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Vom Verlust und vom Verlorengehen, von Müttern und Söhnen, von der Suche nach der eigenen Ordnung.
Als der Vater bei einem Unfall stirbt, findet die idyllische Waldorf-Kindheit des Erzählers ein plötzliches Ende. Nun regiert Unordnung, auch in ihm. Er versteckt seine Trauer und seine Angst. Die Mutter zieht sich zurück, und er wohnt ständig bei Freunden, entwickelt ein fatales Gespür dafür, was er tun muss, um gemocht zu werden. Und das will er. Er will geliebt und bewundert werden, will Schriftsteller sein und dazugehören: zur coolen kulturellen Hautevolee Berlins, wohin er nach der Schule zieht, ausgeht, feiern geht. Doch wie eine verborgene Strömung lauern die Angstgefühle in ihm. Bis er sich seiner Geschichte stellt ...
»In einer klaren poetischen Sprache erzeugt Simon Elson intensive Bilder.« Bücher – Das Magazin.
»In diesem gradlinig geschriebenem Coming-of-Age-Roman gewinnt am Ende das Zarte und Zugewandte.« Monopol.
»Es ist lange her, dass ich ein Buch gelesen habe, das so ehrlich und doch so schön und sorgfältig geschrieben ist. Es gibt kein Verstecken, keine Nebengeräusche, und es will sich nicht an das passen, was die meisten Schriftsteller heutzutage tun – nicht an den Literaturbetrieb –, sondern allein an eine innere Stimme. Und dabei werden auch hervorragende Porträts von Freunden, Bekannten, Familienmitgliedern gezeichnet – das ist eine echte literarische Leistung. Mit einem Wort, ein sehr schönes Buch, das mich tief berührt hat. Es war für mich ein Erlebnis, es zu lesen.« László F. Földényi.
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Seitenzahl: 212
Veröffentlichungsjahr: 2024
Der Junge lächelt, wenn er Angst hat. Er verliebt sich, weil er traurig ist. Er schweigt oft und redet dann zu viel, hält sich innerlich in Schach, auch als Jugendlicher, Erwachsener. Mit poetischer Sprachkraft und ganz lebensecht erzählt Simon Elson in seinem Romandebüt, wie der frühe Tod des Vaters ihn in eine emotionale Unordnung/Krise treibt, in der Denken und Fühlen ununterscheidbar werden und er nicht mehr erkennt, was gut für ihn ist. In rauschhafte Berliner Gründerjahre, in Liebesverhältnisse und Kulturarbeit schleichen sich seelische Verkümmerung und Panik. Denn der unentdeckte Kontinent, der immer noch weiße Fleck auf der menschlichen Landkarte, ist das Gefühlsleben …
Simon Elson, geboren 1980 in Hamburg, schreibt in Berlin hin und wieder für »Weltkunst« und »Monopol«, eigentlich aber Bücher über Kunst und Künstler. Elson hat zudem als redaktioneller Mitarbeiter das historische Monumentalwerk Die Flamme der Freiheit (2022) zur Revolution von 1848 intensiv betreut. »Geschichte der Unordnung« ist sein erster Roman.
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Simon Elson
Geschichte der Unordnung
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I. KINDHEIT
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II. TOD
III. JUGEND
IV. ERWACHSEN WERDEN
V. ERWACHSENSEIN
VI. DIE ANGST
NACHWORT
ZITATNACHWEISE
Impressum
Meinen Eltern
Dem System kannst du entkommen, aber nicht den dunklen Kräften, die sich unter der Oberfläche verbergen.
Drugstore Cowboy (1989)
Ihre Gefühle sind ein Meer, tief und mit hohen Wellen aus schwarz-grünem Wasser, wie vom Grund angestrahlt. Eine Möwe stürzt kreischend vom Himmel, als wollte sie mit ihrem Schnabel die Schaumkrone durchstoßen, weicht im letzten Moment aus, schnellt wieder nach oben. Hoch, höher steigt die Woge, um dann, ohne zu brechen, vorwärts in die Breite zu walzen. Dahinter der Umriss eines Schiffs, ein taumelnder weißer Fleck in der Dunkelheit, von der nächsten heranrollenden Welle erfasst.
