Gesammelte Werke: Romane + Erzählungen - Robert Louis Stevenson - E-Book

Gesammelte Werke: Romane + Erzählungen E-Book

Robert Louis Stevenson

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Beschreibung

In "Gesammelte Werke: Romane + Erzählungen" versammelt Robert Louis Stevenson eine Auswahl seiner bedeutendsten literarischen Schöpfungen, die sowohl das Genre des Romans als auch die Kunst der Erzählung umfassen. Der Band bietet einen tiefen Einblick in Stevensons facettenreiche Perspektive, die von abenteuerlichen Erzählungen wie "Der seltsame Fall des Dr. Jekyll und Mr. Hyde" bis hin zu seinen poetischen Erzählsträngen reicht. Die Prosa ist geprägt von einem präzisen, einnehmenden Stil, der den Leser in die verschiedenen psychologischen und moralischen Konflikte der Charaktere hineinzieht und die spannende Verbindung von ethischen Dilemmata und menschlicher Natur beleuchtet. Dies macht das Werk nicht nur zur Unterhaltung, sondern auch zu einer tiefgehenden Erkundung der menschlichen Psyche im Kontext der viktorianischen Gesellschaft. Robert Louis Stevenson, ein schottischer Schriftsteller des 19. Jahrhunderts, gilt als einer der bedeutendsten Romanciers seiner Zeit. Seine Erfahrungen als reiselustiger Abenteurer und Gesundheitsprobleme prägten seine literarische Arbeit und verliehen seinen Geschichten oft eine melancholische und zugleich abenteuerliche Note. Stevensons Kindheit, seine Liebe zur Erzählkunst und sein Streben, tiefere Wahrheiten über das menschliche Verhalten zu erforschen, ergaben einen einzigartigen biografischen Hintergrund, der seine Werke nachhaltig beeinflusste. "Gesammelte Werke: Romane + Erzählungen" ist eine lohnende Lektüre für alle, die sich für die Feinheiten der menschlichen Natur und die moralischen Fragestellungen interessieren, die Stevenson meisterhaft thematisiert. Ob als neu entdeckte Gemälde der Literatur oder als Rückkehr zu vertrauten Lieblingsgeschichten – dieses Buch ist ein Muss für Literaturenthusiasten und bietet tiefen Genuss sowie reichlich Stoff zum Nachdenken. In dieser bereicherten Ausgabe haben wir mit großer Sorgfalt zusätzlichen Mehrwert für Ihr Leseerlebnis geschaffen: - Eine umfassende Einführung skizziert die verbindenden Merkmale, Themen oder stilistischen Entwicklungen dieser ausgewählten Werke. - Die Autorenbiografie hebt persönliche Meilensteine und literarische Einflüsse hervor, die das gesamte Schaffen prägen. - Ein Abschnitt zum historischen Kontext verortet die Werke in ihrer Epoche – soziale Strömungen, kulturelle Trends und Schlüsselerlebnisse, die ihrer Entstehung zugrunde liegen. - Eine knappe Synopsis (Auswahl) gibt einen zugänglichen Überblick über die enthaltenen Texte und hilft dabei, Handlungsverläufe und Hauptideen zu erfassen, ohne wichtige Wendepunkte zu verraten. - Eine vereinheitlichende Analyse untersucht wiederkehrende Motive und charakteristische Stilmittel in der Sammlung, verbindet die Erzählungen miteinander und beleuchtet zugleich die individuellen Stärken der einzelnen Werke. - Reflexionsfragen regen zu einer tieferen Auseinandersetzung mit der übergreifenden Botschaft des Autors an und laden dazu ein, Bezüge zwischen den verschiedenen Texten herzustellen sowie sie in einen modernen Kontext zu setzen. - Abschließend fassen unsere handverlesenen unvergesslichen Zitate zentrale Aussagen und Wendepunkte zusammen und verdeutlichen so die Kernthemen der gesamten Sammlung.

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Veröffentlichungsjahr: 2024

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Robert Louis Stevenson

Gesammelte Werke: Romane + Erzählungen

Bereicherte Ausgabe. Eine literarische Reise durch Abenteuer und Grusel
In dieser bereicherten Ausgabe haben wir mit großer Sorgfalt zusätzlichen Mehrwert für Ihr Leseerlebnis geschaffen
Einführung, Studien und Kommentare von Sterling Hale
Bearbeitet und veröffentlicht von Good Press, 2023
EAN 8596547799825

Inhaltsverzeichnis

Einführung
Autorenbiografie
Historischer Kontext
Synopsis (Auswahl)
Gesammelte Werke: Romane + Erzählungen
Analyse
Reflexion
Unvergessliche Zitate

Einführung

Inhaltsverzeichnis

Diese Ausgabe versammelt maßgebliche Romane und Erzählungen Robert Louis Stevensons in einer konzentrierten Auswahl. Ziel ist es, die Spannweite seines erzählerischen Könnens sichtbar zu machen: von der klassischen Abenteuergeschichte über psychologisch verdichtete Novellen bis zu historischen Stoffen und Südsee-Erzählungen. Die Sammlung folgt dem Leitgedanken, zentrale Prosawerke in einem Band zugänglich zu machen und dadurch den inneren Dialog zwischen den Texten zu eröffnen. Sie richtet sich an Erstleserinnen und Erstleser ebenso wie an Kenner, die Stevensons Themen, Tonlagen und Erzählverfahren in ihrer Vielfalt und Wechselwirkung neu entdecken möchten.

Der Umfang konzentriert sich bewusst auf Romane und kürzere Prosatexte. Enthalten sind Abenteuer- und Entwicklungsromane, psychologische und phantastische Novellen, urbane Rätsel- und Detektivgeschichten sowie erzählerisch geprägte Südsee-Stoffe. Ergänzt wird dies durch ein Werk der Reiseliteratur, das in essayistischer Nähe Beobachtung und Erinnerung verbindet. Nicht intendiert ist eine vollständige Werkausgabe über alle Gattungen, sondern eine fokussierte Sicht auf die erzählerische Prosa, die Stevensons internationale Bedeutung begründet hat. So entsteht ein Überblick, der zugleich tief genug ist, um charakteristische Motive und erzählerische Lösungen erfahrbar zu machen.

Die Romane eröffnen das Panorama: Die Schatzinsel modelliert die maritime Abenteuerform mit jugendlicher Perspektive und prägnanten Figuren, deren moralische Grautöne Spannung erzeugen. Der Junker von Ballantrae entfaltet historische Gegensätze und familiäre Loyalitäten unter dem Druck von Ehrbegriffen und Zufall. Die Herren von Hermiston führt in ein strenges schottisches Milieu, in dem Pflicht, Gesetz und Empfindung miteinander ringen. Der seltsame Fall des Dr. Jekyll und Mr. Hyde, als konzentrierte Erzählung gestaltet, erkundet die Spaltung des Selbst und die Versuchungen moderner Großstadtexistenz. Zusammen markieren sie die Bandbreite zwischen äußerem Abenteuer und innerer Konfliktdramatik.

Zwei eng verwobene Zyklen zeigen Stevensons Lust an urbaner Intrige und formaler Verknüpfung: Der Selbstmordklub umfasst die Geschichten Der Selbstmordklub, Der Arzt und der Reisekoffer und Das öde Haus. Hier treten Maskerade, Geheimbünde und moralische Prüfungen in wechselnden Konstellationen auf. Des Rajahs Diamant bündelt Detektivgeschichten wie Frau von Vandeleurs Privatsekretär, Die Geschichte des Gottesmannes und Das Haus mit den grünen Jalousien. Die Figuren bewegen sich in Salons, Straßen und Hinterzimmern, in denen Etikette, Zufall und Berechnung ineinandergreifen. Die zyklische Anlage erlaubt Perspektivwechsel und thematische Spiegelungen, ohne den Reiz der einzelnen Episode zu mindern.

Mit Der Strand von Falesa, Das Flaschenteufelchen und Die Stimmeninsel öffnet sich der Blick in den pazifischen Raum. Das Setting ist exotisch, doch der Zugang bleibt realistisch: Handel, Nähe und Fremdheit, Aberglaube und Pragmatismus, Machtgefälle und persönliche Integrität werden differenziert verhandelt. In den Inselgeschichten verschränken sich Erzählökonomie und atmosphärische Dichte; das Übernatürliche erhält erzählerische Plausibilität, weil es aus der Wahrnehmungswelt der Figuren verstanden wird. Zugleich thematisiert Stevenson das Aufeinandertreffen von Kulturkreisen, ohne einfache Urteile zu fällen. Die See fungiert als Bewegungs- und Prüfungsraum, der Entscheidungen beschleunigt und Konsequenzen sichtbar macht.

Einzelne Erzählungen vertiefen typische Motive in pointierter Form. Markheim verfolgt moralische Selbstbefragung in einer zugespitzten Begegnung. Die tollen Männer verbindet Naturgewalt, Sagenstoff und psychische Obsession an einer schottischen Küste. Will von der Mühle betrachtet Lebenswege unter dem Aspekt stiller Entschlüsse und verpasster Möglichkeiten. Die krumme Janet greift Volksglauben und Dorfgerüchte auf und prüft sie am Licht der Vernunft. Der Schatz von Franchard zeichnet das Verhältnis von Zufall, Besitz und Verantwortung. Diese Stücke sind präzise gebaut, nutzen knappe Schauplätze und erzeugen Wirkung aus Kontrast, Symbolik und der kontrollierten Verknappung von Information.

In der Südsee fügt der Sammlung eine dokumentarische, doch deutlich erzählerische Stimme hinzu. Stevenson beobachtet Alltag, Rituale und politische Rahmenbedingungen auf verschiedenen Inseln und reflektiert dabei auch die eigenen Voraussetzungen des Reisenden. Das Werk ist weniger Fiktion als Erfahrungsbericht, erweitert jedoch die Motivwelt der Erzählungen: Ortswechsel als Bewährungsprobe, das Verhältnis von Gesetz und Brauch, die Ambivalenzen des Kontakts zwischen Kulturen. Die Beschreibungen sind präzise, die Urteile zurückhaltend und situationsbezogen. So entsteht ein Gegenlicht, das die fiktionalen Südsee-Texte erhellt und ihre sorgfältige Balance zwischen Nähe und Distanz nachvollziehbar macht.

