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Seit der Antike fällt der lange Schatten der Sklaverei auf die Weltgeschichte. Auch heute noch leben schätzungsweise 40 Millionen Menschen in «moderner Sklaverei». Andreas Eckert zeichnet in diesem Band die Geschichte einer Institution nach, die in ganz unterschiedlichen Ausprägungen in allen Weltregionen und zu allen Zeiten anzutreffen ist. Nicht zuletzt in Afrika und im atlantischen Raum spielte sie eine zentrale Rolle. Eckerts kenntnisreiche Darstellung geht auch der Frage nach, was Sklavenhändler und -halter dazu bewogen hat, derart grausame Verhältnisse zu schaffen und zu unterhalten, welche Spielräume Versklavte sich zu erkämpfen vermochten, und wie es dazu kam, dass aus einem akzeptierten Übel eine allgemein geächtete Abscheulichkeit werden konnte.
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Veröffentlichungsjahr: 2024
Andreas Eckert
GESCHICHTE DER SKLAVEREI
Von der Antikebis ins 21. Jahrhundert
C.H.Beck
Seit der Antike fällt der lange Schatten der Sklaverei auf die Weltgeschichte. Auch heute noch leben schätzungsweise 40 Millionen Menschen in «moderner Sklaverei». Andreas Eckert zeichnet in diesem Band die Geschichte einer Institution nach, die in ganz unterschiedlichen Ausprägungen in allen Weltregionen und zu allen Zeiten anzutreffen ist. Nicht zuletzt in Afrika und im atlantischen Raum spielte sie eine zentrale Rolle. Eckerts kenntnisreiche Darstellung geht auch der Frage nach, was Sklavenhändler und -halter dazu bewogen hat, derart grausame Verhältnisse zu schaffen und zu unterhalten, welche Spielräume Versklavte sich zu erkämpfen vermochten, und wie es dazu kam, dass aus einem akzeptierten Übel eine allgemein geächtete Abscheulichkeit werden konnte.
Andreas Eckert ist Professor für die Geschichte Afrikas an der Humboldt Universität zu Berlin. Er ist einer der führenden Experten für die Geschichte der globalen Arbeit und Sklaverei in Deutschland
I. Einleitung
Sklaverei in der Geschichte: ein globales Panorama
Definitionen: Institution, Handlungsmacht oder Prozess?
II. Antike und Mittelalter
Griechenland und Rom
Mittelalter
III. Der Handel mit Menschen aus Afrika
Der Transsaharahandel
Sklavenhandel im Indischen Ozean
Der Transatlantische Sklavenhandel
IV. Plantagensklaverei im Atlantischen Raum
Brasilien
Die Inseln der Karibik
Nordamerika
V. Abolition und Emanzipation
Sklaverei im Zeitalter der Revolution: Saint-Domingue
Die Abolitionsbewegung und der «verborgene Atlantik»
Sklaverei, Kapitalismus und «freie Arbeit»
VI. Der langsame Tod der Sklaverei: Afrika
Sklavenhandel und Sklaverei im vorkolonialen Afrika
Abolition und die Etablierung kolonialer Herrschaft
Von der Sklaverei in die Prekarität?
VII. Sklaverei heute
Was ist Sklaverei im 21. Jahrhundert?