Ihre Gefühle sind wie ein Meer, dabei mag sie Wasser nicht sonderlich. Fast nie steigt sie in die Badewanne, in Pools oder Seen, ungern schwimmt sie im Meer mit seinen Strudeln, Strömungen, Stürmen. Lieber sitzt sie am Ufer, ein Taschenbuch vor der Nase, auf einem Handtuch im Schatten des Strandkorbs. Hin und wieder setzt sie den Sonnenhut auf, er ist rot. Sie geht zum Meer und kühlt die gar nicht braungebrannten Füße im Wasser. Kleine Ostseewellen erreichen ihre Zehen. Sie bückt sich, hebt eine Muschel auf, lässt sie in der Tasche ihrer weiten Hose verschwinden, dann noch eine und noch eine. Sie vertieft sich ins Muschelsammeln, die Farben und Formen hypnotisieren sie. Sie fängt an, leise zu summen. Ein altes christliches Lied. Als sie den Ruf einer Möwe hört, schaut sie auf, die Augen mit der Hand beschirmt. Sie blickt über die im Mittagslicht spiegelnde Fläche. Ein Vogel im Gleitflug, das ferne Fischerboot, Frieden – so ist das Meer erträglich.
Ihr Gefühlsleben hat auf mich gewirkt wie ein Sturm, wie eine Welle, wahrscheinlich schon als kleines Kind, bevor ich sie Mama nennen konnte. Ich musste die Welle gespürt haben, turmhoch dunkles Wasser, das uns zu verschlingen drohte. Ich fühlte auch die Sehnsucht nach Zärtlichkeit und Ruhe – wobei meine Mutter, als ich ihr von meiner Meeresvision erzählte, mit dumpfer Stimme durch ihr uraltes Telefon rief: »Aber das sind deine Gefühle, die du da beschreibst! Das ist dein Meer!«
Zu meinem Vater hatte ich keine Gefühlsvision. Ich traute mich nicht, meine Mutter zu fragen, wie sie seinen emotionalen Charakter beschreiben würde. Noch weniger gerne als über sich sprach sie über ihn.
Das große Wohnzimmer unseres Hauses, von einem wilden Waldgrundstück umgeben, lief steil nach oben, fast so spitz wie ein Zirkuszelt. Die Decke aus hellem Kiefernholz, dessen Maserung und Astlöcher immer neue Muster ergaben, wenn ich lange genug hinschaute. Jetzt war es dämmrig, ich sah die Zimmerdecke kaum. Mein Vater trug mich auf dem Arm, mein Kopf lag auf seiner Schulter, ich weinte.
Eben hatte ich noch im Garten gespielt, wo schon Krokus, Löwenzahn und Gänseblümchen blühten, dann war ein Gewitter aufgezogen. Aus Angst vor dem Donner floh ich nach drinnen. Da mein Vater zu Hause war, was nicht oft vorkam, tröstete er mich. Erstmal knipste er alle Lampen aus. Strom zieht Blitze an, hieß es. Wir standen im halbdunklen Wohnzimmer und draußen krachte und leuchtete es. Ich zuckte bei jedem Schlag zusammen und weinte lauter. Mein Vater wollte mit mir zum Fenster, ich sträubte mich. Er ging trotzdem näher zu den Donnerschlägen und Blitzen, ganz langsam. Er trug dicke Socken, seine Schritte auf den Holzdielen fast geräuschlos. Ich versteckte das Gesicht an seiner Schulter. Er sprach besänftigend auf mich ein.
Ich spürte den ruhigen Atem, seinen Körper, vollkommen entspannt. Auch ich wurde ruhiger. Ich krallte mich in die braune feste Baumwolle seines Pullovers, traute mich endlich, aus dem kleinen Wohnzimmerfenster zu schauen. Durch die Äste und jungen Blätter der hohen Bäume um unser Haus sah ich Blitze am Himmel. Sie leuchteten in einem grellen Blau-Weiß, das ich noch nie gesehen hatte. Dann der Donner, ein Grollen, das in der Ferne blieb, mir nicht mehr in den Magen fuhr. Ich verstand, dass die Welt davon nicht unterging. Was mein Vater sagte, hörte ich kaum, doch seine Stärke übertrug sich.
