutes Recht. Wenn du noch immer nicht begriffen hast, daß ich nicht so naiv wie deine übrigen Enkel bin, tut’s mir leid. Du weißt genau, daß ich schon früher anders war. Außerdem hat sich zwischen uns zuviel getan, das unser Verhältnis zu einem Ausnahmefall gegenüber den anderen macht. Bedenke das, weil wir sonst gar nicht erst miteinander zu reden brauchen.“
Ich werde einen Augenblick zögern und die Wirkung meiner Worte abwarten, dann werde ich den väterlichen Ton aufgeben und plötzlich nur noch verächtlich mit ihr sprechen. Nicht mehr fragen, sondern befehlen. Das gleiche machen, was sie in ihrer Herrschsucht fortwährend tut. Nur werde ich es direkter und unverblümter tun. Ohne mir Mühe zu geben, etwas mit Höflichkeitsfloskeln zu verkleiden. Großmutter, die Gütige. Die Uneigennützige. Die Aufopferungsvolle. Die Seele der Familie. Die Friedensstifterin. Die zu Unrecht Gekränkte. Die stets zum Verzeihen Bereite. Großmutter, die Vermittlerin, die Kupplerin, die Diktatorin, die Machthungrige, die Kirchensteuerhinterzieherin, die Gottesdienstbesucherin. Die Hüterin der Familienehre und des guten Rufs, selbst auf Kosten einer erzwungenen Abtreibung an ihrer Tochter. Die Initiatorin meiner Irrenhauseinlieferung. Das alles war Großmutter, das Familien-Chamäleon. Es wird mir nicht schwerfallen, den herabsetzenden Ton zu finden, der ihr richtig weh tut.
„Beeile dich, wenn du schon unbedingt mit mir reden willst. Mir ist zwar nicht klar, was du dir davon versprichst, aber versuch’s. Ich mach dich allerdings darauf aufmerksam, daß ich nicht die Absicht habe, die letzten Stunden meines Lebens sinnlos zu verplempern. Dabei warst du mir ja bereits früher behilflich. Du hast Interesse, mit mir zu sprechen, also mach schnell. Ich habe dich um nichts gebeten. Sperre aber vorher gefälligst die Tür auf, laß den Schlüssel stecken und schlage dir ja aus dem Kopf, mich mit irgendwelchen faulen Tricks hineinlegen zu wollen. Das rate ich dir sehr!“
Sie murmelte eilfertig einige unverständliche Worte, während ich wieder ins Wohnzimmer zurückging, das in meiner Erinnerung den Namen „Richtsaal“ trug. Ich setzte mich mit dem Rücken zur Tür, so daß ich zum Fenster hinausschauen konnte und sie an mir vorbei mußte, wollte sie auf den Gang kommen. Dort wartete ich auf sie. Sie kam verdattert von draußen herein und setzte sich mir gegenüber, wobei ich sie von oben bis unten nach Art der Anatomen musterte, wenn sie von einer schönen Leiche sprechen, und ich dachte mir dabei belustigt: Jetzt sieht sie aus wie ein zerknüllter Zwanzigschillingschein.
Sie scheute sich, nach dem Grund meines Selbstmordentschlusses zu fragen, obwohl es keiner übermäßigen Vorstellungskraft bedurfte, die Begründung dafür zu finden. Zumal ihr klar sein mußte, daß die Entlarvung der Urheber meiner Psychiatrieeinlieferung keinesfalls spurlos an mir vorbeigegangen sein konnte. Sie versuchte es zuerst mit Vorhaltungen über mein Leben. Diese bewährten Vorwürfe, mit denen sie mich immer zum Reden bringen wollte. Sie versuchte, den Trotz, das Schweigen und die Sturheit zu untergraben und durch fortgesetztes Provozieren eine Reaktion zu erzwingen. Doch diesmal klappte es nicht.
Da sitzt du mir nun gegenüber. Dein Gerede schwimmt an mir vorbei, wenn ich zum Fenster hinaus in den Wald schaue. Dort oben ist ein Stück Erinnerung an die wenigen glücklichen Jahre, die mir eure Kleinstadt vergönnte.
Ich mußte an die Sonntagsspaziergänge mit Großvater und an Mama denken. Wie sehr wir uns doch in diesen knapp zwanzig Jahren verändert haben. Oft habe ich jetzt das Gefühl, hier ein Fremder zu sein.
Ich zumindest veränderte mich grundlegend, gleich mehrmals. Großvater vielleicht weniger. Möglicherweise war er damals schon wie jetzt. Nur bekam ich im Laufe der Jahre ein völlig anderes Bild von ihm und von Mama.
