Gesammelte Werke von Rudyard Kipling - Rudyard Kipling - E-Book

Gesammelte Werke von Rudyard Kipling E-Book

Rudyard Kipling

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Beschreibung

Die "Gesammelten Werke von Rudyard Kipling" stellen eine umfassende Anthologie des literarischen Schaffens eines der bedeutendsten Autoren des britischen Imperialismus dar. Kiplings Erzählungen und Gedichte zeichnen sich durch ihren einzigartigen Stil aus, der sich in einer syntaktischen Finesse und einer reichen, oft exotischen Bildsprache manifestiert. Er zelebriert das Abenteuer, die Entdeckung und das Leben in fernen Landschaften, während gleichzeitig tiefere gesellschaftliche und kulturelle Fragestellungen thematisiert werden. Seine Texte sind sowohl Kinderliteratur als auch Kolonialkritik, wobei Geschichten wie "Das Dschungelbuch" und "Kim" exemplarisch für seinen vielseitigen Erzählansatz stehen. Rudyard Kipling, geboren 1865 in Indien, wurde früh geprägt durch die multikulturellen Einflüsse des britischen Koloniallebens. Seine Erziehung sowohl in England als auch in Indien schöpfte aus einem breiten Spektrum an Erfahrungen, die später in seine Werke einflossen. Als erster Schriftsteller erhielt Kipling im Jahr 1907 den Literaturnobelpreis, was seine bedeutende Stellung innerhalb der Weltliteratur unterstreicht und seinen Einfluss auf die literarische Tradition seiner Zeit belegt. Die "Gesammelten Werke von Rudyard Kipling" sind nicht nur für Literaturinteressierte von unschätzbarem Wert, sondern bieten auch tiefgehende Einblicke in die komplexen Themen des Kolonialismus und der kulturellen Identität. Leser, die an einer einzigartigen Mischung aus Abenteuer, moralischen Dilemmata und biografischen Reflexionen interessiert sind, werden in dieser Sammlung auf fesselnde Geschichten und zeitlose Weisheiten stoßen. In dieser bereicherten Ausgabe haben wir mit großer Sorgfalt zusätzlichen Mehrwert für Ihr Leseerlebnis geschaffen: - Eine umfassende Einführung skizziert die verbindenden Merkmale, Themen oder stilistischen Entwicklungen dieser ausgewählten Werke. - Die Autorenbiografie hebt persönliche Meilensteine und literarische Einflüsse hervor, die das gesamte Schaffen prägen. - Ein Abschnitt zum historischen Kontext verortet die Werke in ihrer Epoche – soziale Strömungen, kulturelle Trends und Schlüsselerlebnisse, die ihrer Entstehung zugrunde liegen. - Eine knappe Synopsis (Auswahl) gibt einen zugänglichen Überblick über die enthaltenen Texte und hilft dabei, Handlungsverläufe und Hauptideen zu erfassen, ohne wichtige Wendepunkte zu verraten. - Eine vereinheitlichende Analyse untersucht wiederkehrende Motive und charakteristische Stilmittel in der Sammlung, verbindet die Erzählungen miteinander und beleuchtet zugleich die individuellen Stärken der einzelnen Werke. - Reflexionsfragen regen zu einer tieferen Auseinandersetzung mit der übergreifenden Botschaft des Autors an und laden dazu ein, Bezüge zwischen den verschiedenen Texten herzustellen sowie sie in einen modernen Kontext zu setzen. - Abschließend fassen unsere handverlesenen unvergesslichen Zitate zentrale Aussagen und Wendepunkte zusammen und verdeutlichen so die Kernthemen der gesamten Sammlung.

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Veröffentlichungsjahr: 2023

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Rudyard Kipling

Gesammelte Werke von Rudyard Kipling

Bereicherte Ausgabe. Das Dschungelbuch + Kim + Dunkeles Indien + Soldatengeschichten…
Einführung, Studien und Kommentare von Tim Schmitt
EAN 8596547757771
Bearbeitet und veröffentlicht von DigiCat, 2023

Inhaltsverzeichnis

Einführung
Autorenbiografie
Historischer Kontext
Synopsis (Auswahl)
Gesammelte Werke von Rudyard Kipling
Analyse
Reflexion
Unvergessliche Zitate

Einführung

Inhaltsverzeichnis

Diese Ausgabe der Gesammelten Werke von Rudyard Kipling vereint zentrale Bücher, die sein erzählerisches Spektrum exemplarisch sichtbar machen. Sie führt durch Romane, Erzählungsbände, Kinder- und Kriegsprosa und zeichnet so ein Panorama eines Autors, der sowohl als Chronist kolonialer Erfahrungsräume wie auch als Erfinder zeitloser Fabeln gelesen wird. Der Umfang dieser Zusammenstellung ist bewusst breit angelegt: Sie bündelt weltberühmte Texte neben seltener gelesenen Sammlungen und lädt zum Vergleich der Stoffe und Tonlagen ein. Ziel ist nicht nur die bequeme Verfügbarkeit bedeutender Werke, sondern auch eine kontextbewusste Lektüre, die Kipling als vielseitigen, oft widersprüchlichen Erzähler ernst nimmt.

Die vertretenen Gattungen reichen vom Roman über zyklisch angelegte Kurzgeschichten bis hin zu Kindererzählungen und militärischen Skizzen. Kim und Erloschenes Licht stehen für das Langform-Narrativ mit psychologischer und sozialer Tiefenschärfe. Naulahka, das Staatsglück verknüpft erzählerisch unterschiedliche Welten. Das Dschungelbuch und Das neue Dschungelbuch präsentieren exemplarische Tiergeschichten. Aus Indiens Glut, Dunkeles Indien – Phantastische Erzählungen, Schlichte Geschichten aus den indischen Bergen und Soldatengeschichten dokumentieren die große Spannweite der Kurzprosa zwischen Alltagsbeobachtung, Satire und Unheimlichem. Nur so Geschichten zeigt die kinderliterarische Seite des Autors. Die Taten des Tauchboots steht für maritime Kriegstexte, die Reportage, Essay und Erzählung mischen.

Trotz der Vielfalt der Formen verbindet diese Texte ein gemeinsamer thematischer Kern: Grenzräume, Übergänge und die Reibung unterschiedlicher Ordnungen. Kipling erzählt von Kontaktzonen zwischen Sprachen, Religionen und sozialen Klassen, von Institutionen und informellen Netzwerken, von Kodizes der Ehre und der Frage, wie Loyalität entsteht und bricht. Die Landschaft Indiens – urbane Räume, Ebenen und Berge, Dschungel und Grenzposten – dient dabei weniger als exotische Kulisse denn als Wirkfeld, in dem Menschen handeln, scheitern, wachsen. Wiederkehrt die Spannung zwischen Regel und Ausnahme, zwischen scheinbarer Kontrolle und unvorhersehbaren Ereignissen, die Charaktere prüfen und Gemeinschaften formen.

Stilistisch verbindet Kipling anschauliche Präzision mit einer Ökonomie des Erzählens, die Szenen schnell zuspitzt und Figuren mit wenigen Strichen konturiert. Technische Details, Berufs- und Umgangssprache fließen selbstverständlich ein und verleihen der Prosa zugleich Autorität und Unmittelbarkeit. Ein ausgeprägtes Gespür für Rhythmus und Mündlichkeit trägt Dialoge und Rahmenerzählungen; die Komposition bleibt dennoch streng, oft in kunstvoll verschachtelten Reihen von Episoden. Ironie und Understatement treten neben Sentenz und Parabel, wobei Beobachtung und Konstruktion in produktiver Spannung stehen. Diese Mischung aus dichter Konkretion und erzählerischer Ökonomie erklärt, warum selbst kurze Skizzen nachhaltige Wirkungen entfalten.

Kim ist als Roman ein Reise- und Entwicklungsbuch, das eine außergewöhnliche Figurenkonstellation in Bewegung setzt und dabei ein breites gesellschaftliches Panorama entfaltet. Aus der Ausgangssituation eines Jungen ohne festen Ort entspinnt sich eine Erzählung über Zugehörigkeit, Rivalität und Wissen, die Handelswege, Pilgerpfade und Verwaltungswege kreuzt. Religiöse Suche und politische Interessen berühren einander, ohne zur bloßen Allegorie zu gerinnen. Die Beobachtungsgabe der Hauptfigur und die Vielstimmigkeit des Umfelds eröffnen dem Leser einen vielschichtigen Blick auf Indien. Der Roman verbindet Konturenschärfe in der Szene mit einer leichten, beinahe spielerischen Erzählbewegung, die lange nachklingt.

Erloschenes Licht führt in die Welt der Kunst und der Arbeit an Bildern, in der Wahrnehmung, Erinnerung und Anerkennung ineinandergreifen. Der Roman nimmt die Perspektive eines Künstlers ein und untersucht die Bedingungen ästhetischer und persönlicher Integrität in einer modernen, von Konflikten geprägten Umwelt. Die Ausgangslage ist die Anspannung zwischen Berufung und privater Bindung; daraus entwickelt sich ein Nachdenken über Erfolg und Scheitern, Durchhalten und Grenzen. Ohne in Programmatik zu verfallen, verknüpft der Text intime Innenansicht mit Außenwelt und macht sichtbar, wie empfindlich das Zusammenspiel von Talent, Gelegenheit und Urteil ist.

Naulahka, das Staatsglück ist ein transkultureller Roman, der Ambitionen, Reformideen und Missverständnisse über Kontinente hinweg verhandelt. Aus einer West-Ost-Begegnung entsteht ein Erzählraum, in dem gute Absichten an komplexen lokalen Realitäten geprüft werden. Die Ausgangssituation ist von Aufbruch getragen; was folgt, ist eine Erkundung von Sprache, Recht, Ritual und Gewohnheit, die zeigt, wie unterschiedlich Gemeinschaften Bedürfnisse gewichten. Der Roman interessiert sich weniger für spektakuläre Wendungen als für die feine Mechanik der Annäherung und den Preis von Übersetzungsleistungen – sozial, kulturell, emotional. So wird ein nachdenklicher Blick auf Modernisierung und ihre Grenzen möglich.

Das Dschungelbuch und Das neue Dschungelbuch bündeln Tiergeschichten, die Erzählfreude mit strenger Form verbinden. Ihre Ausgangslagen sind leicht zugänglich, doch die Geschichten loten Fragen nach Gesetz, Lernen, Zugehörigkeit und Verantwortung aus. Figuren und Orte sind plastisch, die Episoden klar gebaut, der Ton zwischen Abenteuer, Märchen und Parabel fein ausbalanciert. Die Texte zeigen, wie Regeln entstehen, wozu sie dienen und wann sie gebrochen werden – und wie Gemeinschaften mit Ausnahmezuständen umgehen. Dass diese Erzählungen Generationen überdauert haben, liegt an ihrer kühnen Einfachheit und der Fähigkeit, das Fremde als erkennbar und das Vertraute als staunenswert zu zeigen.