Er war stolz, erzählte beim Abendbrot, wie tapfer ich vom Fenster aus zugeschaut hatte. Mein kleiner Bruder hörte nicht zu, und meine beiden älteren Schwestern schmunzelten. Sie trauten sich bei Gewitter bereits auf die Terrasse, was meiner Mutter nicht gefiel. Sie saß gegenüber von Papa, am anderen Ende unseres großen, ovalen Holztisches, schmierte Butterbrote und half meinem Bruder beim Essen. Gerne schob sie ihm die kleinen Honigbrot-Stückchen in den Mund. Mutproben mochte sie nicht. Beim Schwimmunterricht kostete es sie sichtlich Mühe, mich dem handfesten Lehrer zu überlassen, der mich notfalls auch mal vom Einmeterbrett schubste und beim Tauchen unter Wasser drückte, damit ich das Seepferdchen-Abzeichen bekam. Andere Mütter schauten ihren Kindern durch eine Glasscheibe zu, die den Imbiss von der Halle trennte. Meine Mutter machte das selten. Ich hatte etwas von einer Heulsuse und sie war zart, oft ein bisschen »schlapp« – dieses Wort lernte ich früh von ihr. Wenn sie telefonierte, auf dem Sofa mit dem braunen Wollbezug, ging ich manchmal zu ihr hin und sie streichelte mich. Rhythmisch, wie eine Weberin am Webstuhl, strich sie mir das Haar hinters Ohr, blickte mich aus grünen Katzenaugen an, hell abgesetzt von ihrem dunklen Haar. Auch meine drei Geschwister wussten, dass sie das beim Telefonieren gerne tat.
Unser Garten, ein scheinbar riesiger Wald, war der beste Spielplatz. Das Haus, in einen Hang gebaut, hatte am unteren Teil drei Stockwerke, am oberen nur zwei. Es war neu, nach den anthroposophischen Prinzipien unserer Eltern, mit viel hellem Holz, Ecken und Winkeln, gemütlich und konfus. Warum die Fenster teils »schief« sein mussten, wie ich es als Kind ausgedrückt hätte, und warum es keinen einzigen viereckigen Raum gab, fragte ich mich nicht. Es war Zuhause, Zirkuszelt, meine Höhle und Burg. Ringsum standen auf einer Fläche größer als ein Fußballfeld gut dreißig hohe Bäume, zumeist Eichen. Die engen Pfade ums Haus konnte man mit dem Dreirad oder Fahrrad befahren, was meine Mutter bald verbot, da wir oft vom Weg abkamen und ihre Pflanzen zerstörten. »Nur Giersch ist Unkraut, weil der so wuchert«, erklärte sie.
Ich ging nicht in den Kindergarten, weil ich meinen jüngeren Bruder zum Spielen hatte. Und Mama. Sie war immer zu Hause und brachte mir alles bei. Dass das Gewässer unten an unserem Waldgrundstück kein Fluss, sondern ein Bach war, ein ziemlich schmaler. Dass man trotzdem darin ertrinken könne, vor allem im Frühjahr, wenn es viel regnete. Sie erklärte mir, dass Gummistiefel zwar unten dichthalten, aber oben volllaufen, wenn das Wasser zu tief ist. Und dann? Einfach ausleeren, wieder anziehen, weiterspielen. Sie fand es in Ordnung, dass wir nie sauber, selten mit trockenen Füßen aus dem Garten kamen. Wir durften das Wasser des Baches trinken, »aber nicht aus den Pfützen auf der Straße«, mahnte sie. Schließlich wusste sie, dass ich einmal ein grau-pinkes Kaugummi vom Asphalt gekratzt und in den Mund gesteckt hatte, worüber mein Vater nur lachte. Dreck sei gut, weil er beim Kind die Immunabwehr stärke.
Wovor meine Mutter uns nicht warnte, weil sie das ausblendete: Wie böse die Nachbarn sein konnten. Herr Meck, den wir Meckeronkel nannten, wütete regelmäßig über den Jägerzaun seines Grundstücks, direkt hinter dem Bach gelegen. »Raus da, hier wird kein Staudamm gebaut, das Gelände gehört der Stadt!«
Eingeschüchtert zogen wir ab, waren am nächsten Tag jedoch wieder da. Wenn mein mutiger, jähzorniger, blond gelockter Bruder und ich nicht mit den Nachbarn stritten, stritten wir untereinander. Schubsten uns ins kalte Wasser, bewarfen uns mit Schlamm, zogen einander an den Haaren, kniffen. Manchmal bissen wir uns so in die Arme oder Beine, dass man den Abdruck der Zähne sehen konnte, als Beweis der Schuld des anderen den Eltern vorgezeigt.
