Geschichten aus Byblos - Renate Ellmenreich - E-Book

Geschichten aus Byblos E-Book

Renate Ellmenreich

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Beschreibung

Seit vielen tausend Jahren ist die Stadt Byblos an der Mittelmeerküste Libanons durchgehend bewohnt. Was für Geschichten spielten sich da ab! Einige habe ich aufgeschrieben. Bo und seine Homo Sapiens Gruppe begegnen einem Neanderthaler Clan und können einigen von ihnen in einer dramatischen Aktion das Leben retten. Joramu gerät in den Streit der phönizischen Stadtstaaten, rettet sich in einen Tempel und verhindert gemeinsam mit der mutigen Witwe Tamea den Untergang der Stadt.Im Bruderstreit zwischen Markon und Darjos spiegeln sich die Kirchenspaltungen in der Spätantike, während sich in Byblos die halbe Welt trifft. Und die Familie des maronitischen Priesters Elias erlebt den Einbruch der Moderne in das heruntergekommene Städtchen im 19. Jahrhundert und reagiert verblüffend vielfältig darauf. Das alles sieht eine Journalistin unserer Tage, die nach Byblos kommt, um herauszufinden, was den Libanon in den Auseinandersetzungen im Nahen Osten so besonders macht.

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Seitenzahl: 542

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Renate Ellmenreich

Geschichten aus Byblos

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Vorwort

Die Frage

1. Geschichte - Vor langer Zeit

Neugier

2. Geschichte - 960 v. Christus

Erstaunen

3. Geschichte - 529 n. Christus

Aufbruch

Erkennen

4. Geschichte - 1839 bis 1859

Die Antwort

Anmerkungen

Impressum neobooks

Vorwort

Das großartige archäologische Ausgrabungsfeld im heutigen Byblos/Jbeil im Libanon, das durch Jahrtausende führt, hat mich inspiriert, dem Leben der einfachen Menschen dort über die Zeit hinweg nachzudenken. Aus der Geschichte heraus versuche ich, die heutige Situation im Land zu deuten.

Ich gebe zu, dass ich mir die Idee zu dieser Komposition von James Micheners „Die Quelle“ geborgt habe und danke ihm dafür.

Ich widme dieses Buch Professor George Sabra und der NEAR EAST SCHOOL OF THEOLOGY (NEST).

Joachimsthal, im Frühjahr 2017

Die Frage

Mit einem galanten Bogen über dem Hafen und dem langen Stadtstrand senkte der Pilot das Flugzeug, um kurz darauf sanft im Flughafen zu landen. Bei den Mitreisenden erwachte die übliche leichte Erregtheit bei der Aussicht, gleich wieder das Handy einschalten zu dürfen. Nun liegt die langwierige Prozedur am Immigrationsschalter hinter mir und jetzt trete ich ein in das Land, über das ich schreiben soll – den Libanon. In der Reihe der Abholer sehe ich auch schon einen mit dem Schild, auf dem mein Name steht, zwar falsch geschrieben, aber erkennbar.

„Merhaba, willkommen!“ begrüßt mich der Fahrer der Pension, in die ich mich eingemietet habe. Für ein paar Tage nur, nicht in der Hauptstadt, sondern ein bisschen außerhalb, in einer Kleinstadt direkt am Meer. Etwas Erholung darf nebenbei auch sein. Mein Auftrag ist ja auch nicht eng umrissen. „Finden Sie heraus, was das Rezept des Libanons ist. Warum schaffen die es, trotz ihres ethnischen und religiösen Völkergemischs so friedlich zu bleiben und relativ gelassen so viele Flüchtlinge im Land zu ertragen“ hatte der Chef gesagt. Und dass es auch eine längere Reportage sein darf, wenn sie gut ist.

„Ich bin Ahlan“, stellt sich mein Fahrer nun vor und lotst mich zu seinem Kleinbus.

Und schon brausen wir auf einer Autobahn auf die Stadt zu. Rechts und links werden wir überholt aber mein Fahrer lässt sich auch nicht die Butter vom Brot nehmen. Rasant nutzt er jede noch so kleine Lücke in diesem chaotischen Verkehr, um voran zu kommen. Ich achte besser nicht darauf, sondern schaue aus dem Fenster, um mich einzustimmen in dieses Land. Rechts lassen wir gerade ein riesiges Stadion hinter uns und schon tauchen wir in die Stadt ein. Hohe, ja sehr hohe Häuser links von uns, da wo der Strand sein muss, denn wir fahren nach Norden. Der Verkehr wird immer dicker und schon stehen wir in einem Stau. Weit vorn sehe ich einen Polizisten heran schlendern, der nun Auto für Auto aus dem Knäuel herauswinkt, bis sich der Stau auflöst.

Die Autobahn mündet in eine breite Straße, die nahe am Meer durch das Stadtzentrum führt. Der Wind weht so stark, dass sich die Palmen an der Corniche, der Strandstraße heftig biegen. Wahrscheinlich sind deshalb nur wenige Fußgänger zu sehen.

Jetzt haben wir links den Hafen passiert und durch ein hohes Häusermeer kommen wir wieder auf eine Autobahn, die aus der Stadt herausführt. Ich bin froh, dass der Chef die Idee hatte, mich in eine kleinere Stadt zu schicken und nicht in diese überdimensionierte Hauptstadt.

Der Verkehr fließt wieder und nun sehe ich links das Mittelmeer, durch den Wind recht aufgewühlt heute und rechts steigen die Häuser schon an, den Bergen entgegen. Das Libanongebirge – nicht weit vom Meer entfernt steigen die Berge schon recht steil an. Grün sehen sie aus, obwohl bis weit nach oben mit Häusern bebaut sind.

Eine Seilbahn schwebt über uns hinan. „Teleferique“, sagt Ahlan. „Sie führt zur Harissa, der großen Marienstatue da oben. Siehst du sie?“ Ja, ich kann sie sehen. Eine riesige weiße Frauengestalt mit ausgebreiteten Armen, als wolle sie das Land segnen. „Die Christen nennen sie Gottesmutter, aber ich bin Muslim und glaube nicht, dass Gott eine Mutter hat. Die Muslime hier nennen sie Jungfrau des Libanon oder höchstens Mutter des Propheten Jesus“, sagt Ahlan. „Aber da ich Syrer bin, ist mir das egal. Ich freu mich nur über die schöne Aussicht, wenn ich mal da hochkomme. Man kann fast das ganze Land von dort überblicken und ich weiß, hinter mir ist die Heimat. Ich stamme aus einem Dorf nicht weit von Damaskus.“ Ahlan schluckt und schweigt. Darf ich ihn fragen nach den Gründen seines Hierseins, nach der Familie, der Situation in seiner Heimat? Sein Gesicht, das ich im Rückspiegel sehe, wirkt jetzt verschlossen. Ich hebe mir die Fragen für später auf.

Wir fahren durch einen kleinen Tunnel. „Über uns kannst du viele Denkmalsteine sehen von Feldherren aller Zeiten gestiftet. Durch diese Enge mussten sie alle durch, die Heere, die zu allen Zeiten um dieses Land gekämpft haben. Ob sie von Norden kamen oder von Süden – an dieser Stelle entschied sich das Kriegsglück. Hatten sie diese schmale Stelle zwischen Meer und Gebirge passiert und diesen Fluss hier vor uns überquert, lag ihnen das weite Land davor oder dahinter offen. Das ist der Hundsfluss. Die älteste Felseninschrift stammt von Nebukadnezar, der hier durch kam, mehr als 500 Jahre vor der Zeitenwende. Die Kreuzzüge wurden regelmäßig hier gestoppt und auch Napoleon war hier und viele andere noch.“ Ahlan zeigt auf die alte Brücke über den Fluss, der jetzt im Winter viel Wasser führt. Gerade fängt es wieder an zu regnen.

Aber da taucht nun auch Byblos vor uns auf, die Stadt, die das Ziel meiner Reise ist. Wir biegen von der Autobahn ab und fahren durch enge Gassen auf einen Parkplatz vor dem Hafen. „Merhaba“ sagt Ahlan noch einmal und nimmt meinen Koffer. Durch Wind und Regen marschiert er auf das größte Haus am Platz zu. Ich sehe nur die große Glasfront und folge ihm.

Im Eingang empfängt uns der Hausherr. „Merhaba! Ich bin Habib!“ Ein typischer Libanese? Mittleres Alter, braungebrannt, das noch volle schwarze Haar, leicht geölt, setzt an den Seiten schon silbriges Grau an, edel gekleidet, drei Ringe an den Fingern, einer davon Ehering. „Das Geschäftliche später“, sagt er, „kommen Sie, Ihr Zimmer ist angewärmt“.

Herrlich der Blick aus dem Fenster. Durch den Regenschleier blicke ich auf den kleinen Hafen. Wie schön wird das bei Sonnenschein aussehen. „Ich lasse Ihnen gleich Kaffee bringen“, sagt Habib. Ich bitte stattdessen um einen heißen Tee. „Kommt gleich“, nickt er und geht.