Nur so Geschichten versammelt sprachspielerische Ursprungsfabeln, die den Akt des Erzählens selbst zum Thema machen. Die Ausgangssituationen sind naiv und klug zugleich: Wie etwas zu seiner Gestalt kam, wird in präzisen, rhythmisch gebauten Miniaturen imaginiert. Die Texte sind für Kinder konzipiert, sprechen aber mit Witz und leiser Ironie auch erwachsene Leser an. Ihre besondere Qualität liegt im Wechsel von Erwartung und Überraschung, in der Sorgfalt der Formulierungen und im offenen Einladungscharakter, der zum Weitererzählen animiert. So ergänzt dieser Band die ernstere Prosa um eine heitere, poetische Seite desselben Handwerks.

Aus Indiens Glut, Dunkeles Indien – Phantastische Erzählungen und Schlichte Geschichten aus den indischen Bergen zeigen die Vielstimmigkeit von Kiplings Kurzprosa. Sie führen in Amtszimmer und Bungalow, auf Straßen und Stationen, in Clubs, Krankenzimmer und Grenzposten. Realistische Milieuschilderung steht neben dem Unheimlichen; Sarkasmus neben Empathie; nüchterne Notiz neben kunstvoller Rahmenkomposition. Wiederkehrende Motive sind Verantwortung im Alltag, die Verlässlichkeit von Institutionen, die Brüchigkeit von Plänen und die Wirkung von Gerüchten. Die phantastischen Elemente wirken nicht als Flucht, sondern als poetische Methode, um Ängste, Projektionen und Grenzen des Erklärbaren erzählerisch auszuloten.

Soldatengeschichten und Die Taten des Tauchboots führen die militärische Seite des Werks vor Augen. Hier wird der Alltag von Mannschaften und kleinen Einheiten sichtbar, Kameradschaft und Reibung, Mut und Routine. Technische Abläufe, Rangordnungen und die Härten eines Dienstes, der ständig mit Risiko kalkuliert, sind genau beobachtet. Maritime Texte öffnen den Blick auf das Meer als Arbeitsraum moderner Kriegführung und auf die besondere, oft unsichtbare Logik der Unterwasserfahrt. Der Ton bleibt erzählerisch, doch die Nähe zur Berichtform verleiht den Stücken dokumentarisches Gewicht. So entstehen dichte Miniaturen über Organisation, Improvisation und die Last der Entscheidung.

Dieses Korpus bleibt aus heutiger Perspektive bedeutend, weil es literarische Qualität mit historischem Zeugnis verbindet. Die hier versammelten Bücher sind in deutscher Übersetzung zugänglich und erlauben eine Lektüre, die Vergnügen und Kritik verbindet. Sie fordern dazu auf, die ästhetische Virtuosität anzuerkennen und zugleich die Perspektiven des kolonialen Blicks zu reflektieren, aus denen viele Texte sprechen. Die Sammlung bietet dafür eine verlässliche Grundlage: Sie zeigt den Autor als Romancier, Erzähler, Kinderbuchautor und Chronisten militärischer Erfahrungswelten. Wer quer durch die Bände liest, erkennt die Kontinuität von Motiven und die Wandlungsfähigkeit einer unverkennbaren Stimme.

Autorenbiografie

Inhaltsverzeichnis

Rudyard Kipling (1865–1936) gilt als prägende Stimme der Spätviktorianischen und edwardianischen Literatur. Aufgewachsen im kolonialen Indien und ausgebildet in England, verband er reportagehafte Prägnanz mit erzählerischer Suggestion. Seine Arbeiten reichen von realistischen Kurzgeschichten bis zu Kinder- und Abenteuerliteratur, die globale Leserschaften erreichten. 1907 erhielt er den Nobelpreis für Literatur, als bis dahin jüngster Literaturpreisträger. Zugleich blieb seine Darstellung von Empire und Verwaltung umstritten, was die Rezeption dauerhaft prägte. Aus der vorliegenden Sammlung zeigen Kim, Das Dschungelbuch und Nur so Geschichten die Spannweite seines Werks und seine anhaltende internationale Wirkung bis heute.

Seine schulische Ausbildung erhielt Kipling in England, unter anderem am United Services College in Westward Ho!, dessen strenge Disziplin und literarische Förderung seine Ausdrucksweise prägten. Früh arbeitete er als Journalist in Britisch-Indien, zunächst bei der Civil and Military Gazette in Lahore, später beim Pioneer in Allahabad. Diese Redaktionsjahre schärften seinen Blick für soziale Nuancen, Amtsabläufe und Grenzräume sowie seinen Hang zur konzentrierten, bildkräftigen Prosa. Literarisch standen Balladenformen, Volksmärchen, Zeitungsfeuilleton und das Theater der Zeit Pate. Ebenso prägend war die mehrsprachige Klangwelt Indiens, die er in Dialogführung, Rhythmus und Motivwahl produktiv machte.

Seinen frühen Ruhm begründeten Kurzprosa und Skizzen aus dem indischen Alltag. Schlichte Geschichten aus den indischen Bergen versammelte pointierte Beobachtungen über Verwaltung, Garnisonen und zivilgesellschaftliche Begegnungen, oft mit ironischer Pointe. Aus Indiens Glut und Dunkeles Indien - Phantastische Erzählungen erweiterten diese Perspektive um unheimliche, bisweilen legendäre Stoffe, in denen Klima, Landschaft und Bürokratie gleichermaßen zu Handlungskräften werden. Kipling verband präzise Milieuschilderung mit scharfem Dialog und einer Moral, die selten sentimental ausfiel. Die Resonanz war groß, zugleich entstanden früh Debatten über seine Sicht auf koloniale Machtverhältnisse, die Leserinnen und Leser bis heute kontrovers diskutieren.

Mit Das Dschungelbuch und Das neue Dschungelbuch schuf Kipling eine vielschichtige Tier- und Abenteuersphäre, in der Naturgesetz, Zugehörigkeit und Verantwortung verhandelt werden. Die Geschichten entfalten eine klare, rhythmische Sprache und verbinden Fabelmotive mit Beobachtungen über Erziehung und Gemeinschaft, ohne die Gefährdungen der Welt zu beschönigen. Nur so Geschichten, pointiert und lautmalerisch erzählt, verknüpfen humorvolle Ursprungsmythen mit Sprachlust und präzisen Refrains. Diese Bücher formten maßgeblich die Kinder- und Jugendliteratur, inspirierten Bühnen- und Filmfassungen und bleiben – jenseits vereinfachender Lesarten – als poetische Studien über Regeln, Kreativität und Zugehörigkeit dauerhaft präsent, weltweit.

Mit Kim legte Kipling einen viel beachteten Roman vor, der eine Reise durch Nordindien mit Spionage-, Bildungs- und Straßenroman verbindet und das Zusammenspiel von Kulturkontakten und politischer Intrige beleuchtet. Erloschenes Licht, ein früher Roman über Kunst, Kriegserfahrung und Selbstbehauptung, zeigt sein Interesse an psychologischen Spannungen jenseits exotischer Schauplätze. Naulahka, das Staatsglück entstand in Zusammenarbeit mit Wolcott Balestier und verbindet Liebes-, Gesellschafts- und Intrigenmotive. Diese Prosawerke festigten Kiplings Status als Erzähler komplexer Lebenswelten, der Tempo, Beobachtungsgabe und präzise Szenenführung bevorzugte und dabei das Imperiale als Rahmen, nicht als bloßen Hintergrund, inszenierte.

Seine Beschäftigung mit Militärmilieus setzte Kipling in Soldatengeschichten fort, die Alltag, Kameradschaft, Slang und Härten der Truppe mit knapper, oft humorvoller Genauigkeit fassen. Während des Ersten Weltkriegs verfasste er zudem Texte über Seekrieg und technische Wandlungen; Die Taten des Tauchboots spiegelt diese Interessen in maritimen Episoden, die Einsatz, Risiko und Organisation sichtbar machen. Hier zeigt sich sein Talent, komplexe Abläufe erzählerisch zu entwirren und aus Perspektiven einfacher Dienstgrade zu schildern. Die Wirkung solcher Texte reichte über ihre Zeit hinaus, verstärkte jedoch zugleich Debatten über Verhältnis von Patriotismus, Propaganda und literarischer Darstellung.

In den späteren Jahren festigte sich Kiplings Rang als vielseitiger Erzähler und Lyriker, dessen Werk heute ebenso für erzählerische Ökonomie wie für ideologische Konfliktlinien gelesen wird. Sein Einfluss reicht von Abenteuerprosa über Reportagestil bis zur modernen Kinderliteratur; zahlreiche Motive, Figuren und Sätze sind in Kultur und Medien allgegenwärtig. Die zeitgenössische Rezeption gewichtet ästhetische Innovation und problematische Imperiumsvorstellungen neu, ohne die literarische Technik zu vernachlässigen. Werke wie Kim, Das Dschungelbuch, Das neue Dschungelbuch und Nur so Geschichten bleiben kanonisch präsent und laden zu historisch informierten, zugleich neugierigen Lektüren ein, in Schulen und darüber hinaus.

Historischer Kontext

Inhaltsverzeichnis

Rudyard Kipling (1865–1936) schrieb im Übergang vom späten Viktorianismus zur edwardianischen Epoche und bis in die Zwischenkriegszeit. Die in dieser Sammlung gebündelten Texte – von frühen Indien-Erzählungen bis zu Kriegs- und Marineaufsätzen – spiegeln die Hochphase und die spätere Krise des Britischen Empire. Sie entstanden zwischen den 1880er und den 1910er Jahren, einer Zeit rapider Expansion kolonialer Verwaltung, militärischer Konflikte an den Grenzen und beschleunigter globaler Vernetzung. Werke wie Kim, Das Dschungelbuch, Das neue Dschungelbuch, Soldatengeschichten oder Nur so Geschichten verbinden Alltagsbeobachtung, Abenteuer- und Kinderthematik mit zeitgenössischen Debatten über Herrschaft, Loyalität, Technik und moralische Ordnungen im Imperium.

Kipling wuchs in Bombay auf, wurde in England ausgebildet und kehrte als junger Journalist nach Britisch-Indien zurück. Seine Arbeit für die Civil & Military Gazette in Lahore und The Pioneer in Allahabad prägte Stil, Themen und Schauplätze seiner frühen Prosa. Die koloniale Verwaltung – vom Indian Civil Service über Eisenbahn- und Telegrafendienste bis zu Garnisonsstädten und Hill Stations – bildete die Bühne, auf der Schlichte Geschichten aus den indischen Bergen und verwandte Sammlungen soziale Reibungen sichtbar machten. Diese Texte registrieren Amtswege, Klassen- und Rassenschranken sowie die Nähe von europäischen Kolonialbeamten, Soldaten, Missionaren und indischen Mittlern.