Die enthaltenen Genres lassen sich knapp umreißen: Abenteuerroman, historische Romanze, psychologisch-gotische Novelle, urbane Rätsel- und Detektivgeschichte, Sitten- und Inselerzählung sowie Reise- und Erinnerungsprosa. Stevenson nutzt unterschiedliche Erzählhaltungen: mitreißende Ich-Perspektiven, sachlich registrierende Berichte und an mündliche Tradition erinnernde Stimmen. Die Textsorten sind nicht streng getrennt; häufig mischen sich Formelemente, etwa wenn eine Abenteuerhandlung psychologische Vertiefung erhält oder eine Detektivgeschichte soziale Diagnose liefert. Die Sammlung macht sichtbar, wie der Autor Gattungsgrenzen produktiv verschiebt, ohne die Klarheit der Handlung oder die Lesbarkeit zu opfern.

Verbindende Themen strukturieren die Vielfalt: moralische Entscheidung unter Druck, Loyalität und Verrat, der Preis der Freiheit, das Spiel von Zufall und Plan, die Spannung zwischen Gesetz und Gewissen. Wiederkehrend ist die Frage nach Identität und Doppelung – nicht nur im berühmten Großstadtszenario, sondern auch in Brüderkonflikten, Tarnungen und Rollentausch. Besitz und Begehren werden als Prüfstein für Charaktere geführt; Reichtum ist weniger Ziel als Versuchung. Räume sind sinntragend: die See als Übergang, die Stadt als Labyrinth, das Dorf als Resonanzraum von Erinnerung und Gerücht. Das Übernatürliche erscheint kontrolliert, aus psychologischer oder kultureller Logik heraus.

Stilistisch verbindet Stevenson präzise, rhythmische Prosa mit ökonomischem Erzählen. Schauplätze sind plastisch, ohne Überladung, Dialoge funktional und lebendig. Die Kompositionen zeigen Sinn für Symmetrie, Vorausdeutung und Wiederkehr von Motiven. Zyklische Strukturen erlauben Variationen eines Problems, rahmende Szenen geben Halt. In schottischen Texten schimmern Idiom und Klangfarbe durch, was Authentizität schafft, ohne Verständlichkeit zu gefährden. Handlung treibt die Reflexion voran; moralische Fragen entstehen aus Situationen, nicht aus Programmen. So entsteht eine Balance aus Spannung, Atmosphäre und gedanklicher Prägnanz, die den nachhaltigen Eindruck dieser Prosa erklärt.

Als Gesamtheit bleibt dieses Werkensemble bedeutsam, weil es die moderne Unterhaltungsliteratur mit literarischer Formstrenge verbindet. Abenteuer wird nicht gegen Ambivalenz ausgespielt, sondern als Medium für ethische und psychologische Erkundungen genutzt. Viele Motive, Figurenkonstellationen und Verfahren wirken bis in die Populärkultur fort, zugleich hält die sprachliche Genauigkeit der Texte ihre Wirkung im anspruchsvollen Lesen. Die Sammlung erlaubt Vergleichsblicke: Stadt versus Insel, Jugendabenteuer neben späten, herberen Stoffen, zyklisches Erzählen neben kompakten Novellen. Damit eröffnet sie einen Zugang, der Kanonisches bestätigt und weniger Bekanntes mit neuem Licht versieht.

Diese Einführung lädt dazu ein, Stevenson nicht als Lieferanten einzelner Erfolgsstoffe, sondern als Architekten eines vielfältigen Prosagebäudes zu lesen. Wer chronologisch wandert, erkennt Themenentwicklungen; wer thematisch oder nach Schauplätzen greift, sieht Resonanzen über Gattungen hinweg. Die Auswahl ist so gestaltet, dass Einsteiger sofort erzählerische Klarheit finden, während erfahrene Leserinnen und Leser die kompositorische Kunst im Detail schätzen können. Jedes Werk steht für sich, gewinnt jedoch in der Nachbarschaft der anderen an Kontur. So entsteht eine Lektürereise über Meere, Städte und Landschaften, die zugleich ein Nachdenken über Charakter, Wahl und Verantwortung ist.

Autorenbiografie

Inhaltsverzeichnis

Robert Louis Stevenson (1850–1894) war ein schottischer Schriftsteller der späten viktorianischen Epoche, bekannt als Romancier, Essayist, Reiseautor und Lyriker. Sein Rang gründet sich auf erzählerische Spannung, stilistische Präzision und ein ausgeprägtes Interesse an Moral und Identität. Werke wie Treasure Island, Strange Case of Dr Jekyll and Mr Hyde, Kidnapped und A Child’s Garden of Verses machten ihn international berühmt und prägten populäre Vorstellungen von Abenteuer und psychologischer Ambivalenz. Gleichzeitig entwickelte er in Essays und Reisebüchern eine reflektierte Poetik des Erzählens. Seine Vielseitigkeit und sein handwerkliches Bewusstsein verankern ihn dauerhaft im Kanon der Weltliteratur.

Aufgewachsen in Edinburgh, erhielt Stevenson eine Ausbildung an der Universität der Stadt, zunächst in Ingenieurwissenschaften, später in Rechtswissenschaften; zum Anwalt zugelassen, praktizierte er jedoch nicht, sondern wandte sich konsequent dem Schreiben zu. Früh prägten ihn die schottische Erzähltradition, die Prosa des 18. Jahrhunderts, englische Essayisten wie William Hazlitt sowie Autoren wie Daniel Defoe und Edgar Allan Poe. Wichtig waren zudem die Nähe zur französischen Literatur und eine Freundschaft mit Henry James, mit dem er über Realismus und „romance“ korrespondierte. Mentorenfiguren wie der Kritiker Sidney Colvin förderten seine Veröffentlichungstätigkeit und schärften sein Bewusstsein für Form, Ton und Stil.

Seine literarische Laufbahn nahm mit Reiseliteratur und Essays Fahrt auf. An Inland Voyage (1878) und Travels with a Donkey in the Cévennes (1879) verbanden genaue Beobachtung, ironische Selbstdarstellung und eine ethische Sensibilität des Unterwegsseins. Mit Virginibus Puerisque and Other Papers (1881) legte er programmatische Essays über Kunst, Lebensführung und Erzählen vor; New Arabian Nights (1882) zeigte früh seine Geschicklichkeit im Kurzprosabereich. Immer wieder reflektierte Stevenson in theoretischen Stücken, etwa On Some Technical Elements of Style in Literature, Fragen der Satzmusik, der Perspektive und des Tempos. Diese Phase etablierte ihn als stilbewussten, vielseitigen Autor jenseits des bloßen Unterhaltungsetiketts.

Der Durchbruch gelang mit Treasure Island (1883), einem paradigmatischen Abenteuerroman, dessen Figurenzeichnung und Erzählspannung das Genre nachhaltig prägten. A Child’s Garden of Verses (1885) setzte Maßstäbe in der Kinderlyrik durch Klarheit, Musikalität und Ernstnahme kindlicher Wahrnehmung. Mit Strange Case of Dr Jekyll and Mr Hyde (1886) erreichte Stevenson eine Verdichtung seiner Themen: die Doppelbödigkeit des Selbst, Verantwortung und Versuchung; das Werk wurde zu einem kulturellen Bezugspunkt weit über die Literatur hinaus. Ebenfalls 1886 erschien Kidnapped, das historische Konflikte Schottlands mit einer packenden Bildungs- und Fluchtgeschichte verband. Publikumserfolg und kritische Debatten verstärkten sich wechselseitig.

In den späten 1880er- und frühen 1890er-Jahren erweiterte Stevenson sein Spektrum. The Black Arrow (1888) griff spätmittelalterliche Stoffe auf; The Master of Ballantrae (1889) vertiefte Motive von Rivalität, Loyalität und moralischer Zwielichtigkeit. Die Ballads (1890) zeigten seine lyrische und erzählerische Schlagkraft in komprimierter Form. Mit The Wrong Box (1889) und The Wrecker (1892) entstand, in Zusammenarbeit, humorvolle bzw. maritime Spannungsliteratur. Across the Plains (1892) sammelte Reise- und Erinnerungsstücke. Island Nights’ Entertainments (1893), The Beach of Falesá (1892) und The Ebb-Tide (1894) verlagerten den Schauplatz in den Pazifik und verbanden Abenteuer mit scharfer Beobachtung von Handel, Mission und Macht.

Gesundheitliche Belastungen zwangen Stevenson regelmäßig zu Ortswechseln; auf der Suche nach milderem Klima verbrachte er längere Aufenthalte auf dem europäischen Festland, in den USA und schließlich im Südpazifik. In den späten 1880er-Jahren ließ er sich auf Samoa nieder, wo er intensiv schrieb und öffentlich Stellung zu den politischen Verhältnissen bezog. A Footnote to History: Eight Years of Trouble in Samoa (1892) und die später veröffentlichten In the South Seas beleuchten koloniale Spannungen und Alltagsrealitäten der Inselwelt. Lokale Leserinnen und Leser nannten ihn „Tusitala“. Die pazifischen Jahre schärften seine Auseinandersetzung mit Recht, Autorität und kultureller Übersetzung.

Stevenson starb 1894 auf Samoa. Sein Ansehen erlebte im 20. Jahrhundert Schwankungen: teils als brillanter Unterhalter etikettiert, teils als ernsthafter Moralist und Stilkünstler gewürdigt. Forschung und Editionen der späten Jahrzehnte betonen die formale Raffinesse, die diskurskritische Energie seiner Südseeprosa und die psychologische Komplexität seiner Romane. Figuren und Motive seiner Bücher sind zu kulturellen Chiffren geworden; zahlreiche Adaptionen in Theater, Film und populärer Kultur belegen die Reichweite. Heute gilt Stevenson als zentrale Stimme der Spätviktorianik und der schottischen Literatur, deren Werk Abenteuerlust mit ethischer Reflexion verbindet und weiterhin ein weltweites Publikum erreicht.

Historischer Kontext

Inhaltsverzeichnis

Die Lebenszeit Robert Louis Stevensons (1850–1894) fällt in das Hoch- und Spätstadium des Viktorianischen Zeitalters (1837–1901), geprägt von rascher Industrialisierung, imperialer Expansion und einer stark wachsenden Leserschaft. Dampfschiffe, Eisenbahn und Telegraph vernetzten das Empire, während Zeitungen und Magazine die Nachfrage nach seriellen Erzählungen steigerten. Zugleich verschob sich das kulturelle Klima im Fin de Siècle der 1880er und 1890er Jahre zu Dekadenzdebatten, Angst vor sozialem Verfall und Faszination am Übernatürlichen. In dieser Spannung zwischen Fortschritt und Unbehagen formte Stevenson Motive von Abenteuer, moralischer Prüfung und psychologischer Verdopplung, die zahlreiche Romane und Erzählungen seines Œuvres durchziehen.