Ich will mich ein wenig ausruhen, den Tee trinken und über meinen Auftrag nachdenken. Was kann ich wohl hier in dieser beschaulichen Kleinstadt über die innere Verfassung der libanesischen Gesellschaft lernen? Immerhin hat mir die Redaktion ein paar Treffen mit verschiedenen Akteuren vorbereitet.

Nun, ich werde es gemächlich angehen lassen. Bei dem Wetter kann man ja nicht einmal vor die Tür gehen. Es dämmert auch schon.

Ich gehe nach unten ins Restaurant. Es hat geöffnet, ist aber leer. Ein älterer Herr, kommt mir leicht gebückt entgegen. „Merhaba, Sie sind der neue Gast, nicht wahr? Kommen Sie hier entlang. Setzen Sie sich bei dem Wetter doch nicht ans Fenster. Ich führe Sie an einen schöneren Platz.“ Er biegt um einen Raumteiler und überrascht bleibe ich stehen. In einer großen Schale brennt ein Holzfeuer und verbreitet wohlige Wärme. Der alte Herr schiebt mir einen Stuhl so an den nächsten Tisch, dass ich direkt auf das Feuer blicken kann. Die Schale steht in einer Art Höhle. „Was ist das“ frage ich den Alten. „Warten Sie, ich bringe Ihnen gleich die Karte und wenn Sie bestellt haben, setze ich mich zu Ihnen und erkläre es. Bitte haben Sie etwas Nachsicht mit mir, ich bin nicht mehr der Jüngste. Mein Schwiegersohn musste zu einer Versammlung im Rathaus gehen und meine Tochter liegt zur Zeit im Krankenhaus. So hab ich alter Mann heute hier Dienst.“

Ich bestelle alle warmen Vorspeisen und er schlurft zur Küche und ruft meine Bestellung jemandem zu. Dann kommt er wieder und setzt sich an meinen Tisch.

„Übrigens nennen mich alle hier Eli. Oder Ali. Je nachdem ob sie Christen oder Muslime sind. Dabei bin ich jüdischer Herkunft. Meine Mutter stammte aus Haifa und besuchte hier in Byblos, die Familie meines Vaters, der sie ihre Rettung vor den Nazis verdankte. Es war im Mai 1948 und kaum war der Staat Israel ausgerufen worden, begann die Flucht und Vertreibung der Palästinenser und der erste Nahostkrieg und die Grenze zwischen Palästina und dem Libanon war auf einmal zu. Und das ist bis heute so geblieben. Nur Raketen und andere Geschosse von beiden Seiten überqueren seitdem diese Grenze. Meine Mutter saß hier nun fest und konnte nicht mehr zurück. Da hat sie meinen Vater geheiratet.“ Eli seufzt. „Deshalb bin ich hier geboren. Nach dem Krieg war ja auch hier vieles kaputt. Wohnraum war knapp. Als mein Vater von seiner Tante ein bisschen Geld erbte, hat er das alte verfallene Cafè hier gekauft und mit der Zeit ein passables Restaurant daraus gemacht. Ich hab dann später die Pension aufgestockt, die nun mein Schwiegersohn betreibt.“ Er versinkt ein bisschen ins Nachdenken und nickt vor sich hin. „Und das Feuer hier“ frage ich vorsichtig. Elis Augen leuchten auf und mit frischerer Stimme beginnt er zu erzählen: „Ich war etwa zehn Jahre alt. Mein Freund Harun und ich, wir lebten nur für Abenteuer. Nichts war vor uns sicher. Die Kreuzritterburg kannten wir in- und auswendig, jeden Winkel. Die alten Ruinen und die Königsgräber da draußen, das war unsere Welt, die wir eroberten und unsere Kämpfe und Heldentaten ausfochten. Einige Zeit lang spielten wir am liebsten Seevölker und Piraten. Dafür kletterte ich eines Tages auf unser Dach, um die feindlichen Schiffe melden zu können. Dabei ist es passiert. Ich bin durchgebrochen und ins Haus gefallen und der Aufprall war so stark, dass die Lehmmauer, gegen die ich krachte, einfiel und dahinter wurde ein großer Hohlraum sichtbar. Meine Eltern haben einen gehörigen Schreck und ich eine Tracht Prügel gekriegt. Aber dann entdeckten wir, dass sich hinter und unter unserem Haus ein ganzes Höhlensystem erstreckte. Schöne alte Sachen haben wir da gefunden. Krüge und Töpfe. Und Knochen natürlich. Mein Vater hat das Amt der Stadt verständigt und die haben einen Archäologen vorbei geschickt. Hätten Harun und ich nicht zuvor schon einige der schönsten Stücke beiseite geschafft gehabt, hätte der sicher alles mitgenommen. Man wollte uns dann das Haus hier wegnehmen, aber mein Vater konnte nachweisen, dass seine Familie hier schon seit mindestens hundert Jahren Besitzer dieses Hauses war. So haben wir die Höhlen geerbt und nach und nach ausgebaut. Wenn Sie gegessen haben, zeige ich Ihnen gern das Innere.“

Das ist ja schon eine phantastische Erzählung, die mir hier gleich am ersten Abend geschenkt wird. Aber nun kommt eine junge Frau aus der Küche und ich spüre meinen Hunger.

Da steht nun eine Platte vor mir mit vielen kleinen Schüsseln, in denen es bunt durcheinander leuchtet und aus denen es so wunderbar duftet, dass mir unglaublich stark das Wasser im Munde zusammenläuft. Ah – schmeckt das wunderbar! Gefüllte Kibbeh und warmer Bohnensalat, Spinattaschen, Lammwürstchen, Korianderkartoffeln und Falafel. Das Leben ist schön!

Eli kommt wieder mit einer Karaffe und zwei Gläsern auf einem Tablett. „Trinken Sie mit mir ein Glas guten Kefreyawein. Sie sind unser einziger Gast heute, darum hab ich eine Flasche besonders guten herauf geholt. Wir lagern den Wein in einer der hinteren Höhlen wo ihm eine gleichbleibende Temperatur guttut.“ Wir stoßen an und genießen stumm den ersten Schluck. Ja, so muss Wein sein.

Eli legt Holz nach und das Feuer lodert lustig-gefährlich in der Schale und wirft flackernde Schatten an die rot und schwarz geäderten Felswände der Höhle. Sie ist größer als ich dachte, das Feuer leuchtet sie nun bis weit nach hinten aus. Auf dem Boden liegen einzelne Scherben und eine Amphore, ein Steinmesser, ein paar bunte Steine. Versonnen blicke ich in dieses mystisch wirkende Schauspiel und Eli neben mir hebt das Glas, blickt durch den tiefroten Wein und raunt leise: „wie wohl die Menschen früher hier gelebt haben?“

1. Geschichte - Vor langer Zeit

Bo schlich sich langsam im Schatten der Bäume von hinten an das seltsame Tier heran, das laut schmatzend an seiner Beute kaute. Vorsichtig legte er einen Pfeil auf seinen Bogen, hielt die Luft an, um nicht zu zittern, zielte und schoss. Der Pfeil traf das Tier am Hals, zu weit von den Augen entfernt. Laut in hohem Ton quietschend sprang es auf und lief davon. Bo war enttäuscht. Hatte der Pfeil nicht genug Kraft gehabt, das Tier tödlich zu treffen? War sein Fell zu dick? Wohin war es so schnell verschwunden? Bo lief der kräftigen Spur, die das Tier in den Boden gerissen hatte, hinterher. Hier wurde der Wald dichter und Bo kam nicht mehr so gut voran. Da knackte es plötzlich seitlich von ihm im Unterholz und er konnte sich gerade noch ducken, um nicht von einer Horde von Männern gesehen zu werden, die laut schreiend und dicke Keulen schwingend sowohl rechts als auch links vor ihm aus der Deckung stürmten und sich auf einen Punkt genau vor ihm zubewegten. Da kniete das Tier auf seinen Vorderläufen. Er hatte also doch ganz gut getroffen. Schon waren die Kerle mit ihren Keulen über ihm und schlugen es unter Siegesgeheul tot. Als es sich nicht mehr bewegte, bildeten die Männer einen Kreis um es herum und einer begann einen Singsang von nur wenigen Tönen, die sich immer wiederholten in einer Sprache, die Bo noch nie gehört hatte. Die anderen hielten ihre Keulen mit beiden Händen vor sich in die Höhe, wiegten dabei ihre Körper hin und her und echoten manchmal ein Wort des Vorsängers. Plötzlich brach das Ritual ab. Einer der Männer zog unter seinem Fellüberwurf ein Seil hervor, kräftig aus Binsengras zusammengedreht. Damit band er dem Tier erst die Vorderbeine zusammen, dann die Hinterbeine und nun schoben zwei andere ihre Keulen unter das Seil und konnten so das Tier hochheben. Bo sah, dass es schwer sein musste, denn die beiden Männer gingen erst einmal in die Knie. Schade, dachte er, dass diese Fremden ihm den fetten Braten weggeschnappt hatten. Ta und die anderen Frauen hätten sich so darüber gefreut. Aber er erkannte seine aussichtslose Lage gegenüber dieser Gruppe, die nicht nur in der Überzahl, sondern auch noch brutal bewaffnet war mit diesen Keulen, deren Wirkung er gerade miterlebt hatte. Still blieb Bo liegen, bis sich die Gruppe bergan, in Richtung Morgensonne so weit entfernt hatte, dass er sie nicht mehr hörte. Lange spähte Bo mit zusammen gekniffenen Augen in diese Richtung, um sich alle Einzelheiten der Umgebung und des Geländes einzuprägen, damit er den Ort wiederfinden konnte. Dann wandte er sich in Richtung Abendsonne, bis er das große Wasser rauschen hören konnte und er den Pfad, der sich durch die Felsen schlängelte und zu seiner Höhle führte, wiederfand.