Der Ausbau der Infrastruktur veränderte den Subkontinent nachhaltig. Seit der Mitte des 19. Jahrhunderts wuchsen Eisenbahnnetz, Telegrafen und Kanäle rasant und verbanden Häfen, Verwaltungszentren und Grenzräume. Für die Literatur eröffnete dies neue Bewegungs- und Erzählmuster: Reisende, Pilger, Händler, Spione und Beamte kreuzen sich an Stationen, in Wartesälen und auf Passstraßen. Kiplings Texte nutzen solche Knotenpunkte, um Arbeitsrhythmen, Gerüchte und Informationsflüsse zu inszenieren. In Aus Indiens Glut und verwandten Skizzen erscheint Infrastruktur als Träger moderner Ordnung, aber auch als Medium, durch das Unfälle, Epidemien, Marktkrisen und politische Proteste sich schneller verbreiten.

Die Geopolitik Zentral- und Südasien wurde vom sogenannten Great Game geprägt, dem Rivalisieren Großbritanniens und Russlands um Einfluss in Afghanistan und an der nordwestlichen Grenze. Vermessung, Kartierung und Nachrichtendienste wurden professionalisiert; Grenzstädte und Pässe gewannen strategische Bedeutung. Kim, ein Roman der Jahrhundertwende, greift diese Atmosphäre aus Geheimdienstnetzen, ethnischer Vielfalt und militärischer Wachsamkeit auf, ohne deren technische und politische Hintergründe zu romantisieren. Die in der Region stationierten Einheiten, die Arbeit von Spionen und das Nebeneinander von Sprachen und Religionen boten eine dichte Kulisse für Loyalitätsproben im Zeichen imperialer Sicherheitspolitik.

Die rasch wachsenden Kolonialstädte – Bombay, Kalkutta, Lahore und andere – wurden zu Laboren moderner Verwaltung und öffentlicher Gesundheit. Sanitäre Reformen, Polizeiarbeit und kommunale Selbstverwaltung traten neben textile Industrie, Häfen und Finanzwesen. Die Pestwellen der späten 1890er Jahre, besonders in Bombay, führten zu Maßnahmen, die wiederum Widerstände hervorriefen. Reise- und Stadtskizzen, wie sie in Sammlungen mit Indien-Bezug versammelt sind, registrieren Hitze, Staub, Lärm, Baustellen und Bürokratie. Sie dokumentieren auch die Rolle von Druckereien, Buchhandlungen und Lesezirkeln, über die koloniale und indigene Eliten in Debatten über Recht, Arbeit und Bildung ins Gespräch traten.

Militärische Erfahrung prägte Kiplings Blick auf Regimenter, Garnisonsalltag und sogenannte „kleine Kriege“ an Grenzen des Raj. Soldatengeschichten überliefern Stimmen einfacher Dienstränge neben Offiziersmilieus; sie reagieren auf Kampagnen in den nordwestlichen Provinzen und auf die mediale Präsenz des Krieges. Während des Zweiten Burenkriegs (1899–1902) hielt sich Kipling zeitweise in Südafrika auf und arbeitete mit Kriegsberichterstattern zusammen, unter anderem an einer Zeitung in Bloemfontein. Diese Erfahrungen beeinflussten Ton und Wortschatz seiner militärischen Prosa, in der Drill, Kameraderie, Verwundbarkeit und die Logistik des Empire eine zentrale Rolle spielen.

Konflikte um Recht und Rasse prägten die Politik des späten 19. Jahrhunderts in Indien. Die Ilbert-Bill-Kontroverse von 1883, bei der es um die richterliche Zuständigkeit indischer Magistrate über europäische Angeklagte ging, mobilisierte breite Öffentlichkeiten und verhärtete soziale Grenzen. Kurz darauf entstand der Indian National Congress (1885) als Forum für Reform- und Selbstverwaltungsforderungen. Kiplings Indien-Erzählungen, inklusive Schlichte Geschichten aus den indischen Bergen, spiegeln die Spannungen eines Systems, das auf Kodifizierung und Hierarchie beruhte, zugleich aber von Übersetzern, Schreibern, Polizeikonstablern und Gerichtsdienern zusammengehalten wurde – Funktionen, ohne die Verwaltung undurchführbar geblieben wäre.

Die Begegnung mit Sprachen, Erzähltraditionen und Religionspraktiken prägte britische und indische Intellektuelle. Orientalistische Philologie, Volkskunde und Ethnographie sammelten Lieder, Mythen und Rechtsgebräuche; Übersetzungen kursierten in Clubs und Lesegesellschaften. In Dunkeles Indien – Phantastische Erzählungen und anderen Sammlungen verknüpft Kipling volkskundliche Motive, urbane Legenden und koloniale Ängste zu Schauergeschichten, die den Grenzverkehr zwischen Dienststuben, Märkten und Schreinen zeigen. Dabei treten Mittlerfiguren – Dolmetscher, Bittsteller, Führer, Fakire – als Wissensvermittler auf. Diese literarische Ökologie dokumentiert, wie stark Kolonialherrschaft auf lokales Wissen angewiesen war.

Die Kinder- und Jugendliteratur erlebte um 1900 einen Aufschwung, befeuert von naturkundlichen Serien, Abenteuerromanen und illustrierten Zeitschriften. Das Dschungelbuch und Das neue Dschungelbuch nutzen dieses Umfeld, um Wildnis, Gemeinschaft und Regelwerke zu verhandeln, die man auch als Kommentare zu zivilisatorischer Disziplin und Zugehörigkeit lesen kann. Ihre populäre Wirkung reicht ins Vereinswesen: Der Gründer der Pfadfinderbewegung, Robert Baden-Powell, integrierte 1916 Elemente aus den Dschungelbüchern in die Wolfskinder-Ausbildung. So verknüpften sich Erzählmotive mit einem pädagogischen Programm, das Gehorsam, Selbsthilfe und Naturkunde betonte.

Kiplings Karriere wurzelt in der Periodik. Viele Erzählungen erschienen zunächst in Zeitungen und Magazinen und wurden anschließend zu Sammlungen gebündelt. Dieses Publikationsmodell begünstigte knappe Szenen, pointierte Dialoge und technische Details – Resultate journalistischer Ökonomie. Nur so Geschichten, 1902 gesammelt und vom Autor selbst illustriert, demonstrieren zudem die Bedeutung der Buchgestaltung für die Rezeption. Illustrationen, Vignetten und typografische Lösungen rahmten den Ton der Texte und erweiterten ihre didaktische Reichweite. Die dichte Zirkulation zwischen Zeitungsfeuilleton, Verlagen und Leihbibliotheken trug Kiplings Namen in Kolonien und Metropolen.

Die transatlantischen Verflechtungen des Buchmarkts spiegeln sich in Naulahka, das Staatsglück. Der Roman entstand in Zusammenarbeit mit dem amerikanischen Schriftsteller Wolcott Balestier (1892) und erschien zeitgleich im angelsächsischen Raum. Kiplings Ehe mit Caroline Balestier und sein Aufenthalt im US-Bundesstaat Vermont Anfang der 1890er Jahre machten ihn mit amerikanischer Leserschaft, Presse und Urheberrechtsdebatten vertraut. Die Geschichte verbindet Motive von Reisen, Technik und kultureller Begegnung und kommentiert die zunehmende Mobilität von Kapital, Mission und Nachrichten. Damit markiert sie die Verschiebung vom rein imperialen Blick hin zu globalen Verkehrsströmen.

Erloschenes Licht (1891) verhandelt im Umfeld von Londoner Ateliers, Zeitungsredaktionen und Kriegsschauplätzen die Position des Kriegszeichners und Reporters – Berufe, die in den imperialen Kampagnen der 1880er und 1890er Jahre an Sichtbarkeit gewannen. Presse- und Bildagenturen professionalisierten Frontberichterstattung; Debatten um Realismus, Sensationslust und Verantwortung des Künstlers prägten die Kritik. Das Buch steht damit im Kontext moderner Medienkulturen, die Konflikte nicht nur militärisch, sondern ästhetisch rahmten. Die Verbindung von künstlerischem Ethos, Öffentlichkeit und Gewalt bildet eine wiederkehrende Folie für Kiplings Wahrnehmung von Berufung und Scheitern.

Der maritime und technologische Wandel des frühen 20. Jahrhunderts – von Turbinenantrieben bis zur Dreadnought-Revolution 1906 – veränderte die Seemachtpolitik. Im Ersten Weltkrieg traten U‑Boote und Küstenkrieg in den Vordergrund; Blockaden und Konvois bestimmten den Atlantikverkehr. Kipling veröffentlichte patriotische Essays und Reportagen über die Marine, in denen auch U‑Boot-Jagd und Minensucher thematisiert wurden. Die Taten des Tauchboots reiht sich in diese Literatur des Krieges und der Technik ein. Persönliche Verluste – sein Sohn fiel 1915 bei Loos – verschärften den Ernst seiner Kriegsprosa, die das Leid anerkennt, zugleich aber die Pflicht betont.

Kiplings Texte wurden zu Lebzeiten als Stimme des Empire gefeiert und vielfach in Schulen anthologisiert. Der Autor erhielt 1907 als bis dahin jüngster Preisträger den Nobelpreis für Literatur. Gedichte wie The White Man’s Burden (1899), obwohl nicht Teil dieser Sammlung, prägten die öffentliche Wahrnehmung seiner Haltung: paternalistischer Imperialismus, verbunden mit Pflichtethos und Zivilisationsrhetorik. Übersetzungen ins Deutsche und andere Sprachen zirkulierten bereits vor dem Ersten Weltkrieg. Zugleich rief diese Position Widerspruch hervor, der sich in der Presse, in Vereinen und in den Literaturen der Dominions und Kolonien artikulierte.

Die politischen Umbrüche des Empire fanden Widerhall in der Rezeption. Der Partition von Bengalen (1905) folgten Boykott- und Swadeshi-Kampagnen; die Forderungen nach Selbstverwaltung wurden lauter. In Irland, Südafrika und Indien verbanden sich kulturelle Renaissancebewegungen mit politischer Mobilisierung. Kiplings oft robuste Affirmation imperialer Ordnung stieß in diesen Kontexten auf Widerrede, zugleich aber las man seine Texte – etwa Kim – auch als genaue, wenn parteiische, Chronik von Institutionen, Plänen und Menschen der imperialen Maschine. Diese Ambivalenz zwischen Dokumentation und Ideologie begleitet das Werk seit seinem Erscheinen.

Die Gattungsspanne der Sammlung – Abenteuerroman, Kinderbuch, phantastische Erzählung, Soldatenprosa, Reise- und Kriegsskizze – spiegelt breitere literarische Strömungen. In Großbritannien konkurrierten Spätromantik, Realismus und eine technisch informierte Populärliteratur; Zeitschriften wie Strand Magazine oder St. Nicholas boten Foren für illustrierte Prosa. Kiplings Mischung aus Fachjargon, Dialekt und Refrains zeigte, wie sich Mündlichkeit und Druckkultur gegenseitig befeuerten. Durch wiederkehrende Motive – Regeln, Zugehörigkeit, Prüfungen, Werkzeuge – kommentieren die Texte die Disziplinen der Moderne, vom Vermessen und Signalisieren bis zum Drill von Werkstätten, Kasernen und Pfadfinderlagern.

