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Hoffnung und Angst. Auf kaum etwas reagieren wir misstrauischer als auf Veränderung. Dabei hat Stefan Schliefenbeck eigentlich nichts zu verlieren. Er müsste sie nur ansprechen, die hübsche Kassiererin im Bioladen. Wenn da nicht seine Hoffnungen und Ängste wären: Statt sich endlich ein Herz zu fassen, flüchtet er in schwindelerregende Vorstellungen davon, was passieren könnte, und verlegt so die Handlung immer wieder in sein Inneres. Ob Parabel auf die Freiheit oder Hommage an die Tücken des Alltags: "Gesang vor Türen" ist eine Ein-Mann-Liebesgeschichte, die nie stattfindet – originell, vielschichtig, geradezu universell. Wie schon in seiner Lyrik erreicht Bernd Lüttgerding in seinem Debütroman das schier Unmögliche: eine Legierung aus Leichtigkeit und Tiefe.
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Seitenzahl: 203
Veröffentlichungsjahr: 2020
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Bernd Lüttgerding, geboren 1973 in Peine, ist Autor und nebenbei auch bildender Künstler. Seit 2008 lebt er in Belgien. Er studierte Philosophie, Geschichte und Religionswissenschaft und finanzierte sich bis vor kurzem mit der Arbeit als Gärtner, als Assistent von Antiquaren und Künstlern sowie als Techniker in einem Museum. Zwei Gedichtbände, »Stäubungen« und »Der rote Fuchs«, erschienen bei der parasitenpresse, Köln. Außerdem veröffentlicht er Gedichte, Erzählungen und Essays in Zeitschriften und Anthologien. Seit 2019 lebt er in der Künstlerresidenz Studiogarden Verrewinkel, Brüssel.
www.berndluettgerding.blogspot.com
Etwas nahte wie Unheil, als gewöhnlicher blinder Fleck.
An der rissigen, im Innern finsteren Wolkenlandschaft, die hinter den Dächern aufschwoll, zwängte sich ein Lichtfeld vorbei und strich über den Bahnhofsvorplatz. Der Zopf einer Frau erglänzte, als sie einen Buckel machte, den linken Fuß hob und in ein Taxi stieg.
Noch eben hatte es ein paar Tropfen geregnet. Vor dem Eiscremestand war keine Warteschlange. Im Halbschatten neben den drei Eingängen des Hauptbahnhofs, vor denen Mitglieder einer Reisegruppe die Gänsehaut auf ihren Oberarmen verglichen, löste sich etwas, eine unheilvoll nahende Bewegung, überspielt von den ein und aus strebenden Schemen, Rucksäcken, Koffern und dem flatternden Hemd von jemandem, der auf den Bahnhofseingang zusprintete, aufrecht, ausgreifend, wie ein rennender Vogel Strauß.
Zwischen den Betonsteinplatten zerfloss eine aus der Waffel gefallene Eiskugel und machte als Kontrastmittel das Fugenraster augenfällig, über das die Sonnenstrahlen vom Horizont des weiterschwebenden Wolkenlandes gelenkt wurden. Ein sommersprossiger Soldat zupfte an seinem Nasenflügel, ein Nadelstreifenanzug mit Aktenköfferchen wollte dem Gedränge zuvorkommen, das am Nachmittag herrschen würde; der, an die Einfassungsmauer der U-Bahn-Rolltreppe hingelagerte Bettler richtete zwischen zusammengelegten Handflächen seine Irokesenfrisur, während sein Hund den Ausschreitungen zweier gestiefelter Mädchen nachsah, und was sich da hinten gelöst hatte, änderte in sanftem Bogen seinen Kurs; es nahte, unscharf und klanglos.
Durch die feuchte Luft unter den Platanen säuselte kokosimitierender Sonnenmilchgeruch, und ein Motorroller wurde angelassen, als das Etwas, die ausgeblendete Stelle, die näherkommend zu einem dunkelblauen Blouson auf dünnen Beinen unter roter Schirmmütze wurde, mit den Armen ruderte und mit einer mageren, ans Rufen nicht gewöhnten Stimme »Hey! – Stefan! – Hallo! – Hallo Stefan! – Na, sag mal, du siehst ja wohl auch keinen!« rief.
Stefan lächelte erschrocken und tat so, als würde er Carsten Löhr erst nach nochmaligem Hinsehen erkennen, denn einerseits war Carsten eine erfolgsverwöhnte Nervensäge und gar kein richtiger Freund, andererseits könnte es vielleicht angesichts des angespannten Magenkribbelns guttun, ein bisschen mit irgendwem zu sprechen.