Stevenson wurde am 13. November 1850 in Edinburgh geboren. Als Sohn des Leuchtturingenieurs Thomas Stevenson (1818–1887) wuchs er in einem technisch und religiös geprägten Milieu auf. Nach Studien an der Universität Edinburgh wandte er sich vom Familienberuf ab, wurde 1875 zwar zum schottischen Advokaten zugelassen, wählte aber die Schriftstellerei als Lebensweg. Reisen durch Frankreich, später nach Amerika, führten 1880 zur Heirat mit Fanny Van de Grift Osbourne in San Francisco. Die Verbindung von schottischer Herkunft und kosmopolitischer Erfahrung prägte Themen, Schauplätze und Figuren vieler Werke, in denen Heimat, Exil und die Begegnung mit Fremdem konsequent miteinander verschränkt sind.

Die Prägungen des presbyterianischen Edinburgh – Sabbatstrenge, Gewissenserforschung, der Nachhall der Kirchenstreitigkeiten um die Disruption von 1843 – bildeten einen Hintergrund für Stevensons Ethik. Fragen nach Sünde, Gnade, Vorsehung und Gewissensnot strukturieren gerade jene Erzählungen, die das Übernatürliche, das Dämonische oder den Aberglauben in ländlichen und städtischen Milieus verhandeln. Calvinistische Schattierungen verbinden sich mit einer Skepsis gegenüber institutionalisierter Frömmigkeit. Daraus entstehen psychologisch vielschichtige Figuren, deren moralische Entscheidungen weniger als Dogmen, denn als existenzielle Prüfungen erscheinen. Die schottische Volkskultur, Predigttraditionen und lokale Legenden werden dabei in eine moderne, literarisch reflektierte Form überführt.

Stevensons wiederkehrende Rückgriffe auf das 18. Jahrhundert knüpfen an die historische Erfahrung des schottischen Jacobitismus an. Der Aufstand von 1745, die folgenden Repressionen und die allmählichen Highland Clearances beeinflussten die kulturelle Imagination des Landes bis weit ins 19. Jahrhundert. Schmugglerküsten, Grenzgesellschaften und die Diaspora nach Nordamerika und Indien bildeten Reservoirs für Erzählstoffe, in denen Loyalität, Familienehre und Überlebenstrieb kollidieren. Die Spannung zwischen Lowlands und Highlands, zwischen Clansrecht und zentralstaatlicher Ordnung, erzeugt Konstellationen, in denen Charaktere aus ihrer Zeit heraus in eine globale Bewegung der Emigration und des Abenteuers hineingezogen werden.

Die rasant wachsenden Metropolen, insbesondere London und das zweigeteilte Edinburgh, bildeten die Bühne für moderne Angstbilder. Gaslicht, Nebel und Arbeiterviertel nährten den urbanen Schauer. Die Londoner Bevölkerung überschritt in den 1880er Jahren vier Millionen; die Whitechapel-Morde von 1888 verdichteten öffentliche Debatten zu Verbrechen, Prostitution und polizeilicher Kontrolle. Das Nebeneinander von Respektabilität und verborgenen Lastern spiegelt sich in Motiven des Doppelgängers und der geteilten Identität. Die topographische Doppelstruktur Edinburghs mit Altstadt und New Town bot zudem ein Modell für räumlich markierte moralische Spaltungen, die in städtischen Erzählungen dramatisch wirksam werden.

Der Aufstieg der Detektiv-, Sensations- und Abenteuerliteratur prägte die literarische Ökonomie der Zeit. Auf Edgar Allan Poe (ab 1841) und Wilkie Collins (The Moonstone, 1868) folgten britische und kontinentale Experimente mit Kriminalfällen und Verschwörungen. Für Stevenson waren Zeitschriften zentrale Publikationsforen: London Magazine, The Cornhill, Longman’s Magazine und andere boten Platz für verknüpfte Geschichtenzyklen, die später in Buchform gesammelt wurden. Zwischen 1878 und 1882 entstanden Erzählkomplexe, die urbane Maskenspiele, aristokratische Intrigen und exotische Objekte verbinden. Der Modus der lose ineinander greifenden Episoden erlaubte es, Figuren und Motive über mehrere Texte hinweg zu variieren.

Parallel etablierte sich ein Markt für Jugendliteratur und Schulabenteuer. Das Magazin Young Folks veröffentlichte 1881–1882 unter dem Pseudonym Captain George North eine berühmte Seefahrer-Erzählung, die 1883 bei Cassell & Company als Buch erschien. Karten, Fahrpläne, Listen und Schiffshierarchien strukturierten den Realismus des Abenteuerplots. Freundschaften mit Schriftstellern wie Andrew Lang und der Kontakt zum Dichter W. E. Henley (1849–1903), dessen physische Präsenz und Sprachkraft als Inspirationsquelle dienten, verstärkten den Hang zu prägnanten, energischen Figuren. So entstanden Abenteuer- und Seegeschichten mit ausgeprägtem Sinn für Handlung, moralische Bewährung und die Materialität des Reisens.

Stevensons fragile Gesundheit – wiederkehrende Lungenprobleme seit der Jugend – führte zu einem Leben der Orte. Ärztlich empfohlene Klimata lenkten ihn in die Alpen und ans Mittelmeer: Aufenthalte in Davos (1881–1882), in Hyères an der Côte d’Azur (1883–1884) sowie in Bournemouth (1884–1887) wechselten mit Phasen intensiver Produktion. 1887 kurte er in Saranac Lake, New York, 1888 erreichte er San Francisco. Die Mobilität, erzwungen und gewählt zugleich, speiste den Reisebericht als Gattung und verschob die Perspektive seiner Fiktion: Heimaten wurden provisorisch, Identitäten verhandelbar, und die Begegnung mit Landschaften geriet zur Prüfung von Charakter und Gewissen.

Die pazifischen Jahre eröffneten eine neue Erfahrungsdimension. 1888 segelte Stevenson mit der Casco von San Francisco zu den Marquesas und nach Tahiti; 1889 führte die Equator ihn zu den Gilbertinseln; 1890 reiste er mit der Janet Nicoll durch die Ellice- und Marshallinseln. Ab 1890 lebte er in Vailima auf Upolu (Samoa). Die Auseinandersetzung mit der lokalen Politik kulminierte in A Footnote to History (1892). Diese Phase prägt pazifische Erzählungen, in denen Handel, Mission, Kolonialverwaltung und indigene Autorität aufeinandertreffen. Sie zeigen die moralische Ambivalenz des Empire an dessen Peripherie und eröffnen Räume für mythische, ökonomische und juristische Konflikte.

Samoa und die Nachbararchipele standen im späten 19. Jahrhundert im Fokus imperialer Rivalität. Der Berliner Vertrag von 1889 und die Tripartite Convention von 1899 rahmten eine Teilungseinflusssphäre zwischen Deutschland, Großbritannien und den USA. Akteure wie Mata’afa Iosefo und Malietoa Laupepa prägten die politischen Auseinandersetzungen, während Koprahandel, Missionsarbeit und koloniale Polizei neue Machtverhältnisse etablierten. In diesem Spannungsfeld entstehen Erzählungen, die Besitz, Schuld und kulturelle Übersetzung thematisieren. Die Begegnung mit polynesischen Erzähltraditionen, Tabus und rituellen Praktiken erweitert dabei die symbolische und moralische Imagination über europäische Erfahrungshorizonte hinaus.

Die intellektuellen Strömungen der Epoche boten Stoff für psychologische und moralische Experimente. Nach Charles Darwins Origin of Species (1859) gewannen Evolution, Vererbung und Degeneration an Deutungskraft. Der Psychiater Henry Maudsley, die Kriminalanthropologie Cesare Lombrosos (1876) und chemisch-pharmakologische Neuerungen prägten ein modernes, zugleich beunruhigendes Bild des Menschen. Der Laborraum und die nächtliche Stadt wurden zu Bühnen der Selbstprüfung. Zahlreiche Erzählungen reflektieren diese Diskurse in Figuren, die zwischen sozialer Rolle und innerem Drang zerrissen sind, und in Handlungen, die Grenzüberschreitungen als medizinisch, juristisch und metaphysisch riskante Akte begreifen.

Schottlands Rechtskultur bot Stevenson Anschauungsmaterial für Autorität und Strafe. Institutionen wie der Court of Session und der High Court of Justiciary, aber auch die Erinnerung an harte Richtergestalten wie Robert MacQueen, Lord Braxfield (1722–1799), beeinflussten die Zeichnung von Macht und Gewissen. Die Abschaffung öffentlicher Hinrichtungen in Großbritannien 1868 verlagerte das Strafritual in verborgene Räume und verschärfte Debatten über Humanität und Abschreckung. In dieser Atmosphäre treten Anwälte, Richter, Polizisten und Gesetzesbrecher als Träger moralischer Konflikte auf, deren Entscheidungen die Grenze zwischen individueller Verantwortung und gesellschaftlicher Ordnung markieren.

Die maritime Kompetenz der Stevenson-Dynastie prägte die nautische Genauigkeit vieler Erzählungen. Robert Stevenson (1772–1850) errichtete 1811 den Bell-Rock-Leuchtturm; Thomas Stevenson perfektionierte Linsen und Signaltechnik. Kartenlesen, Gezeiten, Schiffsdisziplin und Küstengeographie erscheinen bei Robert Louis Stevenson nicht als Kulisse, sondern als Handlungsmotoren. Gleichzeitig spiegelt die globale Handelsflotte des Empire die Beweglichkeit von Waren, Menschen und Ideen. Das Meer wird zum moralischen Prüfstein: Hierarchien an Bord, Meuterei, Sturm und Schiffbruch konfrontieren Figuren mit Loyalität, Habgier und Mut. So verschmelzen technisches Detail, Abenteuerstruktur und ethische Frage zur erzählerischen Einheit.