Nach 1945, in einer Welt der Entkolonialisierung, veränderte sich die Deutung stark. Kritische Lektüren machten auf Stereotype, Machtasymmetrien und die Normalisierung imperialer Gewalt aufmerksam. Edward Saids Orientalism (1978) und die späteren Subaltern Studies rahmten Kipling als exemplarisch für eine Diskursmacht, die „den Orient“ als Objekt verwaltet. Parallel hielten literaturkritische Stimmen an der Bewunderung für seine Verdichtung, seinen Rhythmus und seine Erzähltechnik fest. Kim wurde zunehmend auch als Bildungs-, Straßen- und Geheimdienstroman gelesen, dessen Genauigkeit in Orts-, Verwaltungs- und Kommunikationsfragen historische Quellenarbeit anstößt, auch wenn seine Perspektive parteiisch bleibt. Viele Stoffe der Sammlung erreichten im 20. Jahrhundert ein Massenpublikum jenseits des Buches. Die Dschungelbücher wurden auf Bühnen und im Film wiederholt adaptiert, prominente Beispiele sind Alexander Kordas Verfilmung von 1942 und spätere populäre Adaptionen des 20. Jahrhunderts. Gleichzeitig fanden Kiplings Kindertexte Eingang in Vereinskulturen, allen voran in die Pfadfinderbewegung, deren Wolfskinder-Programm Bezeichnungen und Figuren entlehnte und damit Literatur in Ritual übersetzte. Frühe deutsche Übersetzungen trugen zur nachhaltigen Präsenz im Sprachraum bei, wobei Titel- und Auswahlpolitik die Rezeption mitprägten. Insgesamt kommentiert die Sammlung die Organisationsformen des Empire – Verwaltung, Logistik, Nachrichtendienste, Armee und Marine – im Lichte von Modernisierungsschüben und moralischen Selbstbeschreibungen. Sie dokumentiert die Faszination für Technik und Ordnung, ohne die Gewaltverhältnisse zu verbergen, die diese Ordnung trugen. Spätere Deutungen lesen den Zyklus als Archiv einer Epoche, deren Selbstverständlichkeit zerbrach; zugleich bleibt die sprachliche und formale Kunstfertigkeit Gegenstand anhaltender Bewunderung und kritischer Diskussion.

Synopsis (Auswahl)

Inhaltsverzeichnis

Kim

Ein Waisenjunge navigiert zwischen den kulturellen und politischen Welten des kolonialen Indiens und gerät in das Spiel der Spione. Seine Wanderungen mit einem geistlichen Begleiter verbinden Abenteuer mit einer Bildungsgeschichte, in der Loyalität und Identität auf die Probe gestellt werden. Der Ton ist lebendig, detailreich und von neugieriger Empathie geprägt.

Frühe Romane des Empire (Naulahka, das Staatsglück; Erloschenes Licht)

Zwei sehr unterschiedliche Romane zeichnen Ambitionen und Brüche unter imperialen Vorzeichen: Naulahka, das Staatsglück folgt einem westlichen Idealisten, dessen Mission und Faszination für ein legendäres Kleinod an kulturellen Missverständnissen und Eigeninteressen reiben. Erloschenes Licht porträtiert einen Künstler im Spannungsfeld von Berufung, Stolz und verletzlichen Beziehungen. Der Ton reicht von abenteuerlich bis ernst und psychologisch zugespitzt; immer wieder stehen Selbsttäuschung, Moral und der Preis des Erfolgs im Zentrum.

Dschungelbücher (Das Dschungelbuch; Das neue Dschungelbuch)

In zwei Bänden verbinden sich die Geschichten um Mowgli mit eigenständigen Tierfabeln zu einem Panorama von Gesetz, Zugehörigkeit und List. Die Erzählungen wechseln zwischen märchenhafter Wärme und unerwarteter Härte und verhandeln Mut, Gemeinschaft und die Grenzen zwischen Natur und Kultur. Knapp, musikalisch und bildhaft entwirft Kipling eine Welt, in der Regeln Orientierung geben und dennoch ausgelegt werden müssen.

Indische Alltags- und Gesellschaftserzählungen (Aus Indiens Glut; Schlichte Geschichten aus den indischen Bergen)

Diese Erzählungen fangen den Rhythmus des kolonialen Alltags ein: Verwaltung, Klatsch, Machtgesten und kleine Rebellionen in den Hügelstationen und Städten. Beobachtungsgenau, ironisch und dialogstark zeigt Kipling, wie unscheinbare Entscheidungen in Beziehungen und Karrieren nachwirken. Der Fokus liegt weniger auf großen Ereignissen als auf Tonfällen, sozialen Codes und situativer Komik, die oft in leise Melancholie kippt.

Dunkeles Indien – Phantastische Erzählungen

Unheimliche Geschichten aus Indien verbinden Übernatürliches mit psychologischer Spannung und der Reibung zwischen Rationalismus und Aberglauben. Schattige Räume, Halluzinationen und tradiertes Wissen lassen Alltagsorte kippen und machen das Fremde im Vertrauten sichtbar. Der Ton ist kühl, andeutungsreich und arbeitet mit Ambivalenzen statt mit eindeutigen Erklärungen.

Soldatengeschichten

Locker verbundene Episoden folgen einfachen Soldaten bei Dienst, Marsch und Kneipengeschichten, zwischen Kameradschaft, Drill und Gefahr. Erdige Komik, Jargon und genaue Milieuschilderung vermitteln Respekt vor handwerklichem Können und dem informellen Ehrenkodex der Truppe. Die Geschichten zeigen Härte ohne Pathos und lassen den Alltag über große Strategien sprechen.

Nur so Geschichten

Spielerische Ursprungs- und Tiergeschichten erklären auf eigenwillige Weise, warum die Welt so ist, wie sie ist. Rhythmus, Wiederholungen und Wortwitz laden zum Vorlesen ein, während feine Seitenhiebe und kleine Moralwendungen auch Erwachsene ansprechen. Der Ton ist verspielt, erfinderisch und liebevoll streng in seiner eigenen Logik.

Die Taten des Tauchboots

Reportagen und Erzählskizzen über den U‑Boot‑Dienst verbinden technische Neugier mit Momenten stiller Anspannung. Im Vordergrund stehen Verfahren, Rituale und die Teamarbeit unter Wasser, aus denen sich Porträts von Professionalität und Risiko ergeben. Nüchtern und respektvoll zeichnet Kipling ein Bild von Krieg als Arbeit, das Distanz wahrt und doch Menschen sichtbar macht.

Gesamtblick: Wiederkehrende Themen und Stil

Durch die Sammlung ziehen sich Motive von Zugehörigkeit, Pflicht, Können und den unsichtbaren Regeln von Gemeinschaften – ob im Dschungel, im Amt, in der Kaserne oder auf See. Stilistisch verbindet Kipling knappe, bildhafte Sprache und Ohr für Redeweisen mit wechselnden Tönen zwischen Humor, Sentenz und plötzlicher Härte. Wiederkehrend ist die Spannung zwischen Bewunderung für Disziplin und einem wachen Blick für Ambivalenzen von Macht, Empire und persönlicher Verantwortung.

Gesammelte Werke von Rudyard Kipling

Hauptinhaltsverzeichnis

Romane:

Kim
Naulahka, das Staatsglück
Erloschenes Licht

Erzählungen:

Das Dschungelbuch
Das neue Dschungelbuch
Aus Indiens Glut
Dunkeles Indien - Phantastische Erzählungen
Schlichte Geschichten aus den indischen Bergen
Soldatengeschichten
Nur so Geschichten
Die Taten des Tauchboots

Kim

Inhaltsverzeichnis
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15

Kapitel 1.

Inhaltsverzeichnis

Er saß, in trotziger Mißachtung der behördlichen Vorschriften, rittlings auf der Kanone Zam-Zammah, die auf ihrem Ziegel-Unterbau gegenüber dem alten Ajaib-Gher stand – dem Wunderhaus – wie die Eingeborenen das Museum von Lahore nennen. Wer Zam-Zammah, »den feuerspeienden Drachen«, im Besitz hat, besitzt das Punjab; denn das mächtige, grünbronzene Geschütz ist immer des Siegers erste Beute.

Eine Rechtfertigung gab es für Kim – er hatte Lala Dinanaths Sohn von den Kurbellagern heruntergetreten – da den Engländern das Punjab gehörte – und Kim war Engländer. Obgleich so schwarz gebrannt, wie ein Eingeborener, obgleich mit Vorliebe die Landessprache gebrauchend und seine Muttersprache in einem undeutlichen Singsang radebrechend; obschon auf völligem Gleichheitsfuße mit den kleinen Bazar-Buben verkehrend, war Kim doch ein Weißer – ein armer Weißer – von den Allerärmsten einer. Die Halbblut-Frau, die ihm Quartier gab (sie rauchte Opium und behauptete, einen Möbelhandel aus zweiter Hand an dem Platz, wo die billigen Mietwagen stehen, zu betreiben), sagte den Missionären, sie sei Kims Mutterschwester. Seine Mutter aber war Kindermädchen in der Familie eines Obersten gewesen und hatte Kimball O’Hara geheiratet, einen jungen Fahnen-Unteroffizier von den Mavericks, einem irischen Regiment. Dieser nahm später Dienst bei der Sind-Punjab-Delhi-Eisenbahn, und sein Regiment ging ohne ihn heimwärts. O’Haras Weib starb in Ferozepore an der Cholera; er ergab sich dem Trunk und trieb sich mit dem dreijährigen, blitzäugigen Kinde an der Bahnlinie herum. Vereine und Geistliche, um den Knaben besorgt, suchten ihn einzufangen. Aber O’Hara machte sich stets aus dem Staube, bis er endlich auf das Weib traf, das Opium rauchte, von ihr diese Liebhaberei lernte und starb, so wie arme Weiße in Indien sterben. Seine Hinterlassenschaft bestand aus drei Schriftstücken; das eine nannte er sein » ne varietur « weil dies Wort unter seinem Namenszug geschrieben stand, das andere seinen Entlassungsschein; das dritte war Kims Geburtsschein. »Diese Dinger«, so pflegte er in seinen glorreichen Opiumstunden zu sagen, »würden den kleinen Kimbali noch zu einem Manne machen.« Auf keinen Fall dürfte Kim sich von den Papieren trennen, denn sie wirkten durch Magie – eine Magie, wie sie die Männer drüben hinter dem Museum übten, in dem großen blau und weißen Jadoo-Gher – dem magischen Hause – was wir Freimaurer-Loge nennen). Es würde, sprach O’Hara, eines Tages alles zum Rechten kommen und Kims Horn würde hoch erhoben zwischen Säulen hängen – ungeheuren Säulen – starken und schönen. Der Oberst selbst, an der Spitze des stolzesten Regimentes der Welt reitend, würde Kim aufwarten – dem kleinen Kim – der es besser haben sollte, als sein Vater. Neunhundert Teufel erster Klasse, deren Gott ein Roter Ochse auf grünem Felde war, würden Kim dienen, wenn sie nicht O’Hara vergessen hätten – den armen O’Hara, den Vorarbeiter auf der Strecke von Ferozepore. Dabei pflegte er in seinem zerbrochenen Binsenstuhl auf der Veranda bitterlich zu weinen. So geschah es, daß nach seinem Tode das Weib Pergament, Papier und Geburtsschein in ein ledernes Amulett-Etui einnähte und es Kim um den Hals hängte.