Früher warst du für mich einmal ein Mann wie nicht von dieser Welt. Ein Mensch, der mit keinem anderen zu vergleichen war. Doch allmählich fing dieser Glanz zu bröckeln an, und mittlerweile gibt es genug Dinge, die ich an dir nicht mag. Meine Zuneigung war bis zuletzt zu stark, um deine Fehler als besonders störend zu empfinden. Du hattest wie sonst nur Mama bei mir das Privileg, daß ich dir nichts übelnahm, auch wenn du mich mit etwas getroffen hattest. Damals war noch ein Gefühl in mir vorhanden, das sich in letzter Zeit verflüchtigt zu haben scheint, und dieses neue Verhältnis dir gegenüber behagt mir nicht recht.
Ich merkte es deutlich, als ich vom Bahnhof kam und durch diese verschlafene Stadt schlapfte. Im Nachtzug, mit mir allein in einem Abteil, war ich noch von der ungestümen Unrast erfüllt, endlich aus dem Zug zu kommen, um dich so schnell wie möglich wiederzusehen. Ich weiß nicht, was mir in den Wochen seit meinem Selbstmordentschluß dauernd im Kopf herumgeschwirrt ist, das mir dieses letzte Wiedersehen mit dir so ungemein wichtig erscheinen ließ. Mir war wohl, als ich endlich die Entscheidung getroffen hatte, mich zu erschießen. Ich war davon überzeugt, es nur tun zu können, nachdem ich dich noch ein letztes Mal gesehen hätte. Doch als ich da war, fehlte mir die Fähigkeit, noch so zu empfinden. Ein leerer Fleck war plötzlich in meinen Erinnerungen. Ich kenne nicht die Gründe dafür, doch die Einstellung, mit der ich zu diesem letzten Wiedersehen kam, schlug immer stärker ins Gegenteil um, je weiter ich mich vom Bahnhof entfernte. Daß ich mir nun wie eine gemeine, niederträchtige Kanalratte vorkomme, die gekommen ist, um dir weh zu tun, weil die Erinnerung an meine Kindheit mich plötzlich dazu zwang.
Mein Leben hat sich arg entwickelt. Ich weiß das, ohne dabei etwas zu fühlen. Es tut mir nichts leid, was ich jemals tat. Es kümmert mich auch nicht, was mir heute noch bevorsteht. Es ist keine Gleichgültigkeit. Seit dem Selbstmordentschluß hindert mich etwas daran, daß die Außenstimmen zu mir vordringen. Eine merkwürdige Empfindung ist das. Als würde ich mit mir einen Kadaver herumtragen, der mich zwar nicht bedrückt oder vergiftet, aber unnütz Platz in meiner Brust einnimmt. Um mir dauernd bewußt zu machen, daß er noch immer vorhanden ist.
Es ist nun bedeutungslos, könnte man sagen, doch das stimmt nicht. Es läßt sich nicht verhindern, daß ich fortgesetzt dieses Unbehagen in mir spüre. Denn so wollte ich nie sterben.
Als ich vorhin bei dir in der Küche stand, mußte ich daran denken, wie seltsam und abartig mein Verhalten auf mich wirkt. Als würde ich, weil ich mich für den Tod entschieden habe, von einer Sucht getrieben, vor meinem Abgang noch die Weiterlebenden bis aufs Blut zu quälen. Doch kann auch das nicht stimmen, denn ich empfinde keinerlei Befriedigung dabei. Es ist eher wie mit den Mathematikaufgaben, die ich im Gymnasium meist mangelhaft bewältigte und deren Lösung mich auf einmal heftig interessiert. Ich stehe da wie eine Kamera, die dich und Großmutter beobachtet. Mich zu erschießen bleibt nach wie vor der einzige jetzt noch gangbare Weg. Es gibt nun kein Zurück mehr. Den Weg zurück habe ich mir sorgfältig verbaut, um zu verhindern, daß ich im letzten Augenblick vor dem zurückschrecke, was ich vor Wochen schon bei mir selbst beantragte.
„Großvater, der Wald da oben ist wunderschön.“
Ich sage das, obwohl uns die Küchentür trennt und meine Gedanken nicht zu dir hinausdringen werden. Ich sage es auch deshalb, weil wir vor langer Zeit dort oben einmal äußerst glücklich waren. Unter anderen Umständen. Jünger, unbelasteter, zu einer Zeit, als Mama noch lebte und wir beide unsere Sonntagsspaziergänge im Mischwald machten. Erinnerst du dich noch daran? Wie glücklich wir da oben im Mischwald waren! Bei den Fichten, den schlanken Silbertannen und den Lärchen in ihrem zarten Grün. Bei den Birken, die den Frühling signalisierten. Oder bei unserem Platz unter den Rotbuchen und bei den weiter unten stehenden Trauerweiden, deren biegsame, dünne Ästchen breitausladend bis knapp auf den Boden herabhingen. Hier machten wir, fern vom Gekläff des Alltags, gemeinsam unsere unvergeßlichen, wunderbaren Spaziergänge. Von allen Nichtigkeiten weit entfernt.
Stets gab es für mich dort oben Neues und Unbekanntes zu entdecken. Ich liebte diese Stunden damals so wie dich.