Unterwegs sah er nach den Fallen, die er am frühen Morgen aufgestellt hatte. Alle waren leer. Er fühlte, wie sich in seinem Körper etwas zusammenzog und ihn traurig machte. Nun kam er mit leeren Händen zurück. Dabei hatte er Ta mit guter Beute überraschen wollen. Er setzte sich im Schatten eines Felsvorsprungs nieder und sah auf das große Wasser, in dem die Sonne bald untergehen würde, wie jeden Abend. Diese seltsamen Männer gingen ihm nicht aus dem Sinn. Noch nie hatte er solche Menschen gesehen. Sie sahen anders aus, als die Mitglieder seiner Gruppe, kleiner und kräftiger. Ihr Geheul hatte schaurig geklungen, aber ihr Gesang über dem toten Tier hatte ihn beeindruckt. Und dann diese groben Fellumhänge. Zärtlich strich Bo über die fein gegerbte Haut seines Lendenschurzes. Ta hatte ihn gemacht und er hatte gefühlt, mit welcher besonderen Hingabe sie sich an diese Arbeit machte. Jetzt musste er still lächeln. Er musste immer lächeln, wenn er an Ta dachte. Er hätte ihr heute so gern etwas mitgebracht. Wie hatte sie sich damals gefreut, als er ihr den Stein überreichte, der funkelte wie die Sonne. Er hatte ihn gefunden am Flussrand, nahe beim großen Wasser. Ta‘s Schwester hatte einen dünnen Riemen vom Leder einer Antilope abgeschnitten und ihn so um den funkelnden Stein gelegt, dass Ta ihn um den Hals tragen konnte. Es gefiel Bo, dass sie etwas von ihm immer an sich trug. In sich auch, denn er hat wohl gesehen, wie ihre Brüste sich in den letzten Tagen gerundet hatten.

Ein weißer Vogel schoss vor ihm blitzschnell ins Wasser und schnappte sich einen Fisch. Bo erwachte aus seinen Träumereien und spürte plötzlich Hunger. Vielleicht hatten die Frauen heute Fische gefangen. Seit sie diese Reusen erfunden haben, fangen sie mehr Fische im Fluss. Eilig machte sich Bo auf den Heimweg. Schon von weitem roch er die Gruppe, obwohl nichts zu sehen und zu hören war. Die Höhle, die sie seit dem letzten Vollmond bewohnten, war wirklich ideal. Der Zugang war nur vom Wasser her möglich, so dass man immer im Blick hatte, wer kam. Sie bestand aus vier Abteilen, zwei waren durch einen Gang miteinander verbunden. Er würde mit den anderen Männern gemeinsam versuchen, auch die anderen Teilhöhlen, die etwas höher lagen, durch einen Tunnel miteinander und mit den unteren zu verbinden. Nach oben war die Felswand steil und glatt, niemand konnte da herauf oder herunter kommen.

Die Kinder sahen Bo zuerst auf dem Weg durch die Felsen kommen und stimmten ein fröhliches Zwitschern an. Sogleich ließen die Frauen liegen, was sie in der Hand hatten und liefen Bo entgegen. Er machte schon von weitem die Geste der leeren Hände und einige der Frauen blieben enttäuscht stehen. Nicht aber Ta. Sie lief weiter auf Bo zu und strahlte ihn an. Er erzählte ihr in kurzen Sätzen, wie fremde Männer ihm die fette Beute weggeschnappt haben. Ta schüttelte den Kopf über die seltsame Geschichte und nahm ihn dann bei der Hand, um ihn zu den Reusen im Fluss zu ziehen. Drei große Fische standen still im Wasser, um die Gefahr, die sie witterten, nicht durch Bewegung anzuziehen. Aber viele kleine Fische schwammen unbekümmert flink hin und her.

Die Frauen und Kinder begutachteten den Fang und waren sehr zufrieden. Meta, Ta‘s Mutter, nahm einen Stein und schlug den drei großen Fischen nacheinander auf den Kopf, bis die Augen trüb wurden. Mit dem langen Steinmesser öffnete sie die Fische am Bauch, nahm die Därme heraus und legte sie dann auf den heißen Stein. Ta‘s Schwester Sa wollte Glut von der Feuerstelle in der Höhle holen, um die Kuhle unter dem Stein einzuheizen aber ihre Mutter bedeutete ihr, das zu lassen. Stattdessen nahm sie von den Zwiebeln, die sie heute Nachmittag oben unter dem Buschwerk gefunden hatten und steckte sie den Fischen in den offenen Bauch. Lass ihnen Zeit, gar zu werden, meinte sie, dann schmecken sie besser. Auch sind die Männer ja noch nicht zurück.

Als ob sie es gehört hätten, tauchten die plötzlich zwischen den Felsen auf. Die Kinder zwitscherten wieder und einige der Frauen liefen den Männern entgegen um zu schauen, welche Beute sie mitbrachten. Auch sie wurden enttäuscht. Lediglich Rebu, Metas Mann, kam mit einer armdicken Schlange um den Hals gelegt zurück. Die anderen Männer zeigten ihre leeren Hände.

Auf dem Platz vor der Höhle umringten alle Rebu und berührten die Schlange. Sie war wirklich tot und hatte eine wunderbare Haut, aus der man gute haltbare Beutel machen konnte.

„Hast du das Gift aus ihrem Zahn abgenommen“, fragte Meta. Rebu nickte und gab ihr das Horn einer kleinen Antilope, in der er das Gift mit einem Pfropfen aus Wachs eingeschlossen hatte. Meta war die Heilfrau, sie konnte das Gift angemessen einsetzen.

Die jungen Frauen riefen bald vom heißen Stein her, „die Fische sind gar.“

Meta kostete sie als erste. Mit geschlossenen Augen kaute sie lange auf einem Bissen herum. Endlich schluckte sie ihn runter, öffnete die Augen und sagte: „er ist gut. Ihr könnt ihn essen.“ Alle vertrauten Meta. Sie hatte die meiste Erfahrung mit den Sachen, die man essen konnte. Wenn sie etwas ausspuckte, war es ungenießbar oder man wurde krank davon.

Gierig machte sich die Gruppe über die Fische her, die Frauen reichten große Stücke an die Männer und kleinere an die Kinder. Alle schmatzten vergnüglich und in ihren Gesichtern war Zufriedenheit zu sehen.

Als es dunkler wurde, zog sich die Gruppe in die Höhle zurück. Als alle um das Feuer saßen, denn in der Höhle war es viel kühler als draußen, erzählte Bo ausführlich von seinem Erlebnis mit den fremden Männern. Mit großen Augen lauschten sie seiner Geschichte, wie er das Tier beschrieb, seinen Pfeilschuss, die Flucht des Tieres, wie er der Spur folgte, dann die Männer sah, die das Tier töteten und welche seltsamen Gesänge und Riten sie dann vollzogen, bevor sie das Tier wegtrugen.

„Du hast dir hoffentlich die Stelle gemerkt,“ fragte Rebu. „Ja“, antwortete Bo, „morgen führe ich euch alle hin. Bestimmt haben sie etwas übrig gelassen von dem großen Tier. Hoffentlich kommen uns die Wölfe nicht zuvor.“ Einer nach dem anderen fiel schließlich auf seine Schlafstatt und auch Bo legte sich, wie jeden Abend neben Ta. Aber die war schon eingeschlafen.

Die Mondsichel lag noch hell am Himmel und die ersten Schimmer der aufgehenden Sonne hinter den Bergen waren kaum zu erahnen, als ein seltsames Geräusch bis in die Höhle drang. Ein sehr hoher Ton schwirrte ausdauernd durch die Luft und darunter waren dumpfe Trommelschläge in immer gleichem Rhythmus mehr durch ein leichtes Vibrieren zu erahnen, als zu hören. Bo richtete sich auf und kroch langsam zum Höhleneingang. Dort traf er Meta, die es auch schon gehört hatte. Was war das?

„Das müssen Menschen sein“, meinte Meta, „ich höre gleichmäßigen Trommelschlag. Vielleicht ist es eine Warnung vor einer Gefahr.“ Beide lauschten still weiter. Nach und nach kamen alle anderen erwachsenen Höhlenbewohner dazu, denn sie hatten alle ein feines Gehör. Das war wichtig in dieser Gegend mit ihren vielen wilden Tieren und der unruhigen Erde.