»Und eines Tages,« sprach sie, sich der Prophezeihung O’Hara’s verworren erinnernd, »wird ein großer roter Ochse auf grünem Felde zu Dir kommen und ein Oberst, auf hohem Pferde reitend, ja, und« – in’s Englische fallend – »neunhundert Teufel.«

»O,« rief Kim, »ich werde daran denken. Ein roter Ochse wird kommen und ein Oberst zu Pferde. Aber vorher, sagte mein Vater, kommen die zwei Männer, die den Grund klar machen für die Ereignisse. So machen sie’s immer, sagte mein Vater, wenn Männer Magie treiben.«

Hätte die Frau Kim mit seinen Papieren nach dem Orts-»Jadoo-Gher« gesandt, so würde er sicher von der Provinzial-Loge übernommen und in das Freimaurer-Waisenhaus im Gebirge geschickt worden sein; aber was sie von Magie gehört, machte sie mißtrauisch. Auch Kim hatte seine eigenen Ansichten. Als er in die Flegeljahre kam, ging er Missionaren und weißen Leuten von ernstem Aussehen, die zu fragen pflegten, wer er sei und was er treibe, geflissentlich aus dem Wege. Denn Kim trieb, mit großartigem Erfolge, gar nichts. Zwar die wundervolle, wallumgürtete Stadt Lahore kannte er durch und durch, vom Delhi-Tor bis zum äußersten Festungsgraben; zwar stand er auf Du und Du mit Leuten, die ein so seltsames Leben führten, wie selbst Harun al Raschid es sich nicht hätte träumen lassen; zwar lebte er selbst ein so seltsames Leben, wie in »Tausend und eine Nacht« – aber die Missionare und Beamten von wohltätigen Anstalten hätten dies alles ja nicht zu würdigen gewußt. Im Stadtbezirk war sein Spitzname »Kleiner Allerweltsfreund«. Da er klein und unauffällig war, hatte er sehr oft nächtliche Botschaften auf den belebten Hausdächern von fashionablen, geschniegelten jungen Herren auszurichten. Es waren Intriguen, natürlich – er wußte das nur zu genau, hatte er doch, seit er sprechen konnte, alles Böse kennen gelernt. Er lieble solche Streiche um ihrer selbst willen; dies heimliche Umherstreifen durch dunkle Winkel und Gäßchen, das verstohlene Hinaufschleichen durch ein Wasserrohr, den Anblick und die Laute der Frauenwelt auf den flachen Dächern und die ungestüme Flucht von Dach zu Dach im Schutze der schwülen Dunkelheit. Dann gab es heilige Männer, mit Asche beschmierte Fakire, unter ihren steinernen Schreinen bei den Bäumen am Flußufer, mit denen er ganz familiär stand. Er begrüßte sie, wenn sie von ihren Bettelreisen zurückkehrten, und, wenn es niemand sah, aß er auch mit ihnen aus derselben Schüssel.

Die Frau, die ihn in Obhut hatte, flehte unter Tränen, er solle europäische Kleider tragen: Hosen, ein Hemd und einen Schlapphut. Kim zog es vor, in ein Hindu-oder Mohammedaner-Gewand zu schlüpfen, wenn er in gewissen Geschäften unterwegs war. Einer der jungen, fashionablen Männer – es war derselbe, der in der Nacht des Erdbebens auf dem Grunde eines Brunnens tot aufgefunden wurde – hatte ihm einst einen vollständigen Anzug aus Hindu-Stoff, das Kostüm eines Straßenjungen niederer Kaste, gegeben. Kim verbarg es heimlich zwischen einigen Balken auf Nila Rams Zimmerplatz, hinter dem Punjab-Gerichtshof, dort, wo die wohlriechenden Deodar-Klötze zum Austrocknen lagerten, nachdem sie den Ravi herabgetrieben. Wenn Aussicht auf Geschäfte oder Schelmenstreiche bevorstand, holte Kim seinen verborgenen Besitz hervor und kehrte erst beim Morgengrauen zurück in die Veranda, erschöpft vom Jubilieren hinter einer Heiratsprozession her oder vom Schreien bei einer Hindu-Festlichkeit. Zuweilen fand er einen Happen im Hause, öfter aber nicht; dann ging er wieder fort und aß mit seinen eingeborenen Freunden.

Er trommelte mit den Hacken gegen Zam-Zammah und unterbrach bisweilen sein »König vom Schloß«-Spiel mit dem kleinen Chota Lal und Abdullah, des Kuchenbäckers Sohn, um dem eingeborenen Polizisten, der die Reihe von Schuhen vor dem Museum zu bewachen hatte, Grobheiten zuzurufen. Der dicke Punjabmann lächelte nachsichtig. Er kannte Kim schon lange – ebenso der Wasserträger, der die trockene Straße aus seinem ziegenledernen Sack besprengte. Auch der Jawahir Singh, der Museums-Tischler, der über neuen Packkisten gebückt dastand, war ein alter Bekannter Kims, wie überhaupt jedermann rundherum, ausgenommen die Bauern vom Lande, die nach dem Wunderhause kamen, um die Dinge anzustaunen, die in ihrer eignen Provinz ebenso wie auch anderswo angefertigt wurden. Das Museum war bestimmt für die Erzeugnisse indischer Kunst und Industrie. Wer etwas erklärt haben wollte, konnte den Direktor fragen.

»Herunter! Herunter mit Dir! Ich will hinauf,« schrie Abdullah, auf Zam-Zammah’s Rad kletternd.

»Dein Vater war Pastetenkoch. Deine Mutter stahl das »Ghi«, sang Kim. »Alle Muselmänner sind längst von Zam-Zammah heruntergefallen.«

»Laß mich hinauf!« kreischte der kleine Chota Lal, unter seiner goldgestickten Mütze. Sein Vater war vielleicht eine halbe Million Sterling wert; aber Indien ist das einzige demokratische Land der Welt.

»Die Hindu sind auch von Zam-Zammah herabgefallen. Die Muselmänner stießen sie herunter. Dein Vater war Pastetenkoch« – Er hielt inne, denn um die Ecke, vom geräuschvollen Moti-Bazar her, kam schwerfälligen Ganges ein Mann, wie ihn Kim, der alle Kasten zu kennen glaubte, nie zuvor gesehen. Er war nahezu sechs Fuß hoch und gekleidet in dunkelbraunen Stoff, der, einer Pferdedecke ähnlich, Falte auf Falte schlug; und nicht eine Falte konnte Kim in Zusammenhang bringen mit irgendeinem ihm bekannten Geschäft oder Handwerk. An seinem Gürtel hing ein eiserner Federbehälter von durchbrochener Arbeit und ein hölzerner Rosenkranz, wie ihn heilige Männer tragen. Auf dem Haupte hatte er eine Art riesiger spitzer Deckelmütze mit einem Knopf in der Mitte. Sein Gesicht war gelb und runzelig wie das von Fook Shing, dem chinesischen Schuhmacher im Bazar. Seine Augen zogen sich nach den Winkeln aufwärts und sahen aus wie kleine Spalten aus Onyx.

»Wer ist das?« fragte Kim seine Kameraden.

»Vielleicht ist es ein Mann,« sprach Abdullah hinstarrend, den Finger im Munde.

»Ohne Zweifel,« erwiderte Kim; »aber es ist ein Inder, wie ich ihn noch nie sah.«

»Ein Priester vielleicht,« meinte Chota Lal, den Rosenkranz erspähend. »Sieh, er geht in das Wunder-Haus.«

»Nein, nein,« sagte der Polizist kopfschüttelnd. »Ich verstehe Deine Rede nicht.« Der Konstabler sprach Punjabi. »He, Du! Allerweltsfreund! was sagst Du?«

»Schicke ihn hierher,« rief Kim, von Zam-Zammah herab kletternd und seine nackten Füße schwenkend. »Er ist ein Fremder und Du bist ein Büffel.«

Der Mann drehte sich hilflos um und schob sich zu dem Knaben hin. Er war alt, und sein wollenes Obergewand dunstete noch von dem übelriechenden Wermut der Gebirgspässe.

»O, Kinder, was ist dies große Haus?« fragte er in sehr klarer Urdusprache.

»Das Ajaib-Gher, das Wunder-Haus.« Kim gab ihm keinen Titel, wie Lala oder Mian, denn er konnte des Mannes Glaubensbekenntnis nicht erraten. »Ah! Das Wunder-Haus! Kann da ein jeder eintreten?«

»Es steht über der Pforte geschrieben – jeder kann eintreten.«

»Ohne Bezahlung?«

»Ich gehe ein und aus. Und ich bin kein Bankier,« lachte Kim.

»Ach! Ich bin ein alter Mann, ich wußte es nicht.« Dann, seinen Rosenkranz fingernd, wandte er sich halb dem Museum zu.

»Welcher Kaste gehörst Du an? Wo ist Dein Haus? Kommst Du von ferne her?« fragte Kim.

»Ich kam über Kulu, von jenseits der Kailas – aber was wißt Ihr von den Bergen, wo« – er seufzte – »Luft und Wasser frisch und kühl sind.«

»Aha! Khitai« (ein Chinese), sagte Abdullah stolz. Fook Shing hatte ihn einmal aus seinem Laden gejagt, weil er nach dem Joß (chinesischer Götze) gespieen, der über den Stiefeln thronte.

»Pahari« (ein Bergbewohner), meinte der kleine Chota Lal.

»Ach Kind! Ein Bergbewohner, von Bergen, die Du niemals sehen wirst. Hörtest Du schon von Bhotiyal (Tibet)? Ich bin kein Khitai, aber ein Bhotiya (Tibetaner), wenn Du es wissen mußt – ein Lama – oder sage in Deiner Sprache: ein Guru.«

»Ein Guru von Tibet,« rief Kim. »So einen Mann sah ich noch nie. Sind sie Hindus in Tibet?«

»Wir sind Pilger des ›mittleren Pfades‹ und leben in Frieden in unseren Land-Klöstern; ich aber zog aus, um die Vier Heiligen Plätze zu sehen, bevor ich sterbe. Nun wißt Ihr, die Ihr Kinder seid, so viel als ich, der ich alt bin.« Er lächelte wohlwollend auf die Knaben hernieder.