„Der Kleine liebt die Ehrlichkeit“, sagtest du immer, wenn du mich wegen meines ungezügelten, respektlosen Verhaltens gegenüber den anderen verteidigt hast. Wie unbeschwert und glücklich war ich da, wenn wir dort oben alleine waren. Merkwürdig, wenn ich nun hinauf zu unserem Aussichtsplatz sehe, fühle ich wieder hinter jedem Baum, an den schmalen Bachrinnen, die sich in den Waldboden fressen, die Erfüllung von damals. Dort oben, wo modriger und frischer Geruch sich wie ein Sinnbild ständigen Lebens und Sterbens miteinander verbinden. Ich wünschte mir jedesmal, das für ewig festhalten zu können. All diese einzigartigen, unvergänglichen Sekundenbruchteile. Den Blick in deine Augen. Das Staunen vor dem Schloß. Die Neugierde beim Beobachten der Forellen, Äschen, Barben am Schloßteich hinten. Den Geruch blühender Haselnußstauden und der warmen Walderde.
Doch meine Stimmungen und Gefühle waren stets wie Zigeuner. Niemals irgendwo seßhaft, kamen sie unerwartet, verzauberten mich und verschwanden über Nacht wieder, daß ich mich tags darauf fragte: Habe ich das wirklich nur geträumt, oder?
„Was sagst du da, ich wäre ein Querulant?“ unterbrach ich Großmutter forsch. Mit dem Blick eines Jägers, der seine Beute fixiert. Ihre Augen, jede Mundbewegung, ihre nervös über das Batisttischtuch krabbelnden Finger mit meinen Blicken einfangend. Ruhig sprechend, mit einem drohenden Unterton in der Stimme, doch ohne Reaktion zu zeigen. Um deutlich zu erkennen, was nun folgen würde. Im Ton einer verdeckten Drohung dann: „Ich könnte jetzt sagen: Nimm das sofort zurück oder du wirst es bereuen! Doch ich tu so was nicht. Ich möchte lieber, daß du dich der vielen Tage erinnerst, an denen hier im ‚Richtsaal‘ durch dein Zutun Familiengeschichte gemacht wurde. In den seltensten Fällen zum Vorteil der Betroffenen.
Du warst die ganzen Jahre über die Querulantin, die eifersüchtig darüber wachte, daß Harmonie ja nicht zulange hielt. Um dir nicht die Gelegenheit zu rauben, fortwährend deine Unersetzlichkeit unter Beweis stellen zu können. Du hast die Leute bei uns gegeneinander ausgespielt, um nachher vermitteln zu können, Friedensstifterin zu sein. Und du warst immer sehr groß darin, wenn es darum ging, der Verwandtschaft frühzeitig das Denken zu vernebeln, so daß sie von deiner Unentbehrlichkeit überzeugt war. Dein Spiel war immer, Menschen von dir abhängig zu machen. Es ist kein Zufall, daß gerade ich so oft mit dir Zusammenstöße hatte. Genau wie Mama. Wir beide waren die einzigen in eurer Familiensülze, die du mit der prächtigen Verpackung deiner Drohungen niemals blenden konntest. Und wir bekamen ja für unseren Ungehorsam dann auch prompt die Rechnung durch das Familientribunal unter deinem Vorsitz. Es ekelt mich bei der Erinnerung, wie du unter dieser zerstrittenen Sippschaft Jahr für Jahr jeweils den Heuchelfrieden festlegtest. Termingerecht zu Weihnachten, die Tage vom Heiligen Abend bis Dreikönig. Oder wenn alle im Urlaub hier zusammenkamen. Da wurde eitel Friede vorgetäuscht, nur weil du es so wolltest. An diesen Tagen beriet man sich, spielte sich gegenseitig Meinungen zu. Als bestünde unter allen eine starke gegenseitige Zuneigung. Das war die von dir gezüchtete Schwüle der Begegnungen, in der viel zu selten ein ehrliches Wort fiel. In einem solchen Großfamiliensumpf war ich begreiflicherweise nicht recht am Platz. Man konnte da keinen brauchen, der sich bereits als Kind um eure Um-des-lieben-Friedens-willen-Kompromisse einen feuchten Dreck kümmerte. Der nicht stillhielt, sondern den Haufen aus weihnachtlicher Einkehr aufscheuchte und angriff. Ich mache kein Hehl daraus, daß es stets meine Absicht war, mehrere Torpedos breitseits in dieses Pharisäerboot hineinlaufen zu lassen. Daß ich, soweit es die Beziehungen zu euch betraf, diese Familienfregatte liebend gern und eiskalt versenken wollte.“ „Du bist ja tatsächlich meschugge. Man sieht genau, daß man dich nicht ernst nehmen kann. Aus dir spricht ein kranker Geist aus Haß, Zerstörungslust und Hinterlist. Ganz wie ich das immer schon von dir gesagt habe.“
Sie versuchte, abfällig zu wirken, und es gelang ihr gut. Sie traf mich damit. Sie war eine gewiefte Taktikerin, und ich mußte jetzt versuchen, ihr meine Betroffenheit zu verheimlichen. Ich kannte ihre Reaktion. Wenn ihr Gespür eine Schwachstelle beim Gegner ahnte, stieß sie unbarmherzig nach. Nicht ernstgenommen zu werden, das war der Boden, auf dem die Aggressionen meiner Kindheit wucherten. Was sie da vorhin gesagt hatte, war mir in keiner Weise gleichgültig. Zu gut erinnerte ich mich der Zeit nach meiner Rückkehr aus der Psychiatrie, wo ich auf jede kleinste, ungewollte, noch so entfernte Bemerkung mit eisigem Zerstörungsdenken reagiert hatte, wenn es mir so vorkam, als würde mir einer Geisteskrankheit unterstellen. Sie hatte das genau mitbekommen und wußte, daß es mir weh tat. Ich wollte sie angreifen, ohne daß mir aufgefallen wäre, daß ich mich bereits verteidigte.