Rebu meinte, „ich will gehen, um die Gefahr zu suchen.“ „Warte,“ sagte Meta, „vielleicht ist es auch ein Notruf. Ich werde mit dir gehen und den Beutel mit dem Obsidianmesser und den Kräutern mitnehmen. Auch das Gift, das du gestern von der Schlange mitgebracht hast. Vielleicht braucht jemand meine Hilfe.“ Die anderen schnalzten mit der Zunge ihre Zustimmung. Rebu und Meta stellten sich auf einen flachen großen Stein im großen Wasser, um zu hören, woher das Geräusch kam. „Es kommt von oben, von den Bergen“, sagte Rebu. Meta schlug vor, Bo mitzunehmen, der gestern die Fremden in diese Richtung hatte steigen sehen.

Zu dritt zogen sie los. Bo, der einen guten Orientierungssinn hatte und hier schon jeden Pfad durch die Felsen kannte, führte sie erst ein Stück am großen Wasser entlang in Richtung Mitternacht, dann

blieb er stehen, prüfte mit zusammen gekniffenen Augen die Merkmale in der Landschaft und wies dann auf einen Pfad bergan. Nun war die dumpfe Trommel schon klar zu hören und der hohe Ton erklang wieder schaurig.

Vorsichtig pirschten die drei vorwärts. Hier unten im Wald war es noch dunkel, aber über den Bäumen erkannte man schon das Licht der Sonne und die ersten Vögel begannen mit ihrem Morgenkonzert. Das war den dreien nur recht, bot es doch zusätzlichen Schutz. Bald wurde der Anstieg steiler und die Bäume standen nicht mehr so dicht. Inzwischen waren menschliche Stimmen zu hören, die allesamt einen klagenden oder ängstlichen Ton hatten. Jedenfalls klang es nicht aggressiv.

Langsam krochen sie vorwärts, immer in Deckung. Bo roch als erster das Feuer. Ein fremder Geruch war dabei. Es roch nach gebratenem Fleisch. Aber nach keinem, welches Bo kannte. Rebu machte Zeichen. Sie sollten sich trennen, um das Feuer von verschiedenen Seiten sehen zu können und dann wieder hier zusammenkommen, um zu beraten, was zu tun sei.

Bo ging nach links. Schon nach wenigen Schritten konnte er durch eine Spalte zwischen Felsen den Lagerplatz sehen, auf dem das Feuer brannte. Lange starrte er auf die Szene, ohne zu verstehen, was er sah. Eine ältere Frau mit wirrem langen Haar hielt eine Tonschale mit beiden Händen über das Feuer und wiegte ihren Körper hin und her, wie er es gestern bei den Fremden über dem toten Tier gesehen hatte. Dabei stieß sie immer wieder diesen hohen schrillen Ton aus, wie es schien minutenlang ohne Luft zu holen. Hinter ihr saßen zwei junge Frauen und schlugen abwechselnd langsam mit einem Gegenstand auf eine sehr große runde Trommel. Lange schaute Bo hin, bis er im heller werdenden Morgenlicht erkennen konnte, dass es sich um die Hufe großer Antilopen handeln musste. Vor dem Feuer lagen die sechs Männer, die gestern das Tier getötet und mitgenommen hatten. Zwei bewegten sich nicht, lagen da wie tot, durch die anderen Körper liefen immer wieder Zuckungen. Alle sechs hatten die Augen verdreht, sahen aufgedunsen aus und hin und wieder war ein Stöhnen zu hören. Was war das? Waren sie krank? Sollten sie getötet werden? Bo versuchte mehr zu sehen. Gab es noch weitere Männer hier? Aber der Spalt war zu schmal, um einen größeren Überblick zu bekommen. Fuß hinter Fuß setzend ging Bo rückwärts zum Treffpunkt zurück. Rebu war schon da. „Was ist das“, fragte er ihn. „Ich weiß es auch nicht“, antwortete Rebu leise. Da kam auch Meta. „Sind das die Männer, die du gestern gesehen hast?“ „Ja, das sind sie. Aber gestern waren sie noch stark und gesund.“ „Ja“, flüsterte Meta,“ jetzt sind sie krank. Sehr krank, wie es aussieht. Die Trommeln sollen die Ahnengeister der Gruppe rufen. Die alte Frau bittet sie um Hilfe.“ „Woher weißt du das“, fragte Bo. „Ich bin solchen Leuten früher schon begegnet und verstehe auch ihre Sprache ein bisschen. Wir sollten uns bemerkbar machen und ihnen Hilfe anbieten.“ „Und wenn es nun eine Falle ist“, meinte Rebu, „ich habe keine weiteren Männer gesehen. Vielleicht haben sie sich irgendwo versteckt und warten nur darauf, uns schnappen zu können.“ „Dann bleibt ihr beide hier und ich gehe allein“, entschied Meta. „Wenn ich eure Hilfe brauche, rufe ich euch.“ Die beiden Männer nickten. Meta entschied immer richtig. Das war ihre Erfahrung.

Jetzt nahm Meta die Hände vor den Mund und zwitscherte wie ein Vogel. Aber nicht wie ein Morgenvogel, was jetzt gar nicht aufgefallen wäre, sondern wie ein Abendvogel. Einmal. Pause. Zweimal. Pause. Einmal. Pause. Zweimal. Pause. Der Hohe Ton am Feuer brach ab. Ein Abendvogelgezwitscher folgte. Meta entspannte sich, nahm ihren Beutel und ging langsam aufrecht durchs Gebüsch auf das Feuer zu. Nun schwieg auch die Trommel. Gespannt blickten viele Augenpaare auf die Unbekannte, die da gelassen näher kam. Metas Augen blickten nur auf die alte Frau, die noch immer die Schale in ihren Händen hielt. In gebührender Entfernung vom Feuer blieb Meta stehen, setzte langsam den Beutel ab und erhob beide Hände bis zur Höhe ihres Gesichtes, die Handflächen nach außen gekehrt. Da setzte sich plötzlich wie von allein die Zunge der alten Frau in Bewegung und ein Trällern und Jodeln kam aus ihrem Mund, in das die beiden jungen Frauen hinter der Trommel sogleich einfielen. Hielten sie Meta für ihren Ahnengeist, den sie gerufen hatten? Meta nahm ihr Bündel wieder auf und ging um das Feuer herum, legte den jungen Frauen die Hand auf die Schulter, die daraufhin schwiegen und nahm dann der alten Frau die Schale aus der Hand. Sie war leer. Meta stellte mit einer sehr bestimmten Handbewegung die Schale hinter sich auf den Boden. Da fing die alte Frau an zu reden, sehr schnell, ja ihre Stimme überschlug sich fast, so viel wollte sie so schnell sagen. Vielleicht aus Angst, dass der Geist zu schnell wieder verschwinden könnte? Meta nahm die Hände der Frau in die ihren und machte langsame Taktbewegungen damit. Die Frau schien zu verstehen, denn jetzt sprach sie ruhiger. Meta zeigte auf sich und sagte: „Meta.“ Die Frau nickte, zeigte dann auf sich und sagte mit einer jetzt rauhen Stimme: „Chawa.“ Meta legte beide Arme auf Chawas Arme, um ihr Freundschaft auszudrücken und fragte dann mit verschiedenen Worten, die sie kannte, was passiert sei. Und das verstand sie:

Die Gruppe hatte sich riesig gefreut, als die Männer mit dem erlegten Tier gekommen waren. Ein Fest sollte es werden. Endlich wieder reichlich Fleisch. Die Frauen hatten gleich mit den Vorbereitungen für ein großes Mahl begonnen während die Männer dem Tier das Fell abzogen. Nach altem Brauch schnitt der Älteste von ihnen für jeden Jäger ein großes Stück aus dem besten Fleisch des Tieres und während die Männer im Kreis um das Feuer tanzen und Stück für Stück von ihrem Fleischstück abbeißen, klatschen die Frauen dazu im Takt und singen ein Loblied auf die tüchtigen Jäger und Dank für die Gabe. Dann wird das restliche Tier in kleine Stücke geschnitten und in einem großen Tontopf über dem Grubenfeuer gekocht. So hat die Gruppe länger etwas davon. Alle können sich nach Herzenslust satt essen.

Meta zeigte auf die sechs Männer, die auf dem Boden lagen und immer schrecklicher anzusehen waren. „Sind es diese, die das rohe Fleisch gegessen haben?“

Chawa nickte bestätigend. Meta fragte, ob sonst niemand davon gegessen habe. Entsetzt schüttelte Chawa den Kopf. „Nur die Jäger, die dem Tier das Leben genommen haben, dürfen direkt von ihm essen, um seine Lebenskraft in sich aufzunehmen. Für alle anderen muss das Fleisch des Tieres verwandelt werden. Deshalb wird es in Wasser mit Salzsteinen und Zwiebeln gekocht. Manchmal finden die Frauen auch noch andere essbare Sachen, die sie dazu geben.“

„Aber habt ihr anderen das gekochte Fleisch gegessen?“ Chawa und alle anderen nickten und für einen Moment glitt ein Strahlen über ihre Gesichter. „Zeig mir euer gekochtes Fleisch“, bat Meta. Vorsichtig blickte sich Chawa um und zögerte einen Moment. Dann rief sie eine junge Frau herbei und beauftragte sie, etwas von dem Mahl zu bringen. Die Frau verschwand in der Höhle, die Meta jetzt erst wahrnahm. Inzwischen war es hell genug, um zu erkennen, dass vom Höhleneingang wohl ein Tunnel wegführte, denn die junge Frau verschwand nach unten. Bald aber kam sie mit einer halben Kalebasse wieder und reichte sie Chawa, die sie an Meta weitergab. Meta schloss die Augen und roch lange daran. Dann schüttelte sie den Kopf. „Ich rieche kein Gift“, sagte sie. „Zeig mir jetzt die Überreste des Fleisches, dass die Männer gegessen haben.“ Chawas Augen weiteten sich. „Das ist verboten“, sagte sie.