Frankreich und das kontinentale Europa erweiterten früh den Blick. Die 1878 unternommene Wanderung durch die Cévennen mit dem Esel Modestine, später der Aufenthalt nahe Hyères, öffneten Stevenson für regionale Kulturen, katholische Frömmigkeit und eine Landschaftsästhetik jenseits britischer Schablonen. Die Nachwirkungen des Deutsch-Französischen Krieges von 1870/71, ländliche Armut und lokale Sagen bilden einen Resonanzraum für Erzählungen über Schicksal, Schatz, Verzicht und Wahl. Europäische Täler, Pässe und Küsten treten als Orte der inneren Entscheidung auf, die das Abenteuer nicht als bloße Flucht, sondern als existentielle Selbstprüfung sichtbar machen.

Formell experimentiert Stevenson mit mehrstimmigen Verfahren: Wechsel der Erzähler, eingeschobene Briefe, Zeugenaussagen und Rahmenhandlungen erlauben es, Wahrnehmung zu relativieren und Suspense zu erzeugen. Episodische Zyklen, in Zeitschriften erprobt, wurden später zu in sich geschlossenen Büchern verdichtet. Im Austausch mit Zeitgenossen wie Henry James und Andrew Lang verhandelte er das Verhältnis von Realismus und Romance. Die Zusammenarbeit mit seinem Stiefsohn Lloyd Osbourne in den späten 1880er Jahren schärfte ökonomische und dramaturgische Aspekte der Produktion. So verband er Markttauglichkeit mit ästhetischer Ambition, ohne die moralische Mehrdeutigkeit seiner Stoffe zu glätten.

Die Rezeption war früh multimedial. Theaterbühnen der 1880er Jahre adaptierten populäre Stoffe des Schauer- und Moraldramas; 1887 feierte Thomas Russell Sullivan mit einer Bühnenfassung eines zentralen Doppelgängermotivs Erfolge in Boston und London. Illustrierte Buchausgaben bei Cassell, Grafik in Magazinen und die Presse berichteten parallel über Verbrechen wie die Whitechapel-Morde von 1888, was literarische Bilder gespaltenen Lebens weiter popularisierte. Diese Zirkulation zwischen Bühne, Feuilleton und Leihbibliothek stabilisierte die Präsenz von Motiven wie Versuchung, Maske, Geständnis und Urteil, die quer durch Stevensons Romane und Kurzgeschichten variieren.

Stevenson starb am 3. Dezember 1894 in Vailima, Upolu, und wurde auf dem Mount Vaea über Apia beigesetzt. 1896 erschienen postum das unvollendete schottische Richterdrama und In the South Seas, redigiert von Sidney Colvin und Familienmitgliedern. Sein Nachruhm wuchs durch koloniale Bibliotheksnetze, Schulausgaben und Übersetzungen, unter anderem ins Deutsche und Französische. Als stilprägender Autor verband er schottische Erinnerungskultur, urbane Moderne und pazifische Welterfahrung. So prägte er im späten 19. Jahrhundert Genres wie Abenteuer-, Detektiv- und Gothicliteratur nachhaltig und hinterließ ein Werk, das historische Tiefenschichten mit formaler Innovation verbindet.

Synopsis (Auswahl)

Inhaltsverzeichnis

Die Schatzinsel

Ein Junge gerät über eine Schatzkarte auf eine Seereise, die ihn in einen Kampf mit Piraten und in die Fänge des charismatischen Long John Silver führt. Klassische Abenteuerhandlung, in der Mutiny, Moral und Erwachsenwerden ineinandergreifen.

Die Herren von Hermiston

Ein junger Mann kollidiert mit seinem unerbittlichen Richter-Vater über Recht und Gnade und findet in den schottischen Borders neue Bindungen. Unvollendeter Roman über Generationenkonflikt, Gesetz und lokale Loyalitäten.

Der Junker von Ballantrae

Die erbitterte Rivalität zweier Brüder, entzündet an den Jakobitenkriegen, führt zu Verrat und Verfolgung über Kontinente. Ein düsteres Abenteuer, das Ehre, Überleben und die Unzuverlässigkeit von Erzählungen auslotet.

Des Rajahs Diamant (Detektivgeschichten: Frau von Vandeleurs Privatsekretär; Die Geschichte des Gottesmannes; Das Haus mit den grünen Jalousien; Des Rajahs Diamant)

Ein berüchtigter Edelstein wechselt in verbundenen Episoden ständig die Besitzer und zieht sie in Diebstahl, Täuschung und Gefahr. Jede Geschichte beleuchtet eine andere Facette von Zufall, Gier und urbaner Kriminalität.

Der Selbstmordklub (Erzählungen: Der Selbstmordklub; Der Arzt und der Reisekoffer; Das öde Haus)

Prinz Florizel und Oberst Geraldine decken ein geheimes Netzwerk auf, das lebensmüde Mitglieder diskret in den Tod führt. Die drei Abenteuer verbinden Spannung, Maskerade und satirische Seitenblicke auf die Großstadt.

Südsee-Erzählungen (Der Strand von Falesa; Das Flaschenteufelchen; Die Stimmeninsel)

Drei pazifische Geschichten über Handel, Aberglauben und Begierde: ein Händler trifft auf rivalisierende Einflüsse, ein verhängnisvolles Wunschobjekt verlangt stets einen Preis, und Magie entfacht Gewalt und Missverständnisse. Realismus und Unheimliches verschränken sich mit Kolonial- und Kulturbegegnungen.

Weitere Erzählungen (Markheim; Die tollen Männer; Will von der Mühle; Die krumme Janet; Der Schatz von Franchard)

Auswahl psychologischer und schottischer Geschichten über Gewissen, Versuchung, Aberglauben und den Prüfstein plötzlichen Reichtums. Tonfall zwischen Schauergeschichte, moralischer Parabel und Naturdrama.

Der seltsame Fall des Dr. Jekyll und Mr. Hyde

Ein Londoner Rechtsanwalt untersucht die rätselhafte Verbindung zwischen einem geachteten Arzt und einer brutalen Gestalt. Ein kompaktes Großstadt-Gothic über doppelte Identität, Verdrängung und soziale Fassade.

In der Südsee (Memoiren)

Reise- und Lebensberichte aus den Marquesas, Paumotu und Gilbertinseln, die Beobachtungen zu Gesellschaft, Glauben und Politik bündeln. Mischform aus Ethnographie und Kolonialkritik, aufmerksam für lokale Stimmen.

Gesammelte Werke: Romane + Erzählungen

Hauptinhaltsverzeichnis

Romane:

Die Schatzinsel
Die Herren von Hermiston
Der Junker von Ballantrae

Erzählungen:

Des Rajahs Diamant (Detektivgeschichten):
Frau von Vandeleurs Privatsekretär
Die Geschichte des Gottesmannes
Das Haus mit den grünen Jalousien
Der Selbstmordklub (Erzählungen):
Der Selbstmordklub
Der Arzt und der Reisekoffer
Das öde Haus
Der Strand von Falesa
Der Schatz von Franchard
Das Flaschenteufelchen
Die Stimmeninsel
Markheim
Die tollen Männer
Will von der Mühle
Die krumme Janet
Der seltsame Fall des Dr. Jekyll und Mr. Hyde

Reiseberichte:

In der Südsee (Memoiren)

Die Schatzinsel

Inhaltsverzeichnis

Inhalt

I Der alte Freibeuter
Erstes Kapitel Der alte Seehund im »Admiral Benbow«
Zweites Kapitel Der Schwarze Hund erscheint und verschwindet wieder
Drittes Kapitel Der schwarze Fleck
Viertes Kapitel Die Schifferkiste
Fünftes Kapitel Der Tod des Blinden
Sechstes Kapitel Des Kapteins Papiere
II Der Schiffskoch
Siebentes Kapitel Ich gehe nach Bristol
Achtes Kapitel Die Wirtschaft ›Zum Fernrohr‹
Neuntes Kapitel Pulver und Waffen
Zehntes Kapitel Die Seefahrt
Elftes Kapitel Was ich in der Apfeltonne hörte
Zwölftes Kapitel Kriegsrat
III Mein Abenteuer an Land
Dreizehntes Kapitel Der Anfang meines Landabenteuers
Vierzehntes Kapitel Der erste Schlag
Fünfzehntes Kapitel Der Inselmann
Sechzehntes Kapitel Der Doktor setzt die Erzählung fort: Wie das Schiff aufgegeben wurde
Siebzehntes Kapitel Fortsetzung der Erzählung des Doktors: Die letzte Fahrt der Jolle
Achtzehntes Kapitel Fortsetzung der Erzählung des Doktors: Der Ausgang des Gefechtes am ersten Tage
Neunzehntes Kapitel Jim Hawkins nimmt die Erzählung wieder auf: Die Garnison im Pfahlwerk
Zwanzigstes Kapitel Silver als Parlamentär
Einundzwanzigstes Kapitel Der Angriff
Zweiundzwanzigstes Kapitel Der Beginn meines Seeabenteuers
Dreiundzwanzigstes Kapitel Die Ebbströmung
Vierundzwanzigstes Kapitel Die Irrfahrt des Korakels
Fünfundzwanzigstes Kapitel Ich hole den Jolly Roger herunter
Sechsundzwanzigstes Kapitel Israel Hands
Siebenundzwanzigstes Kapitel »Piaster!«
Achtundzwanzigstes Kapitel Im feindlichen Lager
Neunundzwanzigstes Kapitel Noch einmal der schwarze Fleck
Dreißigstes Kapitel Auf mein Ehrenwort
Einunddreißigstes Kapitel Die Schatzsuche; Flints Wegweiser
Zweiunddreißigstes Kapitel Die Schatzsuche; die Stimme in den Bäumen
Dreiunddreißigstes Kapitel Der Sturz eines Piratenhäuptlings
Vierunddreißigstes Kapitel Schluß

I Der alte Freibeuter

Inhaltsverzeichnis

Erstes Kapitel Der alte Seehund im »Admiral Benbow«

Inhaltsverzeichnis

Gutsherr Trelawney, Dr. Livesey und die übrigen Herren haben mich gebeten, unsere Fahrt nach der Schatzinsel vom Anfang bis zum Ende zu beschreiben, und dabei nichts zu verschweigen als die genaue Lage der Insel, und zwar auch dies nur deshalb, weil noch jetzt ungehobene Schätze dort vorhanden sind. So ergreife ich die Feder in diesem Jahre des Heils 17.. und versetze mich zurück in die Zeit, als mein Vater den Gasthof zum »Admiral Benbow« hielt, und als der braungebrannte alte Seemann mit der Säbelnarbe im Gesicht zuerst unter unserem Dache Wohnung nahm.