»Ach, hallo, Carsten! Wir haben uns ja lange nicht gesehen. Ich dachte, du wohnst jetzt in London.«
Zur Begrüßung bekam er nur Carstens Zeige- und Mittelfinger hingestreckt, die seine Hand mit nichts als einem weichlichen Gefühl von Unvollständigkeit erfüllten. Carsten Löhr – meine Güte. Wie lang ist es her, seit mir die letzte Begegnung mit ihm zu vermeiden misslang? – nölte mit seiner hellen, ein bisschen krächzenden Stimme:
»Ja, nö, London hat sich erstmal erledigt, irgendwie. Ich hab da ja noch angefangen amLCC Film zu studieren, aber das …«, er blies die linke Backe auf, flatulierte seitlich zwischen den Lippen hervor und winkte ab, »das war nichts. – Was? Äl, si-si? Na, London College of Communication. Ich bin da aber echt mehr der Theoretiker, hab ich festgestellt. Realisieren ist immer schwierig, man ist abhängig von tausend Leuten«, er rollte mit den Augen, hin über die tausend Leute auf dem Bahnhofsvorplatz, »und überhaupt steht da dauernd das Geld-Ding so im Vordergrund … Jetzt bin ich in Mainz, das ist viel besser. Hab meine Eltern hier besucht.« Er schlenkerte sein Handgelenk zwischen sich und Stefan, um nach einem Blick auf seine massige Armbanduhr anfügen zu können:
»In, äh, zweieinhalb Stunden geht mein Zug zurück.«
Stefan knibbelte mit den Fingernägeln an einer Naht seiner Umhängetasche, die ihm gerade wieder den beklemmenden Eindruck suggerierte, er sei ein Sitzengebliebener, der mit annähernd zweiunddreißig Jahren immer noch zur Schule geht, während andere schon in bequemen, professionell ausgetretenen Stiefeln die Wonnen und Widrigkeiten der Wirklichkeit durchwandern.
»Film …« – na los, da antworte jetzt mal was drauf! –, »das klingt ja interessant …«
Stefans Blick trudelte weg von Carstens Milchpuddinggesicht und zu seinem T-Shirt, das sich, in die Hose gesteckt, über einer kleinen wabbeligen Plauze spannte, betont noch durch die Gürtelschnalle in Form eines keltischen Schildbuckels.
»Aber was Filme betrifft, bin ich überhaupt nicht auf dem Laufenden. Inzwischen habe ich sogar meinen Fernseher abgeschafft, um mich ganz und gar auf diese dämliche Promotion konzentrieren zu können.«
»Echt?«, staunte Carsten. Ein verständnisloses Schmunzeln hellte seine drömmelige Miene auf: »Das hätte ich mir ja dreimal überlegt. Und das finde ich auch ziemlich abgedreht, muss ich sagen. Aber, hier … wir haben uns jetztso lange nicht gesehn, und ich würd ja gerne einen Kaffee mit dir trinken, aber ich muss noch eben in die Südstadt, ein paar Filme abholen; wenn ich da nicht hinterher bin, krieg ich die nie wieder.« Dann schob er einer ziemlich ungekonnten Kunstpause hinterher: »Aber komm doch eben mit! Wir nehmen die Stadtbahn, das geht ruckzuck und dann, äh … können wir ʼn bisschen reden, ja?«
Stefan machte nur das kehlig-kurze »O…«, das zu einem »Och, nö, ich muss meinen Zug erreichen, muss dringend nach Hause, habe zu tun, oder vielmehr so einen Druck im Kopf, fühle mich weichgeklopft, bin verwirrt und anfechtbar und brauche den Schutz meiner Bettdecke …«, hätte gehören sollen. Doch Carsten hatte so großen Gefallen an seiner Idee, dass er alles, was nach dem »O…« angedacht war, mit Gequengel abschnitt:
»Na los! Nun komm schon eben mit!«
»Ich-ä … ha-hatt-ö …«, angewidert musste Stefan sich die Stücke seiner Sprache, die es ihm verschlagen hatte, erst wieder zusammensuchen, »öh … grade mal wieder eine Vorbesprechung mit meinem werdenden Doktorvater. Eigentlich müsste ich noch in die Bibliothek und mir den Kram heraussuchen, mit dem ich mich jetzt befassen soll, aber ich glaube, das verschiebe ich auf morgen. Eigentlich möchte ich jetzt am liebsten einfach nur nach Hause.«
»Los, Mensch, bitte, wir haben uns jetzt so lange nicht gesehen! Ich muss doch nur kurz die Filme abholen, und wir können uns in der Bahn in Ruhe unterhalten, … ja? Das lenkt dich ab! Erzähl doch mal, wie stehts denn mit deiner Promotion? Guck mal, da kommt schon eine Zwei, die können wir nehmen!«
Die Stadtbahn der Linie 2 schlängelte sich unter den Platanen hervor auf den Bahnhofsvorplatz, bunt, unter Nichtachtung der Fenster beklebt mit riesigen Lachgesichtern, die, umrahmt von einem Dattelpalmenblatt und einem Cocktailschirmchen, uns den Rat geben, Urlaub zu machen, Normzähne zu blecken und Cocktails zu mögen. Die Türen klappten auf, sie mussten einem, ihnen entgegenrollenden Kinderwagen Platz machen. Die Waden der Frau, die ihn schob, waren mit chinesischen Schriftzeichen tätowiert.