„Ich gebe dir den Rat, sag so etwas kein zweites Mal! Du täuschst dich schwer, wenn du glaubst, du könntest es dir leisten, mich nicht ernst zu nehmen. Ich war niemals ein Harlekin und werde auch in meinen letzten Stunden keiner sein. Wenn du mich weiterhin herausforderst, könnte es schon passieren, daß mein kranker Geist, wie du es ausgedrückt hast, sich noch so manches einfallen läßt, das dir die Hölle heiß macht. Daß du dir wünschst, du wärest nie geboren worden. Denk nur an die Pistole. Ich war um Lösungen im Kampf mit meinen Feinden niemals verlegen. Doch warum sage ich dir das? Beachte lieber meine Warnung, sonst stirbt heute vielleicht noch jemand, der im Moment von all dem noch gar nichts weiß!“
„Schrecklich bist du geworden. Du sprichst mit mir, als wärst du mein Mörder“, sagte sie leise, angsterfüllt, mit aufeinandergepreßten Lippen. Sie hatte nun einen Gesichtsausdruck, den ich mir von vielen früheren Streitereien eingeprägt hatte. Da mischte sich leidendes Nachtragen mit tiefster Betroffenheit, verdeckt von Überheblichkeit, und verlieh ihr einen widerlichen Ausdruck, wie ihn manchmal stolzes Märtyrertum erzeugt. Nichts anderes bezweckend, als beim Gegner Gewissensbisse hervorzurufen, die bei mir aber ausblieben.
„Stimmt, du kannst mir alles zutrauen“, sagte ich. „Es wird daher wohl besser sein, du nimmst mich ernst. Und sprich ja nicht noch einmal von meinem kranken Geist. Es könnt’ dein letzter Satz gewesen sein. Die Toten haben nichts davon, ob sie ein Geisteskranker oder ein Normaler umlegt. Bedenk das gut!“
Sie verharrte einige Minuten in schweigsamer Betroffenheit. Man merkte, wie ihr Gedankenfaden riß und sie verkrampft nach einem neuen Ansatzpunkt Ausschau hielt, fast körperlich konnte man die bleierne Befangenheit spüren, die sie umfing. Bis auf die Augen, die immer noch neugierig aus den Höhlen starrten. Bemüht, über ihre Vermutungen und Ahnungen hinauszugelangen, um aus mir herauszuholen, was sich während des letzten Jahres in Wien nur getan haben mochte, das dieses Abgleiten zu einem derart asozialen Element herbeigeführt hatte.
Das vergangene Jahr war für mich zersetzend. Das Leben in Wien, abseits des Heurigen, abseits einer nicht bestehenden Walzerseligkeit Ohne Blick auf die Lipizzaner. Ohne Kaffee bei Sacher oder Demel. Ohne Zeitung oder Illustrierte. Es schien ein Jahr der Alltagsroutine zu werden, wie viele andere zuvor. In Wirklichkeit war es ein Jahr, vergleichbar nur mit einem Hausabbruch.
Stadtbahn morgens. Rückkehr abends. Der Dienstweg ins Finanzministerium, Himmelpfortgasse 2-8. Dann Mittagessen in der Kantine des Handelsministeriums. Ein kurzer Abstecher durch den Stadtpark. Manchmal ein Kleiner Brauner in der Aida. Mehrmals wöchentlich ein Gang ins Dorotheum zu den Bücherversteigerungen. Dann wieder Dienst. Die öden Nachmittage im Büro. Nüchtern, sachlich, die typische Atmosphäre einer Abteilung für Rechtsmittelangelegenheiten. Stets in Gesellschaft von Gesetzen. Ein Tisch, auf dem Bundesabgabenordnung, Finanzstrafgesetz, AHG, Zollgesetz 1955, Umsatzsteuergesetz und ein Stoß Erlässe sich stapelten. Ohnehin von niemandem gelesen, wenn es nicht gerade die Arbeit nötig machte. In einem Raum ohne Parteienverkehr, einsamer als ein Bahnhofswartesaal auf einer Nebenlinie. Gegenüber die mit 5000 braunen Aktenumschlägen vollgepfropfte Wand als täglichen Partner, gegen den man ohnmächtig anarbeitete, ohne ein Zeichen von Erfolg. Abends der Gang zur Stadtbahn. Drängen, Warten, hie und da ein Kontrolleur. Banales, aufgeregtes Tratschen, mürrisches Vor-sich-hin-Dösen auf der Heimfahrt nach Margarethen.