Ich erinnere mich, wie wenn es gestern gewesen wäre, des Mannes: wie er in die Tür unseres Hauses hereinkam, während seine Schifferkiste ihm auf einem Schiebkarren nachgefahren wurde – ein großer, starker, schwerer, nußbrauner Mann; sein teeriger Zopf hing ihm im Nacken über seinen fleckigen blauen Rock herunter; seine Hände waren schwielig und rissig mit abgebrochenen, schwarzen Fingernägeln, und der Säbelschmiß, der sich über die eine Wange hinzog, war von schmutzig-weißer Farbe. Er sah sich im Schenkzimmer um und pfiff dabei vor sich hin, und dann stimmte er das alte Schifferlied an, das er später so oft sang:

Fünfzehn Mann bei des Toten Kist’ – Johoho, und ‘ne Buddel, Buddel Rum!

in der zitterigen, hohen Stimme, die so klang, wie wenn eine Ankerwinde gedreht würde. Dann schlug er mit einem Knüppel, so dick wie eine Handspeiche, gegen die Tür, und als mein Vater erschien, verlangte er barsch ein Glas Rum. Als dieses ihm gebracht worden war, trank er es langsam aus, wie ein Kenner, mit der Zunge den Geschmack nachprüfend, und dabei sah er sich durch das Fenster die Strandklippen und unser Wirtsschild an. Schließlich sagte er:

»Das ist ‘ne nette Bucht und ‘ne angenehm gelegene Grogkneipe. Viel Gesellschaft, Maat?«

Mein Vater sagte ihm, Gesellschaft käme leider nur sehr wenig.

»So? Na, dann ist das die richtige Stelle für mich. Heda, Ihr, mein Mann!« rief er dem Mann zu, der den Handkarren schob: »Ladet mal meine Kiste ab und bringt sie nach oben! Hier will ich ein bißchen bleiben! Ich bin ein einfacher Mann – Rum und Speck und Eier, weiter brauche ich nichts; und außerdem die Klippe da draußen, um die Schiffe zu beobachten. Wie Sie mich nennen könnten? Kaptein können Sie mich nennen. Ach so – ich sehe schon, worauf Sie hinauswollen – da!« und er warf drei oder vier Goldstücke auf den Tisch. »Wenn ich das verzehrt habe, können Sie mir Bescheid sagen!« rief er, und dabei sah er so stolz aus wie ein Admiral.

Und in der Tat – so schlecht seine Kleider waren und so gemein seine Sprechweise, er sah durchaus nicht wie ein Mann aus, der vor dem Mast fuhr, sondern war offenbar ein Steuermann oder ein Schiffer, der gewohnt war, daß man ihm gehorchte, oder sonst gab’s Prügel. Der Mann, der den Schiebkarren gefahren hatte, sagte uns, die Postkutsche hätte ihn am Tag vorher am Royal George abgesetzt; er hätte sich erkundigt, was für Gasthöfe an der Küste wären, und als er gehört hätte, daß man unser Haus lobte, – und besonders, so vermute ich wenigstens, als man es ihm als einsam gelegen beschrieb – hätte er beschlossen, bei uns Aufenthalt zu nehmen. Und das war alles, was wir über unseren Gast erfahren konnten.

Er war ein schweigsamer Mann. Den ganzen Tag lungerte er an der Bucht oder auf den Klippen herum und sah durch sein Messingfernrohr über See und Strand; den ganzen Abend aber saß er in einer Ecke der Schenkstube ganz dicht am Feuer und trank Rum und Wasser, und zwar eine sehr steife Mischung. Wenn jemand ihn anredete, antwortete er für gewöhnlich nicht, sondern sah nur plötzlich mit einem wütenden Blick auf und blies durch seine Nase wie durch ein Nebelhorn; und wir und unsere Besucher merkten bald, daß man ihn dann in Ruhe lassen mußte. Jeden Tag, wenn er von seinen Gängen zurückkam, fragte er, ob Seeleute auf der Landstraße vorübergekommen wären. Anfangs dachten wir, er fragte, weil er sich nach Gesellschaft von Kameraden sehnte; schließlich aber merkten wir, daß er im Gegenteil es zu vermeiden wünschte. Wenn ein Seemann im »Admiral Benbow« einkehrte – wie es ab und zu geschah, wenn Leute auf der Küstenstraße nach Bristol gingen – so sah er sich ihn durch das verhängte Fensterchen in der Tür an, bevor er die Schenkstube betrat; und wenn solch ein Seemann anwesend war, verhielt er sich immer mäuschenstille. Vor mir suchte er auch kein Geheimnis aus der Sache zu machen, sondern er beteiligte mich im Gegenteil gewissermaßen an seiner Unruhe. Er hatte mich nämlich eines Tages beiseite genommen und mir versprochen: er wollte mir am Ersten jeden Monats ein silbernes Vier-Penny-Stück geben, wenn ich bloß »mein Wetterauge offen halten wollte nach einem Seemann mit nur einem Bein«, und wenn ich ihm, sobald der auftauchte, augenblicklich Bescheid geben wollte. Wenn nun der Monatserste da war und ich meinen Lohn von ihm verlangte, dann kam es oft genug vor, daß er nur durch die Nase blies und mich mit einem wütenden Blick ansah; aber bevor die Woche zu Ende war, hatte er es sich jedesmal besser überlegt: er brachte mir das Vier-Penny-Stück und wiederholte seinen Befehl, »nach dem Seemann mit dem einen Bein Ausguck zu halten«.

Wie dieser Seemann mich in meinen Träumen verfolgte, brauche ich kaum zu sagen. In stürmischen Nächten, wenn der Wind die vier Ecken unseres Hauses schüttelte und die Brandung in der Bucht gegen die Klippen donnerte, sah ich ihn in tausend Gestalten und mit tausend teuflischen Gesichtern. Bald war das Bein am Knie abgenommen, bald dicht an der Hüfte; dann wieder war er ein ungeheuerliches Geschöpf, das immer nur ein einziges Bein gehabt hatte, und zwar mitten unter dem Rumpf. Ihn zu sehen, wie er sprang und lief und mich über Gräben und Hecken verfolgte, das war für mich der fürchterlichste Nachtmahr. So mußte ich eigentlich mein monatliches Vier-Penny-Stück recht teuer bezahlen, denn ich bekam dafür diese gräßlichen Traumgesichte in den Kauf.

Wenn ich vor dem einbeinigen Seemann eine schreckliche Angst hatte, so hatte ich dafür vor dem Kaptein selber weniger Furcht als andere, die ihn kannten. An manchen Abenden nahm er mehr Rum und Wasser zu sich, als sein Kopf vertragen konnte; dann saß er zuweilen, ohne sich um irgendeinen Menschen zu bekümmern, und sang seine ruchlosen alten wilden Schifferlieder; zuweilen aber bestellte er Runden und zwang die ganze zitternde Gesellschaft, seine Geschichten anzuhören oder als Chor in seine Lieder einzufallen. Oft zitterte das Haus von dem »Johoho, und ‘ne Buddel, Buddel Rum«; alle Nachbarn stimmten aus voller Kehle ein, mit einer Todesangst im Leibe, und einer sang noch lauter als der andere, damit nur der Kaptein keine Bemerkungen machte. Denn wenn er diese Anfälle hatte, war er der ungemütlichste Gesellschafter von der Welt; dann schlug er mit der Faust auf den Tisch und gebot Ruhe; wenn irgendeine Zwischenfrage gestellt wurde, regte er sich fürchterlich auf – manchmal aber noch mehr, wenn keine Frage gestellt wurde, weil er dann glaubte, die Gesellschaft hörte nicht auf seine Geschichte. An solchen Abenden durfte keiner die Schenkstube verlassen, bis er selber vom Trinken schläfrig geworden war und ins Bett taumelte.

Am meisten Angst machte er den Leuten mit seinen Geschichten. Und fürchterliche Geschichten waren es allerdings: von Hängen, über die Planke gehen lassen, von Stürmen auf hoher See, und von den Schildkröteninseln, und von wilden Gefechten und Taten, und von Häfen in den westindischen Gewässern. Nach seinen eigenen Berichten mußte er unter den größten Verbrechern gelebt haben, die Gott jemals zur See gehen ließ; und die Worte, in denen er diese Geschichten erzählte, entsetzten unsere guten Landleute beinahe ebensosehr wie die Verbrechen, von denen sie handelten. Mein Vater sagte fortwährend: unser Gasthof werde zugrunde gerichtet werden, denn die Leute würden bald nicht mehr kommen, um sich anschnauzen und niederducken zu lassen und dann mit zitternden Gebeinen zu Bett zu gehen. Aber ich glaube, daß in Wirklichkeit seine Anwesenheit uns Vorteil brachte. Die Leute grauelten sich allerdings, aber in der Rückerinnerung hatten sie die Geschichten eigentlich gern; es war eine angenehme Aufregung in ihrem stillen Landleben. Unter den jüngeren Leuten gab es sogar eine Partei, die voll Bewunderung von ihm sprach. Sie nannten ihn »einen echten Seehund« und »eine richtige alte Teerjacke« und so ähnlich und sagten, das wären gerade die Leute, die England so gefürchtet zur See machten. In einer Beziehung richtete allerdings der Kaptein uns zugrunde: er blieb eine Woche nach der anderen, so daß die Goldstücke, die er auf den Tisch geworfen hatte, längst verrechnet waren; aber mein Vater konnte sich niemals ein Herz fassen und mehr Geld von ihm verlangen. Sobald er eine leichte Anspielung machte, blies der Kaptein so laut durch die Nase, daß es beinahe ein Brüllen war, und sah meinen Vater so wütend an, daß dieser die Schenkstube verließ. Ich habe ihn nach solcher Abweisung die Hände ringen sehen, und ich bin überzeugt, daß der Verdruß über seinen Gast und die Angst, worin er lebte, seinen allzu frühen unglücklichen Tod sehr beschleunigt haben.

Während der ganzen Zeit, daß der Kaptein bei uns wohnte, trug er immer denselben Anzug; niemals änderte er etwas daran, nur einmal kaufte er Strümpfe von einem Hausierer. Als eine von den Krempen seines Hutes sich losgelöst hatte und herunterhing, ließ er ihn so, wie er war, obwohl diese Krempe ihn bei starkem Wind sehr belästigte. Ich sehe vor meinen Augen noch seinen Rock, auf den er selber oben in seinem Zimmer einen Flicken setzte, sooft er das für nötig hielt; schließlich bestand der ganze Rock nur aus Flicken. Niemals schrieb er einen Brief, niemals empfing er einen; er sprach mit keinem Menschen ein Wort außer mit den Nachbarn, die zu uns in die Wirtschaft kamen, auch mit diesen gewöhnlich nur, wenn er zuviel Rum getrunken hatte. Seine große Schifferkiste hatte keiner von uns jemals offen gesehen.