Dann gab Carsten Stefan den Vortritt, als wolle er sichergehen, dass der es sich nicht noch anders überlegt und plötzlich wegrennt. Wie ein Häftling auf Reisen und verlegen, weil er sich hatte übertölpeln lassen, eine Hand an der Stange, duckte Stefan sich ruckartig, als eine herabbaumelnde Griffschlaufe ihn am Oberkopf kitzelte, und wurde zwischen die Sitzreihen geschoben. Eigenartig, aus Trotz gebe ich nach, weil ich es für unter meiner Würde halte, mich gegen solche Unverfrorenheit zur Wehr zu setzen.
Carsten dirigierte ihn auf den Fensterplatz in einen schon halb besetzten Vierersitz, von dem es kein Entkommen gab, und quetschte sich neben ihn, so dass Stefan nicht nur von Carstens Schulter, sondern auch von dem, bei jeder Bewegung aus seinem karierten Sommerblouson gepumpten Geruch, einem empörend verführerischen Eau de Toilette, gegen das Fenster gedrängt wurde. Man konnte es nicht in seine Schranken weisen, war ihm ausgeliefert und starrte all diese, einander möglichst zu vermeiden suchenden, von unterschiedlichen Hosenstoffen überspannten Knie an. Wüstensandfarben und bügelfaltig waren die zwei Paar gegenüber. »Gleich wirds leerer«, hatte Carsten ihm zugemurmelt und schwieg jetzt in Erwartung der Leere.
Hinter dem, durch die halbdurchsichtige Dattelblatt- und Cocktailschirmbeklebung beeinträchtigten Fenster – als Kind auf dem Schulweg hatte mir aus einem der elliptischen Fensterschlitze des Gefängnisbusses, der da gelegentlich morgens früh vorbeifuhr, einmal zwischen Zotteln und Bart ein Auge zugezwinkert … – ruckelte, sirrte, schwebte Junilicht, unterbrochen von Mauerschatten und Straßenecken, gebrochen an den, zu einem schiefen, aber gerade noch nicht stürzenden Bauklotzturm aufgeschichteten Glasstockwerken einer Bank. Schaufenster, Ladenschilder, Arkaden flirrten vorbei, das satte Laub hinter Masten und vor finsteren Wolkenflatschen auf der Azuritgrundierung. Der Wolken wegen hatte Stefan seine dünne olivgraue Baumwolljacke mitgenommen, die jeder Sonnenstrahl lästig überm Arm und auf der Schulter machte. Jetzt hing sie zu warm über seinem Knie; sein Hemd klebte unter den Achseln, und seine Hose zwickte etwas in den Leisten. Und schon verlangsamte die Bahn sich wieder. Tatsächlich stiegen mehr Leute aus als ein; auch die beiden mürrischen Gegenübersitzer schlurtschten auf schwarzhaarigen Flip-Flop-Füßen zum Ausgang. Carsten aber wuchtete sich ächzend auf den frei gewordenen zweiten Fenstersitz:
»Puh, endlich! Im Gedränge redet es sich ja immer nicht so ungezwungen. Find ich aber echt gut, dass du mitkommst, ich meine, ich hätte auch lieber irgendwo einen Kaffee getrunken, aber … wie gesagt, meine Filme …, das ist mir schon wichtig, irgendwie.«
Auf seiner altroten Baseballmütze prangte einD, geformt aus einer stilisierten, blauen Klapperschlange; das konnte man erdeuten, weil ihre Schwanzspitze tatsächlich in Klapperwirbeln auslief.
Und summend, ein Wespenchor, fuhr die Stadtbahn wieder an.