Aber wir liebten uns auch, streichelten uns, gaben uns Gutenachtküsse, teilten unsere Beute – spitze Stöcke, scharfe Feuersteine oder ein paar mit dem Bauschutt vergrabene Pfennigstücke. Zeitweise konnte ich, der Ältere, meinen Bruder dazu bringen, genau das zu tun, was ich wollte. Abends im Bett musste er meinen selbstgestrickten Märchen lauschen, draußen dackelte er mit Holzschwertern oder Steinen bewaffnet folgsam hinter mir her, während ich das passende Lied zu irgendeiner erfundenen Geschichte sang, in die ich uns verwickelte.
Wenn ich meinen Bruder nicht herumkommandierte, kommandierten meine Schwestern mich herum. Sie hockten mit gemütlichen Winterjacken im Baumhaus und säuselten, ich sei doch »so schnell«, »so stark«. Ich fühlte mich gut, wenn ich zum hundertsten Mal geschickt wurde, um Rosinen und Äpfel, ein Handtuch oder sonst etwas von Mama zu erfragen. Sie tadelte meine Schwestern: »Jetzt hört mal auf, immer euren Bruder laufen zu lassen!«
»Er will es ja«, verteidigten sich die Mädchen, ohne sich auch nur einen Millimeter zu rühren. Ich verstand das Problem nicht, ich war glücklich. Wieder kletterte ich die schiefe Baumhaus-Holzleiter hinab, rannte über die Terrasse ins Haus, stolperte über die Schwelle, flog hin, stand wieder auf, kam schließlich bei meiner Mutter in der Küche an. »Können wir Nüsse haben?«
Ich rannte eigentlich immer. Rotwangig, außer Atem, warm geschwitzt.
»Du dampfst ja richtig«, sagte meine Mutter.
»Wie eine Lok?«
»So ähnlich.«
Da war ich mit den Nüssen schon wieder losgelaufen.
Abends im Jungenzimmer. Mein Bruder und ich mussten aufräumen. Wir hatten drei große geflochtene Weidenkörbe, in den ersten kam die Brio-Bahn mit allen Teilen, in den zweiten gehörten die bunten hölzernen Bauklötze, von Papa selbst zugeschnitten und angemalt, und alles andere in den dritten Korb. So weit die Theorie. Wir warfen alles gemischt in die Behälter, Mama reichte das so. Als unser Vater dazukam, wurde er wütend. »Muss denn alles hier so unordentlich sein«, seine Stimme eine einzige laute Rüge. Nacheinander schüttete er den Inhalt aller drei Körbe wieder auf den Fußboden. »Diesmal räumt ihr richtig ein, nicht alles durcheinander!«
Mein Bruder und ich heulten. Wir mussten einen riesigen Spielzeug-Berg sortieren, vorher gab es kein Abendessen. Selbst Mama half uns nicht, womöglich schlich sie in die Küche und wusch ein paar schmutzige Töpfe ab. Wir hatten keine Spülmaschine, dafür eine Getreidemühle, mit der man selbst Mehl herstellen konnte.
Bei der Küchenarbeit hatte meine Mutter wenig Geduld, endlose hingegen beim Backen mit uns. Und Basteln. Und beim Vorlesen. Wir kuschelten nach der Aufräumaktion mit ihr auf dem Sofa und stritten, wer sich enger an sie schmiegen durfte – wenn es dann losging, waren wir still.
Am nächsten Abend, es war nochmal richtig kühl geworden, hatte sogar kurz gehagelt, gerieten mein Bruder und ich in Streit. Heulend liefen wir zu Mama. »Simon hat mir auf den Kopf gehauen«, sagte mein Bruder und haute mir zu Demonstrations- und Rachezwecken auch auf den Kopf. Ich schlug zurück. Großes Geschrei, während draußen der Wind in die Baumwipfel fegte.