Nur ein einziges Mal wagte ein Mensch, ihm über den Mund zu fahren, und das geschah erst in der letzten Zeit, als mein armer Vater schon sehr krank und dem Tode nahe war. Doktor Livesey kam eines Nachmittags zu später Stunde, um noch nach dem Kranken zu sehen; meine Mutter setzte ihm ein bißchen zu essen vor, und dann ging er in die Schenkstube, um eine Pfeife zu rauchen, bis sein Pferd vom Dorf zurückgebracht würde; denn wir hatten im alten »Admiral Benbow« keine Stallung. Ich ging mit dem Doktor in die Schenkstube, und ich erinnere mich noch, daß mir der Unterschied zwischen dem sauberen, munteren Doktor mit seiner schneeweiß gepuderten Perücke, seinen hellen, schwarzen Augen und seinem liebenswürdigen Benehmen und den plumpen Landleuten auffiel, besonders aber der Gegensatz zu dem schmutzigen, zerlumpten alten Piraten, der stark angetrunken hinter seinem Tische saß und die Ellenbogen aufgestützt hatte. Plötzlich begann er, der Kaptein nämlich, sein ewiges Lied zu brüllen:

Fünfzehn Mann bei des Toten Kist’ – Johoho, und ‘ne Buddel, Buddel Rum! Suff und der Teufel holten den Rest – Johoho, und ‘ne Buddel, Buddel Rum!

Anfangs hatte ich vermutet, »des Toten Kist’« sei die große Schifferkiste oben im Vorderzimmer, und ich hatte sie in meinen Träumen mit dem einbeinigen Schiffer in Verbindung gebracht. Inzwischen aber hatten wir alle schon längst aufgehört, auf sein Singen zu achten; an diesem Abend war das Lied nur dem Dr. Livesey neu, und ich bemerkte, daß es auf ihn keinen angenehmen Eindruck machte; denn er sah einen Augenblick ganz ärgerlich aus, bevor er in seinem Gespräch mit dem alten Gärtner Taylor fortfuhr, mit dem er sich über ein neues Mittel gegen das Gliederreißen unterhielt. Der Kapitän wurde bei seinem eigenen Lied lustig und schlug schließlich mit der Faust vor sich auf den Tisch; wir alle wußten, daß er damit den Anwesenden Schweigen befehlen wollte. Alle hörten sofort auf zu sprechen – mit Ausnahme des Dr. Livesey; der sprach ruhig weiter, indem er zwischen jedem zweiten oder dritten Wort einen kurzen Zug aus seiner Pfeife tat. Eine Weile starrte der Kaptein ihn an, schlug wieder mit der flachen Hand auf den Tisch, starrte ihn noch grimmiger an und schrie endlich mit einem gemeinen Fluch:

»Stille da unter Deck!«

»Sagten Sie etwas zu mir, Herr?« sagte der Doktor.

Und als der Kerl mit einem neuen Fluch ihm sagte, das wäre allerdings der Fall, antwortete der Arzt:

»Ich habe Ihnen nur eins zu sagen, Herr: wenn Sie mit dem Rumtrinken so weiter machen, wird die Welt bald von einem sehr dreckigen Schuft befreit sein!«

Die Wut des alten Burschen war schrecklich anzusehen. Er sprang auf, zog ein Matrosen-Klappmesser, öffnete es, schwang es auf der offenen Handfläche und drohte dem Doktor, er werde ihn an die Wand spießen.

Der aber rührte sich nicht einmal. Er sprach wie bisher über die Schulter weg zum Kaptein und sagte mit der gleichen ruhigen Stimme, ziemlich laut, so daß alle im Zimmer ihn hören konnten, aber ganz gelassen:

»Wenn Ihr nicht augenblicklich das Messer in die Tasche steckt, so gebe ich Euch mein Wort darauf: nach der nächsten Gerichtssitzung hängt Ihr am Galgen!«

Dann kreuzten ihre Blicke sich; aber der Kaptein gab bald klein bei, steckte seine Waffe ein und setzte sich wieder hin, wobei er wie ein geprügelter Hund knurrte. »Und nun noch eins, mein Mann!« fuhr der Doktor fort: »Da ich jetzt weiß, daß solch ein Bursche in meinem Bezirk ist, so könnt Ihr Euch darauf verlassen, daß ich Tag und Nacht ein Auge auf Euch haben werde. Ich bin nicht nur Arzt, ich bin auch Beamter; und wenn ich auch nur die leiseste Beschwerde über Euch höre – wär’s auch bloß wegen einer Unhöflichkeit wie heute abend –, so werde ich dafür zu sorgen wissen, daß man Euch an dem Kragen nimmt und abschiebt. Und damit genug!«

Bald darauf wurde Dr. Liveseys Pferd gebracht, und er ritt ab; der Kaptein aber war an diesem Abend still und tat noch viele Abende hinterher den Mund nicht auf.

Zweites Kapitel Der Schwarze Hund erscheint und verschwindet wieder

Inhaltsverzeichnis

Nicht lange Zeit nach diesem Auftritt trat das erste von den geheimnisvollen Ereignissen ein, die uns schließlich den Kaptein vom Halse schafften, wenn auch nicht seine Angelegenheiten, wie der Leser sehen wird.

Es war ein bitterkalter Winter mit langandauernden, harten Frösten und schweren Stürmen, und es war von Anfang an klar, daß mein armer Vater wenig Aussicht hatte, den Frühling noch zu erleben. Er wurde mit jedem Tag schwächer, und meine Mutter und ich hatten den ganzen Betrieb der Wirtschaft zu besorgen; so hatten wir immer viel zu tun und konnten uns um unseren unangenehmen Gast wenig kümmern. Es war an einem Januarmorgen, zu sehr früher Stunde. Das Wetter war beißend kalt; die ganze Bucht war grau vom Rauhreif; die Sonne stand noch niedrig und berührte nur eben die Hügelspitzen und schien weit über das Meer hinaus. Der Kaptein war früher als gewöhnlich aufgestanden und nach dem Strand hinuntergegangen; sein Stutzsäbel schwang unter den breiten Schößen seines blauen Rockes hin und her, sein Messingfernrohr hatte er unter die Achsel geklemmt, den Hut in den Nacken zurückgeschoben. Sein Atem hing wie ein Rauchstreifen hinter ihm, wie er so mit langen Schritten dahinging, und der letzte Ton, den ich von ihm hörte, als er um den großen Felsen bog, war ein lautes, entrüstetes Schnauben, wie wenn er immer noch an den Dr. Livesey dächte. Mutter war oben bei Vater, und ich war dabei, den Frühstückstisch zu decken, damit er bei der Rückkehr alles fertig fände; da ging die Tür zur Schenkstube auf, und herein trat ein Mann, den ich nie in meinem Leben gesehen hatte. Er war ein Kerl mit blassem, käsigem Gesicht; an der linken Hand fehlten ihm zwei Finger, und obgleich er einen Stutzsäbel trug, sah er nicht gerade nach einem großen Fechter aus. Ich war immer auf dem Ausguck nach Seeleuten, einerlei ob mit einem Bein oder mit zweien, und ich erinnere mich noch heute, daß der Mann mir sofort verdächtig vorkam. Er sah nicht schiffermäßig aus, und trotzdem hatte er etwas von der See an sich.

Ich fragte ihn, was er wünschte, und er sagte, er wolle ein Glas Rum nehmen. Als ich aber hinausgehen wollte, um das Getränk zu holen, setzte er sich auf einen Tisch und winkte mir; ich möchte näher kommen. Ich blieb aber mit meinem Wischtuch in der Hand stehen, wo ich war. Da sagte er:

»Komm doch her, Jungchen! Komm doch mal näher!«

Ich trat einen Schritt näher an ihn heran.

»Ist der Tisch hier für meinen Maat Bill gedeckt?« fragte er und sah mich dabei lauernd an.

Ich sagte ihm, seinen Maat Bill kenne ich nicht, und der Tisch sei für jemand gedeckt, der in unserem Hause wohne und den wir den Kaptein nannten.

»Na,« sagte er, »mein Maat Bill wird sich wohl Kaptein nennen lassen; das sollte mich gar nicht wundern. Er hat einen Schmiß auf der einen Backe, und ein mächtig netter Kerl ist er, mein Maat Bill, besonders beim Trinken. Wir wollen mal annehmen, euer Kaptein hat einen Schmiß auf der Backe – und, was meinst du? – wir wollen mal annehmen, er hat ihn auf der rechten Backe. Aha, siehst du, ich sagte es dir ja. Na, ist also mein Maat Bill hier im Hause?«

Ich sagte ihm, er sei ausgegangen.

»Wohin denn, Jungchen? Welchen Weg ist er gegangen?«

Ich zeigte ihm den Felsen und sagte ihm, daß der Kaptein jedenfalls bald nach Hause kommen werde, und beantwortete ihm noch ein paar andere Fragen.

Schließlich sagte er:

»Na, da wird mein Maat Bill sich freuen wie über ein Glas Rum.« Der Gesichtsausdruck, mit dem er diese Worte sprach, war durchaus nicht angenehm, und ich hatte meine besonderen Gründe anzunehmen, daß der Fremde sich irrte, selbst wenn seine Worte aufrichtig gemeint wären. Aber ich dachte, das ginge ja mich nichts an; außerdem war es schwierig zu entscheiden, was da zu tun sei.

Der Fremde hielt sich fortwährend dicht bei der Haustür auf und guckte alle Augenblicke um die Ecke wie eine Katze, die auf eine Maus lauert. Einmal ging ich selber auf die Straße hinaus, aber er rief mich sofort zurück, und als ich nicht schnell genug folgte, verzerrte sich sein käsiges Gesicht auf eine ganz fürchterliche Weise, und mit einem Fluch, der mir Angst machte, befahl er mir, sofort ins Haus zu gehen. Als ich aber wieder drinnen war, benahm er sich wie vorher: halb spöttisch, halb schmeichlerisch; klopfte mir auf die Schulter und sagte mir, ich sei ein guter Junge und er möchte mich riesig gerne leiden.