Stefan stellte sich vor, wie Carsten irgend jemandem erst Filme aufgeschwatzt hatte, um ihm dann mit dem Wiederhabenwollen lästig zu fallen; wie eine zarthäutige Raupe spann er sich ein in seine Verachtung, bis ihm wohlig wurde in diesem Kokon, und er seinen Peiniger beschwichtigen konnte:
»Och, ich hab ja eigentlich auch grade Zeit; und in der Südstadt, muss ich sagen, war ich, glaube ich, noch nie. Vorhin habe ich innerlich ein bisschen gekocht, als ich von dem Termin bei meinem Doktorvater gekommen bin, aber … so ist es bestimmt besser, dann gehe ich nachher doch noch in die Bibliothek, dann ist das auch getan …«
Einige Sitze entfernt räusperte sich unsichtbar jemand und zauste eine Zeitung, aus Kopfhörern zirpten die Obertöne einer Musik, ein Mobiltelefon brummte, und Carsten presste seine Lippen missfällig zu einer vorgestülpten Doppelwurst. Stefan dachte zunächst, das bezöge sich auf den Hintergrundlärm, musste sich dann aber fragen lassen: »Was willst du eigentlich in der Bibliothek? Die meisten Sachen findet man doch inzwischen online«, und musste abwiegeln: »Aber nie das, was ich brauche,« und in seinem Kokon, in ihm, inwendig kondensierte Wut. Er betrachtete den sorgfältig zurechtgestutzten Bartstreifen, der die Flucht von Carstens Kinn kaschierte und im Widerspruch zu den bleichen Pöterwangen stand. Ein Ring pendelte an seinem Ohr. Neben seinem Adamsapfel hatte ein einsames Barthaar schon mehrere Rasuren länger werdend überstanden. Und von dieser Kreatur musstest du dich einwickeln lassen.
Carsten ließ davon ab, den Stahlreifen auf seinem Daumen zu drehen, hob die Augen und fuhr fort:
»Dann erzähl doch mal. Was ist denn jetzt mit deiner Promotion?«
»Ach …, mit der hab ich noch gar nicht richtig angefangen. Es fällt mir schon schwer, mich mit mir selbst auf ein Thema zu einigen; und dann hab ich auch noch den Ölpenauer-Schmitz als Doktorvater, der mir mit seinen Vorstellungen dazwischenfunkt.«
»Den kenn ich doch auch noch, das ist doch dieser Schlaksige, so ein Opa, der hat doch immer einen ganz netten, harmlosen Eindruck gemacht, fand ich.«
»Ja, anfangs dachte ich das auch. Und natürlich ist er vordergründig nett, aber das ist nur die Maske eines ziemlich zermürbenden Charakters: Immer dieses fistelige ›von Haus aus bin ich ja Theologe‹«, äffte Stefan mit abgespreizter Unterlippe und zwischen den Schneidezähnen glänzender Zungenspitze nach, während ihm der Geruch der Universitätsgänge wieder in die Nase stieg. Aschfarbener Teppichboden, in dem Neonröhrenlicht versickerte. Ein Tisch voller Prospekte, die luftballon- und eiffelturmgespickte Informationen über Spracherwerb, Auslandsaufenthalt, Berufsfindung, Adrenalinsprudeln und dissoziative Bauchschmerzen boten, war in dem kahlen Gang das einzige, was der grauen Tür gegenüberstand, an der zwei Studentinnen auf donnernden Absätzen vorbei plapperten und durch den Brandschutzdurchgang im Foyer verschwanden. Neben der Tür war das plexiverglaste NamensschildProf. Dr. theol. Dr. phil. Ingo Ölpenauer-Schmitz angebracht. An der Tür, recht tief, unterhalb eines Plakates, das eine Aufführung kammermusikalischer Werke von Krzysztof Penderecki und Jan Jargoń für einen Novemberabend vor mehr als vier Jahren ankündigte, hing eine Liste, in die man sich für einen Termin eintragen konnte. Stefan hatte den seinen allerdings telefonisch vereinbart, vergewisserte sich viermal, vor der Tür mit dem rechten Namensschild zu warten, versuchte flüsternd, den Namen Krzysztof auszusprechen und lauschte auf das Gemurmel, das durch die Tür drang.
Und als er Carsten erklärte:
»Weißt du, ich hatte den Eindruck, alles, was mich reizt, wäre entweder zu abgegrast oder zu abseitig; und Ölpenauer-Schmitz hat immer gemäkelt, es wäre kokett, über einen vergessenen Autor zu schreiben; er wollte ›Relevanz für die Gegenwart‹«, gor in seinem Kopf noch das heillos missratene Gespräch mit dem Professor, dessen Stimme auch nach achtzehn Minuten weiter so gleichbleibend leise hinter der Tür rumort hatte, dass, als sie geöffnet wurde, Stefan für einen Augenblick zu halluzinieren meinte. Durch den Türspalt zwängte sich ein kurzbärtiger Bursche, die langen, zu Würsten verfilzten Haare in einem Kopftuchstreifen gebündelt, barfuß in ausgelatschten, von weiten Hosensäumen umschlackerten Ledersandalen. Aber er glänzte unter den Augen, sah zu Boden und drängte sich an Stefan vorbei.
