Geschichte eines Entwurzelten - Lotte Wolf - E-Book

Geschichte eines Entwurzelten E-Book

Lotte Wolf

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Beschreibung

Dragan Markovic ist ein Opfer seiner Zeit. Im Nachkriegsjugoslawien in eine gut situierte Arbeiterfamilie hineingeboren, wird er auch Opfer einer veralteten Erziehung: Wesentliche Dinge, etwa die Berufswahl, bleiben unausgesprochen. Vor allem greift der jugoslawische Bruderkrieg von 1992–1995 entscheidend in seine Entwicklung ein: Die Familie muss ihr Haus verlassen, das später niedergebrannt wird. Dragan Markovic pendelt schließlich zwischen Deutschland und Jugoslawien. Die Liebe bringt ihm eine gewisse Stabilität: Nach seiner Heirat ist er als Pflegefachkraft gut integriert. Just nach der Geburt seines Sohnes beginnt der jähe Abstieg. Wer trägt die Schuld an diesem Desaster? Dragan selbst, die Nicht-Erziehung seines Vaters, die schrecklichen Ereignisse? Und was ist nun zu tun? Wie kann es weitergehen?

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Seitenzahl: 43

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Impressum

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie­.

Detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://www.d-nb.de abrufbar.

Alle Rechte der Verbreitung, auch durch Film, Funk und Fern­sehen, fotomechanische Wiedergabe, Tonträger, elektronische Datenträger und ­auszugsweisen Nachdruck, sind vorbehalten.

© 2023 novum publishing

ISBN Printausgabe: 978-3-99131-597-1

ISBN e-book: 978-3-99131-598-8

Lektorat: Mag. Angelika Mählich

Umschlagfoto: Nicola Ferrari | Dreamstime.com

Umschlaggestaltung, Layout & Satz: novum publishing gmbh

Innenabbildungen: tf

www.novumverlag.com

Erster Teil – Der Bericht

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Geboren wurde ich 1975 in Mostar in Bosnien-Herzegowina, also noch in der Zeit von Staatspräsident Tito. Als Tito starb, war ich fünf Jahre alt. Ich habe drei Geschwister: Mein älterer Bruder Zoran kam 1973 in Berlin zur Welt. Meine Eltern hatten sich dort kennengelernt, sie haben auch in Berlin geheiratet. Der jüngere, Vladan, ist 1981 wie ich in Mostar geboren. Und 1995, zwanzig Jahre nach mir, kam noch meine Schwester Ana zur Welt. Ihr Geburtsort ist Gacko im heutigen Bosnien-Herzegowina. Da war meine Mutter schon 45!

Meine Eltern waren von ihrer Herkunft ziemlich verschieden: die Mutter eine römisch-katholische Kroatin, sehr konservativ, eigentlich so, wie ich mir eine Frau aus der habsburgisch-ungarischen Monarchie vorstelle. Der Vater ein Serbe mit serbisch-orthodoxer Konfession. Ja, eine gemischte Ehe, aber im Jugoslawien von Tito spielte das von der Gesellschaft her keine Rolle. Heute würden sie dich deswegen schief ansehen. Aber wahrscheinlich waren meine Eltern doch sehr verschieden in ihren Meinungen, nicht nur wegen der Konfession. Sie hatten oft Krach, und ich glaube, zweimal hat er sie auch geschlagen. Ich habe es als Kind noch nicht stark empfunden, aber zwischen meinen Eltern bestand durch den Unterschied der Konfession und auch sonst von Anfang an ein Bruch, das merkte ich später. Er wurde mit den Jahren immer größer, aber sie blieben trotzdem zusammen, das war damals gesellschaftlich so üblich, es gab nur wenige Scheidungen.

Im Sommer besuchten wir gemeinsam erst die Familie meines Vaters und dann die Familie meiner Mutter. Beide haben uns immer freundlich aufgenommen und uns gut behandelt. Aber ich habe doch mit der Zeit gemerkt, dass mein Vater bei speziellen GelegenheitenseinerFamilie besonders großzügige Geldgeschenke machte. Wie wenn er sich für die Heirat mit einer römisch-katholischen Frau entschuldigen wollte. Das störte mich irgendwie, aber natürlich habe ich nie Fragen gestellt, ich hätte wahrscheinlich auch keine Antwort bekommen. Es war bei uns einfach nicht üblich, dass die Kinder den Eltern solche Fragen stellten.

In ihrer Jugend haben meine Eltern beide in Deutschland gearbeitet. Dort haben sie sich auch kennengelernt. Sie waren typische jugoslawische Gastarbeiter, das heißt, sie wollten nicht im Ausland bleiben, sie kamen nur zum Geldverdienen dorthin. Im Jahr 1978 bauten sie in Mostar ein einstöckiges Haus mit einem großen Garten. Das Haus war überall von Garten umgeben. Darin lebte ich bis im Sommer 1992 mit meinen Eltern und meinen zwei Brüdern.

Mein Vater war gelernter Schlosser und hat damals in der SOKO in Mostar gearbeitet. Dort wurden vor allem Kampfflugzeuge hergestellt, heute gibt es diese Firma nicht mehr. Ja, SOKO klingt wie Sonderkommission, aber es ist auch das serbokroatische Wort für „Falke“, das passt ja zu Flugzeugen.

Außerdem hatte mein Vater noch eine private Schlosserwerkstatt, in der arbeitete er, wenn er nicht in der SOKO war, von etwa vier Uhr nachmittags bis abends.

Seit 1990 hatten wir dazu noch einen Gemischtwarenladen im Haus. Außer meinem Vater arbeiteten wir alle mit: meine Mutter vor allem in der Organisation, sie schaute, was noch da war, sie bestellte die Waren, meine Brüder waren ein bisschen überall dabei, und ich arbeitete als Buchhalter. Ich hatte mir das von einem Bekannten erklären lassen, ich fand es nicht besonders schwer. Es ging uns gut, wir hatten genug Geld, auch ein Auto. Ja, mit mehreren „Standbeinen“ war das damals in Jugoslawien möglich.

Meine Großeltern väterlicherseits habe ich noch beide kennengelernt. Die Großmutter war für eine Frau sehr groß, einen Kopf größer als ihr Mann, aber dem war das egal. Ja, vielleicht hat sie mir die Größe vererbt. Von den Großeltern mütterlicherseits lebte zu meiner Zeit nur noch die Großmutter. Ich glaube, der Großvater hat zu viel getrunken, er war trunksüchtig. Vielleicht habe ich auch von ihm etwas geerbt, ich weiß es nicht. Spielsucht statt Trunksucht? Ich weiß es nicht.

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