Zur Beruhigung las meine Mutter uns Es klopft bei Wanja in der Nacht vor. In einer besonders stürmischen kalten Nacht finden ein Hase, ein Fuchs und ein Bär ausgerechnet bei dem Jäger Wanja Unterschlupf, damit sie nicht erfrieren. Nun müssen diese Feinde sich für eine Nacht vertragen. Und es klappt. Bis zum Morgen schlafen alle tief.
»So friedlich seid ihr jetzt bitte auch«, sagte Mama.
Mein Bruder: »Aber nur, wenn ich der Bär sein darf!«
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An Feiertagen ging es zur Christengemeinschaft, sozusagen die Kirche der Anthroposophie. Ostern war einfacher als Pfingsten, ein Fest, zu dem bei uns in der Gemeinde alle weiße Kleidung tragen sollten. Für uns Ökokinder schwierig. Wenn ich nicht bereits auf dem Weg zum Auto hinfiel, dann bestimmt später, wenn ich zur Kirche rannte. Oder ich lehnte mich an unseren notorisch schmutzigen Passat. Aber Ostern hatte ich meine üblichen Sachen an, ein Fleck mehr oder weniger fiel kaum auf. Nur musste ich mir vor der Messe unangenehm die Haare bürsten lassen. Das lange Stillsitzen im Kirchenraum war auch unangenehm, doch ich mochte die Messe, den Weihrauch, das Murmeln und Predigen des Priesters. Ich glaubte an Gott, an das Christkind, an Engel, an den Osterhasen. Ich glaubte, dass Mama und Papa alles wussten und alles konnten und dass die Welt sich um mich drehte.
Nach der Kirche besuchten wir Oma, die Mutter meines Vaters. Sie hatte zehn Kinder großgezogen, ihr Mann war Kapitän und kaum zu Hause gewesen, auch vor der Trennung nicht. Wenn sie uns Märchen vorlas mit ihrer gurrenden Stimme, verschwand die wirkliche Welt. An den großen Besuchstagen, wenn fast alle ihrer Kinder samt Enkeln kamen, war dafür keine Zeit. Und niemand achtete so recht auf uns.
Mein Bruder und ich stachelten unseren Cousin mit seinem runden Kopf und seinen sanften Augen an. Wir klauten einem Mädchen, das bei Oma um die Ecke wohnte, alle Ostereier aus dem Garten. Für Süßigkeiten, bei uns eine Rarität, gingen wir über Leichen.
Statt Nutella gab es bei uns eine Bioladen-Paste aus Johannisbrot-Schoten, Carob genannt. Sie schmeckte staubig und ein bisschen süß. Mama meinte, dass sei gesünder als das herkömmliche »Zeugs« mit seinem »weißen Zucker«, den es bei uns so gut wie gar nicht geben sollte, genau so wenig wie Verschwendung. Jedes Apfelmusglas, jedes Butterpapier wurde bis zum Letzten benutzt. In das Glas durften wir zum Ausspülen der Reste einen Schuss Milch füllen; die Butterpapiere wurden zum Einfetten von Kuchen- oder Brotformen verwendet.
»Da ist ja noch eine ganze Zwergenmahlzeit«, meinte sie mit Blick auf unsere Teller, wenn wir nicht aufaßen. Ich stellte mir dann wirklich eine kleine Gestalt mit spitzem Mützchen vor, die auf meinen Teller kletterte und ihre winzige Gabel in die Reste schlug.
Ich glaubte an Zwerge, Elfen, Feen. Ich glaubte, dass alle Lebewesen eine Seele haben. Kurz nach Ostern beerdigten wir eine Amsel, die gegen eines der Wohnzimmerfenster geflogen und gestorben war. Es wurde ein kleines Grab ausgehoben, sie bekam sogar ein Holzkreuz. Danach grübelte meine älteste Schwester stundenlang. Abends wurde sie unruhig, fing an zu weinen. »Wie soll die Seele der Amsel denn in den Himmel kommen, wenn wir sie eingebuddelt haben«, sagte sie voller Entsetzen.