»Ah, äh-Sie …!«, hatte Professor Doktor Doktor Ölpenauer-Schmitz ihm säuerlich grinsend von seinem Schreibtisch aus zugerufen. Reflexe des Computerbildschirms verschleierten die Brillengläser, die seine Schillernase flankierten, und er vollführte, in seinen Bürosessel gesackt, zur Begrüßung mit langem Arm im Sakkoärmel die ungelenke Geste eines flugunfähigen Vogels. Dann drückte er, noch aus demselben gestischen Schwung heraus, seinen zementgrauen Scheitel fest und nutzte die Zeit, die Stefans Lagebericht in Anspruch nahm, dazu, mit einem Löffelchen seinen Joghurtbecher auszukratzen.
»Also«, schmatzte er und zog den Löffel aus seinem Mund, »verstehe ich Sie richtig? Von Ihrem Johann Gottlob Krüger sind Sie jetzt wieder abgekommen, ja?«
»Also … ich muss sagen … ja. Sie hatten mir ja geraten, mich mit dem zu befassen und zu prüfen, ob das, worauf ich hinauswill, da überhaupt herauskommen kann.«
»Ich habe«, erklärte Stefan jetzt, »mich durch die ganzen 604 Seiten der Krüger’schenTräume gequält«, worauf Carsten das halbe, halbgläubige Lächeln machte, mit dem er gern auf Bekenntnisse äußerster Dummheit reagierte, »und gehofft, es würde sich dabei etwas Promotionstaugliches in mir kristallisieren: Johann Gottlob Krügers ›Träume‹ zwischen antiker …« – Carstens Zuhörgesicht war eine Judomatte, auf der eine lustlose Konzentration mit einer ganzen Rotte – »… oder vielleicht nur barocker Tradition …« – lässiger, kaugummikauender – »… der Traumallegorie, zwischen den ›Gesichten Phi…« – Gründe, nicht weiter zuzuhören, rang – »-landers von Sittenwald‹ und den Anfängen wissenschaftlicher Traumpsychologie« – … rang und nach kurzem Kampf erlag – »Oder: Unwohnliche Wirklichkeiten. Die Entdeckung des Traums als ›Verfremdungseffekt‹« – so, wie sie zuvor auch auf dem Professorengesicht erlegen war. Nur hatte der Professor sich leichter aus seiner plötzlich aufgekommenen Müdigkeit heraushelfen können, indem er hingebungsvoll den Flachbildschirm fixierte und mit der Computermaus zu klickern begann, während Stefan stammelte:
»Und … ich hatte gedacht, damit, also mit KrügersTräumen könnte ich in einem gewissen Sinne anknüpfen an die Traumpoetiken der Romantik, über die ich ja wie gesagt meine Magisterarbeit geschrieben habe. Aber stattdessen kommt es mir vor, als müsste ich mich dafür eingehend mit der Frühaufklärung befassen und mit ganzheitlicher Medizin und … Physikotheologie. Und das liegt mir alles ziemlich fern … Das ist … so weit weg von meinen Interessensgebieten … Da frage ich mich, ob das nicht unterm Strich eher kontraproduktiv wäre …«
»Aber irgendwann, sehen Sie«, Ölpenauer-Schmitz rollte auf seinem Bürostuhl etwas nach rechts, zog hinter seiner Brille die Brauen hoch, aus denen einzelne, lange Haare kringelig herausstanden, und seine Stirnfalten ähnelten von grobschlächtiger Grundschülerhand gemalten Möwen. Im Bücherregal hinter ihm flötete eine kleine Uhr, »irgendwann muss sich da auch mal eine Linie abzeichnen in Ihrer wissenschaftlichen Arbeit. Und die sehe ich bislang noch nicht. Sie müssen jetzt beizeiten aufpassen, dass Sie nicht mit Ihren privaten Vorlieben ins Schleudern kommen. Sowas geht nämlich ganz schnell, und dann haben Sie schlechte Karten! Nun erzählen Sie mal, was-äh … was schwebt Ihnen denn jetzt vor?«
Stefans Atem vollzog zunächst einige aufwendige Rhythmuswechsel, die ihm den Gesichtsausdruck eines nach dem Teich lechzenden Moderlieschens in Anglerhand verliehen; er starrte die Kabel im Nacken des Flachbildschirms an, die Rückseite eines mit ausgeklapptem Ständer auf dem Schreibtisch stehenden Bilderrahmens; von dort sprang sein Blick zu der großen, fettigen Professorennase, und er riss sich zusammen:
»... am Lieb… sten möchte ich … vorf-ü… öm … untersuchen, wie … Ich fühle mich ja besonders der Literatur des neunzehnten Jahrhunderts verbunden und … also … alles, was da … Das finde ich so außerordentlich interessant, wie gerade dadurch, dass die überkommenen Strukturen aufgeweicht sind und auch der Wirklichkeitsbegriff immer durchlässiger wurde … Ich meine, geträumt haben die Menschen ja schon immer, aber plötzlich hat man da ein Potential für die dichterische Wirklichkeit gesehen, eine Wirklichkeit, die so ungefiltert betrachtet werden kann, wie Träume geträumt werden, und von der dadurch die Schleier des Vertrauten weggewischt sind … Das fing ja schon bei Tieck an und bei Zschokke … Es ging ja nicht nur darum, einen Zauber oder sowas zu retten, sondern man brauchte Distanz zu der Wirklichkeit, die fragwürdig und, öm, vielleicht unwohnlich geworden war … Als hätte man plötzlich geahnt, dass man auf nichts in der Welt vertrauen könne, dass also Träume größeres Recht auf Beachtung verdienten, weil sie nicht weniger verlässlich waren, als das im Wachen wahrgenommene … äh, deutungslose Zeichen, für die man höchstens seine Aufmerksamkeit schärfen, oder … äh, ich krieg es noch nicht richtig in Worte gefasst, da gibt es so einen blinden Fleck, den ich gerne …«