Sklaverei und Politiken der Erinnerung
Anmerkungen
Literaturempfehlungen
Allgemein
Antike und Mittelalter
Der Handel mit Menschen aus Afrika
Plantagensklaverei im Atlantischen Raum
Abolition und Emanzipation
Sklaverei in Afrika
Sklaverei heute
Personenregister
Sachregister
Fußnoten
«Oh welch ein Schurk’ und niedrer Sklav’ bin ich», lässt William Shakespeare Hamlet, den dem Untergang geweihten Prinzen von Dänemark, am Ende des zweiten Aktes seines Stückes «Hamlet» ausrufen. Hamlet war ein Prinz und folglich so weit entfernt vom Status eines Sklaven wie nur möglich. Zudem war Sklaverei weder in Dänemark, wo das Stück spielte, noch im England des frühen 17. Jahrhunderts, wo es aufgeführt wurde, verbreitet. Shakespeare konnte jedoch davon ausgehen, dass die Idee von Sklaverei selbst in Regionen verankert war, in denen man selten einen Sklaven traf oder Gefahr lief, versklavt zu werden. Er nutzte effektvoll die mit Sklaverei verbundenen zeitgenössischen Vorstellungen: Ein Sklave zu sein oder sich als ein solcher zu fühlen, hieß abgrundtief verzweifelt zu sein, denn kein Zustand konnte schlimmer sein als die Existenz als Sklave. Sklaverei stand für eine Form der Ausbeutung, in der ein menschliches Wesen der Besitz einer anderen Person war. Seit Aristoteles galt Sklaverei überdies als ein von Natur aus gegebener Zustand von Menschen, ein Status, der beeinflusste, wie man über sich dachte, wenn man Sklave war, und wie andere über Sklaven dachten. Für die Bewohner des elisabethanischen Englands stand Versklavung für Entmenschlichung; eine Frau oder einen Mann wie einen Sklaven zu behandeln bedeutete, sie wie ein Tier zu behandeln.[1]
Als Shakespeares «Hamlet» erstmals aufgeführt wurde, begannen der transatlantische Sklavenhandel und die Plantagenwirtschaft in den Amerikas und der Karibik gerade Fahrt aufzunehmen. Zwischen dem späten 15. und dem frühen 19. Jahrhundert kamen in den Amerikas auf jeden Einwanderer aus Europa mindestens zwei afrikanische Sklaven. Über den Atlantik zwangsverschiffte Afrikaner und ihre Nachkommen lieferten ein Gutteil jener Arbeitskraft, welche die Entstehung dynamischer Ökonomien und die Schaffung internationaler Massenmärkte für Konsumgüter wie Zucker, Reis, Tabak, Farbstoffe und Baumwolle erst ermöglichte. Dennoch galt die «Neue Welt» von Beginn an bei vielen zugleich als gelobtes Land, als Ort des Neubeginns, der Möglichkeiten bot, sich von den Fesseln und Abhängigkeiten der Vergangenheit zu lösen. Paradoxerweise schien also die Entwürdigung von Millionen Menschen, die in Unfreiheit auf den Plantagen schufteten, eine Vielzahl anderer Personen erst in die Lage zu versetzen, ihr Schicksal nun in die eigenen Hände zu nehmen und sich gleichsam neu zu erschaffen.[2]
Der nordamerikanische Bürgerkrieg führte zur Befreiung der meisten Sklaven in der «Neuen Welt» und übte zudem indirekten Einfluss auf das Schicksal der Unfreien in der Karibik und in Lateinamerika aus. Das Zeitalter der Emanzipation, das mit der Revolution in Haiti 1791 einsetzte und mit dem «Goldenen Gesetz», der Sklavenbefreiung in Brasilien 1888, endete, verschob das Problem von Sklaverei und Freiheit lediglich auf eine neue Ebene. Im 21. Jahrhundert ist das Erbe der Sklaverei von Kanada bis Chile weiterhin sichtbar. Die Nachfahren von rund zwölf Millionen unfreiwilligen Migranten aus Afrika leiden noch immer unter dem Stigma der sklavischen Abhängigkeit, das zum Beispiel durch Rassismus, Armut und begrenzte Aufstiegsmöglichkeiten aufrechterhalten wird. Die 2013 gegründete Bewegung «Black Lives Matter» etwa, die sich gegen strukturellen Rassismus, Polizeigewalt und Diskriminierung von Afroamerikanern wendet, thematisiert diese Kontinuität.