»Ich habe selber einen Jungen,« sagte er, »der sieht dir so ähnlich wie ein Ei dem andern und ist so recht mein Stolz. Aber die Hauptsache für Jungens ist Gehorchen – Gehorsam, Jungchen! Na, wenn du mit Bill zusammen auf See gewesen wärest, dann hättest du nicht hier gestanden und dir was zweimal sagen lassen – glaub mir das! Das gab’s bei Bill nicht, und das gibt’s auch bei denen nicht, die mit ihm gefahren sind. Und sieh mal an, da kommt ja mein Maat Bill, mit einem Fernrohr unterm Arm, der gute alte Kerl! Da wollen wir beide mal man in die Schenkstube gehen, Jungchen, und uns hinter die Tür stellen, und wollen Bill ein bißchen überraschen – die gute alte Seele!«

Mit diesen Worten ging der Fremde mit mir in die Schenkstube zurück und ließ mich hinter ihm in die Ecke treten, so daß wir beide hinter der geöffneten Türe verborgen waren. Ich fühlte mich sehr unbehaglich und unruhig, wie man sich wohl denken kann, und meine Angst wurde dadurch noch größer, daß der Fremde offenbar selber Furcht hatte. Er machte den Griff seines Stutzsäbels frei und lockerte die Klinge in der Scheide; und während der ganzen Zeit, daß wir dastanden und warteten, schluckte er fortwährend, als ob er einen Kloß in der Kehle hätte, wie man zu sagen pflegt.

Endlich trat der Kaptein ein, schlug die Tür hinter sich zu, ohne nach rechts oder nach links zu sehen, und ging quer durch das Zimmer an den Tisch, auf dem das Frühstück für ihn bereit stand.

»Bill!« sagte der Fremde mit einer Stimme, der ich deutlich anmerkte, daß er alle Kraft aufgeboten hatte, sie recht laut und kühn zu machen.

Der Kaptein drehte sich auf dem Absatz herum und sah uns an; alle braune Farbe war aus seinem Antlitz gewichen, und sogar seine Nase war blau; er sah aus wie ein Mensch, der ein Gespenst erblickt oder den Teufel oder sogar noch etwas Schlimmeres, wenn es das gibt, und auf mein Wort: es tat mir leid, wie ich ihn plötzlich so alt und krank aussehend fand.

»Nanu, Bill, du kennst mich doch; du kennst doch gewiß einen alten Schiffsmaat, Bill!« sagte der Fremde.

Der Kaptein riß den Mund auf, wie wenn er nach Luft schnappen müßte, und rief:

»Der Schwarze Hund!«

»Wer denn sonst?« antwortete der andere, der sich offenbar etwas behaglicher zu fühlen begann. »Der Schwarze Hund, immer noch der alte, ist nun hier, um seinen allen Schiffskumpan Bill im ›Admiral Benbow‹ zu besuchen. Oh, Bill, Bill! wir haben was durchgemacht, wir zwei, seitdem ich die beiden Greifer verlor!« Und dabei hält er die verstümmelte Hand in die Höhe.

»Na, denn hör mal zu!« sagte der Kaptein: »Du hast mich gestellt; hier bin ich. Also denn man los: was willst du?«

»Das sieht dir ähnlich, Bill!« antwortete der Schwarze Hund. »Bist immer noch der alte Billy. Ich will mir ein Glas Rum geben lassen von dem lieben Jungchen hier, der so nett ist; und dann wollen wir uns hinsetzen, wenn’s dir recht ist, und wollen ein vernünftiges Wort miteinander schnacken, als richtige alte Schiffskameraden.«

Als ich mit dem Rum wieder hereinkam, saßen sie schon an des Kapteins Frühstückstisch einander gegenüber – der Schwarze Hund nach der Tür zu und etwas seitlings auf seinem Stuhl, so daß er, wie mir vorkam, das eine Auge auf seinem alten Schiffskumpan und das andere auf seiner Rückzugslinie hatte.

Er befahl mir hinauszugehen und die Tür weit offen zu lassen.

»Durchs Schlüsselloch gucken gibt’s bei mir nicht, Jungchen!« sagte er.

Ich ließ die beiden miteinander sitzen und zog mich in den Zapfraum zurück.

Obgleich ich mir natürlich alle Mühe gab, etwas zu hören, konnte ich lange Zeit weiter nichts hören als ein leises Gemurmel; schließlich aber begannen die Stimmen lauter zu werden, und ich konnte ab und zu ein paar Worte vom Kaptein verstehen – meistens Flüche.

»Nein, nein, nein, nein! Und damit basta,« schrie er einmal. Und ein anderes Mal: »Wenn’s zum Baumeln kommt, sollen alle baumeln – das sage ich!«

Dann aber gab es ganz plötzlich einen furchtbaren Ausbruch von Flüchen und anderen Geräuschen – Stühle und Tisch fielen um, er folgte ein Klirren von Stahl und dann ein Schmerzensschrei. Und im nächsten Augenblick sah ich den Schwarzen Hund in voller Flucht und den Kaptein scharf hinter ihm her, beide mit gezogenen Stutzsäbeln; dem Schwarzen Hund aber strömte Blut von der linken Schulter herunter. Unmittelbar vor der Tür führte der Kaptein noch einen letzten furchtbaren Streich nach dem Fliehenden; sicherlich hätte der Hieb ihm den Garaus gemacht, wenn er nicht von dem großen Gasthofsschild des »Admiral Benbow« aufgefangen worden wäre. Man kann die Spur noch bis auf den heutigen Tag an der unteren Leiste des Rahmens sehen.

Mit diesem Hieb war das Gefecht aus. Kaum war der Schwarze Hund auf der Straße, so entwickelte er trotz seiner Wunde eine ungeheure Geschwindigkeit und war in einer halben Minute jenseits der Höhe verschwunden. Der Kaptein aber starrte wie geistesabwesend auf das Schild. Dann fuhr er sich ein paarmal mit der Hand über die Augen, und schließlich ging er in das Haus zurück und sagte zu mir:

»Jim, Rum!«

Und als er diese Worte sprach, taumelte er hin und her und mußte sich mit der einen Hand gegen die Wand stützen.

»Sind Sie verwundet?« schrie ich.

»Rum!« sagte er noch einmal. »Ich muß fort von hier. Rum! Rum!«

Ich lief schnell, welchen zu holen; aber ich war von allen diesen Vorgängen ganz verstört und zerbrach ein Glas und konnte den Zapfen nicht richtig aufdrehen. Und während ich mir noch damit zu tun machte, hörte ich im Schenkzimmer einen schweren Fall. Und als ich hineinrannte, sah ich den Kaptein, so lang er war, auf dem Fußboden liegen. In demselben Augenblick kam meine Mutter, die das Geschrei und der Lärm des Kampfes aufgeschreckt hatten, die Treppe heruntergelaufen, um mir zu helfen. Mit vereinten Kräften hoben wir ihm den Kopf hoch. Er atmete sehr schwer und laut; aber seine Augen waren geschlossen und sein Gesicht war so blaurot, daß es schrecklich anzusehen war.

»Herrje, Herrjemine!« schrie meine Mutter: »Was für eine Schande für unser Haus! Und auch dein armer Vater liegt krank zu Bett!«

Wir hatten keine Ahnung, auf welche Weise wir dem Kaptein helfen könnten; wir dachten, er wäre in dem Gefecht mit dem Fremden tödlich verwundet worden. Ich brachte allerdings den Rum und versuchte ihm etwas davon einzuflößen; aber seine Zähne waren dicht geschlossen, und seine Kinnbacken waren so hart wie Eisen. Wir fühlten uns ganz glücklich und erleichtert, als plötzlich die Tür aufging und Dr. Livesey eintrat, der seinen Besuch bei meinem Vater machen wollte.

»O Herr Doktor!« riefen wir: »Was sollen wir tun! Wo ist er verwundet?«

»Verwundet? Papperlapapp!« sagte der Doktor. »Der ist nicht mehr verwundet als ihr oder ich. Der Mann hat einen Schlaganfall gehabt, wie ich es ihm vorhergesagt hatte. Nun, Frau Hawkins, laufen Sie mal schnell nach oben zu Ihrem Mann, aber sagen Sie ihm, wenn irgend möglich, kein Wort von der Geschichte. Ich muß ja leider mein Bestes tun, dieses Kerls in jeder Beziehung wertloses Leben zu retten, und Jim wird so gut sein, mir eine Schüssel zu holen.«

Als ich mit der Schüssel zurückkam, hatte der Doktor schon dem Kaptein den Ärmel hochgestreift und seinen dicken, muskelkräftigen Arm entblößt, der an mehreren Stellen tätowiert war: »Gut Glück!« – »Schöner Wind!« – »Billy Bones sein Liebchen!« Diese Inschriften waren sauber und deutlich auf dem Unterarm angebracht; auf dem Oberarm aber in der Nähe der Schulter war ein Bild von einem Galgen, an dem ein Mensch hing – sehr hübsch und witzig ausgeführt, wie mir dünkte.

»Prophetisch!« sagte der Doktor und tippte auf das Bild. »Und nun, Meister Billy Bones – wenn das Euer Name ist – wollen wir uns mal die Farbe Eures Blutes ansehen. Jim,« sagte er, »hast du Angst vor Blut?«

»Nein, Herr Doktor.«

»Na, dann halte mal die Schüssel!«

Und mit diesen Worten nahm der Doktor seine Lanzette und öffnete eine Ader.

Eine große Menge Blut wurde abgezapft, bevor der Kaptein die Augen aufschlug und mit einem blöden Blick um sich sah. Zuerst erkannte er den Doktor und runzelte die Stirn; dann fiel sein Blick auf mich, und er sah erleichtert aus. Plötzlich aber wechselte er die Farbe, versuchte sich aufzurichten und rief:

»Wo ist der Schwarze Hund?«

»Hier ist kein schwarzer Hund,« sagte der Doktor, »außer dem, der Euch im Nacken sitzt. Ihr habt zuviel Rum getrunken; jetzt habt Ihr einen Schlaganfall gehabt, genau wie ich’s Euch vorausgesagt habe; ich habe Euch aber, sehr gegen meinen eigenen Willen, noch einmal mit dem Kopfe voran aus dem Grabe herausgezogen. Nun, Herr Bones –«

»So heiße ich nicht!« unterbrach der Kaptein den Doktor.