Carsten gegenüber sprach er gefasster und fasste sich kürzer:
»Ehrlich gesagt wird mir schwindelig, wenn ich darüber nachdenke, über was alles ich dissertieren könnte. Alles was ich liebe, strömt vor mir zusammen, verliert seine Konturen und winkt mir zu.«
»Hm-hm, hm-hm …«, klicki-klickte der Professor mit vibrierendem Zeigefinger an seiner Maus, verzog seinen Mund zu einem Also und hüstelte ungerührt. »Ich muss sagen, das klingt alles noch sehr unausgereift. Sie sollten sich ein bisschen beschränken und dafür mehr in die Tiefe gehen. Die Grenzen sind das A und O einer guten Dissertation. Also schön. Ich hätte naheliegend gefunden, dass Sie sich was zu Novalis überlegen, aber das haben Sie ja nicht gewollt … Dann-öh … dann … Gut, dann komme ich Ihnen«, er kniff die Lippen zusammen, als müsse er sich zur Gutwilligkeit erst durchringen, »mit noch einem Vorschlag entgegen, der Ihren Vorlieben näherkommen sollte, aber konkreter ist, ein bisschen handfester, denn wir wollen ja nicht, dass sie sich heillos verzetteln. Sie kennen sicher den Franz von Sonnenberg, der ist ja so eine Schwellengestalt am Rande Ihres 19. Jahrhunderts. Gucken Sie sich mal vor allem denDonatoa vom Sonnenberg an. Ich komme da grade drauf, weil ich eine umfangreiche Arbeit über Weltuntergangsphantasien von der beginnenden Industrialisierung bis zur Jahrtausendwende plane, und da könnte ...«
(Wo fahren wir hier bloß hin? Das ist schon nicht mehr Südstadt, sondern tiefstes Thedingen, das wirkt zwar noch städtisch, vier- bis fünfstöckig beidseits der weiten, stadtauswärtigen Hauptstraße, ist aber schon mit den Makeln der Peripherie behaftet, mit Baumärkten, Speditionen und majuskulösen Grossisten.)
Dr. Dr. Ölpenauer-Schmitz drohte den Faden zu verlieren. Stefan sah auch nicht, was er da am Computer herumklickte. »… da könnte das … äh … passen. DerDonatoa, das ist ein Weltuntergangsepos, das verhandelt einen ungewöhnlichen Katholizismus, das ist interessant, da werden Sie Freude dran haben. Und wenn Sie dazu etwas leisten würden, das würde mir gewissermaßen … entgegenkommen. Das wäre mir nicht unangenehm. Donatoa …! In meinem Elternhaus, in Münster, da stand die vierbändige Ausgabe … Sie wollten doch was Abseitiges machen. Kümmern Sie sich da mal drum. Wagen Sie mal was, machen Sie mal was, was keiner macht!«
»Ein katholisches Versepos?!«, platzte Carsten heraus, stolz, dass er gut genug zugehört hatte, um diesen Einwand machen zu können. »Wo ist denn da bitteschön dieRelevanz für die Gegenwart?«
»Das hätte ich auch gern gefragt, wenn der Ölpenauer es nicht selbst nachgeschoben hätte: ›Nehmen Sie uns bei der Hand und belehren Sie uns darüber, warum der Sonnenberg noch heute als wichtiges Bindeglied einer Zeitenwende gelesen zu werden verdiente! Wenn Sie das, alles schön aufgebaut, Einflüsse, Bildung, na ja, die gedanklichen und zeitgeistigen Hintergründe …, wenn Sie das – ähh … machen…; der Sonnenberg, der ist ja nicht alt geworden, das ist ja erstmal alles überschaubar … und dann eine zünftige Analyse desDonatoa … Aber bitte mit einer ausführlichen Herausarbeitung der eschatologischen Aspekte, des Weltuntergangsgedankens, da würde ich großen Wert drauf legen.« Na, und weil mich zusätzlich verunsichert, dass man ja nicht über etwas arbeiten soll, was man liebt, hat es der Ölpenauer-Schmitz noch umso leichter, an mir rumzumanipulieren. Denn man läuft ja immer Gefahr, dass sich die Liebe an der Wissenschaft zersetzt. Den Fehler habe ich schon bei meiner Magisterarbeit gemacht …«, konnte Stefan grade noch jammern, eh Carsten sagte: »So, hier müssen wir raus!«
Als die Bahn anhielt – »… wenn man nämlich über etwas schreibt, was man liebt, schreibt man wie ein Verliebter, stammelt Unsinn, hat sich nicht unter Kontrolle und keinen Überblick …« –, waren ihre Fensterscheiben bereits diagonal von ersten Regentropfen gestreift, und Carsten hörte nicht mehr zu, sondern preschte los, mit beidhändig gegen seinen Hinterkopf gepresstem Kragen. Alle Aussteigenden huschten durch den schnell stärker werdenden Regen und drängten ihre miesepetrigen Nase-Mund-Partien in den Haltestellenunterstand hinein.