Der lange Schatten der Sklaverei fällt jedoch nicht allein auf die Amerikas. «Niemand darf in Sklaverei oder Leibeigenschaft gehalten werden. Sklaverei und Sklavenhandel sind in allen Formen verboten.» So steht es zwar in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte von 1948. Die Realität sieht heutzutage freilich anders aus. In jüngeren Dokumenten der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) in Genf ist von weltweit nahezu 40 Millionen Menschen in «moderner Sklaverei» die Rede, mehrheitlich Kinder und Frauen. Andere Schätzungen nennen sogar noch wesentlich höhere Zahlen.[3] Sklaverei und der Handel mit Menschen sind aktuell ein wahrhaft globales Phänomen, zu finden auch mitten in Europa. Das Gros der Versklavten hat weder die Möglichkeit noch das Wissen, an die Öffentlichkeit zu gehen oder gar vor einem ordentlichen Gericht zu klagen. Anders als in früheren Jahrhunderten sind gegenwärtige Formen der Sklaverei illegal und laufen weitgehend im Dunkeln ab. Und anders als damals sind Sklaven in der Regel keine teure Investition mehr, sondern zumeist «preiswert» und leicht ersetzbar. Schließlich verschwimmt häufig die Grenze zwischen Sklaverei und «freien», aber ausbeuterischen Arbeitsverhältnissen. Auf dieser Grundlage ist es schwierig, verlässliche quantitative Angaben über Sklaverei im 21. Jahrhundert zu finden. Fest steht, dass sich die «sehr alte Schlange Sklaverei» (Michael Zeuske) zwar immer wieder gehäutet hat, aber nicht totzukriegen ist, mithin über weite Strecken der Weltgeschichte als Normalfall, nicht als Ausnahme erscheint und bis heute präsent ist.[4]
Der Althistoriker Moses Finley hat die grundlegende Unterscheidung zwischen Sklavengesellschaften und Gesellschaften mit Sklaven eingeführt. Während Gesellschaften mit Sklaven in nahezu allen Weltregionen zu finden waren, zählt Finley lediglich fünf Sklavengesellschaften, in denen Sklaven einen relevanten Teil (mindestens ein Fünftel) der Bevölkerung ausmachten und Sklaverei ein zentraler Pfeiler der Ökonomie und sozialen Ordnung war: im klassischen Griechenland, im Römischen Reich sowie in der atlantischen Welt der Frühen Neuzeit, in Brasilien, auf den Inseln der Karibik und im südlichen Teil Nordamerikas.[5] Finleys Ansatz erfuhr große Resonanz, trug zugleich aber dazu bei, dass sich die Sklavereiforschung und damit verbundene methodische Debatten sehr stark auf die fünf genannten Sklavengesellschaften konzentriert haben. Und nicht zuletzt durch die globale Dominanz der angloamerikanischen Sklavereiforschung und ihre Schwerpunkte beherrschten der atlantische Raum und insbesondere die nordamerikanische Sklaverei lange Zeit den Markt des Wissens zu diesem Thema. In den vergangenen Jahren erweiterte sich der Blick der Sklavereiforschung beträchtlich, und Regionen wie China und Indien rückten verstärkt in das Blickfeld, während Sichtweisen auf Sklaverei etwa im Osmanischen Reich einer grundlegenden Revision unterzogen wurden.
Doch nicht nur für die meisten Amerikaner ruft «Sklaverei» das Bild von schwarzen Sklaven, weißen Herren und Baumwollfeldern auf. Dieses Bild ist akkurat und irreführend zugleich. In der Tat, in den Vereinigten Staaten und im gesamten atlantischen Raum war Sklaverei eng mit «Rasse» und der Arbeit auf dem Feld oder der Plantage verbunden. Obgleich die spanischen Eroberer zunächst, ebenso wie einige frühe britische Kolonisten, auch amerikanische «Ureinwohner» versklavten, war ab dem 17. Jahrhundert die Mehrzahl der Sklaven in den Amerikas aus Afrika oder afrikanischer Abstammung. Baumwolle war im 19. Jahrhundert zwar das wichtigste Anbauprodukt in den Vereinigten Staaten, doch insgesamt arbeiteten in den Amerikas weit mehr Sklaven auf Zuckerrohrplantagen. Zudem wurden Sklaven in der «Neuen Welt» in der Produktion von Tabak, Reis, Indigo, Weizen und Kaffee eingesetzt. Viele Tausend schufteten in Minen. Andere wiederum verkauften Lebensmittel in den Straßen kolonialer Städte, fällten Bäume, gehörten etwa in Virginia zu den ersten Industriearbeitern oder waren Cowboys in Brasilien und South Carolina. Diese Liste bildet nur einen kleinen Teil der Tätigkeiten ab, zu denen Sklaven im Verlauf der Geschichte gezwungen wurden.