»Ist mir Wurscht!« antwortete der. »Ein alter Seeräuber, den ich kenne, heißt so; und ich nenne Euch so der Kürze wegen, und was ich Euch zu sagen habe, ist dies: Ein Glas Rum wird Euch nicht umschmeißen, aber wenn Ihr eins trinkt, so werdet Ihr noch eins nehmen und wieder eins, und ich setze meine Perücke zum Pfande: wenn Ihr das Rumtrinken nicht ganz und gar aufgebt, so sterbt Ihr – versteht Ihr dies? – sterbt und geht dahin, wo Ihr hingehört, wie der Mann in der Bibel. Na, nun versucht mal aufzustehen. Ich will Euch zu Bett bringen.«

Mit großer Mühe gelang es uns beiden, dem Doktor und mir, den Kaptein die Treppe hinaufzubringen und ihn auf sein Bett zu legen, wo ihm sofort der Kopf auf das Kissen sank, als ob er beinahe ohnmächtig wäre.

»Also denkt daran!« sagte der Doktor; »ich wasche meine Hände in Unschuld – das Wort Rum bedeutet für Euch Tod.«

Und damit ging er hinaus, um nach meinem Vater zu sehen. Er faßte mich am Arm und nahm mich mit hinaus, und sobald er die Tür geschlossen hatte, sagte er zu mir:

»Das hat nichts zu bedeuten; ich habe ihm genug Blut abgezapft, um ihn für eine Weile ruhig zu halten; er sollte eine Woche im Bett liegenbleiben – das ist das beste für ihn und für euch; aber wenn er noch einen Schlaganfall kriegt, so ist’s aus mit ihm.«

Drittes Kapitel Der schwarze Fleck

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So gegen die Mittagsstunde stand ich vor des Kapteins Türe mit einigen kühlenden Getränken und Medizinflaschen. Er lag noch so ziemlich in derselben Stellung, in der wir ihn verlassen hatten; nur hatte er sich etwas höher hinaufgeschoben. Er schien schwach, zugleich aber auch aufgeregt zu sein.

»Jim,« sagte er zu mir, »du bist hier im Hause der einzige, der was taugt, und du weißt, ich bin immer gut zu dir gewesen. Kein Monat ist vergangen, ohne daß ich dir ein silbernes Vier-Penny-Stück gegeben habe. Und nun sieh mal, Maat, mir geht es verdammt schlecht und ich bin von allen verlassen; und, Jim, du wirst mir ein einziges Nöselchen Rum bringen, nicht wahr, das tust du doch, mein Jungchen?«

»Der Doktor,« fing ich an.

Aber da fluchte er auf den Doktor – mit schwacher Stimme, aber es kam ihm vom Herzen.

»Doktors sind alle Schwätzer,« sagte er; »und der Doktor da – poh, was versteht der von seebefahrenen Menschen? Ich bin an Stellen gewesen, da war’s so heiß wie in der Hölle, und die Kameraden fielen rund um mich herum wie die Fliegen vom Gelben Hans und das Land da schwankte von Erdbeben wie Meereswogen – was weiß so ein Doktor von solchen Ländern? Und ich blieb am Leben, sag’ ich dir, und das machte der Rum. Der war für mich Essen und Trinken, und wir waren wie Mann und Frau; und wenn ich nicht meinen Rum haben soll, dann bin ich ein armseliges altes Wrack an einer Leeküste – und mein Blut kommt über dich, Jim, und über den Schwätzer da, den Doktor!«

Jetzt kam wieder eine Reihe von Flüchen, und dann fing er noch einmal an zu betteln:

»Sieh doch mal, Jim, wie mir die Finger zittern. Ich kann sie nicht stillhalten – kann’s einfach nicht. Habe an diesem lieben Tag noch keinen Tropfen gehabt. Der Doktor da ist ein Schafskopf, sag’ ich dir. Wenn ich nicht einen Schluck Rum kriege, dann krieg’ ich das graue Elend; hab’s schon ein paarmal gehabt. Ich sah den alten Flint in der Ecke da; da hinter dir; sah ihn klar und deutlich; und wenn ich das graue Elend kriege – na, ich habe ein hartes Leben gehabt, und mir wird schlecht bei dem Gedanken. Der Doktor sagte mir ja selber: ein einziges Glas würde mir nichts schaden. Ich will dir eine goldene Guinee für ein Nöselchen geben!«

Er wurde immer aufgeregter, und das machte mich unruhig meines Vaters wegen, mit dem es an diesem Tage sehr schlecht stand und der Ruhe nötig hatte; außerdem hatte ja der Doktor wirklich die Worte gesagt, die der Kaptein mir anführte. Der Bestechungsversuch ärgerte mich allerdings; aber ich sagte:

»Ich brauche Ihr Geld nicht; bezahlen Sie nur, was Sie meinem Vater schuldig sind. Ich will Ihnen ein Glas holen, aber nicht mehr.«

Als ich ihm das Glas Rum brachte, griff er gierig danach und trank es aus; dann sagte er:

»Ah! ah! das tut wohl! mir ist ganz gewiß schon etwas besser. Und nun höre mal, mein Jungchen: sagte der Doktor, wie lange ich hier in dieser alten Klappe liegen müsse?«

»Wenigstens eine Woche.«

»Alle Donner!« schrie der Kaptein. »Eine Woche! Das geht nicht: inzwischen würden sie mir den schwarzen Fleck bringen. Die Schweinehunde sind schon dabei, mir den Wind abzufangen – die Schweinehunde, die nicht sparsam umgehen konnten mit dem, was sie kriegten, und jetzt klauen wollen, was einem andern gehört! Benimmt ein ordentlicher Seemann sich so? Das möchte ich mal hören! Ich bin ein sparsamer Mensch[1q]. Ich habe niemals gutes Geld vergeudet, was ich mir verdient hatte; ich habe auch noch nie welches verloren, und ich will auch jetzt wieder dafür sorgen, daß sie sich den Mund wischen können. Vor denen habe ich keine Angst! Ich werde noch ein Segel aufsetzen, mein Jungchen, und sie können mir nachflöten!«

Während er diese Reden hielt, war er mit großer Mühe von seinem Bett aufgestanden; er hielt sich mit einem Griff, daß ich beinahe laut herausgeschrien hätte, an meiner Schulter fest, und ich merkte, daß seine Beine so schwer wie Blei sein mußten, denn er konnte sie kaum bewegen. Seine Worte an sich waren zwar sehr mutig, aber die schwache Stimme, in der er sie aussprach, bildete einen traurigen Gegensatz dazu. Als es ihm gelungen war, sich auf den Bettrand zu setzen, schwieg er einen Augenblick. Dann flüsterte er:

»Der Doktor hat mich alle gemacht, es saust mir in den Ohren. Lege mich auf den Rücken.«

Ich konnte ihm nicht viel helfen; denn ehe ich noch zugriff, war er schon wieder in seine frühere Lage zurückgesunken. Eine Weile lag er still da; endlich sagte er:

»Jim, du sahst heute den Seemann?«

»Den Schwarzen Hund?«

»Jawohl, den Schwarzen Hund!Derist ein schlechter Kerl; aber die, die ihn angestiftet haben, sind noch schlimmer als er. Nun, wenn ich nicht auf irgendeine Weise von hier wegkommen kann und wenn sie mir den schwarzen Fleck in die Hand drücken, dann merke dir, was ich dir jetzt sage: Sie sind hinter meiner alten Schifferkiste her. Nun nimmst du dir ein Pferd – du kannst doch reiten, nicht wahr? Na also – du setzt dich auf ein Pferd und reitest zu – na, in Gottes Namen! – zu dem ewigen Schwätzer, dem Doktor, und sagst ihm, er solle alle Mann auf Deck pfeifen – Behörden und solches Zeug – und soll sich längsseits vom ›Admiral Benbow‹ legen, und er werde des alten Flint ganze Mannschaft fangen, groß und klein, alles, was noch davon übrig ist. Ich war erster Steuermann, ja, das war ich! Dem alten Flint sein erster Steuermann, und ich bin der einzige, der die Stelle kennt. Er gab es mir in Savannah, als er im Sterben lag, gerade wie ich jetzt, wie du siehst. Aber du mußt das nicht melden, bevor sie mir den schwarzen Fleck in die Hand geben, oder bevor du den Schwarzen Hund wiedersiehst, oder einen einbeinigen Seemann, Jim – diesen vor allen!«

»Aber, was ist der schwarze Fleck, Kaptein?« sagte ich.

»Das ist eine Aufforderung, Maat. Ich will dir’s erklären, wenn sie damit kommen. Aber die Hauptsache ist, daß du dein Wetterauge offen hältst, Jim, und verlaß dich drauf, ich will mit dir teilen, Jim, halb und halb, auf meine Ehre!«

Er phantasierte noch eine kleine Weile, und seine Stimme wurde immer schwächer. Dann gab ich ihm seine Medizin; er schluckte sie hinunter wie ein Kind und bemerkte dazu:

»Wenn jemals ein Seemann Medizin nötig hatte, dann bin ich das.«

Schließlich verfiel er in einen schweren, ohnmachtähnlichen Schlaf, und ich ließ ihn allein.

Was ich getan haben würde, wenn alles gut gegangen wäre, das weiß ich nicht. Wahrscheinlich würde ich die ganze Geschichte dem Doktor erzählt haben; denn ich hatte eine Todesangst, es könnte dem Kaptein leid tun, mir seine vertraulichen Eröffnungen gemacht zu haben, und er würde mich totschlagen. Es kam aber so, daß mein armer Vater an diesem selben Abend ganz plötzlich starb, und da hatte ich keine Gedanken für etwas anderes. Unsere natürliche Trauer, die Beileidsbesuche der Nachbarn, die Anordnungen für das Begräbnis und dabei die ganze Arbeit in der Wirtschaft, die nebenbei besorgt werden mußte – dies alles gab mir so viel zu tun, daß ich kaum Zeit hatte, an den Kaptein zu denken, geschweige denn Angst vor ihm zu haben.

Am nächsten Morgen kam er die Treppen herunter und nahm seine Mahlzeiten wie gewöhnlich ein; er aß allerdings wenig, und ich fürchte, er trank noch mehr Rum als für gewöhnlich; denn er ging einfach selber in den Zapfraum und bediente sich da, und knurrte dabei und blies durch die Nase, und keiner von uns wagte ihm in den Weg zu kommen.