Meta akzeptierte das Verbot und näherte ich langsam den sechs Männern. Aufmerksam beobachtete sie einen nach dem anderen. „Darf ich sie berühren“, fragte sie Chawa. Diese nickte ängstlich. Meta trat an den ersten heran und noch ehe sie ihn berührt hatte, spürte sie die Hitze, die von ihm ausging. Er hatte offensichtlich hohes Fieber. Sie ging zu den anderen. Überall dieselben Anzeichen: hohes Fieber, verdrehte Augen, die Haut rot und gedunsen und ein übler Geruch hing über ihnen. Trotzdem kniete Meta neben einem nieder und legte ihr Ohr an sein Herz. Es raste. Meta erschrak. Sie konnte das Nahen des Todes körperlich spüren, sie fröstelte, nicht nur innerlich. Chawa hatte es bemerkt und rief nun von ihrem Platz am Feuer: was siehst du?

Meta kam wieder zu ihr und sagte: ich muss das Fleisch sehen, dass sie gegessen haben. Wenn ich weiß, welches Gift darin steckt, kann ich vielleicht ein Gegenmittel finden. Aber es ist schon spät. Sie werden nicht mehr lange mit dem Tod kämpfen können.

Chawa fing wieder an, ihren Körper hin und her zu wiegen und sagte auf zwei verschiedenen Tönen immer wieder dieselben Worte. Dann nahm sie Metas Hand und führte sie zu einem Laubhaufen. Unter dem Laub versteckt lagen kräftige Beinknochen und der Kopf des Tieres, das auch Meta zum ersten Mal sah. „Wie nennt ihr dieses Tier? Habt ihr es früher schon einmal gejagt und gegessen?“ „Ja, oft“, sagte Chawa. „Da wo wir herkommen gibt es viele von ihnen. Wir nennen es Schuschu. Es schmeckt gut. Noch nie ist jemand davon krank geworden. Aber hier haben wir es zum ersten Mal gesehen.“

Meta beugte sich über den Kopf. Die gebrochenen Augen schienen zu ihr zu sprechen. Aber Meta vernahm nichts, was sie deuten konnte. „Gib mir etwas von dem Fleisch“, bat sie Chawa. Entsetzt wehrte diese ab. Schließlich nahm Meta ein größeres Blatt aus dem Laubhaufen und griff damit einen Knochen, an dem noch rohes Fleisch war. Chawa schrie auf und die weiter weg stehenden Frauen taten es ihr nach. Gerade kroch die Sonne über den Berg und im plötzlich hellen Licht sahen Metas Augen eine Bewegung im Fleisch. Angestrengt blickte sie darauf. Nichts weiter. „Gib mir ein Messer“, sagte sie jetzt in einem etwas befehlenden Ton zu Chawa. „Nein, niemals“, schrie diese.

„Ich habe etwas gesehen“, sagte sie streng. „Wenn du willst, dass ich euch helfe, tu was ich dir sage.“ Nein, Chawa schüttelte nur den Kopf.

„Gut“, meinte Meta gelassen, „dann hole ich jetzt meine Leute her“. „Bist du denn nicht allein gekommen“, fragte Chawa und schaute dabei vorsichtig um sich. Meta hatte schon die Hände an den Mund gelegt und ahmte wieder Abendvögel nach, diesmal aber schneller, so als drohe Gefahr. Als seien sie schon auf dem Sprung gewesen, brachen Rebu und Bo aus dem Gebüsch hervor und waren mit einem Satz bei Meta. Deren Gesicht verzog sich zu einem stillen Grinsen, während die Frauen und Kinder im Hintergrund aufschrien. Nur Chawa blieb gelassen und wandte sich würdevoll an Meta: „sind das alle deine Männer?“

„Nein“, lächelte Meta zurück, „aber diese werden mir ihr Messer geben“. Bo staunte. Mit Sicherheit wusste er, dass Meta ein wunderbar scharfes Obsidianmesser in ihrem Beutel hatte. Ko hatte es geschlagen, Bo hatte ihm geholfen und er wusste, dass Ko es Meta geschenkt hatte, weil er näher an Sa schlafen wollte, Ta‘s Schwester. Ganz gewiss wäre Meta nie mit ihrem Beutel ohne ihr Messer darin aus dem Bereich der schützenden Höhle gegangen. Er verstand nicht, was hier gespielt wurde.

Aber war das ein Spiel? Meta stellte die beiden Männer vor und dann wandte sie sich nur noch an diese. „Schaut euch dies Fleisch genau an. Strengt eure Augen an, was seht ihr“. Beide Männer starrten auf das Fleisch und konnten nichts erkennen, das ihnen nicht gefiel. Es war noch immer einigermaßen rot und frisch, bestimmt genießbar und beiden lief ungewollt das Wasser im Mund zusammen. Nun endlich nahm Meta ihr Messer aus dem Beutel und alle verstanden mit einem Mal, dass hier etwas gespielt wurde. Meta schnitt schnell mitten ins Fleisch und nun sahen es auch Rebu und Bo: im Fleisch bewegten sich winzig kleine weiße Würmer. Verblüfft schauten sie Meta an. Die machte nun ein ernstes Gesicht, wie bei ihren Neumondritualen. „Merkt euch für immer was ihr hier seht und prägt euch diesen Geruch ein.“ Beide versuchten es.

Dann erst rief sie Chawa: „bring alle deine Frauen und Kinder hier her. Ich glaube, ich habe eine Botschaft für euch.“ Der Ton, in dem sie es sagte wirkte, vielleicht auch die Neugier. Sie wartete geduldig, bis sich alle in Sichtweite um sie versammelt hatten.

„In diesem Fleisch“, sagte sie und hielt dabei den Knochen mit einem Blatt umwickelt hoch, „lebt jemand, der euch den Tod bringen will. Vielleicht sind es unzufriedene Ahnengeister. Ich weiß es nicht. Aber die Augen des getöteten Tieres haben mir gesagt, dass die kleinen weißen Würmer, die in diesem Fleisch leben, die Krankheit eurer Männer verursacht haben. Und ich glaube, sie können nur im rohen Fleisch des Tiers leben, denn im Fleisch in eurer Suppe habe ich sie nicht gesehen. Deshalb ist niemand, der von der Suppe gegessen hat krank geworden, sondern nur die, die das rohe Fleisch gegessen haben.“ Erstauntes Murmeln und Getuschel erhob sich.

Meta wiederholte ihre Rede mehrmals um sicher zu gehen, dass alle sie verstanden. Während dessen merkte keiner von ihnen, dass die Männer auf dem Boden aufgehört hatten zu röcheln und einer nach dem anderen seine lebendige Seele davon geschickt hatte.

Rebu hörte als erster, dass er sie nicht mehr hörte. Er machte Meta ein Zeichen, aber diese verstand nicht gleich. So zog er sich mit Bo etwas zurück, in Erwartung, dass die Gruppe in Panik ausbrechen würde, wenn sie des Hinscheidens ihrer Männer gewahr wurden. Meta redete noch immer auf die erstaunt und skeptisch blickenden Frauen ein. „Als ihr früher das Fleisch solcher Tiere gegessen habt, habt ihr da kleine weiße Würmer darin gesehen?“ Die Frauen schüttelten den Kopf und Chawa meinte, „darauf haben wir nicht geachtet“. „Seht ihr“, meinte Meta, „es sind die weißen Würmchen, die eure Männer krank gemacht haben, nicht das Fleisch und nicht euer Brauch, dass die Jäger es roh essen. Aber ich habe keine Medizin dagegen, denn sie sind mir noch nie begegnet. Es tut mir leid, aber ich kann euren Männern nicht helfen.“ Bei diesen Worten wandten sich die Frauen den Männern zu und Chawa entfuhr als erster der Schrei: „sie sind tot!“

Instinktiv wich nun auch Meta zurück, denn sie wusste nur allzu gut, dass die Überbringer schlechter Nachrichten oft für diese verantwortlich gemacht werden.