Mama erklärte uns, dass Seelen ganz leicht seien, schmal, dünn, und dass sie überall durchkämen. Eine gute Nachricht, so konnten wir weiter Tiere beerdigen, je nach Laune sogar Schnecken oder Fliegen. Man konnte auch aus zwei Eichenblättern ein behelfsmäßiges Kreuz machen, Mama, die Bastelkönigin, zeigte es uns.
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Ich war etwa fünf in diesem Frühjahr, als wir erstmals weiter wegfuhren. Urlaub auf einem Bauernhof der Schwäbischen Alb. Ich packte das Bilderbuch Puck, der Zwerg, Gummistiefel und mein Kuschelkissen ein. Mit Hirsespreu gefüllt, kühlte es die Schläfen, trocknete Tränen und hörte mir zu, nahm geduldig mein Geheule und Gemurmel auf.
Obwohl ich Autofahren nicht mochte, mir oft übel wurde, gab es diesmal kaum Geschrei, denn unsere Eltern waren auf eine Jahrhundertidee gekommen: Sie klappten die Rückbank des roten Passats um, verteilten auf der Fläche gleichmäßig unser Gepäck, schichteten Isomatten und Decken darauf – und dann uns. Sie fuhren während der Nacht und wir hatten es hinten gemütlich. Durch die Fenster schienen die Straßenlaternen, die Sterne, die Scheinwerfer der anderen Autos, ein ewiges Lichtspiel, in meinem Kopf für immer mit nächtlichem Reisen verbunden. Ein dämmernder Halbschlaf, in dem man nicht genau weiß, an welchem Ort man sich befindet. An keinem, an allen? Der Kutscher knallt mit der Peitsche, vom Wald her heulen die Wölfe, es klirrt das Kettenhemd des Ritters Ilja Muromez, aus dessen Abenteuern mein Vater oft vorlas. Einmal war Ilja an eine dreifache Weggabelung gekommen. Dort stand geschrieben: »Wählst du den ersten Weg, wirst du getötet werden, schlägst du den zweiten ein, wirst du heiraten, über den dritten aber wirst du zu Reichtum gelangen.« Der Held, für mich unvorstellbar, wählte den ersten Weg und besiegte vierzigtausend Räuber.
Ich musste im Traum geredet haben, denn ich wachte davon auf, dass Mama meinen Kopf streichelte.
Die Stimme meines Vaters vom Fahrersitz: »Schlaf ruhig weiter, wir sind noch lange nicht da.« Dann unterhielten sie sich wieder. Ich wollte ihrem Gespräch lauschen, doch es gelang nicht. Die Fahrgeräusche waren zu laut.
Auf dem Bauernhof hielt ich mich am liebsten im Kuhstall auf. Jeden Morgen ging ich früh mit Papa nach unten, um beim Füttern und Melken zuzuschauen. Er durfte sogar mitmachen, weil ihn der Bauer mochte. Ich hingegen war ein Störfaktor, musste am Rand stehen und still sein, was mir gut gelang, nicht zuletzt, weil ich Angst vor dem großen Bullen hatte. Wenn er schnaubte, glaubte ich, Wind auf der Stirn zu spüren. Und wenn er sich bewegte, mit den Hufen stampfte, unwillig den Kopf schüttelte, dann klirrten und rasselten die Ketten, an denen er festgemacht war, bis in meine Knochen. Sein riesiger Hodensack, größer als mein Kopf, hing dort, wo bei den Kühen die Euter waren.
Eines Morgens, der Bauer schon gegangen und mein Vater weit von mir entfernt irgendwo auf der anderen Seite des Stalls, schüttelte der Bulle wieder das Haupt – und die Kette, offenbar falsch befestigt, fiel ab. Er wusste sofort, dass er frei war, und sprang aus dem Stand von seinem Platz in den Stall, seine Hufe machten ein klackendes Geräusch auf dem Steinboden. Er schnaubte. Ich rannte nach draußen auf den Hof.
»Der Bulle ist los, der Bulle ist los«, rief ich. »Papa ist da drin!« Ganz gemütlich kam der Bauer in seinen Gummistiefeln aus der Milchküche, ging einfach zu dem Bullen hin und führte ihn wieder an seinen Platz, brummte dabei etwas in seinem unverständlichen Schwäbisch. Da tauchte auch mein Vater wieder auf. Ich fiel ihm in die Arme. »Ich habe mich hinter den Kühen versteckt und den Bullen beobachtet«, sagte er.