Sklaven arbeiteten. Wann, wo und vor allem wie sie arbeiteten, bestimmte wesentlich den Lauf ihres Lebens. Sklaverei unterscheidet sich von anderen Formen der Zwangsarbeit durch die ausschließliche, totale Kontrolle und Abhängigkeit in Verbindung mit der Tendenz, auf Gewalt zu gründen. Anders als in Rom oder den Amerikas war diese Totalität der Kontrolle, das Gefühl des Eigentums und des Anspruchs, der mit dem Status des Sklavenbesitzers einherging, häufig ebenso wichtig wie die Arbeit der Sklaven oder die Produkte ihrer Arbeit. In so unterschiedlichen Gesellschaften wie denen eines Teils der arabischen Welt, im Pazifik oder in Mexiko nutzten Herren ihre Sklaven, um ihr Prestige zu erhöhen, zur Befriedigung ihrer persönlichen Obsessionen und auf andere nicht-ökonomische Weisen, die eine Logik des Konsums nahelegen – des Konsums von Menschen. Selbst in den Amerikas, wo die Produktion von Plantagengütern den Ton in der Sklaverei angab, hielten englische Zuckerbarone in Westindien und nordamerikanische Reis- und Baumwollpflanzer Haussklaven in einer Anzahl, die weit über ihre Komfortbedürfnisse hinausging, um ihren sklavenbesitzenden Nachbarn und ihren Konkurrenten ihren Wohlstand zu demonstrieren.
Im Gegensatz zu den Amerikas spielte «Rasse» für die Unterscheidung zwischen Herren und Sklaven vielerorts und zu vielen Zeiten keine zentrale Rolle. Im antiken Mittelmeerraum kam die Mehrzahl der Sklaven aus Gesellschaften, welche von den Griechen und Römer als «Barbaren» angesehen wurden. Es gab jedoch auch griechische Sklaven in Griechenland und italische Sklaven in Rom. In weiten Teilen Asiens scheint geteilte Ethnizität Versklavung nicht ausgeschlossen zu haben: Es fanden sich chinesische Sklaven in China und koreanische in Korea. Afrikaner verstanden sich selbst als vielen verschiedenen Gruppen zugehörig, und die Muslime unter ihnen betrachteten Nicht-Muslime als Kaffirs, als Ungläubige, die versklavt werden konnten. Es ist freilich sehr problematisch, ein heutiges Verständnis von Ethnizität und Zugehörigkeit an die Vergangenheit heranzutragen und etwa alle einheimischen Bewohner Amerikas als «Indianer» oder die verschiedenen Gesellschaften in Indien und benachbarten Regionen als «Südasiaten» zu bezeichnen. Diese Zuordnungen waren den Menschen selbst damals unbekannt, die nichts Unmoralisches dabei empfanden, Individuen von anderen Gruppen aus ihrer Region zu versklaven. Die Azteken in Mexiko versklavten die mittelamerikanischen Bevölkerungen, die sie im 15. Jahrhundert unterwarfen. Pazifische Gesellschaften auf Hawaii und in Neuseeland hielten Sklaven, die von ihren Inseln stammten. Im Mittelalter versklavten europäische Christen sogenannte Heiden, im 16. Jahrhundert versklavten russische Adelige andere Slawen, und in den 1930er Jahren erlitten Tausende von politischen Gefangenen in der Sowjetunion Bedingungen, die der Sklaverei glichen. Zur gleichen Zeit errichteten die Nationalsozialisten in Konzentrationslagern ein an Sklavenarbeit gemahnendes Zwangsarbeitsregime, dem sie neben Juden auch Russen, Polen, andere Europäer und ihre eigenen Landsleute unterwarfen.[6]
Neben Familie und Religion gehört Sklaverei zu den wohl am weitesten verbreiteten sozialen Institutionen der Menschheitsgeschichte. Folgen wir einigen Historikern, setzte sie spätestens mit der Sesshaftwerdung und Verbäuerlichung der Menschheit ein, also mit der neolithischen Revolution ab 10.000 v. Chr. Ein zentrales Ereignis der jüdisch-christlichen Tradition ist der Auszug hebräischer Sklaven aus Ägypten im 13. vorchristlichen Jahrhundert. Sklaven in Babylonien, Assyrien, Griechenland und Rom bauten jene großen Steinmonumente, die wir noch heute als Kennzeichen dieser antiken Zivilisationen bewundern. Sie arbeiteten zudem auf den Äckern reicher Adeliger, schwitzten unter Tage, ruderten Galeeren und übten alle möglichen anderen niederen Tätigkeiten aus, die wir mit der Last moderner Sklaven assoziieren. Aber es gab auch Sklaven, die angesehenen Berufen etwa als Mediziner nachgingen, als Gladiatoren ein größeres Publikum unterhielten, die Kinder prominenter Familien erzogen, als Soldaten für ihre Herren kämpften und etwa in Indien oder im Mittleren Osten in der Militärhierarchie bis an die Spitze aufsteigen konnten oder als Beauftragte politischer Akteure Einfluss ausübten. Chinesische Dynastien, Herrscher in vielen Regionen Südostasiens, muslimische politische Autoritäten und Könige in Afrika umgaben sich mit Sklavensoldaten, häufig Eunuchen, und überhäuften sie nicht selten mit Privilegien.