Minutenlang ertönten nun die schrillen hochgezogenen Töne, die den Tod verkündeten. Meta begab sich unauffällig zu Rebu und Bo. Rebu meinte, „wir sollten jetzt schnell weggehen von diesem Ort. Sie werden uns die Schuld am Tod ihrer Männer geben und uns töten.“ Bo stimmte zu und als Meta widersprechen wollte, sah sie plötzlich einen Ring von jugendlichen Gruppenmitgliedern um sich, die sie schon eingekreist hatten. Zu spät, dachte sie. Schon stürzten die Jungs, kaum dem Kindesalter entwachsen, Stöcke schwingend auf sie zu und drängten sie in ihrem Kreis zurück ans Feuer.

Da stand Chawa, wieder mit ihrer Schale in den Händen und die Frauen um sie herum lamentierten noch immer. Die Jungs, die die drei zurückgebracht hatten, schrien nun auch und drohten mit ihren Stöcken in die Luft. Alle blickten auf Chawa und Meta, Bo und Rebu verstanden: von dieser Frau, die vermutlich jetzt das Oberhaupt der Gruppe war, würde ihr weiteres Schicksal und das ihrer ganzen Gruppe abhängen. Sie verhielten sich still und ruhig. Chawa gebot schließlich allen zu schweigen. Als das Gejammer endlich leiser geworden war, begann sie mit dem Verhör. Sie wandte sich ausschließlich an Meta.

„Wie hast du sie getötet?“

„Ich habe sie nicht getötet.“

„Du hast gewusst, dass sie sterben würden.“

„Ich habe nicht gewusst, dass sie sterben würden.“

„Du hast nach diesen weißen Würmern gesucht.“

„Ich habe sie nicht gesucht. Ich habe sie gefunden. Gesucht habe ich nach Gift.“

Die Fragerei begann noch einmal von vorn. Diesmal wurde Meta ausführlicher, erzählte davon, wie sie den Hilferuf gehört hatten und gekommen seien, dass sie ihren Heilbeutel mitgebracht habe und ihre Medizin gern mit ihnen geteilt hätte, wenn sie welche gegen die Würmer gehabt hätte, dass sie noch nie solche kleinen Lebewesen im Fleisch gesehen hatte und dass sie nicht im Kontakt mit Geistern stand, sondern nur Erfahrung mit Giften habe.

„Wir glauben dir nicht“, sagte Chawa. „Du hast deine Männer mitgebracht und sie im Wald versteckt. Ihr wolltet uns alle umbringen, um unsere Vorräte zu stehlen.“

Jetzt tat zum ersten Mal Rebu den Mund auf, weil er begriff, was Meta vorgeworfen wurde und sagte laut: „Nein.“ Er kannte nicht die Worte, um mit diesen Menschen in ihrer Sprache zu reden. Aber er nahm Metas Beutel, öffnete ihn, holte das Hörnchen mit dem Schlangengift hervor und zeigte auf die Pfeile in seinem Köcher. Immer wieder sagte er in seiner eigenen Sprache, unterstützt durch anschauliche Demonstrationen, „mit diesem Gift hätten wir euch alle umbringen können, wenn wir das gewollt hätten.“ Bo wollte hinzufügen, dass er das gern getan hätte, weil sie ihm seine Jagdbeute weggenommen hatten. Aber Rebu gebot ihm zu schweigen. Er wollte nicht noch ein neues Streitthema zulassen. Und Bo dachte bei sich, ja es ist ja vielleicht gut so, dass nicht ich das Tier nach Hause gebracht habe. Vielleicht wären sonst wir alle gestorben, wenn wir von diesem Fleisch gegessen hätten. Nach diesem Gedanken merkte er, wie sich der Ärger, der auf seinem Magen gelegen hatte, verflüchtigte.

Rebu demonstrierte zum dritten Mal seine Geschichte und als er spürte, dass die Atmosphäre um ihn herum etwas entspannter geworden war, fügte er hinzu: „um euch zu beweisen, dass wir nicht in feindlicher Absicht gekommen sind, bieten wir euch an, für die Frauen und Kinder hier zu sorgen und sie unter unseren Schutz zu stellen.“

„Das kannst du nicht einfach sagen“, widersprach Meta, „ohne unsere Gruppe gefragt zu haben.“

„Wir kommen sonst hier nicht lebend weg“, antwortete Rebu. Und so übersetzte Meta, was Rebu gesagt hatte, fügte jedoch hinzu: „solange, bis ihr eine andere Gruppe eurer Leute gefunden habt, die euch aufnimmt.“

Stille trat ein. „Sag das noch einmal“, bat Chawa. Meta tat es. Die Frauen berieten sich nun. Doch es dauerte nicht lange, bis Chawa wieder zu Meta sprach: „Wir erkennen, dass ihr nicht in feindlicher Absicht gekommen seid. Wir glauben dir, dass nicht du unsere Männer getötet hast, denn sie waren schon sehr krank als du kamst. Ob diese weißen Würmer sie krank gemacht haben, wissen wir nicht. Aber jetzt sind sie tot. Und wir müssen sie begraben. Wenn ihr uns dabei helft, werden wir uns unter euren Schutz stellen und unsere letzten Vorräte mit euch teilen, bis wir wieder eigene Leute gefunden haben.“

Dann trat sie ans Feuer und trällerte mit ihrer hohen schrillen Stimme die ganze Gruppe herbei. Auf und ab ging ihr Singsang wieder und die Menschen ihrer Gruppe bildeten dabei eine Reihe. Die beiden jungen Frauen, die die große Trommel geschlagen hatten, trugen nun eine rotgolden blitzende Kanne herbei, die oben an einer Stelle spitz zulief, wie eine Tülle und stellten sich hinter Chawa. Die wandte sich um zu Meta und sagte in ganz normalem Ton: „ihr könnt uns folgen, aber am Ende.“ Schon setzte sich die Menschenschlange in Bewegung, Chawa vornweg, ihr folgten die beiden jungen Frauen mit der Kanne, jede fasste einen Henkel und dann die anderen Mitglieder der Gruppe, wie es schien, dem Alter nach.

Meta staunte, dass diese Menschen eine so schöne Kanne hatten. Sie hatte dieses harte Material, dass strahlte wie die Abendsonne schon gesehen. Einmal kam ein sehr großer junger Mann bei ihrer Gruppe vorbei. Er hatte verschiedene Gegenstände aus diesem Material, Schalen, Kannen und sogar Messer. Er wollte sie eintauschen, zum Beispiel gegen goldene Steine oder schöne Felle. Aber Metas Gruppe war gerade von ihrem alten Ort aufgebrochen, an dem sie nicht mehr genug zu essen gefunden hatten und besaß nichts, gegen das der junge Mann getauscht hätte. So zog er weiter.

Schüchtern reihten sich Meta, Bo und Rebu am Ende ein und schweigend stapften alle im Gänsemarsch einen schmalen Pfad, der hinter dem Lagerplatz begann, bergan. Bo brannte vor Neugier, wohin das führen sollte, Meta folgte unsicher. Sie konnte sich nicht erklären, was Chawa vorhatte und Rebu, der als letzter in der Reihe lief, blickte immer wieder sichernd um sich. Mehrmals bemerkte er, dass rechts und links des Pfades Gebüsch herunter getreten war. Aber er konnte nicht erkennen, wie frisch die Spuren waren. Nach einer kurzen Strecke, etwa zwei Pfeilschüsse lang, bog Chawa vom Pfad ab, teilte das Laub und alle folgten ihr in den undurchdringlich erscheinenden Wald. Bald wurde das Gebüsch lichter, immer größere Steine lagen zwischen den Bäumen und dann öffnete sich ein freier Platz auf einem großen frei liegenden Felsen, hinter dem sich bizarr aussehende Steinblöcke aufreckten, von unzähligen Spalten durchzogen. Die Gruppe sammelte sich wieder um Chawa, die erneut einen Singsang anstimmte. Meta stöhnte leise. Diese unharmonischen Töne gefielen ihr gar nicht, im Gegenteil, ihr wurde unwohl dabei. Und etwas ängstlich sah sie auf die Wunde an ihrem Knöchel, die ihr ein dorniger Ast auf dem Weg gerissen hatte. In Gedanken ging sie ihren Beutel durch und überlegte, welches ihrer Mittel sie zur Blutstillung benutzen sollte. Aber die Wunde war nicht sehr tief und würde bald von allein trocknen.

Chawa sprach nun zu ihr, aber erst bei der Wiederholung verstand Meta, dass sie hier an einem heiligen Ort der Gruppe waren. Hinter den Felsspalten hörte sie Wasser rauschen, so als ob er über Steine in einem Wasserfall herabstürzte. Dies war also ihre Wasserstelle, die sie heilig hielten, weil sie so versteckt hinter den Felsen lag. Chawa hob beide Arme und beugte dann wieder und wieder ihren Oberkörper vor und zurück. Dabei rief sie jedes Mal mit lauter Stimme, „EL, gib uns Wasser! EL, gib uns Wasser!“ Die Gruppe wiederholte dann ihre Bitte immer noch einmal. Dann befahl sie den beiden jungen Frauen mit der Kanne in die Felsen zu gehen. Die beiden verschwanden in einer der Spalten. Alle blickten ihnen schweigend nach. Als sie kurze Zeit später wieder hervorkamen, die Kanne hochhielten und leicht neigten, so dass etwas Wasser aus der Tülle floss, begann die Gruppe zu jubeln und in die Hände zu klatschen. Schnell wurde daraus ein stampfender Tanz, den Chawa bald wieder zum Rückmarsch anführte. Meta aber sah, wie eine nach der anderen fast alle Frauen kurz in den Felsen verschwanden und mit gefüllten Hörnern wieder herauskamen. Die Öffnung ihrer Hörner - von welchen Tieren hatten sie die bloß? - verstopften sie mit Wollbüscheln, die sie wohl zuvor in Fett getränkt hatten, damit das Wasser nicht auslaufen kann. Flink banden sie die Hörner wieder an den Gürtel um ihre Hüften und reihten sich in die Schlange ein, die nun etwas ungeordneter den Rückweg antrat.