Ich wusste, dass Kühe Gras fressen, doch wer garantierte mir, dass so ein Bulle, wenn er einen Menschen sah, nicht einfach mal eine Ausnahme machen würde?
Auf dem vergötterten Trecker zu sitzen, eine Enttäuschung. Der Bauer maßregelte uns, mein Vater übersetzte: »Gut festhalten, dass ihr nicht runterfallt, und nicht so viel quatschen.« Wie sollte man da quatschen? Mein Bruder und ich saßen auf den Beisitzen, zwei harte Metallschalen, je eine über den großen Hinterreifen. Es war laut, kalt und wackelte wie verrückt. Eine geschlossene Fahrerkabine gab es nicht, nur ein kleines Dach. Da es dunkel wurde, schaltete der Bauer die Scheinwerfer an. Seine Egge wirbelte Erdklumpen durch die Luft, die in dem künstlichen Licht wie Schneeflocken aussahen. Das lenkte mich von der Tortur ab.
Verfroren und durchgerüttelt, mit vom Festklammern roten Händen lieferte uns der Bauer später bei unserer Mutter ab. Wir saßen an dem Ferienwohnungs-Tisch, die Tischdecke voller Krümel und Marmelade-Streifen. Die langen Brotscheiben, nach Kümmel duftend, was wir so nicht kannten, schmeckten noch besser als zuvor. Unsere Hände wurden langsam wieder warm.
»Jetzt, wo du Trecker fahren kannst, willst du denn später mal Bauer werden?«, fragte Mama.
Ich kaute und schwieg. »Oder lieber Bäcker«, sagte sie, »da muss man auch früh aufstehen.«
»Ich will werden wie Papa«, sagte ich.
»Lehrer also?«
Ich hob unschlüssig die Schultern. »Wie Papa«, wiederholte ich.
»Ich auch, ich auch«, rief mein Bruder.
Jeden Sonntag, fast ohne Ausnahme, gab es bei Oma Kaffee und Kuchen. Aber im Sommer, wenn wir im Garten unter dem großen Pflaumenbaum saßen, war es am schönsten. Wir mussten ein Stück mit dem Auto fahren, von einem Hamburger Vorort zum nächsten.
Ich hatte bei der Fahrt fünfundzwanzig Minuten stillsitzen können, mehr hielt ich nicht aus. Als wir ankamen, sprang ich aus dem Auto, rannte voraus in den Garten. Oma saß am gedeckten Tisch, Strickzeug im Schoß.
»Ach Oma«, seufzte ich, »du hast es gut, du kannst den ganzen Tag im Garten sein und Kuchen essen!« Ich kapierte nicht, warum sie lachte, warum mein Spruch den gesamten Nachmittag herumerzählt wurde. Ich stand längst barfuß unter dem Pflaumenbaum, sammelte die Früchte. Was ich machen solle, wenn eine Made in der Pflaume sei, fragte ich.
»Einfach nicht hingucken«, so Oma.
Fast alles, was sie sagte, backte, kochte und tat, fanden wir gut. Nur als Babysitterin mochten wir sie nicht, bevorzugten Schülerinnen aus Papas Oberstufe, die man an der Nase herumführen konnte. Mit Oma ging das nicht. Wenn sie abends zu uns kam, was sie ungern und selten tat, packte sie Strickzeug und ein Kofferradio aus, las eine, nur eine Gutenachtgeschichte vor und dann hatte Ruhe zu herrschen. Selbst auf Klo gingen wir ungern. Eines Abends, es war so warm, ich konnte lange nicht schlafen, starrte ich durch die angelehnte Zimmertür ins Flurlicht und hörte den fremden Geräuschen des Radios zu, die es sonst bei uns nicht gab. Sie versetzten mich in einen Dämmerzustand, aus dem ich erst erwachte, als unsere Eltern zurückkamen und Oma das Haus verließ.