Im späten 15. Jahrhundert war Sklaverei nahezu überall in der muslimischen Welt sowie in vielen Regionen Südeuropas verbreitet, darunter auch in Spanien und Portugal, wo sie vornehmlich als Quelle für Haussklaven und städtische Arbeiter in den rasch wachsenden urbanen Zentren der Renaissance diente. Die Portugiesen führten Afrikaner, die sie von ihren ersten Reisen an die Westküste Afrikas mitgebracht hatten, in diese Märkte ein. Kolumbus kehrte 1495 aus Amerika mit gefangenen Kariben zurück, die er in Spanien als Sklaven zu verkaufen gedachte. Innerhalb weniger Jahre versklavten die Spanier eine große Zahl von Einheimischen, um sie in den Minen und auf den Feldern ihrer amerikanischen Kolonien arbeiten zu lassen, bis ein Großteil der Indios durch Überarbeitung und eingeschleppte Krankheiten dahingerafft wurde. Die Spanier suchten den Mangel an einheimischen Arbeitskräften durch die Einfuhr von aus Afrika verschleppten Sklaven zu kompensieren.
Die Portugiesen in Brasilien hatten im 16. Jahrhundert zunächst ebenfalls Einheimische versklavt. Mit dem Aufstieg des Zuckers zum zentralen Plantagenprodukt stieg der Bedarf an Arbeitskräften für die Zuckerrohrfelder jedoch immens. Zunehmend wurden nun Sklaven aus Afrika importiert. In den folgenden zwei Jahrhunderten entwickelte sich in der Karibik angebauter Zucker, «die süße Macht» (Sidney Mintz), zum Kolonialprodukt schlechthin und zum wichtigsten internationalen Exportgut überhaupt in der Frühen Neuzeit. Die Engländer begannen in ihren nordamerikanischen Besitzungen zudem Tabak, Reis und schließlich Baumwolle anzubauen. In beiden Regionen dienten afrikanische Sklaven und ihre Nachkommen als Arbeitskräfte. Die Ausdehnung des Welthandels mit Europa als wichtigstem Knotenpunkt veranlasste in der Folge weitere Kolonialmächte und viele einheimische Pflanzer, Sklaven in Südostasien, Indien und in der arabischen Welt einzusetzen. Russische Gutsbesitzer unterwarfen ihre Bauern einer der Sklaverei ähnlichen Leibeigenschaft. Aus Afrika wurden im Laufe der Jahrhunderte nicht nur rund 12 Millionen Sklaven, in der Mehrzahl Männer, in die Amerikas und die Karibik zwangsverschifft; viele Sklaven, darunter zahlreiche Frauen, blieben auf dem Kontinent, um als Ehefrauen und Arbeiterinnen die Netzwerke zu stützen, die afrikanische Herrscher und Unternehmer aufgebaut hatten, um die Europäer mit menschlicher Ware zu versorgen. Im 19. Jahrhundert, als Europa die Ideale der Freiheit und Würde des Menschen feierte, schufteten nahezu überall sonst mehr Menschen als zuvor in Knechtschaft und waren massiver Erniedrigung und körperlicher Misshandlung ausgesetzt. Und trotz der Tatsache, dass der rechtliche Besitz an Menschen im Laufe des 20. Jahrhunderts weltweit verboten wurde, existiert Sklaverei weiterhin in vielfältigen Formen in allen Weltregionen. Dass Menschen über andere und gegen deren Willen verfügen, ist immer noch allgegenwärtig.