Untermiete bei einer alten, gebrechlichen, alleinstehenden Frau. Zeitweise drangen belanglose Sätze vom Wohnzimmer in mein Kabinett. Die alte Frau sehnte sich nach menschlichem Kontakt, war tagsüber allein, half mir und versuchte, wie eine Mutter zu sein. Ich konnte ihr nicht das Gefühl der Nähe geben, die sie von mir erwartete, weil ich nicht so empfand.
Täglich Fischkonserven, Streichkäse, Leberkäse oder Wurst zum Abendessen. Noch schnell eine Flasche Bier. Was, schon sechs Uhr dreißig? Ich muß in die Maturaschule. Drei Stunden pauken. Zwei Pausen rauchen. Zwei Pausen Alltagsgespräche. Heimkommen. Alleine gehen, alleine kommen, dazwischen einige Begrüßungsworte, Gerede über Dinge, die man jeden zweiten Tag beredet. Interesselos, nur, um Zeit verstreichen zu lassen. Dauernd herumlaufend mit dem Gefühl eines morschen, vor sich hinfaulenden Baumstrunks, der sich immer wieder daran erinnert, daß ihn seine Großmutter und sein Onkel als Vierzehnjährigen in die Psychiatrie gebracht hatten, wo die epileptischen Anfälle aufgetreten waren. Verdrossene Tage bei Sonnenschein. Unlust und Angekotztsein im Novemberregen. Dann kam die Zeit, in der sich der Sohn meiner Hausfrau umzubringen versuchte.
Das erste Mal schnitt er sich die Pulsadern auf und kam in die Psychiatrische am Steinhof. Als er herauskam, kaute er feige an der Anwesenheit des fremden Mannes in seiner Wohnung, der lange schon mit seiner Frau ein Verhältnis unterhielt. Die alte Frau erzählte mir immer diese Geschichten.
Beim zweiten Mal wollte er sichergehen und versuchte es mit einer Ladung Veronal, was wieder nicht ging. Daraufhin behielten sie ihn für längere Zeit in der Klapsmühle. Als er herauskam, zog er überraschend zu uns, wodurch sich meine Stimmung sehr verschlechterte. Ich war zunehmend mit meiner Situation befaßt, als das Geschwür meiner Psychiatrieeinweisung neuerlich aufbrach. Jeden Tag, wenn ich Karl Bauer sah, den gescheiterten Selbstmörder.
Es sträubte sich etwas in mir, dauernd mit den Eiterbeulen anderer konfrontiert zu werden. Jedesmal, wenn ich dieses verängstigte, feige, sich treibenlassende Anpassergesicht sah, machte es mich krank, und ich mußte weg aus der Wohnung. Nur weg aus diesen vier Wänden, in denen ich es mehr und mehr mit der Platzangst zu tun bekam. Ich irrte durch die Stadt, ziellos, und kam dabei auch zu den Huren. Zu den dicken, fülligen, abgestandenen, angeschleimten in der Praterstraße. Zu denen in der Kärntner Straße, die viel teurer waren, ohne mehr als ein Loch zu bieten. Ich ging auch zu denen am Graben, die zur gleichen Preisklasse gehörten. Besuchte das Cafe Renz; das Cafe Budapest, das Cafe Rabe, die alle Hurenlokale waren. Es war dort brandgefährlich. Kein Gelände, um mit den Stoßspielern und Zuhältern ein Spiel zu wagen. Zu den Huren konnte ich nicht zu oft gehen, weil ich sonst vierzehn Tage vor dem Ersten nichts mehr zu fressen hatte. Dieses gefühllose Hinein-Heraus war mir zwar kotzwiderlich, doch immer erst, wenn es vorbei war. Ich weiß nicht, was ich mir davon erwartete, es brachte jedenfalls etwas, das ich nicht suchte.
Dafür nahm meine Unruhe mit jedem Tag weiter zu. Kribbelig, wie beim Berühren eines elektrischen Viehzaunes, breitete sie sich in mir aus, bis ich mich zum Platzen fühlte und es nicht mehr länger ertrug. Ich ging mich besaufen, verschlief darauf am nächsten Tag. Immer häufiger kam eine Vorladung zur Personalabteilung. Eine Rüge durch Oberfinanzrat Dr. Fischer. Eine neuerliche Rüge. Eine ernste Ermahnung.