»Hast Du gegessen?«

Er tappte auf seiner Brust herum und zog eine abgenutzte, hölzerne Bettelschale hervor. Die Knaben nickten. Alle Priester ihrer Bekanntschaft bettelten.

»Ich mag noch nicht essen.« Er bewegte seinen Kopf wie eine alte Schildkröte im Sonnenschein. »Ist es wahr, daß so viele Bildnisse im Wunder-Hause von Lahore stehen?« Er wiederholte die letzten Worte, wie jemand, der sich eine Adresse einprägt.

»Das ist wahr,« sagte Abdullah. »Es ist voll von heidnischen ›Buts‹. Du bist wohl auch ein Götzendiener?«

»Höre nicht auf ihn,« sprach Kim. »Das Haus gehört der Regierung und Götzendienerei gibt es nicht darin; nur einen Sahib mit einem weißen Bart. Komm mit mir, ich will Dich führen.«

»Fremde Priester fressen Knaben,« wisperte Chota Lal.

»Und er ist ein Fremder und ein But-parast (ein Götzendiener)« sagte Abdullah, der Mohammedaner.

Kim lachte. »Er ist fremd. Lauft, versteckt Euch in Eurer Mutter Schoß, dann seid Ihr sicher. Komm!«

Kim schob sich durch das Drehkreuz am Eingang, der alte Mann folgte, blieb aber bald vor Erstaunen stehen. In der Eintrittshalle standen die größeren Figuren hellenistisch-buddhistischer Skulptur, die – Gelehrte mögen wissen vor wie langer Zeit – von vergessenen Künstlern gefertigt waren, deren Hände nicht ohne Geschick nach dem rätselhaft überkommenen griechischen Stil getastet hatten. Da waren vereinigt Hunderte von Figurenfriesen in Relief, Fragmente von Statuen und Steinplatten mit Figuren, welche die steinernen Wände der buddhistischen Stupas (bienenkorbförmige Baudenkmäler) und Viharas (Klöster) der nördlichen Gegenden bedeckt hatten, um nun, ausgegraben und etikettiert, den Stolz des Museums auszumachen. Mit staunender Bewunderung wandte der Lama sich von einem zum anderen, bis er endlich in verzückter Spannung still stand vor einem Hoch-Relief, das die Krönung oder Apotheose des Buddha wiedergab. Der »Herr« war dargestellt auf einer Lotusblume sitzend, deren Blätter so tief unterhöhlt waren, daß sie fast losgelöst erschienen. Eine anbetende Korona von Königen, Tempelältesten und Buddhas aus den Vorzeiten umgab ihn. Darunter lotusbedeckte Wasser mit Fischen und Wasservögeln. Zwei Dewas mit Schmetterlingsflügeln hielten einen Kranz über seinem Haupte; zwei andere trugen den Sonnenschirm, überragt von der juwelenstrahlenden Hauptbedeckung des Bodhisat.

»Der Herr! Der Herr! Es ist Sakya Muni selbst,« sprach der Lama mit unterdrücktem Schluchzen, und er begann mit halber Stimme die wundervolle buddhistische Anrufung:

»Zu Ihm der Weg – die Lehre groß – Den Maya trug in ihrem Schoß Des Segens Herr – der Bhodisat!«

»Und ›Er‹ ist hier! Das höchst vortreffliche Gesetz ist auch hier. Meine Pilgerfahrt hat günstig begonnen. Und welch’ ein Werk! Welch’ ein Werk!«

»Dort ist der Sahib,« sagte Kim und hüpfte zwischen den Kasten der Kunstgewerbe und Industrie-Abteilung hindurch zur Seite.

Ein weißbärtiger Engländer blickte auf den Lama hin, der ihn feierlich grüßte und nach einigem Herumtasten ein Notizbuch und einen Streifen Papier zum Vorschein brachte.

»Ja, das ist mein Name,« sprach er, lächelnd auf die plumpe, kindliche Druckschrift deutend.

»Einer von uns, der die Pilgerfahrt nach den Heiligen Plätzen gemacht – er ist jetzt Abt des Lung-Cho-Klosters – gab mir dies,« stammelte der Lama. »Er sprach zu mir von ›Diesen‹.« Seine magere Hand wies zitternd rund umher.

»Willkommen denn, Lama von Tibet. Hier sind die Götterbilder; und hier bin ich,« – er blickte in des Lamas Gesicht – »um Wissen zu sammeln. Komm mit in mein Arbeitszimmer.« Der alte Mann zitterte vor Erregung.

Das Bureau war nur ein kleiner hölzerner, von der mit Skulpturen gefüllten Galerie abgeteilter Verschlag. Kim legte sich nieder, mit dem Ohr gegen einen Riß in der von der Hitze gespaltenen Tür von Zedernholz, um, seinem angeborenen Instinkte gemäß, zu horchen und zu beobachten.

Das Hauptsächlichste des Gesprächs ging über sein Verständnis. Anfangs zögernd sprach der Lama zu dem Direktor von seinem Lama-Kloster »Suchzen«, gegenüber dem Farbigen Felsen und wohl einen viermonatlichen Marsch entfernt. Der Direktor holte ein großes Buch mit Photographien herbei und zeigte ihm das genannte, auf hoher Felsspitze thronende Kloster, das auf das Riesenthal mit den vielfach getönten Felsstufen herniederschaute.

»Ei! Ei!« Der Lama setzte eine in Horn gefaßte Brille von chinesischer Arbeit auf. »Hier ist die kleine Tür, durch die wir das Holz für den Winter tragen. Und Du – der Engländer, kennst das? Der jetzt Abt von Lung-Cho ist, sagte mir, daß Ihr es wisset, aber ich glaubte es nicht. Der Herr, der Erhabene – man ehrt ihn auch hier? Und man kennt sein Leben?«

»Es ist alles in Stein gemeißelt. Komm und schaue, wenn Du ausgeruht hast.«

Der Lama schlürfte hinaus in die Haupthalle; der Direktor schritt ihm zur Seite durch die Sammlungen mit der Andacht des Verehrers und der Hochschätzung des Kunstkenners.

Ereignis auf Ereignis in der wundervollen Geschichte bezeichnete er auf den nachgedunkelten Steinen, zuweilen selbst etwas in Verlegenheit gebracht durch die ungewohnte griechische Stilart, aber entzückt wie ein Kind bei jedem neuen Fund.

Wo die Reihenfolge unterbrochen war, wie bei der Verkündigung, ergänzte der Direktor sie mit Hilfe seiner aufgestapelten französischen und deutschen Bücher, durch Photographien und Abbildungen.

Hier war der fromme Asita, Pendant des Simeon in der christlichen Geschichte, das heilige Kind auf den Knien haltend, während die Eltern andächtig lauschten; und hier waren Vorgänge aus der Legende des Vetters Devadatta. Hier war das böse Weib, das mit schändlicher Lüge den »Herrn« der Unlautbarkeit beschuldigte – hier die Predigt im Wildpark – das Wunder, von dem die Feueranbeter überwältigt wurden – und hier der Bodhisat als Prinz im Königlichen Schmuck; die wunderbare Geburt; der Tod zu Kusinara, wo der schwache Jünger in Ohnmacht sank. Fast unzählige Wiederholungen der Meditation unter dem Bodhisat-Baum fanden sich und die Anbetung der Almosen-Schale war überall zu sehen. Nach wenigen Minuten schon wußte der Direktor, daß sein Gast kein gewöhnlicher, Rosenkranzkugeln zählender Bettler, nein, ein ganzer Gelehrter war. Und sie gingen alles noch einmal durch; der Lama schnupfend, seine Brillengläser putzend und mit Eisenbahnschnelligkeit ein wunderbares Gemisch von Urdu und Tibetanisch redend. Er hatte von den Reisen der chinesischen Pilger Fo-Hian und Hwen-Thiang gehört und war begierig zu erfahren, ob Übersetzungen ihrer Berichte existierten. Mit angehaltenem Atem wendete er hilflos die Blätter von Beal und Stanislas Julien um. »Es ist alles hier – aber für mich ein verschlossener Schatz.« Dann suchte er sich zu beruhigen, um ehrfurchtsvoll den Bruchstücken zu lauschen, die ihm rasch in Urdu wiedergegeben wurden. Zum ersten Male hörte er von den Arbeiten europäischer Gelehrten, die mit Hilfe dieser und hundert anderer Dokumente die heiligen Plätze des Buddhismus festgestellt haben. Dann wurde ihm eine mächtige Karte gezeigt, fleckig, voll gelblicher Linien. Der braune Finger folgte des Direktors Stift von Punkt zu Punkt. Da war Kapilavastu, da das Königreich der Mitte und hier Mahabodhi, das Mekka des Buddhismus; und hier war Kusiganagara, der traurige Platz von des Heiligen Tod. Der alte Mann beugte für eine Weile schweigend das Haupt über die Blätter; der Direktor zündete sich eine neue Pfeife an. Kim war eingeschlafen. Als er erwachte, war die Unterhaltung noch im Flusse, aber ihm besser verständlich.

»Und so geschah es, o Brunnen der Weisheit, daß ich beschloß, nach den Heiligen Plätzen zu pilgern, die »sein« Fuß betreten. Nach dem Geburtsplatz, selbst nach Kapila; dann nach Maha Bodhi, was Buddh Gana ist – nach dem Kloster – dem Wildpark – nach dem Platz Seines Todes.«

Der Lama senkte die Stimme. »Und ich komme allein hierher. Seit fünf, sieben, achtzehn – vierzig Jahren trage ich es in meinen Gedanken, daß das Alte Gesetz nicht wohl befolgt wird. Es ist, Du weißt es, überladen mit Teufelei, Zauberei und Götzendienst. Gerade wie das Kind da draußen eben sagten ja, wie selbst das Kind sagte, mit »But parasti«.

»So ergeht es jeder Glaubenslehre.«

»Meinst Du? Die Bücher meines Klosters habe ich gelesen, und sie waren vertrocknetes Mark: und das späte Ritual, mit dem wir vom Reformierten Gesetz uns beladen haben – auch das hatte keinen Wert in diesen alten Augen. Selbst die Jünger des »Vollkommenen« leben in beständiger Fehde miteinander. Es ist alles Wahn! Ja, Maya, Wahn! Aber ich trage ein anderes Verlangen« – das gefurchte gelbe Gesicht näherte sich ganz dicht dem des Direktors und der lange Nagel des Zeigefingers tippte auf den Tisch – »Eure Gelehrten sind in diesen Büchern den Heiligen Füßen auf allen Wanderungen gefolgt; aber es gibt Dinge, denen sie nicht nachgeforscht haben. Ich weiß nichts – nichts weiß ich – aber ich gehe mich frei zu machen von dem Rad der Dinge, auf einem offenen, breiten Wege.« – (Rad der Dinge ist ein buddhistischer Begriff der Wiederkehr alles Seienden bis zur Erlösung.) Er lächelte mit naivem Triumph. »Als Pilger nach den Heiligen Plätzen erwerbe ich Verdienst. Aber es bleibt mehr zu tun. Höre auf ein wahres Wort. Da unser gnadenreicher Herr noch ein Jüngling war und eine Lebensgefährtin suchte, meinten die Männer an Seines Vaters Hof, daß Er zu zart zur Heirat wäre. Du weißt dies?«

Der Direktor nickte, neugierig, was nun folgen sollte.