Stefan zog den Kopf ein, auf den ihm unangenehm die Tropfen platschen. (Nanu? Wo ist denn der Blödmann jetzt hin?) Ah, da vorne ragte die Schirmmütze aus der regengesprenkelten Menschentraube im Unterstand. Auf den drei Sitzen kauerten vier Leute, ein junger Bursche hatte seine Freundin auf dem Schoß. Nur mit den Spitzen ihrer Ballerinaschuhe, in denen ihre nackten Füße stecken, stützte sie sich ab. Weiße Ballerinas mit blau paspeliertem Einstieg, nackter schmaler Spann, gut zu sehen zwischen den anderen Beinen, an einer vor Nässe gedunkelten Schulter vorbei.
»Na ja, jedenfalls habe ich jetzt einen überflüssigen Versepiker auf dem Hals. Mal sehen, in einem Monat ist der finale Besprechungstermin. Aber inzwischen trage ich mich auch oft mit der Frage, ob es vielleicht eine Alternative wäre, einfach nicht zu promovieren und so weiterzusehen.«
»Und sonst?«, setzte Carsten, nun ohne Rücksicht auf alle die Mithörer unter dem Regendach unvermittelt ganz neu an, »Was läuft so mit den Mädels bei dir? Mainz ist da echt ein heißes Pflaster.«
Da konnte Stefan sich nicht helfen, die Hitze stieg unzügelbar in sein Gesicht. (O nein, jetzt werde ich auch noch rot; wahrscheinlich hält er mich nun für einen noch unbewussten Homosexuellen. Sag was, nähere dich Carstens beringtem Ohr, damit es nicht alle hier mitbekommen und raune hinein: »Falsche Frage. Keine Freundin, keine Abenteuer, seit mehr als fünf Jahren herrscht Stille«
»Oh, na …«
Wie herabprasselnde Gitterstäbe umrahmte der Regen das Dach. Es gab kein Entkommen. Wo war einst behauptet worden, im Fernsehen vielleicht, dass Delphine unter Wasser … –»Aber was ich noch sagen wollte, wenn man erstmal drin ist im Schreiben, find ich, ist das alles gar nicht so wild. Meine Diss hab ich jetzt …«– … in Pferchen mit Wänden aus aufsteigenden Luftblasen gehalten werden?Sie könnten wahrscheinlich schon da durch, aber es wäre unangenehmer, als zu bleiben und sich zu fügen. – »… fast fertig, und es macht mir immer noch richtig Spaß! Ich hab aber auch echt Glück mit meinem Doktorvater; der lässt mich ab und zu schon mal Auszüge veröffentlichen in einer Filmzeitschrift,Mise-en-cadre heißt die, ich weiß ja nicht, kennst du vielleicht; letztens hab ich wieder …« – »Mensch, das ist aber ein Regen!«, tröstete ein Hutzelmännchen mit sportlicher Kapuze neben Carstens Ellenbogen den Chihuahua auf seinem Arm. – »… was fertig gemacht über die Bedeutung von Explosionen im Film: Splitter und Sprengungen künden den Wandel. Ein heißer Titel, oder?«
»Ach? Und worum geht es in deiner Doktorarbeit?«
»Ich schreibeÜber Feuer und Explosionen in ständiger Rücksicht einerseits auf›Apocalypse Now‹ und ›The Hurt Locker‹, andererseits auf ›Serkalo‹ und ›Cet obscur objet du désir‹. Klingt auch gut, oder? Für Titel hab ich ein Händchen. Hat auch gut gezogen. Ah, es hört schon wieder auf!«
Das Röhrengeländer, an dem sie entlanggingen, saß voller Tropfen. Die Autoreifen rauschten auf dem funkelnden Asphalt. Noch war die Ampel an der vierspurigen Straße rot:
»Nee, also, ich bin heilfroh, dass ich meinen Schwerpunkt frühzeitig auf Filmwissenschaft gelegt hab, denn Filme guckt jeder gerne, das hat doch wenigstens ein bisschen Bezug zur Wirklichkeit, ich meine, ich kann über mein Promotionsthema auch auf einer Party reden, während bei dir doch die Leute vor Langeweile von den Stühlen fallen … Ich meine, mal ehrlich,Versepos über den Weltuntergang, das kannst du ja keinem erzählen!«