Ich tat es immer wieder, obwohl ich meistens ohnehin kotzen mußte, wenn ich zuviel trank. Die Hausfrau begann zu zetern und hielt mir vor, ich hätte mich zuwenig um sie gekümmert. Sie suchte nun bei ihrem Sohn Verständnis in ihrer Einsamkeit, der sie umgekehrt mit seiner wehleidigen Jammerei krankflennte. In dieser Zeit unterliefen mir zunehmend häufiger unüberlegte Hauruckentscheidungen. Zu oft schlief die Vernunft. Gegen Jahresende wurde es immer unangenehmer, weil ich mich in Wien nicht mehr wohl fühlte. Das zog sich bis in die erste Hälfte des nächsten Jahres hinein, als ich mit der Maturaschule fast fertig war, sämtliche Vorprüfungen mit „Sehr gut“ absolviert hatte und nur noch die Abschlußprüfung ausstand. Doch mich verdroß es, und eigentlich grundlos entschied ich mich dafür, aufzuhören. Ich wollte nicht mehr, war der unnützen Lernerei überdrüssig. Ging nun lieber ins Cafe an der Ecke oder in das Beisl bei der Stadtbahnstation unten. Besser wurde es dadurch allerdings nicht. Jetzt hatte ich Zeit, wodurch mir mit den Monaten immer klarer wurde, was die zu Hause getan hatten, als sie mich hinter die Mauern der Psychiatrie versetzten. Ich dachte nun öfter daran, Schwermut und Resignation breiteten sich in mir aus. Bis ich es abermals nicht mehr aushielt und trinken gehen mußte. Bald lebte ich unter ziemlichen Geldschwierigkeiten. Um weiterzumachen, versetzte ich nach und nach alles im Dorotheum. Meine Bücher, das Radio, die Schreibmaschine.
Fast ein Jahr ist es her, daß ich weiß, wer mich damals hineingebracht hat. Dieser Gedanke beschäftigte mich immer stärker, geisterte durch meine Träume, schlich sich in die Arbeitsstunden und blähte sich auf. Er wurde immer wichtiger, obwohl es mir gar nichts nützte, das zu wissen.
Als Folge der seinerzeit verhauten Luftfüllung traten epileptische Anfälle auf, die mich auch jetzt noch oft genug von den Beinen holten. Manchmal füllten sie mich blitzschnell wie einen Alleebaum, dann wieder ließen sie mich einige Meter quer über die Fahrbahn torkeln, oder sie überraschten mich morgens in der Wohnung, wo mich die anderen danach ins Bett legten. Dann wieder passierte es auf offener Straße, und ich kam erst bei der Rettung oder im Krankenhaus zu mir. Meistens verletzte ich mich, hatte die obligaten Wundnähte über dem linken Auge. Auch die Zeit, die ich am Wochenende in den Parks verbrachte, heiterte mich nicht auf. In dieser kurzen Zeit verlor ich alle Lebenslust, alle Initiative und jedes Interesse an was auch immer.
So kann es nicht weitergehen, sagte ich mir. Dann kamen wieder die schrecklichen Nächte ohne Schlaf. Mit verschwitztem Nachtgewand und säuerlich um die Nase ziehendem Schweißgeruch. Nach einiger Zeit wurde ich so stumpf, öde und brach, daß ich nicht einmal den Körpergeruch als störend empfand. Da interessierten mich nur mehr die Erlebnisse, die mein Leben auf den Kopf gestellt hatten.
Das Hinschlachten der Kosaken in den ersten Nachkriegstagen. Mamas Beine, die vor meinen Augen von Elmar auseinandergerissen wurden. Auf dem schwangeren Bauch erdrückte Großmutter mit ihrem Körper den Embryo, den Fünfmonats-Fötus in Mama. Dabei kroch die Angst in mir täglich einige Zentimeter höher. Sie wird bald ihre Polypenarme an meinem Hirn festsaugen und mich in den Wahnsinn hinabschlürfen, da ich so lahm bin. Ich möchte etwas dagegen tun, bin aber nicht dazu fähig. Wie lange ich wohl diesen Hausabbruch noch weiterdulden werde, der mich wahnsinnig macht, besonders in den Nächten! Ich sollte wirklich etwas dagegen tun, doch was? Täglich drückte sich das verhaßte Gesicht des gescheiterten Zweifachselbstmörders in einem Selbsterguß aus Jammerei und Mitleid um mich herum, und es setzte mich dermaßen unter Druck, daß endlich etwas geschehen mußte. Ich werde das gleiche tun, was der zweimal dilettantisch und erfolglos versucht hat, beschloß ich da, aber ich werde es nicht nur besser, sondern absolut sicher machen. Bei mir wird es keinen Zufall geben.
Dazwischen ließ ich einige Tage mit Überlegen vergehen. Ging verschiedene Todesarten durch, von denen mir keine sicher genug schien. Trieb ein absurdes Gedankenspiel mit den ausgefallensten Ideen, die jedoch alle einer ernsteren Prüfung nicht standhielten. Irgendwie kam mir eines Tages die Idee mit der Pistole, und rein zufällig traf ich in der Mariahilferstraße diesen Typ aus der Maturaschule wieder, bei dem ich so ein Ding einmal gesehen hatte. Mir erschien er vergammelt, obwohl ich vermutlich noch ärger aussah. Ich sprach ihn ohne Umweg darauf an.