»So wurde eine dreifache Kraftprobe mit allen herankommenden Bewerbern angeordnet. Bei der Prüfung des Bogens forderte unser »Herr«, nachdem Er den ihm überreichten Bogen durchgebrochen, einen Bogen, den keiner spannen könnte. Du weißt?«

»Es steht geschrieben. Ich habe es gelesen.«

»Und alle anderen Zeichen überschießend, flog der Pfeil fern und ferner, außer Sicht. Zuletzt fiel er; und wo er die Erde berührte, da brach ein Wasserstrahl hervor, der sogleich zum Strome wurde. Und durch unseres Herrn Gnade und das Verdienst, das Er erwarb, bevor Er Sich selbst frei machte, erhielt der Strom die Eigenschaft, jede Spur und jeden Flecken von Sünde abzuwaschen von dem, der in ihm badet.«

»So steht es geschrieben«, sagte traurig der Direktor.

Der Lama tat einen liefen Atemzug. »Wo ist der Strom, o Brunnen der Weisheit? Wo fiel der Pfeil?«

»O, mein Bruder, ich weiß es nicht.«

»O nein. Du hast es wohl vergessen – das Eine nur, was Du mir nicht gesagt. Sicher, Du mußt es wissen. Sieh, ich bin ein alter Mann! Ich frage Dich – mein Haupt zwischen Deinen Füßen – o, Brunnen der Weisheit! Wir wissen, der Wasserstrahl sprang hervor! Wo denn ist der Fluß? Ein Traum hieß mich ihn finden. So kam ich. Ich bin hier. Aber wo ist der Strom?«

»Wenn ich es wüßte, denkst Du, ich würde es nicht laut hinausrufen?«

»Durch ihn,« fuhr der Lama, ohne ihn zu beachten fort, »erlangt man Befreiung vom Rad der Dinge. Der Strom des Pfeiles! Denk’ noch einmal nach! Ein kleines Flüßchen, – mag sein – vielleicht in der Hitze vertrocknet? – Aber der Heilige würde einen alten Mann nicht so täuschen.«

»Ich weiß es nicht. Ich weiß es nicht.«

Der Lama brachte sein tausendfach durchfurchtes Gesicht auf eine Handbreite dem des Engländers nahe.

»Ich sehe. Du weißt es nicht. Da Du der Lehre nicht angehörst, blieb Dir dieses verborgen.«

»Ach! Verborgen – verborgen.«

»Wir sind bald in Banden, Du und ich, mein Bruder. Aber ich« – er erhob sich mit einem Schwung seiner weichen, schweren Umhüllung – »ich gehe, um mich frei zu machen. Komm’ mit!«

»Ich bin gebunden,« sagte der Kurator … Aber wohin gehst Du?«

»Erst nach Kashi (Benares), wohin sonst? Dort in dem Jaina-Tempel dieser Stadt werde ich einen von der reinen Lehre treffen. Auch er ist im Geheimen ein Sucher, und von ihm kann ich möglicherweise lernen. Kann sein, daß er mit mir nach Buddha-Gaya geht. Von da nördlich und westlich nach Kapilavastu, und da will ich nach dem Flusse suchen. Nein, überall, wohin ich gehe, will ich suchen – denn der Platz, wo der Pfeil fiel, ist nicht bekannt.«

»Und wie willst Du gehen? Es ist ein weiter Ruf bis Delhi, und weiter noch bis Benares.«

»Auf der Heerstraße und mit den Zügen. Von Pathankot, nachdem ich die Hügel verlassen, kam ich hieher in einem Zug. Er fährt schnell. Anfangs wunderte ich mich sehr über die hohen Stangen an der Seite des Weges, die die Fäden aufschnappen und aufschnappen,« er erläuterte pantomimisch das scheinbare Neigen und Wirbeln der Telegraphenstangen, wenn der Zug vorbeisaust. »Aber später, ich saß so zusammengepfercht, ich wünschte, ich hätte gehen können, wie ich es gewohnt bin.«

»Und kennst Du Deinen Weg denn sicher?« fragte der Direktor.

»O, was das betrifft, ich brauche nur zu fragen und Geld zu zahlen; die angestellten Personen befördern jeden nach dem bestimmten Platz. Das wußte ich schon in der Lamaserai aus sicherer Quelle,« sagte mit Stolz der Lama.

»Und wann willst Du fort?« Der Direktor lächelte über diese Mischung von altweltlicher Frömmigkeit und modernem Fortschritt, wie sie jetzt für Indien so bezeichnend ist.

»Sobald als möglich. Ich folge den Spuren Seines Lebens, bis ich zu dem Strom des Pfeiles komme. Es gibt indes ein geschriebenes Papier von den Stunden der Züge, die südwärts gehen.«

»Und Deine Nahrung?« Lamas führen in der Regel einen guten Vorrat an Geld irgendwo bei sich, aber der Direktor wünschte sich davon zu überzeugen.

»Auf der Reise trage ich die Bettelschale wie unser Meister. Ja. So wie Er ging, so gehe ich, mit Verzicht auf meines Klosters Versorgung. Da ich die Hügel verließ, hatte ich einen Chela (Schüler) bei mir, der, wie es die Regel erfordert, für mich bettelte; aber in Kulu, wo wir eine Weile hielten, ergriff ihn ein Fieber und er starb. Ich habe nun keinen Chela, aber ich will die Almosenschale tragen und den Mildtätigen Gelegenheit bieten, Verdienst zu erwerben.« Er nickte tapfer mit dem Kopf. Gelehrte Doktoren einer Lamaserai betteln nicht; aber der Lama war in diesem Punkte Idealist.

»Sei es so,« sagte lächelnd der Direktor. »Gönne mir nun, Dir einen Dienst zu erweisen. Wir beide sind Kollegen, Du und ich. Hier ist ein neues Buch, von weißem, englischem Papier, hier sind gespitzte Bleistifte, zwei und drei, dicke und dünne – alle gut für einen Schreiber. Nun erlaube mir noch Deine Brille.«

Der Direktor sah durch die Gläser. Sie waren arg zerschrammt, aber die Stärke fast genau wie die seiner eigenen Brille, welche er in des Lamas Hand gleiten ließ mit den Worten: »Versuche diese.«

»Eine Feder! Wahrhaftig, so leicht wie eine Feder auf dem Gesicht!« Der alte Mann bewegte entzückt den Kopf und runzelte die Nase aufwärts. »Kaum fühle ich sie. Wie klar ich sehe!«

»Die Gläser sind Bilaur (Krystall) und werden niemals schrammig. Mögen sie Dir zu Deinem Flusse helfen, sie sind Dein!«

»Ich will sie nehmen, und die Stifte auch und das weiße Buch, als Zeichen der Freundschaft zwischen Priester und Priester – und nun« – er tappte an seinem Gürtel herum, löste den eisernen Federbehälter von durchbrochener Arbeit los und legte ihn auf des Direktors Tisch. »Das soll ein Zeichen der Erinnerung sein zwischen Dir und mir – mein Federbehälter. Es ist etwas Altes – so wie ich bin.«

Es war eine Arbeit von altem Muster, chinesisch, von einem Eisen, wie es jetzt nicht mehr gegossen wird; und das Sammlerherz in des Direktors Brust hatte sie vom ersten Augenblick an ersehnt. Um keinen Preis wollte der Lama seine Gabe zurücknehmen.

»Wenn ich zurückkehre und den Fluß gefunden habe, will ich Dir ein geschriebenes Bild von der ›Padma Samthora‹ (heilige Lotosblume) bringen – so wie ich es in der Lamaserai auf Seide zu machen pflegte. Ja – und von dem Rad des Lebens,« sprach er mit halb unterdrücktem Lachen, »denn wir beide sind Kunstkenner, Du und ich.«

Der Kurator hätte ihn gern noch zurückgehalten; denn es gibt nur wenige in der Welt, die noch das Geheimnis der althergebrachten buddhistischen Pinselfederdarstellungen besitzen, die halb geschrieben, halb gezeichnet sind. Aber der Lama schritt bereits weitausgreifend und das Haupt hoch in der Luft, hinaus, stand einen Augenblick noch still vor der großen Statue eines Bodhisat in Meditation und schob sich sodann durch das Drehkreuz.

Kim folgte ihm wie sein Schatten. Was er erlauscht, hatte ihn wild erregt. Dieser Mann war ihm, trotz aller Erfahrung, vollständig neu und er wollte ihn weiter ergründen, genau so wie er ein neues Gebäude oder eine unbekannte Festlichkeit in Lahore ausspionierte. Der Lama war sein Fund und er wollte Besitz von ihm ergreifen. Kims Mutter war nicht umsonst eine Irländerin.

Der alte Mann hielt inne bei Zam-Zammah und schaute sich um, bis sein Auge auf Kim fiel. Der Enthusiasmus seiner Pilgerfahrt war für den Augenblick gedämpft; er fühlte sich verlassen, alt und sehr hungrig.

»Nicht unter der Kanone sitzen!« fuhr ihn der Polizist grob an.

»Hu! Du Eule!« war Kims Erwiderung an des Lamas Stelle. »Setze Dich nur unter die Kanone, wenn es Dir so gefällt. Wann hast Du der Milchfrau die Pantoffeln gestohlen, Dunnoo?«

Das war eine ganz grundlose, der Eingebung des Augenblickes entsprungene Beschuldigung; aber sie machte Dunnoo verstummen, der wußte, daß Kims gellende Stimme Legionen von bösen Bazar-Buben herbeirufen Konnte, wenn’s Not tat.

»Und wen hast Du angebetet da drinnen?« frug Kim leutselig, indem er sich im Schalten neben dem Lama niederkauerte.

»Ich betete keinen an, Kind. Ich verneigte mich vor dem Vortrefflichen Gesetz.«

Kim akzeptierte diese neue Gottheit ohne Gemütsbewegung. Er kannte schon eine gehörige Anzahl.