Rebu verzögerte seine Schritte etwas und so ging auch Meta langsamer, bis sie beide gleichauf waren. Rebu sah sie an und schüttelte unmerklich den Kopf. Meta nickte nur mit den Augen, zum Zeichen, dass sie ihn verstanden hatte. Beiden war klar, dass diese Gruppe noch nie bis zum Gipfel des Berges gekommen war und so die Ursache ihres kleinen Wasserfalls nicht kennen konnte. Aber sie beide wussten, dass weit oben in einer Höhle im letzten Felsen, der oft in den Wolken verschwand, ANAT hauste, die Erdmutter, aus deren Brüsten das ganze Jahr über klares Wasser floss. In Fontänen spritzte es aus dem Kopf des Berges und floss laut rauschend und Schaum aufwirbelnd aus der Höhle.

Meta und ihre Sippe stiegen jedes Jahr, wenn die Sonne mittags ihren niedrigsten Stand über dem Horizont hatte herauf und brachten ANAT ihr Opfer, Steine in denen Sonnenstrahlen funkelten, ein besonders schönes Obsidianmesser, eine Kette aus bunten Muschelschalen verbunden mit der Bitte, die Sonne nicht länger zurückzuhalten und ihr Wasser sprudeln zu lassen, damit der Wald und seine Tiere trinken können, denn die waren ihre Lebensgrundlage. Auch die Fische, die sie neuerdings so leicht fangen konnten, lebten im Wasser aus ANAT‘s Brüsten. Und ANAT erhörte sie jedes Jahr wieder, Sonne und Wasser kamen zurück.

Langsam gingen die beiden hinter der Gruppe her, in der sich Bo wohl einem der Mädchen genähert hatte, denn sie sahen, wie sie ihm ihr Trinkhorn reichte und Bo den Kopf neigte, um ihr zu danken.

Als sie den Lagerplatz wieder erreicht hatten, war bald die ganze Gesellschaft damit beschäftigt, in einer der tiefer gelegenen Höhlen sechs Felle auszubreiten und allerhand Steine, Schalen und Messer daneben zu legen. Dabei stellte Bo im Licht einer Fackel, die ein Junge hielt, erstaunt fest, dass die Höhlenwand kein glatter Stein war, sondern eine Art Lehmputz auf sie aufgetragen war. Und in diesem Lehmputz waren Zeichen zu erkennen. Bo sah Striche und Kreuze, Kreise und Dreiecke und ganze Handabdrücke. „Was ist das“, fragte er den jungen Fackelträger. Aber der schüttelte nur den Kopf. Sie verstanden einander nicht.

Dann begann das mühselige Hinabtragen der toten Männer. Niemand hatte Angst, die Leichen zu berühren. Im Gegenteil, alle halfen mit, sogar die Kinder. Meta versuchte herauszufinden, ob sich die jeweilige Familie um ihren Toten kümmerte, aber sie kannte die Verwandtschaftsverhältnisse in dieser Gruppe nicht. So konnte sie nur raten. Als die sechs endlich hinuntergetragen und auf die Felle gebettet waren, versammelten sich alle in der unteren Höhle, um das Abschiedsritual zu zelebrieren. Meta fragte, ob sie dabei sein dürften. Chawa zögerte erst, nickte dann aber, resigniert wie es schien, mit dem Kopf. Nun, da sie sich selbst unter den Schutz von Fremden stellen wollten, war es wohl auch kein Tabubruch mehr, wenn diese Fremden ihre Rituale sahen.

Es war eng hier unten. Bo zählte dreimal so viele Menschen, wie seine Hände Finger hatten. Chawa wiegte schon wieder ihren Körper hin und her und sang dabei immer wieder dieselbe, traurig klingende Weise und die ganze Gruppe antwortete ihr, Zeile für Zeile. Dann rief sie einige junge Frauen zu sich. Auf ihren Befehl hin setzten sie sich auf die Köpfe der toten Männer. Bo war entsetzt. Es sah aus, als urinierten sie auf die Leichen. Aber Meta verstand: die Frauen menstruierten und vermutlich hatte das Blut, das sie über den Toten vergossen, eine Bedeutung. Sollte es etwas mit neuem Leben zu tun haben? Meta nahm sich vor, Chawa später danach zu fragen.

Die ordnete nun an, dass man ihr eine Schale mit Glut bringe und die Kanne mit dem Quellwasser.

Immerfort vor sich hin murmelnd legte sie drei Steine zu Füßen der toten Männer zurecht und stellte die Schale mit der Glut darauf. Die Kanne mit dem Wasser aber stellte sie an deren Kopfende.

Noch einmal stimmte sie einen Gesang an, der in Metas Ohren schauerlich klang, aber die Gruppe antwortete ihr wieder Zeile für Zeile und wiegte die Oberkörper hin und her.

Danach verließen die jungen Frauen schnell die Höhle und Chawa schickte alle anderen mit einem Meta unverständlichen Befehl hinterher, nur sie selbst blieb zurück. Sie nahm ihre Schale wieder auf und sprach Worte hinein. Dann stellte sie die Schale von innen an den Eingang und schon kamen die ersten Jungen und Mädchen mit großen Steinen in der Hand angelaufen. Chawa nahm sie ihnen ab und setzte sie so vor den Eingang der Höhle, dass nicht mal eine kleine Schlange hindurch schlüpfen konnte. Mit den weiteren Steinen wurde eine Mauer in die Höhe gezogen und Chawa achtete sehr darauf, dass die Steine so aneinander passten, dass die Mauer wie geschlossen wirkte. Bo staunte über den scharfen Blick, den diese Menschen haben mussten, weil sie immer die jeweils zueinander passenden Steine fanden und schließlich den Eingang zur Höhle so zugemauert hatten, dass nichts und niemand hinein konnte. Das will ich mir merken, dachte er.

Meta aber sah, wie Chawa in der obersten Reihe wieder einen kleinen Stein aus der Mitte heraus nahm. „Warum“, fragte sie flüsternd? Nachdem Chawa sie eine Weile angesehen hatte, als wollte sie sagen: wie kann man nur so eine dumme Frage stellen, nahm sie Meta am Arm und führte sie weg von der Höhle, zurück zum Feuer, das nur noch glimmte.

Am Feuer rief sie dann die ganze Gruppe zusammen und als alle nieder hockten, begann sie in sehr sachlichem Ton zu reden: „meine Verwandten, nach den schrecklichen Ereignissen der vergangenen Nacht werden wir diesen Ort verlassen. Wir sind nun schon so lange auf der Wanderschaft und haben bisher keinen Ort gefunden, an dem wir bleiben könnten, bis der Winter vorüber ist. Wir werden unsere Toten hier ruhen lassen, an unserem letzten gemeinsamen Ort und nun mit diesen Fremden weiterziehen und ihrem Schutz vertrauen müssen. Deshalb geht jetzt in eure Höhlenecken und nehmt, von unseren Vorräten, Fellen und Waffen, was ihr tragen könnt. Wir wollen uns auf den Weg machen, damit wir noch vor dem Ende des Tages in das neue Lager kommen. Seid unbesorgt, die Lebensgeister unserer Toten werden uns begleiten. Ich habe für ihre Seelen eine Tür in der Mauer gelassen. Legt ein paar von den jungen Bäumen davor, damit man den Eingang nicht findet und bringt mir eine neue Schale.“ Gleich lief ein Mädchen los und brachte eine Schale, nicht größer, als die, die Chawa mit eingemauert hatte. Chawa nahm einige der noch glimmenden Äste von der Feuerstelle und schob so viel Glut wie möglich in die Schale. „Das Wasser gebiert das Leben immer wieder neu und im Feuer ist die Seele des Lebens“ sagte sie, mit einem Blick auf Meta. „Macht euch nun fertig. Wir ziehen weiter.“

Bo lief vorneweg, um den Weg sicher zu markieren und musste immer wieder warten, bis alle in Sichtweite nachgefolgt waren. Meta versuchte, sich die Stellen einzuprägen, an denen sie Bäume mit süßen Früchten gesehen hatte. Chawas Gruppe folgte ihnen schweigend in einigem Abstand. Kurz vor dem großen Wasser bog Bo in den Felsenweg ein, der zu ihrer Höhle führte. Da bat ihn Meta stehen zu bleiben und rief auch Rebu heran, der bereitwillig einen Berg Felle der Gruppe trug. „Bevor wir bei den unseren sind und schauen müssen, wie wir die beiden Gruppen miteinander auskommen lassen können, will ich euch ein Versprechen abnehmen. Ich habe heute gelernt, dass nicht nur Gifte unsere Nahrung bedrohen, sondern auch andere Wesen, gegen die ich machtlos bin. Deshalb müsst ihr mir jetzt hier versichern, dass ihr niemals, hört ihr, niemals rohes Fleisch von diesem Tier esst, das sie Schuschu nennen. Am besten, ihr esst überhaupt nicht davon, denn ich bin ja nicht sicher, ob die weißen Würmer nur im rohen Fleisch leben.“

Rebu und Bo versprachen es und die Gruppe zog dem Platz am großen Wasser entgegen.