„Du kannst sie haben“, sagte er.
„Ich habe nicht besonders viel Geld.“
„Ich gebe sie dir billiger, weil wir befreundet sind. Wenn du das Geld dabeihast, kannst du gleich mitkommen.“
„Ja, ist gut“, sagte ich, ohne auch nur nach dem Preis zu fragen. Als ich die Pistole hatte, verließ mich die Angst so urplötzlich, wie sie gekommen war. Es genügte mir zu wissen, daß ich mich umbringen würde. Es war mir nun nicht mehr eilig damit.
Zuerst begann ich, meine Identität zu löschen. Beseitigte alles, das irgendwie an mich erinnern könnte. Warf die abgetragenen Kleider weg, verbrannte den Reisepaß, die Zeugnisse und sonstigen Papiere.
Mir war jetzt unerwartet leicht zumute. In den drei Wochen, bevor ich am Südbahnhof in den Zug nach Lienz stieg, konnte ich sogar wieder schlafen. Ich verschlief die meisten Tage und ging dafür häufiger ohne Entschuldigung nicht arbeiten. Drei Tage ohne ärztliche Bestätigung ging durch. Es war mir gleichgültig, ob mein häufiges unentschuldigtes Fernbleiben auffiel oder nicht. Damit hatte ich nichts mehr zu tun. Wie träg der Gang der Bürokratie in einem solchen Monsterapparat auch ist, sie werden es irgendwann bemerken. Wahrscheinlich erst, wenn es mich längst nicht mehr gibt oder wenn ich auf dem Weg nach Lienz bin, um Großvater zu sehen.
Von all dem wußte Großmutter nichts, und sie sollte es auch in diesen letzten Stunden nicht erfahren. Deshalb verstand sie auch nicht, daß ihr Reden sinnlos bleiben mußte. Wenn sie sich abrackern will, soll sie es tun. Ich werde sie daran nicht hindern, aber jagen werde ich sie.
„Jetzt haben wir das Malheur mit dir. Und nur deshalb, weil dir deine Mutter alles durchgehen ließ und alles, was geschah, immer als ein dir zugefügtes Unrecht hinstellte. Wenn das nicht so gekommen wär, hätten wir uns einen Großteil der Scherereien mit deiner Sturheit und Bösartigkeit ersparen können!“
Wütend schlug ich mit der Faust in ihr Gerede, daß sie aufschreckte, wieder diesen angsterfüllten Blick in den Augen hatte und sich furchtsam an die Sessellehne klammerte.
„Laß du ja Mama aus dem Spiel, und laß dir nicht einfallen, über sie irgend etwas Schlechtes zu sagen. Ihr seid so miserabel, feig und widerlich, daß mir speiübel wird, wenn ich dir nur zuhöre. Sieh dort hinüber auf das Bord am Sekretär. Was steht denn dort? Es ist die letzte Aufnahme von ihr, die ich kurz vor der Abreise gemacht habe. Das seh ich heut zum erstenmal. Ich bin der älteste Sohn, doch von euch hat es niemand der Mühe wert gefunden, mir davon eine Vergrößerung zu schicken. Gewiß nicht zufällig. Ihr wolltet mir eins auswischen. Vergessen habt ihr das auf keinen Fall. Wehtun wolltet ihr mir. Mit den altbekannten Methoden eurer heuchlerischen Ehrlichkeit, die bei euch unter dem Prädikat ‚um der Gerechtigkeit willen‘ gehandelt wird. Nun brauch ich es nicht mehr, es ist zu spät dazu. Denn heute kann ich nichts mitnehmen. Nicht mal Mama.“
Mama. Das war die wunderbarste Frau der Welt. Mama war für mich schon als Kind nie nur die Mutter. Mama war immer auch die Frau für mich. Nicht irgendeine, sondern die einzige, die ich jemals geliebt habe. Mama, das waren der Rausch der Leidenschaft und die zärtlich über die Haut streichelnden Fingerspitzen. Das waren tiefblaue Augen. Ein Mund, der so charmant lächeln konnte, daß er mich wie ein Magnet anzog.