»Und was willst Du nun tun?«

»Ich bettle. Ich entsinne mich nun, es ist lange her, daß ich aß und trank. Wie ist der Brauch in dieser Stadt, wenn man Mildtätigkeit sucht? Tut man es schweigend, wie in Tibet, oder mit Worten?«

»Die mit Schweigen betteln, verhungern im Schweigen,« antwortete Kim, ein landesübliches Sprichwort anführend. Der Lama versuchte sich zu erheben, sank aber zurück und klagte um seinen Schüler, der in weiter Ferne, in Kulu, gestorben war. Den Kopf zur Seite, beobachtete Kim überlegend und interessiert.

»Gib mir die Schale. Ich kenne die Leute in dieser Stadt, alle, die barmherzig sind. Gib mir die Schale, ich bringe sie Dir gefüllt zurück.« Einfach wie ein Kind, reichte der alte Mann ihm die Schale.

»Ruhe Du. Ich kenne meine Leute.«

Er trottete fort zu der offenen Bude einer Kunjri-Gemüsehändlerin niederer Kaste, die gegenüber der Straßenbahnlinie am Motti-Bazar stand. Die Frau kannte Kim lange genug.

»Oho« rief sie, »bist Du ein Pogi geworden, mit Deiner Bettlerschale?«

»Nein,« sagte Kim stolz. »Es ist ein fremder Priester in der Stadt – ein Mann, wie ich noch nie einen sah.«

»Alter Priester – junger Tiger,« sprach das Weib ärgerlich. »Ich hab’ die fremden Priester satt! Die fallen wie Fliegen über unsere Ware her. Ist der Vater meines Sohnes ein Brunnen der Barmherzigkeit, um allen zu geben, die betteln?«

»Nein,« antwortete Kim: »Dein Mann ist mehr ein Pagi (Brummbär) als ein Pogi (heiliger Mann). Aber dieser Priester ist neu. Der Sahib in dem Wunderhaus sprach zu ihm wie ein Bruder. O, meine Mutter, fülle mir die Schale! Er wartet!«

»Diese Schale? Meinst Du? Die hat ja einen Bauch wie eine Kuh. Du bist nicht besser als der heilige Stier des Shiwa; der hat mir heute früh schon das Beste von einem Korb voll Zwiebeln aufgefressen, und dann soll ich noch Deine Schale füllen? Da kommt er schon wieder.«

Der ungeheure, mausgraue Brahmini-Stier schob sich mit auf-und niederschaukelnden Schultern durch die vielfarbige Menge, ein gestohlenes Bananenbüschel im Maule. Er hielt gerade auf die Bude zu, sich seiner Privilegien als geheiligtes Tier wohl bewußt, senkte den Kopf und schnüffelte heftig an der Reihe von Körben herum, ehe er seine Wahl traf. Da flog Kims holzbeschuhter kleiner Fuß in die Luft und traf ihn auf die feuchte blaue Schnauze. Er grunzte ärgerlich und stapfte über die Bahnschienen zurück; sein Widerrist zitterte vor Wut.

»Sieh, ich habe Dir mehr gespart, als es kostet, wenn Du die Schale dreimal füllst. Nun, Mutter, ein wenig Reis und getrockneter Fisch obenauf – ja, und etwas Curry-Gemüse.«

Ein Knurren kam aus dem Hintergrund der Bude, wo der Mann lag.

»Er hat den Stier vertrieben,« sagte die Frau halblaut. »Es ist gut, den Armen zu geben.« Sie nahm die Schale und gab sie, mit heißem Reiß gefüllt, zurück.

»Aber mein Pogi ist keine Kuh,« sagte Kim ernsthaft, mit seinen Fingern ein Loch in den Reisberg machend. »Ein wenig Curry ist gut, und ein gebackener Kuchen und etwas eingemachte Frucht würden ihm behagen.«

»Das Loch ist so groß wie Dein Kopf,« sprach murrend das Weib. Aber sie füllte es trotzdem mit gutem, heißem Currygemüse, klappte einen getrockneten Kuchen oben darauf mit einem Stückchen geklärter Butter, legte ein Häufchen Tamarinden-Konserve an die Seite – und Kim betrachtete wohlgefällig die Ladung.

»So ist’s gut, wenn ich im Bazar bin, soll der Ochs nicht wieder an diese Bude kommen. Er ist ein frecher Bettelmann.«

»Und Du?« lachte die Frau. »Aber sprich nicht schlecht von Ochsen. Hast Du mir nicht gesagt, daß eines Tages ein Roter Ochse aus einem Felde kommen wird, um Dir zu helfen? Nun halte alles gerade und fordere des heiligen Mannes Segen für mich. Vielleicht weiß er auch ein Mittel, die kranken Augen meiner Tochter zu heilen? Fordere auch dies, Du kleiner Allerweltsfreund.«

Doch Kim war fortgetanzt vor dem Ende dieser Rede, herrenlosen Hunden und hungrigen Bekanntschaften aus dem Wege gehend.

»So betteln wir, die wir die Sache verstehen, sprach er stolz zu dem Lama, der die gefüllte Schale erstaunt betrachtete. »Iß nun und – ich will mit Dir essen. Heda! Bhisti!« er rief dem Wasserträger, der die Erotons (Krebsblumen) bei dem Museum begoß, »bring’ Wasser. Wir Männer sind durstig.«

»Wir Männer!« lachte der Bhisti. »Ist ein voller Schlauch genug für so ein Paar? Trinkt denn, im Namen des Erbarmers.«

Er goß einen dünnen Strahl in Kim’s Hände, der nach Landessitte trank. Der Lama aber zog einen Becher aus seinem unerschöpflichen Obergewand und trank mit Feierlichkeit.

»Pardesi (ein Fremdling),« erklärte Kim, als der alte Mann in unbekannter Sprache etwas sagte, was offenbar ein Segen war.

Sie schmausten zufrieden zusammen, bis die Bettelschale geleert war. Dann schnupfte der Lama aus einem schwerfälligen, kürbisförmigen Holzgefäß, ließ seinen Rosenkranz eine Weile durch die Finger gleiten und fiel, als der Schatten von Zam-Zammah länger wurde, in den leisen Schlaf des Alters.

Kim bummelte zu der nächsten Tabakhändlerin, einer jungen, lebhaften Mohammedanerin hinüber und erbettelte sich eine ordinäre Zigarre, von der Sorte, wie sie den Studenten der Punjabi-Universitat, die englischen Brauch kopieren, verkauft werden. Dann rauchte er und, mit hochgezogenen Knieen unter dem Bauch der Kanone sitzend, dachte er nach. Das Resultat dieses Nachdenkens war ein rasches verstohlenes Hinhuschen nach der Richtung von Nila Rams Zimmerplatz.

Der Lama erwachte erst, als das abendliche Leben der Stadt begann mit Lampenanzünden und Rückkehr der weißgekleideten Ober-und Unterbeamten aus dem Gouvernement-Bureau. Verwirrt blickte er nach allen Seiten: niemand aber beachtete ihn, außer einem Hinduknirps in isabellfarbenem Gewand und schmutzigem Turban. Wehklagend beugte der Lama den Kopf auf die Kniee.

»Was ist los?« fragte der Knabe, vor ihm stehen bleibend. »Bist Du beraubt worden?«

»Ach, mein neuer Chela, er ist von mir gegangen: ich weiß nicht, wo er ist.«

»Und welch’ eine Art Mensch war Dein Schüler?«

»Er war ein Knabe, der zu mir kam an Stelle dessen, der mir gestorben. Wohl weil ich Verdienst erworben, indem ich mich vor dem Gesetz verbeugte da drinnen.« Er wies nach dem Museum hin. »Er kam zu mir und zeigte mir den Weg, den ich verloren. Er leitete mich in das Wunderhaus und ermutigte mich durch seinen Zuspruch, mit dem Wächter der Götterbilder zu reden: das machte mich heiter und stark. Und als ich matt vor Hunger war, da bettelte er für mich, wie ein Chela für seinen Lehrer. Plötzlich ward er mir gesendet. Plötzlich ist er verschwunden. Und ich gedachte, ihn in dem Gesetz zu unterrichten, auf dem Wege nach Benares!«

Kim stand verwundert da. Er halte das Gespräch im Museum belauscht und wußte, daß der alte Mann nur Wahrheit redete. Und Wahrheit ist etwas, das ein Eingeborener selten einem Fremden darbietet.

»Aber ich sehe nun, er war mir nur zu bestimmtem Zweck gesendet; und ich weiß dadurch, daß ich einen gewissen Fluß, den ich suche, finden werde.«

»Den Fluß des Pfeiles,« sprach Kim mit überlegenem Lächeln.

»Ist dies abermals eine Sendung?« rief der Lama. Zu niemand sprach ich von dem, was ich suche, außer zu dem Priester der Götterbilder. Wer bist Du?«

»Dein Chela,« sagte Kim einfach auf den Hacken kauernd. »Niemals in meinem ganzen Leben habe ich einen Mann, wie Du es bist, gesehen. Ich gehe mit Dir nach Benares. Und, außerdem denke ich, daß ein so alter Mann, der zu jedem, der ihm zufällig begegnet, die Wahrheit spricht, stets eines Chela benötigt.«

»Aber der Strom – der Strom des Pfeiles?«

»O, das hörte ich, als Du mit dem Engländer redetest. Ich lehnte an der Türe.«

Der Lama seufzte. »Ich dachte, Du wärest ein Führer, mir geschenkt. Solches geschieht zuweilen – aber ich bin wohl nicht würdig. Du also kennst den Fluß nicht? –«

»Nicht ich.« Kim lachte etwas verlegen. »Ich gehe mit, um auszuschauen nach – nach einem Roten Ochsen auf einem Grünen Feld, der mir helfen soll.« Nach Knabenart hatte Kim, wenn ein Bekannter einen Plan hatte, gleich einen für sich selbst zur Stelle; und wirklich hatte er auch ein Viertelstündchen lang ernsthaft in seinem Knabensinn über seines Vaters Prophezeiung nachgedacht.

»Helfen zu was, Kind?«

»Gott weiß, aber mein Vater sagte mir so. Ich hörte Deine Rede in dem Wunderhaus von all den neuen fremden Orten in den Bergen; und wenn einer, der so alt und so wenig … so gewohnt ist, die Wahrheit zu sprechen – auszieht, um eine solche Kleinigkeit wie einen Fluß zu suchen, so schien es mir, daß auch ich auf die Reise gehen müßte. Wenn es unser Schicksal ist, die Dinge zu finden, so werden wir sie finden – Du Deinen Fluß und ich meinen Ochsen – und die hohen Säulen und noch andere Dinge; die ich vergessen habe.«

»Es sind keine Säulen, aber ein Rad, von dem ich frei werden wollte.«

»Das ist alles einerlei. Vielleicht machen sie mich zum König,« sagte Kim, in heiterer Bereitschaft für alles.

»Ich will Dich andere und bessere Wünsche lehren auf unserem Wege,« sprach würdevoll der Lama. »Laß uns nach Benares gehen.«

»Nicht bei Nacht. Es streifen Diebe umher, warte bis es Tag ist.«