Und so kam es, dass Meta, die noch nichts von Trichinen wusste, durch ihr Verbot Schweinefleisch zu essen, viele Menschen vor einem ähnlich qualvollen Tod bewahrte, wie ihn die sechs Männer sterben mussten – bis auf den heutigen Tag.

Neugier

Ein herrlicher neuer Morgen. Der Wind hat die Wolken verweht, die Sonne strahlt vom Himmel, als hätte sie etwas wiedergutzumachen. Schon am frühen Morgen wärmen ihre Strahlen und das Meer, fast spiegelglatt, glitzert wie Lametta zu Weihnachten. Ich habe mir vorgenommen, heut diese ominösen Königsgräber zu besuchen, von denen ich schon einiges gehört habe. Als ich beim Frühstück nach Begleitung fragte, wurde mir Rola geschickt. Sie ist die jüngste Tochter des Hauses und hat heute schulfrei.

Nun steht sie vor mir, ein Bild von einem Mädchen. Oder muss ich schon junge Frau sagen? Rola ist 15 Jahre alt, rotschwarzes Haar fällt ihr in dichten Locken in den Nacken, schminken braucht sie sich nicht – ihr Gesicht sieht auch so wie aus einem Modemagazin geschnitten aus. „Merhaba, wie geht’s?“ „Hi“, grüßt sie zurück.

Schnell läuft sie, immer einen Schritt voraus und erklärt, wie sie es wohl bei Touristenführungen gesehen hat: „Links sehen Sie die kleinste Moschee von Byblos. Bis hierher ging früher der Souk und sie stand am Rande davon, damit die wenigen muslimischen Händler es zu ihren Gebetszeiten nicht so weit hatten. Und hier gleich gegenüber rechts sehen sie die kleinste unserer maronitischen Kirchen. Da sind nur zwei mal zwei schmale Bänke drin und vorn auf dem Altar ein Bild von Mar Marun, unserem Nationalheiligen. Früher stand sie immer offen, Tag und Nacht, für dringende eilige Gebete. Heute wird sie nachts verschlossen, weil sich zu viele Liebespaare dort zu lange getroffen haben.“ Ich würde gern mal hineinschauen, aber Rola läuft eilig weiter. Wer weiß, vielleicht musste sie meinetwegen ein Treffen mit ihren Freundinnen verschieben.

Da taucht vor uns schon die Kreuzfahrerburg auf. Doch bevor ich etwas fragen kann ruft Rola, halb nach hinten gewandt: „die Burg ist eine andere Geschichte. Heute soll ich Ihnen nur die Königsgräber zeigen.“

Sie lässt mich an der Kasse bezahlen und lotst mich dann geschickt an der gewaltigen Burg vorbei auf ein paar Säulen zu. „Die sehen aber recht römisch aus. Gehören die zu den Königsgräbern?“ frage ich sie. „Aber nein, die sind viel jünger. Ich habe Sie nur hier heraufgeführt, weil man von dieser Höhe das ganze Ausgrabungsfeld überblicken kann.“ Sie lässt mir einen Augenblick Zeit, mich umzusehen. Bis zum Meer fällt das Land sanft ab. „Dort unten“ zeigt sie, „da lebten die ersten Siedler von Byblos, das damals natürlich noch nicht so hieß. Die ältesten Häuser, die man ausgegraben hat, sind ungefähr elftausend Jahre alt. Diese paar Mauern da stehen noch. Vielleicht waren davor ja auch schon Menschen hier, aber die haben noch keine festen Häuser gebaut. Es begann alles um den großen Brunnen da unten. Und gleich darüber sehen Sie die Reste des Tempels der Stadtgöttin, Ba’alat. Sie war zur Zeit der Phönizier die beliebteste Göttin, hat man ihr doch zugetraut, dass sie die Stadt beschützt und verteidigt. Deswegen hatte ihr Tempel auch einen breiten Treppenaufgang. Aber immer hat sie das wohl nicht geschafft. Die Stadt hat viele wechselnde Herrscher gesehen und ist oft überfallen worden. Je länger die Menschen dann hier lebten und wiederaufbauten, je höher haben sie gebaut. Jedes Jahrtausend steigt die Bebauung hier hügelan. Am höchsten Punkt haben dann die Römer gebaut, sozusagen im Zenit der Geschichte, so nennt es unser Lehrer immer. Danach ging es mit der Bedeutung von Byblos nur noch abwärts. Kommen Sie, jetzt zeig ich Ihnen die Königsgräber. “ Schon springt sie davon, zwischen den hohen Grasbüscheln nach dem Weg suchend.

An einem Abhang bleibt sie jäh stehen und zeigt nach unten, „da sind die Gräber“. Aus der hellen Sonne kommend sehe ich da unten erst einmal gar nichts. Sie öffnet eins der Gitter, mit denen die Gräber gesichert sind. Das darf sie doch bestimmt nicht! Aber sie nimmt mich an die Hand und zieht mich vorsichtig auf ein paar unregelmäßigen Stufen abwärts. Dann beginnt plötzlich eine gemauerte Treppe und nach wenigen Schritten stehen wir auf einem Mosaikfußboden. Der Raum ist quadratisch. An drei Seiten stehen verwitterte Säulen, dazwischen Reste von Steinsarkophagen. Hinter den Säulen geht es in dunkle Räume. Es riecht sehr modrig. Rola nimmt auf einer der Treppenstufen Platz und zeigt auf den Platz neben sich. Ich setze mich zu ihr. „Von hier aus hat man einen guten Eindruck, wie das damals wohl war. Aus der Glanzzeit unserer phönizischen Geschichte, als Byblos, damals Gebal genannt, ein unabhängiger Stadtstaat war, stammen diese Grabanlagen. Unsere damaligen Könige wohnten nicht nur zu Lebzeiten in prächtigen Palästen, sondern wurden auch edel begraben, hier nämlich. Hinter diesen Säulen sind die Grabkammern. Und hier in diesem Innenhof, ein Stück unter der Erdoberfläche aber mit dem offenen Himmel darüber hat man zu den Königsfesten gefeiert.“ Sie schüttelt sich ein bisschen. „Stellen Sie sich nur vor, Sie wissen, da liegen ihre Toten und Sie packen Ihren Picknickkorb aus und lassen sich’s gut gehen.“ Und nach einer Pause: „Aber warum auch nicht? Wir Phönizier sind halt ein lebenslustiges Volk, voller Unternehmungsgeist und ohne Angst.“ Sie lacht. „Ihr Phönizier? Bezeichnet ihr euch denn wie dieses alte Volk auch heute noch?“ will ich wissen. Sie lacht noch mehr. „Na klar, nicht noch, sondern wieder. Um uns zu unterscheiden von den Arabern.“ Ich bin erstaunt. „Seid ihr denn keine Araber? Ihr sprecht doch arabisch.“ Sie schüttelt so energisch den Kopf, dass ihr die Locken um die Ohren wehen. „Nein, nein. Wir Phönizier leben am Meer. Unsere Vorfahren haben das ganze Mittelmeer befahren und rund herum an den Küsten Städte gegründet und Handel getrieben. Die Araber kamen aus der Wüste. Sie mögen kein Wasser. Araber ist heute zu einem Synonym für Muslime geworden. Weil ihr heiliges Buch, der Qur’an auf Arabisch geschrieben ist. Wir anderen nennen uns Phönizier, um an unsere alte Geschichte und Kultur anzuknüpfen. Gehen Sie mal ins Nationalmuseum in Beirut, da finden sie unsere Geschichte gut dargestellt. Dort steht auch der Steinsarg unseres berühmtesten Königs, Ahiram I. der hier in den Königsgräbern gefunden wurde. Er lebte 1000 Jahre v. Christus und auf seinem Sarg hat man die älteste phönizische Inschrift entdeckt. Die Phönizier haben nämlich das Buchstabenalphabet erfunden. Davor konnte man nur ganze Silben schreiben. Das war umständlich.“

Sie nickt dazu mit dem Kopf und schaut dann auf die Uhr. „Oh, ich muss los“, ruft sie, während sie schon aufspringt. „Ich habe eine Probe mit meiner Band. Auf Wiedersehen“. Weg ist sie.

Wie still es hier unten ist. Die Geräusche des modernen Byblos dringen nicht bis hierher, unter die Erde, zu den Toten. Hier spürt man noch etwas von dem alten Gebal…

2. Geschichte - 960 v. Christus