»Die Küche ist aber ganz schön unordentlich«, sagte Oma zum Abschied zu meiner Mutter. Ich verstand nicht, was das sollte. Der Satz kam mir sinnlos vor, vergleichbar mit »euer Badezimmer hat aber ein Waschbecken«. Küchen mussten doch unordentlich sein. Hatten wir gebacken, blieben die Zutaten und Utensilien oft noch ein paar Tage stehen. Ich fand das schön, dann konnte man sich daran erinnern, was man gemacht hatte. Meine Mutter zeigte mir, der ich auf einem Stuhl stehen musste, weil noch zu klein, auch eine geniale Technik, falls Töpfe oder Schüsseln stark verschmutzt waren. Man stellte sie ins linke der zwei Waschbecken, ließ Wasser reinlaufen und wartete eine undefinierte Zeit, mindestens ein oder zwei Tage. »Einweichen«, nannte sie das.
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Mein Vater hängte sich jeden Sommer ein paar Mal seine Kamera um und schnappte sich aus der von uns heißgeliebten Buchreihe Grzimeks Tierleben den Band mit den Affen. Auf dem Cover ein großer Orang-Utan. Den Namen dieses Affen auszusprechen, ein großer Spaß.
»Papa hat das Buch mit dem Orang-Utan geholt«, verkündete ich meinem Bruder. Das bedeutete, wir fuhren, wenn die größte Mittagshitze vorbei war, zu Hagenbecks Tierpark. Mein Bruder hüpfte unserem Vater, der schnell die Kamera in Sicherheit bringen musste, vor Freude in die Arme. Alles mit Papa war besonders, er verbrachte viel mehr Zeit bei der Arbeit als mit uns, auch deshalb wohl, da an Waldorfschulen samstags unterrichtet wurde.
Im Zoo hoffte ich jedes Mal, den Löwen oder den Tiger zu sehen. Ich mochte auch die Elefanten, die mit dem Rüssel Baumstämme tragen konnten, oder Antje, das Walross, das auf Kommando aus dem Wasser schnaubte und einen Fisch aus der Hand des Tierpflegers nahm. Dann versank Antje mit einem Seufzer wieder im Wasser, alle freuten sich, jedes Mal. Am allerbesten war aber das Affengehege. Den Affen merkte man kaum an, dass sie in Gefangenschaft lebten. Während die anderen Tiere verkümmert wirkten, entweder schwer zu beobachten waren oder in ihren Aktionen weit hinter dem zurückblieben, was ich aus Büchern und Geschichten über sie wusste, machten die Affen ziemlich genau das, was sie offenbar auch im Urwald machten. Sie fraßen, kletterten, stritten, kämpften, kopulierten, lausten und ärgerten sich. Und ich saß da auf der Mauer des großen runden Geheges und schaute zu, mit halb geöffnetem Mund, staunend, träumend.
Mein Vater stand mit seiner Kamera hinter mir und rief: »Guck mal!« Ich blickte zu ihm und er machte ein Foto, das später in mein Album geklebt wurde. Das T-Shirt, das ich an dem Tag trug, mit einem aufgenähten Fußball auf dem Ärmel, hatte ich secondhand bekommen. »Secondhand«, das erste englische Wort, das ich kannte. Wir bekamen so gut wie keine neuen Kleidungsstücke. Teils nähte meine Mutter sie selbst, ansonsten trugen mein Bruder und ich die Kleidung unserer Schwestern auf, wenn sie nicht gerade rosa war, was es bei uns sowieso kaum gab. Nur im Winter, wenn wir kratzige wollene Unterwäsche tragen mussten, stritten wir über Anziehsachen. Ansonsten durften wir tragen, was wir wollten, fast immer. Mamas elegante Mutter, noch vor meiner Geburt gestorben, war nicht so nett zu ihr gewesen. Noch mit siebzehn hatte sie sich vorschreiben lassen müssen, was sie anziehen sollte, musste schick aussehen.
Wenn es sogar für den Zoo zu heiß war, gingen wir mit Papa ins Schwimmbad. Wir sprangen so lange ins Wasser, bis unsere Augen rot und die Finger schrumpelig waren. Eigentlich hatte ich im Schwimmbad Angst, es gab zu viele fremde Kinder, auch größere, wildere. Wenn mein Vater dabei war, nahm ich das alles kaum wahr. Am Beckenrand umarmte ich ihn, legte mein Gesicht an seinen Bauch: »Du hast einen richtig schönen Pfannkuchenbauch!«
»Wieso?«