Mama war das Aufbäumen gegen den Widerstand. Courage und direktes Zusteuern auf Konfrontation, ohne um etwas einen Bogen zu machen. Ich weiß das, als würde es jetzt geschehen. Nur kann ich nichts von dem mehr nachvollziehen, wie sehr ich mich auch bemühe. Dieses Gefühl von früher kommt nie mehr zurück. Ich weiß nur, daß es so gewesen ist und daß es wunderbar war. Daß es die einzigen Minuten und Stunden waren, in denen ich mich ganz in Liebe auflösen konnte. Was später nie mehr gelang. Ich sehe sie vor mir. Wie sie sich von Zeit zu Zeit durch die Locken ihres braunen Haares fährt, das ihr ständig in die rechte Stirnseite fällt. Wie sie mit der Impulsivität eines Wildpferdes eigenwillig den Kopf zur Seite wirft, daß sich einen Moment die Frisur auflöst, ihre Locken ausbrechen und ihr Gesicht einen kurzen Augenblick lang diesen fremdartigen, vor Lust verzückten Ausdruck bekommt. Wie eine Sambatänzerin beim Carneval in Rio. So war Mama. Zu Hause konnte ich ohne weiteres mit meinen Armen deinen Leib umfassen und darauf warten, von dir wie eine Gitarre an den Körper geschmiegt zu werden. Ich mochte das sehr. Wenn ich als Kind den Kopf hochreckte, um mit den Lippen dein Gesicht zu erreichen, kam ich dort vorbei, wo man den Gegendruck deiner straffen, festen Brüste am stärksten spürte. Mama, die Sucht nach dir war übermächtig. Dieser Gedanke ließ mich selbst bei den Spaziergängen mit Großvater nie los. Ich dachte noch oben im Wald an dich, der mich den ganzen Weg vom Schloß hinauf bereits in seinen Bann gezogen hatte. Dort, wo die Lärchen bis zu den Baumspitzen von einem neblig-dunstigen Sonnenbrand verschleiert waren, da sah ich dein Gesicht. Beim Anblick des Lichtschleiers mußte ich jedesmal an dich denken, an die gemusterte Georgettebluse, die Großmutter und die anderen so empörte wegen des tiefen Dekolletes. Sie ist zauberhaft schön, unvergleichlich, wunderbar, ungemein schön! dachte ich dann immer.
Manchmal senkte ich den Kopf, sah unter den Augenbrauen tief hervor und beobachtete dich für lange Zeit. Sah dich einfach nur an und spürte dabei in mir das heiße Sprudeln wie aus Tausenden von Geysiren in die Höhe schießen. Deine Augen unterhielten sich mit mir in einer Sprache, die außer uns niemand verstand.
Dann kam dieser verhängnisvolle Ostermontag.
Umarmen, küssen, einander umklammern in angstvoller Ahnung, als würden wir uns zum letztenmal sehen.
Ein Stück Autobahn im Abenddunkel, ein zu Schrott gerammter Kleinwagen, eine Blutlache auf dem Asphalt, und auf einmal gab es dich nicht mehr. Man sagte mir am nächsten Tag, du wärest tot. Das hat einen entsetzlichen Krater in mich gerissen. Wenn du noch leben würdest, hätte ich den Tiefschlag der Psychiatrieeinweisung sicherlich besser überstanden. Für wen sollte ich nun weiterleben?
Wir saßen schon seit geraumer Zeit am Ausziehtisch aus Rio-Palisander. Jeder bemüht, den Widerstand des anderen zu brechen. Ihn zu zermürben, bis einer das Feld als Geschlagener verlassen würde. Großmutter beherrschte wie niemand sonst auf souveräne Art die Kunst, geschickt Eigenverschulden als Aufopferung und Selbstlosigkeit zu tarnen und Schwächen raffiniert in Charakterstärke umzumünzen. Sie war beweglich, redegewandt, aufmerksam und eine unerhört zähe Gegnerin, die sanft wie eine Katze mit verborgenen scharfen Krallen angriff. Von einem nahezu krankhaften Willen besessen, auf jeden Fall die Oberhand zu behalten.
Geriet sie dabei in die Klemme, machte sie stets einen bewährten Rückgriff auf Vergangenes, um damit ihren Widerpart mit Geschehnissen zu beschäftigen, die in längst ausgebleichten Erinnerungsschubladen lagen. So daß man zumindest zu vermuten anfing, es könnte sich so zugetragen haben, wie sie es behauptete. Doch für mich war das Leben abgeschlossen, ich hatte auf nichts Rücksicht zu nehmen, und war entschlossen, sie klein zu kriegen und ihre Erinnerung an solchen Stellen aufzufrischen.
Sie sagte überzeugt: „Es hat mit dir dauernd nur Scherereien gegeben. Du konntest dich nie wie andere anpassen. Fast kommt es mir vor, als wärest du von einer Sucht befallen, immer und überall Unfrieden zu stiften. Wundere dich daher nicht, daß du auch die Folgen ertragen mußt. Was haben wir nicht alles versucht, um dir das Leben leichter zu machen! Wie lange haben wir gehofft, daß du eines Tages Vernunft annehmen würdest. Aber nein, du wolltest ja etwas anderes. Dauernd hast du Vorwände gefunden, um Keile zwischen unsere Leute zu treiben und dich dann zynisch dran zu freuen, wenn sich die anderen zerstritten. Du konntest nie in Frieden leben, und das hat sich von Jahr zu Jahr nur mehr verschlechtert.“
„Hör auf mit deiner Predigt. Das alles habe ich schon tausendmal gehört. Die alte Leier ist langweilig. Was wirfst du mir sonst noch vor?“