Bei der Sparkasse links an der Ecke einer kleinen Seitenstraße hob Carsten »noch eben schnell ein bisschen Geld« ab, bevor sie dort einbogen, auf dem schmalen Bürgersteig zwischen Hauswänden und parkenden Autos kaum nebeneinander gehen konnten und um ein Baugerüst einen Bogen machen mussten. An der nächsten Ecke blieb er vor einer kleinen obsoleten Modeboutique stehen und wies mit seinem Kinn schräg über die Straße:
»Da ist es, warte mal eben hier, ich bin in fünf Minuten zurück.« Während er auf den Hauseingang zuhinkte, sah er sich nochmal nach Stefan um und hob »Bis gleich, ne!«, abmildernd die Hand. Doch weil Stefan fest damit gerechnet hatte, sich sträuben zu müssen gegen die Aufforderung, mitzukommen, war er auf seinen eigenen Gegenvorschlag, lieber draußen warten zu wollen, innerlich derart eingeschossen, dass er sich, als Carsten ihn warten hieß, zunächst freute. Erst, als er die Schirmmützengestalt mit schwebendem Zeigefinger eine Klingelleiste studieren, zu den Fenstern eines der oberen Stockwerke hinaufspähen und verschwinden sah, fiel ihm auf, wie unerhört er es fand, nicht wenigstens zum Mitkommen eingeladen worden zu sein. Sollte er jetzt einfach weggehen? (Nein, das kannst du doch nicht machen.) Gefesselt an sein Wort lehnte er die Umhängetasche gegen einen steinernen Poller am Rand des weitläufigen Platzes, auf den die Straße hier mündete:Gernotstraße und Wickriederplatz, legten zwei Schilder an einem Pfahl vor der Eckboutique dar. Er zupfte eine Zigarette aus der Packung und folgte ihrem Rauch mit den Augen, der sich unter dichtbelaubten Zweigen verlor. Hier waren die Bäume höher als in der schattigen Seitenstraße, und ein Arbeiter mit dürren, nackten Armen warf von der Ladefläche seines Lastwagens eine (letzte) Stange, die, schmerzhaft in Stefans Ohren, auf die übrigen schepperte. Meine Güte, was tue ich hier?
Doch – eigenartig! –, dass er hier ausgerechnet auf Carsten Löhr wartete, dass er dessen schwatzendes Selbstbewusstsein gebannt wie ein Kaninchen vor der Schlange erduldet, seine verständnislosen Schmälereien geschluckt und unwidersprochen gelassen hatte, das war alles nicht schlimm, denn eingesponnen in seinen Kokon fühlte er sich … unbeschwert … Vielleicht liegt es daran, dass ich immer unter Druck im eigenen Saft schmore, aber ausgerechnet in dieser unangenehmen Lage, behelligt und konfrontiert mit rücksichtsloser Dämlichkeit scheint es, als wäre ich zum ersten Mal seit Wochen mir selbst entkommen ... ulkig, regelrecht entspannt …
Weiter hinten, unter den Bäumen, wurde ein Zeltdach aufgeschlagen; neugierig rutschten Kinder vom Rücksitz eines Autos; am Kofferraum bekamen sie ihre Rollschuhe ausgehändigt. Weiter rechts, unweit einer Sitzgruppe aus Betonwürfeln, die um eine bis zu den Kanten voll Wasser stehende Tischplatte gruppiert waren, blies ein Schnauzbärtiger im weißen Overall an einer Gasflasche Luftballons auf.
»So! Schon erledigt!«, rief Carsten, den Stefan gar nicht hatte kommen sehen, zweiundzwanzig Minuten später, und schwenkte triumphierend eine kleine Plastiktüte: »Hab ich einen Hunger! Hier ist ein Bioladen, gleich da vorne. Lass uns da eben fix vorbeigehen, ich brauch unbedingt was zu essen, bevor ich mich in den Zug setze.«
Und die kaltblütige Heiterkeit erlaubte es Stefan, »Was tuts?«, zu sagen, »Wenn es denn sein muss, gehen wir da auch noch vorbei.«
